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Dieter Bohlen über Musikkopien im Internet — Vordenker der Piratenpartei

Ich bitte um Auf­merk­sam­keit für ein etwas älte­res Fund­stück, auf das ich über Twit­ter gesto­ßen bin. Am 2007-​11-​01 war Die­ter Boh­len zu Gast bei Johan­nes B. Ker­ner. Nun mag man über beide Gesprächs­part­ner den­ken, was man will, aber war der Die­ter da gesagt hat, das ist schon bemerkenswert:

Ker­ner: Mit Plat­ten kann man kein Geld mehr verdienen.

Boh­len: Richtig.

Ker­ner: Nur noch auf Tournee.

Boh­len: Rich­tig. […] Mit Plat­ten kann man heute kein Geld mehr ver­die­nen. […] Des­halb gehen die jetzt alle auf Tour­nee weil das Tour­nee­ge­schäft läuft ganz toll und alle Leute down­loa­den das — die Musik.

Ker­ner: Aber das kos­tet ja auch was.

Boh­len: Ja, aber da zahlt ja kein Mensch was für. Ich finde diese ganze Dis­kus­sion — diese jun­gen Men­schen in die Nähe von Straf­bar­keit zu rücken, ja, das die da was Ver­bo­te­nes machen, finde ich abso­lu­ten Schwach­sinn — weil, erst­mal gibt die Indus­trie denen die Mög­lich­keit, das zu machen — schafft die Hard­ware, ver­dient da mit dran — sagt denen: „Hier sind die Pro­gramme, könnt ihr’s down­loa­den”. Ist zu dir denn oder zu mir denn damals einer gekom­men und hat gesagt, wir dür­fen am Radio nicht mehr sit­zen und diese Sachen auf­neh­men? […] Wir haben doch frü­her alle vor unse­ren Radios geses­sen und haben da die Hit­pa­ra­den auf­ge­nom­men. Was machen die denn jetzt ande­res? Gar nix! […] Ich hab’ ja damals auch nichts gesagt, wenn die Leute sich das aus dem Radio abko­piert haben. Du kannst doch den Leu­ten nicht irgend­wie sagen: „Hier ist ein Ham­mer, aber jetzt hau den Nagel nicht in die Wand, du!”

Ker­ner: Also du wür­dest sagen: Musik im Netz freigeben?

Boh­len: Ach, klar. Machen doch auch viele schon. Meine Sachen… wenn man da auch die rich­ti­gen Plätze geht, dann kann man das auch alles down­loa­den. (lacht)

Ker­ner: Ich habe das so von einem Künst­ler noch nicht gehört. Es gibt ja sogar große Ver­ei­ni­gun­gen, die sich zusam­men­schlie­ßen, ganz viele Künst­ler, die sagen, wir müs­sen unser geis­ti­ges Eigen­tum schützen.

Boh­len: Ist doch Quatsch. Die Zeit ist jetzt hier ange­kom­men, die haben den jun­gen Leu­ten das gege­ben, und die soll­ten die jetzt nicht irgend­wie in ‚ne kri­mi­nelle Ecke rücken.

Ker­ner: Das heißt der Künst­ler soll ein­fach seine Musik machen, die soll down­ge­loa­det wer­den, dann hören’s viele und dann geht er eben auf Tour­nee und wenn die Leute sich das live anhö­ren wol­len, dann kos­tet ‚ne Karte 45 Euro und dann holt er sich das Geld da ab.

Boh­len: Ja, so wird’s sein in der Zukunft.

Und wer die­sen Dia­log nicht glaubt:

An die­ser Stelle hat sich Die­ter Boh­len den Titel „Vor­den­ker der Pira­ten­par­tei” red­lich ver­dient. Aus dem Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei, Kapi­tel „Imma­te­ri­al­gü­ter­rechte”:

Anstatt den alten Geschäfts­mo­del­len nach­zu­trau­ern und sie mit unzu­mut­ba­ren Ein­grif­fen in die Pri­vat­sphäre der Bür­ger künst­lich am Leben zu erhal­ten zu wol­len, for­dern die PIRATEN dazu auf, neue Geschäfts­mo­delle zu ent­wi­ckeln. Diese Geschäfts­mo­delle sol­len den Urhe­bern der digi­ta­len Kul­tur­ge­sell­schaft ermög­li­chen, auf markt­wirt­schaft­li­che Art und Weise Erlöse aus der Ver­wer­tung ihrer Werke oder deren Umfeld zu erzie­len, wenn sie dies anstreben.

Über­holte Ver­mitt­ler­funk­tio­nen von Rech­te­ver­wer­tern, die in der Ver­gan­gen­heit z.B. in der Unter­hal­tungs­mu­sik­in­dus­trie zu hohen Ren­di­ten geführt haben, sind größ­ten­teils nicht mehr zeit­ge­mäß und wer­den in die­sem Umfang kei­nen Bestand haben. Die Aus­schal­tung von Zwi­schen­händ­lern ermög­licht es, dass den Künst­lern vom Erlös ihrer Werke ein grö­ße­rer Teil ver­bleibt und direk­ter zufließt. Außer­dem wird damit das Spek­trum der Kul­tur­szene deut­lich erweitert.

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal so sagen würde: Haste gut erkannt, Dieter.

Übri­gens hat Die­ter seit neus­tem sogar ein Blog, das „Boh­len­blog”. Ich musste schmun­zeln, als ich das sah: Ja, in etwa mit die­sem Design hatte ich auch mal angefangen…

Mein Walkman und was ich 1994 für Musik gehört habe

Ich muss noch­mal auf diese Geschichte von neu­lich zurück­kom­men. Ich habe mal ein biss­chen gestö­bert und mei­nen eige­nen Walk­man aus­ge­gra­ben: „Sony WM-​EX50” hieß das Gerät:

Walkman Sony WM-EX50

Walk­man Sony WM-​EX50

Wie auf dem Foto zu sehen ist, sind alle Bedien­ele­mente da, die so ein Gerät brauchte:

  • Kopf­hör­er­buchse mit „Mega Bass”-Schalter (noch ganz authen­tisch in Posi­tion „Mid”
  • Bat­te­rie­an­zeige
  • Laut­stär­ke­reg­ler als ana­lo­ges Drehrad
  • Hebel­chen zum Öffnen des Kassettenfachs
  • Play­taste, bei der aller­dings die Tas­ten­kappe abge­gan­gen ist
  • Stop­taste zum Anhalten
  • Tas­ten zur Vor­wärts– und Rückwärtsspulen
  • Rich­tungs­wech­sel — das Gerät konnte beide Sei­ten der Kas­sette abspie­len ohne dass man sie umdre­hen musste
  • Modus­schal­ter: Soll die Kas­sette nur ein­mal kom­plett durch­ge­spielt und dann ange­hal­ten wer­den oder ist End­los­be­trieb gewünscht
  • Strom­an­schluss für ein 1,5V-Netzteil (nicht mitgeliefert)

Unten ist dann noch das Bat­te­rie­fach (1 * 1,5V-Mignonzelle) sowie der Dol­by­schal­ter und die Bandsor­ten­wahl. Dolby war, die Älte­ren unter uns wer­den sich erin­nern, ein Ver­fah­ren zur Rausch­re­duk­tion. Mein Walk­man konnte nur Dolby B, was aber egal war, weil mein Kas­set­ten­deck auch nur mit Dolby B aus­ge­stat­tet war.

Sony WM-EX50 und Kassette

Sony WM-​EX50 und Kassette

In dem Walk­man war auch noch eine Musik­kas­sette. Wie damals üblich war es eine Leer­kas­sette, die ich selbst bespielt und mit einem Auf­kle­ber ver­se­hen hatte. „Walk­man ’94″ steht da, was mich ver­mu­ten lässt, dass ich wohl doch schon wesent­lich eher als ich bis­her gedacht hatte mit der Benut­zung die­ses Geräts auf­ge­hört habe. 90 Minu­ten Musik pass­ten da drauf, auf jede Seite 45 Minu­ten. Wie man sieht, ist die Grund­flä­che des Walk­man tat­säch­lich nicht wesent­lich grö­ßer als die der Kassette.

Innenleben des Sony WM-EX50

Innen­le­ben des Sony WM-​EX50

Im Inne­ren des Geräts ist die Mecha­nik zu erken­nen, die für die Wie­der­gabe zustän­dig ist. Hin­ten in der Mitte ist der Ton­kopf, der die Band­ma­gne­ti­sie­rung erfasst und links und rechts davon die Mecha­nik, die das Band straff hält, wenn es von der Spin­del bewegt wird. Da der Walk­man „Auto Reverse”-fähig ist, ist der kom­plette Antrieb sym­me­trisch aufgebaut.

Man beachte den vie­len „freien Platz”, der für die Kas­sette benö­tigt wird. Heute passt die Dut­zend­fa­che Musik­menge auf Spei­cher­kar­ten von der Größe eines Fingernagels…

Musikkassette "Walkman '94"

Die Kas­sette lag jetzt etwa 15 Jahre im Walk­man. Links ist zu erken­nen, dass eine der Andruck­rol­len das Band beschä­digt hat. Trotz­dem ließ sich die Kas­sette noch abspie­len. In einem Anfall von inves­ti­ga­ti­vem Jour­na­lis­mus habe ich mir Gerät und Kas­sette vor­ge­nom­men und gna­den­los abge­hört, mit was für Musik ich mir 1994 die Zeit ver­trie­ben habe. Die Ergeb­nisse sind, ein für inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus nicht unüb­li­ches Fazit, scho­ckie­rend. Und sie sind kein Einzelfall:

  • Seite A
  • B.G. the Prince of Rap — Color of my dreams
  • Cul­ture Beat — Anything (Album Mix)
  • Irgend­ein gru­se­li­ger Eurodance-​Trash, in dem im Refrain „Do what you want but don’t for­get the Omen” vor­kommt
  • Noch­mal Euro­dance. Die berüch­tigte Midi-​Standardpanflöte und was mit „Riding on the train of love
  • Jam & Spoon — Right in the night
  • Maxx — Run-​A-​Way — „I’m a white rag­ga­man with a rag­ga­man style-​y
  • Yous­sou N’Dour & Neneh Cherry — 7 seconds
  • I got to give it up, I got to get away” — Wie Recht sie haben — Euro­dance mit „Rap­per” und Sängerin…
  • Ice MC — It’s a rainy day — „Bad times in life is like a tele­phone, you never know when it’s have a ring.
  • Dance 2 Trance — Power of Ame­ri­can Natives
  • U96 — Inside your dreams (Fade out)
  • Seite B
  • Magic Affair — Give me all your love — „Love is the same as hate if you’re not care­ful
  • Ace of Base — Don’t turn around
  • Maxx — No more — Hurra, Rag­ga­man is back
  • Enigma — Return to innocence
  • Inter­mis­sion and Lori Glori — Six days — Ach du lie­bes biss­chen, wie schräg ist das denn? Das ist nicht meine Kassette!
  • Ganz übler Eurodance-​Trash, der „Rap”-Part beginnt mit „Bumm digi digi digi bumm digi bamm
  • Blur — Girls & Boys
  • Cul­ture Beat — Rocket to the moon
  • U96 — Inside your dreams
  • 2 Unli­mited — The real thing
  • US3 — Can­ta­loop
  • Per­ple­xer — Acid Folk (Fade out)

Was für eine gedie­gene Mischung! Bei etli­chen Stü­cken habe ich Titel und/​oder „Inter­pret” nur durch Google-​Recherche raus­fin­den kön­nen und bei den schlimms­ten Aus­wüch­sen ging nicht mal das, weil ich in dem „Lied” irgend­wie nichts gefun­den habe, nach­dem ich hätte suchen kön­nen… Naja, ver­bu­chen wir’s unter „Jugendsünde”.

Und nun noch für die Jün­ge­ren: In den 1990er Jah­ren fand die Musik­in­dus­trie sol­che Kas­set­ten­ko­pien ganz toll. Da gab es Fern­seh­spots, in denen die Qua­li­tät von Leer­kas­set­ten mit Sprü­chen wie „Ver­dammt nah an der CD” bewor­ben wur­den. Da waren Pri­vat­ko­pie, Musik­tausch und Mixtapes keine Straf­ta­ten, son­dern wich­ti­ger Teil des kul­tu­rel­len Aus­tauschs. Die Per­ver­tie­rung des Urhe­ber­rechts in eine Verwertungsindustrie-​Schutzmaschine kam erst nach 2000. Erin­nert euch dran, wenn mal wie­der von den seit Ewig­kei­ten ver­brief­ten Rech­ten an der Ver­wer­tung gefa­selt wird…

Zwei tolle Videos: Samy Deluxe — Stumm und Piratenpartei Wahlwerbung

Zur all­ge­mei­nen Erbau­ung hier zwei Links auf Youtube-​Videos:

1. Musik­vi­deo „Stumm” von Samy Deluxe: Neben dem durch­aus hörens­wer­ten kri­ti­schen Text ist vor allem das Video ein Augen­schmaus. Es ist im von mir höchst ver­ehr­ten Miniatur-​Wunderland in Ham­burg ent­stan­den und ein Groß­teil der Sze­nen zeigt die dor­tige Modell­land­schaft mit einer am Com­pu­ter ein­mon­tier­ten „leben­den Modell­fi­gur”. Detail am Rande: Der Schluss­zoom im Video beginnt an der rea­len Posi­tion des Miniatur-​Wunderland-​Ausgangs in der Ham­bur­ger Spei­cher­stadt. Sowas nenne ich dann Liebe zum Detail. Ins­ge­samt: Sehr, sehr sehenswert!

2. Wahl­wer­be­spot der Pira­ten­par­tei: Naja, ein mög­li­cher Wahl­wer­be­spot der Pira­ten­par­tei, die Abstim­mung läuft ja noch. Da sage noch einer, die Pira­ten­par­tei bestünde nur aus sau­er­töp­fi­schen Para­noi­kern und welt­frem­den Nerds. Bunte For­men­spra­che, klare Aus­sa­gen und For­de­run­gen, dazu eine ein­gän­gige Musik­un­ter­ma­lung — was will man mehr. So sollte ein Wahl­wer­be­spot aussehen.

Nach­trag: Der hier wie­der­ge­ge­bene Spot ist es dann schließ­lich auch gewor­den, aller­dings mit ande­rer Musikuntermalung.

Walkman vs. iPod — Kids von heute testen Technik von gestern

Seien wir ehr­lich: Ich werde alt. :-( Anfang der 1970er Jahre gebo­ren, war es für mich gera­dezu eine tech­ni­sche Offen­ba­rung, als ich irgend­wann so Mitte der 1980er Jahre mit einem trag­ba­ren Kas­set­ten­ab­spie­ler meine eigene Musik immer und über­all hören konnte. Ich glaube, ich hatte drei Gene­ra­tio­nen von die­sen Gerä­ten. Sie wur­den immer bil­li­ger, brauch­ten immer weni­ger Strom und wur­den immer klei­ner. Mein letz­tes Gerät, ich müsste direkt mal danach suchen, war nur noch ein biss­chen grö­ßer als die Kas­sette. Ich habe die Geräte noch bis in die spä­ten 1990er Jahre benutzt. 1999 habe ich mir einen trag­ba­ren CD-​Spieler gekauft (hat nicht lange gehal­ten) und 2002 den ers­ten MP3-​Spieler. Heute über­nimmt das Abspie­len von Musik unter­wegs mein Handy und die Spei­cher­karte fasst zehn Stun­den Musik auf der Größe mei­nes Fingernagels.

Wie lang diese Zeit mitt­ler­weile her ist, wurde mir klar, als ich jetzt den Bericht von Scott Camp­bell gele­sen habe. Scott ist 13 und hat für eine Woche sei­nen den 30 Jahre alten Walk­man sei­nes Vaters „getes­tet”. Also, ihn statt sei­nes iPod zum täg­li­chen Musik­hö­ren genutzt. Und wenn ich sei­nen Arti­kel „Giving up my iPod for a Walk­man” lese, merke ich, wie alt ich mitt­ler­weile eigent­lich bin…

Deut­sche Über­set­zung von mir

Mein Vater hatte mir erzählt, dass das Gerät groß sei, aber ich ahnte nicht WIE groß. Das war die Größe eines klei­nen Buches. […]

Im Schul­bus gab es gro­ßes Geläch­ter. Ein Junge sagte: „Kei­ner benutzt sowas heute noch.” […]

Meine Freunde konn­ten sich nicht vor­stel­len, dass ihre Eltern so ein mons­trö­ses Gerät benutzt hat­ten, aber sie hat­ten schon Inter­esse daran, was das für ein Ding war und wie es funk­tio­nierte. In eini­gen Schul­stun­den hörte ich Musik und ein Leh­rer erkannte das Gerät wie­der und wurde nostalgisch.

Ich brauchte drei Tage um her­aus­zu­fin­den, dass die Kas­set­ten zwei Sei­ten haben. Aber das war nicht mein ein­zi­ger nai­ver Irr­tum. Ich hatte den „Metal/Normal”-Schalter am Walk­man zunächst für einen Genre-​spezifischen Equa­li­zer gehal­ten. Spä­ter bekam ich dann raus, dass damit eigent­lich zwi­schen der Wie­der­gabe ver­schie­de­ner Kas­set­ten­ty­pen umge­schal­tet wurde.

Eine andere Funk­tion, die der iPod hat und die dem Walk­man fehlt, ist die Zufalls­wie­der­gabe. […] Ich bin dann auf die Idee gekom­men, die Funk­tion über die Spul­tas­ten zu simu­lie­ren. […] Die War­nun­gen mei­nes Vater zu die­sem Vor­ge­hen rie­fen mir die Unter­schiede zwi­schen heu­ti­gen Musik­ab­spie­lern, die ohne beweg­li­che Teile aus­kom­men, und der mecha­ni­schen Wie­der­gabe der alten Geräte ins Gedächt­nis: „Walk­mans essen Kas­set­ten auf.”

In die­ser Woche, in der ich den Walk­man benutzt habe, wurde mir klar, wie wenig ich über diese Tech­nik aus der Ver­gan­gen­heit weiß. Ich machte eine Reihe von nai­ven Feh­lern, aber ich habe auch viel gelernt über die­sen Groß­va­ter der MP3-​Spieler. […]

Per­sön­lich bin ich schon froh, dass ich im digi­ta­len Zeit­al­ter lebe. Mit mehr Aus­wahl, mehr Funk­tio­nen und klei­ne­ren Gerä­ten. Ich bin erleich­tert, dass der Groß­teil des tech­ni­schen Fort­schritts schon vor mei­ner Geburt pas­siert ist, ich kann mir näm­lich nicht vor­stel­len, ohne solch grund­le­gende Aus­stat­tung durch den Tag zu kommen.

Wie gesagt, da schwanke ich zwi­schen Nost­al­gie und Erschre­cken dar­über, wie­viel seit mei­ner eige­nen Jugend tech­nisch und ander­wei­tig pas­siert ist. Den gan­zen Text gibt’s, wie geschrie­ben, auf BBC News — aller­dings auf Englisch.

Die Zeit I: Susanne Gaschke in „Männer und Maschinen” über die Piratenpartei

Am gest­ri­gen 2009-​07-​09 brachte die „Zeit” auf Seite 2 einen grö­ße­ren Arti­kel über die Pira­ten­par­tei in Schwe­den und in Deutsch­land. Der Grund­te­nor war — naja. Frau Gaschke lässt wenig Kli­schees aus und for­mu­liert teil­weise wahr­lich nicht freundlich.

Man kann über den Arti­kel so eini­ges sagen. Zu behaup­ten, alles sei rich­tig, gehört aller­dings nicht dazu. Schauen wir uns das mal näher an. Da der Arti­kel online nicht ver­füg­bar zu sein scheint, zitiere ich die inter­es­san­ten Stellen:

„Diese Leute [in der schwe­di­schen Pira­ten­par­tei] kämp­fen für das Recht, sich wei­ter so zu beneh­men, wie sie es getan haben, seit sie 15 Jahre alt sind”, sagt Jan Rosen, Pro­fes­sor für Pri­vat– und Urhe­ber­recht an der Uni­ver­si­tät Stock­holm. „Sie haben eine gera­dezu lächer­li­che Fixie­rung auf die Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Und lei­der begeg­nen die älte­ren Par­teien ihnen bis­her äußerst opportunistisch.”

Das bezieht sich zwar vor allem auf die schwe­di­sche Pira­ten­par­tei, aber das Zitat ist trotz­dem inter­es­sant. Hier wird zum ers­ten Mal in dem Arti­kel ver­sucht, die Pira­ten­par­tei auf das Urhe­ber­rechts­thema fest­zu­na­geln. Gerade in Deutsch­land spielte das aber in den letz­ten Wochen und Mona­ten eine eher unter­ge­ord­nete Rolle, hier waren zivil­ge­sell­schaft­li­che The­men und die Bür­ger­rechte viel wich­ti­ger für die Arbeit und die Außen­dar­stel­lung. Lächer­lich ist also nicht die vor­geb­li­che Fixie­rung auf das Urhe­ber­recht, son­dern die Behaup­tung, es gäbe eine solche.

Mei­nun­gen, die bei Ame­lia Anders­dot­ter als char­mante Radi­ka­li­tät erschei­nen, wir­ken bei den ernst­haf­ten jun­gen Män­nern, die Ende Juni in Ber­lin das erste Büro der Par­tei in Deutsch­land ein­wei­hen, eher beunruhigend.

Sti­lis­ti­scher Kunst­griff: Da wirkt etwas „beunruhigend” — bloß was? Da will sich die Auto­rin lie­ber nicht fest­le­gen. Statt­des­sen zitiert und kom­men­tiert sie ein Inter­view mit unse­rem Ber­li­ner Spit­zen­kan­di­da­ten, in dem einige Kern­punkte genau so dar­ge­stellt wer­den, dass der unvor­ein­ge­nom­mene Leser maxi­mal ver­wirrt wird.

[…]Stopp­schil­der im Inter­net [sind] qua­li­ta­tiv nichts ande­res als die Zen­sur, die Iran gegen­über Oppo­si­tio­nel­len aus­übt. „Wir müs­sen die Demo­kra­tie repa­rie­ren”, sagt Flo­rian Bischof […]: „Die Grund­rechte sind in Deutsch­land nicht gewahrt.” Bitte? „Naja, die Men­schen­rechte viel­leicht schon.” Aber in jedem Fall ver­let­zen die Par­teien stän­dig die Ver­fas­sung. Inwie­fern? „Durch den Frak­ti­ons­zwang. Frak­ti­ons­zwang fin­den wir nicht gut, das ist nicht mit Demo­kra­tie ver­ein­bar.” Und wie wol­len sie es hal­ten bei Fra­gen, die über die bekann­ten Posi­tio­nen der deut­schen Pira­ten­par­tei zu Vor­rats­da­ten­spei­che­rung (dage­gen), Urhe­ber­recht (dage­gen) und Inter­net­sper­ren (dage­gen) hin­aus­ge­hen? Die Par­tei­mit­glie­der, sagt Bischof, wür­den zu jedem Thema im Netz ein Mei­nungs­bild erstel­len. Ein bin­den­des? „Nee, im Zwei­fel ist der Abge­ord­nete sei­nem Gewis­sen verpflichtet.”

Na, gemerkt? Rich­tig, da hat Frau Gaschke schön zwi­schen dem gan­zen Geschwurb­sel eine der zen­tra­len Falsch­be­haup­tun­gen über die Pira­ten­par­tei ein­ge­baut, so leise und unschul­dig, dass man es fast über­le­sen könnte. Ich kor­ri­giere mal trotz­dem: Wir sind nicht gegen das Urhe­ber­recht! Wir wol­len es an die tech­ni­schen Ände­run­gen der letz­ten Jahre anpas­sen. Und wenn Frau Gaschke auf dem Par­tei­tag, den sie besucht hat, ein biss­chen auf­ge­passt hätte, wüsste sie das auch, weil dort eine aus­führ­li­che Aus­ar­bei­tung die­ses The­mas dis­ku­tiert und ins Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men wurde.

Aber über­haupt, der Par­tei­tag. Der wird in dem Arti­kel eher so ein wenig in Anek­do­ten abge­han­delt. Ein paar Kostproben:

Der Weg vom Online­fo­rum zur Tagungs­wirk­lich­keit einer real exis­tie­ren­den Par­tei ist hart. Auf dem Bun­des­par­tei­tag in Ham­burg unter­war­fen sich am ver­gan­ge­nen Wochen­ende 250 Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei einer Geschäfts­ord­nungs­de­batte, die einen mitt­le­ren SPD-​Landesparteitag im Ver­gleich wie eine Orgie hätte aus­se­hen lassen.

WTF? Viel­leicht fehlt mir Phan­ta­sie, viel­leicht liegt es daran, dass ich noch nie auf einem SPD-​Landesparteitag war (zumal nicht auf einem „mitt­le­ren”), aber was in aller Welt will uns die Auto­rin mit die­sem Bild sagen. Klingt irgend­wie wit­zig — aber inhalt­lich??? Ich versteh’s nicht.

Zum Thema Frauen hat Frau Gaschke auch so ihre eige­nen Beob­ach­tun­gen gemacht:

Die weni­gen anwe­sen­den Frauen ent­spra­chen net­ter­weise den tra­di­tio­nel­len Geschlech­ter­rol­len und küm­mer­ten sich um Akkre­di­tie­rung und Souvenirverkauf.

Die Auto­rin unter­schlägt sou­ve­rän, dass eine Frau im neuen Vor­stand sitzt und Dis­kus­sion und Ple­num wahr­lich nicht rein männ­lich besetzt waren. Abge­se­hen davon waren bei der Akkre­di­tie­rung Männ­lein und Weib­lein etwa gleich­ver­teilt. Und Sou­ve­nir­ver­kauf?!? Wir sind doch nicht in Ägypten.

In einer hin­te­ren Bank­reihe rät­sel­ten zwei andere, warum Frauen sich eigent­lich so wenig für Bür­ger­rechte inter­es­sier­ten. Man war ver­sucht, den Her­ren einen Tipp zu geben: Könnte es an der Art der Debatte lie­gen? Mög­li­cher­weise sind Frauen auch in den IT-​Berufen, aus denen sich die Par­tei offen­bar über­wie­gend rekru­tiert, nur schwach ver­tre­ten. Wer fort­schritt­lich sein möchte — min­des­tens so fort­schritt­lich wie die CSU -, muss sich dann frei­lich Abhilfe überlegen.

Das ist doch irgend­wie wirr. Debatte und Berufe sind nichts für Frauen und die Pira­ten bemü­hen sich, in Sachen Fort­schritt­lich­keit zur CSU auf­zu­schlie­ßen. Aua, wie schräg ist das denn?

Etwa die Hälfte der Teil­neh­mer ver­folgte die vor ihren Augen statt­fin­dende Ple­nums­de­batte twit­ternd am Bild­schirm ihres Lap­tops (eine ober­fläch­li­che Zäh­lung durch die Auto­rin ergab 127 anwe­sende Geräte).

Das war aber sehr ober­fläch­lich gezählt, ich würde da eher auf 200 tip­pen. Und die Leute haben da nicht „get­wit­tert”, son­dern die Texte, um die es in der Debatte gerade ging, nach­ge­le­sen — oder viel­leicht auch in das in Echt­zeit ins Netz gestellte Ver­laufs­pro­to­koll geschaut. Lap­tops statt Papier­berge — andere Medien haben das durch­aus verstanden.

An der merk­wür­di­gen Stumpf­heit der Par­tei­tags­stim­mung konnte auch die kurze Ein­gangs­rede des ehe­ma­li­gen Par­tei­vor­sit­zen­den Dirk Hilbrecht[sic!] nichts ändern — höchs­tens ver­stärkte sie das nagende Gefühl, alle nur denk­ba­ren Pira­ten­witze könn­ten in ziem­lich naher Zukunft ver­braucht sein.

Was wol­len uns diese Zei­len sagen? Soll ich das per­sön­lich neh­men, Frau Gaschke? Oder gehört das in die Rubrik „Ein biss­chen Spaß muss sein”? Egal, ich lasse die Stumpf­heit mal ein­fach so ste­hen. Und es ist ja nicht so, dass nur ich mein Fett wegkriege:

Jens Sei­pen­busch […] ist Sport­ler (Tur­nen, Ten­nis, Vol­ley­ball), seit fünf Jah­ren ver­hei­ra­tet mit einer Leh­re­rin, und er ent­spricht nicht dem Kli­schee des mit sei­nem Com­pu­ter ver­wach­se­nen Online-​Olms. […] Sorge macht ihm, da ist er ganz im Ein­klang mit der latent para­no­iden Par­tei­kul­tur, „Über­wa­chungs­struk­tu­ren”. Die sieht er vor allem durch das Urhe­ber­recht begrün­det. An die­sem Punkt legt sich eine gewisse Schärfe in Sei­pen­buschs Ton. „Werte, die digi­tal vor­lie­gen, sind effi­zi­en­ter­weise nicht zu regu­lie­ren”, sagt er. „Wenn das Urhe­ber­recht rigo­ros durch­ge­setzt wird, ist das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­heim­nis am Ende.”

„Latent para­noid”. Soso. Der Zeit-​Artikel ist auch irgend­wie latent, ich weiß bloß noch nicht, was. Ansons­ten ist es da wie­der, das Urhe­ber­recht. Man könnte mei­nen, alle Online-​OlmeGesprächs­part­ner hät­ten über nicht ande­res gespro­chen. Fast als wären wir eine Ein-​Themen-​Partei… Logisch, dass der Arti­kel auch mit die­sem Thema endet und noch­mal so rich­tig in die Vol­len geht:

Das ist die sze­ne­ty­pi­sche Beweis­last­um­kehr: Der ent­eig­nete Autor, Jour­na­list, Musi­ker oder Film­schaf­fende wird zum Täter, der das Men­schen­recht der Nut­zer auf kos­ten­lose Down­loads ver­letzt. Die Kon­se­quenz wäre lei­der, dass die Urhe­ber künf­tig öfter über­le­gen wer­den, ob sich die Ver­öf­fent­li­chung ihrer Ideen, ihrer wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten oder ihrer Kunst noch lohnt. Kommt es so, dann gibt es auch für die Digi­tal­re­vo­lu­tio­näre irgend­wann nichts mehr zu verteilen.

Damit wäre die Katze dann aus dem Sack: Kampf­prosa der Ver­wer­tungs­in­dus­trie vom Feins­ten. „Kos­ten­lose Down­loads” als „Men­schen­recht”, Werk­schaf­fende als „Täter” und „Beweislastumkehr” — verquaster geht es schon fast nicht mehr. Die Struk­tu­ren der Vor-​Internet-​Ära wer­den in Stein gehauen und als unver­än­der­li­che Tat­sa­che begrif­fen. Dabei ist die Revo­lu­tion längst im Gange. Crea­tive Com­mons, Citi­zen Jour­na­lism, Jamendo, Open Source, Open Access — die neuen Ver­wer­tungs­mo­delle sind längst da. Und sie wer­den von den „Auto­ren, Jour­na­lis­ten, Musi­kern oder Film­schaf­fen­den” ange­nom­men. Frei­wil­lig. Das Inter­net ist nicht das Ende der Kul­tur, wie Susanne Gaschke es hier an die Wand zu malen ver­sucht. Es ist viel­mehr das Ende der zen­tral gesteu­er­ten und ver­wer­te­ten Kul­tur, das Ende der Ent­frem­dung des Künst­lers von sei­nem Werk. Die ein­zi­gen Ver­lie­rer die­ses Pro­zes­ses, die frü­he­ren „Ver­wer­ter”, mögen sich noch so hef­tig dage­gen sträu­ben und Grund­rechte aus­höh­lende Gesetze mit ihrer Lob­by­ar­beit durch die Par­la­mente zu peit­schen ver­su­chen — sie wer­den die Ände­run­gen nicht ver­hin­dern können.

Und auch eine Susanne Gaschke mit einem merk­be­freit geschrie­be­nen Zei­tungs­ar­ti­kel schafft das nicht.

Die Raubkopierer sind mal wieder an allem Schuld: Heise-​Online-​Bericht zum Musikmarkt

Vor­ges­tern brachte Heise eine Geschichte über das Ver­schwin­den der Plat­ten­lä­den. Darin zitiert wird mehr­fach ein gewis­ser Daniel Knöll, der in nicht näher benann­ter Weise mit dem Bun­des­ver­band der Musik­in­dus­trie ver­ban­delt ist.

Herr Knöll ist mal wie­der mit den Platt-​Versionen der übli­chen Musik­in­dus­trie­sprü­che über „Raub­ko­pie­rer” am Start:

  • Warum hat sich der Anteil Plat­ten­lä­den und Co. am Ein­zel­han­del inner­halb von sechs Jah­ren mehr als hal­biert? Ganz klar: „Dafür gibt es Gründe: Einer ist das Unver­ständ­nis der Ver­brau­cher, für Musik zu bezah­len”. Dass es mit Ama­zon, iTu­nes oder Saturn mitt­ler­weile auch große Internet-​Verkaufsportale für Musik gibt — nein, daran wird das sicher nicht liegen.
  • Wieso wird heute drei­mal so lange pro Tag Musik gehört als in den 1990er Jah­ren (45 statt 14 Minu­ten pro Tag)? Ein­fa­che Begrün­dung: „Es wird mehr Musik gehört, aber weni­ger gekauft. Das liegt daran, dass die Musik sehr oft ille­gal aus dem Inter­net bezo­gen wird”. Na klar! Dass die als Daten­strom vor­lie­gende Musik viel ein­fa­cher zu kon­su­mie­ren ist als die an einen Ton­trä­ger gebun­dene, dass MP3-​Spieler, iPods und Musik­han­dys heute ubi­qui­tär und viel leis­tungs­fä­hi­ger als Wei­land die Cassetten-​Walkmans sind — das hat bestimmt über­haupt kei­nen Einfluss.

Zwar beschreibt der Arti­kel durch­aus umfas­send, wie sich der Musik­markt ändert und dass die all­ge­meine Bewe­gung für Musik­auf­zeich­nun­gen weg von phsi­ka­li­schen Ton­trä­gern und hin zum rei­nen „Daten­pa­ket” ver­läuft. Unter­schwel­lig wird aber auch hier wie­der die böse Raub­ko­pier­chi­märe posi­tio­niert: Plat­ten­lä­den ster­ben, weil die Leute sich die Musik kos­ten­los im Inter­net besor­gen. Lei­der ist diese Schluss­fol­ge­rung min­des­tens genauso platt wie die Vinyl­schei­ben — immer­hin wer­den im Arti­kel diverse gesell­schaft­li­che Ände­run­gen beschrie­ben, die die­ses Phä­no­men ver­ur­sa­chen und die samt und son­ders nichts mit der nicht­kom­mer­zi­el­len Wei­ter­gabe von Musik­da­teien zu tun haben: Gene­rell klei­ner wer­dende Zeit­bud­gets der poten­ti­el­len Käu­fer, bes­sere Infor­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten im Inter­net und schlicht die Ver­drän­gung der (ana­lo­gen) Schall­platte vom Mas­sen­markt. Ich erin­nere mich an meine eigene letzte Erin­ne­rung zum Thema Tech­ni­kla­den­ge­schäft — auch sowas treibt die Kun­den aus den Läden und hin zum ver­brau­cher­freund­li­che­ren Internet.

Ste­fan Nig­ge­meier hat gerade erst in einem lesens­wer­ten Bei­trag Die­ter Gorny zer­pflückt. Daniel Knöll gehört mei­nes Erach­tens in die­selbe Kate­go­rie, auch wenn seine Elo­quenz wesent­lich begrenz­ter zu sein scheint. Ich emp­fehle, ein­fach mal häu­fi­ger weder beim Gorny noch beim Knöll noch bei irgend­ei­nem ande­ren Musik­in­dus­triel­a­den vor­bei­zu­schauen, son­dern statt­des­sen bei den­je­ni­gen Künst­lern vor­bei­zu­schauen, die ihre Musik tat­säch­lich kos­ten­los wei­ter­ge­ben wol­len — es lohnt sich! Wo und wie das geht habe ich ja in die­sem Blog bereits geschrie­ben.

Christian Engström zu Urheberrecht, Freiheitsrechten und der Piratenpartei

Der schwe­di­sche Pirat Chris­tian Engs­tröm, der ins nächste Euro­pa­par­la­ment ein­zie­hen wird, hat der Wochen­zei­tung Jungle World ein Inter­view gegeben:

Sie wol­len dafür sor­gen, dass man sich in Zukunft für pri­vate Zwe­cke Kopien von allen Kul­tur­gü­tern besor­gen darf. Damit wäre File­sha­ring kom­plett legal.

Das ist das zweite wich­tige Ele­ment unse­res Vor­schlags zur Urhe­ber­rechts­re­form: dass sich jeder – wie ich betone, für nicht-​kommerzielle Zwecke! – Kopien machen darf.

Davor fürch­ten sich nicht nur die gro­ßen Kon­zerne der Kul­tur­in­dus­trie, son­dern auch viele kleine Urhe­ber von lite­ra­ri­schen und jour­na­lis­ti­schen Tex­ten, von Musik, Fil­men oder auch von Software.

Denen möchte ich zwei Dinge sagen: Das eine ist, dass sie sich kom­plett irren. Wenn man sich Sta­tis­ti­ken über Ein­kom­men im kul­tu­rel­len Bereich ansieht, geht aus die­sen her­vor, dass diese in den letz­ten zehn Jah­ren kon­stant waren oder gestie­gen sind. File­sha­ring ist doch nichts Neues, das wir ein­füh­ren wol­len. Das gibt es, und zwar im gro­ßen Aus­maß – spä­tes­tens seit 1999 die Tausch­börse Naps­ter auf­ge­macht hat. Unsere Gesell­schaft hat zehn Jahre Erfah­rung mit File­sha­ring. Wir müs­sen nicht raten, was das für die Pro­du­zen­ten kul­tu­rel­ler Güter bedeu­tet, wir wis­sen es schon. Das ist die eine Ant­wort. Die andere Ant­wort ist Fol­gen­des: Es ist schade, wenn es man­che Unter­neh­men schwer haben, Geld zu ver­die­nen. Aber bür­ger­li­che Frei­heit ist wichtiger.

Das ganze, sehr lesens­werte, Inter­view auf den Sei­ten von Jungle World.

Rene Marik: Autschn!

im März hatte ich zum ers­ten Mal von Rene Marik gehört. Da wusste ich noch nicht, dass es um Rene Marik geht. Ich hatte nur einen Youtube-​Clip gesehen:

Ich hatte dann umge­hend zwei Kar­ten für die Maja und mich orga­ni­siert, was sich als sehr sinn­voll her­aus­ge­stellt hat, denn sowohl die gest­rige als auch die heu­tige Vor­stel­lung im Rasch­platz­pa­vil­lon in Han­no­ver waren rest­los aus­ver­kauft (und die ein­zige Vor­stel­lung in Ham­burg sowieso…). Wir hat­ten ja nun aber mal Kar­ten und einen sehr, sehr amü­san­ten Abend mit „Autschn! Ein Abend über die Liebe”.

Rene Marik zeigt ein viel­sei­ti­ges Pro­gramm: Er singt Lie­bes­bal­la­den aus den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten und beglei­tet sich dabei teil­weise selbst auf der E-​Gitarre. Er rezi­tiert Kurt Schwit­ters’ dada­is­ti­sches Lie­bes­ge­dicht „An Anna Blume” genauso wie die gru­se­li­gen Werke einer gewis­sen Els­beth Bel­l­artz, die in den 1980er Jah­ren zur meist­ver­kauf­ten Lyrik in Deutsch­land gehört haben sol­len. Deren Buch lan­det nach jedem zitier­ten Werk in hohem Bogen auf dem Bühnenboden.

Die eigent­li­chen Stars des Abends sind aber die Hand­pup­pen, die Marik über Kopf in einer Art Kas­per­le­thea­ter zum Leben erweckt. Sie kennt man auch aus den Youtube-​Clips, aber live ist es doch noch­mal was ande­res. Neben Eis­bär Kalle, den lie­bes­tol­len Wasch­lap­pen und dem ille­gi­ti­men Kermit-​Zwillingsbruder Fal­ken­horst ist es natür­lich vor allem der Maul­wurf, der mit lau­tem Jubel im Publi­kum begrüßt wird. Es ist fas­zi­nie­rend zu sehen, wie Rene Marik hier mit ein­fachs­ten Requi­si­ten (Pup­pen­ge­schirr, Plas­tik­fla­sche ohne Boden oder einer Papp­ta­fel mit der Auf­schrift „A9”) und einer Hand­puppe mit Sprach­feh­ler („Jemand ze Hage?” — „Autschn, autschn, Hungi, Hunger” — „Rapante, Rapante, late haade datte”) sur­reale Sze­nen ent­wirft, die neben all der Tra­gik, die die Figur des Maul­wurfs in sich ver­eint, vor allem eines sind: Brül­lend komisch.

Marik bezeich­net sich selbst als Come­dian. Ich finde aber, dass zwi­schen ihm und vie­len ande­ren, die sich eben­falls mit die­ser Tätig­keits­be­zeich­nung schmü­cken, Klas­sen lie­gen. Wo ein Mario Barth zwei Stun­den über die Macken sei­ner Freun­din her­zieht oder Cindy aus Mar­zahn die Voll­pro­le­tin gibt, ist Rene Marik gera­dezu poe­tisch. Der schmach­tende Maul­wurf, der „Schnee­wante kussn” darf, nur damit sie anschlie­ßend zu einem „Froschn” im Bikini mutiert, nimmt sich hier wie der Uhr­ma­cher­schrau­ben­zie­her neben der Was­ser­pum­pen­zange aus. Marik hat einen ganz ande­ren Anspruch und wohl auch ein deut­lich ande­res Publi­kum. Höchst­wahr­schein­lich wird er nie das Ber­li­ner Olym­pia­sta­dion fül­len, aber wenn er dafür sei­ner Art der Comedy treu bleibt, dann soll er das auch gar nicht.

Der erste Teil des Pro­gram­mes besteht aus viel Fal­ken­horst, Maul­wurf, Els­beths Gedich­ten und eini­gen Gesangs­ein­la­gen. Nach der Pause kommt dann Horst Kal­li­kow­ski, zunächst mit der abge­dreh­ten Story von sei­ner Arbeits­agen­tur­be­treue­rin Frau Schi­brul­ski und Cat­wo­man, dann per ein­ge­spiel­tem Video als Tou­ris­ten­schreck an der Sie­ges­säule. Anschlie­ßend kom­men die rest­li­chen Pro­tar­go­nis­ten des Pro­gram­mes: Eis­bär Kalle, das Lie­bes­le­ben der Wasch­lap­pen, Gedichte (jetzt auch Schwit­ters’ Anna), Lie­der und natür­lich auch wie­der Fal­ken­horst und der tra­gisch endende Maul­wurf. Den bei­den gehört nach rie­si­gem Applaus auch die zweite Zugabe mit einem der Stü­cke, die das Zeug zum Klas­si­ker haben:

Fazit: Ein höchst ver­gnüg­li­cher Abend, der Lust auf Mehr macht. Maja und ich waren rest­los begeis­tert. Wer über die Marik-​Youtube-​Clips lachen kann, wird voll auf seine Kos­ten kommen!

Musik online bei Jamendo

Das Ver­hal­ten der Musik­in­dus­trie ist immer noch so, dass es zumin­dest mir nicht wirk­lich Spaß macht, Musik zu kau­fen. Zwar ist mitt­ler­weile die Unsitte der mut­wil­lig defekt pro­du­zie­ren CDs, schön­fär­be­risch als „Kopier­schutz” bezeich­net, wei­test­ge­hend wie­der ver­schwun­den, aber immer noch ist man als Kunde eigent­lich eher der poten­ti­elle „Urhe­ber­rechts­ver­let­zer” als — nunja — ein Kunde eben. Jemand, der mit einer gewis­sen Freund­lich­keit behan­delt wer­den will, weil er ja schließ­lich Geld ausgibt.

Glück­li­cher­weise gibt es ja mitt­ler­weile Alter­na­ti­ven und im Umfeld von Crea­tive Com­mons und Freie-​Kunst-​Lizenz ist eine sehr leben­dige Musik­szene ent­stan­den, die sich über eigene Por­tale selbst ver­mark­tet. Eines die­ser Por­tale ist Jamendo und ich ver­linke hier ein­fach mal ein Musik­stück, das so genauso auf einer x-​beliebigen „Major-​Label-​CD” ver­trie­ben sein könnte:

  

Ich kann nur emp­feh­len, selbst mal rein­zu­hö­ren, run­ter­zu­la­den und wei­ter zu empfehlen!

Damals…

Kennt ihr das? Manch­mal kom­men einem so Erin­ne­run­gen an die Jugend. Irgend­wel­che eigent­lich völ­lig neben­säch­li­chen Dinge, über die man dann aber irgend­wie stun­den­lang nach­den­ken kann. Wie war das damals doch gleich?

So auch bei mir neu­lich. Da war doch mal die­ser Grand Prix. So irgend­wann Ende der 1980er/​Anfang der 1990er Jahre. Da gab es diese zwei Spa­nie­rin­nen. Die sind gleich als erste auf­ge­tre­ten. Mit einem — für die dama­lige Grand-​Prix-​Zeit — durch­aus pro­gres­si­ven Lied­chen. Und es hat tech­ni­sche Pro­bleme gege­ben. Und ich fand das Stück eigent­lich ganz gut. Sind aber nur sechste in der Wer­tung gewor­den oder so. Wie ging das Lied doch gleich???

Tja, frü­her hätte man da so drü­ber nach­sin­niert aber keine Chance gehabt, das jemals raus­zu­be­kom­men. Heute ist das anders…

Auf­tritt Wiki­pe­dia: Nach ein biss­chen Her­um­blät­tern finde ich auf der Seite zum Grand Prix 1990 ziem­lich genau das Sze­na­rio aus mei­ner Erin­ne­rung: „Die Start­num­mer 1 aus Spa­nien musste zwei­mal star­ten, weil beim ers­ten Ver­such nur das Rhyth­mus­play­back ein­ge­spielt wurde, der Diri­gent jedoch nichts hören konnte.” Und in der Tabelle dann: „Platz 5: Spa­nien, Azu­car Moreno, Bandido”.

Damit dann mal rüber nach Youtube. Bingo! Der (dort mitt­ler­weile nicht mehr ver­füg­bare) Mit­schnitt umfasst sogar den Faux-​pas mit dem schief gegan­ge­nen Play­back, inklu­sive bewe­gungs­lo­ser Hin­ter­grund­mu­si­ker (die Musik kommt ja schließ­lich vom Band), rat­lo­ser Sän­ge­rin­nen und einem äußerst tro­cke­nen eng­li­schen Kommentar.

Ja, so in etwas hatte ich das in Erin­ne­rung. Toll wie man sich heute die Ent­wick­lung des eige­nen… nunja, sagen wir mal: Musik­ge­schmacks vor­spie­len las­sen kann.

Das Inter­net kann aber noch mehr. Bei Google mal „Azu­car Moreno Ban­dido Lyrics” ein­ge­ge­ben, den ers­ten Link ange­klickt. Hm, Spa­nisch. Kunst­stück bei einem spa­ni­schen Lied. Ich kann kein Spa­nisch. Aber ich habe ja Kon­queror: „Extras > Web­seite über­set­zen > Spa­nisch nach… >” Hm. Kein Deutsch. Ok, dann „Eng­lisch”. Babel­fisch arbei­tet. Und in der Tat ahnt man plötz­lich sogar, worum es in dem Lied geht. Hat man aber ehr­lich gesagt — Spa­nien, zwei Frauen, Grand Prix — auch so irgend­wie schon:

Your eyes ban­dit rob­bed with sto­ries the blood and the life of my heart
Your absence in my nights cau­ses moans, sighs and weeping, and dark passion.

Und damit waren dann irgend­wie alle Fra­gen an die Ver­gan­gen­heit für den Moment geklärt.