Mein Aus­tritt aus der Pi­ra­ten­par­tei – Schluss­be­trach­tun­gen 1


Ich ha­be ges­tern mei­nen Aus­tritt aus der Pi­ra­ten­par­tei Deutsch­land er­klärt. Die­ser Schritt ist das En­de ei­nes lan­gen We­ges, im­mer­hin war ich fast elf Jah­re Mit­glied der Par­tei, war ein Jahr Bun­des­vor­sit­zen­der, ein Jahr Vor­sit­zen­der „mei­nes“ Re­gi­ons­ver­ban­des und ha­be fünf Jah­re im Rat der Stadt Han­no­ver im Na­men der Pi­ra­ten­par­tei ge­ses­sen. Und nun ist Schluss. Für al­le In­ter­es­sier­ten, aber auch für mein „spä­te­res Ich“, schrei­be ich hier die Grün­de noch­mal auf.

Mahnwache Schillerplatz

Der Blog­au­tor im April 2008 bei ei­nem Mahn­wa­che­s­tand. Fo­to: Chris­ti­an Koch

Zu­nächst ha­be ich mich ja schon im De­zem­ber 2015 zu dem The­ma ge­äu­ßert. Im Zu­sam­men­hang mit der Auf­stel­lung von Kan­di­da­ten für die – da­mals zu­künf­ti­ge – Kom­mu­nal­wahl 2016 ha­be ich mein Nicht-An­tre­ten be­grün­det. An der Si­tua­ti­on hat sich nichts in Po­si­ti­ve ver­än­dert: Die in­halt­li­che Be­lie­big­keit ist wei­ter vor­an­ge­schrit­ten. Schlim­mer noch: Zu den mitt­ler­wei­le mas­si­ven Grund- und Bür­ger­rechts­ein­schrän­kun­gen im Zu­ge der Ter­ror­hys­te­rie ist von der Pi­ra­ten­par­tei nichts zu hö­ren und zu se­hen.

Bundesparteitag 2009, Hamburg

Bun­des­par­tei­tag 2009 in Ham­burg. Kurz zu­vor hat­te die Pi­ra­ten­par­tei 0,9% der Stim­men bei der Wahl zum Eu­ro­pa­par­la­ment be­kom­men und war erst­mals in ei­nem öf­fent­li­chen Fo­kus.

Ins­be­son­de­re gilt aber wei­ter­hin das Nach­hal­tig­keits­pro­blem, das ich da­mals eben­falls schon be­schrie­ben ha­be: Wür­de die Pi­ra­ten­par­tei wie­der hör- und sicht­bar, hät­te sie wie­der lang­fris­ti­ge, ge­sell­schaft­lich re­le­van­te po­li­ti­sche Kon­zep­te, gä­be es kei­ne Me­cha­nis­men, die die de­struk­ti­ven Pro­zes­se der Jah­re 2012 bis 2014 ver­hin­dern wür­den. Letzt­lich wa­ren es die­se de­struk­ti­ven Pro­zes­se, durch die sehr vie­le Men­schen mit wirk­li­chem po­li­ti­schen Ge­stal­tungs­wil­len aus der Par­tei ver­trie­ben, bzw. in vie­len Fäl­len re­gel­recht raus­ge­ekelt, wur­den. Die jet­zi­ge po­li­ti­sche Blut­lee­re ist auch ei­ne Spät­fol­ge von da­mals.

Interview am Rande des Landesparteitags Herbst 2009

Der Blog­au­tor im In­ter­view am Ran­de des nie­der­säch­si­schen Lan­des­par­tei­tags im Herbst 2009 in Lan­gen­ha­gen. Fo­to: Chris­ti­an Mül­ler

Ge­nau die­ser de­struk­ti­ven Pro­zes­se we­gen und der un­ge­lös­ten Fra­ge des Um­gangs mit ih­nen ha­be ich schon letz­tes Jahr be­schlos­sen, nicht wie­der für die Pi­ra­ten­par­tei für ein Man­dat zu kan­di­die­ren. Ich ha­be die­sen Ent­schluss kei­ne Se­kun­de be­reut. Das Pro­blem stellt sich aber nicht nur für öf­fent­li­che Man­da­te, son­dern auch für die par­tei­in­ter­ne Ar­beit. Ich se­he kei­nen Sinn dar­in, mich in die­sem Um­feld zu en­ga­gie­ren – wohl­be­merkt: Nicht weil ich die ver­tre­te­nen In­hal­te falsch fän­de, son­dern weil ich durch die jah­re­lang ver­schlepp­ten Pro­ble­me der in­ner­par­tei­li­chen Struk­tu­ren ei­ne über­ge­ord­ne­te nach­hal­ti­ge in­halt­li­che Ar­beit in der Pi­ra­ten­par­tei schlicht für un­mög­lich hal­te.

Bundesparteitag Offenbach, 2011

Der Bun­des­par­tei­tag in Of­fen­bach im De­zem­ber 2011 war ei­ner der größ­ten Par­tei­ta­ge in der Ge­schich­te der Par­tei

Ich se­he die Pi­ra­ten­par­tei heu­te als ge­schei­ter­tes Pro­jekt. Die zen­tra­len Ide­en der frü­hen Jah­re in Sa­chen „di­gi­ta­le Mit­be­stim­mung“ konn­ten nicht um­ge­setzt wer­den; der er­bit­ter­te Streit um „Li­quid Feed­back“ hat der Par­tei schon 2010 im­mensen Scha­den zu­ge­fügt. „Netz­po­li­tik“ ist mitt­ler­wei­le auch kein Al­lein­stel­lungs­merk­mal mehr – dass das wich­tig ist, wis­sen die an­de­ren po­li­ti­schen Kräf­te mitt­ler­wei­le auch. Wie kön­nen die tech­ni­schen Neue­run­gen „rund ums In­ter­net“ in ei­ne frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Ge­sell­schaft in­te­griert wer­den? – Das ist mo­men­tan ei­ne of­fe­ne Fra­ge. Die Pi­ra­ten­par­tei be­tei­ligt sich an Ant­wort aber we­der nach in­nen noch nach au­ßen wahr­nehm­bar. Neue Ide­en oder Kon­zep­te kom­men von ihr auch nicht – wie denn auch, wenn – sie­he oben – so vie­le von den einst­mals ak­ti­ven gu­ten Köp­fen weg sind.

Dirk im Rat, Juli 2012

Der Blog­au­tor wäh­rend ei­ner Rats­sit­zung im Ju­li 2012. Fo­to: Mar­tin Pöt­ter

Per­sön­lich ha­be ich mei­ner Zeit in der Pi­ra­ten­par­tei auf je­den Fall ei­ni­ges zu ver­dan­ken. Sei es auf den ver­schie­de­nen Pos­ten, auf de­nen ich tä­tig ge­we­sen bin, sei es im dar­aus fol­gen­den Um­gang mit den ver­schie­dens­ten Me­di­en. Ich ha­be be­mer­kens­wer­tes In­tri­gan­ten­tum und un­glaub­li­che Dumm­heit ken­nen­ge­lernt und dass Men­schen sich in den sel­tens­ten Fäl­len än­dern – noch sel­te­ner zum Gu­ten.

Landesparteitag Juli 2012, Wolfenbüttel

Und noch­mal der Blog­au­tor im Ju­li 2012, dies­mal auf dem Lan­des­par­tei­tag in Wol­fen­büt­tel. Die­ser Par­tei­tag war viel­leicht der größ­te Feh­ler, den die Par­tei be­gan­gen hat. Fo­to: Mar­tin Pöt­ter

Ich ha­be aber auch ei­ni­ge wirk­lich tol­le Men­schen durch die Pi­ra­ten­par­tei ken­nen­ge­lernt. Hier wün­sche ich mir und hof­fe ich, dass un­se­re Kon­tak­te be­stehen blei­ben – ge­nau­so wie ich im­mer noch Kon­takt zu vie­len Men­schen ha­be, die vor mir aus­ge­tre­ten sind. Wie ich an an­de­rer Stel­le be­reits schrieb: Na­tür­lich will ich auch wei­ter­hin als zu­tiefst li­be­ra­ler und frei­heit­lich-bür­ger­lich den­ken­der Mensch mei­ne Grund­ein­stel­lun­gen in der Po­li­tik ver­tre­ten wis­sen.

Wahlkampfmaterialen, November 2012

Der Au­tor ver­packt im No­vem­ber 2012 Wahl­kampf­ma­te­ria­len tief in der Nacht in ei­ner völ­lig un­ter­kühl­ten La­ger­hal­le bei Cel­le. Fo­to: Jür­gen Stem­ke

Mal se­hen, wo­hin es mich treibt. Für den Mo­ment sa­ge ich:

Bye-bye, Pi­ra­ten­par­tei


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Ein Gedanke zu “Mein Aus­tritt aus der Pi­ra­ten­par­tei – Schluss­be­trach­tun­gen

  • Lars Pohl

    Hal­lo Dirk,

    scha­de, dass es für Dich nun so en­det. (zu­min­dest vor­erst) Dan­ke für die an­ge­neh­me Zu­sam­men­ar­beit im Rat.

    Auch an­de­re Par­tei­en sind nicht im­mer ein­fach. Nach dem „Die­sel-Gip­fel“ ges­tern muss­te ich mal wie­der an den al­ten Gag den­ken, dass sich die Bun­des­re­gie­rung als NGO re­gis­trie­ren las­sen müss­te…

    Al­les Gu­te,
    Lars