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Tag des geistigen Eigentums 2009: Schülerindoktrination und überraschende Einlassungen

Nein, kein Tippfehler. Ich räume gerade umfangreich auf und da ist mir dieser Bericht der von mir besuchten Veranstaltung „Tag des geistigen Eigentums“ aus dem Jahr 2009 in die Hände gefallen, den ich hier gerne nochmal im Blog veröffentliche. Ich weiß nicht mehr, zu welchem Anlass ich das ursprünglich geschrieben hatte, bis auf die Links habe ich aber nichts verändert. Bitteschön:

Die Veranstaltung des BDI zum „Tag des geistigen Eigentums“ fand dieses Jahr [also 2009] am 24.4. statt, da der eigentlich von der WIPO ausgerufene 26.4. auf einen Sonntag fällt. Insgesamt barg die fünfstündige Veranstaltung wenig Neues. Kernthemen der Diskussionen und Vorträge waren vor allem Produktpiraterie, Pharmapatente und die Bestrebungen zur Einrichtung einer europäischen Patentgerichtsbarkeit. Das Thema „Softwarepatente“ wurde nicht direkt angeschnitten.

Die Panelteilnehmer und Einzelreferenten iterierten wieder und wieder die sattsam bekannten Mantras: Nur der Schutz geistigen Eigentums fördert Innovation, illegales Downloaden von Musik und anderen Kulturwerken bringt die Künstler um ihren Lohn, Patente sind prima. Weitestgehend unwidersprochen blieb die in verschiedenen Worten mehrfach geäußerte Ansicht, das Patentwesen bzw. die Schutzrechtsysteme allgemein dienten ausschließlich den Rechteinhabern, sie seien die einzigen „Teilnehmer des Systems“.

Höhepunkt und Abschluss der Veranstaltung war die Verleihung der Preise an die Gewinner des Schülerwettbewerbs „Ideenliebe„. Unter der Schirmherrin Zypries (die – weil ich China – nicht anwesend war) hatte hier der BDI Schulklassen aufgerufen, sich darüber Gedanken zu machen, warum gestiges Eigentum schützenswert sei. Schon in der Anmoderation wurde klar, wie das zu verstehen ist: „Das Abschreiben von Hausaufgaben ist ja auch Verletzung geistigen Eigentums.“ So zeigten denn die fünf prämierten Beiträge auf verschiedene Weisen, wie böse Rechtsverletzer sich arme Ideen unter den Nagel rissen und die Rechteinhaber anschließend ideenfrei dastanden. Während der Gewinnerbeitrag das Szenario in einer pragmatischen Weise enden ließ („Ey, sorry Mann, tut mir Leid, war doof.“), wählte der drittplatzierte eine eher realistische Variante („887 Euro inklusive Anwaltskosten“).

Alles in allem hatte die Veranstaltung etwas surreales und war eher in der Tradition von „Margot Honecker prämiert die besten Gedichte an den Sozialismus“ denn von kritischer Beschäftigung mit der Sache. Allerdings gab es hier ja auch keine FDJ-Ehrennadeln zu gewinnen, sondern diverse Naturalien und Einkaufsgutscheine von Adidas, eine Adidas-Werksbesichtigung (mit Einkaufsgutscheinen) und als Hauptgewinn schicke weiße Fahrräder mit Abus-Schloss (sozusagen als Schutz ncht-geistigen Eigentums), leider überhaupt nicht StVO-konform.

Ich bezweifele zwar, dass solche Indoktrinationsmaßnahmen an Schülern nachhaltige Wirkung zeigen, trotzdem sollte man sich überlegen, hier mal passend gegenzusteuern und Alternativen zur „Geistiges Eigentum“-Mühle in die Schulen zu tragen.

Ansonsten sind bei mir eher so ein paar Details hängengeblieben, die aus der Masse der immer gleichen Einlassungen (siehe oben) herausragten:

In beiden Panels, die ich besucht hatte, wurden die Teilnehmer nicht müde zu betonen, dass ein europaweit einheitliches Schutzrechtsregime nötig ist, um die Reche auch tatsächlich effektiv durchsetzen zu können. Deshalb ist auch der Europäische Patentgerichtshof unbedingt nötig. Immer wieder wurde dabei aber auch gesagt, es gehe natürlich nur um die „guten“ Patente und die „echten“ Innovationen. Das Problem der Patenttrolle und Trivialpatente schwebte so immer wieder im Raum, freilich ohne dass man näher darauf einging, wie man denn nun Gutes von Schlechtem trennen wollte. Eines der Kernprobleme der ganzen europäischen Patentproblematik ist halt, dass man seit Jahren immer nur über den juristischen und administrativen Überbau des Patentwesens spricht, das substanzielle Patentrecht – die Frage, was denn eigentlich patentiert werden kann – aber kategorisch außen vor lässt.

Einziger kritischer Geist im Panel über die Patentgerichtsbarkeit war Prof. Harhoff. Nur von ihm gab es Aussagen, dass Patente eben nicht nur aus der Sicht der Patentinhaber betrachtet werden müssen, sondern dass man auch die „andere Seite“ berücksichtigen müsse und die Auswirkungen, die die Monopolansprüche auf Forschung und Gesellschaft allgemein haben. So ganz überzeugt schien er nicht von den Einlassungen, die geplante europäische Patentgerichtsbarkeit hätte ja ein klar definiertes Einspuchs- und Nichtigkeitsverfahrensrecht, aber in der Kürze der Zeit wurde das im Rahmen des Panels nicht weiter erörtert.

In verschiedenen Zusammenhängen gab es Sorge über eine Entwicklung, dass Streitigkeiten über geistige Eigentumsrechte zunehmend „privat“ unter Ausschluss der Öffentlichekeit verhandelt würden. Beispiele waren diverse Patentstreitigkeiten, die nicht mit einem Urteil endeten, sondern mit unveröffentlichten bilateralen Absprachen oder auch der momentan in den USA laufende Streit zwischen Google und diversen Verlegern über die Digitalisierung von Büchern. Bei letzterem läuft der Vorgang darauf hinaus, dass Google eine am Urheberrecht vorbei gehende Einigung mit den Verlegern erzielt und sich so quasi auf „privatem“ Wege und ohne dass Staat oder Öffentlichkeit eine Einflussmöglichkeit haben die Nutzungsrechte sichert.

Sehr interessant war zudem eine Erläuterung über den weiteren Fahrplan für das europäische Patentgericht von (meine ich mich zu erinnern) Claude Rakovsky von der GD Wettbewerb der EU-Kommission. Momentan befinden sich die Vertragsentwürfe immer noch in den Verhandlungen, das Hauptproblem sind, wie schon seit Jahren, die Sprachen: Was passiert, wenn ein – sagen wir mal – deutscher Patentinhaber vor einem rumänischen Gericht verklagt und die Verhandlung auf rumänisch geführt wird? Sollte hier Einigkeit erzielt werden (aktuelle Überlegungen gehen in Richtung maschinelle Übersetzung), müsste der gesamte Vertragsentwurf allerdings erstmal dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt werden, der dann prüft, ob die Einrichtung einer europaweiten Gerichtskammer auf der Grundlage eines zwischenstaatlichen Abkommens überhaupt rechtlich möglich und erlaubt ist. Man scheint sich in der EU-Kommission den Zeithorizont Ende 2010 gesetzt zu haben, d.h. dass das Projekt nach aktuellem Stand scheitert, wenn es nicht spätestens durch die belgische Ratspräsidentschaft in der 2. Hälfte 2010 auf den Weg gebracht wird.

Mein Highlight aber der Vortrag von Francis Gurry, immerhin Generaldirektor der WIPO. Sein Vortrag begann schon mit der klaren Aussage, dass das gesamte System des geistigen Eigentums momentan unter Druck von außen steht. Unter anderem in Bereich der Musik sieht er das Phänomen, dass es im Jahr 2008 einerseits 40 Milliarden „illegale“ Musikdownloads gegeben habe, die es ohne die neuen digitalen Datennetze und Techniken nicht gegeben hätte, andererseits die Musiker aber eben genau diese neuen Techniken selbst mit Begeisterung einsetzten. Eigentlich existiert hier also ein Markt. Die von ihm in den Raum gestellte Frage: Ist das ganze jetzt ein rein juristisches Problem, bei dem man die unerlaubten Downloads gerichtlich bekämpft, oder haben wir es hier mit einer fundamentalen Änderung zu tun, wie ein Kulturgut verbreitet wird und wie vor allem seine Produktion finanziert werden kann. Seine selbst gegebene Antwort weist klar auf die letztere Schlussfolgerung hin und sein Fazit in dieser Sache war, dass man wohl doch nochmal grundsätzlich über dieses Problem nachdenken muss.

Und das vom Generaldirektor der WIPO. Ich war beeindruckt.

Piraten unterwegs – Das sogenannte Leistungsschutzrecht

Vor kurzem hatte ich hier ja bereits über mein neues Projekt „Piraten unterwegs“ geschrieben, das ich zusammen mit Reiner Budnick von den hannoverschen Piraten aus der Taufe gehoben habe. Ich möchte hier nochmal darauf hinweisen, weil die neue Folge sich mit einem absolut überregionalen Thema beschäftigt: Dem sogenannten „Leistungsschutzrecht für Verleger“. Wir stellen die Problematik darin möglichst allgemeinverständlich dar und versuchen herauszuarbeiten, wo die besonderen Probleme dieser Überlegungen zu einem Gesetzentwurf liegen.

Wir freuen uns über Besucher und über jede Form von Rückmeldung!

Gehe zum Beitrag auf „Piraten unterwegs“

Dirk und Reiner diskutieren über das sogenannte Leistungsschutzrecht

Dirk und Reiner diskutieren über das sogenannte Leistungsschutzrecht

Der zweite Tod des Loriot: Von der Bankrotterklärung des Urheberrechts

Am 22. August 2011 starb Vicco von Bülow, besser bekannt als Loriot. Von Bülows Einfluss auf die Populärkultur der Bundesrepublik Deutschland in den letzten 40 Jahren ist erheblich: Begriffe wie „Jodeldiplom“ oder Redewendungen wie „Die Ente bleibt draußen!“ sind in die deutsche Umgangssprache eingegangen und sein filmisches und literarisches Werk sind weiten Teilen der Bevölkerung geläufig.

Dieser Tage stirbt Loriot einen zweiten Tod. Abzusehen war dies bereits vor einigen Tagen, als Heise Online vermeldete, die Loriot-Erben hätten die Wikipedia wegen der Abbildung von Briefmarken mit typischen Loriot-Motiven verklagt. Nun hat die Linküberwachung meines Blog bei meinem Link auf eine Youtube-Veröffentlichung der „Weihnachten bei Hoppenstedts“ zugeschlagen. Und in der Tat sieht der geneigte Betrachter nun nur noch dies:

Weihnachten bei Hoppenstedts: In die Röhre geschaut

Weihnachten bei Hoppenstedts: In die Röhre geschaut

Wir werden hier Zeuge der desaströsen Auswirkungen unseres aktuellen Urheberrechtsregimes auf die kulturelle Welt unseres Landes. Einzelne, am Entstehungsprozess weitgehend Unbeteiligte, entziehen der Gesellschaft Grundlagen ihres kulturellen Wissensschatzes – legal und unter Anwendung äußerst restriktiver juristischer Werkzeuge. Ich unterstelle mal, dass dies aus wirtschaftlichen Interessen geschieht. Und das macht die Sache völlig zur Farce. Denn: Dass ein wirtschaftliches Interesse an den inkriminierten Inhalten besteht, ist ja überhaupt nur ebendieser Gesellschaft zu verdanken, die sich dafür interessiert.

Schwierig zu verstehen? Ich versuche es nochmal anders herum: Ein Künstler schafft ein Werk. Er macht dies öffentlich, um Interesse zu wecken und – üblicherweise – einen wirtschaftlichen Wert zu schaffen. Dieser tritt ein, wenn es tatsächlich Menschen gibt, die sich für das Werk interessieren. Daraufhin ist es dem Künstler oder auch einem berechtigten Dritten möglich, der nunmehr interessierten Öffentlichkeit das Werk wieder zu entziehen und mit rigidesten Rechtsmitteln gegen die weitere Öffentlichkeit des Werkes vorzugehen. Und Loriot ist kein Einzelfall: Wer erinnert sich noch an das infantile „Schnappi“-Krokodil? Wie war das mit den Harry-Potter-Fans, die nach den sensationellen Verkaufserfolgen plötzlich juristischem Sperrfeuer ausgesetzt waren?

Fühlt sich hier noch wer für dumm verkauft?

Es mag vielen von uns nicht bewusst sein, aber die „westliche Welt“ hat in den vergangenen 50 Jahren eines der repressivsten, öffentlichkeitsfeindlichsten und insgesamt kulturschädlichsten Urheberrechts- und Verwertungsregime der Menschheitsgeschichte installiert. Nur so sind Mechanismen wie die oben geschilderten durchsetzbar – zum Schaden aller Beteiligten. Kulturelle Werke können auf Zuruf der Öffentlichkeit entzogen werden, ein Interessensausgleich für eben diese Öffentlichkeit – die durch ihr Interesse ja überhaupt erst eine Grundlage für die Relevanz des Kulturguts geschaffen hat – findet nicht statt. Erstaunlich, dass derlei Treiben so unwidersprochen in Öffentlichkeit und Politik bleibt.

Als Pirat (in der 2. Bedeutung des Wortes) werde ich häufiger auf unsere Positionen zum Urheberrecht angesprochen. „Ihr wollt ja, dass alle alles kopieren können, wovon sollen die Künstler denn leben?“ bekomme ich dann mit leicht vorwurfsvollem Tonfall zu hören. Ich antworte dann stets, dass Piratens eben nicht die völlige Abschaffung von Urheberrecht und Wertschöpfung fordern. Aber die Waage zwischen den verschiedenen Ansprüchen muss neu austariert werden. Der Gesellschaft sind im momentanen System alle Rechte an ihren eigenen kulturellen Wurzeln genommen. Das passiert deshalb, weil sogenannte Schutzrechte in völlig ausgeuferter Weise erteilt und durchgesetzt werden. Gerade vor dem Hintergrund der technischen Entwicklung der letzten 20 Jahre muss es hier zu einer Korrektur zu Lasten der sogenannten Rechteinhaber zu Gunsten der Allgemeinheit kommen. Und das bedeutet:

  • Massive Kürzung von Schutzfristen an kulturellen Werken
  • Schutzzeitorientierung am Entstehungs- oder Veröffentlichkeitszeitpunkt des Werkes, nicht am Tod des Werkschaffenden
  • Vorzeitiges Erlöschen von Schutzrechten mit dem Tod des Werkschaffenden
  • Keine Ausweitung von Schutzrechtsansprüchen, zum Beispiel durch ein Leistungsschutzrecht für Verleger
  • Unterscheidung von kommerzieller und nicht-kommerzieller Nutzung eines Werkes
  • Abschaffung von Beweislastumkehrmechanismen wie der völlig überholten „GEMA-Vermutung
  • Allgemeine Förderung von alternativen Lizenzmodellen wie „Creative Commons“ durch verstärkte Nutzung durch öffentliche Stellen

Loriot ist tot. Für ihn ist der Hick-Hack um sein Werk nicht mehr relevant. Wir als Gesellschaft sehen uns jetzt Verwerten seines Werkes gegenüber, denen es – so stellt es sich für mich dar – nicht um die Kultur, sondern um ihre Partikularinteressen geht. Das kann man ihnen, so fair muss man sein, gar nicht wirklich anlasten. Denn der Fehler liegt in einem System, das solches Vorgehen überhaupt erst ermöglicht.

Und das müssen wir ändern!

Quo vadis Urheberrecht? – Zur „Berliner Rede“ der Justizministerin, Teil 2

Fortsetzung des von Teil 1 vom Freitag

Betrachten wir vor dem Hintergrund der Rede der Justizministerin die gesamte Problematik nochmal aus einem anderen Blickwinkel:

Der Urheber eines Werkes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht verwendet bzw. rezipiert wird. Dies ist aber ein sozialer und interaktiver Prozess, den der Urheber (und auch eventuelle Vermittler wie z.B. Verleger) schlechterdings gar nicht vollständig kontrollieren kann. Die wie ein Mantra die ganze Rede durchziehende Aussage „Der Rechteinhaber entscheidet, was passiert“ ist letztlich eine Täuschung. Eigentlich entscheiden nämlich die Empfänger, ob ihnen ein Werk wichtig ist oder nicht und damit geht immer eine Beschäftigung mit dem Werk einher. Im Gesetz finden sich nicht umsonst die Schranken des Urheberrechts, das Zitatrecht oder die Panoramafreiheit.

Dass damit auch so manche Urheber ihre Probleme haben, zeigten übrigens die „einführenden Worte“ von Ulrich Wickert, der nicht nur erstaunlich alt geworden ist, sondern seine Rede auch recht schamlos als Werbeveranstaltung für irgendein von ihm geschriebenes neues Buch nutzte. Er erzählte entrüstet, wie ihm ein Leser nach Lektüre eines seiner vorangegangenen Werke ein alternatives Ende zuschickte. Das, so Wickert, sei anmaßend: „Mein Werk gehört mir.“ Ich finde diese Attitüde außerordentlich arrogant. Niemand fordert von Herrn Wickert, dass er seine Bücher umschreibt, aber derartig hingebungsvolle Leser dem Publikum als Störenfriede der eigenen Vollkommenheit zu präsentieren – das geht ja mal gar nicht.

Genau diese Denke ist es aber, die vielerorts im Urheberrecht vorherrscht. Immer will irgendjemand seine vermeintlichen persönlichen Ansprüche gesichert wissen. Dabei entsteht sämtlicher Wert eines literarischen, musischen oder anderweitigen nicht-materiellen Werkes erst durch die gesellschaftliche Aufnahme und Verwendung. So gesehen liegt es im ureigensten Interesse der Werkschaffenden, dass die Allgemeinheit seine Werke adäquat nutzen kann. Dass sich die Arten der Nutzung mit der galoppierenden technischen Entwicklung auch verändern, liegt in der Natur der Sache. Dies einerseits durchaus anzuerkennen, dann aber andererseits bei den entsprechenden Gesetzen vor einer angemessenen Umsetzung zurückzuzucken, bringt im Endeffekt gar nichts. Es ist sogar kontraproduktiv, wenn im Rahmen dieses Krebsganges am Ende Murksgesetze wie ein „Leistungsschutzrecht“ herauskommen.

Es gibt einen letzten Aspekt der „Berliner Rede zum Urheberrecht“, der mir wichtig erscheint: Frau Leutheusser-Schnarrenberger arbeitet immer wieder auf einen allgemeinen Gegensatz zwischen dem Urheberrecht und der „digitalen Welt“ hin. „Digital Natives“ werden da zu radikalen Gegnern urheberrechtlicher Regelungen, die einfach alles für alle freigeben und sich nicht um Gesetze scheren wollen. Dafür zitiert sie sogar – man höre und staune – die Piratenpartei, die „die Aufhebung künstlicher Verknappungen“ fordere und nimmt dies als Beleg für die generelle Ablehnung des Urheberrechts.

Mit Verlaub, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, aber das ist Quark. Die „künstlichen Verknappungen“ sind das, was die Vermittler verzweifelt versuchen zu halten, um weiterhin eine Rolle spielen zu können. Ansonsten machen nicht nur wir, sondern alle Werkschaffenden in der digitalen Welt sich sehr viele Gedanken über das Urheberrecht. Nicht umsonst ist in den letzten 15 Jahren eine ganze Klasse neuer Lizenzmodelle entstanden und mehr als einmal hat es da Knatsch wegen widerrechtlicher Nutzung gegeben. Es ist nämlich auch eine Wahrheit, dass gerade die Verleger und Vermittler zwar laut schreien, wenn sie ihre überkommenen Privilegien in Gefahr sehen, es gleichzeitig aber mit den Rechten anderer nicht allzu genau nehmen. Berichte über nicht lizenzgerechte Übernahmen – man könnte schlicht „Abschreiben ohne Quellenangabe“ nennen – von Wikipediaartikeln oder anderen CC- oder GFDL-lizenzierten Werken sind längst Legion.

Wohin treibt nun das Urheberrecht? Die Veranstaltung am Montag war der Auftakt eines mehrmonatigen Prozesses, der verschiedene Anhörungen bringen wird und schließlich in einem Gesetzesentwurf für einen „Dritten Korb“ zur Änderung des Urheberrechts münden soll. Dass das aktuelle Urheberrecht mit seinen mittlerweile extremen Einschränkungen der Nutzbarkeit kultureller Werke stark verbesserungsbedürftig ist, steht außer Frage. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass dieser Gesetzesprozess auch zu einem noch restriktiveren Recht führen kann, wenn er nicht geeignet begleitet wird. Frau Leutheusser-Schnarrenberger war mit den Inhalten ihrer Rede teilweise wie der vielzitierte Pudding, der sich nicht an die Wand nageln lässt. Im Zweifelsfall bedeutet das nichts Gutes, wenn es darum geht, den vielfältigen Lobbygruppen im Namen der Allgemeinheit entschieden entgegenzutreten. Genau das erwarte ich aber von einer Bundesministerin.

Quo vadis Urheberrecht? – Zur „Berliner Rede“ der Justizministerin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Berliner Rede zum Urheberrecht“ gehalten, unsere Bundesjustizministerin. Den Redetext gibt es online und Kommentare und Zusammenfassungen dazu zum Beispiel bei Heise Online oder Telepolis. Auch ich habe am Montag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie gesessen und ihren Ausführungen gelauscht.

Bei mir hinterlässt die Rede von Frau Leutheusser-Schnarrenberger einen sehr zwiespältigen, letztlich aber negativen Eindruck. Einerseits war die Rede gespickt mit Ausführungen, die so auch auf einem beliebigen Parteitag der Piratenpartei Szenenapplaus bekommen hätten. Die Ministerin hat das Internet als gesellschaftliche Revolution bezeichnet, Wissen und Information seien viel besser und schenller verfügbar, aber auch viel einfacher und direkter erzeugbar geworden. Der kreative Mensch muss im Mittelpunkt stehen, nicht der Verwerter. Bei der digitalen Revolution müssen wir die Chancen sehen und nicht immer nur auf die Risiken starren.

All dies sind Aussagen, die ich ohne wenn und aber unterstütze. Und es tat gut, das mal so klar und deutlich aus dem Mund eines Bundesministers zu hören. Aber was nützen die schönsten Worte, wenn sie nicht konsequent zu Ende gedacht werden? Und genau das passiert nicht! Stattdessen kommt es immer wieder zu argumentativen Hakenschlägen, die all die schönen Einsichten Makulatur werden lassen.

Da erwähnt die Ministerin mehrfach, dass sich die analoge Zeit nicht ins Digitale übertragen lässt. Da formuliert sie explizit, dass das Recht keine überholten Geschäftsmodelle schützen darf. Und jedes Mal denke ich mir: „Cool, wieder eine Breitseite gegen dieses idiotische ‚Leistungsschutzrecht‘.“ Und dann das: Wenn Vermittler Leistungen erbringen, dann muss diese Leistung geschützt werden, zum Beispiel Zeitungsverleger. Und explizit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leistungsschutzrecht für Verleger geben soll, sondern wie dieses aussieht.“

Das ist ausgesprochen übel. Bis heute gibt es keine einzige mir bekannte neutrale Instanz, die auch nur formulieren könnte, wie ein „ausgewogenes Leistungsschutzrecht“ aussehen könnte. Weil es ein solches schlicht nicht gibt! Der einzige etwas konkretere Text, jener Entwurf von seiten der Verleger, ist eine Ansammlung von tendenziösen Regeln, die der kleinen, in der heutigen Zeit zunehemend unwichtiger werdenden gesellschaftlichen Gruppe von Verlegern, ihre Pfründe auf Kosten der Allgemeinheit und der Werkschaffenden sichern und sie sogar ausbauen soll. Es ist der verzweifelte Versuch, überkommene Geschäftsmodelle gegen den Fortschritt zu verteidigen. Es ist die Text gewordene Antithese zu allem, was die Ministerin im Urheberrecht vorgeblich erreichen will.

Wie ernst kann man vor dem Hintergrund die gesamten Ausführungen vom Montag nehmen? Wir sollen „mehr auf die Möglichkeiten als auf die Risiken schauen“? Ja, aber! Das Urheberrecht „schützt den Urheber“? Ja, aber! Keine „Schonräume für abgelaufene Geschäftsmodelle“? Ja, aber! All die heeren Grundsätze gelten offensichtlich nur, solange keine Lobbygruppe etwas anderes will.

Zu Recht zeiht Frau Leutheusser-Schnarrenberger das Urheberrecht überbordender Komplexität und zitiert dabei sogar Linus Torvalds. Aber dann zieht sie Leistungsschutzrechtskaninchen aus dem Zylinder, die irgendwie „die Verleger schützen“, gleichzeitig aber Link- und Zitatfreiheit erhalten sollen. Zum einen erhöht dies die Komplexität der sowieso schon komplexen Gesetzeslandschaft weiter und zum anderen steht dieser gesamte Ansatz in vollständigem Gegensatz zu dem, was die Ministerin immer wieder betont: Dass das Gesetz den Urheber schützen soll. Ein wie auch immer geartetes Leistungsschutzrecht wird aber genau diesen Schutz weiter aushebeln, es beschneidet die Möglichkeiten des Urhebers massiv zu Gunsten irgendwelcher Verleger und dass der Allgemeinheit anschließend auf eine verkrüppelte Weise sein Werk weiter zur Verfügung steht, nützt ihm, dem Urheber, auch nichts.

Weiter geht’s mit Teil 2 am Montag

Musik zum Sonntag: zero-project – Fairytale

Und hier, liebe Leser, ein wenig Musik zum Sonntag. CC-lizenziert und auf Jamendo zu finden: „zero-project“ mit seinem aktuellen Album „Fairytale„. Passt besonders gut, wenn man gerade wach wird, sich fragt, wo die Kopfschmerzen herkommen und sich dann wieder an die Promotionsfeier des Kommilionen vom Abend zuvor erinnert, auf der man irgendwann den Überblick über die Anzahl der Gläser Rotwein verloren hat…

Nicht hören sollten das die Jungs und Mädels von nomnomnom, die sich gerade in Stunde 17 ihres 24-Stunden-Fernsehmarathons mit Liveblogging befinden. Sonst ist da bald Stille im Blog… 😉

Musik – zwo – drei – vier: Diablo Swing Orchestra bei Jamendo und Amazon

Ich weiß, ich bin in letzter Zeit ein wenig faul mit Blogbeiträgen. Aber wie heißt es so schön: Alles im Leben hat seine Zeit. Als Pausenfüller heute mal ein Verweis auf externen Content:

  

Das Diablo Swing Orchestra aus Schweden spielt eine reichlich einzigartige Mischung aus Gothic, Swing, Folk und diversen anderen Musikrichtungen, garniert mit dem Gesang einer ausgebildeten Sopranistin. Von den Bands, die ich so kenne, erinnert das ganze noch am ehesten an Within Temptation.

Anders als Within Temptation hat sich das Diablo Swing Orchestra aber für ein anderes Lizenzmodell für seine Musik entschieden: Das Album „The Butcher’s Ballroom“ ist unter Creative-Commons-Lizenz in der Ausprägung „BY-NC-ND“ zum freien, kostenlosen und legalen Download bei Jamendo verfügbar. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Vertriebswege gibt: Auf Amazon ist das Album „ganz normal“ käuflich erwerbbar.

Ich bin ja ein großer Freund dieser neuen Vertriebsmodelle für kulturelle Werke. Insofern wünsche ich mir, dass noch viel mehr Künstler diesen Weg gehen und ihre Erzeugnisse sowohl kommerziell als auch nicht-kommerziell zur Verfügung stellen und so die Teilhabe am kulturellen Leben noch viel mehr Menschen als bisher möglich machen. Politisch lautet meine Forderung dabei vor allem, dass das gesetzlich unterstützte Quasi-Monopol der GEMA und ähnlicher Verwertungsgesellschaften vollständig beseitigt werden muss und vor allem eine werkweise sowie zeitlich und anlassbezogen begrenzte Abtretung der Verwertungsrechte unkompliziert und schnell möglich sein muss.

Aber dazu ein anderes Mal mehr. Jetzt wünsche ich viel Spaß beim Hören dieser – wie ich finde – außergewöhnlichen Musik.

Die Piratenpartei und das Urheberrecht – Was wollen wir wirklich?

In den vergangenen Tagen wurde die Piratenpartei in der Öffentlichkeit häufig als die „Downloadpartei“ wahrgenommen, der es vor allem darum geht, Musik und Filme im Internet kostenlos herunterladen zu können – irgendwie so jedenfalls.

Diese Darstellung ist ebenso verkürzend wie falsch. Tatsächlich wollen wir ein modernes Urheberrecht, das nicht einseitig mit langen Schutzfristen und – vergleichsweise – drakonischen Strafdrohungen die Verwerterindustrie begünstigt. Momentan werden dabei die Werkschaffenden links liegen gelassen und die kulturelle Ausdrucksfähigkeit der Gesellschaft über Gebühr eingeschränkt.

Andere sehen das auch so: In einem Telepolis-Interview spricht sich Professor Dietmar Harhoff für ein modernes Urheberrecht aus. Ich habe Herrn Harhoff bereits auf dem „Tag des geistigen Eigentums erlebt – dort war er einer der wenigen Lichtblicke bei den Panelveranstaltungen. Harhoff fasst schon ganz richtig zusammen:

Die technologische Entwicklung hat den Nutzern eigentlich mehr Freiheiten und Möglichkeiten eröffnet, auf Informationen – Daten, Musik, Videos – zuzugreifen. Ökonomisch gesprochen sind die Kosten der Diffusion und des Zugangs gesunken. Das eröffnet eigentlich Möglichkeiten für mehr Wertschöpfung. Gleichzeitig haben die Nutzer Einfluss verloren, denn die Politik hat mit einer Stärkung der Schutzrechte auf die technische Entwicklung reagiert: technische Schutzmaßnahmen wie DRM, neue Schutzrechte für Datenbanken, Ausweitung der Schutzfristen – um nur einige Beispiele zu nennen. Im Gegenzug untergraben file sharing – und andere Modelle diese Position in gewissem Umfang wieder. In dieser Situation hilft es nicht, an alten Geschäftsmodellen festzuhalten und den rechtlichen Rahmen auf die etablierten Modelle auszurichten. Genau das passiert aber. Eigentlich bräuchten wir viele Experimente, um neue Geschäftsmodelle auszuloten.

Das Interview ist lesenswert – geradezu „piratig“…

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30450/1.html