Monatliches Archiv für Juli, 2009

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Dieter Bohlen über Musikkopien im Internet — Vordenker der Piratenpartei

Ich bitte um Auf­merk­sam­keit für ein etwas älte­res Fund­stück, auf das ich über Twit­ter gesto­ßen bin. Am 2007-​11-​01 war Die­ter Boh­len zu Gast bei Johan­nes B. Ker­ner. Nun mag man über beide Gesprächs­part­ner den­ken, was man will, aber war der Die­ter da gesagt hat, das ist schon bemerkenswert:

Ker­ner: Mit Plat­ten kann man kein Geld mehr verdienen.

Boh­len: Richtig.

Ker­ner: Nur noch auf Tournee.

Boh­len: Rich­tig. […] Mit Plat­ten kann man heute kein Geld mehr ver­die­nen. […] Des­halb gehen die jetzt alle auf Tour­nee weil das Tour­nee­ge­schäft läuft ganz toll und alle Leute down­loa­den das — die Musik.

Ker­ner: Aber das kos­tet ja auch was.

Boh­len: Ja, aber da zahlt ja kein Mensch was für. Ich finde diese ganze Dis­kus­sion — diese jun­gen Men­schen in die Nähe von Straf­bar­keit zu rücken, ja, das die da was Ver­bo­te­nes machen, finde ich abso­lu­ten Schwach­sinn — weil, erst­mal gibt die Indus­trie denen die Mög­lich­keit, das zu machen — schafft die Hard­ware, ver­dient da mit dran — sagt denen: „Hier sind die Pro­gramme, könnt ihr’s down­loa­den”. Ist zu dir denn oder zu mir denn damals einer gekom­men und hat gesagt, wir dür­fen am Radio nicht mehr sit­zen und diese Sachen auf­neh­men? […] Wir haben doch frü­her alle vor unse­ren Radios geses­sen und haben da die Hit­pa­ra­den auf­ge­nom­men. Was machen die denn jetzt ande­res? Gar nix! […] Ich hab’ ja damals auch nichts gesagt, wenn die Leute sich das aus dem Radio abko­piert haben. Du kannst doch den Leu­ten nicht irgend­wie sagen: „Hier ist ein Ham­mer, aber jetzt hau den Nagel nicht in die Wand, du!”

Ker­ner: Also du wür­dest sagen: Musik im Netz freigeben?

Boh­len: Ach, klar. Machen doch auch viele schon. Meine Sachen… wenn man da auch die rich­ti­gen Plätze geht, dann kann man das auch alles down­loa­den. (lacht)

Ker­ner: Ich habe das so von einem Künst­ler noch nicht gehört. Es gibt ja sogar große Ver­ei­ni­gun­gen, die sich zusam­men­schlie­ßen, ganz viele Künst­ler, die sagen, wir müs­sen unser geis­ti­ges Eigen­tum schützen.

Boh­len: Ist doch Quatsch. Die Zeit ist jetzt hier ange­kom­men, die haben den jun­gen Leu­ten das gege­ben, und die soll­ten die jetzt nicht irgend­wie in ‚ne kri­mi­nelle Ecke rücken.

Ker­ner: Das heißt der Künst­ler soll ein­fach seine Musik machen, die soll down­ge­loa­det wer­den, dann hören’s viele und dann geht er eben auf Tour­nee und wenn die Leute sich das live anhö­ren wol­len, dann kos­tet ‚ne Karte 45 Euro und dann holt er sich das Geld da ab.

Boh­len: Ja, so wird’s sein in der Zukunft.

Und wer die­sen Dia­log nicht glaubt:

An die­ser Stelle hat sich Die­ter Boh­len den Titel „Vor­den­ker der Pira­ten­par­tei” red­lich ver­dient. Aus dem Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei, Kapi­tel „Imma­te­ri­al­gü­ter­rechte”:

Anstatt den alten Geschäfts­mo­del­len nach­zu­trau­ern und sie mit unzu­mut­ba­ren Ein­grif­fen in die Pri­vat­sphäre der Bür­ger künst­lich am Leben zu erhal­ten zu wol­len, for­dern die PIRATEN dazu auf, neue Geschäfts­mo­delle zu ent­wi­ckeln. Diese Geschäfts­mo­delle sol­len den Urhe­bern der digi­ta­len Kul­tur­ge­sell­schaft ermög­li­chen, auf markt­wirt­schaft­li­che Art und Weise Erlöse aus der Ver­wer­tung ihrer Werke oder deren Umfeld zu erzie­len, wenn sie dies anstreben.

Über­holte Ver­mitt­ler­funk­tio­nen von Rech­te­ver­wer­tern, die in der Ver­gan­gen­heit z.B. in der Unter­hal­tungs­mu­sik­in­dus­trie zu hohen Ren­di­ten geführt haben, sind größ­ten­teils nicht mehr zeit­ge­mäß und wer­den in die­sem Umfang kei­nen Bestand haben. Die Aus­schal­tung von Zwi­schen­händ­lern ermög­licht es, dass den Künst­lern vom Erlös ihrer Werke ein grö­ße­rer Teil ver­bleibt und direk­ter zufließt. Außer­dem wird damit das Spek­trum der Kul­tur­szene deut­lich erweitert.

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal so sagen würde: Haste gut erkannt, Dieter.

Übri­gens hat Die­ter seit neus­tem sogar ein Blog, das „Boh­len­blog”. Ich musste schmun­zeln, als ich das sah: Ja, in etwa mit die­sem Design hatte ich auch mal angefangen…

Wahlprogramm der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2009 als PDF-​Dokument

Das Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei zur Bun­des­tags­wahl 2009 fin­det sich, wie alle wich­ti­gen Doku­mente, im Partei-​Wiki. Es gibt aller­dings von vie­len Sei­ten den Wunsch nach einer aus­druck­ba­ren PDF-​Version mit einem Mini­mum an For­ma­tie­rung und — nunja — wenigs­tens ein biss­chen hübsch.

Des­halb gibt es hier jetzt ein PDF-​Dokument, das den Text aus dem Wiki in einer anspre­chend les­ba­ren Form darstellt:

Wahlprogramm der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2009

Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei zur Bun­des­tags­wahl 2009

Ich hoffe, damit der Ver­brei­tung unse­res Pro­gram­mes Vor­schub zu leisten.

Nach­trag: Mitt­ler­weile ist hier eine über­ar­bei­tete Ver­sion ver­linkt, die neben noch­mal wesent­lich ver­bes­ser­tem Design (Danke, Ger­rit van Aaken) auch die ele­men­ta­ren Komma– und Recht­schreib­feh­ler behebt. Meine ursprüng­li­che Ver­sion gibt es auch noch. Und für die gilt wei­ter­hin: Ich habe aus­schließ­lich For­ma­tie­rungs­än­de­run­gen vor­ge­nom­men, die Über­schrifts­for­ma­tie­run­gen in das OpenOffice-​Dokument über­tra­gen und die Sei­ten sowie das Deck­blatt designt. Sämt­li­cher Text ent­spricht zu 100% dem Text im Wiki, inklu­sive even­tu­el­ler Recht­schreib– oder Zeichensetzungsfehler.

Letzte Meldung: Stoppschild 2.0 gesichtet

Ver­kehrs­zei­chen im deut­schen Inter­net grei­fen immer mehr um sich! Nach den ver­fas­sungs­wid­ri­gen und unwirk­sa­men Vor­schlä­gen von Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin von der Leyen über „Stopp­schil­der” gegen Kin­der­por­no­gra­fie gibt es jetzt einen neuen Vor­schlag aus Indien, wie das deut­sche Inter­net noch Kin­der- äääh — Inder-​freundlicher gemacht wer­den kann:

Deutsches Internet: Endlich einfach zu bedienen durch Schilder, die jeder versteht

Deut­sches Inter­net: End­lich ein­fach zu bedie­nen durch Schil­der, die jeder versteht

Wie geht die Kam­pa­gne „Inter­net gegen Inder- äääh — Rin­der­por­nos” wei­ter? Ich bleibe am Ball…

Mein Walkman und was ich 1994 für Musik gehört habe

Ich muss noch­mal auf diese Geschichte von neu­lich zurück­kom­men. Ich habe mal ein biss­chen gestö­bert und mei­nen eige­nen Walk­man aus­ge­gra­ben: „Sony WM-​EX50” hieß das Gerät:

Walkman Sony WM-EX50

Walk­man Sony WM-​EX50

Wie auf dem Foto zu sehen ist, sind alle Bedien­ele­mente da, die so ein Gerät brauchte:

  • Kopf­hör­er­buchse mit „Mega Bass”-Schalter (noch ganz authen­tisch in Posi­tion „Mid”
  • Bat­te­rie­an­zeige
  • Laut­stär­ke­reg­ler als ana­lo­ges Drehrad
  • Hebel­chen zum Öffnen des Kassettenfachs
  • Play­taste, bei der aller­dings die Tas­ten­kappe abge­gan­gen ist
  • Stop­taste zum Anhalten
  • Tas­ten zur Vor­wärts– und Rückwärtsspulen
  • Rich­tungs­wech­sel — das Gerät konnte beide Sei­ten der Kas­sette abspie­len ohne dass man sie umdre­hen musste
  • Modus­schal­ter: Soll die Kas­sette nur ein­mal kom­plett durch­ge­spielt und dann ange­hal­ten wer­den oder ist End­los­be­trieb gewünscht
  • Strom­an­schluss für ein 1,5V-Netzteil (nicht mitgeliefert)

Unten ist dann noch das Bat­te­rie­fach (1 * 1,5V-Mignonzelle) sowie der Dol­by­schal­ter und die Bandsor­ten­wahl. Dolby war, die Älte­ren unter uns wer­den sich erin­nern, ein Ver­fah­ren zur Rausch­re­duk­tion. Mein Walk­man konnte nur Dolby B, was aber egal war, weil mein Kas­set­ten­deck auch nur mit Dolby B aus­ge­stat­tet war.

Sony WM-EX50 und Kassette

Sony WM-​EX50 und Kassette

In dem Walk­man war auch noch eine Musik­kas­sette. Wie damals üblich war es eine Leer­kas­sette, die ich selbst bespielt und mit einem Auf­kle­ber ver­se­hen hatte. „Walk­man ’94″ steht da, was mich ver­mu­ten lässt, dass ich wohl doch schon wesent­lich eher als ich bis­her gedacht hatte mit der Benut­zung die­ses Geräts auf­ge­hört habe. 90 Minu­ten Musik pass­ten da drauf, auf jede Seite 45 Minu­ten. Wie man sieht, ist die Grund­flä­che des Walk­man tat­säch­lich nicht wesent­lich grö­ßer als die der Kassette.

Innenleben des Sony WM-EX50

Innen­le­ben des Sony WM-​EX50

Im Inne­ren des Geräts ist die Mecha­nik zu erken­nen, die für die Wie­der­gabe zustän­dig ist. Hin­ten in der Mitte ist der Ton­kopf, der die Band­ma­gne­ti­sie­rung erfasst und links und rechts davon die Mecha­nik, die das Band straff hält, wenn es von der Spin­del bewegt wird. Da der Walk­man „Auto Reverse”-fähig ist, ist der kom­plette Antrieb sym­me­trisch aufgebaut.

Man beachte den vie­len „freien Platz”, der für die Kas­sette benö­tigt wird. Heute passt die Dut­zend­fa­che Musik­menge auf Spei­cher­kar­ten von der Größe eines Fingernagels…

Musikkassette "Walkman '94"

Die Kas­sette lag jetzt etwa 15 Jahre im Walk­man. Links ist zu erken­nen, dass eine der Andruck­rol­len das Band beschä­digt hat. Trotz­dem ließ sich die Kas­sette noch abspie­len. In einem Anfall von inves­ti­ga­ti­vem Jour­na­lis­mus habe ich mir Gerät und Kas­sette vor­ge­nom­men und gna­den­los abge­hört, mit was für Musik ich mir 1994 die Zeit ver­trie­ben habe. Die Ergeb­nisse sind, ein für inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus nicht unüb­li­ches Fazit, scho­ckie­rend. Und sie sind kein Einzelfall:

  • Seite A
  • B.G. the Prince of Rap — Color of my dreams
  • Cul­ture Beat — Anything (Album Mix)
  • Irgend­ein gru­se­li­ger Eurodance-​Trash, in dem im Refrain „Do what you want but don’t for­get the Omen” vor­kommt
  • Noch­mal Euro­dance. Die berüch­tigte Midi-​Standardpanflöte und was mit „Riding on the train of love
  • Jam & Spoon — Right in the night
  • Maxx — Run-​A-​Way — „I’m a white rag­ga­man with a rag­ga­man style-​y
  • Yous­sou N’Dour & Neneh Cherry — 7 seconds
  • I got to give it up, I got to get away” — Wie Recht sie haben — Euro­dance mit „Rap­per” und Sängerin…
  • Ice MC — It’s a rainy day — „Bad times in life is like a tele­phone, you never know when it’s have a ring.
  • Dance 2 Trance — Power of Ame­ri­can Natives
  • U96 — Inside your dreams (Fade out)
  • Seite B
  • Magic Affair — Give me all your love — „Love is the same as hate if you’re not care­ful
  • Ace of Base — Don’t turn around
  • Maxx — No more — Hurra, Rag­ga­man is back
  • Enigma — Return to innocence
  • Inter­mis­sion and Lori Glori — Six days — Ach du lie­bes biss­chen, wie schräg ist das denn? Das ist nicht meine Kassette!
  • Ganz übler Eurodance-​Trash, der „Rap”-Part beginnt mit „Bumm digi digi digi bumm digi bamm
  • Blur — Girls & Boys
  • Cul­ture Beat — Rocket to the moon
  • U96 — Inside your dreams
  • 2 Unli­mited — The real thing
  • US3 — Can­ta­loop
  • Per­ple­xer — Acid Folk (Fade out)

Was für eine gedie­gene Mischung! Bei etli­chen Stü­cken habe ich Titel und/​oder „Inter­pret” nur durch Google-​Recherche raus­fin­den kön­nen und bei den schlimms­ten Aus­wüch­sen ging nicht mal das, weil ich in dem „Lied” irgend­wie nichts gefun­den habe, nach­dem ich hätte suchen kön­nen… Naja, ver­bu­chen wir’s unter „Jugendsünde”.

Und nun noch für die Jün­ge­ren: In den 1990er Jah­ren fand die Musik­in­dus­trie sol­che Kas­set­ten­ko­pien ganz toll. Da gab es Fern­seh­spots, in denen die Qua­li­tät von Leer­kas­set­ten mit Sprü­chen wie „Ver­dammt nah an der CD” bewor­ben wur­den. Da waren Pri­vat­ko­pie, Musik­tausch und Mixtapes keine Straf­ta­ten, son­dern wich­ti­ger Teil des kul­tu­rel­len Aus­tauschs. Die Per­ver­tie­rung des Urhe­ber­rechts in eine Verwertungsindustrie-​Schutzmaschine kam erst nach 2000. Erin­nert euch dran, wenn mal wie­der von den seit Ewig­kei­ten ver­brief­ten Rech­ten an der Ver­wer­tung gefa­selt wird…

Zwei tolle Videos: Samy Deluxe — Stumm und Piratenpartei Wahlwerbung

Zur all­ge­mei­nen Erbau­ung hier zwei Links auf Youtube-​Videos:

1. Musik­vi­deo „Stumm” von Samy Deluxe: Neben dem durch­aus hörens­wer­ten kri­ti­schen Text ist vor allem das Video ein Augen­schmaus. Es ist im von mir höchst ver­ehr­ten Miniatur-​Wunderland in Ham­burg ent­stan­den und ein Groß­teil der Sze­nen zeigt die dor­tige Modell­land­schaft mit einer am Com­pu­ter ein­mon­tier­ten „leben­den Modell­fi­gur”. Detail am Rande: Der Schluss­zoom im Video beginnt an der rea­len Posi­tion des Miniatur-​Wunderland-​Ausgangs in der Ham­bur­ger Spei­cher­stadt. Sowas nenne ich dann Liebe zum Detail. Ins­ge­samt: Sehr, sehr sehenswert!

2. Wahl­wer­be­spot der Pira­ten­par­tei: Naja, ein mög­li­cher Wahl­wer­be­spot der Pira­ten­par­tei, die Abstim­mung läuft ja noch. Da sage noch einer, die Pira­ten­par­tei bestünde nur aus sau­er­töp­fi­schen Para­noi­kern und welt­frem­den Nerds. Bunte For­men­spra­che, klare Aus­sa­gen und For­de­run­gen, dazu eine ein­gän­gige Musik­un­ter­ma­lung — was will man mehr. So sollte ein Wahl­wer­be­spot aussehen.

Wat dem een sin von der Leyen is dem annern sin Supernanny

Die — noch — größte unter den Klein­par­teien (nein, nicht die Pira­ten) hat sich was Neues aus­ge­dacht: Katha­rina Saal­frank, bekannt als RTL-​„Supernanny”, soll den Wahl­kampf ankur­beln. Nicht nur der Spie­gel mut­maßt, dass diese Aktion auch ein Gegen­ge­wicht zur Zen­sur­sula aus der Rent­ner­par­tei ist.

Hm. Supernanny? Ursula von der Leyen? Da war doch mal was… Genau: Die geniale Switch-​Mannschaft sich hat schon 2007 auf Pro7 aus­ge­malt, wie ein Zusam­men­tref­fen von CDU-​Uschi und SPD-​Katia wohl ablau­fen könnte:

Ausschnitt aus "Switch": Supernanny bei Ursula von der Leyen

Das kann man ja jetzt irgend­wie fast schon als pro­phe­tisch bezeich­nen. Meine Lieb­lings­text­stelle und einer der All-​Time-​Switch-​Favourites ist ja: „Was, sie haben nur vier Kin­der? (Pause) Mögen Sie keine Kin­der?:-)

Wer sich’s mal selbst anschauen möchte: Es gibt noch wei­tere Ver­an­stal­tun­gen mit Frau Saal­frank im Juli. Und wer weiß, viel­leicht wird ihr Ein­fluss ja auch noch grö­ßer. Den Frank-​Walter, den könnte man dann mal in die Stille Ecke schi­cken. Und für Peer eine Wut­höhle bauen.

Nach­trag: Meine letzte Idee hat­ten auch andere.

Neues aus dem Postfach: Flaschenpost in Niedersachsen

Mitt­ler­weile ist es etwas ruhi­ger im Post­fach der nie­der­säch­si­schen Pira­ten gewor­den, aber noch immer schla­gen so um die 20 Briefe täg­lich auf. Heute waren aller­dings zwei spe­zi­elle dar­un­ter: Flaschenpost:

Flaschenpost für die Piraten

Fla­schen­post für die Piraten

Das nenne ich mal stil­echt. ;-) Sowas beför­dert die Post übri­gens für 1,45 EUR und offen­sicht­lich ganz normal.

An die­ser Stelle auch noch­mal Danke an die vie­len, vie­len Ein­sen­der von Unter­stüt­zer­un­ter­schrif­ten. Wir haben weit mehr als die benö­tig­ten 2000 bekom­men. Momen­tan läuft noch der Beglau­bi­gungs­pro­zess über die Stadt­ver­wal­tun­gen — und dann geht’s zum Lan­des­wahl­lei­ter. Es kann eigent­lich nichts mehr schief gehen, damit wir am 27. Sep­tem­ber in Nie­der­sach­sen auf dem Stimm­zet­tel stehen!

Nach­trag, 2009-​07-​16: Mitt­ler­weile habe ich vom Vor­stand die Rück­mel­dung bekom­men, dass in bei­den Fla­schen Mit­glieds­an­träge waren. Wie gesagt: Stil­echt. ;-)

Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 2

Ges­tern habe ich meine Betrach­tun­gen über Sascha Raabe von der SPD aus dem Main-​Kinzig-​Kreis begon­nen. Heute nun die Fortsetzung.

Was bis­her geschah: Im Main-​Kinzig-​Kreis grün­det sich ein Kreis­ver­band der Pira­ten­par­tei. Die unglück­lich for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung dar­über ver­an­lasst den SPD-​Bundestagsabgeordneten und Wahl­kreis­in­ha­ber Dr. Sascha Raabe, eine noch wesent­lich unglück­li­cher for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung her­aus­zu­ge­ben. Diese macht zügig die Runde im Netz — mit Folgen.

3. Akt: Die Welt geht unter. Na gut, nicht die ganze. Aber über dem Main-​Kinzig-​Kreis zie­hen offen­sicht­lich tief­schwarze Wol­ken auf, tür­men sich vor allem über dem Wahl­kreis­büro Dr. Raabe und es blitzt und don­nert gewal­tig. Das ist jeden­falls der Ein­druck, der sich ergibt, wenn man ein wenig durchs Inter­net surft und sich die Reak­tio­nen auf Raabes Ergüsse anschaut. Es ist nahe­lie­gend, dass da sicher auch die eine oder andere Nach­frage bei Herrn Raabe selbst auf­ge­lau­fen ist. Ich hatte mir die Sache auch auf Wie­der­vor­lage gelegt, aber bis zum Mor­gen des 2009-​07-​10 noch nicht geschafft etwas zu schrei­ben, mir dann gedacht: „Ok, Thema durch,” und die Sache eigent­lich schon abge­hakt. Hier aber irrte ich…

4. Akt: Und jetzt wird’s inter­es­sant. Am 2009-​07-​10 ver­öf­fent­licht Sascha Raabe einen wei­te­ren Text auf sei­ner Home­page. Mit­samt sei­nes Anhangs ist er gut drei­mal so lang wie die vor­an­ge­gan­gene Pres­se­mit­tei­lung vom 2009-​07-​07 und inter­es­san­ter­weise ist er keine Presse-​, son­dern nur eine „nor­male” Erklä­rung. Er beginnt mit einem — na, ich möchte sagen — leicht ein­ge­schnapp­ten Tonfall:

Auf­grund der Viel­zahl von E-​Mails, die mich auf­grund mei­ner Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Juli (auf mei­ner Web­seite zu fin­den) zur Grün­dung des Kreis­ver­ban­des der Pira­ten­par­tei im Main-​Kinzig-​Kreis erreicht haben, beant­worte ich diese hier­mit in einer abschlie­ßen­den (!) Stel­lung­nahme meinerseits:

Einen Link auf die Ori­gi­nal­seite hätte sich bei dem Wort „Web­seite” ange­bo­ten, aber so weit wollte Sascha „ich benutze das Inter­net von Anfang an” Raabe dann doch nicht gehen…

Und sonst? Naja, nicht viel Neues:

Vor­ne­weg möchte ich sagen, dass ich nach wie vor zu mei­ner Zustim­mung zum Kinderpornographie-​Bekämpfungsgesetz und zu mei­ner Pres­se­mit­tei­lung stehe. […]

Mir wurde also wahr­heits­wid­rig unter­stellt, ich hätte für ein Gesetz zur Ein­füh­rung der gene­rel­len Zen­sur in Deutsch­land gestimmt! Unsere Tages­presse hat diese Mit­tei­lung der Pira­ten unkom­men­tiert über­nom­men, so dass ich zu einer Gegen­dar­stel­lung gezwun­gen war. […]

Genau um die Erschwe­rung des unge­hin­der­ten Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten geht es bei die­sem Gesetz und um nichts ande­res. Und ganz gewiss nicht um die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutschland. […]

Ich habe hin­ge­gen Respekt vor den­je­ni­gen […] die befürch­ten, dass dadurch ein Instru­men­ta­rium auf­ge­baut wird, das spä­ter für tat­säch­li­che Zen­sur von poli­ti­schen Inhal­ten genutzt wird. Ich nehme diese Sor­gen ernst, komme in mei­ner Abwä­gung aber zu dem Schluss, dass unser Rechts­staat stark genug ist, um dies zu verhindern. […]

Es ist gut, wenn wir wach­sam sind, damit wir nicht wie­der in die Zei­ten einer Dik­ta­tur zurück­fal­len wie im Drit­ten Reich. […] Und ganz gewiss wird das Spe­zi­al­ge­setz zur Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten im Inter­net nicht dazu füh­ren. Im Inter­esse der Ernst­haf­tig­keit des The­mas soll­ten wir die Dis­kus­sion mal wie­der run­ter fah­ren, also, die „Kir­che im Dorf lassen“.

Auch hier wie­der Stan­dard­flos­keln, „Löschen vor Sper­ren”, die Aus­lands­ser­ver und und und. Sogar das Dritte Reich bemüht Dr. Raabe, übli­cher­weise ja das Tot­schlag­ar­gu­ment schlecht­hin. Ange­sichts des Trei­bens von Frau Zypries, Herrn Schäu­ble, Frau von der Leyen, des Euro­pa­rats und vie­ler ande­rer, die sich bereits in Posi­tion brin­gen, frage ich mich: Wie blau­äu­gig und naiv ist Herr Raabe eigent­lich, dass er von „Respekt vor Argu­men­ten” und „Abwä­gung” erzählt und sich ganz doll sicher ist, dass der Rechts­staat es schon rich­ten wird. Da ist maxi­mal der Wunsch Vater des Gedan­kens. Wenn Mei­nungs­frei­heit und das freie Inter­net erst­mal weg­zen­siert sind, dann hat sich auch das mit dem Rechts­staat erle­digt — in den Augen der Zen­sur­be­für­wor­ter stört der sowieso nur.

Auf die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von Geset­zes­in­halt und –ver­ab­schie­dungs­weg geht Herr Raabe nicht ein. Statt­des­sen drischt er lie­ber auf die unge­schick­ten For­mu­lie­run­gen in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten ein:

Ich habe ganz gezielt auf eine Pres­se­mit­tei­lung des Kreis­ver­ban­des Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei rea­giert, in der als „aus­schlag­ge­ben­der Grund“ zur Bil­dung des Kreis­ver­ban­des die Tat­sa­che genannt wird, dass ich im Bun­des­tag für ein Gesetz gestimmt hätte, bei dem es „um nichts ande­res als die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land gehe“. […]

Kein Wort in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten, dass es sich bei dem Gesetz aus­schließ­lich um eine Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten handelt. […]

Wenn mir Men­schen aus allen Tei­len Deutsch­lands auf eine Pres­se­mit­tei­lung mit loka­len Bezug ant­wor­ten ohne über­haupt die Ursprungs­pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Piratenverbandes zu ken­nen, Teile aus dem Zusam­men­hang rei­ßen und in allen mög­li­chen Foren zer­le­gen und kom­men­tie­ren, dann frage ich mich schon, um was es bei der Aus­ein­an­der­set­zung bei eini­gen wirk­lich geht.

Ganz ein­fach: Es geht bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Ein­füh­rung einer Zen­surin­fra­struk­tur in Deutsch­land, die unter dem ver­lo­ge­nen Deck­man­tel der Bekämp­fung von „Kin­der­por­no­gra­fie” durch­ge­setzt wer­den soll und der Sie mit Ihrer Miss­brauchs­rhe­to­rik genauso Steig­bü­gel­hal­ter sind wie die Herr­schaf­ten Schäu­ble oder von der Leyen. Und was den Bezug zur Piraten-​Pressemitteilung betrifft: Das haben Sie selbst mit ver­bockt, Herr Raabe. Das hät­ten Sie näm­lich durch­aus deut­lich erwäh­nen kön­nen und dabei vor allem auf die All­ge­mein­plätze zu den vor­geb­li­chen For­de­run­gen der Pira­ten­par­tei ins­ge­samt ver­zich­ten sol­len. Haben Sie aber nicht. Und ansons­ten soll­ten Sie sich doch eigent­lich freuen, dass Ihre Pres­se­mit­tei­lung, die ja durch­aus an die Öffent­lich­keit gerich­tet ist, in der Öffent­lich­keit so einen Wie­der­hall findet.

Ganz am Anfang der Erklä­rung vom 2009-​07-​10 fin­det sich fol­gen­der Satz:

Ich habe nie behaup­tet, dass die Pira­ten­par­tei Kin­der­por­no­gra­phie an sich befürwortet.

Na, danke aber auch, dass Sie das jetzt noch­mal mei­nen, beto­nen zu müs­sen. Aber wie war das doch gleich am 2009-​07-​07?

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [immer noch sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben können.

Schon beacht­lich, dass Sie hier die eine halt­lose Unter­stel­lung mit dem Wider­ruf einer noch wesent­lich unver­schäm­te­ren Unter­stel­lung rück­gän­gig machen wol­len. Auf Ihrem Niveau könnte ich jetzt fra­gen, ob das die übli­che SPD-​Rhetorik in einer poli­ti­schen Dis­kus­sion ist.

Frag’ ich aber nicht.

Statt­des­sen zitiere ich lie­ber einige letzte Stel­len aus dem Text vom 2009-​07-​10:

Wenn mir in einem Tele­fo­nat ein füh­ren­des Mit­glied der Pira­ten­par­tei sagt, dass er seit „sei­nem neun­ten Lebens­jahr im Netz lebe“ und sich heute wünschte, er könnte „48 Stun­den am Tag im Inter­net leben, aber lei­der müsse er zwi­schen­durch essen und arbei­ten“, dann wird mir Angst und Bange.

Soso, Angst und Bange. Um Men­schen in der „Inter­net­welt” im All­ge­mei­nen und „füh­rende Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei” im Beson­de­ren. Ich bin erschüt­tert. Viel­leicht schreib’ ich auch mal auf, was mir „füh­rende Mit­glie­der der SPD” so am Tele­fon erzäh­len, aber bis dahin mache ich mir eigent­lich wesent­lich mehr Sor­gen um Herrn Raabe, der fröh­lich und mit Verve ver­fas­sung­wid­rige Gesetze mit aus­wen­dig gelern­ten Argu­men­tenBehaup­tun­gen schön­re­det und sich ansons­ten mit dem Thema nicht wei­ter aus­ein­an­der­set­zen will:

Den vie­len Schrei­bern, die diese Stel­lung­nahme nun wie­der aus dem Zusam­men­hang rei­ßen wer­den, in epi­scher Breite und in lan­gen Näch­ten kom­men­tie­ren, mich und mein Büro mit unzäh­li­gen E-​Mails beschimp­fen und belei­di­gen wer­den, gebe ich den gut gemein­ten Rat:

„Get a real life and get help!“

Das ist ja mal eine schöne Ein­stel­lung. Liest sich für mich wie: Lasst mich in Ruhe und sucht euch ‚nen Arzt. Ist das jetzt Frust? Oder Ärger? Oder Unver­ständ­nis? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall führt es dann zu sol­chen emo­ti­ons­ge­la­de­nen Beschwer­den über rüden Umgangs­ton, wie sie im Schrei­ben vom 2009-​07-​10 zu fin­den sind und wie ich sie ganz am Anfang von Teil 1 mei­ner klei­nen Geschichte zitiert habe. Eigent­lich ist das für alle Sei­ten nicht ziel­füh­rend. Und die Zen­sur­fe­ti­schis­ten lachen sich der­weil ins Fäustchen.

Schluss: An die­ser Stelle endet die Geschichte von Dr. Sascha Raabe und sei­ner Sorge um die Pira­ten­par­tei. Es ist keine schöne Geschichte. Hier sind mei­nes Erach­tens Uner­fah­ren­heit und Unwis­sen­heit in schlech­test­mög­li­cher Form auf­ein­an­der­ge­trof­fen. So sollte poli­ti­scher Dis­kurs eigent­lich nicht ablau­fen. Lei­der sehe ich aber nicht, dass Dr. Raabe in irgend­ei­ner Weise die vie­len, vie­len sehr gut begrün­de­ten Argu­mente gegen den Netz­sper­ren­wahn­sinn in aus­rei­chen­der Weise reflek­tiert. Und auf die Phra­sendre­schma­schine rea­gie­ren mitt­ler­weile sehr viele Men­schen in der „Internet-​Community” aus­ge­spro­chen all­er­gisch. Wir haben ein­mal zu oft die Erfah­rung machen müs­sen, dass sich dahin­ter letzt­lich doch nur des­in­ter­es­sierte Igno­ranz ver­birgt. Und das akzep­tie­ren wir nicht mehr, dafür sind uns die Grund­werte unse­rer Gesell­schaft zu wichtig!

Walkman vs. iPod — Kids von heute testen Technik von gestern

Seien wir ehr­lich: Ich werde alt. :-( Anfang der 1970er Jahre gebo­ren, war es für mich gera­dezu eine tech­ni­sche Offen­ba­rung, als ich irgend­wann so Mitte der 1980er Jahre mit einem trag­ba­ren Kas­set­ten­ab­spie­ler meine eigene Musik immer und über­all hören konnte. Ich glaube, ich hatte drei Gene­ra­tio­nen von die­sen Gerä­ten. Sie wur­den immer bil­li­ger, brauch­ten immer weni­ger Strom und wur­den immer klei­ner. Mein letz­tes Gerät, ich müsste direkt mal danach suchen, war nur noch ein biss­chen grö­ßer als die Kas­sette. Ich habe die Geräte noch bis in die spä­ten 1990er Jahre benutzt. 1999 habe ich mir einen trag­ba­ren CD-​Spieler gekauft (hat nicht lange gehal­ten) und 2002 den ers­ten MP3-​Spieler. Heute über­nimmt das Abspie­len von Musik unter­wegs mein Handy und die Spei­cher­karte fasst zehn Stun­den Musik auf der Größe mei­nes Fingernagels.

Wie lang diese Zeit mitt­ler­weile her ist, wurde mir klar, als ich jetzt den Bericht von Scott Camp­bell gele­sen habe. Scott ist 13 und hat für eine Woche sei­nen den 30 Jahre alten Walk­man sei­nes Vaters „getes­tet”. Also, ihn statt sei­nes iPod zum täg­li­chen Musik­hö­ren genutzt. Und wenn ich sei­nen Arti­kel „Giving up my iPod for a Walk­man” lese, merke ich, wie alt ich mitt­ler­weile eigent­lich bin…

Deut­sche Über­set­zung von mir

Mein Vater hatte mir erzählt, dass das Gerät groß sei, aber ich ahnte nicht WIE groß. Das war die Größe eines klei­nen Buches. […]

Im Schul­bus gab es gro­ßes Geläch­ter. Ein Junge sagte: „Kei­ner benutzt sowas heute noch.” […]

Meine Freunde konn­ten sich nicht vor­stel­len, dass ihre Eltern so ein mons­trö­ses Gerät benutzt hat­ten, aber sie hat­ten schon Inter­esse daran, was das für ein Ding war und wie es funk­tio­nierte. In eini­gen Schul­stun­den hörte ich Musik und ein Leh­rer erkannte das Gerät wie­der und wurde nostalgisch.

Ich brauchte drei Tage um her­aus­zu­fin­den, dass die Kas­set­ten zwei Sei­ten haben. Aber das war nicht mein ein­zi­ger nai­ver Irr­tum. Ich hatte den „Metal/Normal”-Schalter am Walk­man zunächst für einen Genre-​spezifischen Equa­li­zer gehal­ten. Spä­ter bekam ich dann raus, dass damit eigent­lich zwi­schen der Wie­der­gabe ver­schie­de­ner Kas­set­ten­ty­pen umge­schal­tet wurde.

Eine andere Funk­tion, die der iPod hat und die dem Walk­man fehlt, ist die Zufalls­wie­der­gabe. […] Ich bin dann auf die Idee gekom­men, die Funk­tion über die Spul­tas­ten zu simu­lie­ren. […] Die War­nun­gen mei­nes Vater zu die­sem Vor­ge­hen rie­fen mir die Unter­schiede zwi­schen heu­ti­gen Musik­ab­spie­lern, die ohne beweg­li­che Teile aus­kom­men, und der mecha­ni­schen Wie­der­gabe der alten Geräte ins Gedächt­nis: „Walk­mans essen Kas­set­ten auf.”

In die­ser Woche, in der ich den Walk­man benutzt habe, wurde mir klar, wie wenig ich über diese Tech­nik aus der Ver­gan­gen­heit weiß. Ich machte eine Reihe von nai­ven Feh­lern, aber ich habe auch viel gelernt über die­sen Groß­va­ter der MP3-​Spieler. […]

Per­sön­lich bin ich schon froh, dass ich im digi­ta­len Zeit­al­ter lebe. Mit mehr Aus­wahl, mehr Funk­tio­nen und klei­ne­ren Gerä­ten. Ich bin erleich­tert, dass der Groß­teil des tech­ni­schen Fort­schritts schon vor mei­ner Geburt pas­siert ist, ich kann mir näm­lich nicht vor­stel­len, ohne solch grund­le­gende Aus­stat­tung durch den Tag zu kommen.

Wie gesagt, da schwanke ich zwi­schen Nost­al­gie und Erschre­cken dar­über, wie­viel seit mei­ner eige­nen Jugend tech­nisch und ander­wei­tig pas­siert ist. Den gan­zen Text gibt’s, wie geschrie­ben, auf BBC News — aller­dings auf Englisch.

Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 1

Wir begin­nen die Woche mit einem Poli­ti­ker, der zumin­dest mir bis­lang eher unbe­kannt war. Dr. Sascha Raabe, Mit­glied der SPD und des Bun­des­ta­ges, kommt aus dem Frank­fur­ter Raum. Wit­zi­ger­weise hat er übri­gens genau am sel­ben Tag Geburts­tag wie ich, bloß vier Jahre früher.

Auf Sascha Raabes Web­seite fin­den sich seit drei Tagen State­ments wie dieses:

Die Mehr­heit der Zuschrif­ten hatte hin­ge­gen lei­der ein belei­di­gen­des und aggres­si­ves Niveau und ist keine per­sön­li­che Ant­wort wert.

Oder die­ses:

Bitte haben Sie Ver­ständ­nis, dass ich keine E-​Mails oder Briefe zu die­sem Thema mehr beant­worte. Dafür waren die Erfah­run­gen der Belei­di­gun­gen, Beschimp­fun­gen und Aggres­sio­nen zu hef­tig und wir müs­sen uns auch noch um andere Dinge kümmern.

Oder das hier:

Die lei­der über­wie­gend aggres­si­ven und teils häss­li­chen Reak­tio­nen auf meine Pres­se­mit­tei­lung zei­gen mir, dass sich einige Schrei­ber in einer vir­tu­el­len Par­al­lel­welt ver­lo­ren haben. Dies macht mir in der Tat Sorge.

Da frage ich mich: Was ist denn da pas­siert? Ver­su­chen wir mal eine chro­no­lo­gi­sche Aufarbeitung:

1. Akt: Am 2009-​06-​30 grün­det sich der Kreis­ver­band Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei. Am 2009-​07-​02 gibt er eine Pres­se­mit­tei­lung her­aus, in der unter ande­rem steht:

Aus­schlag­ge­bend für die Ernen­nung eines eige­nen Kan­di­da­ten war die Tat­sa­che, dass Sascha Raabe (SPD), der der­zei­tige Wahl­kreis­in­ha­ber, kürz­lich im Bun­des­tag für die Ein­füh­rung der umstrit­te­nen „Stopp-​Schilder” gestimmt hatte, mit denen künf­tig angeb­lich gegen ille­gale Inhalte im Inter­net vor­ge­gan­gen wer­den soll. Von Sasche Raabe sei man hier „sehr ent­täuscht” gewesen.

Nach Auf­fas­sung der Pira­ten­par­tei han­delt es sich bei dem Stopp-​Schild Gesetz um nichts ande­res als die „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land”. Ille­gale Web­sites müsse man aber „Löschen statt Sper­ren”, so jeden­falls das Motto einer von der Pira­ten­par­tei gestar­te­ten Kam­pa­gne. Der freie Zugang zu Infor­ma­tio­nen ist eines der Kern­the­men der Partei.

Dazu von mir zunächst mal: Hm. Liebe Main-​Kinzig-​Piraten, das soll­tet ihr noch­mal üben. Sascha Raabe hat für ein Gesetz gestimmt, das nach Mei­nung der Pira­ten­par­tei — und nicht nur ihr — sowohl ver­fas­sungs­wid­rig ist als auch auf ver­fas­sungs­wid­rige Weise zustande kommt. Zusätz­lich, aber wirk­lich erst zusätz­lich, erfüllt das „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” sei­nen vor­geb­li­chen Zweck der Zugangs­ver­hin­de­rung auf „Kin­der­por­no­gra­fie” nicht, son­dern führt statt­des­sen eine all­ge­meine Zen­surin­fra­struk­tur im deut­schen Inter­net ein. Diverse deut­sche Poli­ti­ker von CDU, CSU und von der Ver­rä­ter­par­teiSPD behaup­ten hier trotz der Viel­zahl kor­ri­gie­ren­der Stim­men ande­res. Auch der Herr Raabe übri­gens, wie wir gleich sehen wer­den. Diese Zusam­men­hänge wer­den nicht klar, das Gesetz wird nicht benannt, die Zen­sur­be­haup­tung wird nicht belegt. So wie ihr das da geschrie­ben habt, ist das — mit Verlaub — Quark.

2. Akt: Auch Sascha Raabe hat die Pres­se­mit­tei­lung irgend­wie nicht gefal­len. Fünf Tage spä­ter, am 2009-​07-​07, ver­fasst er auch eine Pres­se­mit­tei­lung, die wohl so eine Art Replik auf die Kin­zig­pi­ra­ten sein soll. Pro­blem Num­mer Eins: Die­ser Zusam­men­hang wird nicht klar. Dass hier die Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis eine Rolle spielt, steht ganz, ganz am Rande in einem Halb­satz im drei­zei­li­gen „Teaser”-Absatz am Anfang des Tex­tes, den nicht nur wegen des Schrift­sat­zes viele Leser schlicht igno­riert haben dürf­ten (und ich gehöre auch dazu).

Pro­blem Zwei von Herrn Raabes Pres­se­mit­tei­lung ist aller­dings gra­vie­ren­der: Der Inhalt. Unter der Überschrift

Abso­lu­tes Unver­ständ­nis — Raabe wun­dert sich über Ansich­ten der Piratenpartei

bekommt der geneigte Leser dann eine geballte Ladung Zen­surZugangserschwernisgesetz-​Prosa auf die Ohren, dass es nur so klin­gelt. Einige Auszüge:

Ich kann nicht ver­ste­hen, wie bei einem so erns­ten Thema wie Kin­der­por­no­gra­phie die Leid­tra­gen­den völ­lig außer Acht gelas­sen wer­den. Das sind die vie­len Jun­gen und Mäd­chen welt­weit, denen täg­lich gro­ßes Leid wider­fährt. Es geht nicht um Zen­sur, son­dern um die Ver­bre­chen an Kin­dern und Jugendlichen. […]

Jetzt aber haben wir als SPD-​Bundestagsfraktion viele ent­schei­dende Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Das Gesetz berück­sich­tigt, so wie es ver­ab­schie­det wurde, sowohl die Beden­ken der vie­len Internet-​Nutzer und erschwert zugleich den Zugang zu Inter­net­sei­ten mit kin­der­por­no­gra­phi­schem Inhalt. […]

Das Inter­net ist kein rechts­freier Raum. […]

Wir müs­sen auf allen Ebe­nen gegen den Miss­brauch von Kin­dern vor­ge­hen. Die Inter­net­sperre ist nur ein klei­ner Bau­stein, aber selbst wenn dadurch kein Miss­brauch nach­träg­lich ver­hin­dert wer­den kann, wird das Per­sön­lich­keits­recht des Opfers geschützt und es wird nicht mehr jah­re­lang im Inter­net unge­hin­dert zur Schau gestellt.

So weit, so schlecht. Vor allem den letz­ten Absatz finde ich bemer­kens­wert: Hier wird gar nicht mehr mit dem „Schutz” oder der „Ver­hin­de­rung von Miss­brauch” argu­men­tiert, son­dern mit dem „Per­sön­lich­keits­recht des Opfers”. Als wenn nicht eines der Haupt­ar­gu­mente gegen die Netz­sper­ren wäre, dass sie den Zugriff eben nicht ver­hin­dern und das Mate­rial eben nicht aus dem Inter­net ver­schwin­det. Argh! Wo sind die Anträge auf Merkbefreiung?!?

Aber egal. Raabe hat näm­lich auch ein paar andere Aus­sa­gen in sei­ner Pres­se­mit­tei­lung drin. Die lesen sich so:

Über­haupt finde ich es anma­ßend, wenn die Pira­ten­par­tei sich als Ver­tre­ter der gesam­ten Internet-​Community aufspielt. […]

Ich erwarte aber auch, dass die Pira­ten­par­tei das jetzt aus­schließ­lich gegen Kin­der­por­no­gra­phie gerich­tete Gesetz nicht wahr­heits­wid­rig als „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land” bezeichnet.

So rich­tig mit der Mate­rie beschäf­tigt kann der gute Herr Raabe sich nicht haben. Die „Internet-​Community” kann sich ganz prima selbst arti­ku­lie­ren, da bracht es die Pira­ten­par­tei nicht. Und was die Zen­sur betrifft, da ist nichts Wahr­heits­wid­ri­ges dran, fra­gen Sie doch mal Ihre Koali­ti­ons– oder Par­tei­kol­le­gen

Vor allem aber gibt es in Raabes Pres­se­mit­tei­lung diese Textstelle:

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben kön­nen, nur weil diese vom Aus­land aus ange­bo­ten wer­den. Mei­nungs– und Infor­ma­ti­ons­frei­heit bedeu­tet nicht, dass es ein Grund­recht auf unge­hin­der­ten Zugang zu Kin­der­por­no­gra­phie im Inter­net gibt.

Uiuiui, Herr Raabe. Was haben Sie sich dabei bloß gedacht? Ich würde sagen: Nicht viel. Wo bit­te­schön hat die Pira­ten­par­tei sowas jemals gefor­dert? Selbst in der unglück­lich for­mu­lier­ten Pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Kreisverbandes finde ich davon nichts. Ich habe mal der Ein­fach­heit hal­ber nur eine Aus­sage von Ver­tre­tern der Pira­ten­par­tei raus­ge­sucht und ich bitte die Leser um Ent­schul­di­gung, dass ich mich selbst zitiere:

Dirk Hill­brecht, [damals] Bun­des­vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei, erläu­tert das vom Gesetz miss­ach­tete Demonstrations-​Motto „Löschen statt sper­ren — Stoppt die Internet-​Zensur!”: „Wir ver­lan­gen wirk­same Maß­nah­men gegen Kin­der­por­no­gra­phie und das heißt: Die Inhalte müs­sen aus dem Netz ver­schwin­den und nicht hin­ter Stopp­schil­dern ver­steckt werden.

Herr Raabe, mal ehr­lich, wür­den Sie das eine For­de­rung nach „unge­hin­der­tem Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net” nen­nen? Ich nicht, und ich glaube, das liegt nicht nur daran, dass ich es gesagt habe. Und mal ange­nom­men, man würde Ihnen sol­che Aus­sa­gen unter­stel­len, wie fän­den Sie das? Wit­zig? Egal? Ner­vig? Ich sage Ihnen was: Ich glaube, Sie wür­den das genauso sehen wie ich: Sol­che Behaup­tun­gen sind eine Frech­heit und boden­lose Unverschämtheit!

Die Raabe-​Pressemitteilung hat sich dann zügig durch die Twit­ter– und Blo­go­sphäre ver­brei­tet. Dabei ist in den Kom­men­ta­ren der Zusam­men­hang mit der Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis zunächst mal völ­lig unter den Tisch gefal­len. Statt­des­sen war da ein SPD-​Politiker, der weit­ge­hend fak­ten­be­freit das Zen­sur­ge­setz mit den übli­chen Pla­ti­tü­den ver­tei­digt und über die Pira­ten­par­tei her­zieht. Das konnte ja nicht gutgehen.

Und wer denkt, damit sei die Geschichte zu Ende, der sollte nicht die Fort­set­zung der Sascha-​Raabe-​Story ver­pas­sen. Mor­gen in die­sem Theater!