„Piraten” entern die Parlamente – Diskussionsveranstaltung mit Dr. Stephan Klecha und Herbert Hönigsberger – Bericht


‚Pira­ten’ entern die Par­la­men­te” hieß eine Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung, zu der unter ande­rem die Hein­rich-Böll-Stif­tung Nie­der­sach­sen am 2012-11-29 um 19:30 Uhr in den Rasch­platz­pa­vil­lon in Han­no­ver ein­ge­la­den hat­te. Dr. Ste­phan Klecha vom Göt­tin­ger Insti­tut für Demo­kra­tie­for­schung und Her­bert Hönigs­ber­ger von der Nau­ti­lus Poli­tik­be­ra­tung refe­rier­ten und dis­ku­tier­ten vor etwa einem Dut­zend Zuschau­er – vie­le davon selbst Pira­ten – das „Phä­no­men Pira­ten­par­tei”. Bei­de beschäf­ti­gen sich wis­sen­schaft­lich mit der Ent­wick­lung der Pira­ten­par­tei. Hönigs­ber­ger hat zudem äußerst fun­dier­te prak­ti­sche Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten mit den Grü­nen: Er war wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der ers­ten grü­nen Bun­des­tags­frak­ti­on 1983 und erzähl­te zu Anfang, sei­ne Mit­ar­bei­ter­num­mer sei „0001” gewe­sen.

Den inhalt­li­chen Auf­takt mach­te Dr. Klecha, der die geschicht­li­che Ent­wick­lung der Pira­ten­par­tei Revue pas­sie­ren ließ. Er mach­te drei gro­ße „Wel­len” aus, in denen die Pira­ten­par­tei gewach­sen sei: Die ers­te Gene­ra­ti­on waren die Grün­der, die 2006 – von den Schwe­den inspi­riert – die Pira­ten­par­tei gegrün­det haben. Sie woll­ten, so Klecha, bestimm­te gesell­schaft­li­che Fra­gen neu dis­ku­tie­ren, hat­ten aber gera­de am Anfang nicht wirk­lich an einen Erfolg als poli­ti­sche Par­tei geglaubt. Auch für ihr Umfeld galt das: Für die Grün­dung der ver­meint­li­chen „Spaß­par­tei” stell­te die C-Base in Ber­lin Räum­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung, seit die Pira­ten „groß” gewor­den sind, dür­fen sie in der strikt par­tein­eu­tra­len Ein­rich­tung kei­ne Ver­an­stal­tun­gen mehr aus­rich­ten.

Aus der Frühzeit der Partei: Plakatproduktion für die Bürgerschaftswahl in Hamburg im Februar 2008. Die Plakatträger kommen teilweise aus Hessen von der Landtagswahl 2007

Aus der Früh­zeit der Par­tei: Pla­kat­pro­duk­ti­on für die Bür­ger­schafts­wahl in Ham­burg im Febru­ar 2008. Die Plakat­trä­ger kom­men teil­wei­se aus Hes­sen von der Land­tags­wahl 2007

Den zwei­ten Schub gab es 2009, als ver­schie­de­ne Dis­kus­sio­nen der Nul­ler­jah­re rund um Sicher­heits­ge­set­ze und Bür­ger­rech­te in den Zens­ur­su­la-Kin­der­por­no-Netz­sper­ren-Gesetz­ent­wür­fen zusam­men­lie­fen und eine Rei­he von Leu­ten poli­ti­sier­ten, die sich dage­gen aus­spre­chen woll­ten, aber noch eine poli­ti­sche Basis such­ten. Zusam­men mit dem 0,9%-„Erfolg” bei den Euro­pa­wah­len war für die­se Men­schen die Pira­ten­par­tei plötz­lich attrak­tiv und so reich­te es für beacht­li­che 2% bei den Bun­des­tags­wah­len 2009.

Es folg­te eine Kon­so­li­die­rungs­pha­se, bei der die Par­tei kon­stant um 2% der Stim­men bei Land­tags- und ande­ren Wah­len bekam, und zwar unab­hän­gig von der Urba­ni­tät des Wahl­be­rei­ches. Hier zeig­te sich, so Klecha, ein ers­ter Unter­schied zu den Grü­nen, die noch lan­ge Zeit nach ihrer Grün­dung vor allem ein „urba­nes Phä­no­men” waren und auf dem plat­ten Land regel­mä­ßig deut­lich schlech­ter abschnit­ten als in städ­ti­schen Bal­lungs­räu­men.

Der drit­te Schub setz­te dann nach der Ber­li­ner Land­tags­wahl 2011 ein. Klecha riss das im Rah­men der Ver­an­stal­tung nur kurz an, aber sei­ne Klas­si­fi­zie­rung eines Teils der Neu­mit­glie­der aus die­sem Zeit­ab­schnitt war ein­deu­tig: „Glücks­rit­ter”. Die fla­chen Hier­ar­chi­en und noch nicht aus­ge­präg­ten Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren haben halt auch vie­le Leu­te ange­zo­gen, die hier die Chan­ce auf einen poli­ti­schen Pos­ten sahen, den sie bei ande­ren Par­tei­en nicht errei­chen konn­ten (oder in der Ver­gan­gen­heit nicht erreicht haben).

Wo stehen die Piraten heute? Plenum beim Bundesparteitag in Bochum, November 2012

Wo ste­hen die Pira­ten heu­te? Ple­num beim Bun­des­par­tei­tag in Bochum, Novem­ber 2012

So fin­den sich denn heu­te drei Gene­ra­tio­nen von Mit­glie­dern in der Par­tei, die mit deut­lich ande­ren Inter­es­sen dazu­ge­sto­ßen sind: In der ers­ten Gene­ra­ti­on vor allem die Netz­po­li­ti­ker, in der zwei­ten die­je­ni­gen, die „Poli­tik aus Not­wehr” betrei­ben und in der drit­ten die ver­schärf­te Vari­an­te der zwei­ten, die teil­wei­se ihren poli­ti­schen oder gesell­schaft­li­chen Frust auf die Par­tei selbst pro­ji­zie­ren. Die span­nen­de Fra­ge sei, so Klecha: Kann die Par­tei die ver­schie­de­nen Inter­es­sen in ihrer Mit­glied­schaft bün­deln und kana­li­sie­ren?

Hier setz­te nun Hönigs­ber­ger ein. Sei­ne Beob­ach­tung: Die übri­gen Par­tei­en haben weit grö­ße­re Pro­ble­me als die The­men der Pira­ten, beim Scan­nen der Online­fo­ren lässt sich mer­ken: „Es liegt was in der Luft” – und die­se Unzu­frie­den­heit wird von der Pira­ten­par­tei längst nicht voll­stän­dig abge­deckt.

Für sei­ne Stu­die hat Hönigs­ber­ger bzw. sein Team die Online­kom­mu­ni­ka­ti­on der Pira­ten­par­tei unter­sucht: Umge­rech­net 260.000 Text­sei­ten wur­den ana­ly­siert. Hönigs­ber­ger merk­te an, dass eine sol­che Stu­die bei kei­ner ande­ren als der Pira­ten­par­tei mög­lich wäre, bei den ande­ren Par­tei­en gibt es schlicht die Daten­ba­sis inform elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht.

Inhalt der Stu­die war eine quan­ti­ta­ti­ve Unter­su­chung, also etwa: „Wie­vie­le Äuße­run­gen des Typs X zum The­ma Y fin­den sich?” Beim The­ma fiel die Ent­schei­dung auf den „nor­ma­ti­ven Dis­kurs”, das heißt die Dis­kus­si­on der Pira­ten über ihre eige­nen und die gesell­schaft­li­chen Grund­wer­te. Im Gegen­satz zu ande­ren Län­dern spielt die­se Dis­kus­si­on in Deutsch­land und im deut­schen poli­ti­schen Sys­tem eine unter­durch­schnitt­li­che Rol­le, obwohl sie wich­tig ist: Einer­seits ist sie leich­ter zugäng­lich als Fach­dis­kus­sio­nen, bei denen man schnell nur noch mit spe­zia­li­sier­tem Detail­wis­sen mit­re­den kann und ande­rer­seits ist sie die bes­te Klas­si­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit für die Par­tei als sol­che.

Das Ergeb­nis der Unter­su­chung war: Die Pira­ten dis­ku­tie­ren die Grund­wer­te im Wesent­li­chen wie alle ande­ren auch, der Neu­ig­keits­ge­halt ist nicht hoch und es gab im Dis­kurs auch kei­ne neu­en Erkennt­nis­se. Neu ist aber die Her­an­ge­hens­wei­se: Die Pira­ten dis­ku­tie­ren die Grund­wer­te „vom Netz aus” und sind auf die Netz­grund­sät­ze spe­zia­li­siert. Die span­nen­de Fra­ge sei nun, ob man die Erkennt­nis­se die­ser netz­spe­zi­fi­schen Frei­heits­dis­kus­si­on in die Gesamt­ge­sell­schaft zurück­tra­gen kann. Hier kon­sta­tiert Hönigs­ber­ger, dass die Pira­ten hier bis­lang nur wenig Impul­se geben.

September 2009: Auf der "Freiheit statt Angst"-Demonstration in Berlin ist die Piratenpartei massiv vertreten. Netzpolitik ist einer der Kristallisationspunkte der Partei

Sep­tem­ber 2009: Auf der „Frei­heit statt Angst”-Demonstration in Ber­lin ist die Pira­ten­par­tei mas­siv ver­tre­ten. Netz­po­li­tik ist einer der Kris­tal­li­sa­ti­ons­punk­te der Par­tei

Ange­sichts sei­ner Vita und des Umfelds war eine der Fra­gen der Stu­die auch: Wie sol­len die Grü­nen mit den Pira­ten umge­hen? Hönigs­ber­gers zen­tra­le Emp­feh­lung: „Lie­be Grü­ne, macht es nicht so wie damals die SPD mit euch, redet nor­mal mit denen.” Die Grü­nen müs­sen sehen, ob sie die Pira­ten als Kon­kur­renz oder als Part­ner sehen und Hönigs­ber­ger emp­fielt dabei eine „Dop­pel­stra­te­gie”: Poli­tisch als Part­ner behan­deln, aber die Unter­schie­de her­aus­ar­bei­ten.

Bemer­kens­wert im poli­ti­schen Grund­wer­te­ka­non der Pira­ten sieht Hönigs­ber­ger den „par­ti­zi­pa­to­ri­schen Grund­im­puls”, der sich durch das pira­ti­sche Han­deln zieht. Die­ser kön­ne der deut­schen Poli­tik ins­ge­samt nicht scha­den und sei inso­fern bemer­kens­wert, dass die Par­tei sich damit klar auf der eher lin­ken Sei­te des poli­ti­schen Spek­trums ver­or­te.

Die Mode­ra­to­rin hak­te dann bei bei­den Exper­ten zu bestimm­ten The­men­fel­dern nach. Als ers­tes äußer­te sich Dr. Klecha zur Gen­der­dis­kus­si­on in der Pira­ten­par­tei. Deren „postgender”-Ansatz hat sei­ner Ansicht nach einen schwie­ri­gen Bei­ge­schmack. Man kön­ne näm­lich, so Klecha, das auch so sehen, dass sich bei den Pira­ten vie­le der „Opfer der Gleich­stel­lungs­po­li­tik der ver­gan­ge­nen 30 Jah­re” fin­den: Män­ner, deren Kar­rie­re­pfad durch „Quo­ten­frau­en” aus­ge­bremst wur­de.

Dies alles sei vor dem Hin­ter­grund zu sehen, dass es zwei aktu­el­le Ent­wick­lun­gen gibt: Zum einen habe die schwe­di­sche Pira­ten­par­tei mitt­ler­wei­le eine Quo­te ein­ge­führt und zum ande­ren gibt es inner­halb der deut­schen Pira­ten­par­tei inzwi­schen Dis­kus­sio­nen um die ers­ten Bun­des­tags­wahl-Lan­des­lis­ten und die Tat­sa­che, dass auf die­sen Frau­en stark unter­re­prä­sen­tiert sind. Ins­ge­samt sei aber fest­zu­hal­ten, dass die Pira­ten­par­tei noch kei­nen Dis­kurs zu dem The­ma ent­wi­ckelt habe.

Wei­ter ging es mit Hönigs­ber­ger und der Fra­ge nach „rech­ten Ten­den­zen” in der Pira­ten­par­tei. Dies sei ein eige­nes Kapi­tel in sei­ner Stu­die, führ­te er aus. Im Rah­men der Unter­su­chun­gen hät­ten er und sein Team zunächst 80 Begrif­fe bzw. Rede­wen­dun­gen iden­ti­fi­ziert, an denen sich eine rech­te Gesin­nung fest­ma­chen lässt. Quel­le war dabei die ein­schlä­gi­ge Lite­ra­tur. Auf die­se 80 Begrif­fe hin wur­den dann die Pira­ten­fo­ren unter­sucht um fest­zu­stel­len, inwie­weit und in wel­chen Zusam­men­hän­gen sie vor­kom­men.

Die Ergeb­nis­se sind deut­lich: In offi­zi­el­len Par­tei­do­ku­men­ten spie­len die Begrif­fe (und damit „rech­tes Gedan­ken­gut”) kei­ne Rol­le. In Fach­fo­ren kom­men sie zwar vor, wer­den aber abweh­rend benutzt. Ledig­lich in den gro­ßen All­ge­me­in­fo­ren wird dar­über auch dis­ku­tiert, aller­dings auch hier mit kla­rer Ten­denz gegen jede Form von rech­ter Ideo­lo­gie.

Abstu­fun­gen las­sen sich aber fest­stel­len. Auf aus­län­der­feind­li­ches rech­tes Gedan­ken­gut gibt es stets schnel­le und prä­zi­se Gegen­wehr in den öffent­li­chen Foren. Bei anti­se­mi­ti­schen Äuße­run­gen hin­ge­gen gibt es zwar auch stets Reak­tio­nen, die­se sind aber deut­lich ver­hal­te­ner und defen­si­ver. Den Hin­ter­grund sieht Hönigs­ber­ger in der grund­sätz­lich frei­heit­li­chen Aus­rich­tung vie­ler Pira­ten, die es ihnen schwer mache, bei einer „Man muss doch mal sagen dürfen”-Argumentation kom­pro­miss­los dage­gen­zu­re­den. Dies machen sich Rech­te Hönigs­ber­gers Aus­füh­run­gen zu Fol­ge zu Nut­zen, indem sie genau auf die­se Wei­se argu­men­tie­ren. „Klas­sisch” sei in die­sem Zusam­men­hang die Ver­qui­ckung der „Holo­caust­leu­gung” mit dem „Frei­heits­be­griff”, um die es bereits mehr­fach lan­ge Dis­kus­sio­nen gege­ben habe.

Gene­rell gehen all die­se Äuße­run­gen aber nur von einer klei­nen – aber laut­star­ken – Min­der­heit aus. Hönigs­ber­ger kon­sta­tier­te der Pira­ten­par­tei, sie sei zwei­fels­frei kei­ne rech­te Par­tei und emp­fiehlt ihre Auf­nah­me in Bünd­nis­se gegen Rechts.

Die Ver­an­stal­tung setz­te sich fort mit Fra­gen aus dem Publi­kum. Hönigs­ber­ger äußer­te sich hier zum „Gleich­heits­be­griff” der Pira­ten. Quan­ti­ta­tiv sei die­ser unter „fer­ner lie­fen” mit nur 800 Erwäh­nun­gen nicht mal unter den 1000 häu­figs­ten Begrif­fen. Aller­dings habe die Pira­ten­par­tei einen sehr ega­li­tä­ren Frei­heits­be­griff (Frei­heit: 15.000 Erwäh­nun­gen), sodass man durch­aus sagen kön­ne, der Frei­heits­be­griff der Pira­ten umfasst auch die Gleich­heit. All­ge­mein wür­de mit „Gleich­heit” in Deutsch­land sehr defen­siv argu­men­tiert, häu­fig zieht man sich auf die „glei­chen Vor­aus­set­zun­gen” zurück, ohne auf eine even­tu­el­le Ungleich­ent­wick­lung ein­zu­ge­hen. Bei den Pira­ten wun­de­re ihn ins­be­son­de­re, dass hier nicht viel­mehr auf die Gleich­heit der Netz­nut­zer vor dem Hin­ter­grund der heu­ti­gen Netz­mo­no­po­lis­ten (Goog­le, Face­book,…) ein­ge­gan­gen wer­de.

Klecha gab dann einen Aus­blick auf mög­li­che Sze­na­ri­en für die nähe­re Pira­ten­zu­kunft. Momen­tan sei eine gewis­se Sta­gna­ti­on bis hin zur Erschöp­fung aus­zu­ma­chen: In Nie­der­sach­sen sei ein Drit­tel der Wahl­krei­se nicht mit Direkt­kan­di­da­ten besetzt, das habe es in Schles­wig-Hol­stein oder Nord­rhein-West­fah­len nicht gege­ben. Ein Schei­tern in Nie­der­sach­sen wür­de die Situa­ti­on schwie­ri­ger machen und ein Schei­tern bei der Bun­des­tags­wahl sicher inten­si­ve Debat­ten um die inter­nen Struk­tu­ren aus­lö­sen. Erfol­ge bei den Wah­len könn­ten aller­dings ande­rer­seits zu mas­si­ven Ver­la­ge­run­gen der Macht­zen­tren füh­ren. Ähn­lich wie heu­te die Ber­li­ner Land­tags­frak­ti­on könn­te eine Bun­des­tags­frak­ti­on eine Art impli­zi­te Mei­nungs­füh­rer­schaft erhe­ben. Zudem wäre eine Bun­des­tags­frak­ti­on eine Art Span­ge über sehr ver­schie­den ent­wi­ckel­te Lan­des­ver­bän­de hin­weg, eine sol­che Span­ge gibe es in die­ser Form bis­lang über­haupt nicht. Die Fra­ge, wie in die­se Pro­zes­se die Basis ein­ge­bun­den sein könn­te, sieht Klecha offen.

Präsentation der Kampagne zur Landtagswahl Niedersachsen im November 2012. Ein Drittel der Wahlkreise ist ohne Piraten-Direktkandidaten - ein Zeichen von Erschöpfung?

Prä­sen­ta­ti­on der Kam­pa­gne zur Land­tags­wahl Nie­der­sach­sen im Novem­ber 2012. Ein Drit­tel der Wahl­krei­se ist ohne Pira­ten-Direkt­kan­di­da­ten – ein Zei­chen von Erschöp­fung?
Foto: Aljoscha Ritt­ner

Wei­ter ging es mit Betrach­tun­gen zu kom­mu­na­len Ebe­ne. Die­se spiel­te in Klechas Unter­su­chun­gen eine eher unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Gene­rell sagt er, dass die neu gebil­de­ten Frak­tio­nen auf kom­mu­na­ler Ebe­ne rela­tiv lan­ge brau­chen, um in die Sach­ar­beit hin­ein­zu­kom­men. Das sei aber für neue Frak­tio­nen gene­rell nichts Neu­es und auch nicht unge­wöhn­lich. Zu beob­ach­ten ist momen­tan, dass es einer­seits immer wie­der kom­men­de The­men in der kom­mu­na­len Arbeit gibt, die ande­rer­seits um bestimm­te „Lieb­lings­the­men” ergänzt wer­den. Wei­ter­hin stell­te Klecha fest, dass die Beschäf­ti­gung mit kom­mu­nal­po­li­ti­schen The­men auch wie­der die Par­tei und die Dis­kus­sio­nen in ihr ver­än­dert – man kann sich halt nicht mehr nur mit dem „gro­ßen gan­zen” beschäf­ti­gen, son­dern muss sich plötz­lich auch um Spiel­platz­kon­zep­te und ähn­li­ches küm­mern.

Die Ent­wick­lung der Land­tags­frak­tio­nen ver­läuft laut Klecha bemer­kens­wert unter­schied­lich: In Ber­lin führ­ten die Wah­len im letz­ten Jahr dazu, dass qua­si die kom­plet­te akti­ve Basis der Vor­wahl­zeit sich plötz­lich in Man­da­ten wie­der­fand, dar­un­ter auch Leu­te, die sich in ihrem Leben nicht vor­stel­len konn­ten, plötz­lich im Abge­ord­ne­ten­haus zu sit­zen. Die „neue” Basis ist dann erst qua­si kom­plett nach der Wahl 2011 bei­ge­tre­ten, was zu erheb­li­chen Span­nun­gen geführt hat. Momen­tan gibt es Bestre­bun­gen, die Kon­fron­ta­ti­on abzu­bau­en, die Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten sehen sich selbst aber gene­rell als „Avant­gar­de”.

Im Saar­land ist die Situa­ti­on kom­plett anders. Dort wird wesent­lich kon­ven­tio­nel­ler Poli­tik gemacht, was aber auch dazu führt, dass die Frak­ti­on sich weni­ger an Pira­ten­me­cha­nis­men ori­en­tiert. In Schles­wig-Hol­stein gibt es bis­lang noch kaum Kreis­ver­bän­de, zudem ist die Frak­ti­on im Par­la­ments­be­trieb rela­tiv stark iso­liert. Und in NRW ist das Per­so­nal der Frak­ti­on räum­lich stark auf eini­ge Land­stri­che kon­zen­triert, hier ist zu beob­ach­ten, dass sich die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ebe­nen von Par­tei und Frak­ti­on ent­kop­peln, ohne dass dage­gen bis­lang schon ein Mit­tel gefun­den wor­den wäre.

Ins­ge­samt müs­se man abwar­ten, wie sich die Din­ge ent­wi­ckeln.

Es folg­te ein Inter­mez­zo zwi­schen Hönigs­ber­ger und einem der Zuhö­rer. Die­ser woll­te eine Dis­kus­si­on um die Straf­bar­keit der Holo­caust­leu­gung und ihre Unab­hän­gig­keit von rech­tem Gedan­ken­gut los­tre­ten, aber Hönigs­ber­ger blieb da abso­lut unbe­ein­druckt: Die Holo­caust­leu­gungs­de­bat­te hat gene­rell einen rech­ten Kon­text und die Dis­kus­si­on in den Pira­ten­fo­ren passt exakt in die­ses Sche­ma. Punk­tum. Die Mode­ra­to­rin griff dann ein und been­de­te den dro­hen­den Ein­zel­dia­log.

Nun ging es wie­der zu Hönigs­ber­ger und noch­mal zurück zum The­ma „Netz­po­li­tik und Rück­wir­kung der­sel­ben auf die Gesell­schaft”. Die Grund­ein­kom­mens­de­bat­te sei sicher eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che For­de­rung, aber sie ist nicht aus netz­po­li­ti­schen The­sen her­vor­ge­gan­gen. Ähn­lich sei es mit dem fahr­schein­lo­sen Nah­ver­kehr. Der eigent­li­che Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt für die Schnitt­stel­le zwi­schen Netz- und Gesell­schaft­po­li­tik wäre eigent­lich die Urhe­ber­rechts­de­bat­te. Hier geht es letzt­lich dar­um, die Debat­te um „Eigen­tum” ins­ge­samt neu zu bele­ben und eini­ge Grund­la­gen auf den Prüf­stand zu stel­len. Wer hat ds Eigen­tum an einem erzeug­ten Werk? Wem gehö­ren die Pro­duk­ti­ons­mit­tel? Eine sol­che Debat­te wäre unge­heu­er pro­duk­tiv, die Pira­ten sei­en dazu aber momen­tan weder wil­lig noch fähig. Aller­dings, so Hönigs­ber­ger, sei die Urhe­ber­rechts­de­bat­te Spreng­stoff für die Gesell­schaft ins­ge­samt.

Klecha ging dann dar­auf ein, inwie­weit die Pira­ten dem Inklu­si­ons­kon­zept ent­sprä­chen. Er hob zunächst posi­tiv die Gebär­den­dol­met­scher auf den Bun­des­par­tei­ta­gen und Julia Probst, die gehör­lo­se Lis­ten­kan­di­da­tin auf Platz 2 der baden-würt­tem­be­rig­schen Lan­des­lis­te zur Bun­des­tags­wahl, her­vor. Poli­ti­sche Dis­kus­sio­nen sei­en aller­dings, so Klecha wei­ter, immer sozi­al selek­tiv, wür­den also bestimm­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten beson­ders anspre­chen. Er brach­te Bür­ger­haus­hal­te als Bei­spie­le, wo Gel­der für Schu­len ten­den­zi­ell eher für Gym­na­si­en bewil­ligt wür­den. Die ein­zi­ge nicht sozi­al selek­ti­ve poli­ti­sche Betä­ti­gung sei die Wahl selbst: Repres­si­ons­frei und nicht zeit­in­ten­siv. Die von den Pira­ten gefor­der­ten ple­bis­zi­tä­ren Ele­men­te könn­ten durch­aus dazu füh­ren, dass bestimm­te Bevöl­ke­rungs­krei­se von die­ser Art der poli­ti­schen Wil­lens­bil­dung aus­ge­schlos­sen sind.

Die nächs­te Fra­ge dreh­te sich um poten­ti­el­le poli­ti­sche Bünd­nis­se. Sind die Pira­ten ver­läss­li­che Bünd­nis­part­ner? Klecha mein­te zunächst, die Pira­ten selbst wür­den das wohl ver­nei­nen. Im Zusam­men­hang mit der bereits exis­tie­ren­den par­la­men­ta­ri­schen Arbeit las­se sich aller­dings fest­stel­len, dass bestimm­te Abläu­fe in den Frak­tio­nen sehr wohl akzep­tiert wer­den, bei­spiels­wei­se das tie­fe­re Ver­ständ­nis ein­zel­ner Frak­ti­ons­mit­glie­der für bestimm­te Sach­fra­gen auf Grund von Aus­schuss­zu­stän­dig­kei­ten. In der jet­zi­gen Kon­stel­la­ti­on sei­en Koali­tio­nen aber wohl noch schwie­rig. Die Pira­ten hät­ten – ähn­lich wie die frü­hen Grü­nen – einen sehr idea­lis­ti­schen und – im poli­tik-/so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Sin­ne – nai­ven Poli­tik­zu­gang. Es gibt aber auf kom­mu­na­ler Ebe­ne bereits in Bünd­nis­se ein­ge­bun­de­ne Ein­zel­pi­ra­ten. Und es fin­det der „klas­si­sche” Ansich­ten­trans­fer statt: Pira­ten in Man­da­ten wägen poli­ti­sche Fra­ge­stel­lun­gen auf Grund bes­se­rer Infor­miert­heit anders ab als die Basis und kom­men des­halb manch­mal zu ande­ren Ergeb­nis­sen. Als Bei­spiel nann­te Klecha die Dis­kus­si­on in NRW um die Ver­schär­fung des Nicht­rau­cher­schut­zes.

Piraten entern die Parlamente: Der Blogautor (vorn links) als Abgeordneter im Rat der Stadt Hannover. Foto: Martin Pötter

Pira­ten entern die Par­la­men­te: Der Blog­au­tor (vorn links) als Abge­ord­ne­ter im Rat der Stadt Han­no­ver.
Foto: Mar­tin Pöt­ter

Hönigs­ber­ger fand zu der­sel­ben Fra­ge­stel­lung, Pro­gno­sen sei­en schwie­rig. Die Pira­ten dis­ku­tie­ren momen­tan (noch) nicht über even­tu­el­le Regie­rungs­be­tei­li­gun­gen. Ein Teil wer­de dies aber frü­her oder spä­ter wol­len und dann ste­hen schwie­ri­ge Dis­kus­sio­nen ins Haus. Die Mini­mal­pro­gno­se sei inso­fern, dass es dann wohl einen par­tei­in­ter­nen Kon­flikt ähn­lich der Grü­nen Rea­lo-Fun­di-Aus­ein­an­der­set­zun­gen der spä­ten 1980er und frü­hen 1990er Jah­re geben wer­de. Er stell­te abschlie­ßend fest, dass die momen­tan dis­ku­tier­ten inter­nen Pro­ble­me der Pira­ten alle­samt lös­bar sei­en, dass ihm aber momen­tan Per­so­nen­grup­pen feh­len, die die­se anstren­gen­den Dis­kus­sio­nen auch durch­ste­hen. Es fehl­ten die „Leit­ham­mel”. Hier­bei hat­te er, das wur­de im anschlie­ßen­den Gespräch noch deut­lich, vor allem die Grü­nen Josch­ka Fischer und Jut­ta Dit­furth vor Augen, die der ent­spre­chen­den Grü­nen-Debat­te sei­ner­zeit zwei Gesich­ter gege­ben hat­ten.

Um etwa 21:10 Uhr ende­te die offi­zi­el­le Ver­an­stal­tung, weil sowohl die Ver­an­stal­te­rin als auch die Mode­ra­to­rin ihre Züge bekom­men muss­ten. Etwa ein Dut­zend Teil­neh­mer, dar­un­ter auch die Her­ren Klecha und Hönigs­ber­ger, dis­ku­tier­ten aber noch ange­regt im Mez­zo, die letz­ten gin­gen dort erst kurz vor Mit­ter­nacht.

2012-11-30, 21:40 Uhr: Eini­ge Recht­schreib- und Gram­ma­tik­feh­ler kor­ri­giert, klei­ne For­mu­lie­rungs­än­de­run­gen

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