Torsten von Einem berichtet über die Auswirkungen von Asphaltdecken auf den Radverkehr in Potsdam

„Gute Fahrt auf guten Wegen” – Bericht vom Fahrrad Symposium am 18. November im Haus der Region 3


Ein Gast­bei­trag von Jan Krü­ger

Gut 100 Men­schen waren zum Sym­po­si­um „Gute Fahrt auf guten Wegen” ins Haus der Regi­on in Han­no­ver gekom­men, die meis­ten aus der Ver­wal­tung aus Städ­ten und Gemein­den in ganz Deutsch­land, man­che als Preis­trä­ger der im Anschluss statt­fin­den­den Ver­lei­hung vom STADTRADELN. Eini­ge Ver­bands­ver­tre­ter und Rad­fah­rer hat­ten sich dar­un­ter­ge­mischt.

Die Anmo­de­ra­ti­on der Jour­na­lis­tin Andrea Reidl begrüß­te den Ver­kehrs­de­zer­nen­ten der Regi­on, Ulf-Bir­ger Franz mit der Fra­ge nach dem Ziel des neu gewähl­ten Bür­ger­meis­ters Belit Onay, der den Rad­ver­kehrs­an­teil bis 2025 auf 30% stei­gern will. Nun müs­se man bei der Rad­ver­kehrs­för­de­rung doch end­lich „Gas geben” (sic!).

Mit Franz’ Ant­wort, in Wahl­kämp­fen wer­de ja viel erzählt und das Ziel für 2025 sei bekannt­lich 25%, ging der Tag gut los. Qua­si im ers­ten gespro­che­nen Satz. Tusch, Vor­hang. Dan­ke­schön.

Ein ers­ter Licht­blick war dann der Bei­trag von Tors­ten von Einem, dem Rad­ver­kehrs­be­auf­trag­ten der Stadt Pots­dam. Er stell­te zwei Mög­lich­kei­ten der Asphalt­de­cke vor, die sie in der Unesco-Welt­kul­tur­er­be-Land­schaft ver­baut haben. Ein hell gefär­ber Asphalt inmit­ten einer Lin­den­al­lee, die zwei Uni­ver­si­täts­stand­or­te ver­bin­det. Und ein – für die Optik – in Epo­xid­harz gesan­de­ter Asphalt, der ent­lang des Flus­ses einen Rad­weg befes­tigt. Hier wur­den was­ser­ge­bun­de­ne Decken (oder was von ihnen übrig war) abge­löst. Mit Wur­zel­vor­hang gegen Auf­brü­che geschützt.

Torsten von Einem berichtet über die Auswirkungen von Asphaltdecken auf den Radverkehr in Potsdam

Tors­ten von Einem berich­tet über die Aus­wir­kun­gen von Asphalt­de­cken auf den Rad­ver­kehr in Pots­dam

Detailansicht: So wurde die Lindenallee in Potsdam umgebaut

Detail­an­sicht: So wur­de die Lin­den­al­lee in Pots­dam umge­baut

Fazit: Wo ein Wil­le ist, ist auch ein asphal­tier­ter Weg. Natur- und Denk­mal­schutz sind wich­tig aber nicht allein aus­schlag­ge­bend, schließ­lich ist auch Rad­ver­kehrs­för­de­rung prak­ti­zier­ter Natur­schutz. Eine auto­ma­ti­sche Zähl­stel­le zeigt ein­drucks­voll eine Ver­dop­pe­lung des Rad­ver­kehrs auf dem asphal­tier­ten Weg. Sogar im Win­ter. Denn im Gegen­satz zur was­ser­ge­bun­de­nen Decke erlaubt die Asphalt­de­cke einen Win­ter­dienst: Der Weg wird nach der Räu­mung mit Salz­lö­sung besprüht und bleibt so sicher befahr­bar.

Lindenallee, Potsdam: Mit Asphalt statt Kies doppelt so viele Radfahrer im Sommer und dreimal so viele im Winter

Lin­den­al­lee, Pots­dam: Mit Asphalt statt Kies dop­pelt so vie­le Rad­fah­rer im Som­mer und drei­mal so vie­le im Win­ter

Aus dem Audi­to­ri­um wur­de ergänzt, dass man in Uel­zen Rad­we­ge schon län­ger mit guten Erfah­run­gen aus Beton baut und wenig Pro­ble­me mit Wur­zel­auf­brü­chen hat.

Wie man es nicht machen sollte:

Wie man es nicht machen soll­te: „Was­ser­ge­bun­de­ne Decke” am Mit­tel­land­ka­nal in Han­no­ver

Das nach­fol­gen­de Podi­ums­ge­spräch mit einer Regi­ons­ver­tre­te­rin brach­te die Erkennt­nis, dass man auch bei der Regi­on ver­stan­den hat, dass die was­ser­ge­bun­de­ne Decke zu war­tungs­in­ten­siv ist, um sie so in Stand hal­ten zu kön­nen, wie es eigent­lich nötig wäre. Der Weg vom Erken­nen zum Han­deln ist aber wohl noch weit.

Nächs­ter Red­ner war Ste­fan Ben­diks vom Pla­nungs­bü­ro Art­gi­nee­ring in Brüs­sel, ein Deut­scher, der lan­ge in den Nie­der­lan­den gear­bei­tet hat und jetzt in Bel­gi­en Stadt­pla­nung betreibt. Sei­ne Prä­sen­ta­ti­on ein Feu­er­werk nie­der­län­di­scher Rad­we­ge­bau­kunst gemischt mit Bei­spie­len aus ande­ren Län­dern. Schwe­ben­de Krei­sel, rekord­hal­ten­de Fahr­rad­park­häu­ser, Rund­um­grün, das vol­le Pro­gramm.

Symbolbild: Fahrradparkhaus in einem Einkaufszentrum in Kopenhagen...

Sym­bol­bild: Fahr­rad­park­haus in einem Ein­kaufs­zen­trum in Kopen­ha­gen…

...mit Werkzeugen für die schnelle Reparatur zwischendurch (Kopenhagen, Fisketorvet mall, 2013)

…mit Werk­zeu­gen für die schnel­le Repa­ra­tur zwi­schen­durch (Kopen­ha­gen, Fis­ke­tor­vet mall, 2013)

Fazit: Bevor man lan­ge über­legt, simu­liert, normt, plant und dis­ku­tiert, ein­fach mal im „Real­la­bor” ein paar Kübel auf­stel­len und Lini­en mar­kie­ren und sehen was pas­siert. Häu­fig las­sen sich damit auch Akzep­tanz­pro­ble­me über­win­den, denn in der Pra­xis funk­tio­nie­ren vie­le Lösun­gen bes­ser als sich man­cher Anwoh­ner das aus­malt. Sogar zurück­ge­bau­te Park­plät­ze kön­nen dazu füh­ren, dass Autos „ver­damp­fen”, weil z.B. der eine oder ande­re sei­ne Gara­ge ent­rüm­pelt, damit das Auto wie­der rein­passt.

Nach dem Mit­tags­snack erläu­ter­te Thi­mo Wei­tem­ei­er, Stadt­bau­rat im grenz­na­hen Nord­horn, sein Rad­ver­kehrs­kon­zept, mit dem die Stadt bereits 40% Rad­ver­kehrs­an­teil erreicht hat. Schlüs­sel zum Erfolg ist ein (an Kreu­zun­gen bevor­rech­tig­tes) Rad­we­ge­netz abseits der Stra­ßen, ent­lang eines die Stadt durch­zie­hen­den Kanal­sys­tems sowie eine auto­freie Innen­stadt. Dadurch und durch wei­te­re Maß­nah­men ist Rad­fah­ren schnel­ler und beque­mer als Auto­nut­zung. Er sieht den Schutz­strei­fen, den sie im Außen­be­reich der Stadt ein­set­zen, als Hin­weis für den Auto­fah­rer, dass der Rad­ver­kehr hier auf der Fahr­bahn fah­ren darf. Was – flan­kiert von Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen – nach eini­ger Zeit auch funk­tio­niert. Safe­ty in num­bers dürf­te bei dem hohen Rad­ver­kehrs­an­teil eine Rol­le spie­len.

Symbolbild: Verkehrskreisel in Malmö mit höhenfrei durchgeführtem Fuß- und Radweg (Malmö, Lorensborgsgatan, 2013)

Sym­bol­bild: Ver­kehrs­krei­sel in Mal­mö mit höhen­frei durch­ge­führ­tem Fuß- und Rad­weg (Mal­mö, Lorens­borgs­ga­tan, 2013)

Fazit: Kanä­le haben wir in Han­no­ver nicht, alles ande­re ist mach­bar.

Thie­mo Graf vom i.n.s Insti­tut für inno­va­ti­ve Städ­te erklärt in sei­ner Prä­sen­ta­ti­on die Bedeu­tung guter und intui­tiv erkenn­ba­rer Rad­ver­kehrs­in­fra­struk­tur mit einem Bil­der­bo­gen schlech­ter Bei­spie­le. All­seits bei­fäl­li­ges Nicken. Sol­che Fotos kön­nen alle vor der eige­nen Haus­tür auch machen.

Das anschlie­ßen­de Podi­ums-Gespräch mit Ulf-Bir­ger Franz (Regi­on), Andre­as Bode (Lei­ter Tief­bau­amt Han­no­ver) und Thie­mo Graf dann auch ohne Höhe­punk­te. Über­schrift: „Auf­bruch zu einem regi­ons­wei­ten Stan­dard für Rad­ver­kehrs­an­la­gen?” Für ein Audi­to­ri­um mit Teil­neh­mern aus ganz Deutsch­land ist die­se Fra­ge ver­mut­lich auch nicht so wich­tig.

Frank Otte, Vor­sit­zen­der der Arbeits­ge­mein­schaft Fahr­rad­freund­li­cher Kom­mu­nen Niedersachsen/Bremen e.V. und einer der Gast­ge­ber der Ver­an­stal­tung fasst den Tag in einem lau­ni­gen Bei­trag zusam­men:

Die Far­be des Rad­wegs sei wohl ein zen­tral wich­ti­ger Dis­kus­si­ons­punkt und er emp­fiehlt pink mit mint­grü­nen Fahr­rad­sym­bo­len. Erstaun­lich sei doch, dass wir beim Rad­weg immer noch The­men dis­ku­tie­ren, die im Auto­stra­ßen­netz längst selbst­ver­ständ­lich sind: Durch­gän­gi­ge Wege­net­ze, Fahr­bahn­qua­li­tät, Mar­kie­run­gen, usw. Dass man kei­ne Ein­bahn­stra­ßen baut, die in Sack­gas­sen mün­den, sei beim Auto­ver­kehr längst nicht mehr dis­kus­si­ons­wür­dig.

Der geneig­te Zuhö­rer muss unwei­ger­lich an den illus­tren Plat­ten­rad­weg vorm Glas­pa­last der Nord/LB den­ken, am Ver­an­stal­tungs­ort um die Ecke. Sicher­lich dem Gestal­tungs­wil­len geschul­det, der dann unmit­tel­bar dort auf­hört, wo Kraft­fahr­zeu­ge ins Spiel kom­men – am Park­strei­fen.

Otte zieht eine Par­al­le­le zwi­schen dem Ein­zel­han­del und der Poli­tik: Der Ein­zel­han­del habe immer gelaubt, der Kun­de kom­me mit dem Auto; so lang­sam begrei­fe er aber, dass das gar nicht stimmt. Auf sol­chen Ver­an­stal­tun­gen wie die­ser sei­en sich sowie­so immer alle einig, nur die Poli­tik glau­be immer noch, der Wäh­ler kom­me mit dem Auto.

Fazit: Die nächs­te Kom­mu­nal­wahl kommt bestimmt.

Als Über­lei­tung zur Preis­ver­lei­hung STADTRADELN stel­len André Muno vom Kli­ma­bünd­nis und Sven Liß­ner und Dr. Tho­mas Sprin­ger von der TU Dres­den die Daten­er­he­bung vor, die im Rah­men des Wett­be­werbs mit­hil­fe einer App von den Teil­neh­mern durch­ge­führt wur­de. Berei­nigt von per­so­nen­iden­ti­fi­zier­ba­ren Merk­ma­len ste­hen die Ver­kehrs­da­ten in einem Geo­in­for­ma­ti­ons­sys­tem zur Rad­ver­kehrs­pla­nung bereit. In der Demo waren bereits die Fahr­rad­strö­me von Han­no­ver gut zu erken­nen. Häu­fig­keit der Nut­zung, Geschwin­dig­keit, Tages­zeit, Start- und Ziel­punkt, Pen­del­strö­me, usw. Die Daten ste­hen den Kom­mu­nen am Ende des Pro­jek­tes kos­ten­los zur Ver­fü­gung. Die Reprä­sen­ta­ti­vi­tät der Stich­pro­be lässt sich kali­brie­ren und sie hat sogar den Vor­teil, dass hier Men­schen teil­neh­men, die sonst nicht Rad fah­ren, son­dern nur im Rah­men der Kam­pa­gne für 3 Wochen mit­ma­chen.

Fazit: Wer ein stern­för­mi­ges Rad­rou­ten­netz plant, soll­te erst­mal nach­schau­en, ob es über­haupt gebraucht wird.

Der Tag zeich­ne­te sich durch einen guten The­men­mix aus, auch wenn die Bei­trä­ge oft durch Gesprächs­run­den ohne zusätz­li­chen Nut­zen in die Län­ge gezo­gen wur­den. Das Span­nungs­feld zwi­schen poli­ti­schem Wil­len und ver­wal­te­ri­scher Lie­fer­fä­hig­keit (bei­des ist nur begrenzt vor­han­den) wur­de hier und da deut­lich. Am Ende – wie so oft – dürf­te es eine Fra­ge der Prio­ri­tä­ten sein, ob sich im Rad­ver­kehr etwas bewegt. An guten Ide­en und Kon­zep­ten man­gelt es jeden­falls nicht.


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3 Gedanken zu “„Gute Fahrt auf guten Wegen” – Bericht vom Fahrrad Symposium am 18. November im Haus der Region

  • Ralf

    Ich möch­te den Bericht mit einem wesent­li­chen Aspekt ergän­zen:

    Stadt­pla­ner Ste­fan Ben­diks aus Brüs­sel hat in sei­nem Bei­trag mehr­fach betont, für wie wich­tig er einen bau­lich getrenn­ten Rad­weg hält. „Ganz gro­ße Ziel­grup­pen” wür­den danach fra­gen. Sonst „wird es nicht zu hohen Rad­ver­kehrs­an­tei­len kom­men”.
    Eine Ein­schät­zung, die ich voll­stän­dig tei­le. Hat sich aber lei­der in Han­no­ver noch nicht durch­ge­setzt…

  • Martin Gerdes

    Ein Fahr­rad­park­haus, das als ein­zi­ge Abstell­mög­lich­keit Fel­gen­klem­mer auf­weist, soll­te mei­nes Erach­tens in einem Fahr­rad­blog nicht auf­tau­chen. Ich jeden­falls stel­le mein Fahr­rad in sol­chen Din­gern nicht ab, weil ich hin­ter­her mein Vor­der­rad wei­ter­ver­wen­den möch­te.

    Han­no­ver kann das auch: Im neu gebau­ten Fahr­rad­kel­ler der Volks­hoch­schu­le sind auch aus­schließ­lich Fel­gen­klem­mer als Abstell­an­la­gen vor­ge­se­hen. Wer hat das nur geplant?

    Doch, doch, Kanä­le gibts in Han­no­ver auch, spe­zi­ell einen ganz gro­ßen, an des­sen Rad auch Rad-weg!-e geführt sind – natür­lich ganz umwelt­freund­lich mit hol­pe­ri­ger „was­ser­ge­bun­de­ner Decke”, die bei Regen schnell zu einer Was­ser­land­schaft wird (Sie­he Bild im Text)

    • Dirk Hillbrecht

      Für mich ist der Punkt, dass da in einem Ein­kaufs­zen­trum über­haupt ein gro­ßer Fahr­rad­park­platz ist – mit Werk­zeug und Las­ten­rad­be­reich. Der VHS-Fahr­rad­kel­ler ist aber in der Tat ein Bei­spiel, wie man es nicht macht.