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Po­li­ti­sche Zu­kunft: Die Pi­ra­ten­par­tei und ich

Im Nach­gang der Mit­glie­der­ver­samm­lung des Re­gi­ons­ver­ban­des am ver­gan­ge­nen Wo­chen­ende habe ich ei­nen be­reits seit lan­gem sich ab­zeich­nen­den Ent­schluss ge­fasst: Ich werde zur Kom­mu­nal­wahl 2016 nicht er­neut für die Pi­ra­ten­par­tei auf ei­nem Lis­ten­platz an­tre­ten. Das hat zum ei­nen pri­vate Gründe: Im Herbst 2016 werde ich ziem­lich ge­nau 13 Jahre lang po­li­ti­sch ak­tiv ge­we­sen sein. Ich möchte noch­mal eine Phase ein­läu­ten, in der ich mich ver­stärkt mei­ner Ar­beit widme – und das geht nur, wenn ich meine po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten er­heb­lich re­du­ziere.

Der Blog-Autor 2012 beim Piraten-Bundesparteitag: Piraten? Ja? Nein?

Der Blog-Au­tor 2012 beim Pi­ra­ten-Bun­des­par­tei­tag: Pi­ra­ten? Ja? Nein?

Zum an­de­ren sehe ich so­wohl die ak­tu­elle Si­tua­tion als auch die Ent­wick­lung der Pi­ra­ten­par­tei äu­ßerst kri­ti­sch: Es gibt keine po­li­ti­sch-in­halt­li­chen Struk­tu­ren oder dem­entspre­chende Ar­beit. Die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor­an­ge­trie­bene in­halt­li­che Zer­split­te­rung hat zu ei­ner Be­lie­big­keit ge­führt, die nun­mehr auch für keine in­halt­lich fo­kus­sier­ten Men­schen mehr at­trak­tiv ist. Da­mit wer­den die Kern­kom­pe­ten­zen der Par­tei mar­gi­na­li­siert, was sich darin äu­ßert, dass auch dort keine in­halt­li­che Ar­beit mehr statt­fin­det.

Der Zer­fall ließe sich viel­leicht auf­hal­ten, wenn an den Glie­de­rungs­spit­zen Men­schen stün­den, die wie­der eine fo­kus­sierte po­li­ti­sche Ar­beit vor­an­bräch­ten – und da­mit si­cher ein er­heb­li­ches Maß an Ar­beit in­ves­tier­ten. Sollte dann aber tat­säch­lich die Pi­ra­ten­par­tei „re­ani­miert“ wer­den und wie­der eine – zu­mal per­spek­ti­vi­sche – po­li­ti­sche Be­deu­tung er­rei­chen, wäre es höchst wahr­schein­lich, dass er­neut Pro­zesse wie im Jahr 2012 ein­setz­ten, über die de­struk­tive Men­schen – sei es aus Pos­ten­gier, feh­len­der So­zi­al­kom­pe­tenz oder als Agent Pro­vo­ca­teur – ei­nen Ver­falls­pro­zess aus­lös­ten. Die in­nere Ver­fasst­heit der Pi­ra­ten­par­tei ver­hin­dert sol­che Ent­wick­lun­gen nach wie vor nicht ef­fek­tiv. Das ist für mich auch Grund, nicht selbst in diese Rich­tung tä­tig ge­wor­den zu sein. Das – und der Ein­druck, dass lei­der ein gro­ßer Teil der „Ba­sis“ bei Wahlen zu Vor­stands­äm­tern häu­fig eben *nicht* Kan­di­da­ten mit kla­rem po­li­ti­schen Pro­fil wäh­len, son­dern viel­fach mög­lichst kan­ten­lo­sen „Kon­sens“ fa­vo­ri­sie­ren – mit der Er­geb­nis der be­schrie­be­nen in­halt­li­chen Be­lie­big­keit. Und wenn der Wille dazu die Mehr­heit ist, dann ist es auch zweck­los, da­ge­gen an­zu­ar­bei­ten.

Ich stehe des­halb we­der für „aus­sichts­rei­che“ noch für „nicht aus­sichts­rei­che“ Lis­ten­plätze zur Ver­fü­gung. Und ich möchte ganz deut­lich al­len, die eine sol­che Kan­di­da­tur an­stre­ben, sa­gen: Über­legt es euch gut! Die Pi­ra­ten­par­tei hat kaum noch ein wahr­nehm­ba­res po­li­ti­sches Pro­fil, sie hat keine Struk­tu­ren für po­li­ti­sche Ar­beit und der An­teil der Mit­glie­der, die sol­che Struk­tu­ren wol­len oder gar aus­fül­len kön­nen, ist mei­nes Er­ach­tens zu klein für eine nach­hal­tige po­lit­sche Ar­beit – was ja ir­gend­wie Kern des Pro­blems ist. So wird man zum Ein­zel­kämp­fer – und das ist nicht Sinn ei­ner po­li­ti­schen Man­da­tie­rung.

Ich be­dau­ere diese Ent­wick­lung au­ßer­or­dent­lich. Ich ge­hörte zu den al­ler­ers­ten Ak­ti­ven, die 2006 mit dem Auf­bau von Par­tei­struk­tu­ren in Nie­der­sach­sen und Han­no­ver be­gon­nen ha­ben. Ich war im Bun­des­vor­stand und im Re­gi­ons­vor­stand je­weils als Vor­sit­zen­der tä­tig. Ich halte die ur­sprüng­lich for­mu­lier­ten po­li­ti­schen Ziele der Pi­ra­ten­par­tei nach wie vor für höchst re­le­vant und in al­len an­de­ren Par­teien für völ­lig un­ter­re­prä­sen­tiert. Lei­der gilt das mitt­ler­weile aber auch für die Pi­ra­ten­par­tei selbst. An­ge­sichts des Po­ten­ti­als von vor vier bis fünf Jah­ren ist das eine in al­ler­höchs­tem Maße be­dau­er­li­che Ent­wick­lung. Schön­fär­be­rei ist in die­ser Si­tua­tion aber Selbst­täu­schung.

Marvin: Derselbe Parteitag, dieselbe Frage...

Mar­vin: Der­selbe Par­tei­tag, die­selbe Frage…

Ich werde mein han­no­ver­sches Rats­man­dat bis zum Ende der Rats­pe­ri­ode wahr­neh­men und kon­struk­tiv aus­fül­len. Die in der heu­ti­gen HAZ kol­por­tier­ten Wech­sel­ge­rüchte zu ei­ner an­de­ren Par­tei – wo­mög­lich mit der Ab­sicht ei­ner Auf­stel­lung auf ei­nem „aus­sichts­rei­chen“ Lis­ten­platz – ent­beh­ren je­der Grund­lage; das hatte und habe ich nicht vor.

Meine Pi­ra­ten­par­tei

Am kom­men­den Wo­chen­ende ist nun also der „Schick­sal­spar­tei­tag“ der Pi­ra­ten­par­tei in Halle. In den letz­ten Wo­chen und Mo­na­ten hat es de­fi­ni­tiv kei­nen Spaß ge­macht, die­ser Par­tei an­zu­ge­hö­ren. Ich möchte an drei Punk­ten dar­stel­len, was „meine“ Pi­ra­ten­par­tei aus­macht – was für mich die Gründe wa­ren, ge­nau die­ser Par­tei bei­zu­tre­ten und was sie mei­nes Er­ach­tens ma­chen muss, da­mit ich mich wei­ter mit ihr iden­ti­fi­zie­ren kann.

Meine Pi­ra­ten­par­tei steht für eine li­be­rale Po­li­tik und eine gleich­be­rech­tigte, of­fene Ge­sell­schaft. Sie gibt sich kei­nen Ver­schwö­rungs­theo­rien hin und ge­nau­so­we­nig Men­schen oder Denk­rich­tun­gen, die be­haup­tete Un­ter­ge­rech­tig­kei­ten in der Ge­sell­schaft mit Gän­ge­lung oder Ge­sin­nungs­spit­ze­lei be­ant­wor­ten. In der Sat­zung steht: „Mit­glie­der wer­den ge­schlechts­neu­tral als ‚Pi­ra­ten‘ be­zeich­net.“ Das ist der Geist mei­ner Pi­ra­ten­par­tei und keine „I“s, Stern­chen, Un­ter­stri­che oder Kom­bi­na­tio­nen dar­aus, die ir­gend­eine Form von „ge­rech­ter Spra­che“ dar­stel­len sol­len. Je­dem Men­schen seine Frei­hei­ten und seine Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten zu ge­ben heißt auch, Men­schen und Men­schen­grup­pen nicht ge­gen­ein­an­der aus­zu­spie­len.

Meine Pi­ra­ten­par­tei macht Po­li­tik un­ter brei­test­mög­li­cher Be­tei­li­gung ih­rer Mit­glie­der. Sie prüft da­für ihre Ver­fah­ren und Me­tho­den und ver­än­dert sie ge­ge­be­nen­falls. Nach fast acht Jah­ren und nach et­li­chen An­läu­fen gibt es im­mer noch kein all­ge­mein ak­zep­tier­tes Ver­fah­ren zur On­line-Mei­nungs­fin­dung. Das be­rück­sich­tigt sie bei der Be­trach­tung. Meine Pi­ra­ten­par­tei prüft auch, ob die Par­tei­tage in ih­rer jet­zi­gen Form wirk­lich ge­eig­net sind, die Par­tei ins­ge­samt hin­rei­chend gut zu ver­tre­ten. In mei­ner Pi­ra­ten­par­tei geht es in ers­ter Li­nie um po­li­ti­sche In­halte, nicht um po­li­ti­sche Werk­zeuge

Meine Pi­ra­ten­par­tei ver­mehrt po­li­ti­schen Sach­ver­stand in den ei­ge­nen Rei­hen. Sie ist at­trak­tiv für Men­schen mit po­li­ti­scher und in­halt­li­cher Er­fah­rung. Sie nutzt diese Er­fah­rung, um fun­diert in­halt­lich zu ar­gu­men­tie­ren und Wis­sen in­ner­halb der Par­tei wei­ter­zu­tra­gen. Sie ver­mei­det in­halt­li­che Fest­le­gun­gen ohne eine fun­dierte Be­trach­tung des Sach­ver­halts. Meine Pi­ra­ten­par­tei ent­wi­ckelt ihre in­halt­li­chen Kon­zepte auch wei­ter und passt sie neuen po­li­ti­schen oder ge­sell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen an. Mit ei­ner C3S-Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft am Ho­ri­zont, dem Ver­le­ger-Leis­tungs­schutz­recht, den Ur­tei­len und po­li­ti­schen Ak­ti­vi­tä­ten zur „Vor­rats­da­ten­spei­che­rung“ und nicht zu­letzt den Snow­den-Ent­hül­lun­gen ent­wi­ckelt sie die Aus­sa­gen zu Ur­he­ber­recht, Bür­ger­rech­ten und Glä­ser­nem Bür­ger wei­ter. Die Pi­ra­ten­par­tei war die er­ste re­le­vante po­li­ti­sche Or­ga­ni­sa­tion, die sich der „De­mo­kra­tie im di­gi­ta­len Zeit­al­ter“ als über­grei­fen­dem Phä­no­men an­ge­nom­men hat. Meine Pi­ra­ten­par­tei bleibt die wich­tigste Platt­form für li­be­rale po­li­ti­sche For­de­run­gen in die­sem Ge­biet.

Meine Pi­ra­ten­par­tei ver­liert sich nicht in in­ter­nen Strei­te­reien und In­tri­gen. Sie wehrt sich ge­gen Men­schen und Grup­pen, die das von ihr ge­for­derte und ge­lebte li­be­rale Welt­bild nut­zen, um der Par­tei zu scha­den. Ihre in­ne­ren Or­gane för­dern eine le­ben­dige Dis­kus­si­ons­kul­tur und las­sen nicht zu, dass Men­schen auf Grund von Mei­nungs­äu­ße­run­gen an­ge­grif­fen wer­den oder ver­sucht wird, sie mund­tot zu ma­chen. Meine Pi­ra­ten­par­tei lässt sich nicht von klün­geln­den In­ter­es­sen­grup­pen in­stru­men­ta­li­sie­ren oder aus­ma­nö­vrie­ren, son­dern weist sol­che Grup­pen in ihre Schran­ken und ge­ge­be­nen­falls auch aus der Par­tei.

Ich „ma­che“ selbst seit nun­mehr gut zwei­ein­halb Jah­ren Po­li­tik als Ab­ge­ord­ne­ter im Rat der Stadt Han­no­ver. Be­züg­lich der in­ne­ren Struk­tu­ren von Po­li­tik war das die wohl er­nüch­terndste Er­fah­rung, die ich je­mals ge­macht habe. Ich bin umso mehr da­von über­zeugt, dass eine neue po­li­ti­sche Kraft wie die Pi­ra­ten­par­tei drin­gend ge­braucht wird, um die ver­krus­te­ten und ein­ge­fah­re­nen po­li­ti­schen Struk­tu­ren auf­zu­bre­chen. Es ist umso be­dau­er­li­cher, dass diese Par­tei bis­lang aus selbst ge­mach­ten Grün­den nicht in der Lage ist, diese Rolle schlag­kräf­tig und ak­tiv zu über­neh­men. Mo­men­tan ist dies der Haupt­grund da­für, dass ich nach wie vor Pi­rat bin: Ich sehe weit und breit keine an­dere po­li­ti­sche Kraft, die mit li­be­ra­len, frei­heit­li­chen und welt­of­fe­nen Grund­sät­zen diese Rolle über­neh­men könnte.

Ge­nau des­halb hoffe ich, dass am Mon­tag die Pi­ra­ten­par­tei noch meine Pi­ra­ten­par­tei ist.

Pi­ra­ten Han­no­ver: Po­di­ums­dis­kus­sion zur In­for­ma­ti­ons­frei­heit

Heute abend ver­an­stal­tet die Pi­ra­ten­par­tei eine Po­di­ums­dis­kus­sion zur In­for­ma­ti­ons­frei­heit. Burk­hard Mass­eida hat das Ham­bur­ger Trans­pa­renz­ge­setz vor­ge­stellt.

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Das Po­dium: Heike Boldt (Linke), Ka­tha­rina No­cun (Pi­ra­ten), Burk­hard Mass­eida (Pi­ra­ten), Maik Sar­nus

Im An­schluss dis­ku­tie­ren Heike Boldt von den Lin­ken, Ka­tha­rina No­cun und Burk­hard Mass­eida un­ter der Lei­tung von Maik Sar­nus über das Thema. In der Dis­kus­sion wur­den auch die Schwä­chen des Ham­bur­ger Ge­set­zes deut­lich. So wurde zum Bei­spiel Open Ac­cess kom­plett au­ßen vor ge­las­sen und ein paar „Bugs“ ha­ben sich auch ein­ge­schli­chen. Zu­dem ist das Ge­setz letzt­lich ein Kom­pro­miss zwi­schen den au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen In­ter­es­sen­grup­pen und dem Ham­bur­ger SPD-Se­nat.

Al­les in al­lem eine in­ter­es­sante Ver­an­stal­tung. zur Fort­set­zung emp­foh­len.

Of­fe­ner Brief an Ralf Kleyer: In Sa­chen „Neue Presse“

Lie­ber Ralf,

in der heu­ti­gen Neuen Presse wirst du in ei­nem Ar­ti­kel über die Pi­ra­ten­par­tei zi­tiert. Die Luft bei den Pi­ra­ten sei „ab­so­lut raus“, so ha­best du ge­sagt. Mit die­sem State­ment hast du es so­gar in die Über­schrift ge­schafft. Ich finde es er­staun­lich, dass du zu die­ser Ein­schät­zung kommst, wo man doch von dir seit vie­len Mo­na­ten nichts mehr ge­hört oder ge­se­hen hat.

Ralf Kleyer in der Neuen Presse am 2013-08-02: „Die Luft ist raus“ und „Ich frage mich manch­mal, warum ich noch Mit­glied bin.“

In dem Ar­ti­kel geht es um den von dem Jour­na­lis­ten ver­mu­te­ten Ak­ti­vi­täts­rück­gang in der han­no­ver­schen Pi­ra­ten­par­tei. Frü­her, so wurde ich auch ge­fragt, habe es viel mehr Bei­träge in den lo­ka­len In­ter­net-Dis­kus­si­ons­fo­ren der Par­tei ge­ge­ben. Ja, ich er­in­nere mich auch noch an diese schau­ri­gen Zei­ten: Eine re­la­tiv kleine Gruppe von Que­ru­lan­ten, Selbst­dar­stel­lern und Pöst­chen­jä­gern hat über Mo­nate bru­tal ge­gen die­je­ni­gen agi­tiert, die in­halt­lich und po­li­ti­sch für die Ziele der Pi­ra­ten­par­tei ge­ar­bei­tet und Ver­ant­wor­tung über­nom­men ha­ben. Diese Leute sind mitt­ler­weile – fast alle – weg. Üb­ri­gens, Ralf, du warst es, der sich un­ter all diese Ge­stal­ten ge­mischt und mit ih­nen hat ab­lich­ten las­sen. Du hast dich da­mals dazu her­ge­ge­ben, ei­ner „Spal­tung des Re­gi­ons­ver­ban­des“ das Wort zu re­den. Du hast zwei Wo­chen vor der nie­der­säch­si­schen Land­tags­wahl ein In­ter­view ge­ge­ben, in dem du da­von ab­ge­ra­ten hast, die Pi­ra­ten­par­tei zu wäh­len. Ahnst du, wie viele Men­schen in die­ser Par­tei dei­nem dies­be­zü­li­chen Trei­ben fas­sungs­los zu­ge­se­hen ha­ben? Men­schen, die sich ge­fragt ha­ben: „Ist das der Ralf Kleyer, der so en­ga­giert im Kom­mu­nal­wahl­kampf 2011 mit­ge­ar­bei­tet hat. Der mo­na­te­lang mit der Pi­ra­ten­flagge am Fahr­rad her­um­ge­fah­ren ist? Der ganz Hem­min­gen und Ar­num mit rie­si­gen Pi­ra­ten­flag­gen aus­staf­fiert hat?“ Es war wohl dein Glück, dass viele dein Trei­ben vor der Land­tags­wahl gar nicht so rich­tig mit­be­kom­men ha­ben. Dein da­ma­li­ges Ver­hal­ten, Ralf, war mei­nes Er­ach­tens grob par­tei­schä­di­gend und in je­dem an­de­ren La­den wärst du acht­kan­tig raus­ka­ta­pul­tiert wor­den.

Neue Presse vom 2012-10-26: Un­ter der Über­schrift „Zer­schie­ßen sich die Pi­ra­ten ihre Zu­kunft“ gibt Ralf Kleyer ei­nen von sechs „Frus­trier­ten“.

Lie­ber Ralf, lass dir ge­sagt sein: Die Luft ist nicht „raus“. Ganz und gar nicht. Ich zum Bei­spiel war ges­tern abend beim Ak­tiv­en­tref­fen. Nach­dem ich am Diens­tag beim Stamm­tisch in der List war. Und heute bin ich auch wie­der auf ei­nem Stamm­tisch (Me­phisto, Mis­burg, 19 Uhr). Und bei all die­sen Tref­fen wird po­li­ti­sch dis­ku­tiert, es wird ge­plant, be­schlos­sen. In Han­no­ver hän­gen schon wie­der hun­derte von Pla­ka­ten – bzw. wer­den die­ser Tage auf­ge­hängt. Lan­des­weit gibt es Kryp­to­par­tys. Mitt­ler­weile zwei De­mons­tra­tio­nen in Han­no­ver zu den ak­tu­el­len Vor­gän­gen um den NSA-​/​BND-​Internetüberwachungsskandal wur­den un­ter Mit­wir­kung der Pi­ra­ten vor Ort ver­an­stal­tet. Mon­tag wird es ei­nen gei­len Wahl­kampf­auf­takt mit­ten in Han­no­ver ge­ben. Das ist „Luft raus“? Sorry, aber auf wel­chem Pla­ne­ten lebst du?

Es gibt al­ler­dings in der Tat eine Frage, die sich die Pi­ra­ten in Han­no­ver im­mer wie­der stel­len: Was macht ei­gent­lich die Pi­ra­ten­frak­tion in der Re­gi­ons­ver­samm­lung der Re­gion Han­no­ver? Also der­je­ni­gen Frak­tion, de­ren Vor­sit­zen­der du bist. Das letzte, an was ich mich er­in­nern kann, war die Mel­dung, dass ihr eine er­heb­li­che Summe Geld habt ver­fal­len las­sen, die euch für Öf­fent­lich­keits­ar­beit zu­ge­stan­den hätte. Öf­fent­lich­keits­ar­beit, die Frak­ti­ons­stand­punkte zu Re­gi­ons­the­men hätte dar­stel­len kön­nen. D-Li­nie, Y-Trasse, Müll­ge­büh­ren, Kran­ken­haus­fi­nan­zie­rung, fi­nan­zi­elle Si­tua­tion der Um­land­ge­mein­den – The­men gibt es reich­lich. Zu se­hen oder zu hö­ren ist von euch – we­nig. Fun­dierte Äu­ße­run­gen gibt es – noch we­ni­ger. Ein Aus­tau­sch mit der Par­tei fin­det in Han­no­ver nicht statt. Er­geb­nisse von Frak­ti­ons­sit­zun­gen finde ich nir­gends, pro­gram­ma­ti­sche Aus­sa­gen im Rah­men der Haus­halts­de­bat­ten eben­so­we­nig. Für mich sieht es so aus, als wenn es gar keine Haus­halts­re­den der Pi­ra­ten­frak­tion in der Re­gi­ons­ver­samm­lung ge­ge­ben hätte. Und ich gebe zu: Von der Rats­frak­tion aus ha­ben wir uns mitt­ler­weile dran ge­wöhnt, dass wir kei­nen wirk­li­chen An­sprech­part­ner für Pi­ra­ten­po­li­tik in der Re­gi­ons­ver­samm­lung ha­ben. Das, lie­ber Ralf, ist dein Ver­ant­wor­tungs­be­reich. Das ist der Be­reich, in dem du da­für sor­gen kannst, dass eben nicht „die Luft ab­so­lut raus“ ist. Dass du ir­gend­et­was in diese Rich­tung un­ter­nimmst, kann ich nicht se­hen. Und ich sage aus­drück­lich: Lei­der. Vor die­sem Hin­ter­grund wir­ken auf mich deine An­würfe ge­gen die Par­tei ge­ra­dezu bi­zarr.

Die Frage in dem In­ter­view, warum du noch Mit­glied sei­est, be­ant­wor­test du mit: „Das frage ich mich auch manch­mal.“ Ralf, mit die­ser Ant­wort bist du nicht al­lein. Aber ich sage dir was: Es gibt eine Lö­sung. Nie­mand ist ge­zwun­gen, Mit­glied die­ser Par­tei zu sein. Tritt aus und fühl dich frei! Aber dann sei auch so ehr­lich und gib‘ dein Man­dat zu­rück und lass Men­schen in die par­la­men­ta­ri­sche Ver­tre­tung ein­zie­hen, die sich mit der Pi­ra­ten­par­tei und ih­ren Zie­len iden­ti­fi­zie­ren und die für die Pi­ra­ten­par­tei po­li­ti­sch ar­bei­ten. Mo­men­tan weiß ich näm­lich nicht so recht, was ich von dei­nem Agie­ren hal­ten soll: Auf der ei­nen Seite re­dest du mas­siv ge­gen die Pi­ra­ten, auf der an­de­ren Seite bist du Vor­sit­zen­der der Pi­ra­ten­frak­tion des – for­mell – größ­ten po­li­ti­schen Gre­mi­ums auf kom­mu­na­ler Ebene in Nie­der­sach­sen. Ralf, mal ehr­lich: Bei­des geht nicht! Ir­gend­wann musst du dich ent­schei­den, ob du nun für oder ge­gen die Par­tei ar­bei­ten willst, in de­ren Na­men du 2011 in die Re­gi­ons­ver­samm­lung ge­wählt wor­den bist. Sonst stellt sich am Ende noch je­mand die Frage, ob du deine Pos­ten (ich will ja an die­ser Stelle auch dein Man­dat im Hem­min­ger Stadt­rat nicht un­ter­schla­gen, von dem zu­min­dest ich eben­so­we­nig po­li­ti­sch Ge­halt­vol­les höre) nur des­halb be­hältst, weil du da eine ins­ge­samt gar nicht so kleine Summe an Auf­wands­ent­schä­di­gun­gen für be­kommst (Merke: Frak­ti­ons­vor­sit­zende be­kom­men mehr). Und bei dei­nen kämp­fe­ri­schen Tö­nen ge­gen Vor­teils­nahme und Vet­tern­wirt­schaft kann ich mir nicht vor­stel­len, dass du ei­nem sol­chen Ein­druck Vor­schub leis­ten willst.

In die­sem Sinne: Wenn du der Mei­nung bist, die Pi­ra­ten­par­tei könne für dich keine po­li­ti­sche Hei­mat mehr sein, dann zieh‘ die Kon­se­quen­zen. Aber ziehe sie auch voll­stän­dig. „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ war auf Dauer noch nie eine glaub­wür­dige Sta­te­gie. Und sie funk­tio­niert auch nicht.

Viele Grüße,
Dirk Hill­brecht

Prism (III): Wie doof ist die deut­sche Re­gie­rung?

Nach den ers­ten bei­den Prism-Ar­ti­keln hier im Blog nun Teil 3. Wie an­ge­kün­digt mit Schwer­punkt Deutsch­land. Und deut­sche Re­gie­rung. Die et­was pro­vo­kant for­mu­lierte Frage: Wie doof sind die ei­gent­lich?

Mal ehr­lich: Die er­ste Ein­las­sung un­se­res In­nen­mi­nis­ters Fried­rich: „Nö, wir wis­sen auch nur, was in der Zei­tung steht.“ Das wäre – mit Ver­laub – ziem­lich doof. Dann Kanz­le­rin Mer­kel mit ih­rem „Neuland“-Spruch. Ich weiß nicht, ob ich das für doof oder cle­ver hal­ten soll – ei­ni­gen wir uns auf „cle­ver-doof“. Und bei­des vor dem Hin­ter­grund, dass da­mals schon be­kannt war, dass die meis­ten NSA-Da­ten in Eu­ropa in Deutsch­land ab­ge­grif­fen wer­den.

Nach­dem die In­ter­net-To­tal­kon­trolle in so ziem­lich je­dem an­de­ren eu­ro­päi­schen Land of­fen­bar ge­wor­den ist, nun also (end­lich, möchte man fast sa­gen) auch Deutsch­land. Schied­lich-fried­lich wird hier­zu­lande ge­mein­sam mit dem gro­ßen NSA-Bru­der an den Lei­tun­gen ge­schnüf­felt und ge­lauscht.

Die Frage ist: Warum nur? Ter­ro­ris­ti­sche Aus­bil­dungs­camps auf deut­schem Bo­den sind nicht exis­tent. An­griffs­kriege sind mei­nes Wis­sens auch nicht ge­plant. Wenn man die schö­nen Re­den von Grund- und Men­schen­rech­ten ernst nimmt, dann ver­bie­tet sich eine To­tal­über­wa­chung der Be­völ­ke­rung von selbst. Und selbst, wenn man sie nicht ernst nimmt: Warum der Auf­wand?

Die Ant­wort ist mei­nes Er­ach­tens so ein­fach wie dreist: Un­ge­hemmte Wirt­schafts­spio­nage. Das ist ei­ner­seits be­ängs­ti­gend, an­de­rer­seits aber vor al­lem un­glaub­lich är­ger­lich: Ich bin selbst Un­ter­neh­mer. Durch Wirt­schafts­spio­nage ent­steht mir wirt­schaft­li­cher Scha­den. Die­ser fin­det sich Brut­to­in­lands­pro­dukt wie­der. Und da­mit trifft er di­rekt wen? Ge­nau: Deutsch­land. Die deut­sche Re­gie­rung deckt und för­dert die­je­ni­gen Kräfte, die di­rekt Deutsch­land Scha­den zu­fü­gen. Das ist nicht nur doof, das ist me­ga­doof.

Und da ist es nur ein schwa­cher Trost, dass ich Klein­krau­ter höchst­wahr­schein­lich nicht im Fo­kus trans­at­lan­ti­scher Wirt­schafts­schnüf­fe­lei stehe. In­ter­na­tio­nal agie­rende Kon­zerne oder po­li­ti­sche Ver­tre­ter (Stich­wort: Frei­han­dels­zone) sind da ein we­sent­lich loh­nen­de­res Ziel, was die Sa­che aber nicht bes­ser macht.

Mal an­ge­nom­men, Re­gie­rung und Ge­heim­dienste hier­zu­lande hät­ten über Prism und Co. wirk­lich nicht Be­scheid ge­wusst. Dann wäre es ge­ra­dezu ihre Auf­gabe ge­we­sen, den Whist­leb­lo­wer Snow­den nach Deutsch­land zu ho­len, ihm die Preis­gabe al­ler De­tails zu er­mög­li­chen und ihn an­schlie­ßend ru­hig le­ben zu las­sen (Sport­ler wer­den hier­zu­lande schon für er­heb­lich we­ni­ger ein­ge­bür­gert…).

Ed­ward Snow­den nach Deutsch­land: Das Emp­fangs­kom­mit­tee wäre da – Pi­ra­ten am Sams­tag auf deut­schen Flug­hä­fen

Dass sie sich statt­des­sen so schnell wie mög­lich – und mit äu­ßerst dür­ren Wor­ten – von der Bühne ge­schli­chen hat, ist ent­we­der auch doof oder der Ver­such, bloß nicht zur Auf­klä­rung die­ses die ge­samte „west­li­che Welt“ um­span­nen­den Skan­dals bei­tra­gen zu müs­sen – weil sie ge­nau wis­sen, dass sie selbst tief mit drin­ste­cken.

…was auch ex­trem doof wäre.

Prism und die Pi­ra­ten­par­tei? Wo ist Bernd Schlö­mer?

Die Pris­mwellen schla­gen im­mer noch hoch. Mit Kal­kül – so ver­mute ich – wer­den alle 2-3 Tage neue Ein­zel­hei­ten über die Späh- und Über­wa­chungs­struk­tu­ren west­li­cher Ge­heim­dienste ge­gen ihre ei­ge­nen Staa­ten be­kannt. Und ich ver­mute wei­ter, dass da auch noch ei­ni­ges kommt.

Und die Pi­ra­ten­par­tei? Ich meine, wie war das? „Stär­kung der Bür­ger­rechte„, „Frei­heit im In­ter­net„, vor al­lem aber „Trans­pa­ren­ter Staat statt trans­pa­ren­ter Bür­ger„??? Da­mit sind wir doch mal an­ge­tre­ten, oder? Da­mit ha­ben wir uns ge­gen die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ge­stemmt, ge­gen Zen­sur­sula, ge­gen ACTA. Aber das ist doch al­les nur Krü­mel­ka­cke ge­gen das, was da mo­men­tan öf­fent­lich wird. West­li­che Ge­heim­dienste schnüf­feln west­li­chen Ge­sell­schaf­ten schran­ken­los hin­ter­her. Kei­ner weiß Ge­naues – es sind ja Ge­heim-Dienste. Ich sage: Das un­ter­gräbt die Bür­ger­rechte, das un­ter­gräbt die Frei­heit im In­ter­net und es ist das Sinn­bild für „Trans­pa­ren­ter Bür­ger statt trans­pa­ren­tem Staat“. Es ist der ex­akte Ge­gen­ent­wurf zu den po­li­ti­schen Zie­len der Pi­ra­ten­par­tei.

Und die Pi­ra­ten­par­tei? Ok, die Demo am Sams­tag. 200 Teil­neh­mer. Und alle so: Yeah! Und sonst? Hm. Mal nach­den­ken. … (Stimme aus dem Off: „Streng dich an, Dirk!“) Hmmmmmm…. („Fes­ter!“) Öööööhhhmmmmm… („Noch fes­ter!“) … Öffff. Ich weiß nicht. 🙁 Also, ok, wenn ich auf der Web­seite nach­schaue, dann lerne ich et­was von ei­nem „6-Punkte-Plan“ für ein freies Netz. Das kleine Pro­blem: Die­ser „6-Punkte-Plan“ kommt auf Nicht-Pi­ra­ten-Sei­ten nicht vor. Und wie heißt es so schön? „Pics or it didn’t hap­pen.“

Dar­über hin­aus? Ich lehne mich mal aus dem Fens­ter: Nichts. Keine Ana­ly­sen, keine Kom­men­tare, keine For­de­run­gen. Keine An­kla­gen, keine Auf­rufe, kein Pro­test. Nichts. Je­den­falls nichts, was ir­gend­wie in die öf­fent­li­che Be­richt­erstat­tung durch­dränge.

Pi­ra­ten­par­tei und Prism: Rosa Ein­horn oder was?

Woran liegt’s? Nun, schauen wir mal weg von der Par­tei im Gan­zen hin zu ih­ren Mit­glie­dern. Zu den „Köp­fen“, de­nen, die es ein­fa­cher ha­ben, in der Öf­fent­lich­keit wahr­ge­nom­men zu wer­den. Bernd Schlö­mer zum Bei­spiel. Er ist der Bun­des­vor­sit­zende. Und in der Tat – Bernd hat sich ge­äu­ßert. In ei­nem Blog­ar­ti­kel mit dem schö­nen Ti­tel: „Ver­lo­ren im #Neu­land„. Er be­ginnt mit

Es wirkt ein we­nig be­lus­ti­gend

und en­det mit

Liebe Bun­des­tags­par­teien, ma­chen Sie ein­fach mal et­was und em­pö­ren Sie sich nicht an­dau­ernd. Ihre Po­li­tik nervt lang­sam.

Schlö­mer! Mann! „Be­lus­ti­gend“??? Ich ver­rat‘ dir jetzt mal ein Ge­heim­nis: Wir sind auch eine po­li­ti­sche Par­tei. Wir ma­chen das, weil die an­de­ren das seit Jah­ren nicht hin­krie­gen. Wir wol­len das än­dern. Und üb­ri­gens wol­len wir auch in den Bun­des­tag.

Du bist der Boss von dem La­den hier. Was ist das für ein Si­gnal, wenn der Bun­des­vor­sit­zende der Pi­ra­ten­par­tei die an­de­ren Par­teien auf­for­dert, was „zu ma­chen“? Ohne zu schrei­ben, was wir selbst ma­chen und for­dern. Ich finde: Ein schlech­tes. Zu­mal wenn es um ur-ur-ei­gen­ste Pi­ra­ten­pro­gram­ma­tik geht. So­zu­sa­gen die Kern­zone von #Neu­land. Und dann wir so: „Hey, das ist voll nich‘ gut so, macht doch mal was, ihr an­de­ren.“

???

Die an­de­ren sind auch nicht er­gie­bi­ger: Se­bas­tian Nerz: 1 Blog­ar­ti­kel, 0 Kom­men­tare, seit 2013-06-22 nix. Mar­kus Ba­ren­hoff: 1 Youtube-Vi­deo. Ton­qua­li­tät wie in ’ner Kon­ser­ven­dose. Er­wäh­nun­gen in der Presse: Null. Das sind zu­min­dest die Er­geb­nisse mei­ner (NSA-über­wach­ten?) Goo­gle-Re­cher­che. Wenn ich fal­sch liege, kor­ri­giert mich gerne.

Ok, Katta. Die Frau hält das Thema hoch, sie macht das gut. Aber ist es wirk­lich die Stra­te­gie des Bun­des­vor­stan­des, die ge­samte Öf­fent­lich­keits­ar­beit in Sa­chen „Prism“ bei Ka­tha­rina No­cun ab­zu­la­den? Ja, sie ist po­li­ti­sche Ge­schäfts­füh­re­rin. Aber mal ehr­lich: An­gela Mer­kel schickt auch nicht Klaus Schü­ler vor, um die Prism-Po­si­tion der CDU un­ters Volk zu brin­gen. (Wo­bei: Viel schlech­ter könnte der es auch nicht ma­chen…) Zu­dem: Kat­tas Thema ist der Da­ten­schutz. „Prism“ ist aber mei­nes Er­ach­tens im Kern kein Da­ten­schutz­pro­blem, son­dern be­rührt un­sere Ge­sell­schaft viel um­fas­sen­der.

Also, lie­ber Bun­des­vor­stand, was soll diese wahr­ge­nom­mene Nicht­be­fas­sung mit dem Thema? Ich war auch mal Bun­des­vor­sit­zen­der, ein biss­chen kenne ich das Spiel: Die Jour­na­lie in­ter­es­siert im­mer, was der Boss sagt. Alle un­ter­halb des Bos­ses sind Bei­werk, egal wie gut sie fach­lich sind. Klingt ko­mi­sch, is‘ aber so. Warum sagt der Boss nichts?

Prism be­trifft gleich meh­rere zen­trale An­lie­gen der Pi­ra­ten­par­tei. Alle an­de­ren Par­teien agie­ren ge­hemmt. Sie sind an­ge­sichts ih­rer frü­he­ren Ak­tio­nen und Äu­ße­run­gen nur so mit­tel­glaub­wür­dig. Es ist Som­mer­loch. Es sind Wahlen. Wo ist die Pi­ra­ten­par­tei? Wo ist Bernd Schlö­mer?

Anti-Prism-Demo in Han­no­ver: Wo sind die Teil­neh­mer?

Am Sams­tag, 2013-06-29, gab es in Han­no­ver die für Nie­der­sach­sen zen­trale Kund­ge­bung ge­gen die um­fang­rei­che Über­wa­chung der Ge­sell­schaft durch amer­ki­ani­sche und an­dere Ge­heim­dienste, die un­ter dem Na­men „Prism“ seit Wo­chen für Schlag­zei­len sorgt. Ein par­tei­über­grei­fen­des Bünd­nis hatte auf­ge­ru­fen und ent­spre­chend wa­ren Teil­neh­mer aus ganz un­ter­schied­li­chen Rich­tun­gen zu­sam­men­ge­kom­men. Vor ei­ni­gen Ein­drü­cken von Ver­samm­lung und De­mo­zug ein paar An­mer­kun­gen von mir:

  • Die Or­ga­ni­sa­tion war gut. Mat­thias‘ „fahr­bare Pi­ra­ten­bühne“ hat sich mal wie­der be­währt, die Or­ga­ni­sa­to­ren hat­ten auf die Schnelle eine be­mer­kens­werte An­zahl Un­ter­stüt­zer­or­ga­ni­sa­tio­nen zu­sam­men­be­kom­men. Die De­mo­route war klein aber fein und es blieb auf der ge­sam­ten Ver­an­stal­tung ab­so­lut fried­lich – ei­gent­lich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, aber ich schreibe es lie­ber noch­mal hin.
  • Bei den Re­den hätte ich mir hier und da mehr den „Blick auf das Große Ganze“ ge­wünscht. Si­cher, Über­wa­chung be­trifft je­den Ein­zel­nen, aber es geht doch um das Ver­ständ­nis von Staat und da­mit auch um das Selbst­ver­ständ­nis des Staa­tes. Das ist in den Re­den hier und da ein we­nig un­ter­ge­gan­gen.
  • Wo wa­ren die Leute??? Ok, es war kurz­fris­tig. Ok, das Wet­ter war schlecht. Aber kaum ein Thema ist mo­men­tan so „heiß“ wie Prism. Es gibt um­fang­rei­che – und gute – Be­richt­erstat­tung in den Me­dien. Es kom­men im­mer noch neue Er­kennt­nisse ans Ta­ges­licht. Mit Snow­dens Flucht gibt es so­gar eine „men­schelnde“ Kom­po­nente. Es ru­fen 17 Par­teien und Or­ga­ni­sa­tio­nen zum Mit­ma­chen auf. Und dann nur 500 Teil­neh­mer (und diese of­fi­zi­elle Zahl er­scheint mir auch als ab­so­lute Ober­grenze ei­ner halb­wegs fun­dier­ten Schät­zung)???

Ich stehe da so ein we­nig rat­los da­ne­ben. Woran liegt diese ge­ringe Teil­nahme? Den­ken die Men­schen im­mer noch, es be­träfe sie nicht? Oder sind die Leute ab­ge­stumpft? Ich habe mich am Rande des De­mons­tra­ti­ons­zu­ges mit ei­ner Zu­schaue­rin un­ter­hal­ten und sinn­ge­mäß zu hö­ren be­kom­men: „Wir wer­den doch schon seit Jah­ren ab­ge­hört. Dass euch das jetzt erst auf­fällt…“

Es wäre für mich in­ter­es­sant zu hö­ren, was an­dere dar­über den­ken. In ei­nem In­ter­view mit IK­News (im Vi­deo ab 10:42) habe ich mich selbst noch­mal ge­äu­ßert.

Ich fände es span­nend, auch von an­de­ren zu hö­ren, wie sie zu die­sem Phä­no­men ste­hen. Nun aber zu den Ein­drü­cken von der Demo:

Mit­tel­punkt der Kund­ge­bung: Die lang­be­währte por­ta­ble Red­ner­tri­bühne, hier mit Or­ga­ni­sa­tor Jan Zim­mer­mann

pa­de­luun von Di­gi­tal­cou­rage e.V.

Ni­k­las Drex­ler von den Ju­Lis Nie­der­sach­sen

Helge Lim­burg, par­la­men­ta­ri­scher Ge­schäfts­füh­rer der Grü­nen in Nie­der­sach­sen

Tim We­ber im Na­men von Mehr De­mo­kra­tie e.V.

Ka­tha­rina No­cun, po­li­ti­sche Ge­schäfts­füh­re­rin der Pi­ra­ten­par­tei

Die Re­den be­trach­te­ten das Thema aus un­ter­schied­li­chen Rich­tun­gen. Es gibt ei­nen Li­ve­mit­schnitt der ge­sam­ten Ver­an­stal­tung:

Das Pu­bli­kum war wie er­war­tet und er­hofft ge­mischt, das Gros kam aber un­über­seh­bar von der Pi­ra­ten­par­tei:

Pi­ra­ten­par­tei-Fah­nen auf der Anti-Prism-De­mons­tra­tion

Nach der Kund­ge­bung führte der De­mons­tra­ti­ons­zug über Opern­platz und Lui­sen­straße zum Ernst-Au­gust-Platz und von dort über die Bahn­hof­straße wie­der zu­rück zum Kröp­cke.

Start des De­mons­tra­ti­ons­zu­ges am Kröp­cke

De­mons­tra­ti­ons­zug am Ernst-Au­gust-Platz

Das Wet­ter war sehr durch­wach­sen, was die Teil­neh­mern aber mit pas­sen­der Aus­rüs­tung kon­tern­ten.

Die De­mons­tra­ti­ons­teil­neh­mer lie­ßen sich auch vom durch­wach­se­nen Wet­ter nicht ver­trei­ben

Pla­kate am Kund­ge­bungs­rand, die das Aus­maß der Be­spit­ze­lung ver­deut­li­chen

Trans­pa­rent für Volks­ent­scheide von Mehr De­mo­kra­tie e.V.

Guy Faw­kes war auch da…

Fa­zit: Gut or­ga­ni­siert, brei­tes Bünd­nis, wich­ti­ges Thema, er­schre­ckend schwach be­sucht.

Die Pi­ra­ten­par­tei und das Be­din­gungs­lose Grund­ein­kom­men (BGE): War da was?

Ges­tern abend gab es in der Pi­ra­ten-Ge­schäfts­stelle in Han­no­ver ei­nen „BGE-The­men­abend“. Ge­la­den wurde zu ei­ner „Dis­kus­si­ons­runde“ und der Kern­satz der Ein­la­dung hätte mich war­nen sol­len: „Wir dis­ku­tie­ren dar­über und schauen, was da­bei her­aus­kommt!“ Und so war es dann auch: Als ich – be­ruf­lich be­dingt et­was ver­spä­tet – ein­traf, war die Dis­kus­sion be­reits im Gange. Darum, dass es ver­schie­dene Mo­delle gibt (Grund­ein­kom­men, So­ckel­be­trag, ne­ga­tive Ein­kom­men­steuer,…). Dass diese et­was kos­ten (800 Mio, 1,2 Mrd, 1,5 Mrd,…). Wie­viel je­der be­kom­men soll (400 EUR, 800 EUR, 1200 EUR, 1500 EUR,…). Wer über­haupt (Alle Deut­schen in Deutsch­land, alle Deut­schen egal wo, alle in Deutsch­land,…). Ob je­der gleich viel be­kommt (Kin­der, Alte, Be­hin­derte, Er­werbs­lose,…). Wie man das ganze fi­nan­ziert (50% Mehr­wert­steuer, 150% Mehr­wert­steuer, Weg­fall an­de­rer So­zi­al­leis­tun­gen,…). Die po­li­tischste Frage war noch, warum man das ganze über­haupt ha­ben will: Geht es eher um die per­sön­li­che Frei­heit des Ein­zel­nen oder um die so­ziale Si­che­rung?

Kurz: Es war die ge­fühlt ein­tau­send­sie­ben­hun­dert­acht­und­neun­zigste Dis­kus­sion zu dem Thema, die ge­nau so wie all die bis­he­ri­gen ab­lief: Viele All­ge­mein­plätze, leuch­tende Au­gen beim Be­schrei­ben der Vor­teile, die eine sol­che Grund­si­che­rung böte, all­ge­meine Über­ein­stim­mung, dass wir eine sol­che Um­krem­pe­lung der deut­schen Ge­sell­schaft vor­an­brin­gen wol­len – aber quasi keine be­last­ba­ren Zah­len oder Über­le­gun­gen zu ei­nem in sich ge­schlos­se­nen Kon­zept, was man denn nun gerne hätte.

Die meis­ten An­we­sen­den um­trieb, das war den Re­de­bei­trä­gen zu ent­neh­men, vor al­lem die Ab­schaf­fung des Ar­beits­lo­sen­gel­des II („Hartz IV“). Meh­rere An­we­sende be­schrie­ben ei­gene, we­nig er­freu­li­che Er­fah­run­gen mit die­sem Sys­tem. Ich kann hier nichts Ei­ge­nes be­steu­ern und ich will nicht ab­strei­ten, dass das ALG II („Hartz IV“) so­ziale Här­te­fälle und un­er­träg­li­che Ein­griffe in Le­bens­ent­würfe und per­sön­li­che Frei­räume be­deu­tet, dass es das viel­leicht so­gar soll – aber das al­lein ist noch kein po­li­ti­sches Ar­gu­ment! Dar­über hin­aus wurde es aber so­fort dünne mit be­last­ba­ren Aus­sa­gen. „Ich glaube“, „ich glaube nicht“, „ich habe ge­hört“, „es ist doch klar“ – so be­gan­nen die meis­ten Äu­ße­run­gen in der Runde. Und aus die­sem Glau­ben oder Hö­ren­sa­gen wur­den dann ir­gend­wel­che Schlüsse ge­zo­gen: „Ich habe ge­hört, dass das Götz-Wer­ner-Mo­dell mit ei­ner 150%-Mehrwertsteuer ar­bei­tet.“ – „Nein, ich glaube, es sind nur 50%“ – „Ach so.“

Ein Ver­gleich von sechs Grund­ein­kom­mens- bzw. Grund­si­che­rungs­mo­del­len ging herum, et­was alt­mo­di­sch als ein­zel­ner Aus­druck auf Pa­pier. Mei­nen sämt­li­chen Vor­be­trach­tern war die Fuß­zeile nicht auf­ge­fal­len: „Stand: April 2007“. Nach­frage mei­ner­seits: „Ist das der Stand, auf den wir hier ge­rade auf­bauen?“ – „Öhm, hm… Joah…“ – „Aber ist das nicht ein biss­chen ver­al­tet?“ – „Naja, so viel ist ja seit­dem nicht pas­siert.“ – „Hat das mal wer nach­ge­prüft?“ – „Nö, warum?“

Warum??? Der April 2007 liegt mitt­ler­weile über sechs Jahre zu­rück. Zwi­schen­zeit­lich gibt es eine welt­weite Wirt­schafts­krise, di­verse Um­wäl­zun­gen in ver­schie­de­nen Volks­wirt­schaf­ten, mas­sive Ero­si­ons­er­schei­nun­gen der in­ner­eu­ro­päi­schen Wirt­schaft – nichts pas­siert??? Als Bei­spiel hier mal die Ar­beits­lo­sen­zah­len:

Arbeitslosenquote in Deutschland - Jahresdurchschnittswerte bis 2013
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Da hat sich seit 2007 er­heb­li­ches ge­än­dert. Aber statt da mal drauf ein­zu­ge­hen oder zu­min­dest ein Mo­dell durch­zu­rech­nen und ei­nen Rea­li­tät­scheck zu ma­chen, wird fröh­lich ir­gend­was her­bei­ge­wünscht und mit „ich habe da mal ge­hört“ be­grün­det.

Leute, so geht das nicht!

Wir wol­len als po­li­ti­sche Par­tei ein Thema be­set­zen. Seit dem Chem­nit­zer Par­tei­tag 2010 sind Grund­ein­kom­men und Grund­si­che­rung auf der bun­des­po­li­ti­schen Agenda der Pi­ra­ten. Und seit 2010 hat sich an den (von mir wahr­ge­nom­me­nen) in­ter­nen Dis­kus­sio­nen nichts ge­än­dert: Es wer­den ver­schie­dene „Mo­delle“ mehr oder we­ni­ger kom­pe­tent vor­ge­stellt, man re­det mehr oder we­ni­ger en­ga­giert dar­über, wel­ches warum bes­ser oder schlech­ter ist – aber ist ab­so­lut kein Fort­schritt in die­ser Dis­kus­sion zu ver­zeich­nen. Kon­krete Zah­len? Prä­fe­ren­zen für be­stimmte Sys­teme? Über­haupt mal Check, wel­ches BGE-Mo­dell ei­gent­lich mit den po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Grund­sät­zen der Pi­ra­ten­par­tei ver­ein­bar ist? Fehl­an­zeige!

Und so wol­len wir Wäh­ler über­zeu­gen, dass sie uns we­gen die­ses The­mas ihre Stimme ge­ben sol­len? Das über­zeugt nicht mal mich!

Nun ist das et­was un­fair von mir. Es ist ja nicht so, dass sich gar nichts ge­tan hätte. Der Ka­per­brief be­schäf­tigt sich in ei­ner gan­zen Aus­gabe mit dem BGE. Dort sind die Grund­la­gen der Dis­kus­sion vor­züg­lich dar­ge­stellt. Es gibt so­gar ein Mo­dell, dass aus der Pi­ra­ten­par­tei selbst kommt: „So­zi­al­staat 3.0“ nennt sich das – et­was ner­dig mit dem Na­mens­zu­satz „Ver­sion 1.2“.

Seit über zwei­ein­halb Jah­ren ar­bei­tet sich die Pi­ra­ten­par­tei jetzt an dem Thema „BGE“ ab. Ich halte es nicht für ver­mes­sen, dass wir lang­sam mal in die Strümpfe kom­men und aus den Mo­dell­ver­glei­chen und all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen zu ei­ner greif­ba­ren Po­si­tion kom­men: Wie soll es un­se­rer Mei­nung nach denn nun aus­se­hen, das „BGE“? Oder: Wel­che Mo­delle ha­ben wel­che Vor- und Nach­teile? Dann kön­nen wir da­mit die po­li­ti­sche Bühne „en­tern“, Wäh­ler über­zeu­gen und es pas­siert viel­leicht nicht mehr so mas­siv, dass an Wahl­stän­den von acht Pi­ra­ten die Hälfte nicht weiß, was sie zum BGE sa­gen soll und in der an­de­ren Hälfte je­der et­was an­de­res er­zählt. Da­für wäre aber die Grund­vor­aus­set­zung, dass wir erst­mal selbst an­fan­gen, uns da­mit zu be­schäf­ti­gen, was wir ei­gent­lich kon­kret wol­len.

Und da war die Ver­an­stal­tung ges­tern abend eher nicht so für ge­eig­net…

John F. Ken­nedy, die Pi­ra­ten­par­tei und Stil­mit­tel der Po­li­tik

Ich be­ob­achte bei „mei­ner“ Pi­ra­ten­par­tei seit ge­raumer Zeit ei­nen Trend, der mich sorgt: Das „Denk selbst“-Motto scheint für viele viel zu oft ins Hin­ter­tref­fen zu ge­ra­ten, so­bald sie mal in ein Amt oder Man­dat ge­wählt wur­den. Dann wer­den Ent­schei­dun­gen an „Be­auf­tragte“, „Ex­per­ten“ oder „Die Ba­sis“ ab­ge­tre­ten und statt fröh­li­chem Vor­an­ge­hen „or­ga­ni­sierte Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“ ze­le­briert, bei der bloß nie eine Ent­schei­dung an ei­nem selbst hän­gen­bleibt. Das ist mei­nes Er­ach­tens ein fa­ta­ler Feh­ler. Ein Vor­stand wird ge­wählt, sei­nem Ver­band vor­zu­ste­hen. Und das be­deu­tet ak­tiv zu han­deln, auch bei den stra­te­gi­schen Rich­tungs­fra­gen. Ein Vor­stand ver­wal­tet nicht nur, er ge­stal­tet auch. Wenn er das nicht tut, ver­fällt der ganze Ver­band in po­li­ti­sche Be­lie­big­keit – wie an all­zu­vie­len Stel­len der Pi­ra­ten­par­tei mo­men­tan zu be­ob­ach­ten. Also: Nicht im­mer nur „Schema F“, son­dern auch mal über­ra­schen.

Klar, dass man mit Ent­schei­dun­gen und kla­ren Po­si­tio­nie­run­gen auch an­ecken kann. Aber nur so ist eine wirk­lich um­fas­sende po­li­ti­sche Dis­kus­sion mög­lich. Es ist kein Zei­chen po­li­ti­scher Reife, wenn sol­che Dis­kus­sio­nen in Be­schimp­fungs­or­gien im Rah­men der be­rüch­tig­ten „Shits­torms“ en­den. Das ist viel­mehr ein Zei­chen po­li­ti­schen Un­ver­mö­gens und zu­dem be­denk­li­cher Kurz­sich­tig­keit: Denn dann ver­fal­len die An­ge­grif­fe­nen in ge­nau die oben be­schrie­bene pas­sive Rolle: Bloß nichts ma­chen, es könnte ja je­mand kom­men, der et­was da­ge­gen hat. Es liegt in sol­chen Fäl­len an uns al­len, ent­spre­chende An­grei­fer en­er­gi­sch in die Schran­ken zu ver­wei­sen und auf diese Weise un­red­lich An­ge­grif­fene zu un­ter­stüt­zen. Sonst ver­lie­ren wir am Ende alle, weil wir un­sere po­li­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit ein­bü­ßen.

Wie ich aus­ge­rech­net jetzt dar­auf komme? Nun, Spie­gel On­line hat ges­tern in der „ei­nes tages“-Rubrik ei­nen Ar­ti­kel über den Be­such von John F. Ken­nedy in Ber­lin 1963 ge­bracht. Dort heißt es:

Nach dem de­pri­mie­ren­den Ein­druck, den die Front­li­nie des Kal­ten Krie­ges auf Ken­nedy ge­macht hatte, wich er bei sei­ner Rede vom Ma­nu­skript ab und spitzte sie zu. „Ein Le­ben in Frei­heit ist nicht leicht, und die De­mo­kra­tie ist nicht voll­kom­men“, sagte der Prä­si­dent. „Aber wir hat­ten es nie nö­tig, eine Mauer auf­zu­bauen, um un­sere Leute bei uns zu be­hal­ten.“ Und dann heizte er die Emo­tio­nen der West-Ber­li­ner rich­tig an, als er sagte: „Die Mauer ist die ab­scheu­lichste und stärkste De­mons­tra­tion für das Ver­sa­gen des kom­mu­nis­ti­schen Sys­tems.“

Das Ende die­ser Rede ist zu ei­ner po­li­ti­schen Ikone des 20. Jahr­hun­derts ge­wor­den:

Die­ses Ende und der be­rühmte Satz „Ich bin ein Ber­li­ner“ wa­ren lange ge­plant und vor­be­rei­tet. Aber ent­schei­dend ver­stärkt wurde ihre Wir­kung eben auch da­durch, dass Ken­nedy sich von der ak­tu­el­len Stim­mung und den Ein­drü­cken des Ta­ges bei sei­ner zen­tra­len Rede hat in­spi­rie­ren las­sen. Die Glaub­wür­dig­keit sei­ner Aus­sa­gen wurde da­mit mas­siv ver­stärkt. Nun muss man all dies auch in sei­nem his­to­ri­schen Kon­text se­hen – und mir fällt es ehr­lich ge­sagt schwer, mir vor­zu­stel­len, in ei­ner fri­sch ein­ge­mau­er­ten Stadt zu le­ben und nicht ge­nau zu wis­sen, ob nicht über­mor­gen die feind­li­che Über­nahme an­steht – aber es zeigt, wie wich­tig bei po­li­ti­schen Pro­zes­sen Per­sön­lich­kei­ten sind. Men­schen, die auch in ei­nem Amt oder Man­dat nicht al­les dem „Ap­pa­rat“ über­las­sen, son­dern an den ent­schei­den­den Stel­len selbst han­deln, ent­schei­den und Ak­zente set­zen. Und sei es, in ei­ner bri­san­ten Rede die vor­her über­leg­ten Texte spon­tan aus­zu­tau­schen und so der ak­tu­el­len Si­tua­tion an­zu­pas­sen.

Prism (I): Das US-Ab­hör­pro­gramm, Deutsch­land und was man da­ge­gen ma­chen kann

Das vor knapp ei­ner Wo­che auf­ge­deckte „Prism“-System der US-Ge­heim­dienste wirft viele Fra­gen auf. Zwei As­pekte er­schei­nen mir be­son­ders wich­tig. Fan­gen wir mit dem ers­ten an:

Zum ei­nen si­ckert ja mo­men­tan scheib­chen­weise durch, dass nicht nur die USA, son­dern auch an­dere Län­der ähn­li­che Sys­teme be­trei­ben oder an den Da­ten­samm­lun­gen par­ti­zi­pie­ren. Nur in Deutsch­land war man auf Re­gie­rungs­ebene an­geb­lich völ­lig ah­nungs­los, hat al­les aus der Zei­tung er­fah­ren und weiß an­sons­ten über­haupt­nicht, was da ge­macht wurde.

Hallo??? Geht’s noch?! Ich meine, Deutsch­land ist geo­po­li­ti­sch ei­nes der wich­tigs­ten Län­der Eu­ro­pas, be­stimmt die kon­ti­nen­tale Wirt­schafts­po­li­tik, ist eine der wich­tigs­ten Han­dels­na­tio­nen welt­weit und ist Rah­men von „Prism“ Eu­ro­pas wich­tigste – nunja – Da­ten­quelle. Und die Bun­des­re­gie­rung hat keine Ah­nung??? Das glaubt ihr doch selbst nicht! Ent­we­der es ist wahr – dann wäre die Ah­nungs­lo­sig der füh­ren­den deut­schen Po­li­tik­köpfe er­schre­ckend. Oder es ist eine Lüge – dann wäre die Dreis­tig­keit der füh­ren­den deut­schen Po­li­tik­köpfe er­schre­ckend.

„Prism“ ver­stößt ka­pi­tal ge­gen un­sere ge­sell­schaft­li­chen Grund­sätze und Grund­werte – selbst nach de­ren fort­ge­setz­ter Auf­wei­chung der letz­ten Jahre. Un­ab­hän­gig von je­der Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit er­warte ich von ei­ner deut­schen Re­gie­rung, dass sie die Bür­ger (a) um­fas­send auf­klärt und (b) in ih­rem und im Sinne der Ge­sell­schaft han­delt und Deutsch­land und die hier le­ben­den Men­schen vor der trans­at­lan­ti­schen (und vor je­der an­de­ren) To­tal­durch­leuch­tung schützt. Und zwar ohne Wenn und Aber!

Muss man ei­gent­lich die Ge­schichte von De-Mail vor dem Hin­ter­grund der Prism-Ent­hül­lun­gen neu be­leuch­ten? Ex­per­ten sind ja schon seit ge­raumer Zeit ir­ri­tiert, dass das Sys­tem mit ei­ner kryp­to­gra­fi­schen Soll­bruch­stelle im­ple­men­tiert wird, die we­der un­ver­meid­bar noch wirk­lich nö­tig ist. Also, wenn man will, dass die Da­ten si­cher sind. Will man hin­ge­gen eine prin­zi­pi­elle Ab­hör­bar­keit, dann ist die Klar­text­um­wand­lung und Neu­ver­schlüs­se­lung der Da­ten auf ih­rem Weg äu­ßerst prak­ti­sch.

Ein Schelm wer Bö­ses da­bei denkt.

Die Pi­ra­ten­par­tei spricht sich ge­gen jede Form von staat­li­cher Über­wa­chung und für Da­ten­spar­sam­keit aus. „Prism“ ist vor die­sem Hin­ter­grund ein Pro­jekt mit er­heb­li­chen ge­sell­schaft­lich-po­li­ti­schen Aus­wir­kun­gen. Na­tür­lich kann man ein sol­ches Sys­tem tech­ni­sch im­ple­men­tie­ren. Aber: Will man es im­ple­men­tie­ren? Lässt die Ge­sell­schaft es zu? Fin­den sich ge­nü­gend Men­schen, die sol­che Sys­teme um­set­zen? Hier muss man mei­nes Er­ach­tens an­set­zen. Die po­li­ti­schen Kräfte in Deutsch­land dis­kre­di­tie­ren sich da ge­rade auf be­mer­kens­werte Weise selbst.

…und De-Mail ge­hört be­züg­lich der ver­schlüs­sel­ten Ende-zu-Ende-Kom­mu­ni­ka­tion noch­mal gründ­lich über­ar­bei­tet.

Im 2. Teil geht es um das Whist­leb­lo­wing, das zur Ver­öf­fent­li­chung von „Prism“ ge­führt hat und seine ge­sell­schaft­li­che Re­le­vanz und Not­wen­dig­keit.