Of­fe­ner Brief an Ralf Kley­er: In Sa­chen „Neue Pres­se“ 1


Lie­ber Ralf,

in der heu­ti­gen Neu­en Pres­se wirst du in ei­nem Ar­ti­kel über die Pi­ra­ten­par­tei zi­tiert. Die Luft bei den Pi­ra­ten sei „ab­so­lut raus“, so ha­be­st du ge­sagt. Mit die­sem State­ment hast du es so­gar in die Über­schrift ge­schafft. Ich fin­de es er­staun­li­ch, dass du zu die­ser Ein­schät­zung kommst, wo man doch von dir seit vie­len Mo­na­ten nichts mehr ge­hört oder ge­se­hen hat.

Ralf Kley­er in der Neu­en Pres­se am 2013-08-02: „Die Luft ist raus“ und „Ich fra­ge mi­ch manch­mal, war­um ich no­ch Mit­glied bin.“

In dem Ar­ti­kel geht es um den von dem Jour­na­lis­ten ver­mu­te­ten Ak­ti­vi­täts­rück­gang in der han­no­ver­schen Pi­ra­ten­par­tei. Frü­her, so wur­de ich auch ge­fragt, ha­be es viel mehr Bei­trä­ge in den lo­ka­len In­ter­net-Dis­kus­si­ons­fo­ren der Par­tei ge­ge­ben. Ja, ich er­in­ne­re mi­ch auch no­ch an die­se schau­ri­gen Zei­ten: Ei­ne re­la­tiv klei­ne Grup­pe von Que­ru­lan­ten, Selbst­dar­stel­lern und Pöst­chen­jä­gern hat über Mo­na­te bru­tal ge­gen die­je­ni­gen agi­tiert, die in­halt­li­ch und po­li­ti­sch für die Zie­le der Pi­ra­ten­par­tei ge­ar­bei­tet und Ver­ant­wor­tung über­nom­men ha­ben. Die­se Leu­te sind mitt­ler­wei­le – fast al­le – weg. Üb­ri­gens, Ralf, du warst es, der si­ch un­ter all die­se Ge­stal­ten ge­mischt und mit ih­nen hat ab­lich­ten las­sen. Du hast dich da­mals da­zu her­ge­ge­ben, ei­ner „Spal­tung des Re­gi­ons­ver­ban­des“ das Wort zu re­den. Du hast zwei Wo­chen vor der nie­der­säch­si­schen Land­tags­wahl ein In­ter­view ge­ge­ben, in dem du da­von ab­ge­ra­ten hast, die Pi­ra­ten­par­tei zu wäh­len. Ahn­st du, wie vie­le Men­schen in die­ser Par­tei dei­nem dies­be­zü­li­chen Trei­ben fas­sungs­los zu­ge­se­hen ha­ben? Men­schen, die si­ch ge­fragt ha­ben: „Ist das der Ralf Kley­er, der so en­ga­giert im Kom­mu­nal­wahl­kampf 2011 mit­ge­ar­bei­tet hat. Der mo­na­te­lang mit der Pi­ra­ten­flag­ge am Fahr­rad her­um­ge­fah­ren ist? Der ganz Hem­min­gen und Ar­num mit rie­si­gen Pi­ra­ten­flag­gen aus­staf­fiert hat?“ Es war wohl de­in Glück, dass vie­le de­in Trei­ben vor der Land­tags­wahl gar nicht so rich­tig mit­be­kom­men ha­ben. De­in da­ma­li­ges Ver­hal­ten, Ralf, war mei­nes Er­ach­tens grob par­tei­schä­di­gend und in je­dem an­de­ren La­den wärst du acht­kan­tig raus­ka­ta­pul­tiert wor­den.

Neue Pres­se vom 2012-10-26: Un­ter der Über­schrift „Zer­schie­ßen si­ch die Pi­ra­ten ih­re Zu­kunft“ gibt Ralf Kley­er ei­nen von sechs „Frus­trier­ten“.

Lie­ber Ralf, lass dir ge­sagt sein: Die Luft ist nicht „raus“. Ganz und gar nicht. Ich zum Bei­spiel war ges­tern abend beim Ak­tiv­en­tref­fen. Nach­dem ich am Diens­tag beim Stamm­tisch in der List war. Und heu­te bin ich auch wie­der auf ei­nem Stamm­tisch (Me­phis­to, Mis­burg, 19 Uhr). Und bei all die­sen Tref­fen wird po­li­ti­sch dis­ku­tiert, es wird ge­plant, be­schlos­sen. In Han­no­ver hän­gen schon wie­der hun­der­te von Pla­ka­ten – bzw. wer­den die­ser Ta­ge auf­ge­hängt. Lan­des­weit gibt es Kryp­to­par­tys. Mitt­ler­wei­le zwei De­mons­tra­tio­nen in Han­no­ver zu den ak­tu­el­len Vor­gän­gen um den NSA-​/​BND-​Internetüberwachungsskandal wur­den un­ter Mit­wir­kung der Pi­ra­ten vor Ort ver­an­stal­tet. Mon­tag wird es ei­nen gei­len Wahl­kampf­auf­takt mit­ten in Han­no­ver ge­ben. Das ist „Luft raus“? Sor­ry, aber auf wel­chem Pla­ne­ten lebst du?

Es gibt al­ler­dings in der Tat ei­ne Fra­ge, die si­ch die Pi­ra­ten in Han­no­ver im­mer wie­der stel­len: Was macht ei­gent­li­ch die Pi­ra­ten­frak­ti­on in der Re­gi­ons­ver­samm­lung der Re­gi­on Han­no­ver? Al­so der­je­ni­gen Frak­ti­on, de­ren Vor­sit­zen­der du bist. Das letz­te, an was ich mi­ch er­in­nern kann, war die Mel­dung, dass ihr ei­ne er­heb­li­che Sum­me Geld habt ver­fal­len las­sen, die eu­ch für Öf­fent­lich­keits­ar­beit zu­ge­stan­den hät­te. Öf­fent­lich­keits­ar­beit, die Frak­ti­ons­stand­punk­te zu Re­gi­ons­the­men hät­te dar­stel­len kön­nen. D-Li­nie, Y-Tras­se, Müll­ge­büh­ren, Kran­ken­haus­fi­nan­zie­rung, fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on der Um­land­ge­mein­den – The­men gibt es reich­li­ch. Zu se­hen oder zu hö­ren ist von eu­ch – we­nig. Fun­dier­te Äu­ße­run­gen gibt es – no­ch we­ni­ger. Ein Aus­tau­sch mit der Par­tei fin­det in Han­no­ver nicht statt. Er­geb­nis­se von Frak­ti­ons­sit­zun­gen fin­de ich nir­gends, pro­gram­ma­ti­sche Aus­sa­gen im Rah­men der Haus­halts­de­bat­ten eben­so­we­nig. Für mi­ch sieht es so aus, als wenn es gar kei­ne Haus­halts­re­den der Pi­ra­ten­frak­ti­on in der Re­gi­ons­ver­samm­lung ge­ge­ben hät­te. Und ich ge­be zu: Von der Rats­frak­ti­on aus ha­ben wir uns mitt­ler­wei­le dran ge­wöhnt, dass wir kei­nen wirk­li­chen An­sprech­part­ner für Pi­ra­ten­po­li­tik in der Re­gi­ons­ver­samm­lung ha­ben. Das, lie­ber Ralf, ist de­in Ver­ant­wor­tungs­be­reich. Das ist der Be­reich, in dem du da­für sor­gen kann­st, dass eben nicht „die Luft ab­so­lut raus“ ist. Dass du ir­gend­et­was in die­se Rich­tung un­ter­nimmst, kann ich nicht se­hen. Und ich sa­ge aus­drück­li­ch: Lei­der. Vor die­sem Hin­ter­grund wir­ken auf mi­ch dei­ne An­wür­fe ge­gen die Par­tei ge­ra­de­zu bi­zarr.

Die Fra­ge in dem In­ter­view, war­um du no­ch Mit­glied sei­est, be­ant­wor­test du mit: „Das fra­ge ich mi­ch auch manch­mal.“ Ralf, mit die­ser Ant­wort bist du nicht al­lein. Aber ich sa­ge dir was: Es gibt ei­ne Lö­sung. Nie­mand ist ge­zwun­gen, Mit­glied die­ser Par­tei zu sein. Tritt aus und fühl dich frei! Aber dann sei auch so ehr­li­ch und gib‘ de­in Man­dat zu­rück und lass Men­schen in die par­la­men­ta­ri­sche Ver­tre­tung ein­zie­hen, die si­ch mit der Pi­ra­ten­par­tei und ih­ren Zie­len iden­ti­fi­zie­ren und die für die Pi­ra­ten­par­tei po­li­ti­sch ar­bei­ten. Mo­men­tan weiß ich näm­li­ch nicht so recht, was ich von dei­nem Agie­ren hal­ten soll: Auf der ei­nen Sei­te re­dest du mas­siv ge­gen die Pi­ra­ten, auf der an­de­ren Sei­te bist du Vor­sit­zen­der der Pi­ra­ten­frak­ti­on des – for­mell – größ­ten po­li­ti­schen Gre­mi­ums auf kom­mu­na­ler Ebe­ne in Nie­der­sach­sen. Ralf, mal ehr­li­ch: Bei­des geht nicht! Ir­gend­wann mus­st du dich ent­schei­den, ob du nun für oder ge­gen die Par­tei ar­bei­ten will­st, in de­ren Na­men du 2011 in die Re­gi­ons­ver­samm­lung ge­wählt wor­den bist. Son­st stellt si­ch am En­de no­ch je­mand die Fra­ge, ob du dei­ne Pos­ten (ich will ja an die­ser Stel­le auch de­in Man­dat im Hem­min­ger Stadt­rat nicht un­ter­schla­gen, von dem zu­min­dest ich eben­so­we­nig po­li­ti­sch Ge­halt­vol­les hö­re) nur des­halb be­hält­st, weil du da ei­ne ins­ge­samt gar nicht so klei­ne Sum­me an Auf­wands­ent­schä­di­gun­gen für be­kommst (Mer­ke: Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de be­kom­men mehr). Und bei dei­nen kämp­fe­ri­schen Tö­nen ge­gen Vor­teils­nah­me und Vet­tern­wirt­schaft kann ich mir nicht vor­stel­len, dass du ei­nem sol­chen Ein­druck Vor­schub leis­ten will­st.

In die­sem Sin­ne: Wenn du der Mei­nung bist, die Pi­ra­ten­par­tei kön­ne für dich kei­ne po­li­ti­sche Hei­mat mehr sein, dann zieh‘ die Kon­se­quen­zen. Aber zie­he sie auch voll­stän­dig. „Wasch mir den Pelz, aber mach mi­ch nicht nass“ war auf Dau­er no­ch nie ei­ne glaub­wür­di­ge Sta­te­gie. Und sie funk­tio­niert auch nicht.

Vie­le Grü­ße,
Dirk Hill­brecht


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