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Telekom und Netzzensur — Was interessieren da Gesetze?

Aus aktu­el­lem Anlass muss der dritte Teil mei­ner Betrach­tun­gen zur Ber­li­ner U-​Bahnlinie U55 bis mor­gen warten.

Heise Online mel­det, dass diverse Pro­vi­der wei­ter­hin an der Umset­zung von Netz­sper­ren arbei­ten. Nament­lich erwähnt wird die Telekom:

„Wir arbei­ten mit Hoch­druck an der Umset­zung”, erklärte ein Spre­cher der Deut­schen Tele­kom gegen­über heise online. […] Die Tele­kom habe sich […] gegen­über dem Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) ver­trag­lich zum Sper­ren ver­pflich­tet und werde daran festhalten.

Auch Kabel Deutsch­land sieht sich „auf Kurs”:

Trotz­dem will auch Kabel Deutsch­land an der Abspra­che mit der Poli­zei­be­hörde fest­hal­ten, wie eine Spre­che­rin auf Anfrage mit­teilte: „Für Kabel Deutsch­land und ihre Mit­ar­bei­ter ist die Ächtung und Bekämp­fung von Kin­der­por­no­gra­phie auch eine mora­li­sche und gesell­schafts­po­li­ti­sche Verpflichtung.”

Das ist schon arm, dass der Laden selbst jetzt, nach­dem die Argu­mente gegen die Kin­der­por­no­kam­pa­gne der Fami­li­en­mi­nis­te­rin seit Mona­ten bekannt sind, immer noch mit die­sem men­schen– und ins­be­son­dere kin­der­ver­ach­ten­den Argu­ment­pla­cebo ankommt.

Man kann es dre­hen und wen­den wie man will: Die Inter­net­zen­sur­pläne der ver­gan­ge­nen Regie­rung sind einer zutiefst anti­de­mo­kra­ti­schen und anti­frei­heit­li­chen Grund­hal­tung geschul­det. Sie wur­den mit unlau­te­ren Argu­men­ten vor­an­ge­trie­ben und gegen den Wil­len der infor­mier­ten Öffent­lich­keit ver­ab­schie­det. Sie hän­gen seit Mona­ten in der Schwebe und ste­hen auf der Abschuss­liste bei den anste­hen­den aktu­el­len Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ganz oben — so hoffe ich jeden­falls. Andern­falls wer­den sich wei­tere rechts­staat­li­che Instan­zen dem per­fi­den Trei­ben anneh­men und es beenden.

Die Tele­kom und Kabel Deutsch­land rei­ten ein totes Pferd. Aber sie rei­ten es mit einer Verve, die wei­ter­hin besorg­nis­er­re­gend für unsere freiheitlich-​demokratische Ver­fas­sung ist. Man sollte sie bei­zei­ten daran erinnern…

Karpfenschleuder erklärt die Internetzensur (mit Video!)

Statt Mor­gen­lek­türe: Ein wei­te­res schö­nes Youtube-​Video von Karp­fen­schleu­der erklärt anhand von Kor­dula und dem Schnüffle, wie man das mit Inter­net­zen­sur funk­tio­niert. Sehens­wert, vor allem für die­je­ni­gen, die immer noch nichts dar­über wissen!

Rette deine Freiheit

Ich weiß, dass das eigent­lich ein alter Hut ist. Jeden­falls in Inter­net­maß­stä­ben. Aber ich habe das Video ges­tern abend auf dem Pira­ten­par­tei–Stamm­tisch hier in Han­no­ver das erste Mal gese­hen, und ich fand das so klasse, so unglaub­lich gut gemacht, dass ich es hier ein­fach ver­lin­ken muss. „Rette deine Frei­heit” ist ein Pro­jekt, das den gan­zen Wahn­sinn um das Inter­net­zen­sur­ge­setz, die ver­lo­gene Kinderpornografie-​Argumentation und die Fol­gen auf­ar­bei­tet. Kern­stück ist ein fünf­mi­nü­ti­ges Video:

Ret​te​Dei​n​e​Frei​heit​.de ist ein wun­der­vol­les und erschre­cken­des Video zugleich. Wun­der­voll, weil es den gan­zen Wahn­sinn, der hin­ter dem Trei­ben von Ursula von der Leyen und ihren Spieß­kum­pa­nen in einer zwin­gen­den Bil­der­spra­che und mit einem höchst intel­li­gen­ten und auch noch sehr poin­tiert gespro­che­nen Kom­men­tar dar­stellt. Und erschre­ckend, weil es die vie­len Unwahr­hei­ten, Lügen, fal­schen Behaup­tun­gen und gera­dezu irre anmu­ten­den Schluss­fol­ge­run­gen so ver­dich­tet wie­der­gibt. Der ganze Kom­men­tar ist von fei­ner Iro­nie durch­zo­gen, sodass man mehr­mals schmun­zeln oder lachen möchte. Aber das Lachen bleibt einem im Halse ste­cken, weil das ganze halt eben keine Iro­nie, son­dern bit­te­rer bit­te­rer Ernst ist. Die zum Video gehö­rende Web­seite stellt die Hin­ter­gründe noch­mal aus­führ­li­cher dar und zeigt auch, aus wel­chem Poli­ti­ker­mund man­che im Video ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen stammen.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe beim Anschauen sol­cher Web­sei­ten und sol­cher Videos gera­dezu phy­si­sche Schmer­zen. Das Han­deln der betei­lig­ten Poli­ti­ker ist so ver­ächt­lich, so schäd­lich und so uner­träg­lich. Aber es ist mei­nes Erach­tens emi­nent wich­tig, diese Infor­ma­tio­nen wei­ter zu tra­gen. Sowohl das Video als auch die erläu­ternde Web­seite. Gerade jetzt vor der Bun­des­tags­wahl, wo es immer noch Leute gibt, die vom sinis­tren Regie­rungs­trei­ben keine Ahnung haben oder nicht wis­sen, wel­che Alter­na­ti­ven es gibt. Also: Spread the word!

Schmutz im Internet: Warum Ursula von der Leyen den Rechtsstaat falsch versteht

Neues von der Fami­li­en­mi­nis­te­rin. Dem Ham­bur­ger Abend­blatt hat sie ein Inter­view gege­ben und dan­kens­wer­ter­weise wird es dort unter dem Titel „Kampf gegen Schmutz im Inter­net wird ver­schärft” im Wort­laut abge­druckt. Ich beschränke mich mal auf einen ein­zi­gen Auszug:

Doch wir wer­den wei­ter Dis­kus­sio­nen füh­ren, wie wir Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und Men­schen­würde im Inter­net im rich­ti­gen Maß erhal­ten. Sonst droht das groß­ar­tige Inter­net ein rechts­freier Cha­os­raum zu wer­den, in dem man hem­mungs­los mob­ben, belei­di­gen und betrü­gen kann.

Wer auch immer an die gebets­müh­len­ar­tige Beschwö­rungs­for­mel „Netz­sper­ren nur gegen Kin­der­por­no­gra­fie” geglaubt hat — ver­gesst es! Frau von der Leyen berei­tet hier die Öffnung des ganz gro­ßen Fas­ses vor. Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und Men­schen­würde „im rich­ti­gen Maß erhal­ten”. Allein das Welt­bild, das aus die­sem Satz spricht, ist Furcht ein­flö­ßend. Grund­rechte gel­ten in Deutsch­land im und außer­halb des Inter­nets in glei­chem Maße — uni­ver­sell und unver­brüch­lich. Die wohl­de­fi­nier­ten Ein­schrän­kun­gen gel­ten eben­falls all­ge­mein. Frau von der Ley­ens Gerede vom „rich­ti­gen Maß” für die Grund­rechte im Inter­net ist nicht weni­ger als die Abschaf­fung der freiheitlich-​demokratischen Gesell­schaft. Wenn wir erst­mal so weit sind, dass es Mei­nungs­frei­heit nur noch „im rich­ti­gen Maß” gibt, dann sind wir gleich­auf mit China oder dem Iran. Da darf man seine Mei­nung auch frei äußern — solange es die rich­tige ist.

Juris­tisch ver­sier­ter hat das Udo Vet­ter im Law­blog aus­ein­an­der­ge­pflückt. Sein Arti­kel „Die Mei­nungs­frei­heit als Son­der­müll” lässt kein gutes Haar an Ursula von der Ley­ens Ausführungen:

[Frau von der Leyen] nennt kri­mi­nel­les Han­deln, wel­ches bereits heute unter Strafe steht und ver­folgt wird. Dann bringt sie die Men­schen­würde ins Spiel und pos­tu­liert einen Hand­lungs­auf­trag des Staa­tes, der weit über die Ver­hü­tung und Ver­fol­gung von Straf­ta­ten hin­aus­geht. Eine zug­kräf­tige, gleich­wohl aber bil­lige Argu­men­ta­tion […]. Wenn man aber nur noch eine Mei­nungs­frei­heit zulas­sen will, die geschmack­lose, unbe­queme und für ein­zelne schmerz­hafte Inhalte nicht umfasst, sollte man fai­rer­weise nicht mehr von Mei­nungs­frei­heit spre­chen. Von Demo­kra­tie viel­leicht auch nicht mehr.

Ich bin auch noch auf einen älte­ren Arti­kel gesto­ßen, der Ursula von der Ley­ens gedank­li­ches Umfeld ein wenig beleuch­tet. Die „World Socia­list Web Site” ist zwar sicher­lich kein Hort neu­tra­len Jour­na­lis­mus (viel­mehr dürfte es sich dabei, wenn ich den Wiki­pe­diaar­ti­kel rich­tig ver­stehe, um ein K-​Gruppensprachrohr han­deln), aber der zweite Teil eines bereits 2006 erschie­nen Arti­kels über Ursula von der Leyen und das Eltern­geld las­sen auf­hor­chen. Unter dem Titel „Soziale Umver­tei­lung auf brau­ner Hefe” heißt es da:

„Die Volks­herr­schaft”, schnaubt Albrecht, [ehe­ma­li­ger Minis­ter­prä­si­dent von Nie­der­sach­sen und Vater von Ursula von der Leyen, in sei­nem 1976 erschie­nen Buch „Der Staat — Idee und Wirk­lich­keit, Grund­züge einer Staats­phi­lo­so­phie”,] „vor allem die unmit­tel­bare, ist wesens­mä­ßig so gear­tet, dass die Ent­schei­dung nicht durch die Ein­sicht der Ein­sich­ti­gen, son­dern durch das durch­schnitt­li­che Maß an Ein­sicht bestimmt wird, das der Mehr­heit eig­net.” Sowieso sei „der Mas­sen­mensch ohne rechte Seins­mitte”, meinte der spä­tere Minis­ter­prä­si­dent erkannt zu haben. „Er erscheint des­halb blass, farb­los, ja im geis­ti­gen Sinne gestaltlos.” […]

Albrechts Toch­ter Ursula, damals [im Jahr 1990 als Albrecht in Nie­der­sach­sen abge­wählt wurde] 31 Jahre alt, emp­fand die Abwahl ihres Vaters durch das Wahl­volk als einen üblen Affront der Straße. „Schwei­ne­rei, so nicht, dach­ten wir Kin­der und sind in die CDU ein­ge­tre­ten”, sagte sie ein­mal der Presse. Ihr Vater sei ihr heute „ein wun­der­ba­rer Rat­ge­ber”. Beide ver­eine eine gemein­same Grund­über­zeu­gung, die geprägt sei von einem christ­li­chen Men­schen– und tra­di­tio­nel­lem Fami­li­en­bild, von ehren­amt­li­chem Enga­ge­ment und der Hal­tung, dass jeder sei­nes Glü­ckes Schmied sei und der Staat nicht alles regeln kann und soll. (Tages­zei­tung, 3. März 2003)

Ursula von der Ley­ens Ein­las­sun­gen zum Thema Inter­net sind und blei­ben von einem fun­da­men­ta­len Unver­ständ­nis geprägt. Dies ver­mischt sich aber zuneh­mend mit so einer Art Heils­brin­ger­tum, zu dem sie sich beru­fen zu füh­len scheint. Ins­ge­samt eine beun­ru­hi­gende Mischung und ein Grund mehr, dafür zu sor­gen, dass diese Frau nach dem 27. Sep­tem­ber kei­nen Minis­ter­pos­ten mehr hat. Das ist bes­ser für sie, ihre Fami­lie — und für Deutschland.

Unerträgliche Leichtigkeit: Matthias Güldner versteht den Rechtsstaat falsch

Ich muss mal wie­der eine Poli­ti­ke­r­äu­ße­rung in die­sem schö­nen Blog auf­grei­fen. Dies­mal vom Vor­sit­zen­den der Frak­tion der Grü­nen in der Bür­ger­schaft in Bre­men, Mat­thias Güld­ner. Herr Güld­ner äußerte sich am gest­ri­gen Sonn­tag in der Welt zum Thema Inter­net­sper­ren. Inter­es­sant ist dabei die Ein­stel­lung, die er zur poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung all­ge­mein an den Tag legt:

Es geht [bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Inter­net­sper­ren] viel­mehr knall hart [sic!] um Defi­ni­ti­ons­macht in Zei­ten der Vir­tua­li­sie­rung der Welt. Ihre Anhän­ger kämp­fen mit hoch effek­ti­ven Mit­teln für die Rechts­frei­heit ihres Raumes.

Eine fal­sche Behaup­tung und eine üble Unter­stel­lung. Bei der gan­zen Netz­sper­ren­dis­kus­sion geht es nicht um „Defi­ni­ti­ons­macht”. Es geht um die Frei­heit des Ein­zel­nen und die ver­fas­sungs­wid­rige Ein­füh­rung staat­li­cher Zen­sur, zumal noch im Gehei­men und unüber­prüf­bar. Dann wäre das Inter­net näm­lich der viel­be­schwo­rene „rechts­freie Raum”, in dem der Staat ohne Rück­sicht auf die demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung Infor­ma­tio­nen belie­big unter­drü­cken und Mei­nungs­kon­trolle betrei­ben kann. Herr Güld­ner hat offen­sicht­lich über­haupt nicht ver­stan­den, wie Kom­mu­ni­ka­tion heute funk­tio­niert und mit welch ein­fa­chen Mit­teln sie sich aus­he­beln lässt.

Wer sich in ihre Schein­welt ein­mi­schen will, wird mit Mas­sen­pe­ti­tio­nen per Maus­klick weggebissen.

Aha. Das hält der Herr Güld­ner also von demo­kra­ti­scher Mei­nungs­äu­ße­rung und Mit­be­stim­mung. Ein erschre­cken­des Welt­bild. Aller­dings passt dazu, dass er hier geheime Sperr­lis­ten befür­wor­tet und auch ansons­ten mehr­mals in sei­nem Text die Grenze zur wüs­ten Pole­mik deut­lich überschreitet.

Wer Ego-​Shooter für Unter­hal­tung, Face­book für rea­les Leben, wer Twit­ter für reale Poli­tik hält, scheint davon aus­zu­ge­hen, dass Gewalt keine Opfer in der Real­welt for­dert. Anders kann die igno­rante Argu­men­ta­tion gegen die Inter­net­sper­ren gar nicht erklärt werden.

Igno­rant ist hier höchs­tens die­ser Ver­such einer Argu­men­ta­tion. Jeder ein­zelne Absatz auf der Web­seite des AK Zen­sur ist fun­dier­ter als ein kom­plet­ter Vor­trag jedes ein­zel­nen Netz­sper­ren­be­für­wor­ters. Neben der Frei­heit der Kom­mu­ni­ka­tion ist ein zen­tra­les Anlie­gen der Netz­sper­ren­geg­ner der Opfer­schutz. Die gera­dezu kin­des­miss­brauch­be­schüt­zen­den Aus­wir­kun­gen des Zen­sur­ge­set­zes sind ja einer der Haupt­kri­tik­punkte der­je­ni­gen, die Ahnung von der Mate­rie haben.

Auch wird behaup­tet, das Gesetz nütze nichts gegen Kin­der­por­no­gra­phie. Jeder weiß, dass es kein All­heil­mit­tel ist. Aber in Skan­di­na­vien wur­den schon posi­tive Erfah­run­gen mit ver­gleich­ba­ren Geset­zen gemacht.

Genau! In Finn­land ist zum Bei­spiel schon 2008 sehr posi­tiv auf­ge­fal­len, dass etwa 99% der Inhalte der Sperr­lis­ten nichts mit Kin­der­por­no­gra­fie zu tun hat­ten (eng­lisch­spra­chige Ori­gi­nal­quelle). Das klingt nach einem her­vor­ra­gen­den Mecha­nis­mus. Anschlie­ßend haben übri­gens 12.000 begeis­terte Fin­nen eine von die­sen bösen Mas­sen­pe­ti­tio­nen unter­schrie­ben, die den Rück­tritt der Minis­te­rin forderten.

Ich habe mich an die­ser Stelle gefragt, warum Mat­thias Güld­ner die­sen und ande­ren — mit Ver­laub — Quatsch schreibt. Die Ant­wort lie­fert der letzte Absatz sei­nes Pamphlets:

Teile der Grü­nen – fas­zi­niert von den Mög­lich­kei­ten der vir­tu­el­len Mobi­li­sie­rung und hin­ge­ris­sen von ihrem eige­nen Get­wit­ter – erken­nen, dass unsere Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen eine hohe Affi­ni­tät zu Men­schen­rechts­fra­gen haben, erst recht wenn Kin­der die Opfer sind. Unser Umfeld kommt zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil aus den erzie­hen­den Beru­fen, ist selbst Mut­ter oder Vater. Die Inter­net­sper­ren haben Umfra­gen zu Folge bei ihnen eine hohe Popularität.

Güld­ner rich­tet sich nach innen. Zu sei­nen Mit­grü­nen. Weil so viele Mamis und Papis das zen­sierte Inter­net toll fin­den, müs­sen die Grü­nen auch dafür sein. Bloß denen nicht erklä­ren, warum die Netz­sper­ren kein biss­chen hel­fen und dass ihre — weit­ge­hend irra­tio­nale — Angst um die eige­nen Kin­der hier skru­pel­los selbst miss­braucht wird. Zum Glück dürf­ten auch die meis­ten Anhän­ger der Grü­nen nicht so unin­for­miert sein für wie Herr Güld­ner sie hier hal­ten will.

Der poli­ti­sche Makel, mehr auf den Trend gesetzt zu haben als auf die Bekämp­fung rea­ler Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, würde dage­gen lange haf­ten bleiben.

Wenn der „Trend” hier „will­kür­li­che staat­li­che Zen­sur und ver­fas­sung­wid­rige Gesetze” und die „Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen” das „Recht auf freie Infor­ma­tion und Mei­nungs­äu­ße­rung” sind, dann stimmt der Satz sogar. Er war aber anders gemeint. Und das finde ich erschreckend.

Das sind also die Grü­nen 2009. Oppor­tu­nis­tisch, obrig­keits­staat­lich, ohne Ahnung. Viel­leicht ver­tritt Herr Güld­ner hier nur eine Ein­zel­mei­nung und das beängs­ti­gende Bild wird in den nächs­ten Tagen von der Bun­des­ebene oder ande­ren Grü­nen wie­der gerade gerückt. Viel­leicht ist das aber auch der erste Test­bal­lon, wie weit man die Basis zu CDU-​Positionen tra­gen kann. Ursula, Wolf­gang und Angela wer­den es inter­es­siert zur Kennt­nis nehmen.

Und euch hab’ ich mal gewählt! Was bin ich froh, dass es auf dem Wahl­zet­tel eine Alter­na­tive gibt.

Bei der CDU ist Kindesmissbrauch momentan nicht strafbar, oder wie?

Aus einem Flug­blatt zum Regie­rungs­pro­gramm der CDU:

Es darf nichts unver­sucht blei­ben, ins­be­son­dere unsere Kin­der mit allen recht­staat­lich [sic!] zuläs­si­gen Mög­lich­kei­ten zu schüt­zen. Wir wol­len den Kin­des­miss­brauch grund­sätz­lich wie­der als Ver­bre­chen bestrafen.

Man halte ein­fach nur §1631 BGB, §225 StBG oder §177 StGB dage­gen um klar zu erken­nen, dass die impli­zite Aus­sage, Kin­des­miss­brauch würde momen­tan grund­sätz­lich nicht als Ver­bre­chen bestraft, hane­bü­che­ner Blöd­sinn ist. Es blei­ben eigent­lich nur drei Mög­lich­kei­ten, die­sen Aus­zug zu deuten:

  1. Die CDU möchte bei Kin­des­miss­hand­lun­gen den Grund­satz „Hilfe statt Strafe” abschaf­fen, der staat­li­chen Stel­len eini­gen Ermes­sens­spiel­raum bei der Ver­fol­gung von Kin­des­miss­hand­lun­gen, vor allem im fami­liä­ren Bereich, gibt. Das würde zwar zu der obrig­keits­staat­li­chen Atti­tüde unse­rer Fami­li­en­mi­nis­te­rin pas­sen, wäre aber mal wie­der ein Schritt weg von den gesell­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten der letz­ten 40 Jahre.
  2. Es geht nicht wirk­lich um Kin­der­schutz. Die CDU hat bloß mal wie­der ein paar mar­kige Worte fal­len las­sen wol­len. Und wenn dabei der Rechts­staat in Frage steht, kommt der Ver­weis auf „irgend­was mit Kin­dern” immer beson­ders gut. Das würde auch erklä­ren, warum der krude Satz aus­ge­rech­net in einem Blatt über „Innere Sicher­heit” auftaucht.
  3. Auf dem Papier waren noch zu viel weiße Stel­len und der Prak­ti­kant hat ein­fach fröh­lich drauflosfabuliert.

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass der CDU Chan­cen ein­ge­räumt wer­den, nach der Wahl die größte Frak­tion zu stel­len, weiß ich nicht, wel­che die­ser drei Erklä­run­gen mich am meis­ten beunruhigt…

Zum Glück gibt’s am 27. Sep­tem­ber ja auch Alter­na­ti­ven: Pira­ten­par­tei wäh­len!

Der Dreck muss raus aus dem Netz: Brigitte Zypries versteht den Rechtsstaat falsch

Unsere Jus­tiz­mi­nis­te­rin wird heute in ver­schie­de­nen Zei­tun­gen mit dem schö­nen Spruch „Der Dreck muss raus aus dem Netz” zitiert. Zum Bei­spiel bei der Welt.

Hier wird Frau Zypries unter ande­rem zum Zen­sur­ge­setz und zur Pira­ten­par­tei befragt. Und es ist inter­es­sant, wie sie die Geschichte des Zugangs­er­schwer­nis­ge­set­zes umdeutet:

Anders als es die Pira­ten­par­tei glau­ben machen will, haben wir ja nicht mit dem Gesetz gegen die Ver­brei­tung von Kin­der­por­no­gra­fie den Teu­fel aus der Fla­sche gelas­sen. Deren Ver­tre­ter rea­li­sie­ren über­haupt nicht, dass ohne Gesetz die von Frau von der Leyen mit den Pro­vi­dern geschlos­se­nen Ver­träge zur Anwen­dung gekom­men wären — mit viel weni­ger rechts­staat­li­chen Siche­run­gen für die Internet-​User.

Das ist schon eini­ger­ma­ßen dreist. Wir erin­nern uns: Diese „Ver­träge” waren der erste Ver­such, die Inter­net­zen­sur in Deutsch­land ein­zu­füh­ren. Das hat halt bloß nicht so recht geklappt, weil viele Pro­vi­der aus einer Mischung von Angst vor Haf­tungs­ri­si­ken und Res­ten rechts­staat­li­chen Den­kens trotz allen Drän­gens nicht mit­zie­hen woll­ten. Dann erst begann der Eier­tanz um das Sperr­ge­setz. Und das ist dann gegen alle rechts­staat­li­chen Ein­wände in Rekord­zeit durch­ge­peitscht wor­den. Dabei war dann selbst der Weg der Ver­ab­schie­dung noch ver­fas­sungs­wid­rig.

Wenn man Frau Zypries For­mu­lie­rung übri­gens genau liest, dann bezeich­net selbst sie hier das „Gesetz gegen die Ver­brei­tung von Kinderpornografie” — das übri­gens nicht die­sen Namen trägt, son­dern viel schwam­mi­ger „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” heißt, aber das nur neben­bei, Frau Jus­tiz­mi­nis­te­rin — als „Teu­fel aus der Fla­sche”. Es ist aber auch wirk­lich schwer, ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges und unlo­gi­sches Gesetz auf kon­sis­tente Weise ver­ar­gu­men­tie­ren zu wollen.

Das übli­che Bashing der Zen­sur­geg­ner darf natür­lich auch nicht fehlen:

Viele Anhän­ger der Pira­ten wol­len auch keine Debatte füh­ren, son­dern sagen nur: Das ist übel, was ihr macht, wir reden nicht mehr mit euch. So funk­tio­niert Demo­kra­tie aber nicht.

Eine feine Dia­lek­tik: Erst Gesprä­che ver­wei­gern und Argu­men­ten nicht zuhö­ren und dann den Geg­nern vor­wer­fen, sie wür­den „keine Debatte füh­ren” wol­len.

Die schönste frei­heit­li­che Demo­kra­tie ver­kommt, wenn sich nie­mand an ihre Grund­sätze hält. Bei der deut­schen Regie­rung hat diese Dege­ne­ra­tion mitt­ler­weile ein besorg­nis­er­re­gen­des Niveau erreicht. Je län­ger ich das mit­be­komme, desto mehr denke ich: Wir brau­chen nicht die alten Poli­ti­ker mit mehr Ver­ste­hen. Wir brau­chen neue Poli­ti­ker. Des­halb: Am 27. Sep­tem­ber Pira­ten­par­tei wählen.

Letzte Meldung: Stoppschild 2.0 gesichtet

Ver­kehrs­zei­chen im deut­schen Inter­net grei­fen immer mehr um sich! Nach den ver­fas­sungs­wid­ri­gen und unwirk­sa­men Vor­schlä­gen von Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin von der Leyen über „Stopp­schil­der” gegen Kin­der­por­no­gra­fie gibt es jetzt einen neuen Vor­schlag aus Indien, wie das deut­sche Inter­net noch Kin­der- äääh — Inder-​freundlicher gemacht wer­den kann:

Deutsches Internet: Endlich einfach zu bedienen durch Schilder, die jeder versteht

Deut­sches Inter­net: End­lich ein­fach zu bedie­nen durch Schil­der, die jeder versteht

Wie geht die Kam­pa­gne „Inter­net gegen Inder- äääh — Rin­der­por­nos” wei­ter? Ich bleibe am Ball…

Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 2

Ges­tern habe ich meine Betrach­tun­gen über Sascha Raabe von der SPD aus dem Main-​Kinzig-​Kreis begon­nen. Heute nun die Fortsetzung.

Was bis­her geschah: Im Main-​Kinzig-​Kreis grün­det sich ein Kreis­ver­band der Pira­ten­par­tei. Die unglück­lich for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung dar­über ver­an­lasst den SPD-​Bundestagsabgeordneten und Wahl­kreis­in­ha­ber Dr. Sascha Raabe, eine noch wesent­lich unglück­li­cher for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung her­aus­zu­ge­ben. Diese macht zügig die Runde im Netz — mit Folgen.

3. Akt: Die Welt geht unter. Na gut, nicht die ganze. Aber über dem Main-​Kinzig-​Kreis zie­hen offen­sicht­lich tief­schwarze Wol­ken auf, tür­men sich vor allem über dem Wahl­kreis­büro Dr. Raabe und es blitzt und don­nert gewal­tig. Das ist jeden­falls der Ein­druck, der sich ergibt, wenn man ein wenig durchs Inter­net surft und sich die Reak­tio­nen auf Raabes Ergüsse anschaut. Es ist nahe­lie­gend, dass da sicher auch die eine oder andere Nach­frage bei Herrn Raabe selbst auf­ge­lau­fen ist. Ich hatte mir die Sache auch auf Wie­der­vor­lage gelegt, aber bis zum Mor­gen des 2009-​07-​10 noch nicht geschafft etwas zu schrei­ben, mir dann gedacht: „Ok, Thema durch,” und die Sache eigent­lich schon abge­hakt. Hier aber irrte ich…

4. Akt: Und jetzt wird’s inter­es­sant. Am 2009-​07-​10 ver­öf­fent­licht Sascha Raabe einen wei­te­ren Text auf sei­ner Home­page. Mit­samt sei­nes Anhangs ist er gut drei­mal so lang wie die vor­an­ge­gan­gene Pres­se­mit­tei­lung vom 2009-​07-​07 und inter­es­san­ter­weise ist er keine Presse-​, son­dern nur eine „nor­male” Erklä­rung. Er beginnt mit einem — na, ich möchte sagen — leicht ein­ge­schnapp­ten Tonfall:

Auf­grund der Viel­zahl von E-​Mails, die mich auf­grund mei­ner Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Juli (auf mei­ner Web­seite zu fin­den) zur Grün­dung des Kreis­ver­ban­des der Pira­ten­par­tei im Main-​Kinzig-​Kreis erreicht haben, beant­worte ich diese hier­mit in einer abschlie­ßen­den (!) Stel­lung­nahme meinerseits:

Einen Link auf die Ori­gi­nal­seite hätte sich bei dem Wort „Web­seite” ange­bo­ten, aber so weit wollte Sascha „ich benutze das Inter­net von Anfang an” Raabe dann doch nicht gehen…

Und sonst? Naja, nicht viel Neues:

Vor­ne­weg möchte ich sagen, dass ich nach wie vor zu mei­ner Zustim­mung zum Kinderpornographie-​Bekämpfungsgesetz und zu mei­ner Pres­se­mit­tei­lung stehe. […]

Mir wurde also wahr­heits­wid­rig unter­stellt, ich hätte für ein Gesetz zur Ein­füh­rung der gene­rel­len Zen­sur in Deutsch­land gestimmt! Unsere Tages­presse hat diese Mit­tei­lung der Pira­ten unkom­men­tiert über­nom­men, so dass ich zu einer Gegen­dar­stel­lung gezwun­gen war. […]

Genau um die Erschwe­rung des unge­hin­der­ten Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten geht es bei die­sem Gesetz und um nichts ande­res. Und ganz gewiss nicht um die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutschland. […]

Ich habe hin­ge­gen Respekt vor den­je­ni­gen […] die befürch­ten, dass dadurch ein Instru­men­ta­rium auf­ge­baut wird, das spä­ter für tat­säch­li­che Zen­sur von poli­ti­schen Inhal­ten genutzt wird. Ich nehme diese Sor­gen ernst, komme in mei­ner Abwä­gung aber zu dem Schluss, dass unser Rechts­staat stark genug ist, um dies zu verhindern. […]

Es ist gut, wenn wir wach­sam sind, damit wir nicht wie­der in die Zei­ten einer Dik­ta­tur zurück­fal­len wie im Drit­ten Reich. […] Und ganz gewiss wird das Spe­zi­al­ge­setz zur Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten im Inter­net nicht dazu füh­ren. Im Inter­esse der Ernst­haf­tig­keit des The­mas soll­ten wir die Dis­kus­sion mal wie­der run­ter fah­ren, also, die „Kir­che im Dorf lassen“.

Auch hier wie­der Stan­dard­flos­keln, „Löschen vor Sper­ren”, die Aus­lands­ser­ver und und und. Sogar das Dritte Reich bemüht Dr. Raabe, übli­cher­weise ja das Tot­schlag­ar­gu­ment schlecht­hin. Ange­sichts des Trei­bens von Frau Zypries, Herrn Schäu­ble, Frau von der Leyen, des Euro­pa­rats und vie­ler ande­rer, die sich bereits in Posi­tion brin­gen, frage ich mich: Wie blau­äu­gig und naiv ist Herr Raabe eigent­lich, dass er von „Respekt vor Argu­men­ten” und „Abwä­gung” erzählt und sich ganz doll sicher ist, dass der Rechts­staat es schon rich­ten wird. Da ist maxi­mal der Wunsch Vater des Gedan­kens. Wenn Mei­nungs­frei­heit und das freie Inter­net erst­mal weg­zen­siert sind, dann hat sich auch das mit dem Rechts­staat erle­digt — in den Augen der Zen­sur­be­für­wor­ter stört der sowieso nur.

Auf die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von Geset­zes­in­halt und –ver­ab­schie­dungs­weg geht Herr Raabe nicht ein. Statt­des­sen drischt er lie­ber auf die unge­schick­ten For­mu­lie­run­gen in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten ein:

Ich habe ganz gezielt auf eine Pres­se­mit­tei­lung des Kreis­ver­ban­des Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei rea­giert, in der als „aus­schlag­ge­ben­der Grund“ zur Bil­dung des Kreis­ver­ban­des die Tat­sa­che genannt wird, dass ich im Bun­des­tag für ein Gesetz gestimmt hätte, bei dem es „um nichts ande­res als die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land gehe“. […]

Kein Wort in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten, dass es sich bei dem Gesetz aus­schließ­lich um eine Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten handelt. […]

Wenn mir Men­schen aus allen Tei­len Deutsch­lands auf eine Pres­se­mit­tei­lung mit loka­len Bezug ant­wor­ten ohne über­haupt die Ursprungs­pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Piratenverbandes zu ken­nen, Teile aus dem Zusam­men­hang rei­ßen und in allen mög­li­chen Foren zer­le­gen und kom­men­tie­ren, dann frage ich mich schon, um was es bei der Aus­ein­an­der­set­zung bei eini­gen wirk­lich geht.

Ganz ein­fach: Es geht bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Ein­füh­rung einer Zen­surin­fra­struk­tur in Deutsch­land, die unter dem ver­lo­ge­nen Deck­man­tel der Bekämp­fung von „Kin­der­por­no­gra­fie” durch­ge­setzt wer­den soll und der Sie mit Ihrer Miss­brauchs­rhe­to­rik genauso Steig­bü­gel­hal­ter sind wie die Herr­schaf­ten Schäu­ble oder von der Leyen. Und was den Bezug zur Piraten-​Pressemitteilung betrifft: Das haben Sie selbst mit ver­bockt, Herr Raabe. Das hät­ten Sie näm­lich durch­aus deut­lich erwäh­nen kön­nen und dabei vor allem auf die All­ge­mein­plätze zu den vor­geb­li­chen For­de­run­gen der Pira­ten­par­tei ins­ge­samt ver­zich­ten sol­len. Haben Sie aber nicht. Und ansons­ten soll­ten Sie sich doch eigent­lich freuen, dass Ihre Pres­se­mit­tei­lung, die ja durch­aus an die Öffent­lich­keit gerich­tet ist, in der Öffent­lich­keit so einen Wie­der­hall findet.

Ganz am Anfang der Erklä­rung vom 2009-​07-​10 fin­det sich fol­gen­der Satz:

Ich habe nie behaup­tet, dass die Pira­ten­par­tei Kin­der­por­no­gra­phie an sich befürwortet.

Na, danke aber auch, dass Sie das jetzt noch­mal mei­nen, beto­nen zu müs­sen. Aber wie war das doch gleich am 2009-​07-​07?

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [immer noch sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben können.

Schon beacht­lich, dass Sie hier die eine halt­lose Unter­stel­lung mit dem Wider­ruf einer noch wesent­lich unver­schäm­te­ren Unter­stel­lung rück­gän­gig machen wol­len. Auf Ihrem Niveau könnte ich jetzt fra­gen, ob das die übli­che SPD-​Rhetorik in einer poli­ti­schen Dis­kus­sion ist.

Frag’ ich aber nicht.

Statt­des­sen zitiere ich lie­ber einige letzte Stel­len aus dem Text vom 2009-​07-​10:

Wenn mir in einem Tele­fo­nat ein füh­ren­des Mit­glied der Pira­ten­par­tei sagt, dass er seit „sei­nem neun­ten Lebens­jahr im Netz lebe“ und sich heute wünschte, er könnte „48 Stun­den am Tag im Inter­net leben, aber lei­der müsse er zwi­schen­durch essen und arbei­ten“, dann wird mir Angst und Bange.

Soso, Angst und Bange. Um Men­schen in der „Inter­net­welt” im All­ge­mei­nen und „füh­rende Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei” im Beson­de­ren. Ich bin erschüt­tert. Viel­leicht schreib’ ich auch mal auf, was mir „füh­rende Mit­glie­der der SPD” so am Tele­fon erzäh­len, aber bis dahin mache ich mir eigent­lich wesent­lich mehr Sor­gen um Herrn Raabe, der fröh­lich und mit Verve ver­fas­sung­wid­rige Gesetze mit aus­wen­dig gelern­ten Argu­men­tenBehaup­tun­gen schön­re­det und sich ansons­ten mit dem Thema nicht wei­ter aus­ein­an­der­set­zen will:

Den vie­len Schrei­bern, die diese Stel­lung­nahme nun wie­der aus dem Zusam­men­hang rei­ßen wer­den, in epi­scher Breite und in lan­gen Näch­ten kom­men­tie­ren, mich und mein Büro mit unzäh­li­gen E-​Mails beschimp­fen und belei­di­gen wer­den, gebe ich den gut gemein­ten Rat:

„Get a real life and get help!“

Das ist ja mal eine schöne Ein­stel­lung. Liest sich für mich wie: Lasst mich in Ruhe und sucht euch ‚nen Arzt. Ist das jetzt Frust? Oder Ärger? Oder Unver­ständ­nis? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall führt es dann zu sol­chen emo­ti­ons­ge­la­de­nen Beschwer­den über rüden Umgangs­ton, wie sie im Schrei­ben vom 2009-​07-​10 zu fin­den sind und wie ich sie ganz am Anfang von Teil 1 mei­ner klei­nen Geschichte zitiert habe. Eigent­lich ist das für alle Sei­ten nicht ziel­füh­rend. Und die Zen­sur­fe­ti­schis­ten lachen sich der­weil ins Fäustchen.

Schluss: An die­ser Stelle endet die Geschichte von Dr. Sascha Raabe und sei­ner Sorge um die Pira­ten­par­tei. Es ist keine schöne Geschichte. Hier sind mei­nes Erach­tens Uner­fah­ren­heit und Unwis­sen­heit in schlech­test­mög­li­cher Form auf­ein­an­der­ge­trof­fen. So sollte poli­ti­scher Dis­kurs eigent­lich nicht ablau­fen. Lei­der sehe ich aber nicht, dass Dr. Raabe in irgend­ei­ner Weise die vie­len, vie­len sehr gut begrün­de­ten Argu­mente gegen den Netz­sper­ren­wahn­sinn in aus­rei­chen­der Weise reflek­tiert. Und auf die Phra­sendre­schma­schine rea­gie­ren mitt­ler­weile sehr viele Men­schen in der „Internet-​Community” aus­ge­spro­chen all­er­gisch. Wir haben ein­mal zu oft die Erfah­rung machen müs­sen, dass sich dahin­ter letzt­lich doch nur des­in­ter­es­sierte Igno­ranz ver­birgt. Und das akzep­tie­ren wir nicht mehr, dafür sind uns die Grund­werte unse­rer Gesell­schaft zu wichtig!

Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 1

Wir begin­nen die Woche mit einem Poli­ti­ker, der zumin­dest mir bis­lang eher unbe­kannt war. Dr. Sascha Raabe, Mit­glied der SPD und des Bun­des­ta­ges, kommt aus dem Frank­fur­ter Raum. Wit­zi­ger­weise hat er übri­gens genau am sel­ben Tag Geburts­tag wie ich, bloß vier Jahre früher.

Auf Sascha Raabes Web­seite fin­den sich seit drei Tagen State­ments wie dieses:

Die Mehr­heit der Zuschrif­ten hatte hin­ge­gen lei­der ein belei­di­gen­des und aggres­si­ves Niveau und ist keine per­sön­li­che Ant­wort wert.

Oder die­ses:

Bitte haben Sie Ver­ständ­nis, dass ich keine E-​Mails oder Briefe zu die­sem Thema mehr beant­worte. Dafür waren die Erfah­run­gen der Belei­di­gun­gen, Beschimp­fun­gen und Aggres­sio­nen zu hef­tig und wir müs­sen uns auch noch um andere Dinge kümmern.

Oder das hier:

Die lei­der über­wie­gend aggres­si­ven und teils häss­li­chen Reak­tio­nen auf meine Pres­se­mit­tei­lung zei­gen mir, dass sich einige Schrei­ber in einer vir­tu­el­len Par­al­lel­welt ver­lo­ren haben. Dies macht mir in der Tat Sorge.

Da frage ich mich: Was ist denn da pas­siert? Ver­su­chen wir mal eine chro­no­lo­gi­sche Aufarbeitung:

1. Akt: Am 2009-​06-​30 grün­det sich der Kreis­ver­band Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei. Am 2009-​07-​02 gibt er eine Pres­se­mit­tei­lung her­aus, in der unter ande­rem steht:

Aus­schlag­ge­bend für die Ernen­nung eines eige­nen Kan­di­da­ten war die Tat­sa­che, dass Sascha Raabe (SPD), der der­zei­tige Wahl­kreis­in­ha­ber, kürz­lich im Bun­des­tag für die Ein­füh­rung der umstrit­te­nen „Stopp-​Schilder” gestimmt hatte, mit denen künf­tig angeb­lich gegen ille­gale Inhalte im Inter­net vor­ge­gan­gen wer­den soll. Von Sasche Raabe sei man hier „sehr ent­täuscht” gewesen.

Nach Auf­fas­sung der Pira­ten­par­tei han­delt es sich bei dem Stopp-​Schild Gesetz um nichts ande­res als die „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land”. Ille­gale Web­sites müsse man aber „Löschen statt Sper­ren”, so jeden­falls das Motto einer von der Pira­ten­par­tei gestar­te­ten Kam­pa­gne. Der freie Zugang zu Infor­ma­tio­nen ist eines der Kern­the­men der Partei.

Dazu von mir zunächst mal: Hm. Liebe Main-​Kinzig-​Piraten, das soll­tet ihr noch­mal üben. Sascha Raabe hat für ein Gesetz gestimmt, das nach Mei­nung der Pira­ten­par­tei — und nicht nur ihr — sowohl ver­fas­sungs­wid­rig ist als auch auf ver­fas­sungs­wid­rige Weise zustande kommt. Zusätz­lich, aber wirk­lich erst zusätz­lich, erfüllt das „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” sei­nen vor­geb­li­chen Zweck der Zugangs­ver­hin­de­rung auf „Kin­der­por­no­gra­fie” nicht, son­dern führt statt­des­sen eine all­ge­meine Zen­surin­fra­struk­tur im deut­schen Inter­net ein. Diverse deut­sche Poli­ti­ker von CDU, CSU und von der Ver­rä­ter­par­teiSPD behaup­ten hier trotz der Viel­zahl kor­ri­gie­ren­der Stim­men ande­res. Auch der Herr Raabe übri­gens, wie wir gleich sehen wer­den. Diese Zusam­men­hänge wer­den nicht klar, das Gesetz wird nicht benannt, die Zen­sur­be­haup­tung wird nicht belegt. So wie ihr das da geschrie­ben habt, ist das — mit Verlaub — Quark.

2. Akt: Auch Sascha Raabe hat die Pres­se­mit­tei­lung irgend­wie nicht gefal­len. Fünf Tage spä­ter, am 2009-​07-​07, ver­fasst er auch eine Pres­se­mit­tei­lung, die wohl so eine Art Replik auf die Kin­zig­pi­ra­ten sein soll. Pro­blem Num­mer Eins: Die­ser Zusam­men­hang wird nicht klar. Dass hier die Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis eine Rolle spielt, steht ganz, ganz am Rande in einem Halb­satz im drei­zei­li­gen „Teaser”-Absatz am Anfang des Tex­tes, den nicht nur wegen des Schrift­sat­zes viele Leser schlicht igno­riert haben dürf­ten (und ich gehöre auch dazu).

Pro­blem Zwei von Herrn Raabes Pres­se­mit­tei­lung ist aller­dings gra­vie­ren­der: Der Inhalt. Unter der Überschrift

Abso­lu­tes Unver­ständ­nis — Raabe wun­dert sich über Ansich­ten der Piratenpartei

bekommt der geneigte Leser dann eine geballte Ladung Zen­surZugangserschwernisgesetz-​Prosa auf die Ohren, dass es nur so klin­gelt. Einige Auszüge:

Ich kann nicht ver­ste­hen, wie bei einem so erns­ten Thema wie Kin­der­por­no­gra­phie die Leid­tra­gen­den völ­lig außer Acht gelas­sen wer­den. Das sind die vie­len Jun­gen und Mäd­chen welt­weit, denen täg­lich gro­ßes Leid wider­fährt. Es geht nicht um Zen­sur, son­dern um die Ver­bre­chen an Kin­dern und Jugendlichen. […]

Jetzt aber haben wir als SPD-​Bundestagsfraktion viele ent­schei­dende Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Das Gesetz berück­sich­tigt, so wie es ver­ab­schie­det wurde, sowohl die Beden­ken der vie­len Internet-​Nutzer und erschwert zugleich den Zugang zu Inter­net­sei­ten mit kin­der­por­no­gra­phi­schem Inhalt. […]

Das Inter­net ist kein rechts­freier Raum. […]

Wir müs­sen auf allen Ebe­nen gegen den Miss­brauch von Kin­dern vor­ge­hen. Die Inter­net­sperre ist nur ein klei­ner Bau­stein, aber selbst wenn dadurch kein Miss­brauch nach­träg­lich ver­hin­dert wer­den kann, wird das Per­sön­lich­keits­recht des Opfers geschützt und es wird nicht mehr jah­re­lang im Inter­net unge­hin­dert zur Schau gestellt.

So weit, so schlecht. Vor allem den letz­ten Absatz finde ich bemer­kens­wert: Hier wird gar nicht mehr mit dem „Schutz” oder der „Ver­hin­de­rung von Miss­brauch” argu­men­tiert, son­dern mit dem „Per­sön­lich­keits­recht des Opfers”. Als wenn nicht eines der Haupt­ar­gu­mente gegen die Netz­sper­ren wäre, dass sie den Zugriff eben nicht ver­hin­dern und das Mate­rial eben nicht aus dem Inter­net ver­schwin­det. Argh! Wo sind die Anträge auf Merkbefreiung?!?

Aber egal. Raabe hat näm­lich auch ein paar andere Aus­sa­gen in sei­ner Pres­se­mit­tei­lung drin. Die lesen sich so:

Über­haupt finde ich es anma­ßend, wenn die Pira­ten­par­tei sich als Ver­tre­ter der gesam­ten Internet-​Community aufspielt. […]

Ich erwarte aber auch, dass die Pira­ten­par­tei das jetzt aus­schließ­lich gegen Kin­der­por­no­gra­phie gerich­tete Gesetz nicht wahr­heits­wid­rig als „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land” bezeichnet.

So rich­tig mit der Mate­rie beschäf­tigt kann der gute Herr Raabe sich nicht haben. Die „Internet-​Community” kann sich ganz prima selbst arti­ku­lie­ren, da bracht es die Pira­ten­par­tei nicht. Und was die Zen­sur betrifft, da ist nichts Wahr­heits­wid­ri­ges dran, fra­gen Sie doch mal Ihre Koali­ti­ons– oder Par­tei­kol­le­gen

Vor allem aber gibt es in Raabes Pres­se­mit­tei­lung diese Textstelle:

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben kön­nen, nur weil diese vom Aus­land aus ange­bo­ten wer­den. Mei­nungs– und Infor­ma­ti­ons­frei­heit bedeu­tet nicht, dass es ein Grund­recht auf unge­hin­der­ten Zugang zu Kin­der­por­no­gra­phie im Inter­net gibt.

Uiuiui, Herr Raabe. Was haben Sie sich dabei bloß gedacht? Ich würde sagen: Nicht viel. Wo bit­te­schön hat die Pira­ten­par­tei sowas jemals gefor­dert? Selbst in der unglück­lich for­mu­lier­ten Pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Kreisverbandes finde ich davon nichts. Ich habe mal der Ein­fach­heit hal­ber nur eine Aus­sage von Ver­tre­tern der Pira­ten­par­tei raus­ge­sucht und ich bitte die Leser um Ent­schul­di­gung, dass ich mich selbst zitiere:

Dirk Hill­brecht, [damals] Bun­des­vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei, erläu­tert das vom Gesetz miss­ach­tete Demonstrations-​Motto „Löschen statt sper­ren — Stoppt die Internet-​Zensur!”: „Wir ver­lan­gen wirk­same Maß­nah­men gegen Kin­der­por­no­gra­phie und das heißt: Die Inhalte müs­sen aus dem Netz ver­schwin­den und nicht hin­ter Stopp­schil­dern ver­steckt werden.

Herr Raabe, mal ehr­lich, wür­den Sie das eine For­de­rung nach „unge­hin­der­tem Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net” nen­nen? Ich nicht, und ich glaube, das liegt nicht nur daran, dass ich es gesagt habe. Und mal ange­nom­men, man würde Ihnen sol­che Aus­sa­gen unter­stel­len, wie fän­den Sie das? Wit­zig? Egal? Ner­vig? Ich sage Ihnen was: Ich glaube, Sie wür­den das genauso sehen wie ich: Sol­che Behaup­tun­gen sind eine Frech­heit und boden­lose Unverschämtheit!

Die Raabe-​Pressemitteilung hat sich dann zügig durch die Twit­ter– und Blo­go­sphäre ver­brei­tet. Dabei ist in den Kom­men­ta­ren der Zusam­men­hang mit der Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis zunächst mal völ­lig unter den Tisch gefal­len. Statt­des­sen war da ein SPD-​Politiker, der weit­ge­hend fak­ten­be­freit das Zen­sur­ge­setz mit den übli­chen Pla­ti­tü­den ver­tei­digt und über die Pira­ten­par­tei her­zieht. Das konnte ja nicht gutgehen.

Und wer denkt, damit sei die Geschichte zu Ende, der sollte nicht die Fort­set­zung der Sascha-​Raabe-​Story ver­pas­sen. Mor­gen in die­sem Theater!