Pi­ra­ten­par­tei­tag in Chem­nitz – Ein Blick zu­rück im Zwei­fel 6


Fast ei­ne Wo­che ist er nun her, der 2. Bun­des­par­tei­tag 2010 der Pi­ra­ten­par­tei in Chem­nitz. Mit ei­ni­gem Ab­stand und nach ei­ni­gen ent­spann­ten Ur­laubs­ta­gen ver­su­che ich mich an ei­nem Re­s­u­mée. Die­ses fällt, wie wir se­hen wer­den, reich­lich zwie­ge­spal­ten aus.

Der Parteitag als Treffpunkt

Der Par­tei­tag als Treff­punkt

Be­gin­nen wir mit den po­si­ti­ven As­pek­ten: Es war ein schö­ner An­lass, vie­le be­kann­te Ge­sich­ter mal wie­der zu se­hen! Ich saß bei ei­ner Grup­pe aus Ber­lin und wir ha­ben uns die gan­ze Zeit über gut ver­stan­den, auch wenn wir längst nicht im­mer gleich ab­ge­stimmt ha­ben…

Dass der Zu­sam­men­halt gut ist, sah man auch an an­de­ren De­tails: In den Ho­tels stan­den stets Trau­ben von Pi­ra­ten zu­sam­men und ha­ben über al­les mög­li­che ge­re­det – so­gar über Po­li­tik. Und für be­son­ders „preis­be­wuss­te“ Teil­neh­mer gab es die Mög­lich­keit, um­sonst zu über­nach­ten – al­ler­dings in ei­ner eher ge­wöh­nungs­be­dürf­ti­gen Her­ber­ge. Der Be­griff „Ab­bruch­haus“, der auf dem Par­tei­tag kur­sier­te, war je­den­falls nicht völ­lig falsch. Die abend­li­che Fei­er dort war ganz nett, aber ich ge­be of­fen zu, dass das schrot­ti­ge Am­bi­en­te nicht wirk­lich mein Fall war – und noch viel we­ni­ger die grö­ße­re Men­ge an sturz­be­trun­ke­nen Gäs­ten, die gla­si­gen Blicks durch die Ge­gend wank­ten.

Kom­men wir zum Par­tei­tag selbst. Hier war die Vor­be­rei­tung si­cher bes­ser als bei so man­chem frü­he­ren Zu­sam­men­tref­fen, aber ge­ra­de bei den Teil­neh­mern ist da im­mer noch viel Luft nach oben. Wir hat­ten ei­ne je­der­zeit sou­ve­rä­ne und wohl­or­ga­ni­sier­te Ver­samm­lungs­lei­tung – trotz­dem gab es häu­fig lau­te Nach­fra­gen Ein­zel­ner, was ge­ra­de pas­siert. Da kann man auf­pas­sen. Zu­mal ei­ni­ge Teil­neh­mer wie­der­holt mein­ten, ih­re Mei­nung laut gröh­lend kund tun zu müs­sen. Jungs, das war ein Par­tei­tag und kein Bier­zelt auf dem Dorf­markt…

Ne­ben der sehr gu­ten Ver­samm­lungs­lei­tung fällt die Leis­tung der Tech­nik um­so stär­ker ab: Dass wir mit 90 Mi­nu­ten Ver­spä­tung ge­star­tet sind, lag haupt­säch­lich an der mas­siv rück­kop­peln­den Au­dio­an­la­ge. Und dass das In­ter­net ein­fach kom­men­tar­los ein­ein­halb Ta­ge qua­si gar nicht funk­tio­niert ist an­ge­sichts der hoch­gra­dig auf On­line­me­di­en aus­ge­rich­te­ten Dis­kus­si­ons­kul­tur bei den Pi­ra­ten ein äu­ßerst schwer­wie­gen­der Faux-Pas. Ich – und ei­ni­ge an­de­re – konn­te mich per UMTS in­for­ma­ti­ons­sei­tig über Was­ser hal­ten, aber et­li­che Pi­ra­ten sa­ßen dies­be­züg­lich schlicht auf dem Tro­cke­nen. Die voll­mun­di­ge An­kün­di­gung zu Be­ginn, man kön­ne „1000 LAN- und 1000 WLAN-An­schlüs­se“ be­reit­stel­len, war so­mit eher vir­tu­ell zu ver­ste­hen. Scha­de.

So­weit da­zu. Kom­men wir zur ei­gent­li­chen Haupt­sa­che, den po­li­ti­schen Er­geb­nis­sen. Hier­zu ist zu­nächst mal po­si­tiv fest­zu­hal­ten, dass es über­haupt wel­che gibt. Das ist ja schon­mal mehr, als ei­ni­ge im Vor­feld er­war­tet ha­ben. Der Weg dort­hin war aber ein stei­nig und mei­nes Er­ach­tens zwei­fel­haft.

Ich hat­te ja schon letz­te Wo­che ge­schrie­ben, dass wir ei­nen Ziel­kon­flikt ha­ben: Viel zu vie­le An­trä­ge für viel zu we­nig Zeit. Die­ses Pro­blem ist wei­test­ge­hend haus­ge­macht. Die na­he­lie­gen­de Lö­sungs­mög­lich­keit, zu­zu­se­hen dass man die Sa­chen ab­ge­stimmt be­kommt, wird von ei­nem Teil der Pi­ra­ten mit ge­ra­de­zu fun­da­men­ta­lis­ti­schen Ei­fer ab­ge­lehnt. Das sei „un­de­mo­kra­tisch“ und man müs­se „De­bat­ten zu­las­sen“. Im Er­geb­nis wird dann aber ge­nau­so un­de­mo­kra­tisch vor­ge­gan­gen, in­dem be­stimm­te The­men­grup­pen von vorn­her­ein von der Be­hand­lung aus­ge­schlos­sen und zu al­lem Über­fluss dann auch noch eher will­kür­lich die An­trä­ge durch­ge­gan­gen wer­den. Wäh­rend ein ord­nungs­ge­mäß ein­ge­reich­ter Par­tei­pro­gramm­an­trag ei­gent­lich kei­ne Chan­ce hat­te, auch nur am Ran­de ge­streift zu wer­den, konn­te ein ab­ge­lehn­ter An­trag zum Grund­satz­pro­gramm pro­blem­los im Par­tei­pro­gramm re­üs­sie­ren. So­was nen­ne ich Will­kür in Rein­kul­tur.

Nein zu effektivem Abstimmungsverfahren: Chance vertan

Nein zu ef­fek­ti­vem Ab­stim­mungs­ver­fah­ren: Chan­ce ver­tan

Und die De­bat­te? Oh weh. Halb­ga­re State­ments da­für oder da­ge­gen, statt Ar­gu­men­ten Be­haup­tun­gen und vor al­lem: Kei­ner­lei Ein­fluss auf die Ab­stim­mung. Die Re­sul­ta­te wa­ren im­mer ge­nau­so, wie es die Mei­nungs­bil­der am An­fang vor­aus­ge­se­hen hat­ten – le­dig­lich von even­tu­el­len Ein­flüs­sen der Al­ter­na­tiv­ab­stim­mun­gen ver­wäs­sert. Sich mit kla­ren Din­gen wei­ter zu be­schäf­ti­gen ist ei­ne sehr är­ger­li­che Form der Zeit­ver­schwen­dung.

Zum En­de hin wur­de es dann noch bun­ter: Bei wirk­lich um­fang­rei­chen Pro­grammer­wei­te­run­gen zum Um­welt­schutz wur­de auf ei­ne ech­te De­bat­te aus Zeit­grün­den fak­tisch ver­zich­tet, vor al­lem wur­de sie kaum noch wahr­ge­nom­men. Bei den­je­ni­gen, die das für „bes­ser“ hal­ten als das vor­ge­schla­ge­ne Kon­zept zur Kurz­de­bat­te mit nach­fol­gen­der Ab­stim­mung und ge­ge­ben­falls aus­führ­li­che­rer De­bat­te („EWLS“) muss die Fä­hig­keit zur Selbst­täu­schung schon aus­ge­spro­chen aus­ge­prägt sein.

Abstimmungsergebnisse häufig eher zufällig

Ab­stim­mungs­er­geb­nis­se häu­fig eher zu­fäl­lig

Re­fle­xi­on ist aber so­wie­so vie­ler Pi­ra­ten Sa­che nicht. Oder wie sonst ist es zu er­klä­ren, dass bei ei­nem Mei­nungs­bild mit 95% Zu­stim­mung trotz­dem noch Pi­ra­ten im Dut­zend an den Mi­kro­fo­nen ste­hen und die im­mer glei­chen Plat­ti­tü­den auf das Pu­bli­kum los­las­sen. So ge­sche­hen beim „Grund­si­che­rungs­an­trag“ und spä­ter noch­mal beim „Flie­gen­den Ge­richts­stand„. Hier wur­de viel, sehr viel Zeit sinn­los ver­plem­pert.

Eben­so ha­ben wir er­heb­li­che Zeit da­mit ver­tan, über of­fen­sicht­lich un­aus­ge­go­re­ne An­trä­ge zu ver­han­deln. Die kom­plet­te Pha­lanx der Trans­pa­renz­an­trä­ge (GP098 ff.) hät­te noch min­des­tens drei Run­den durch die Vor­be­rei­tung dre­hen müs­sen, da­mit sie sti­lis­tisch brauch­bar und mehr­heits­fä­hig sind. Da kann man jetzt zwei Stun­den drü­ber dis­ku­tie­ren. Man kann aber auch ein­fach sa­gen „So nicht!“ und die an sich gu­te Idee zu­rück in Rich­tung Fein­schliff ver­wei­sen. Ge­nau­so wird es mir ewig ein Ge­heim­nis blei­ben, war­um es Teil­neh­mer gab, die über ei­nen An­trag dis­ku­tie­ren muss­ten, der zwei­spra­chi­ge Kin­der­gär­ten for­dert, da­bei aber noch nicht mal das ver­wen­de­te Deutsch rich­tig hin­be­kommt. Hier fällt die Dumm­heit Ein­zel­ner der Ge­mein­schaft in ge­ra­de­zu un­er­träg­li­cher Wei­se zur Last. Ob das auch mit der „Kos­ten­los­men­ta­li­tät“ vie­ler Teil­neh­mer zu­sam­men­hängt? Wer für klei­nes Geld an­reist und für lau über­nach­tet, dem ist es viel­leicht auch we­ni­ger wich­tig, dass ein sol­ches Zu­sam­men­tref­fen er­geb­nis­ori­en­tiert ab­läuft. Das ist dann aber den­je­ni­gen ge­gen­über um­so un­fai­rer, die Zeit und Geld für die­ses Wo­chen­en­de in­ves­tiert ha­ben – und ge­gen­über den po­li­ti­schen Zie­len der Pi­ra­ten­par­tei.

Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit zu hö­he­rer Ef­fek­ti­vi­tät wä­re, die Qua­li­tät der An­trä­ge zu stei­gern. Hier muss man ganz klar sa­gen, dass Li­quid Feed­back ei­ne eher un­rühm­li­che Rol­le ge­spielt hat. Ge­ra­de von dort sind die übels­ten An­trags­mach­wer­ke ge­kom­men, teil­wei­se von un­be­kann­ten oder nicht an­we­sen­den Au­to­ren, teil­wei­se mit un­vor­be­rei­te­ten Er­satz-An­trag­stel­lern. Was geht in je­man­dem vor, der auch noch das letz­te un­zu­sam­men­hän­gen­de Wort­kon­glo­me­rat aus dem LQFB-Sys­tem her­aus­klaubt und als An­trags­müll über der Ver­samm­lung aus­kippt? Der dann al­le von ihm ein­ge­brach­ten An­trä­ge zu Be­ginn der Ver­an­stal­tung zu­rück­zieht und sie „nur ein­ge­bracht hat, da­mit an­de­re sie über­neh­men kön­nen“? Sor­ry, aber das ist kei­ne Po­li­tik, das ist in­fan­ti­les, selbst­ver­lieb­tes Kas­per­le­thea­ter. Die Par­tei braucht drin­gend Me­cha­nis­men, die der­ar­ti­gem Quatsch schon im Vor­feld ei­nes Par­tei­ta­ges ei­nen Rie­gel vor­schie­ben. Denn über das Mot­to „Den­ke selbst!“ lässt sich das Pro­blem ja of­fen­sicht­lich nicht lö­sen.

Die Spielecke der Uni-Mensa: Auch für manche Piraten prima geeignet

Die Spiel­ecke der Uni-Men­sa: Auch für man­che Pi­ra­ten pri­ma ge­eig­net

Was bleibt nun von den an­ge­nom­me­nen An­trä­gen? Nun­ja, wirk­lich glück­lich bin ich nicht. Die viel­be­schwo­re­ne „Pro­grammer­wei­te­rung“ ist ge­schafft und von der Grund­ten­denz her pas­sen die An­trä­ge zu un­se­ren bis­he­ri­gen „grund­sätz­li­chen Ide­en“. Mehr aber auch nicht. Und ein gu­tes Ge­fühl ha­be ich auch nicht. Neh­men wir noch­mal die „Grund­si­che­rung“, den „GP050“. Das ist si­cher­lich ei­ne wich­ti­ge Pro­grammer­wei­te­rung und die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit, mit der die­ser An­trag be­schlos­sen wur­de, ist auch ein wich­ti­ges Zei­chen in die Par­tei hin­ein. Aber der Preis könn­te hoch sein. Mit Recht ha­be ich schon auf die­sem Par­tei­tag mehr­fach ge­hört, dass das so­zu­sa­gen die Vor­ar­beit für ei­nen „ech­ten“ Pro­gramm­punkt „Be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men“ ist. Ganz un­ab­hän­gig von der Sinn­haf­tig­keit der­er­lei An­lie­gen wird dies die Par­tei in den nächs­ten Mo­na­ten zu ei­nem Ma­gne­ten für BGE-Ver­fech­ter al­ler Art ma­chen und da­mit drei Pro­ble­me aus­lö­sen: Ers­tens wird es schwer sein, mit die­sen Men­schen sinn­vol­le, kon­sens­fä­hi­ge For­de­run­gen zu for­mu­lie­ren, da­zu ist ihr Ei­fer viel zu groß. Er­schwe­rend kommt zwei­tens da­zu, dass die BGE-Kli­en­tel kaum Be­rüh­rungs­punk­te mit un­se­ren (bis­lang) zen­tra­len The­men hat: Ur­he­ber- oder gar Pa­tent­recht will dort kaum je­mand fun­diert er­ör­tern und selbst die bür­ger­li­chen Grund­rech­te sind nur in Tei­len re­le­vant. Und schließ­lich wird es Drit­tens ei­ne Her­aus­for­de­rung, der Öf­fent­lich­keit plau­si­bel zu ma­chen, dass wir trotz al­ler un­aus­ge­go­re­ner BGE-Ly­rik noch ei­ne ernst­zu­neh­men­de po­li­ti­sche Kraft sind. Ich hof­fe, wir schaf­fen das.

Ein ganz be­son­ders di­ckes Ei hat der Par­tei­tag der Par­tei üb­ri­gens mit dem An­trag zu §173 ge­legt. Wie blöd kann man ei­gent­lich sein? Selbst wenn die For­de­rung be­gründ­bar ist, selbst wenn sie ge­recht­fer­tigt ist, selbst wenn sie sein muss: War­um jetzt? War­um wir? Es ist ja nicht so, dass wir nichts zu tun hät­ten, nun müs­sen wir auch noch in Zu­kunft ein hoch­emo­tio­na­les The­ma mit ei­ner kon­tro­vers an­mu­ten­den For­de­rung ver­ar­gu­men­tie­ren. Wir wer­den vie­le Res­sour­cen da­für auf­brin­gen müs­sen, es wird uns Sym­pa­thi­san­ten ver­grau­len und ewi­ge Dis­kus­sio­nen ein­brin­gen. Das war ei­ne be­mer­kens­wer­te po­li­ti­sche In­stinkt­lo­sig­keit.

Aber die­ser feh­len­de po­li­ti­sche In­stinkt zog sich durch die Ver­an­stal­tung. Da gibt es am Sams­tag ei­ne dpa-Pres­se­mel­dung, die hof­fen lässt, dass nicht we­ni­ger als ei­ne po­li­ti­sche Kern­for­de­rung der Pi­ra­ten um­ge­setzt wird: Die Jus­tiz­mi­nis­te­rin will nächs­tes Jahr al­le in den letz­ten Jah­ren be­schlos­se­nen „Si­cher­heits­ge­set­ze“ auf den Prüf­stand stel­len und un­nö­ti­ge er­satz­los strei­chen. Das ist – soll­te es so pas­sie­ren – sen­sa­tio­nell. Und was pas­siert auf dem Par­tei­tag? Das zu­stän­di­ge Vor­stands­mit­glied hält es nicht für nö­tig, auf die Büh­ne zu kom­men. Der Ver­an­stal­tungs­lei­ter liest die Mel­dung un­in­spi­riert vom Blatt ab. Der Saal klatscht höf­lich. Und in den hin­te­ren Rei­hen sieht man den Deut­schen Mi­chel se­lig schla­fen. Hoch le­be der po­li­ti­sche Durch­blick.

Der Par­tei­tag in Chem­nitz war si­cher bes­ser als so man­cher da­vor. Es be­steht aber nicht der ge­rings­te An­lass zu Selbst­zu­frie­den­heit, die Ta­ge in Chem­nitz ha­ben mal wie­der ge­zeigt, dass wir im­mer noch mei­len­weit da­von ent­fernt sind, wirk­lich ef­fek­tiv „Po­li­tik zu ge­stal­ten“. Po­li­ti­sche Wil­lens­bil­dung ist bei den Pi­ra­ten bis­lang im­mer noch ei­ne Ka­ko­pho­nie von Ein­zel­stim­men, die sich – wenn es gut läuft – zu­fäl­lig ei­nen Stand­punkt zu ei­gen ma­chen. Von struk­tu­rier­ter, weit­sich­ti­ger Pla­nung von In­hal­ten oder gar dem Set­zen von The­men in der öf­fent­li­chen Dis­kus­si­on sind wir nach wie vor weit ent­fernt. Das da­zu nö­ti­ge stra­te­gi­sche Vor­ge­hen be­nö­tigt viel stär­ke­re Struk­tu­ren und Vor­ga­ben, zum Bei­spiel durch Vor­stän­de oder in der Par­tei weit­hin ak­zep­tier­te Ar­beits­grup­pen. Der in der gro­ßen Tei­len der Par­tei ex­trem aus­ge­präg­te In­di­vi­dua­lis­mus und die gleich­zei­tig­te „Lust am Kra­wall“ las­sen mich aber zwei­feln, ob sich so et­was um­set­zen lässt.

Und so über­wiegt denn bei mir ins­ge­samt lei­der mo­men­tan der Zwei­fel am Pro­jekt „Pi­ra­ten­par­tei“. Auch wenn der völ­li­ge Miss­er­folg nicht ein­ge­tre­ten ist – der gro­ße Wurf war die­ser Par­tei­tag nicht. Der zen­tra­le Iden­ti­fi­ka­ti­ons­punkt der Par­tei wa­ren in der Ver­gan­gen­heit die Frei­heits- und Bür­ger­rech­te in der ver­netz­ten Welt. Die­se The­men spiel­ten in Chem­nitz aber nur ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Da­bei sind sie wich­ti­ger denn je: AC­TA nimmt ei­ne po­li­ti­sche Hür­de nach der an­de­ren, das Mo­ra­to­ri­um in Sa­chen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ist un­ter Dau­er­be­schuss von CDU-Hard­li­nern, der „Drit­te Korb zum Ur­he­ber­recht“ kommt so si­cher wie das Amen in der Kir­che. Und hier hat selbst un­se­re Jus­tiz­mi­nis­te­rin, die an­sons­ten tap­fer das letz­te Boll­werk ge­gen den Grund­rechts­ab­bau dar­stellt, schon an­klin­gen las­sen, dass es ein „Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger“ ge­ben wird. Al­les in al­lem ei­ne höchst un­be­frie­di­gen­de Ge­samt­si­tua­ti­on.

Klarmachen zum Ändern: Was bleibt von den früheren Zielen?

Klar­ma­chen zum Än­dern: Was bleibt von den frü­he­ren Zie­len?

Frü­her hät­te ich ge­sagt: Die Pi­ra­ten­par­tei ist heu­te wich­ti­ger denn je. Heu­te muss ich das ab­wan­deln in: Die po­li­ti­schen Zie­le, für die die Pi­ra­ten­par­tei frü­her stand, sind heu­te wich­ti­ger denn je. Ich wer­de mir in den nächs­ten Mo­na­ten sehr ge­nau an­schau­en, wo­hin das Pi­ra­ten­schiff se­gelt und ob die Pi­ra­ten­par­tei und die Zie­le, für die ich sie ste­hen se­he, in Ein­klang blei­ben. Wenn die Ent­wick­lung hier in ei­ne fal­sche Rich­tung läuft, dann könn­te es pas­sie­ren, dass ich mir ei­ne neue po­li­ti­sche Hei­mat su­chen muss.


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6 Gedanken zu “Pi­ra­ten­par­tei­tag in Chem­nitz – Ein Blick zu­rück im Zwei­fel

  • Fabio Reinhardt

    Hal­lo Dirk,

    vie­len Dank für den um­fang­rei­chen Ar­ti­kel. Ich stim­me dir nicht in al­lem zu, kann aber vie­le dei­ner Punk­te nach­voll­zie­hen. Zu zwei Sa­chen woll­te ich aber noch ex­pli­zit ant­wor­ten.

    „Wäh­rend ein ord­nungsgemäß ein­ge­reich­ter Par­tei­pro­gramm­an­trag ei­gent­lich kei­ne Chan­ce hat­te, auch nur am Ran­de ge­streift zu wer­den, konn­te ein ab­ge­lehn­ter An­trag zum Grundsatzpro­gramm pro­blem­los im Par­tei­pro­gramm re­üs­sie­ren. So­was nen­ne ich Will­kür in Rein­kul­tur.

    Hier ver­wirrst du den Le­ser un­nö­tig. Es gab An­trä­ge zum Par­tei­pro­gramm, bzw. Grund­satz­pro­gramm – die­se Be­grif­fe be­zeich­nen das sel­be – die mit dem Zu­satz GP ge­kenn­zeich­net wa­ren und bald von der Re­dak­ti­ons­kom­mis­si­on in ei­nen Vor­schlag für ei­ne Er­wei­te­rung un­se­res ak­tu­el­len Pro­gramms ein­ge­ar­bei­tet wird. Das an­de­re wa­ren Po­si­ti­ons­pa­pie­re (PP) und An­trä­ge zum Wahl­pro­gramm (WP), was aber in der Rea­li­tät das glei­che be­deu­tet: Die Pi­ra­ten ha­ben zu die­sem Punkt of­fi­zi­ell Po­si­ti­on be­zo­gen – ei­nen An­spruch, in ir­gend­ei­nem Pro­gramm auf­zu­tau­chen, gibt es da­durch nicht.

    Die Aus­sa­ge da­hin­ter tei­le ich aber. Wäh­rend so man­ches gu­te Po­si­ti­ons­pa­pier (PP/WP) nicht be­han­delt wur­de, da wir uns zu Be­ginn dar­auf ge­ei­nigt ha­ben, nur über GP zu spre­chen, ha­ben man­che grot­ten­schlech­te GP-An­trä­ge es zur Ver­ab­schie­dung als PP ge­bracht, da man sich ja in der Sa­che ei­nig sei. So ein un­de­mo­kra­ti­scher Pro­zess, der im Grund ge­nom­men nur ein Zu­ge­ständ­nis an das Un­ver­mö­gen man­cher An­tra­ger­ar­bei­ter(!) ist, ei­nen kor­rek­ten An­trag zu schrei­ben, den man mit gu­tem Ge­wis­sen in sein Grund­satz­pro­gramm schrei­ben möch­te, lädt ge­ra­de­zu da­zu ein, in Zu­kunft nur noch GP zu stel­len, wenn man ein PP ver­ab­schie­det ha­ben möch­te.

    „Ei­ne an­de­re Mög­lich keit zu hö­he­rer Ef­fek­ti­vi­tät wä­re, die Qua­li­tät der An­trä­ge zu stei­gern. Hier muss man ganz klar sa­gen, dass Li­quid Feed­back ei­ne eher un­rühm­li­che Rol­le ge­spielt hat.“

    Hier wür­de ich dir deut­lich wi­der­spre­chen. Du hast in dei­nem Ar­ti­kel kor­rekt die Pro­ble­me auf­ge­zeigt, die da­zu führ­ten, dass wir teil­wei­se über sehr schlech­te An­trä­ge de­bat­tier­ten. Ich per­sön­lich war auch sehr ent­täuscht da­von, dass die Pi­ra­ten im Axel Mül­ler-Ver­fah­ren ei­nen Block, der zum größ­ten Teil dämliche/​überflüssige An­trä­ge ent­hielt (Trans­pa­renz) und ei­nen, der gar kei­ne (!) GP-An­trä­ge ent­hielt auf die obers­ten Plät­ze hiev­ten. An die­ser Stel­le muss ganz klar auf die Sit­zungs­lei­tung (die es ver­säum­te, den Teil­neh­mern in über­sicht­li­cher Form dar­zu­stel­len, über WAS sie jetzt Axel Mül­lern soll) und die An­trags­kom­mis­si­on (bzw. ih­re ein­ge­schränk­ten Mög­lich­kei­ten, da­zu blog­ge ich aber selbst noch un­ter htt://enigma424.wordpress.com ) ver­wie­sen wer­den.

    Li­quid Feed­back als Tool ver­ant­wort­lich zu ma­chen, hal­te ich für ex­trem un­sin­nig. Wenn nun je­mand je­de For­de­rung, die sich im Wi­ki ver­steckt als An­trag ge­stellt hät­te, hät­test du dann das Wi­ki ver­ur­teilt? Wenn je­mand je­de For­de­rung, die im In­ter­net steht, … du siehst wo­hin das führt. Dass dies aber nicht mit dem In­ter­net ge­schah, son­dern mit LF, zeigt, welch ho­he Qua­li­tät die An­trä­ge dort schon er­rei­chen. Der Feh­ler war al­so ganz ein­deu­tig, sich nicht vor Ver­mas­sung zu schüt­zen, bes­ser vor­zu­sor­tie­ren und auch frü­her fest­zu­le­gen, was über­haupt auf dem Par­tei­tag be­spro­chen wer­den soll.

    BTW, ge­nau­so­gut hät­te man sa­gen kön­nen, es war ein Feh­ler der Teil­neh­mer über An­trä­ge, die ei­ne über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit in LF hat­ten, über­haupt dis­ku­tie­ren zu wol­len – ei­ne Aus­sa­ge, die ich so na­tür­lich nicht tref­fen wür­de, die aber ge­nau so lo­gisch ab­leit­bar wä­re wie dei­ne obi­ge.

    „Ob das auch mit der „Kos­ten­los­men­ta­li­tät” vie­ler Teil­neh­mer zu­sam­men hängt? Wer für klei­nes Geld an­reist und für lau über­nach­tet, dem ist es viel­leicht auch we­ni­ger wich­tig, dass ein sol­ches Zu­sam­men­tref­fen er­geb­nis­ori­en­tiert ab­läuft. Das ist dann aber den­je­ni­gen ge­gen­über um­so un­fai­rer, die Zeit und Geld für die­ses Wo­chen­en­de in­ves­tiert haben?—?und ge­gen über den po­li­ti­schen Zie­len der Pi­ra­ten­par­tei.“

    Wie ich oben schon ge­schrie­ben ha­be, war ich auch von ei­ni­gen Ent­schei­dun­gen des Ple­nums recht ent­täuscht. Auch dei­ne Kri­tik, dass wir viel zu lan­ge über nicht dis­kus­si­ons­re­le­van­te Punk­te dis­ku­tiert ha­ben, tei­le ich. Dies je­doch auf die zu ge­rin­gen Kos­ten (lies:Hürden) für die An­rei­se zu re­du­zie­ren, hal­te ich für völ­lig in die fal­sche Rich­tung ge­hend. Wir ha­ben tat­säch­lich ein De­mo­kra­tie­de­fi­zit auf Par­tei­ta­gen. Denn die An­rei­se­kos­ten sind für die Mit­glie­der un­ter­schied­lich hoch. Wer vom Ver­an­stal­tungs­ort weit ent­fernt wohnt, der zahlt mehr. Wer we­ni­ger ver­dient, der emp­fin­det die Kos­ten als hö­her als die an­de­ren. Bei­de die­ser Män­gel fal­len durch ein De­le­gier­ten­sys­tem bzw. ei­ne Fahrt­kos­ten­über­nah­me für Teil­neh­mer nicht an. Un­ser Ziel soll­te es aber sein, AL­LE Hür­den für po­li­ti­sche Be­tei­li­gung zu re­du­zie­ren, für Be­tei­li­gung IN der Pi­ra­ten­par­tei na­tür­lich erst recht. Bis wir al­so ei­ne wirk­lich gu­te Lö­sung für die mo­men­ta­ne sehr un­be­frie­di­gen­de Si­tua­ti­on er­schaf­fen ha­ben (de­zen­tra­le Par­tei­ta­ge oder ähn­li­ches), müs­sen wir zu­min­dest al­le an­de­ren Be­tei­li­gungs­hür­den so stark wie mög­lich sen­ken. Durch das Zur­ver­fü­gung­stel­len von Schlaf­plät­zen (Abbruchhaus/​Halle) und das Or­ga­ni­sie­ren von ge­mein­sa­men Fahr­ten (zB die kos­ten­lo­se Bus­fahrt von Ber­lin, die ich für Bin­gen or­ga­ni­siert ha­be) kann man die an­fal­len­den Kos­ten für Teil­neh­mer so­weit re­du­zie­ren, dass man das De­mo­kra­tie­de­fi­zit zu­min­dest et­was min­dert.

    Was wir aber bei­de kri­ti­sie­ren, ist ei­gent­lich man­geln­de Vor­be­rei­tung und Trol­lerei. Dies ist na­tür­lich seit Be­ginn der Par­tei als auf­tau­chen­des Pro­blem bei ge­rin­gen po­li­ti­schen Hür­den be­kannt. (Ich er­in­ne­re dich an un­se­re Dis­kus­sio­nen 2007/2008 über die Trol­lerei auf der NDS-ML) Und Trol­lerei kann auch durch ein De­le­gier­ten­sys­tem nicht ver­hin­dert, aus­rei­chen­de Vor­be­rei­tung und Ab­stim­men nach dem ei­ge­nen Ge­wis­sen nicht er­zwun­gen wer­den. Das heißt, die Par­tei muss ich selbst schüt­zen, in­dem sie sich sinn­vol­le Struk­tu­ren gibt und stär­ker führt, lenkt und in­for­miert. Von der Aus­sa­ge, dass die zu ge­rin­gen An­rei­se­kos­ten, wich­ti­ge Ar­beit be­hin­dert hät­ten, wür­de ich dir in­so­fern ei­ne Di­stan­zie­rung emp­feh­len.

    Es grüßt in die (Fast-)(Ex-)Heimat,
    Fa­bio

  • fen

    Hi,

    Ich mag ja ge­le­gent­lich Dei­ne Art nicht so sehr. Aber das ist nichts Be­son­de­res und trifft bei mir auf ei­ni­ge Pi­ra­ten zu.

    Ich stim­me auch in ein­gen Punk­ten mit Dei­ner Mei­nung nicht über­ein.

    Trotz­dem: Ich er­ken­ne an, dass Du Dir mit dem „Pro­jekt“ Pi­ra­ten­par­tei viel Ar­beit ge­macht hast und hof­fent­lich auch noch wei­ter­hin machst. Ich mei­ne auch zu er­ken­nen, dass Dir die „Kern­zie­le“ der Pi­ra­ten­par­tei sehr am Her­zen lie­gen.

    Ich mag es auch, wenn ich Dei­ne Mei­nun­gen le­se… de­nen ich zwar oft nicht zu­stim­me… die aber eben­so oft wohl­be­grün­det und über­legt sind.

    Des­halb kom­me ich zu dem Schluss, dass es mir lie­ber wä­re, Du blie­best da­bei… Un­über­leg­te Mei­nungs­äus­se­run­gen gibt es wahr­lich schon ge­nug in der Par­tei.

    Denn das mit der „In­tel­li­genz der Mas­se“ funk­tio­niert IM­HO nur an­stän­dig, falls Ein­zel­ne Denk­an­stös­se lie­fern, die die Mas­se dann zum Nach­den­ken an­re­gen, wor­aus dann et­was Grös­se­res ent­ste­hen könn­te, als der Ein­zel­ne lie­fern kann.

    Und nie­mand hat be­haup­tet, dass es ein­fach wer­den wür­de… Al­so gib bit­te nicht auf.

  • Sprechsucht

    Si­cher hast Du in vie­lem Recht.
    Doch be­hal­te im Hin­ter­kopf, dass die Pi­ra­ten­par­tei ei­ne Par­tei im Lern­pro­zess ist. Ich rech­ne mal schwer da­mit, dass die Pro­zes­se sich wei­ter­ent­wi­ckeln und ver­bes­sern. In­halt­lich heißt ei­ne the­ma­ti­sche Er­wei­te­rung auch nicht, dass die „klas­si­schen“ Pi­ra­ten­the­men plötz­lich ab­ge­schrie­ben wä­ren.
    Auch war Chem­nitz erst Teil eins der in­halt­li­chen Fest­le­gung und auf den fol­gen­den Bun­des­par­tei­ta­gen wird wei­ter­ge­macht. Män­gel kön­nen dann be­sei­tigt, Pro­gramm­lü­cken ge­schlos­sen und das The­men­spek­trum er­wei­tert wer­den, um ei­ne Bür­ger­rechts­par­tei für das 21. Jahr­hun­dert zu for­men. Die Hoff­nung stirbt zu­letzt.

    • Slash

      Das Lern­pro­zess-Ar­gu­ment wird in­ter­ne Kri­ti­ker wohl noch bis 2030 be­glei­ten. An­ders ist sei­ne An­brin­gung selbst 4 Jah­re nach der Grün­dung nicht zu deu­ten.
      Du schreibst, dass ei­ne the­ma­ti­sche Erwei­te­rung nicht zwangs­wei­se da­zu füh­ren muss, dass die „klas­si­schen” Pira­ten­the­men plötz­lich abge­schrie­ben wä­ren.
      Fak­tisch ist das je­doch teil­wei­se in Chem­nitz ge­sche­hen.
      Aus­ge­führt an mei­nem per­sön­li­chen Lieb­lings-The­ma Ur­he­ber­recht:
      Der wachs­wei­che An­trag GP 118 mit er­drü­ckend star­kem An­schein, sich mit ei­ner voll­stän­di­gen (=auch ide­elen) Ent­rech­tung der Ur­he­ber 10 Jah­re nach Erst­ver­öf­fent­li­chung als Ele­fant im Porcel­lan-La­den an­zu­stel­len, wur­de an­ge­nom­men. Die gan­ze AG Ur­he­ber­recht war je­der ein­zelnd für sich be­trach­tet da­ge­gen, wie auf der in­ter­nen Mai­ling­lis­te nach­träg­lich her­aus­kam.
      Der hah­ne­bü­cher­ne „Geis­ti­ges Eigentum“-Antrag fand über 150 Pi­ra­ten (!), die die­sem zu­ge­stimmt ha­ben;
      deut­lich pro­duk­ti­ve­re und sub­stanz­vol­le­re An­trä­ge zum Ur­he­ber­recht, die mit lan­ger Vor­lauf­zeit ver­öf­fent­licht und dis­ku­tiert wur­den, ka­men gar nicht erst zu An­spra­che – Aus­ge­sto­chen vom for­mel­len An­trags­form-Hop­ping mit ego­zen­tri­schen Ab­sich­ten.

      Das Pro­blem mit dem BGE-Be­für­wor­ter-Zu­strom ist mir auch be­reits in den Sinn ge­kom­men, Dirk. Ich leg‘ es je­doch an­ders als du aus:
      Im­ho ha­ben BGE-Be­für­wor­ter gro­ße Schnitt­punk­te mit un­se­ren Kern-Be­rei­chen, al­ler­dings man­gelt es ih­nen stark an Sach­kun­dig­keit in die­sen; zu­dem wird auch der feh­len­de Be­zug zum An­spruch, ei­ne neue, sach­li­che Art von Po­li­tik zu kul­ti­vie­ren, zu­künf­tig si­cher schwer ver­dau­lich für die Pi­ra­ten­par­tei sein.
      Den Vor­ge­schmack da­für lie­fer­te be­reits die BGE-Dis­kus­si­on am Abend des ers­ten Ver­an­stal­tungs­tags.