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Bring mich nach Hause — Das vierte Studioalbum von „Wir sind Helden”

Bring mich nach Hause - Limited Edition mit Booklet

Bring mich nach Hause — Limited Edi­tion mit Booklet

Ich hatte mich ja bereits viel, viel frü­her mal in die­sem Blog mit „Wir sind Hel­den” beschäf­tigt. Damals gab es ein neues Album — und jetzt gibt es wie­der ein neues Album. Mehr als drei Jahre lie­gen dazwi­schen, und die Tat­sa­che, dass es mein Blog schon so lange (und sogar noch län­ger!) gibt, zeigt mir, dass da mal wie­der eini­ges an Zeit ver­gan­gen ist. Für mich — und für die Helden.

Bei „Soundso” war ich sei­ner­zeit ja eher gespal­ten. Das Album war gewiss nicht schlecht, aber an „Vor hier an blind” reichte es mei­ner Mei­nung nach nicht heran. Und das hat sich auch nach vie­lem Hören — Zeit war ja seit­her genug… — nicht geän­dert: „Soundso” war nett, „Von hier an blind” und „Die Rekla­ma­tion” waren großartig.

Und nun also der nächste Streich. Ich hatte nur noch in Erin­ne­rung, dass das Album „irgend­wann Ende August” erschei­nen sollte, surfe am 26.8. so auf die Wir-​sind-​Helden-​Website und sehe da: Ver­öf­fent­li­chung am 27.8.! Und noch bes­ser: Auf Mys­pace konnte man die Lie­der schon­mal vor­hö­ren. Das ganze Album? Das ganze! Zwar in deut­lich redu­zier­ter Sound­qua­li­tät, aber man will sich ja nicht beschweren…

Schon die­ses erste Rein­hö­ren hat mir aus­neh­mend gut gefal­len. So gut, dass ich heute mit­tag zum örtli­chen Pla­ne­ten­la­den gelatscht bin (ja, ich weiß, ich hatte mal geschrie­ben, dass ich da nicht mehr hin­gehe…) und die „Limited Edi­tion” erstan­den habe: Studio-​CD und dann noch­mal alle Lie­der in einer „Unplugged”-Version auf einer zwei­ten CD. Schnell die Lie­der nach MP3 kon­ver­tiert (kein Pro­blem, kein „Kopierschutz”) — und los!

Die CD selbst macht zunächst einen getra­ge­nen, stel­len­weise fast düs­te­ren Ein­druck — viel mehr als die vor­an­ge­gan­ge­nen Alben. Die melan­cho­li­sche „Bal­lade von Wolf­gang und Bri­gitte” beschreibt ein­dring­lich, wie uner­wi­derte Liebe in Aus­nut­zung umschla­gen kann, und obwohl Judith Holo­fer­nes in Inter­views bereits gesagt hat, dass das Lied eher in der 1970er-​Jahren ange­sie­delt ist, kann man seine Geschichte pro­blem­los auch heute spie­len lassen:

Dann zog Bri­gitte nach Ibiza und ver­kaufte Batik­sa­chen,
Wolf kün­digte, um bei ihr zu sein.
Nach ein paar Wochen sagte Gitte: „Ich wollte eigent­lich einen Schnitt machen
und frei sein, du engst mich ein.”

Für das Wahre, Schöne, Gute will jeder gerne blu­ten,
 – aber Wolf­gang hat Bri­gitte geliebt.

„Meine Freun­din war im Koma und alles, was sie mir mit­ge­bracht hat, war die­ses lau­sige T-​Shirt”, so heißt das Lied wirk­lich, obwohl diese Zeile in die­ser Form im Text gar nicht vor­kommt, setzt sich ein­dring­lich mit dem (Nah-)Tod auseinander.

Auch ich wollte ein Sou­ve­nir vom Tun­ne­lende,
aber ich weiß, das weiße Licht rinnt einem immer durch die Hände

So wie du auch, du auch, du auch, du auch — auch du.

Und was mir das titel­ge­bende Stück „Bring mich nach Hause” sagen will, habe ich noch nicht ganz durch­drun­gen. Dort heißt es zu lang­sa­men Moll-​Akkorden auf dem Klavier

Ich brau­che tiefste schwarze Nacht hin­ter mei­nen Lidern,
ein Gift gegen den Schmerz in mei­nen Glie­dern.
[…]
Und dort erst auf der Schwelle will ich ver­blu­ten,
wenn ich still bin, soll der Regen jede Zelle fluten.

Sol­che Töne hätte ich bis­lang eher bei Unhei­lig oder Schand­maul, nicht aber bei den Hel­den vermutet.

Aber es geht auch anders: „23.55: Alles auf Anfang” hat wie­der die­sen fre­chen „Die Hel­den gegen den Rest der Welt”-Grundton, der in der „Rekla­ma­tion” und „Von hier an blind” herrschte:

Du nennst es Welt­schmerz, ich nenn’ es Atti­tüde
Es ist erst fünf vor zwölf und du bist schon so müde.

Ihr sagt: Kein Ende in Sicht
Wir sagen: Fünf vor zwölf, alles auf Anfang!

„Was uns bei­den gehört” ist — zu schwung­vol­lem Samba — eine raf­fi­nierte Alle­go­rie, in der Tag und Nacht das „mein”, „dein” und „unser” in einer Bezie­hung ausdiskutieren:

Er sagte:
Mir gehört der Tag und das glei­ßende Leuch­ten […]
Mein ist das Helle, das Hei­tere, Wahre […]

Sie sagte:
Mir gehört die Nacht mit all ihren Schat­ten […]
Mir allein fol­gen der Mond und die Sterne […]

Uns bei­den gehört das Abend­licht
Das Fla­ckern der Lich­ter in unse­ren Gesich­tern
Mehr nicht.

Und mein aktu­el­les Lieb­lings­stück „Dra­ma­ti­ker” nimmt mit der unver­gleich­li­chen Holofernes’schen Lust am Fabu­lie­ren die Ober­fläch­lich­keit in der Gesell­schaft auf’s Korn:

Und die Mäd­chen an den Tischen sin­gen:
„Und dann ich so und dann er so und dann…
der muss doch ein­fach manch­mal meine…
und dann ich so und dann er so und dann…”

Drama! Drama!
Drama-​dramatiker!

Deine Weste ist zu weiß, wart’ ich frag’ einen Batiker.

Das Album „Bring mich nach Hause” fügt sich naht­los in die Musik­ge­schichte der Hel­den ein. Es ist — ins­ge­samt — wohl das bis­her rei­feste Album der Hel­den, man merkt die sie­ben Jahre, die seit der „Rekla­ma­tion” ver­gan­gen sind, halt doch. Für mich ist es — nach „Von hier an blind” — das zweit­beste Hel­den­al­bum, und wer weiß, was beim wei­te­ren Hören noch so pas­siert… Wer „Wir sind Hel­den” bis jetzt schon gemocht hat, wird den Kauf die­ses Albums nicht bereuen. Und wer die Hel­den bis­lang noch nicht kannte, aber ein Fai­ble für intel­li­gente deut­sche Musik hat, der sollte unbe­dingt rein­hö­ren. Da dürfte es momen­tan wenig Bes­se­res geben…

Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 2

Fort­set­zung des von Teil 1 vom Freitag

Betrach­ten wir vor dem Hin­ter­grund der Rede der Jus­tiz­mi­nis­te­rin die gesamte Pro­ble­ma­tik noch­mal aus einem ande­ren Blickwinkel:

Der Urhe­ber eines Wer­kes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht ver­wen­det bzw. rezi­piert wird. Dies ist aber ein sozia­ler und inter­ak­ti­ver Pro­zess, den der Urhe­ber (und auch even­tu­elle Ver­mitt­ler wie z.B. Ver­le­ger) schlech­ter­dings gar nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann. Die wie ein Man­tra die ganze Rede durch­zie­hende Aus­sage „Der Rech­te­in­ha­ber ent­schei­det, was pas­siert” ist letzt­lich eine Täu­schung. Eigent­lich ent­schei­den näm­lich die Emp­fän­ger, ob ihnen ein Werk wich­tig ist oder nicht und damit geht immer eine Beschäf­ti­gung mit dem Werk ein­her. Im Gesetz fin­den sich nicht umsonst die Schran­ken des Urhe­ber­rechts, das Zitat­recht oder die Pan­ora­ma­f­rei­heit.

Dass damit auch so man­che Urhe­ber ihre Pro­bleme haben, zeig­ten übri­gens die „ein­füh­ren­den Worte” von Ulrich Wickert, der nicht nur erstaun­lich alt gewor­den ist, son­dern seine Rede auch recht scham­los als Wer­be­ver­an­stal­tung für irgend­ein von ihm geschrie­be­nes neues Buch nutzte. Er erzählte ent­rüs­tet, wie ihm ein Leser nach Lek­türe eines sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Werke ein alter­na­ti­ves Ende zuschickte. Das, so Wickert, sei anma­ßend: „Mein Werk gehört mir.” Ich finde diese Atti­tüde außer­or­dent­lich arro­gant. Nie­mand for­dert von Herrn Wickert, dass er seine Bücher umschreibt, aber der­ar­tig hin­ge­bungs­volle Leser dem Publi­kum als Stö­ren­friede der eige­nen Voll­kom­men­heit zu prä­sen­tie­ren — das geht ja mal gar nicht.

Genau diese Denke ist es aber, die vie­ler­orts im Urhe­ber­recht vor­herrscht. Immer will irgend­je­mand seine ver­meint­li­chen per­sön­li­chen Ansprü­che gesi­chert wis­sen. Dabei ent­steht sämt­li­cher Wert eines lite­ra­ri­schen, musi­schen oder ander­wei­ti­gen nicht-​materiellen Wer­kes erst durch die gesell­schaft­li­che Auf­nahme und Ver­wen­dung. So gese­hen liegt es im urei­gens­ten Inter­esse der Werk­schaf­fen­den, dass die All­ge­mein­heit seine Werke adäquat nut­zen kann. Dass sich die Arten der Nut­zung mit der galop­pie­ren­den tech­ni­schen Ent­wick­lung auch ver­än­dern, liegt in der Natur der Sache. Dies einer­seits durch­aus anzu­er­ken­nen, dann aber ande­rer­seits bei den ent­spre­chen­den Geset­zen vor einer ange­mes­se­nen Umset­zung zurück­zu­zu­cken, bringt im End­ef­fekt gar nichts. Es ist sogar kon­tra­pro­duk­tiv, wenn im Rah­men die­ses Krebs­gan­ges am Ende Murks­ge­setze wie ein „Leis­tungs­schutz­recht” her­aus­kom­men.

Es gibt einen letz­ten Aspekt der „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht”, der mir wich­tig erscheint: Frau Leutheusser-​Schnarrenberger arbei­tet immer wie­der auf einen all­ge­mei­nen Gegen­satz zwi­schen dem Urhe­ber­recht und der „digi­ta­len Welt” hin. „Digi­tal Nati­ves” wer­den da zu radi­ka­len Geg­nern urhe­ber­recht­li­cher Rege­lun­gen, die ein­fach alles für alle frei­ge­ben und sich nicht um Gesetze sche­ren wol­len. Dafür zitiert sie sogar — man höre und staune — die Pira­ten­par­tei, die „die Auf­he­bung künst­li­cher Ver­knap­pun­gen” for­dere und nimmt dies als Beleg für die gene­relle Ableh­nung des Urheberrechts.

Mit Ver­laub, Frau Leutheusser-​Schnarrenberger, aber das ist Quark. Die „künst­li­chen Ver­knap­pun­gen” sind das, was die Ver­mitt­ler ver­zwei­felt ver­su­chen zu hal­ten, um wei­ter­hin eine Rolle spie­len zu kön­nen. Ansons­ten machen nicht nur wir, son­dern alle Werk­schaf­fen­den in der digi­ta­len Welt sich sehr viele Gedan­ken über das Urhe­ber­recht. Nicht umsonst ist in den letz­ten 15 Jah­ren eine ganze Klasse neuer Lizenz­mo­delle ent­stan­den und mehr als ein­mal hat es da Knatsch wegen wider­recht­li­cher Nut­zung gege­ben. Es ist näm­lich auch eine Wahr­heit, dass gerade die Ver­le­ger und Ver­mitt­ler zwar laut schreien, wenn sie ihre über­kom­me­nen Pri­vi­le­gien in Gefahr sehen, es gleich­zei­tig aber mit den Rech­ten ande­rer nicht allzu genau neh­men. Berichte über nicht lizenz­ge­rechte Über­nah­men — man könnte schlicht „Abschrei­ben ohne Quel­len­an­gabe” nen­nen — von Wiki­pe­diaar­ti­keln oder ande­ren CC– oder GFDL-​lizenzierten Wer­ken sind längst Legion.

Wohin treibt nun das Urhe­ber­recht? Die Ver­an­stal­tung am Mon­tag war der Auf­takt eines mehr­mo­na­ti­gen Pro­zes­ses, der ver­schie­dene Anhö­run­gen brin­gen wird und schließ­lich in einem Geset­zes­ent­wurf für einen „Drit­ten Korb” zur Ände­rung des Urhe­ber­rechts mün­den soll. Dass das aktu­elle Urhe­ber­recht mit sei­nen mitt­ler­weile extre­men Ein­schrän­kun­gen der Nutz­bar­keit kul­tu­rel­ler Werke stark ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist, steht außer Frage. Ich sehe aller­dings die Gefahr, dass die­ser Geset­zes­pro­zess auch zu einem noch restrik­ti­ve­ren Recht füh­ren kann, wenn er nicht geeig­net beglei­tet wird. Frau Leutheusser-​Schnarrenberger war mit den Inhal­ten ihrer Rede teil­weise wie der viel­zi­tierte Pud­ding, der sich nicht an die Wand nageln lässt. Im Zwei­fels­fall bedeu­tet das nichts Gutes, wenn es darum geht, den viel­fäl­ti­gen Lob­by­grup­pen im Namen der All­ge­mein­heit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Genau das erwarte ich aber von einer Bundesministerin.

Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht” gehal­ten, unsere Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin. Den Rede­text gibt es online und Kom­men­tare und Zusam­men­fas­sun­gen dazu zum Bei­spiel bei Heise Online oder Tele­po­lis. Auch ich habe am Mon­tag in der Berlin-​Brandenburgischen Aka­de­mie geses­sen und ihren Aus­füh­run­gen gelauscht.

Bei mir hin­ter­lässt die Rede von Frau Leutheusser-​Schnarrenberger einen sehr zwie­späl­ti­gen, letzt­lich aber nega­ti­ven Ein­druck. Einer­seits war die Rede gespickt mit Aus­füh­run­gen, die so auch auf einem belie­bi­gen Par­tei­tag der Pira­ten­par­tei Sze­nen­ap­plaus bekom­men hät­ten. Die Minis­te­rin hat das Inter­net als gesell­schaft­li­che Revo­lu­tion bezeich­net, Wis­sen und Infor­ma­tion seien viel bes­ser und schen­l­ler ver­füg­bar, aber auch viel ein­fa­cher und direk­ter erzeug­bar gewor­den. Der krea­tive Mensch muss im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht der Ver­wer­ter. Bei der digi­ta­len Revo­lu­tion müs­sen wir die Chan­cen sehen und nicht immer nur auf die Risi­ken starren.

All dies sind Aus­sa­gen, die ich ohne wenn und aber unter­stütze. Und es tat gut, das mal so klar und deut­lich aus dem Mund eines Bun­des­mi­nis­ters zu hören. Aber was nüt­zen die schöns­ten Worte, wenn sie nicht kon­se­quent zu Ende gedacht wer­den? Und genau das pas­siert nicht! Statt­des­sen kommt es immer wie­der zu argu­men­ta­ti­ven Haken­schlä­gen, die all die schö­nen Ein­sich­ten Maku­la­tur wer­den lassen.

Da erwähnt die Minis­te­rin mehr­fach, dass sich die ana­loge Zeit nicht ins Digi­tale über­tra­gen lässt. Da for­mu­liert sie expli­zit, dass das Recht keine über­hol­ten Geschäfts­mo­delle schüt­zen darf. Und jedes Mal denke ich mir: „Cool, wie­der eine Breit­seite gegen die­ses idio­ti­sche ‚Leis­tungs­schutz­recht’.” Und dann das: Wenn Ver­mitt­ler Leis­tun­gen erbrin­gen, dann muss diese Leis­tung geschützt wer­den, zum Bei­spiel Zei­tungs­ver­le­ger. Und expli­zit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger geben soll, son­dern wie die­ses aussieht.”

Das ist aus­ge­spro­chen übel. Bis heute gibt es keine ein­zige mir bekannte neu­trale Instanz, die auch nur for­mu­lie­ren könnte, wie ein „aus­ge­wo­ge­nes Leis­tungs­schutz­recht” aus­se­hen könnte. Weil es ein sol­ches schlicht nicht gibt! Der ein­zige etwas kon­kre­tere Text, jener Ent­wurf von sei­ten der Ver­le­ger, ist eine Ansamm­lung von ten­den­ziö­sen Regeln, die der klei­nen, in der heu­ti­gen Zeit zun­ehe­mend unwich­ti­ger wer­den­den gesell­schaft­li­chen Gruppe von Ver­le­gern, ihre Pfründe auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und der Werk­schaf­fen­den sichern und sie sogar aus­bauen soll. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, über­kom­mene Geschäfts­mo­delle gegen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen. Es ist die Text gewor­dene Anti­these zu allem, was die Minis­te­rin im Urhe­ber­recht vor­geb­lich errei­chen will.

Wie ernst kann man vor dem Hin­ter­grund die gesam­ten Aus­füh­run­gen vom Mon­tag neh­men? Wir sol­len „mehr auf die Mög­lich­kei­ten als auf die Risi­ken schauen”? Ja, aber! Das Urhe­ber­recht „schützt den Urhe­ber”? Ja, aber! Keine „Schon­räume für abge­lau­fene Geschäfts­mo­delle”? Ja, aber! All die hee­ren Grund­sätze gel­ten offen­sicht­lich nur, solange keine Lob­by­gruppe etwas ande­res will.

Zu Recht zeiht Frau Leutheusser-​Schnarrenberger das Urhe­ber­recht über­bor­den­der Kom­ple­xi­tät und zitiert dabei sogar Linus Tor­valds. Aber dann zieht sie Leis­tungs­schutz­rechts­ka­nin­chen aus dem Zylin­der, die irgend­wie „die Ver­le­ger schüt­zen”, gleich­zei­tig aber Link– und Zitat­frei­heit erhal­ten sol­len. Zum einen erhöht dies die Kom­ple­xi­tät der sowieso schon kom­ple­xen Geset­zes­land­schaft wei­ter und zum ande­ren steht die­ser gesamte Ansatz in voll­stän­di­gem Gegen­satz zu dem, was die Minis­te­rin immer wie­der betont: Dass das Gesetz den Urhe­ber schüt­zen soll. Ein wie auch immer gear­te­tes Leis­tungs­schutz­recht wird aber genau die­sen Schutz wei­ter aus­he­beln, es beschnei­det die Mög­lich­kei­ten des Urhe­bers mas­siv zu Guns­ten irgend­wel­cher Ver­le­ger und dass der All­ge­mein­heit anschlie­ßend auf eine ver­krüp­pelte Weise sein Werk wei­ter zur Ver­fü­gung steht, nützt ihm, dem Urhe­ber, auch nichts.

Wei­ter geht’s mit Teil 2 am Montag

Lena Meyer-​Landrut in Hannover: Fotogalerie vom Empfang vor dem Rathaus

Ich schrieb ja ges­tern schon vom Stand­ort­vor­teil, den man als Han­no­ve­ra­ner beim dies­jäh­ri­gen Euro­vi­sion Song Con­test hat: Die deut­sche Teil­neh­me­ne­rin und Gewin­ne­rin Lena Meyer-​Landrut kommt ja nun mal von hier. Und so fand auch der Emp­fang am Tag nach ihrem Sieg hier in Han­no­ver statt. Das ließ ich mir nicht ent­ge­hen, habe aber — anders als am Vor­tag — dies­mal die Kamera mit vors Rat­haus genom­men. Viele Fotos, die ich auf die­sem Event gemacht habe, fin­den sich unter

http://​lena​-in​-han​no​ver​.hill​brecht​.de

Der Tramm­platz war bes­tens gefüllt als Punkt 17:00 Uhr die USFO-​Moderatoren Sabine Hein­rich und Mat­thias Opden­hö­vel auf der Bühne erschie­nen und „eine total unge­plante Livesa­che” ankündigten.

Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel eröffnen die Veranstaltung

Sabine Hein­rich und Mat­thias Opden­hö­vel eröff­nen die Veranstaltung

Mit Beginn der Live­über­tra­gung auf ARD und Pro7 erschie­nen dann Ste­fan Raab und eine gut gelaunte Lena Meyer-​Landrut und wur­den aus­gie­big vom Publi­kum gefeiert.

Stefan Raab und Lena Meyer-Landrut

Ste­fan Raab und Lena Meyer-​Landrut

Höhe­punkt der Ver­an­stal­tung war wohl eine wei­tere Liveper­for­mance von „Satel­lite” durch Lena. Ich möchte nicht wis­sen, wie oft sie die­ses Lied in den ver­gan­ge­nen zwei Mona­ten gesun­gen hat.

Lena singt ein weiteres Mal Satellite - live und mit lauter Unterstützung durchs Publikum

Lena singt ein wei­te­res Mal Satel­lite — live und mit lau­ter Unter­stüt­zung durchs Publikum

Das Publi­kum jeden­falls war begeis­tert, sang aus vol­ler Kehle mit und fei­erte ansons­ten aus­gie­big die „Stars aus Oslo”.

Der Trammplatz war die ganze Zeit voll von Zuschauern

Der Tramm­platz war die ganze Zeit voll von Zuschauern

Mein Fazit: Sowas erlebt man nicht alle Tage. Viele wei­tere Fotos von der Ver­an­stal­tung, wie bereits geschrie­ben, unter

http://​lena​-in​-han​no​ver​.hill​brecht​.de

Der Eurovision Song Contest, Lena Meyer-​Landrut und ich

Was für ein Abend! Eigent­lich hatte ich einen ruhi­gen Abend zu Hause geplant und neben dem Grand-​Prix im Fern­se­hen — man mag es ange­sichts der Ereig­nisse kaum schrei­ben — Wäsche gewa­schen und die Woh­nung auf­ge­räumt. Na gut, und get­wit­tert. Und dann das! Zunächst mal ein rich­tig guter Auf­tritt von Lena auf Platz 22 im Contest:

Naja, und als dann auf der Hälfte der Punk­te­ver­gabe Deutsch­land doch deut­lich in Füh­rung lag, dachte ich mir, es sei irgend­wie unan­ge­mes­sen, einen der­ar­tig his­to­ri­schen Moment allein im stil­len Käm­mer­lein zu ver­brin­gen. Also habe ich mal gna­den­los mei­nen Stand­ort­vor­teil genutzt, mich aufs Fahr­rad geschwun­gen und bin rüber­ge­fah­ren zum Tramm­platz, der ja in den Fern­seh­über­tra­gun­gen auch das eine oder andere Mal erwähnt wurde als eine der zen­tra­len Grand-​Prix-​Feiern in Deutsch­land — und Hannover.

Als ich ankam, waren gerade die letz­ten vier oder fünf Punk­te­ver­ga­ben im Gange und Lena lag bereits unein­hol­bar vorne. Dann wurde mal rich­tig gefei­ert. Ich fand mich irgend­wann in einer Gruppe Abitu­ri­en­ten wie­der und freute mich, dass „Zu spät” von den Ärzten auch heute noch die Party rockt — das habe ich schon zu mei­ner Abi­feier gehört. ;-) Den Abschluss der Party bil­dete ein Livek­on­zert von den Jet­lags mit USFO-​Kandidat Cyril Krue­ger. Noch so ein his­to­ri­scher Moment: Dass trotz all der schwer lärm­ge­pla­ten und kla­ge­freu­di­gen Ein­woh­ner Han­no­vers mal ein Kon­zert mit­ten in der Stadt um 1:30 Uhr zu Ende geht — das glaubt einem doch spä­ter nie­mand mehr…

Lena Meyer-Landrut auf der Pressekonferenz nach dem Sieg

Lena Meyer-​Landrut auf der Pres­se­kon­fe­renz nach dem Sieg

Bild­quelle: Ind­rek Gale­tin (EBU)

Lena war der­weil auf der Sie­ger­pres­se­kon­fe­renz und man merkte ein wei­te­res Mal, wie über­rascht alle Betei­lig­ten über den Sieg waren. Das finde ich eine der ganz beson­de­ren Tat­sa­chen die­ser Grand-​Prix-​Nacht: Trotz all der guten Pro­gno­sen hatte wohl nie­mand wirk­lich damit gerech­net, dass aus­ge­rech­net die­ses kleine, unprä­ten­tiös vor­ge­tra­gene Lied ganz Europa über­zeu­gen würde. Am Nach­mit­tag hatte ich mich hier im Haus noch mit zwei Nach­barn unter­hal­ten. Die mein­ten uni­sono: „Naja, viel­leicht reicht es für die ers­ten fünf” und nach­dem ich — save​.tv sei Dank — beide Halb­fi­nals gese­hen hatte, war ich mir auch nicht so sicher: Da waren mal wie­der viele gute Lie­der ganz unter­schied­li­chen Zuschnitts dabei.

Egal — heute nach­mit­tag werd’ ich noch­mal ver­su­chen, mich zum Tramm­platz durch­zu­schla­gen. Sowas erlebt man nicht oft!

Musik zum Sonntag: zero-​project — Fairytale

Und hier, liebe Leser, ein wenig Musik zum Sonn­tag. CC-​lizenziert und auf Jamendo zu fin­den: „zero-​project” mit sei­nem aktu­el­len Album „Fai­ry­tale”. Passt beson­ders gut, wenn man gerade wach wird, sich fragt, wo die Kopf­schmer­zen her­kom­men und sich dann wie­der an die Pro­mo­ti­ons­feier des Kom­mi­lio­nen vom Abend zuvor erin­nert, auf der man irgend­wann den Über­blick über die Anzahl der Glä­ser Rot­wein ver­lo­ren hat…

Nicht hören soll­ten das die Jungs und Mädels von nom­nom­nom, die sich gerade in Stunde 17 ihres 24-​Stunden-​Fernsehmarathons mit Live­b­log­ging befin­den. Sonst ist da bald Stille im Blog… ;-)

Vorratsdaten, Zensurgesetze und Nacktnasenwombats

Am Diens­tag wird das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sein Urteil in Sachen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung spre­chen und der Prä­si­dent hat — rau­nend wie ein „Lost”-Trailer — schon ein „Urteil mit Bedeu­tung für ganz Europa” ange­kün­digt. Die CDU-​FDP-​Koalition hin­ge­gen wagt einen aben­teu­er­li­chen Spa­gat zwi­schen der Inkraft­set­zung eines par­la­men­ta­risch beschlos­se­nen Geset­zes und einer Anwei­sung an die betrof­fene Behörde, die­ses nicht umzu­set­zen und lieb­äu­gelt dabei damit, irgend­wann heim­lich, still und leise die Nichtum­set­zung fal­len zu las­sen. Und mit einem Regu­lie­rungs­kon­zept auf Län­der­ebene, des­sen Wur­zeln aus der Vor-​Internet-​Ära stam­men, wird mal wie­der Hand an die freie Mei­nungs­äu­ße­rung gelegt.

Seufz

Ich kup­fere statt­des­sen mal ganz dreist beim Nig­ge­meier ab. Der hat sei­ner­seits Kiwis­pot­ting ver­linkt und dort ins­be­son­dere das herz­al­ler­liebste Video über die Nackt­na­sen­wom­bats. Ich wün­sche 4:45 Minu­ten ent­spannte Unter­hal­tung. Is’ doch Weih­nach­tenSonn­tag. ;-)

Auto Auto! — Christian von Richthofen und Benny Greb zerlegen einen Opel Kadett E

Zum Schluss ist es Tschai­kow­ski. Im Takt des Blu­men­wal­zers schwin­gen Chris­tian von Richt­ho­fen und Benny Greb die Vor­schlag­häm­mer und las­sen sie genüss­lich auf die Karos­se­rie des alten Opel Kadett E kra­chen. Motor­haube, Kof­fer­raum­ab­de­ckung, Dach, Kot­flü­gel — alles hin. In den Lack der Sei­ten­front ist das Wort „LOVE” mit dem Win­kel­schlei­fer geschrie­ben. Denn eigent­lich, so Chris­tian von Richt­ho­fen, ist das ganze Spek­ta­kel eine Lie­bes­er­klä­rung an den Kadett E, die­sen „Stein­way unter den Autos”.

Der Opel Kadett am Ende der Show

Ein­ein­halb Stun­den frü­her steht der noch weit­ge­hend unbe­schä­digt auf der Bühne. Zusam­men mit einem Schlag­zeug. Dem Zuschauer ist eine „Rhythm-​and-​Crash-​Performance” ange­kün­digt und dass es dem Auto im laufe des Abends derbe an den Kra­gen gehen wird, wis­sen wir auch. Trotz­dem beginnt der Abend eher gesit­tet: von Richt­ho­fen und Greb tre­ten im Frack auf die Bühne und geben zunächst mal eine A-​capella-​Version der Bach’schen Toc­cata und Fuge in D-​Moll mit laut­ma­le­ri­schen Ele­men­ten. Danach wird das Auto zunächst klang­lich „erforscht”: In der Tat las­sen sich der Karos­se­rie durch Trom­meln auf Motor­haube, Türen, Dach und Rück­wand ganz unter­schied­li­che Geräu­sche ent­lo­cken. Die ein­ge­setz­ten Holz– und Metall­stö­cke hal­ten die Schä­den dabei in Gren­zen. Von Richt­ho­fen und Greb arbei­ten sich durch etli­che Stile, von Reg­gae bis zum Radetz­ky­marsch ist alles dabei. Immer wie­der las­sen sie auch von dem Auto ab und sin­gen. Mit­tels eines klei­nen Loop–Sequen­cers, den von Richt­ho­fen (fast immer) sou­ve­rän mit dem Fuß bedient, ent­ste­hen dabei beacht­li­che mehr­stim­mige Klang­tep­pi­che. Zusätz­lich schil­dert von Richt­ho­fen über­zeu­gend als Hit­ler die Nöte des Füh­rers beim TÜV („Rrr­rück­spägel!?! Wärr brraucht Rrück­spägel?! Äch wäll einen Waa­gen mät Frront­an­trääb!”) und Greb arbei­tet sich genauso furios durch das auf­ge­stellte Schlag­zeug wie er spä­ter eine Rad­kappe als Per­kus­si­ons­in­stru­ment benutzt.

Pla­kat zur Show: Baby, you can play my car; Pla­kat: M. Lustig

Pla­kat: Marion Lus­tig, Fotos: Bernd Weis­haupt, Jür­gen Schmalfuß

Nach der Pause wird es dann hand­fes­ter. Wäh­rend von Richt­ho­fen bereits vor­her die Front­scheibe mit der blo­ßen Hand ein­ge­schla­gen hat — und ich behaupte wei­ter­hin: Das muss weh tun — kommt jetzt die Flex zum Ein­satz und die Schlag­in­stru­mente wer­den grö­ßer. Zu Mozarts Tür­ki­schem Marsch bear­bei­tet von Richt­ho­fen zudem ein wei­te­res Mal die Motor­haube mit den blo­ßen Hän­den, wobei er Maestro-​like auf der Kla­vier­bank sitzt. Bevor dann das Finale dem Auto den Rest gibt, muss der soeben aus dem Publi­kum ernannte Sicher­heits­be­auf­tragte Achim Helme in den ers­ten Rei­hen ver­tei­len. Und dann geht’s — wie beschrieben — los.

Benny Greb tes­tet den Helm vom Sicher­heits­be­auf­trag­ten Achim

Auto Auto! hat sowohl mich als auch meine Beglei­te­rin in jeder Hin­sicht begeis­tert: Zwei Künst­ler mit sicht­lich Spaß an der Sache sin­gen, tan­zen und trom­meln sich durch den Abend. Beide ver­ste­hen ihr Hand­werk und sel­ten wird man Zeuge einer der­art zele­brier­ten Auto­ver­schrot­tung. Dabei ist der tech­ni­sche Auf­wand sicher­lich nicht uner­heb­lich: Dass der Opel Kadett bei sei­nem fina­len Auf­tritt so gut „klingt”, liegt sicher­lich auch daran, dass in der Karos­se­rie etli­che Mikro­fone ver­baut sein dürf­ten, die die Klänge gut aus­ge­steu­ert auf die Laut­spre­cher brin­gen. Der stets unter­ge­mischte Hall — beim Auto weni­ger, beim Gesang mehr — ver­lei­hen der Akus­tik zusätz­li­chen Nach­druck. Und schließ­lich unter­stützt auch das Büh­nen­licht die Ver­schrot­tungs­or­gie nach Kräften.

Chris­tian von Richt­ho­fen nach der Show

Zum vier­ten Mal war von Richt­ho­fen letz­ten Sonn­tag mit Auto Auto! in Han­no­ver. Für diese inter­na­tio­nale Show dürfte das fast sowas wie ein Heim­spiel sein — von Richt­ho­fen kommt aus Nord­deutsch­land und einer der Haupt­lie­fe­ran­ten für die Opel Kadetts saß vor der Bühne. Das Publi­kum im vol­len gro­ßen Saal des Raschplatz-​Pavillons war aus dem Häus­chen. Im Herbst gas­tie­ren die bei­den wie­der in der Nähe — dann in Lehrte. Mei­ner­seits gibt es nur eine Emp­feh­lung: Hin­ge­hen und Anschauen!

Rene Marik und der Maulwurf in „KasperPop”: Autschn reloaded?

Ges­tern war Rene Marik wie­der in Han­no­ver. Und zwar mit sei­nem neuen Pro­gramm „Kas­per­Pop”. Letz­tes Jahr war ich ja schon in „Autschn” und war rest­los begeis­tert. Nun also das neue Pro­gramm — ich und mit mir nicht weni­ger als fünf Freunde waren gespannt. Statt des größ­ten Saa­les im Rasch­platz­pa­vil­lon war die Vor­stel­lung dies­mal im Thea­ter am Aegi, des­sen Saal dop­pelt so groß ist und das eben­falls aus­ver­kauft war.

Rene Marik mit Maul­wurf und Fal­ken­horst, Foto: Ben Wolf (Pressefoto)

Marik ist ja von der Aus­bil­dung her Pup­pen­spie­ler und inso­fern sind die Pup­pen wie­der zen­tra­ler Bestand­teil der Show. Jede Menge alte Bekannte fin­den sich im Laufe des Abends auf der Bühne ein: Frosch Fal­ken­horst, der ber­li­nernde Eis­bär Kalle, die Wasch­lap­pen Domi­nik und Jaque­line, „de Babe” und sogar das Teletubbie-​Telefon sind wie­der mit von der Par­tie — genauso natür­lich wie Sym­pa­thie­trä­ger und Mar­ken­zei­chen Maul­wurf, der immer noch kei­nen Namen hat, aber im Laufe des Abends dies­mal auf eine Maul­wur­fin tref­fen darf. Ich will mal nicht ver­ra­ten, ob die bei­den sich krie­gen, aber so rich­tig leicht hat es der Maul­wurf ja noch nie gehabt.

Zwei Neu­zu­gänge sind zu ver­zeich­nen: Neben einem klei­nen E.T. ist das vor allem der „Kas­per”, der dem Pro­gramm sei­nen Namen gibt und es als „Hass­kas­per” auch gleich mal mit einer ful­mi­nan­ten Publi­kums­be­schimp­fung eröff­net. Ansons­ten über­nimmt er den dia­bo­li­schen Part des Abends: Wenn er, beglei­tet von Sir­ren aus den Laut­spre­chern, auf­taucht, wird’s unge­müt­lich. Mal ent­führt er Bar­bie, mal erscheint er dem Maul­wurf in einem Mushroom-​Alptraum und Fal­ken­horst wird schließ­lich von ihm um einen Frosch­schen­kel erleich­tert. Außer­dem ist er zen­tra­les Ele­ment von zwei Ein­spiel­fil­men: In der „Hass­kas­per­box” kön­nen Pas­san­ten die Puppe über die Hand zie­hen und ihrem Frust mal so rich­tig freien Lauf las­sen. Die Zusam­men­schnitte sind mal wit­zig, wenn etwa ein Fran­zose derb über Prä­si­dent Sakorzy schimpft und dabei die lang­ge­zo­ge­nen fran­zö­si­schen „äh„s pho­ne­tisch kor­rekt als „eee ööööööööööö” unter­ti­telt wer­den. Mal sind sie strange, wenn jemand mit deut­li­chem tür­ki­schen Akzent sich über Aus­län­der beschwert. Und häu­fig kommt Ber­li­ner Lokal­ko­lo­rit durch, was aber auch kein Wun­der ist, weil die Box für viele die­ser Ein­spie­ler wohl am Alex­an­der­platz in Ber­lin stand. Da sind dann halt viele Leute, die sich über die Woh­nungs­not in Fried­richs­hain beschwe­ren oder sanierte Häu­ser im Prenz­lauer Berg, die sie an Schö­ne­berg erinnern.

Die Hass­box steht auch an den jewei­li­gen Spiel­or­ten und Marik for­dert das Publi­kum auf, nach der Vor­stel­lung von ihr Gebrauch zu machen. Die in der Vor­stel­lung gezeig­ten Filme sol­len von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet und auch ins Inter­net gestellt wer­den. In Han­no­ver waren dann wohl auch so etwa zehn Leute anschlie­ßend in der Box.

Eintrittskarte zur Vorstellung in Hannover mit Autogramm

Ein­tritts­karte zur Vor­stel­lung in Han­no­ver mit Autogramm

Zwei Stun­den über Kopf mit Hand­pup­pen zu spie­len ist nicht mög­lich, wes­halb das KasperPop-​Programm, wie schon Autschn, auch aus Nicht-​Puppen-​Teilen besteht. Hier­für hat Marik sich Ver­stär­kung in Form des „Tas­ta­teurs Pro­fes­sor Inge” auf die Bühne geholt, der ihn zu sei­ner E-​Gitarre beglei­tet. Lei­der hat sich auch der Cha­rak­ter der musi­ka­li­schen Parts grund­le­gend geän­dert: Statt der mini­ma­lis­ti­schen Inter­pre­ta­tion melan­cho­li­scher Lie­bes­schul­zen gibt es jetzt ziem­lich laute und schnelle „Pop”-Musik, die bei uns in der Gruppe nie­man­den so recht über­zeugte. Es ist eine nicht wirk­lich inspi­rierte Mischung aus den Ärzten, Sil­ber­mond und Blum­feld, die da aufs Publi­kum her­ab­pras­selt. Abge­se­hen davon, dass ich Blum­feld und Distel­mey­ers verschwurbselt-​pseudointellektuellen Gesang nie lei­den konnte, waren die Stü­cke von Marik nicht immer ver­ständ­lich und pass­ten nicht so recht zu den ande­ren Tei­len des Pro­gramms. Mit die­ser Ein­schät­zung war ich wohl nicht allein: Als Marik im Rah­men der Zugabe erneut zur Gitarre griff, gab es den ver­nehm­li­chen Zwi­schen­ruf „Nicht sin­gen!” aus dem Publikum.

Rene Marik nach der Vorstellung bei Autogrammstunde und Fotos

Rene Marik nach der Vor­stel­lung bei Auto­gramm­stunde und Fotos

Über­haupt, der große Bogen. „Ein Pro­gramm über Pop und Kata­stro­phen” hat Marik ange­kün­digt. Auf die Frage nach der Schnitt­menge wusste das Publi­kum keine rechte Ant­wort (und ich habe mich in dem Moment nicht getraut, laut „Die­ter Boh­len” zu rufen) und so macht sich denn manch­mal eine recht destruk­tive Grund­stim­mung breit. Der Maul­wurf fährt im Urlaub nach Afgha­nis­tan und endet als Rambo, der mit der Kalasch­ni­kow alles nie­der­mäht. Die Wasch­lap­pen tref­fen „in New York” auf­ein­an­der und als end­lich das Eis gebro­chen scheint sagt Jaque­line: „Schau mal, ein Flugzeug” — und weist nach unten. Marik ver­sucht es ver­ein­zelt mit poli­ti­schen The­men, aber das — finde ich — bekommt dem Pro­gramm nicht beson­ders gut. Wo Autschn mit poe­ti­scher Leich­tig­keit glänzte und mit dem vom Lie­bespech ver­folg­ten Maul­wurf einen ganz ein­fa­chen aber zutiefst lie­bens­wer­ten Hel­den hatte, kommt Kas­per­Pop manch­mal reich­lich bra­chial daher. Und der Kas­per, des­sen Bezeich­nung mehr­fach zwi­schen „Hass­kas­per” und „Glat­zen­kas­per” wech­selt, ist nicht wirk­lich eine posi­tive Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Zumal sich des­sen Destruk­ti­vi­tät durch das ganze Pro­gramm zieht.

Das heißt jetzt aber nicht, dass es nicht auch viel zu Lachen gäbe. Beson­ders stark ist Marik immer, wenn er wie schon in den gro­ßen Momen­ten von „Autschn” mit einem Mini­mum an Requi­si­ten eine Szene aus dem Ärmel schüt­telt, die man als Zuschauer sofort erfasst und ver­in­ner­licht. Es mag Zufall sein, häu­fig pas­siert das genau dann, wenn er das aus Autschn Bekannte zitiert, vari­iert oder erwei­tert. Schon ganz am Anfang kün­digt Fal­ken­horst den Maul­wurf an, nur um ihn dann selbst als Hand­puppe zu spie­len und den unter ihm ste­hen­den Marik mit den Wor­ten: „Sieh zu und lerne!” abzu­kan­zeln. Eben die­ser Maul­wurf arbei­tet sich spä­ter an Bar­bie ab, die er immer noch schmach­tend „de Babe!” nennt. Wenn er sie dann musi­ka­lisch zu erobern ver­sucht und dabei mit Sprach­feh­ler und Stevie-​Wonder-​Brille auf dem Spiel­zeug­key­board „I just cal­led to say I love you” zum Bes­ten gibt, ist das schlicht genial. Genauso genial der Ver­such vom Maul­wurf und Fal­ken­horst, Win­ne­tou und „Old Shat­ter­hage” nachzuspielen:

So fällt mein Fazit denn auch über­wie­gend posi­tiv aus: Ein kurz­wei­li­ger Abend, der am bes­ten ist, wenn Marik das macht, was er am bes­ten kann: Pup­pen­spie­len. Die Musik fällt dage­gen deut­lich ab und ein iro­ni­sie­ren­des Ele­ment wie die Gedicht­le­sun­gen aus „Autschn” gibt es gar nicht. Dafür spie­len die alt­be­kann­ten Pup­pen in neuen Kon­stel­la­tio­nen und wir erfah­ren end­lich, wie Maul­wurf und Eis­bär mit­ein­an­der kön­nen — näm­lich gar nicht. Bei allem sollte man auch nicht ver­ges­sen, dass das hier in Han­no­ver erst die dritte Vor­stel­lung der KasperPop-​Tournee war — es würde mich nicht wun­dern, wenn da in den nächs­ten Wochen nicht noch der eine oder andere Fein­schliff käme. Gegen Maul­wurf– und Falkenhorst-​Entzugserscheinungen hilft am Bes­ten — ein Besuch bei Rene Marik!

Musik — zwo — drei — vier: Diablo Swing Orchestra bei Jamendo und Amazon

Ich weiß, ich bin in letz­ter Zeit ein wenig faul mit Blog­bei­trä­gen. Aber wie heißt es so schön: Alles im Leben hat seine Zeit. Als Pau­sen­fül­ler heute mal ein Ver­weis auf exter­nen Content:

  

Das Dia­blo Swing Orches­tra aus Schwe­den spielt eine reich­lich ein­zig­ar­tige Mischung aus Gothic, Swing, Folk und diver­sen ande­ren Musik­rich­tun­gen, gar­niert mit dem Gesang einer aus­ge­bil­de­ten Sopra­nis­tin. Von den Bands, die ich so kenne, erin­nert das ganze noch am ehes­ten an Wit­hin Temp­ta­tion.

Anders als Wit­hin Temp­ta­tion hat sich das Dia­blo Swing Orches­tra aber für ein ande­res Lizenz­mo­dell für seine Musik ent­schie­den: Das Album „The Butcher’s Ball­room” ist unter Creative-​Commons-​Lizenz in der Aus­prä­gung „BY-​NC-​ND” zum freien, kos­ten­lo­sen und lega­len Down­load bei Jamendo ver­füg­bar. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Ver­triebs­wege gibt: Auf Ama­zon ist das Album „ganz nor­mal” käuf­lich erwerbbar.

Ich bin ja ein gro­ßer Freund die­ser neuen Ver­triebs­mo­delle für kul­tu­relle Werke. Inso­fern wün­sche ich mir, dass noch viel mehr Künst­ler die­sen Weg gehen und ihre Erzeug­nisse sowohl kom­mer­zi­ell als auch nicht-​kommerziell zur Ver­fü­gung stel­len und so die Teil­habe am kul­tu­rel­len Leben noch viel mehr Men­schen als bis­her mög­lich machen. Poli­tisch lau­tet meine For­de­rung dabei vor allem, dass das gesetz­lich unter­stützte Quasi-​Monopol der GEMA und ähnli­cher Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten voll­stän­dig besei­tigt wer­den muss und vor allem eine werk­weise sowie zeit­lich und anlass­be­zo­gen begrenzte Abtre­tung der Ver­wer­tungs­rechte unkom­pli­ziert und schnell mög­lich sein muss.

Aber dazu ein ande­res Mal mehr. Jetzt wün­sche ich viel Spaß beim Hören die­ser — wie ich finde — außer­ge­wöhn­li­chen Musik.