„Pi­ra­ten“ en­tern die Par­la­men­te – Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung mit Dr. Ste­phan Klecha und Her­bert Hö­nigs­ber­ger – Be­richt


‚Pi­ra­ten‘ en­tern die Par­la­men­te“ hieß ei­ne Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung, zu der un­ter an­de­rem die Hein­rich-Böll-Stif­tung Nie­der­sach­sen am 2012-11-29 um 19:30 Uhr in den Rasch­platz­pa­vil­lon in Han­no­ver ein­ge­la­den hat­te. Dr. Ste­phan Klecha vom Göt­tin­ger In­sti­tut für De­mo­kra­tie­for­schung und Her­bert Hö­nigs­ber­ger von der Nau­ti­lus Po­li­tik­be­ra­tung re­fe­rier­ten und dis­ku­tier­ten vor et­wa ei­nem Dut­zend Zu­schau­er – vie­le da­von selbst Pi­ra­ten – das „Phä­no­men Pi­ra­ten­par­tei“. Bei­de be­schäf­ti­gen si­ch wis­sen­schaft­li­ch mit der Ent­wick­lung der Pi­ra­ten­par­tei. Hö­nigs­ber­ger hat zu­dem äu­ßer­st fun­dier­te prak­ti­sche Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten mit den Grü­nen: Er war wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der ers­ten grü­nen Bun­des­tags­frak­ti­on 1983 und er­zähl­te zu An­fang, sei­ne Mit­ar­bei­ter­num­mer sei „0001“ ge­we­sen.

Den in­halt­li­chen Auf­takt mach­te Dr. Klecha, der die ge­schicht­li­che Ent­wick­lung der Pi­ra­ten­par­tei Re­vue pas­sie­ren ließ. Er mach­te drei gro­ße „Wel­len“ aus, in de­nen die Pi­ra­ten­par­tei ge­wach­sen sei: Die er­s­te Ge­ne­ra­ti­on wa­ren die Grün­der, die 2006 – von den Schwe­den in­spi­riert – die Pi­ra­ten­par­tei ge­grün­det ha­ben. Sie woll­ten, so Klecha, be­stimm­te ge­sell­schaft­li­che Fra­gen neu dis­ku­tie­ren, hat­ten aber ge­ra­de am An­fang nicht wirk­li­ch an ei­nen Er­folg als po­li­ti­sche Par­tei ge­glaubt. Auch für ihr Um­feld galt das: Für die Grün­dung der ver­meint­li­chen „Spaß­par­tei“ stell­te die C-Ba­se in Ber­lin Räum­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung, seit die Pi­ra­ten „groß“ ge­wor­den sind, dür­fen sie in der strikt par­teineu­tra­len Ein­rich­tung kei­ne Ver­an­stal­tun­gen mehr aus­rich­ten.

Aus der Frühzeit der Partei: Plakatproduktion für die Bürgerschaftswahl in Hamburg im Februar 2008. Die Plakatträger kommen teilweise aus Hessen von der Landtagswahl 2007

Aus der Früh­zeit der Par­tei: Pla­kat­pro­duk­ti­on für die Bür­ger­schafts­wahl in Ham­burg im Fe­bru­ar 2008. Die Plakat­trä­ger kom­men teil­wei­se aus Hes­sen von der Land­tags­wahl 2007

Den zwei­ten Schub gab es 2009, als ver­schie­de­ne Dis­kus­sio­nen der Nul­ler­jah­re rund um Si­cher­heits­ge­set­ze und Bür­ger­rech­te in den Zen­sur­su­la-Kin­der­por­no-Netz­sper­ren-Ge­setz­ent­wür­fen zu­sam­men­lie­fen und ei­ne Rei­he von Leu­ten po­li­ti­sier­ten, die si­ch da­ge­gen aus­spre­chen woll­ten, aber no­ch ei­ne po­li­ti­sche Ba­sis such­ten. Zu­sam­men mit dem 0,9%-„Erfolg“ bei den Eu­ro­pa­wah­len war für die­se Men­schen die Pi­ra­ten­par­tei plötz­li­ch at­trak­tiv und so reich­te es für be­acht­li­che 2% bei den Bun­des­tags­wah­len 2009.

Es folg­te ei­ne Kon­so­li­die­rungs­pha­se, bei der die Par­tei kon­stant um 2% der Stim­men bei Land­tags- und an­de­ren Wahlen be­kam, und zwar un­ab­hän­gig von der Ur­ba­ni­tät des Wahl­be­rei­ches. Hier zeig­te si­ch, so Klecha, ein ers­ter Un­ter­schied zu den Grü­nen, die no­ch lan­ge Zeit nach ih­rer Grün­dung vor al­lem ein „ur­ba­nes Phä­no­men“ wa­ren und auf dem plat­ten Land re­gel­mä­ßig deut­li­ch schlech­ter ab­schnit­ten als in städ­ti­schen Bal­lungs­räu­men.

Der drit­te Schub setz­te dann nach der Ber­li­ner Land­tags­wahl 2011 ein. Klecha riss das im Rah­men der Ver­an­stal­tung nur kurz an, aber sei­ne Klas­si­fi­zie­rung ei­nes Teils der Neu­mit­glie­der aus die­sem Zeit­ab­schnitt war ein­deu­tig: „Glücks­rit­ter“. Die fla­chen Hier­ar­chien und no­ch nicht aus­ge­präg­ten Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren ha­ben halt auch vie­le Leu­te an­ge­zo­gen, die hier die Chan­ce auf ei­nen po­li­ti­schen Pos­ten sa­hen, den sie bei an­de­ren Par­tei­en nicht er­rei­chen konn­ten (oder in der Ver­gan­gen­heit nicht er­reicht ha­ben).

Wo stehen die Piraten heute? Plenum beim Bundesparteitag in Bochum, November 2012

Wo ste­hen die Pi­ra­ten heu­te? Ple­num beim Bun­des­par­tei­tag in Bo­chum, No­vem­ber 2012

So fin­den si­ch denn heu­te drei Ge­ne­ra­tio­nen von Mit­glie­dern in der Par­tei, die mit deut­li­ch an­de­ren In­ter­es­sen da­zu­ge­sto­ßen sind: In der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on vor al­lem die Netz­po­li­ti­ker, in der zwei­ten die­je­ni­gen, die „Po­li­tik aus Not­wehr“ be­trei­ben und in der drit­ten die ver­schärf­te Va­ri­an­te der zwei­ten, die teil­wei­se ih­ren po­li­ti­schen oder ge­sell­schaft­li­chen Frust auf die Par­tei selbst pro­ji­zie­ren. Die span­nen­de Fra­ge sei, so Klecha: Kann die Par­tei die ver­schie­de­nen In­ter­es­sen in ih­rer Mit­glied­schaft bün­deln und ka­na­li­sie­ren?

Hier setz­te nun Hö­nigs­ber­ger ein. Sei­ne Be­ob­ach­tung: Die üb­ri­gen Par­tei­en ha­ben weit grö­ße­re Pro­ble­me als die The­men der Pi­ra­ten, beim Scan­nen der On­line­fo­ren lässt si­ch mer­ken: „Es liegt was in der Luft“ – und die­se Un­zu­frie­den­heit wird von der Pi­ra­ten­par­tei längst nicht voll­stän­dig ab­ge­deckt.

Für sei­ne Stu­die hat Hö­nigs­ber­ger bzw. sein Team die On­line­kom­mu­ni­ka­ti­on der Pi­ra­ten­par­tei un­ter­sucht: Um­ge­rech­net 260.000 Text­sei­ten wur­den ana­ly­siert. Hö­nigs­ber­ger merk­te an, dass ei­ne sol­che Stu­die bei kei­ner an­de­ren als der Pi­ra­ten­par­tei mög­li­ch wä­re, bei den an­de­ren Par­tei­en gibt es schlicht die Da­ten­ba­sis in­form elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht.

In­halt der Stu­die war ei­ne quan­ti­ta­ti­ve Un­ter­su­chung, al­so et­wa: „Wie­vie­le Äu­ße­run­gen des Typs X zum The­ma Y fin­den si­ch?“ Beim The­ma fiel die Ent­schei­dung auf den „nor­ma­ti­ven Dis­kurs“, das heißt die Dis­kus­si­on der Pi­ra­ten über ih­re ei­ge­nen und die ge­sell­schaft­li­chen Grund­wer­te. Im Ge­gen­satz zu an­de­ren Län­dern spielt die­se Dis­kus­si­on in Deutsch­land und im deut­schen po­li­ti­schen Sys­tem ei­ne un­ter­durch­schnitt­li­che Rol­le, ob­wohl sie wich­tig ist: Ei­ner­seits ist sie leich­ter zu­gäng­li­ch als Fach­dis­kus­sio­nen, bei de­nen man schnell nur no­ch mit spe­zia­li­sier­tem De­tail­wis­sen mit­re­den kann und an­de­rer­seits ist sie die be­s­te Klas­si­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit für die Par­tei als sol­che.

Das Er­geb­nis der Un­ter­su­chung war: Die Pi­ra­ten dis­ku­tie­ren die Grund­wer­te im We­sent­li­chen wie al­le an­de­ren auch, der Neu­ig­keits­ge­halt ist nicht hoch und es gab im Dis­kurs auch kei­ne neu­en Er­kennt­nis­se. Neu ist aber die Her­an­ge­hens­wei­se: Die Pi­ra­ten dis­ku­tie­ren die Grund­wer­te „vom Netz aus“ und sind auf die Netz­grund­sät­ze spe­zia­li­siert. Die span­nen­de Fra­ge sei nun, ob man die Er­kennt­nis­se die­ser netz­spe­zi­fi­schen Frei­heits­dis­kus­si­on in die Ge­samt­ge­sell­schaft zu­rück­tra­gen kann. Hier kon­sta­tiert Hö­nigs­ber­ger, dass die Pi­ra­ten hier bis­lang nur we­nig Im­pul­se ge­ben.

September 2009: Auf der "Freiheit statt Angst"-Demonstration in Berlin ist die Piratenpartei massiv vertreten. Netzpolitik ist einer der Kristallisationspunkte der Partei

Sep­tem­ber 2009: Auf der „Frei­heit statt Angst“-Demonstration in Ber­lin ist die Pi­ra­ten­par­tei mas­siv ver­tre­ten. Netz­po­li­tik ist ei­ner der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punk­te der Par­tei

An­ge­sichts sei­ner Vi­ta und des Um­felds war ei­ne der Fra­gen der Stu­die auch: Wie sol­len die Grü­nen mit den Pi­ra­ten um­ge­hen? Hö­nigs­ber­gers zen­tra­le Emp­feh­lung: „Lie­be Grü­ne, macht es nicht so wie da­mals die SPD mit eu­ch, re­det nor­mal mit de­nen.“ Die Grü­nen müs­sen se­hen, ob sie die Pi­ra­ten als Kon­kur­renz oder als Part­ner se­hen und Hö­nigs­ber­ger emp­fielt da­bei ei­ne „Dop­pel­stra­te­gie“: Po­li­ti­sch als Part­ner be­han­deln, aber die Un­ter­schie­de her­aus­ar­bei­ten.

Be­mer­kens­wert im po­li­ti­schen Grund­wer­te­ka­non der Pi­ra­ten sieht Hö­nigs­ber­ger den „par­ti­zi­pa­to­ri­schen Grund­im­puls“, der si­ch durch das pi­ra­ti­sche Han­deln zieht. Die­ser kön­ne der deut­schen Po­li­tik ins­ge­samt nicht scha­den und sei in­so­fern be­mer­kens­wert, dass die Par­tei si­ch da­mit klar auf der eher lin­ken Sei­te des po­li­ti­schen Spek­trums ver­or­te.

Die Mo­de­ra­to­rin hak­te dann bei bei­den Ex­per­ten zu be­stimm­ten The­men­fel­dern nach. Als ers­tes äu­ßer­te si­ch Dr. Klecha zur Gen­der­dis­kus­si­on in der Pi­ra­ten­par­tei. De­ren „postgender“-Ansatz hat sei­ner An­sicht nach ei­nen schwie­ri­gen Bei­ge­schmack. Man kön­ne näm­li­ch, so Klecha, das auch so se­hen, dass si­ch bei den Pi­ra­ten vie­le der „Op­fer der Gleich­stel­lungs­po­li­tik der ver­gan­ge­nen 30 Jah­re“ fin­den: Män­ner, de­ren Kar­rie­r­e­pfad durch „Quo­ten­frau­en“ aus­ge­bremst wur­de.

Dies al­les sei vor dem Hin­ter­grund zu se­hen, dass es zwei ak­tu­el­le Ent­wick­lun­gen gibt: Zum ei­nen ha­be die schwe­di­sche Pi­ra­ten­par­tei mitt­ler­wei­le ei­ne Quo­te ein­ge­führt und zum an­de­ren gibt es in­ner­halb der deut­schen Pi­ra­ten­par­tei in­zwi­schen Dis­kus­sio­nen um die ers­ten Bun­des­tags­wahl-Lan­des­lis­ten und die Tat­sa­che, dass auf die­sen Frau­en stark un­ter­re­prä­sen­tiert sind. Ins­ge­samt sei aber fest­zu­hal­ten, dass die Pi­ra­ten­par­tei no­ch kei­nen Dis­kurs zu dem The­ma ent­wi­ckelt ha­be.

Wei­ter ging es mit Hö­nigs­ber­ger und der Fra­ge nach „rech­ten Ten­den­zen“ in der Pi­ra­ten­par­tei. Dies sei ein ei­ge­nes Ka­pi­tel in sei­ner Stu­die, führ­te er aus. Im Rah­men der Un­ter­su­chun­gen hät­ten er und sein Team zu­nächst 80 Be­grif­fe bzw. Re­de­wen­dun­gen iden­ti­fi­ziert, an de­nen si­ch ei­ne rech­te Ge­sin­nung fest­ma­chen lässt. Quel­le war da­bei die ein­schlä­gi­ge Li­te­ra­tur. Auf die­se 80 Be­grif­fe hin wur­den dann die Pi­ra­ten­fo­ren un­ter­sucht um fest­zu­stel­len, in­wie­weit und in wel­chen Zu­sam­men­hän­gen sie vor­kom­men.

Die Er­geb­nis­se sind deut­li­ch: In of­fi­zi­el­len Par­tei­do­ku­men­ten spie­len die Be­grif­fe (und da­mit „rech­tes Ge­dan­ken­gut“) kei­ne Rol­le. In Fach­fo­ren kom­men sie zwar vor, wer­den aber ab­weh­rend be­nutzt. Le­dig­li­ch in den gro­ßen All­ge­mein­fo­ren wird dar­über auch dis­ku­tiert, al­ler­dings auch hier mit kla­rer Ten­denz ge­gen je­de Form von rech­ter Ideo­lo­gie.

Ab­stu­fun­gen las­sen si­ch aber fest­stel­len. Auf aus­län­der­feind­li­ches rech­tes Ge­dan­ken­gut gibt es stets schnel­le und prä­zi­se Ge­gen­wehr in den öf­fent­li­chen Fo­ren. Bei an­ti­se­mi­ti­schen Äu­ße­run­gen hin­ge­gen gibt es zwar auch stets Re­ak­tio­nen, die­se sind aber deut­li­ch ver­hal­te­ner und de­fen­si­ver. Den Hin­ter­grund sieht Hö­nigs­ber­ger in der grund­sätz­li­ch frei­heit­li­chen Aus­rich­tung vie­ler Pi­ra­ten, die es ih­nen schwer ma­che, bei ei­ner „Man muss doch mal sa­gen dürfen“-Argumentation kom­pro­miss­los da­ge­gen­zu­re­den. Dies ma­chen si­ch Rech­te Hö­nigs­ber­gers Aus­füh­run­gen zu Fol­ge zu Nut­zen, in­dem sie ge­n­au auf die­se Wei­se ar­gu­men­tie­ren. „Klas­si­sch“ sei in die­sem Zu­sam­men­hang die Ver­qui­ckung der „Ho­lo­caust­leu­gung“ mit dem „Frei­heits­be­griff“, um die es be­reits mehr­fach lan­ge Dis­kus­sio­nen ge­ge­ben ha­be.

Ge­ne­rell ge­hen all die­se Äu­ße­run­gen aber nur von ei­ner klei­nen – aber laut­star­ken – Min­der­heit aus. Hö­nigs­ber­ger kon­sta­tier­te der Pi­ra­ten­par­tei, sie sei zwei­fels­frei kei­ne rech­te Par­tei und emp­fiehlt ih­re Auf­nah­me in Bünd­nis­se ge­gen Rechts.

Die Ver­an­stal­tung setz­te si­ch fort mit Fra­gen aus dem Pu­bli­kum. Hö­nigs­ber­ger äu­ßer­te si­ch hier zum „Gleich­heits­be­griff“ der Pi­ra­ten. Quan­ti­ta­tiv sei die­ser un­ter „fer­ner lie­fen“ mit nur 800 Er­wäh­nun­gen nicht mal un­ter den 1000 häu­figs­ten Be­grif­fen. Al­ler­dings ha­be die Pi­ra­ten­par­tei ei­nen sehr ega­li­tä­ren Frei­heits­be­griff (Frei­heit: 15.000 Er­wäh­nun­gen), so­dass man durch­aus sa­gen kön­ne, der Frei­heits­be­griff der Pi­ra­ten um­fasst auch die Gleich­heit. All­ge­mein wür­de mit „Gleich­heit“ in Deutsch­land sehr de­fen­siv ar­gu­men­tiert, häu­fig zieht man si­ch auf die „glei­chen Vor­aus­set­zun­gen“ zu­rück, oh­ne auf ei­ne even­tu­el­le Un­gleich­ent­wick­lung ein­zu­ge­hen. Bei den Pi­ra­ten wun­de­re ihn ins­be­son­de­re, dass hier nicht viel­mehr auf die Gleich­heit der Netz­nut­zer vor dem Hin­ter­grund der heu­ti­gen Netz­mo­no­po­lis­ten (Goo­gle, Face­book,…) ein­ge­gan­gen wer­de.

Klecha gab dann ei­nen Aus­bli­ck auf mög­li­che Sze­na­ri­en für die nä­he­re Pi­ra­ten­zu­kunft. Mo­men­tan sei ei­ne ge­wis­se Sta­gna­ti­on bis hin zur Er­schöp­fung aus­zu­ma­chen: In Nie­der­sach­sen sei ein Drit­tel der Wahl­krei­se nicht mit Di­rekt­kan­di­da­ten be­setzt, das ha­be es in Schles­wig-Hol­stein oder Nord­rhein-West­fah­len nicht ge­ge­ben. Ein Schei­tern in Nie­der­sach­sen wür­de die Si­tua­ti­on schwie­ri­ger ma­chen und ein Schei­tern bei der Bun­des­tags­wahl si­cher in­ten­si­ve De­bat­ten um die in­ter­nen Struk­tu­ren aus­lö­sen. Er­fol­ge bei den Wahlen könn­ten al­ler­dings an­de­rer­seits zu mas­si­ven Ver­la­ge­run­gen der Macht­zen­tren füh­ren. Ähn­li­ch wie heu­te die Ber­li­ner Land­tags­frak­ti­on könn­te ei­ne Bun­des­tags­frak­ti­on ei­ne Art im­pli­zi­te Mei­nungs­füh­rer­schaft er­he­ben. Zu­dem wä­re ei­ne Bun­des­tags­frak­ti­on ei­ne Art Span­ge über sehr ver­schie­den ent­wi­ckel­te Lan­des­ver­bän­de hin­weg, ei­ne sol­che Span­ge gi­be es in die­ser Form bis­lang über­haupt nicht. Die Fra­ge, wie in die­se Pro­zes­se die Ba­sis ein­ge­bun­den sein könn­te, sieht Klecha of­fen.

Präsentation der Kampagne zur Landtagswahl Niedersachsen im November 2012. Ein Drittel der Wahlkreise ist ohne Piraten-Direktkandidaten - ein Zeichen von Erschöpfung?

Prä­sen­ta­ti­on der Kam­pa­gne zur Land­tags­wahl Nie­der­sach­sen im No­vem­ber 2012. Ein Drit­tel der Wahl­krei­se ist oh­ne Pi­ra­ten-Di­rekt­kan­di­da­ten – ein Zei­chen von Er­schöp­fung?
Fo­to: Al­joscha Ritt­ner

Wei­ter ging es mit Be­trach­tun­gen zu kom­mu­na­len Ebe­ne. Die­se spiel­te in Klechas Un­ter­su­chun­gen ei­ne eher un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le. Ge­ne­rell sagt er, dass die neu ge­bil­de­ten Frak­tio­nen auf kom­mu­na­ler Ebe­ne re­la­tiv lan­ge brau­chen, um in die Sach­ar­beit hin­ein­zu­kom­men. Das sei aber für neue Frak­tio­nen ge­ne­rell nichts Neu­es und auch nicht un­ge­wöhn­li­ch. Zu be­ob­ach­ten ist mo­men­tan, dass es ei­ner­seits im­mer wie­der kom­men­de The­men in der kom­mu­na­len Ar­beit gibt, die an­de­rer­seits um be­stimm­te „Lieb­lings­the­men“ er­gänzt wer­den. Wei­ter­hin stell­te Klecha fest, dass die Be­schäf­ti­gung mit kom­mu­nal­po­li­ti­schen The­men auch wie­der die Par­tei und die Dis­kus­sio­nen in ihr ver­än­dert – man kann si­ch halt nicht mehr nur mit dem „gro­ßen gan­zen“ be­schäf­ti­gen, son­dern muss si­ch plötz­li­ch auch um Spiel­platz­kon­zep­te und ähn­li­ches küm­mern.

Die Ent­wick­lung der Land­tags­frak­tio­nen ver­läuft laut Klecha be­mer­kens­wert un­ter­schied­li­ch: In Ber­lin führ­ten die Wahlen im letz­ten Jahr da­zu, dass qua­si die kom­plet­te ak­ti­ve Ba­sis der Vor­wahl­zeit si­ch plötz­li­ch in Man­da­ten wie­der­fand, dar­un­ter auch Leu­te, die si­ch in ih­rem Le­ben nicht vor­stel­len konn­ten, plötz­li­ch im Ab­ge­ord­ne­ten­haus zu sit­zen. Die „neue“ Ba­sis ist dann er­st qua­si kom­plett nach der Wahl 2011 bei­ge­tre­ten, was zu er­heb­li­chen Span­nun­gen ge­führt hat. Mo­men­tan gibt es Be­stre­bun­gen, die Kon­fron­ta­ti­on ab­zu­bau­en, die Ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­ten se­hen si­ch selbst aber ge­ne­rell als „Avant­gar­de“.

Im Saar­land ist die Si­tua­ti­on kom­plett an­ders. Dort wird we­sent­li­ch kon­ven­tio­nel­ler Po­li­tik ge­macht, was aber auch da­zu führt, dass die Frak­ti­on si­ch we­ni­ger an Pi­ra­ten­me­cha­nis­men ori­en­tiert. In Schles­wig-Hol­stein gibt es bis­lang no­ch kaum Kreis­ver­bän­de, zu­dem ist die Frak­ti­on im Par­la­ments­be­trieb re­la­tiv stark iso­liert. Und in NRW ist das Per­so­nal der Frak­ti­on räum­li­ch stark auf ei­ni­ge Land­stri­che kon­zen­triert, hier ist zu be­ob­ach­ten, dass si­ch die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­nen von Par­tei und Frak­ti­on ent­kop­peln, oh­ne dass da­ge­gen bis­lang schon ein Mit­tel ge­fun­den wor­den wä­re.

Ins­ge­samt müs­se man ab­war­ten, wie si­ch die Din­ge ent­wi­ckeln.

Es folg­te ein In­ter­mez­zo zwi­schen Hö­nigs­ber­ger und ei­nem der Zu­hö­rer. Die­ser woll­te ei­ne Dis­kus­si­on um die Straf­bar­keit der Ho­lo­caust­leu­gung und ih­re Un­ab­hän­gig­keit von rech­tem Ge­dan­ken­gut los­tre­ten, aber Hö­nigs­ber­ger blieb da ab­so­lut un­be­ein­druckt: Die Ho­lo­caust­leu­gungs­de­bat­te hat ge­ne­rell ei­nen rech­ten Kon­text und die Dis­kus­si­on in den Pi­ra­ten­fo­ren passt ex­akt in die­ses Sche­ma. Punk­tum. Die Mo­de­ra­to­rin griff dann ein und be­en­de­te den dro­hen­den Ein­zel­dia­log.

Nun ging es wie­der zu Hö­nigs­ber­ger und noch­mal zu­rück zum The­ma „Netz­po­li­tik und Rück­wir­kung der­sel­ben auf die Ge­sell­schaft“. Die Grund­ein­kom­mens­de­bat­te sei si­cher ei­ne ge­samt­ge­sell­schaft­li­che For­de­rung, aber sie ist nicht aus netz­po­li­ti­schen The­sen her­vor­ge­gan­gen. Ähn­li­ch sei es mit dem fahr­schein­lo­sen Nah­ver­kehr. Der ei­gent­li­che Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt für die Schnitt­stel­le zwi­schen Netz- und Ge­sell­schaft­po­li­tik wä­re ei­gent­li­ch die Ur­he­ber­rechts­de­bat­te. Hier geht es letzt­li­ch dar­um, die De­bat­te um „Ei­gen­tum“ ins­ge­samt neu zu be­le­ben und ei­ni­ge Grund­la­gen auf den Prüf­stand zu stel­len. Wer hat ds Ei­gen­tum an ei­nem er­zeug­ten Werk? Wem ge­hö­ren die Pro­duk­ti­ons­mit­tel? Ei­ne sol­che De­bat­te wä­re un­ge­heu­er pro­duk­tiv, die Pi­ra­ten sei­en da­zu aber mo­men­tan we­der wil­lig no­ch fä­hig. Al­ler­dings, so Hö­nigs­ber­ger, sei die Ur­he­ber­rechts­de­bat­te Spreng­stoff für die Ge­sell­schaft ins­ge­samt.

Klecha ging dann dar­auf ein, in­wie­weit die Pi­ra­ten dem In­klu­si­ons­kon­zept ent­sprä­chen. Er hob zu­nächst po­si­tiv die Ge­bär­den­dol­met­scher auf den Bun­des­par­tei­ta­gen und Ju­lia Prob­st, die ge­hör­lo­se Lis­ten­kan­di­da­tin auf Platz 2 der ba­den-würt­tem­be­rig­schen Lan­des­lis­te zur Bun­des­tags­wahl, her­vor. Po­li­ti­sche Dis­kus­sio­nen sei­en al­ler­dings, so Klecha wei­ter, im­mer so­zi­al se­lek­tiv, wür­den al­so be­stimm­te Be­völ­ke­rungs­schich­ten be­son­ders an­spre­chen. Er brach­te Bür­ger­haus­hal­te als Bei­spie­le, wo Geld­er für Schu­len ten­den­zi­ell eher für Gym­na­si­en be­wil­ligt wür­den. Die ein­zi­ge nicht so­zi­al se­lek­ti­ve po­li­ti­sche Be­tä­ti­gung sei die Wahl selbst: Re­pres­si­ons­frei und nicht zeit­in­ten­siv. Die von den Pi­ra­ten ge­for­der­ten ple­bis­zi­tä­ren Ele­men­te könn­ten durch­aus da­zu füh­ren, dass be­stimm­te Be­völ­ke­rungs­krei­se von die­ser Art der po­li­ti­schen Wil­lens­bil­dung aus­ge­schlos­sen sind.

Die nächs­te Fra­ge dreh­te si­ch um po­ten­ti­el­le po­li­ti­sche Bünd­nis­se. Sind die Pi­ra­ten ver­läss­li­che Bünd­nis­part­ner? Klecha mein­te zu­nächst, die Pi­ra­ten selbst wür­den das wohl ver­nei­nen. Im Zu­sam­men­hang mit der be­reits exis­tie­ren­den par­la­men­ta­ri­schen Ar­beit las­se si­ch al­ler­dings fest­stel­len, dass be­stimm­te Ab­läu­fe in den Frak­tio­nen sehr wohl ak­zep­tiert wer­den, bei­spiels­wei­se das tie­fe­re Ver­ständ­nis ein­zel­ner Frak­ti­ons­mit­glie­der für be­stimm­te Sach­fra­gen auf Grund von Aus­schuss­zu­stän­dig­kei­ten. In der jet­zi­gen Kon­stel­la­ti­on sei­en Ko­ali­tio­nen aber wohl no­ch schwie­rig. Die Pi­ra­ten hät­ten – ähn­li­ch wie die frü­hen Grü­nen – ei­nen sehr idea­lis­ti­schen und – im politik-​/​sozialwissenschaftlichen Sin­ne – nai­ven Po­li­tik­zu­gang. Es gibt aber auf kom­mu­na­ler Ebe­ne be­reits in Bünd­nis­se ein­ge­bun­de­ne Ein­zel­pi­ra­ten. Und es fin­det der „klas­si­sche“ An­sich­ten­trans­fer statt: Pi­ra­ten in Man­da­ten wä­gen po­li­ti­sche Fra­ge­stel­lun­gen auf Grund bes­se­rer In­for­miert­heit an­ders ab als die Ba­sis und kom­men des­halb manch­mal zu an­de­ren Er­geb­nis­sen. Als Bei­spiel nann­te Klecha die Dis­kus­si­on in NRW um die Ver­schär­fung des Nicht­rau­cher­schut­zes.

Piraten entern die Parlamente: Der Blogautor (vorn links) als Abgeordneter im Rat der Stadt Hannover. Foto: Martin Pötter

Pi­ra­ten en­tern die Par­la­men­te: Der Blog­au­tor (vorn links) als Ab­ge­ord­ne­ter im Rat der Stadt Han­no­ver.
Fo­to: Mar­tin Pöt­ter

Hö­nigs­ber­ger fand zu der­sel­ben Fra­ge­stel­lung, Pro­gno­sen sei­en schwie­rig. Die Pi­ra­ten dis­ku­tie­ren mo­men­tan (no­ch) nicht über even­tu­el­le Re­gie­rungs­be­tei­li­gun­gen. Ein Teil wer­de dies aber frü­her oder spä­ter wol­len und dann ste­hen schwie­ri­ge Dis­kus­sio­nen ins Haus. Die Mi­ni­mal­pro­gno­se sei in­so­fern, dass es dann wohl ei­nen par­tei­in­ter­nen Kon­flikt ähn­li­ch der Grü­nen Rea­lo-Fun­di-Aus­ein­an­der­set­zun­gen der spä­ten 1980er und frü­hen 1990er Jah­re ge­ben wer­de. Er stell­te ab­schlie­ßend fest, dass die mo­men­tan dis­ku­tier­ten in­ter­nen Pro­ble­me der Pi­ra­ten al­le­samt lös­bar sei­en, dass ihm aber mo­men­tan Per­so­nen­grup­pen feh­len, die die­se an­stren­gen­den Dis­kus­sio­nen auch durch­ste­hen. Es fehl­ten die „Leit­ham­mel“. Hier­bei hat­te er, das wur­de im an­schlie­ßen­den Ge­spräch no­ch deut­li­ch, vor al­lem die Grü­nen Josch­ka Fi­scher und Jut­ta Dit­fur­th vor Au­gen, die der ent­spre­chen­den Grü­nen-De­bat­te sei­ner­zeit zwei Ge­sich­ter ge­ge­ben hat­ten.

Um et­wa 21:10 Uhr en­de­te die of­fi­zi­el­le Ver­an­stal­tung, weil so­wohl die Ver­an­stal­te­rin als auch die Mo­de­ra­to­rin ih­re Zü­ge be­kom­men muss­ten. Et­wa ein Dut­zend Teil­neh­mer, dar­un­ter auch die Her­ren Klecha und Hö­nigs­ber­ger, dis­ku­tier­ten aber no­ch an­ge­regt im Mez­zo, die letz­ten gin­gen dort er­st kurz vor Mit­ter­nacht.

2012-11-30, 21:40 Uhr: Ei­ni­ge Recht­schreib- und Gram­ma­tik­feh­ler kor­ri­giert, klei­ne For­mu­lie­rungs­än­de­run­gen

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