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Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 2

Fort­set­zung des von Teil 1 vom Freitag

Betrach­ten wir vor dem Hin­ter­grund der Rede der Jus­tiz­mi­nis­te­rin die gesamte Pro­ble­ma­tik noch­mal aus einem ande­ren Blickwinkel:

Der Urhe­ber eines Wer­kes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht ver­wen­det bzw. rezi­piert wird. Dies ist aber ein sozia­ler und inter­ak­ti­ver Pro­zess, den der Urhe­ber (und auch even­tu­elle Ver­mitt­ler wie z.B. Ver­le­ger) schlech­ter­dings gar nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann. Die wie ein Man­tra die ganze Rede durch­zie­hende Aus­sage „Der Rech­te­in­ha­ber ent­schei­det, was pas­siert” ist letzt­lich eine Täu­schung. Eigent­lich ent­schei­den näm­lich die Emp­fän­ger, ob ihnen ein Werk wich­tig ist oder nicht und damit geht immer eine Beschäf­ti­gung mit dem Werk ein­her. Im Gesetz fin­den sich nicht umsonst die Schran­ken des Urhe­ber­rechts, das Zitat­recht oder die Pan­ora­ma­f­rei­heit.

Dass damit auch so man­che Urhe­ber ihre Pro­bleme haben, zeig­ten übri­gens die „ein­füh­ren­den Worte” von Ulrich Wickert, der nicht nur erstaun­lich alt gewor­den ist, son­dern seine Rede auch recht scham­los als Wer­be­ver­an­stal­tung für irgend­ein von ihm geschrie­be­nes neues Buch nutzte. Er erzählte ent­rüs­tet, wie ihm ein Leser nach Lek­türe eines sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Werke ein alter­na­ti­ves Ende zuschickte. Das, so Wickert, sei anma­ßend: „Mein Werk gehört mir.” Ich finde diese Atti­tüde außer­or­dent­lich arro­gant. Nie­mand for­dert von Herrn Wickert, dass er seine Bücher umschreibt, aber der­ar­tig hin­ge­bungs­volle Leser dem Publi­kum als Stö­ren­friede der eige­nen Voll­kom­men­heit zu prä­sen­tie­ren — das geht ja mal gar nicht.

Genau diese Denke ist es aber, die vie­ler­orts im Urhe­ber­recht vor­herrscht. Immer will irgend­je­mand seine ver­meint­li­chen per­sön­li­chen Ansprü­che gesi­chert wis­sen. Dabei ent­steht sämt­li­cher Wert eines lite­ra­ri­schen, musi­schen oder ander­wei­ti­gen nicht-​materiellen Wer­kes erst durch die gesell­schaft­li­che Auf­nahme und Ver­wen­dung. So gese­hen liegt es im urei­gens­ten Inter­esse der Werk­schaf­fen­den, dass die All­ge­mein­heit seine Werke adäquat nut­zen kann. Dass sich die Arten der Nut­zung mit der galop­pie­ren­den tech­ni­schen Ent­wick­lung auch ver­än­dern, liegt in der Natur der Sache. Dies einer­seits durch­aus anzu­er­ken­nen, dann aber ande­rer­seits bei den ent­spre­chen­den Geset­zen vor einer ange­mes­se­nen Umset­zung zurück­zu­zu­cken, bringt im End­ef­fekt gar nichts. Es ist sogar kon­tra­pro­duk­tiv, wenn im Rah­men die­ses Krebs­gan­ges am Ende Murks­ge­setze wie ein „Leis­tungs­schutz­recht” her­aus­kom­men.

Es gibt einen letz­ten Aspekt der „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht”, der mir wich­tig erscheint: Frau Leutheusser-​Schnarrenberger arbei­tet immer wie­der auf einen all­ge­mei­nen Gegen­satz zwi­schen dem Urhe­ber­recht und der „digi­ta­len Welt” hin. „Digi­tal Nati­ves” wer­den da zu radi­ka­len Geg­nern urhe­ber­recht­li­cher Rege­lun­gen, die ein­fach alles für alle frei­ge­ben und sich nicht um Gesetze sche­ren wol­len. Dafür zitiert sie sogar — man höre und staune — die Pira­ten­par­tei, die „die Auf­he­bung künst­li­cher Ver­knap­pun­gen” for­dere und nimmt dies als Beleg für die gene­relle Ableh­nung des Urheberrechts.

Mit Ver­laub, Frau Leutheusser-​Schnarrenberger, aber das ist Quark. Die „künst­li­chen Ver­knap­pun­gen” sind das, was die Ver­mitt­ler ver­zwei­felt ver­su­chen zu hal­ten, um wei­ter­hin eine Rolle spie­len zu kön­nen. Ansons­ten machen nicht nur wir, son­dern alle Werk­schaf­fen­den in der digi­ta­len Welt sich sehr viele Gedan­ken über das Urhe­ber­recht. Nicht umsonst ist in den letz­ten 15 Jah­ren eine ganze Klasse neuer Lizenz­mo­delle ent­stan­den und mehr als ein­mal hat es da Knatsch wegen wider­recht­li­cher Nut­zung gege­ben. Es ist näm­lich auch eine Wahr­heit, dass gerade die Ver­le­ger und Ver­mitt­ler zwar laut schreien, wenn sie ihre über­kom­me­nen Pri­vi­le­gien in Gefahr sehen, es gleich­zei­tig aber mit den Rech­ten ande­rer nicht allzu genau neh­men. Berichte über nicht lizenz­ge­rechte Über­nah­men — man könnte schlicht „Abschrei­ben ohne Quel­len­an­gabe” nen­nen — von Wiki­pe­diaar­ti­keln oder ande­ren CC– oder GFDL-​lizenzierten Wer­ken sind längst Legion.

Wohin treibt nun das Urhe­ber­recht? Die Ver­an­stal­tung am Mon­tag war der Auf­takt eines mehr­mo­na­ti­gen Pro­zes­ses, der ver­schie­dene Anhö­run­gen brin­gen wird und schließ­lich in einem Geset­zes­ent­wurf für einen „Drit­ten Korb” zur Ände­rung des Urhe­ber­rechts mün­den soll. Dass das aktu­elle Urhe­ber­recht mit sei­nen mitt­ler­weile extre­men Ein­schrän­kun­gen der Nutz­bar­keit kul­tu­rel­ler Werke stark ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist, steht außer Frage. Ich sehe aller­dings die Gefahr, dass die­ser Geset­zes­pro­zess auch zu einem noch restrik­ti­ve­ren Recht füh­ren kann, wenn er nicht geeig­net beglei­tet wird. Frau Leutheusser-​Schnarrenberger war mit den Inhal­ten ihrer Rede teil­weise wie der viel­zi­tierte Pud­ding, der sich nicht an die Wand nageln lässt. Im Zwei­fels­fall bedeu­tet das nichts Gutes, wenn es darum geht, den viel­fäl­ti­gen Lob­by­grup­pen im Namen der All­ge­mein­heit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Genau das erwarte ich aber von einer Bundesministerin.

Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht” gehal­ten, unsere Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin. Den Rede­text gibt es online und Kom­men­tare und Zusam­men­fas­sun­gen dazu zum Bei­spiel bei Heise Online oder Tele­po­lis. Auch ich habe am Mon­tag in der Berlin-​Brandenburgischen Aka­de­mie geses­sen und ihren Aus­füh­run­gen gelauscht.

Bei mir hin­ter­lässt die Rede von Frau Leutheusser-​Schnarrenberger einen sehr zwie­späl­ti­gen, letzt­lich aber nega­ti­ven Ein­druck. Einer­seits war die Rede gespickt mit Aus­füh­run­gen, die so auch auf einem belie­bi­gen Par­tei­tag der Pira­ten­par­tei Sze­nen­ap­plaus bekom­men hät­ten. Die Minis­te­rin hat das Inter­net als gesell­schaft­li­che Revo­lu­tion bezeich­net, Wis­sen und Infor­ma­tion seien viel bes­ser und schen­l­ler ver­füg­bar, aber auch viel ein­fa­cher und direk­ter erzeug­bar gewor­den. Der krea­tive Mensch muss im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht der Ver­wer­ter. Bei der digi­ta­len Revo­lu­tion müs­sen wir die Chan­cen sehen und nicht immer nur auf die Risi­ken starren.

All dies sind Aus­sa­gen, die ich ohne wenn und aber unter­stütze. Und es tat gut, das mal so klar und deut­lich aus dem Mund eines Bun­des­mi­nis­ters zu hören. Aber was nüt­zen die schöns­ten Worte, wenn sie nicht kon­se­quent zu Ende gedacht wer­den? Und genau das pas­siert nicht! Statt­des­sen kommt es immer wie­der zu argu­men­ta­ti­ven Haken­schlä­gen, die all die schö­nen Ein­sich­ten Maku­la­tur wer­den lassen.

Da erwähnt die Minis­te­rin mehr­fach, dass sich die ana­loge Zeit nicht ins Digi­tale über­tra­gen lässt. Da for­mu­liert sie expli­zit, dass das Recht keine über­hol­ten Geschäfts­mo­delle schüt­zen darf. Und jedes Mal denke ich mir: „Cool, wie­der eine Breit­seite gegen die­ses idio­ti­sche ‚Leis­tungs­schutz­recht’.” Und dann das: Wenn Ver­mitt­ler Leis­tun­gen erbrin­gen, dann muss diese Leis­tung geschützt wer­den, zum Bei­spiel Zei­tungs­ver­le­ger. Und expli­zit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger geben soll, son­dern wie die­ses aussieht.”

Das ist aus­ge­spro­chen übel. Bis heute gibt es keine ein­zige mir bekannte neu­trale Instanz, die auch nur for­mu­lie­ren könnte, wie ein „aus­ge­wo­ge­nes Leis­tungs­schutz­recht” aus­se­hen könnte. Weil es ein sol­ches schlicht nicht gibt! Der ein­zige etwas kon­kre­tere Text, jener Ent­wurf von sei­ten der Ver­le­ger, ist eine Ansamm­lung von ten­den­ziö­sen Regeln, die der klei­nen, in der heu­ti­gen Zeit zun­ehe­mend unwich­ti­ger wer­den­den gesell­schaft­li­chen Gruppe von Ver­le­gern, ihre Pfründe auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und der Werk­schaf­fen­den sichern und sie sogar aus­bauen soll. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, über­kom­mene Geschäfts­mo­delle gegen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen. Es ist die Text gewor­dene Anti­these zu allem, was die Minis­te­rin im Urhe­ber­recht vor­geb­lich errei­chen will.

Wie ernst kann man vor dem Hin­ter­grund die gesam­ten Aus­füh­run­gen vom Mon­tag neh­men? Wir sol­len „mehr auf die Mög­lich­kei­ten als auf die Risi­ken schauen”? Ja, aber! Das Urhe­ber­recht „schützt den Urhe­ber”? Ja, aber! Keine „Schon­räume für abge­lau­fene Geschäfts­mo­delle”? Ja, aber! All die hee­ren Grund­sätze gel­ten offen­sicht­lich nur, solange keine Lob­by­gruppe etwas ande­res will.

Zu Recht zeiht Frau Leutheusser-​Schnarrenberger das Urhe­ber­recht über­bor­den­der Kom­ple­xi­tät und zitiert dabei sogar Linus Tor­valds. Aber dann zieht sie Leis­tungs­schutz­rechts­ka­nin­chen aus dem Zylin­der, die irgend­wie „die Ver­le­ger schüt­zen”, gleich­zei­tig aber Link– und Zitat­frei­heit erhal­ten sol­len. Zum einen erhöht dies die Kom­ple­xi­tät der sowieso schon kom­ple­xen Geset­zes­land­schaft wei­ter und zum ande­ren steht die­ser gesamte Ansatz in voll­stän­di­gem Gegen­satz zu dem, was die Minis­te­rin immer wie­der betont: Dass das Gesetz den Urhe­ber schüt­zen soll. Ein wie auch immer gear­te­tes Leis­tungs­schutz­recht wird aber genau die­sen Schutz wei­ter aus­he­beln, es beschnei­det die Mög­lich­kei­ten des Urhe­bers mas­siv zu Guns­ten irgend­wel­cher Ver­le­ger und dass der All­ge­mein­heit anschlie­ßend auf eine ver­krüp­pelte Weise sein Werk wei­ter zur Ver­fü­gung steht, nützt ihm, dem Urhe­ber, auch nichts.

Wei­ter geht’s mit Teil 2 am Montag

Warum Spendenaktion und Konzept der Piratenpartei-​Bundes-​IT falsch sind — Und: Ein Lösungsvorschlag

Die Zuver­läs­sig­keit der IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei bie­tet noch Mög­lich­kei­ten zur Opti­mie­rung. Web­site und Wiki waren in der Ver­gan­gen­heit oft sehr lang­sam und mehr als ein­mal hat es Aus­fälle über Stun­den oder sogar Tage gege­ben. Die „Bundes-​IT” betreut für die Bereit­stel­lung der Dienste meh­rere Ser­ver und ruft momen­tan — auf der Web­site der Pira­ten­par­tei pro­mi­nent ver­linkt — zu Spen­den auf. 10.000 EUR Bud­get seien nicht genug, wenigs­tens wei­tere 50.000 EUR seien nötig, um die geplante Infra­struk­tur mit eige­nen Ser­vern, die in einem Rechen­zen­trum unter­ge­stellt wer­den, zu finanzieren.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild I): So...

IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei (Sym­bol­bild I): So…

Ich halte die­sen Ansatz für den völ­lig fal­schen Weg. Neben eini­gen tech­ni­schen Pro­ble­men, die zu einem nen­nens­wer­ten Teil auch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men mit dem Hos­ter geschul­det sein dürf­ten (36 Stun­den bis mal einer den Reset-​Knopf am Rech­ner gedrückt hat…) ist das Haupt­pro­blem mei­nes Erach­tens, dass sich der gewünschte und nötige Grad an Aus­fall­si­cher­heit durch ein Team von Ehren­amt­li­chen auch bei größt­mög­li­chem Ein­satz nicht errei­chen lässt. Des­halb plä­diere ich ganz im Gegen­satz zu den Plä­nen der IT-​Verantwortlichen dafür, die von der Par­tei selbst zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen zurück­zu­fah­ren und ver­stärkt auf externe, pro­fes­sio­nelle Dienst­leis­ter zu setzen.

Ein ent­spre­chen­des Kon­zept­pa­pier habe ich vor knapp zwei Wochen den Ver­ant­wort­li­chen der Bundes-​IT über­sandt. Ich doku­men­tiere die­ses Kon­zept jetzt noch­mals öffent­lich. Ich halte es für wich­tig zu zei­gen, dass sich die Pro­bleme der IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei auch anders lösen las­sen als dies momen­tan von den Ver­ant­wort­li­chen geplant ist — und das diese Lösun­gen mei­ner Mei­nung nach nach­hal­ti­ger sind.

Ser­ver­kon­zept Pira­ten­par­tei: Stei­ge­rung der Aus­fall­si­cher­heit durch exter­nern Dienstleister

Nach­dem ich letz­tens deut­li­che Kri­tik an der IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei geäu­ßert habe, wurde ich gebe­ten, mich an der Dis­kus­sion darum zu betei­li­gen, wie die Orga­ni­sa­tion in Zukunft bes­ser lau­fen könnte. Hier also einige Über­le­gun­gen und Lösungsvorschläge:

Mei­nes Erach­tens ist das Kern­pro­blem, dass wir einer­seits Dienste haben, deren Ver­füg­bar­keit extrem kri­tisch ist, für die wir aber ande­rer­seits keine Sys­tem­war­tung zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen, die die­sem Hoch­ver­füg­bar­keits­an­spruch gerecht wird. Dafür gibt es — wie­derum mei­nes Erach­tens — zwei Gründe:

  1. Wir arbei­ten mit sehr kom­ple­xen Sys­tem­um­ge­bun­gen, die tech­nisch weit fort­ge­schrit­ten sind (Vir­tua­li­sie­rung, ver­teilte Ser­ver), aber einen erhöh­ten Ein­rich­tungs– und War­tungs­auf­wand benö­ti­gen und zudem von den Admi­nis­tra­to­ren viel Detailwissen.
  2. Das hete­ro­gene Admi­nis­tra­to­ren­team besteht aus­schließ­lich aus Ehren­amt­li­chen. Im Falle von aku­ten Schwie­rig­kei­ten muss des­halb zunächst der Zustän­dige ein Zeit­fens­ter für sich schaf­fen, um dann das Pro­blem anzu­ge­hen. Zudem muss viel Arbeit in Abend– und Nacht­stun­den stattfinden.

Ins­be­son­dere der zweite Punkt ist dabei aus­drück­lich keine nega­tive Kri­tik, son­dern eine Zustands­be­schrei­bung. Die Arbeit mit ehren­amt­li­chen Admi­nis­tra­to­ren war in der Ver­gan­gen­heit alter­na­tiv­los. Mitt­ler­weile ist durch das starke Wachs­tum und die viel­fäl­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­dürf­nisse aber ein Punkt erreicht, wo die zwangs­läu­fi­gen Beschrän­kun­gen die­ses Ansat­zes in Sachen Ver­füg­bar­keit nicht mehr trag­bar sind.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild II): ...so...

IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei (Sym­bol­bild II): …so…

Mein Ansatz arbei­tet des­halb mit fol­gen­den Grundgedanken:

  • Iden­ti­fi­zie­rung der­je­ni­gen Dienste, die für die Kom­mu­ni­ka­tion die höchste Wich­tig­keit haben und auf Grund ihrer Kom­ple­xi­tät am kri­tischs­ten sind. Dies sind mei­ner Ein­schät­zung nach
  • Ver­wen­dung von mög­lichst ein­fa­chen Set­ups und Serverstrukturen.
  • Aus­la­ge­rung der grund­le­gen­den Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tion die­ser Dienste an einen exter­nen Dienst­leis­ter, der auf Ver­trags­ba­sis die Ver­füg­bar­keit der Dienste sicherstellt.

Die­ses Vor­ge­hen hat mei­nes Erach­tens für alle Betei­ligte Vorteile:

  • Die Dienste „Web­site” und „Wiki” sind mit garan­tier­ter Ver­füg­bar­keit ver­se­hen, wir geben uns an die­sen neur­al­gischs­ten Punk­ten keine „Blöße” mehr.
  • Die hohe Betriebs­si­cher­heit die­ser Dienste führt zu gestei­ger­ter Attrak­ti­vi­tät der Platt­form für alle Par­tei­glie­de­run­gen — auch Lan­des– und andere Ver­bände kön­nen (end­lich) auf der Bun­des­in­fra­struk­tur auftreten.
  • Der externe Dienst­leis­ter kann nicht nur seine Infra­struk­tur in Sachen Rund-​um-​die-​Uhr-​Support nut­zen, son­dern auch das dort vor­han­dene Know-​How für eine per­for­mante Instal­la­tion der Softwarepakete.
  • Die Admins der Pira­ten­par­tei müs­sen sich nicht mehr mit so ermü­den­den Din­gen beschäf­ti­gen wie ein Media­wiki zu betüd­deln, son­dern kön­nen sich auf die „span­nen­den” Dienste kon­zen­trie­ren, bei denen spo­ra­di­sche und even­tu­ell auch etwas län­gere Aus­fälle nicht so dra­ma­tisch sind.

„Web­site” und „Wiki” sind zudem die­je­ni­gen Dienste, die mei­nes Erach­tens am wenigs­ten kri­tisch unter Daten­si­cher­heits­as­pek­ten sind, anders als zum Bei­spiel „E-​Mail” oder „Mai­ling­lis­ten”. Letz­tere haben sich zudem in der Ver­gan­gen­heit auch wesent­lich weni­ger als aus­fall­freu­dig dargestellt.

Gesucht ist also ein exter­ner Dienst­leis­ter, der eine Ser­ve­r­in­fra­struk­tur für die Web­site und das Wiki bereit­stellt, also eine Dru­pal– und eine Mediawiki-​Installation. Lei­der gibt es sol­che Dienst­leis­ter nicht „wie Sand am Meer”. Gefun­den habe ich den Hos­ting­dienst­leis­ter Mitt­wald, der genau das bie­tet was ich mir vorstelle:

  • Mana­ged Ser­ver mit instal­lier­tem Linux
  • Dru­pal und Media­wiki (und ein grö­ße­res Bün­del ande­rer Soft­ware) als instal­lier­bare Pakete mit vom Dienst­leis­ter bereit gestell­ten Updatepa­ke­ten, die sich über die Manage­ment­funk­tio­nen des Ser­vers ein­spie­len lassen
  • Diverse wei­tere Funk­tio­nen zur Auf­tei­lung von Zugrif­fen und Zustän­dig­kei­ten auf das Sys­tem („Agenturfunktionen”)
  • Dienst­leis­ter küm­mert sich um Hard­ware, Hard­ware­aus­fälle etc. mit 24-​Stunden-​Support
  • Dienst­leis­ter küm­mert sich um Soft­ware­up­dates, Betriebs­sys­tem etc.

Nach mei­ner letzt­lich nicht wirk­lich fun­dier­ten Ein­schät­zung wäre für uns das Paket „XL 5.0″ oder „XXL 5.0″ pas­send. Wich­tigste Beschrän­kung ist höchst­wahr­schein­lich das Trans­fer­vo­lu­men (2 TB bzw. 5 TB), hier könnte ich mir aber vor­stel­len, dass sich die Trans­fer­last auf dem Ser­ver mit­tels vor­ge­schal­te­ter Squids mas­siv sen­ken lässt. Mit einem pas­send ein­ge­rich­te­ten „XL”-Server kämen wir auf monat­li­che Kos­ten von etwa 200,- EUR, was 1/​4 des Bud­gets ent­spricht. Ein „XXL”-Server würde mit ca. 300,- EUR/​Monat etwa 1/​3 des Bud­gets der Tech­nik kosten.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild III): ...oder doch lieber so.

IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei (Sym­bol­bild III): …oder doch lie­ber so.

Bild­quelle: Wiki­pe­dia, Lizenz, CC-​BY-​SA 3.0/GNU-FDL-1.2

Ich halte die­sen Weg des Sys­tem­de­signs für den bes­ten, die wich­tigs­ten IT-​Dienste der Par­tei lang­fris­tig sicher bereit­ge­stellt zu bekom­men, ohne dass wir den bis­he­ri­gen ste­ti­gen Ver­schleiß an Per­so­nal haben, das sich im Span­nungs­feld von Erwar­tun­gen und Mög­li­chem auf­reibt. Aller­dings ist es sicher­lich ein erheb­li­cher Para­dig­men­wech­sel und vor wei­ter­ge­hen­den Über­le­gun­gen bezüg­lich der Umsetz­bar­keit müs­sen wir erst­mal klä­ren, ob die­ser Weg über­haupt gewünscht ist oder nicht. Ich denke aber, dies könnte ein Weg sein, erheb­li­chen Druck von der IT zu neh­men und dort den Kopf für andere Dinge freizubekommen.

So weit mein eige­ner klei­ner Bei­trag zu der wohl ewig wäh­ren­den Dis­kus­sion um die IT-​Infrastruktur der Piratenpartei.

Die Piraten Niedersachsen, ihre Satzung und die Sache mit der Auskunftspflicht: Eine historische Entscheidung des Parteitags

Es hatte sich schon ange­deu­tet, dass auch beim Par­tei­tag in Osna­brück wie­der §2.2 der Sat­zung für beson­ders viel Dis­kus­si­ons­stoff sor­gen würde: Dort geht es um Aus­kunfts­pflich­ten von Kan­di­da­ten für Ämter und Man­date bezüg­lich frü­he­rer poli­ti­scher Enga­ge­ments und Par­tei­zu­ge­hö­rig­kei­ten. Beim vor­an­ge­gan­ge­nen Lan­des­par­tei­tag in Lan­gen­ha­gen waren diese Bestim­mun­gen erheb­lich ver­schärft wor­den, was zu viel Unmut, erreg­ten Dis­kus­sio­nen und sehr viel ver­lo­re­ner Zeit geführt hatte.

In der schrift­li­chen Abstim­mung zu die­sem Punkt hatte zunächst kei­ner der vie­len Ände­rungs­an­träge eine Mehr­heit gefun­den: Von Abschaf­fung bis zu einer noch­ma­li­gen Ver­schär­fung der Bestim­mun­gen reich­ten die Optio­nen. Mit einem neuen Sat­zungs­än­de­rungs­an­trag — in Nie­der­sach­sen kön­nen diese ohne Fris­ten gestellt wer­den — wurde das Thema nun noch­ein­mal dis­ku­tiert. Wie schon die letz­ten Male war die Dis­kus­sion inten­siv, mit lan­gen Red­ner­lis­ten, einer gan­zen Reihe von Anträ­gen zur Geschäfts­ord­nung und grund­ver­schie­de­nen Ansich­ten, die aufeinanderprallten.

Zum Schluss kamen zwei Anträge zur Abstim­mung: Mit dem ers­ten wurde die „Muss”-Bestimmung zur Aus­kunft in eine „Sollte”-Bestimmung umfor­mu­liert und damit im Wesent­li­chen wie­der der Zustand von vor Novem­ber 2009 her­ge­stellt wer­den. Für mich durch­aus über­ra­schend wurde die­ser Antrag dann mit einer 75%-Mehrheit ange­nom­men. Ich selbst hatte vor­her einen Antrag auf Nicht­be­fas­sung gestellt, weil ich die Dis­kus­sion eigent­lich genau auf dem Stand sah, den sie bei der schrift­li­chen Abstim­mung am Vor­tag gehabt hatte. Und da hatte letzt­lich kei­ner der Ände­rungs­an­träge auch nur die nötige Zwei­drit­tel­mehr­heit gefun­den. Wie man sich doch täu­schen kann.

Noch über­ra­schen­der — und für viele Kom­men­ta­to­ren gera­dezu sen­sa­tio­nell — wurde dann anschlie­ßend sogar der Antrag auf voll­stän­dige Strei­chung des §2.2 ange­nom­men. Auch dies wie­der mit einer beque­men 70%-Mehrheit. Damit sind diese in mei­nen Augen sehr unglück­se­li­gen Bestim­mun­gen vom Tisch, die für mich immer so einen Geruch von Gesin­nungs­schnüf­fe­lei hat­ten und die mei­nes Erach­tens nicht zu den Grund­sät­zen der Pira­ten passen.

Sei­tens der Befür­wor­ter der bis­he­ri­gen Rege­lung wird häu­fig die Sorge vor­ge­bracht, mit Abschaf­fung die­ser Rege­lung wäre die von der Par­tei hoch­ge­hal­te­nene Trans­pa­renz nicht mehr gewähr­leis­tet. Meine Ant­wort hier­auf ist zwei­tei­lig: Zum einen macht sich Trans­pa­renz mei­nes Erach­tens nicht daran fest, dass ich über die poli­ti­sche Ver­gan­gen­heit eines Bewer­bers detail­liert Bescheid weiß. Min­des­tens Teile davon sind für seine jet­zige Hal­tung irre­le­vant, wäh­rend andere Dinge ent­schei­dend sein kön­nen, zum Bei­spiel beruf­li­che oder pri­vate Bekannt­schaf­ten. Und die Offen­le­gung die­ser ver­pflich­tend und im Vor­hin­ein ein­zu­for­dern käme ja (hof­fent­lich) auch nie­mand auf die Idee. Zum ande­ren war auch die bis­he­rige Aus­kunfts­re­ge­lung letzt­lich nicht ein­for­der­bar und wurde ja sogar nicht ein­ge­for­dert: Meh­rere der Vor­stand­skan­di­da­ten haben in Osna­brück — gewollt oder unge­wollt — nichts zu ihrer poli­ti­schen Ver­gan­gen­heit gesagt, wur­den nicht danach gefragt und sind trotz­dem gewählt wor­den. Abge­se­hen davon sind diese ver­pflich­ten­den Selbst­aus­künfte sowieso nicht nach­prüf­bar und damit letzt­lich wertlos.

Mit mir war auch die ganz über­wie­gende Mehr­heit der Pira­ten im Saal und in den Echt­zeit­kom­men­ta­ren auf Twit­ter gera­dezu begeis­tert von dem Ergeb­nis. Es war sel­ten so ruhig wie bei den Aus­zäh­lun­gen die­ser Abstim­mun­gen und die Erleich­te­rung, die in den Kom­men­ta­ren zur Ent­schei­dung spür­bar war, hat auch mich über­rascht: Offen­sicht­lich hat vie­len ande­ren Pira­ten die­ser Para­graf min­des­tens ebenso schwer im Magen gele­gen wie mir.

Der §2.2 bzw. „S4”, wie der ganze Vor­gang auf Grund des Antrags­kür­zels beim Par­tei­tag in Lan­gen­ha­gen genannt wurde, liegt mit­ten im Gebiet zwi­schen den bei­den Prin­zi­pien „Trans­pa­renz” und „Pri­vat­sphäre”. Für beide steht die Pira­ten­par­tei. Es ist gut mög­lich, dass uns diese und ähnli­che Dis­kus­sio­nen auch in Zukunft beglei­ten wer­den. Alle Betei­lig­ten soll­ten sich aber an die Schluss­worte von „Big Arne” erin­nern, wenn sie das Thema wie­der auf die Tages­ord­nung brin­gen: Die Rege­lun­gen wur­den mit 75% bzw. 70% Zustim­mung abge­schafft. Das ist eine erheb­li­che Mehr­heit und inso­fern ein deut­li­ches Zei­chen gegen Aus­kunfts­be­geh­ren, wie sie im bis­he­ri­gen §2.2 arti­ku­liert waren.

Bericht vom Parteitag: Piratenpartei Niedersachsen im März 2010 in Osnabrück

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Ein­mal, so gegen Mit­tag des zwei­ten Tages, da drohte der Lan­des­par­tei­tag der nie­der­säch­si­schen Pira­ten in den alten Trott zu ver­fal­len: Irgend­wel­che Sat­zungs­an­träge stan­den da im Raum, mehr oder weni­ger gut vor­be­rei­tet. Die eine Hälfte der Ver­sam­mel­ten wusste nicht recht, um was es ging. Die andere war sich nicht einig, was die Anträge bedeu­ten soll­ten. Alle hat­ten irgend­wie das Gefühl, über etwas zu reden, was schon Thema gewe­sen war. Die berühmt-​berüchtigte Red­ner­liste für Geschäfts­ord­nungs­an­träge schien aus der Ver­sen­kung auf­zu­tau­chen. Und der Ver­samm­lungs­lei­ter hatte die Ver­an­stal­tung irgend­wie nicht so ganz voll­stän­dig im Griff. Zum Glück war dies nur eine kurze Epi­sode einer ansons­ten über­aus gelun­ge­nen Veranstaltung.

Start des Parteitages, Jens Schicke redet

Start des Par­tei­ta­ges, Jens Schi­cke redet

Dabei hatte alles so gut ange­fan­gen. Pünkt­lich ging’s am Sams­tag los und das Tempo war gera­dezu unheim­lich. Die AG Sat­zung hatte sämt­li­che vor­lie­gen­den Anträge zu Sat­zungs­än­de­run­gen und zur Geschäfts­ord­nung in einem 61-​seitigen Doku­ment auf­be­rei­tet und wie gewünscht hatte sich ein gro­ßer Teil der Pira­ten anhand des­sen vor­be­rei­tet, wusste worum es ging und konnte in der ein­stün­di­gen anbe­raum­ten Zeit zur Aus­spra­che so gezielt fra­gen, dass der Ver­samm­lungs­lei­ter meh­rere Male nach­ha­ken musste, ob denn noch Fra­gen seien.

Anwesende am Parteitag, Laptops als Kunstwerke

Anwe­sende am Par­tei­tag, Lap­tops als Kunstwerke

Die eigent­li­che Abstim­mung fand dann schrift­lich statt: Auf fünf Sei­ten wur­den sämt­li­che Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge zur Abstim­mung prä­sen­tiert, zusam­men mit der Frage, ob nach Mei­nung des Abstim­men­den der Dis­kus­sion Genüge getan sei. So schrumpfte der bei ver­gan­ge­nen Par­tei­ta­gen so mons­tröse Tages­ord­nungs­punkt „Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge” auf eine knapp halb­stün­dige Phase des Aus­fül­lens und anschlie­ßen­den Abge­bens der Abstim­mungs­bö­gen. Ansons­ten musste sich vor­ran­gig ein Team von Wahl­hel­fern damit befas­sen, die vie­len Tau­send Kreuze zu zäh­len und zusammenzufassen.

Das Auszählen der Abstimmungszettel zu den Satzungsänderungsanträgen hat mehrere Stunden in Anspruch genommen.

Das Aus­zäh­len der Abstim­mungs­zet­tel zu den Sat­zungs­än­de­rungs­an­trä­gen hat meh­rere Stun­den in Anspruch genommen.

Die anschlie­ßen­den Wah­len zum Vor­stand, die die zweite Hälfte des ers­ten Tages in Anspruch nah­men, waren eben­falls aus­ge­spro­chen ziel­stre­big. Nach dem über­stürz­ten Abbruch des letz­ten Par­tei­ta­ges in Lan­gen­ha­gen im Novem­ber 2009 hatte Nie­der­sach­sen nur einen Rumpf­vor­stand, der nun wie­der auf die volle Größe gebracht wer­den sollte. Jens-​Wolfart Schi­cke und Arne Lud­wig wur­den als Vor­sit­zen­der und Stell­ver­tre­ter bestä­tigt, für den nicht mehr ange­tre­te­nen Arvid kam Mein­art als Schatz­meis­ter neu in den Vorstand.

Der alte Vorstand: Arvid, Matthias, Jürgen, Arne, Dennis und Jens-Wolfart

Der alte Vor­stand: Arvid, Mat­thias, Jür­gen, Arne, Den­nis und Jens-​Wolfart

Vor den Wah­len zu den Bei­sit­zern gab es zudem ein Gruß­wort des amtie­ren­den Bun­des­vor­sit­zen­den: Jens Sei­pen­busch war aus sei­ner Hei­mat­stadt Müns­ter nach Osna­brück gekom­men. Er erin­nerte sich — und mich — daran, dass Nie­der­sach­sen ja eines der ers­ten Län­der war, in dem es 2006 eine ent­ste­hende Par­tei­ba­sis gab: Im Dezem­ber 2006 war er damals auf einem der han­no­ver­schen bzw. nie­der­säch­si­schen Stamm­ti­sche. Zu fünft saßen wir damals zusam­men — inklu­sive Jens und sei­ner Frau. Dass dar­aus Ver­an­stal­tun­gen wie in Osna­brück gewor­den sind, zeigt, welch wei­ten Weg die Pira­ten­par­tei in den ver­gan­ge­nen drei­ein­halb Jah­ren zurück­ge­legt hat. Ich selbst bin zwar kein Grün­dungs­mit­glied, aber ich habe die Anfangs­zeit ja auch noch sehr gut mit­be­kom­men. Man ver­gisst leicht, wie klein und unschein­bar das alles damals im Gegen­satz zu heute war. Pira­ten in Osna­brück gab es damals noch über­haupt nicht.

Ein kurzes Grußwort vom amtierenden Bundesvorsitzenden Jens Seipenbusch

Ein kur­zes Gruß­wort vom amtie­ren­den Bun­des­vor­sit­zen­den Jens Seipenbusch

Über­haupt — die Tagungs­räum­lich­kei­ten. Unsere Ver­bände in Osna­brück hat­ten uns in einer Schul­aula unter­ge­bracht und ein fan­tas­ti­sches Umfeld geschaf­fen: Wir waren dort kom­plett unter uns und hat­ten nicht nur den Ver­samm­lungs­raum, son­dern auch das Forum davor zur freien Verfügung.

Lebhafte Diskussionen im Forum des Tagungsortes

Leb­hafte Dis­kus­sio­nen im Forum des Tagungsortes

Die Tech­nik mit Netz­werk, WLAN und Akus­tik war nicht zu spü­ren, weil sie ein­fach funk­tio­nierte. Fürs leib­li­che Wohl war durch Kines Brötchen-​Großeinkauf und die flugs gegrün­dete AG-​Nordschnitten eben­falls gesorgt.

Die AG Nordschnitten bei der Arbeit

Die AG Nord­schnit­ten bei der Arbeit

Wie schon letz­tes Mal in Lan­gen­ha­gen hat der Medi­en­floh den Video­st­ream der gesam­ten Ver­an­stal­tung über­nom­men und in den Pau­sen durch Inter­views und andere Bei­träge angereichert.

Interview mit dem Medienfloh

Inter­view mit dem Medienfloh

Neu dabei war zudem Den­nis Schulze mit dem Pira­ten­ra­dio, der, wenn ich das rich­tig gese­hen habe, die ganze Zeit live vom Par­tei­tag gesen­det hat und diverse Inter­views und Fea­tures pro­du­ziert. Auch ich bin so mal wie­der in den Genuss eines Inter­views gekom­men, in letz­ter Zeit ja eher ein sel­te­nes Vergnügen.

Dennis Schulze mit dem Piratenradio war auch live vor Ort

Den­nis Schulze mit dem Pira­ten­ra­dio war auch live vor Ort

Die Bei­sit­zer­wah­len hät­ten durch­aus grö­ße­res Chaos ver­ur­sa­chen kön­nen: Bis zu acht Pos­ten konn­ten besetzt wer­den und 14 Bewer­ber stan­den zur Wahl. Aber alle Betei­lig­ten waren vor­bild­lich dis­zi­pli­niert: Die Kan­di­da­ten haben sich kurz und knapp vor­ge­stellt, die Anzahl Fra­gen hielt sich in Gren­zen. Ein­zig das Aus­zäh­len war bei den vie­len Kan­di­da­ten und Kreuz­chen etwas anstrengend.

Kandidaten für die Beisitzerposten

Kan­di­da­ten für die Beisitzerposten

Erst­mals wurde bei die­sem Par­tei­tag durch­gän­gig nach dem Zustim­mungs­ver­fah­ren abge­stimmt: Für jede der Alter­na­ti­ven bei Abstim­mun­gen und auch bei Wah­len kann man „Ja”, „Nein” oder „Ent­hal­tung” ankreu­zen, es gewinnt die­je­nige Alter­na­tive mit den ver­hält­nis­mä­ßig meis­ten Ja-​Stimmen. Ich war ja bis­lang die­sem Ver­fah­ren gegen­über eher kri­tisch ein­ge­stellt, muss aber sagen, dass es sich in mei­nen Augen bewährt hat: Die Ent­schei­dun­gen sind trans­pa­rent und vor allem muss man als Abstim­men­der nur ein Ver­fah­ren ver­stan­den haben. Viel­leicht sollte man noch ein wenig an der Bedeu­tung der Alter­na­ti­ven „Nein” und „Ent­hal­tung” fei­len, aber im gro­ßen und gan­zen halte ich die­ses Wahl­ver­fah­ren für das Beste, das ich bis­her in der Pira­ten­par­tei (und dar­über hin­aus) ken­nen gelernt habe. Auch wenn es natür­lich etwas Vor­be­rei­tung bei grö­ße­ren Abstim­mun­gen bedarf…

Arbeitsplatz des Blogautors zum LPT: Unterlagen, Laptop, Wasser, Nervennahrung

Arbeits­platz des Blog­au­tors zum LPT: Unter­la­gen, Lap­top, Was­ser, Nervennahrung

Ange­sichts der extre­men Lap­top­dichte auf dem Par­tei­tag habe ich mehr als ein­mal gefragt, ob man bei einem der nächs­ten Male nicht ver­su­chen sollte, Abstim­mun­gen und Wah­len und vor allem deren Aus­zäh­lung stär­ker zu auto­ma­ti­sie­ren. Teil­weise war mehr als ein Dut­zend Pira­ten gleich­zei­tig mit Aus­zäh­len beschäf­tigt und die ent­spre­chen­den Pau­sen haben die Ver­an­stal­tung meh­rere Male nen­nens­wert aufgehalten.

Das Ver­hält­nis von Lap­tops zu Teil­neh­mern, das ja stets nahe bei 1:1 liegt, war seit jeher eine Spe­zia­li­tät der Pira­ten, mit der sie sich wohl von allen ande­ren Par­teien unter­schei­den dürfte. Ich finde das immer sehr ange­nehm, weil man mit sei­ner Affi­ni­tät zur Tech­nik eben nicht etwas Beson­de­res, son­dern schlicht so wie alle ande­ren auch ist.

Fast jeder Anwesende hatte einen Laptop dabei. Ein für den Parteitag augenscheinlich besonders wichtiges Programm: Mah-Jongg

Fast jeder Anwe­sende hatte einen Lap­top dabei. Ein für den Par­tei­tag augen­schein­lich beson­ders wich­ti­ges Pro­gramm: Mah-​Jongg

Die diver­sen Wah­len für Kas­sen­prü­fer, Schieds­ge­richt sowie die jewei­li­gen Ersatz­per­so­nale zogen sich über den spä­ten Sams­tag und den frü­hen Sonn­tag mor­gen. All diese Wah­len sind wich­tig und nötig, viel­leicht sollte aber auch hier noch­mal am Pro­ze­dere gear­bei­tet wer­den: Müs­sen die Ersatz­schieds­rich­ter wirk­lich in einer sepa­ra­ten Wahl bestimmt wer­den? Und müs­sen Kas­sen­prü­fer wirk­lich geheim gewählt wer­den? Ich denke, dass man auch hier noch die Effi­zi­enz stei­gern könnte, ohne dass andere Qua­li­tä­ten der momen­ta­nen Ver­fah­ren ver­lo­ren gehen.

Der alte und neue Vorsitzende Jens-Wolfart Schicke im bekannten Multitaskingbetrieb

Der alte und neue Vor­sit­zende Jens-​Wolfart Schi­cke im bekann­ten Multitaskingbetrieb

Nach­dem dann end­lich alle Per­so­nen­wah­len abge­schlos­sen waren, kam es zur Bekannt­gabe der Ergeb­nisse der Abstim­mun­gen zu den Sat­zungs­än­de­run­gen. Bemer­kens­wert finde ich dabei, dass bei kei­nem der Anträge wei­te­rer Dis­kus­si­ons­be­darf ange­mel­det wor­den war, sodass sämt­li­che der schrift­li­chen Abstim­mungs­er­geb­nisse zunächst gül­tig waren.

Die jungen Piraten stellen sich vor

Die jun­gen Pira­ten stel­len sich vor

Nicht ver­ges­sen möchte ich die „Jun­gen Pira­ten”, von denen zwei die nie­der­säch­si­sche Sek­tion vor­stell­ten und zum Mit­ma­chen und zu Unter­stüt­zung auf­rie­fen. Die „Jun­gen Pira­ten” sind mei­nes Erach­tens ein wich­ti­ges Mit­tel der Nach­wuchs­för­de­rung: Hier orga­ni­sie­ren sich Jugend­li­che, Schü­ler und Stu­den­ten zu poli­ti­scher Arbeit. Es kann der Par­tei nur gut tun, wenn sie spä­ter sol­che Mit­glie­der bekommt, die bereits erfah­ren sind im Umgang mit poli­ti­schen Pro­zes­sen. Es liegt im urei­ge­nen Inter­esse der Pira­ten­par­tei, wenn sie die „Jupis” ent­spre­chend unter­stützt, för­dert und ihnen zur Seite steht.

Auch einen „Fotoevent” hat es gege­ben: Neben etli­chen Fotos vom neuen Vor­stand, wich­tig für die Pres­se­mappe, haben wir auch ein Grup­pen­foto aller Anwe­sen­den pro­du­ziert. Mir kam die Ehre zu, die­ses Foto zu schie­ßen und ich hoffe, es ist ein gutes dabei her­aus­ge­kom­men, obwohl ich nicht mit mei­ner eige­nen Kamera gear­bei­tet habe (enga­gier­ter Pirat sucht Spon­sor für neue Kamera zur pri­va­ten, beruf­li­chen und poli­ti­schen Ver­wen­dung… ;-) ). Hier mal ein Foto, dass mich „bei der Arbeit” zeigt.

Making-Of des Gruppenfotos - Der Blogautor in Aktion

Making-​Of des Grup­pen­fo­tos — Der Blog­au­tor in Aktion

Die anschlie­ßende Dis­kus­sion um §2.2 der Sat­zung war ebenso enga­giert wie nötig und endete mit einem Ergeb­nis, das Anwe­sende und Kom­men­ta­to­ren zwi­schen „über­ra­schend” und „his­to­risch” ein­ord­ne­ten. Dazu muss ich mich noch­mal geson­dert äußern.

Danach jeden­falls ging der Par­tei­tag mit einer wei­te­ren Dis­kus­sion und Abstim­mung um Ände­rungs­an­träge rund um §8.7, der ähnlich wie §2.2 Aus­kunfts­er­su­chen an Kan­di­da­ten und Mit­ar­bei­ter stellt, aller­dings nicht auf poli­ti­scher, son­dern auf finan­zi­el­ler Ebene. Auch mit die­sen Regeln sind viele Pira­ten unzu­frie­den, zu einer Ände­rung der Bestim­mun­gen fand sich aber an kei­ner Stelle eine Zwei­drit­tel­mehr­heit. So bleibt hier erst­mal alles beim Alten und das Thema dürfte beim nächs­ten Par­tei­tag wie­der auf die Tages­ord­nung kommen.

Die beiden jüngsten Teilnehmer beim Landesparteitag

Die bei­den jüngs­ten Teil­neh­mer beim Landesparteitag

Durch diese Dis­kus­sion am Ende ist dann lei­der der Tages­ord­nungs­punkt „Les­sons Lear­ned” nicht mehr behan­delt wor­den. Wir hat­ten auf die­sem Par­tei­tag ja gleich meh­rere orga­ni­sa­to­ri­sche Pre­mie­ren und es ist durch­aus sinn­voll, diese mal zu reka­pi­tu­lie­ren. Neben dem oben bereits behan­del­ten Abstim­mungs­ver­fah­ren war das vor allem die schift­li­che Abstim­mung der Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge. Ich halte dies für einen gro­ßen Gewinn, da die Dis­kus­sion viel dis­zi­pli­nier­ter lief als bei den letz­ten Par­tei­ta­gen und das ganze zeit­lich viel bes­ser steu­er­bar war. Wir soll­ten die­ses Ver­fah­ren unbe­dingt bei­be­hal­ten. Berück­sich­tigt wer­den muss dabei aller­dings, dass es zum einen eine Sat­zungs­kom­mis­sion (oder „AG Sat­zung”) geben muss, die die gesam­mel­ten Anträge auf­be­rei­tet und das Doku­ment erstellt und zum ande­ren, dass eine der­art umfang­rei­che Abstim­mung wie die dies­ma­lige auch für die Wahl­hel­fer eine erheb­li­che Belas­tungs­probe bedeutet.

Diskussionen überall. Aber: Geraucht werden durfte nur draußen

Dis­kus­sio­nen über­all. Aber: Geraucht wer­den durfte nur draußen

Ansons­ten sind Par­tei­tage, ins­be­son­dere so har­mo­ni­sche wie die­ser hier, immer eine her­vor­ra­gende Mög­lich­keit, mal wie­der andere Pira­ten zu tref­fen, sich zu unter­hal­ten, her­um­zu­phi­lo­so­phie­ren und ein­fach eine tolle Zeit zu haben. Die Orga­ni­sa­tion der Osna­brü­cker Pira­ten kann eigent­lich gar nicht hoch genug gelobt wer­den: Nicht nur der Ver­an­stal­tungs­ort und die auf die Beine gestellte Ver­pfle­gung waren erst­klas­sig, auch die Party am Sams­tag abend im „Cup & Cups” war toll. Ent­spannt und fröh­lich fei­er­ten wir mit extra für uns kre­ier­ten Cock­tails bis ins Mor­gen­grauen — und dass gegen halb zwei der Rum leer­ge­trun­ken war, hat der her­vor­ra­gen­den Stim­mung kei­nen Abbruch getan.

Der nächste Par­tei­tag in Nie­der­sach­sen fin­det im Spät­som­mer in Wol­fen­büt­tel statt. Dann wird es vor allem um das Pro­gramm gehen. Ich kann schon jetzt jedem inter­es­sier­ten Pira­ten nur emp­feh­len, eine Teil­nahme zu pla­nen. Kein vir­tu­el­les Medium der Welt kann ein rea­les Tref­fen ersetzen!

Transkript des Interviews von Georg Jähnig mit Lena Simon zur „Genderdebatte” in der Piratenpartei

Seit etwas mehr als einer Woche tobt eine laut­starke Dis­kus­sion in der Pira­ten­par­tei. Es geht all­ge­mein um die Situa­tion von Frauen in der Par­tei, ins­be­son­dere aber um eine „Piratinnen”-Initiative von Lena Simon, die mit Pres­se­mit­tei­lung und Frauen-​only-​Mailingliste gestar­tet wurde.

Lena hat am Frei­tag ein halb­stün­di­ges Inter­view mit Georg Jäh­nig gemacht, das Georg als Audi­o­da­tei in sei­nem Blog ver­öf­fent­licht hat. Als Bei­trag zur Debatte ver­öf­fent­li­che ich hier jetzt zunächst mal ein kom­plet­tes Tran­skript die­ses Inter­views. Ich finde es immer wich­tig, sich mit den Urhe­bern einer Idee zu beschäf­ti­gen, bevor man in wil­des Debat­tie­ren aus­bricht. Und auf diese Weise wer­den die aktu­el­len Äuße­run­gen von Lena auch für sol­che Leser ver­füg­bar, die — wie ich — lie­ber geschrie­be­nem als gespro­che­nem Text folgen.

Das Tran­skript ist voll­stän­dig und unkom­men­tiert. An eini­gen Stel­len war der Wort­laut nicht exakt zu ver­ste­hen, diese sind gekenn­zeich­net. Ich habe einige Schlen­ker oder gram­ma­ti­ka­li­sche Unge­nau­ig­kei­ten der wört­li­chen Rede im Tran­skript in sin­ner­hal­ten­der Weise geglät­tet. Und ich hoffe, ich habe Georg an allen Stel­len kor­rekt von Jörg Büh­mann unter­schie­den, der bei dem Inter­view eben­falls dabei war.

Da mein Word­press mit dem WP-​Typography-​Plugin das Zitie­ren teil­weise etwas schwie­rig macht, gibt es das Tran­skript auch als ein­fa­che Text­da­tei zum Down­load. Ansons­ten: Here we go:

‚Tran­skript des Inter­views von Georg Jäh­nig mit Lena Simon zur „Gen­der­de­batte” in der Pira­ten­par­tei’ weiterlesen …

Polizei zur Vorratsdatenspeicherung: Versuchte Volksverdummung

Nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung einen Rie­gel vor­ge­scho­ben hat, kom­men jetzt wie­der die beson­ders däm­li­chen Argu­mente. Eine schöne Samm­lung davon fin­det sich heute bei Welt Online. Da wäre zunächst der Bund Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter, BDK, des­sen Vor­sit­zen­der fol­gen­des artikuliert:

Der Vor­sit­zende des Bun­des Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter, Klaus Jan­sen […] mahnte eine schnelle Neu­re­ge­lung an. […] In zwei von drei Fäl­len sei die Poli­zei bei ihren Ermitt­lun­gen inzwi­schen auf Vor­rats­da­ten ange­wie­sen. sagte Klaus Jan­sen. In der „Pas­sauer Neuen Presse“ ergänzte er: Es müsse nun schnell ein Gesetz auf den Weg gebracht wer­den, „das uns als Kri­mi­na­lis­ten wie­der hand­lungs­fä­hig macht“.

Herr Jan­sen hat offen­sicht­lich nicht den Fun­ken einer Ahnung, über was er da her­um­schwa­dro­niert. Ich fände es jeden­falls ver­wun­der­lich bis besorg­nis­er­re­gend, wenn die Poli­zei bei zwei Drit­tel aller Ermitt­lun­gen auf Daten zugreift, die laut Ver­fü­gung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nur „mit Geneh­mi­gung eines Ermitt­lungs­rich­ters und im Zusam­men­hang mit schwe­ren Straf­ta­ten” ver­wen­det wer­den dür­fen — zumal auch dann nur, wenn „ein durch Tat­sa­chen begrün­de­ter Ver­dacht vor­liegt, und andere Ermitt­lungs­mög­lich­kei­ten wesent­lich erschwert oder aus­sichts­los sind.” (Zitate: Wiki­pe­diaar­ti­kel „Vor­rats­da­ten­spei­che­rung”)

Über­trof­fen wird diese Ein­las­sung noch durch die Nicht­ar­gu­mente des Vor­sit­zen­den der Gewerk­schaft der Poli­zei:

[Der GdP-​Vorsitzende Kon­rad] Frei­berg ver­wies dar­auf, dass die Tele­fon­ver­bin­dungs­da­ten etwa bei den Ermitt­lun­gen gegen die ter­ro­ris­ti­sche „Sauerland-​Gruppe“ eine wich­tige Rolle gespielt hätten.

Bei Herrn Frei­berg ist offen­sicht­lich das Raum-​Zeit-​Kontinuum in gehö­rige Unord­nung gera­ten. Wie sonst kann er den Zugriff auf die soge­nannte „Sau­er­land­gruppe” am 4. Sep­tem­ber 2007 als Argu­ment für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung brin­gen, die doch erst am 1. Januar 2008 gestar­tet ist. Das ist dumm, dreist und in höchs­tem Maße ver­lo­gen. Tat­säch­lich wäre das näm­lich ein schla­gen­des Argu­ment dafür, dass sich auch Ter­ro­ris­ten auf­de­cken las­sen, ohne dass man zur Gene­ral­über­wa­chung der Bevöl­ke­rung grei­fen muss.

Die Her­ren Poli­zei­funk­tio­näre argu­men­tie­ren arro­gant und fak­ten­be­freit. Man kann dies nicht laut und häu­fig genug sagen. Die in dem Welt-​Artikel eben­falls zitierte Jus­tiz­mi­nis­te­rin hat da schon ganz recht:

Jus­tiz­mi­nis­te­rin Sabine Leutheusser-​Schnarrenberger betonte in den ARD-„Tagesthemen”, auch bis Juni 2008, als es noch keine Vor­rats­da­ten­spei­che­rung gab, seien sehr erfolg­reich Straf­ta­ten ver­folgt wor­den. „Hier muss kei­ner Sorge haben, dass wir jetzt in eine Sicher­heits­lü­cke schliddern.„

Schreibt’s euch hin­ter die Ohren, ihr Lautsprecher!

Verfassungsgerichtsurteil gegen Vorratsdatenspeicherung: Ein guter Tag für Deutschland, Europa — und für die Piraten

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat heute in Sachen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung geur­teilt. Dabei wur­den die dies­be­züg­li­chen Bun­des­ge­setze für unver­ein­bar mit den Grund­rech­ten und für nich­tig erklärt. Gleich­zei­tig wur­den hohe Anfor­de­run­gen an eine even­tu­elle Neu­fas­sung ent­spre­chen­der gesetz­li­cher Rege­lun­gen zur anlass­lo­sen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten­er­fas­sung gestellt.

Ich halte die­ses Urteil für gut und freue mich darüber:

  • Die Gesetze wur­den klar und deut­lich als „ver­fas­sungs­wid­rig” bezeich­net.
  • Diese Ver­fas­sungs­wid­rig­keit wurde so weit gehend fest­ge­stellt, dass das Gesetz nicht nur aus­ge­setzt oder ein­ge­schränkt, son­dern ins­ge­samt für „nich­tig” erklärt wurde.
  • Das Gericht spricht in sei­ner Begrün­dung klipp und klar davon, dass die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit bei der Aus­ge­stal­tung der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung gröb­lichst miss­ach­tet wurde

Gerade zu letz­tem Punkt sind die Aus­sa­gen deutlich:

  • Es han­delt sich „um einen beson­ders schwe­ren Ein­griff mit einer Streu­breite, wie sie die Rechts­ord­nung bis­her nicht kennt.”
  • Aus­künfte dür­fen nicht „ins Blaue hin­ein” ein­ge­holt werden.
  • „Die anlass­lose Spei­che­rung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­kehrs­da­ten [ist] geeig­net, ein dif­fus bedroh­li­ches Gefühl des Beob­ach­tet­seins her­vor­zu­ru­fen, das eine unbe­fan­gene Wahr­neh­mung der Grund­rechte in vie­len Berei­chen beein­träch­ti­gen kann.”

In den aktu­el­len Kom­men­ta­ren zum Urteil fin­det sich an vie­len Stel­len eine gewisse Unzu­frie­den­heit. Von „Pyr­rhus­sieg” ist die Rede, davon, dass das Gericht sich nicht mit der Euro­päi­schen Union anle­gen wollte oder schlicht davon, dass das Urteil letzt­lich nur eine Anlei­tung für eine „bes­sere” Vor­rats­da­ten­spei­che­rung sei.

Ich kann diese Über­le­gun­gen nach­voll­zie­hen, aber ich stimme ihnen nicht zu. Das Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts ist letzt­lich das, was es ist: Ein Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts. Es ging um ein Gesetz, das Gericht hat die­ses Gesetz beur­teilt und das Gesetz wurde vom Gericht für ver­fas­sungs­wid­rig und für nich­tig befun­den. Das ist das Maxi­mum des­sen, was man erwar­ten konnte.

Die Erwar­tung, das Gericht würde von sich aus anlass­lose Daten­spei­che­run­gen jeg­li­cher Art per se für grund­ge­setz­wid­rig erklä­ren, halte ich für falsch. Zudem wäre die Insti­tu­tion „Ver­fas­sungs­ge­richt” der fal­sche Adres­sat. Schaut man sich — nur mal als Bei­spiel — das Volks­zäh­lungs­ur­teil von 1983 an, so fin­det man im Urteils­text dort eine sehr lange Abwä­gung bezüg­lich des Geset­zes und der damit ein­her­ge­hen­den Grund­rechte. In Absatz 156 fin­det sich dort zum Bei­spiel fol­gen­des, was man ange­sichts der häu­fi­gen Glo­ri­fi­zie­rung die­ser Ent­schei­dung viel­leicht nicht unbe­dingt erwar­ten würde:

Die­ses Recht auf „infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mung” ist nicht schran­ken­los gewähr­leis­tet. Der Ein­zelne hat nicht ein Recht im Sinne einer abso­lu­ten, unein­schränk­ba­ren Herr­schaft über „seine” Daten; er ist viel­mehr eine sich inner­halb der sozia­len Gemein­schaft ent­fal­tende, auf Kom­mu­ni­ka­tion ange­wie­sene Per­sön­lich­keit. Infor­ma­tion, auch soweit sie per­so­nen­be­zo­gen ist, stellt ein Abbild sozia­ler Rea­li­tät dar, das nicht aus­schließ­lich dem Betrof­fe­nen allein zuge­ord­net wer­den kann. […] Grund­sätz­lich muß daher der Ein­zelne Ein­schrän­kun­gen sei­nes Rechts auf infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mung im über­wie­gen­den All­ge­mein­in­ter­esse hinnehmen.

In besag­tem, häu­fig zitier­ten Volks­zäh­lungs­ur­teil wer­den Volks­zäh­lun­gen zudem nicht in Bausch und Bogen für unzu­läs­sig erklärt. Und es hat vier Jahre spä­ter eine Volks­zäh­lung gege­ben. Das Ver­fas­sungs­ge­richt ist letzt­lich keine ethi­sche Instanz, son­dern eine juris­ti­sche. Es prüft Gesetze. Vor allem aber ist es kein Ersatz-​Gesetzgeber, son­dern ein Mit­glied der Judi­ka­tive, um mal in den Begriff­lich­kei­ten der Gewal­ten­tei­lung zu sprechen.

Gesetze wer­den in der Legis­la­tive gemacht. Und für die ist das heu­tige Urteil eine Steil­vor­lage: Das Ver­fas­sungs­ge­richt hat umfäng­lichst beschrie­ben, wel­chen Anfor­de­run­gen eine Ver­bin­dungs­da­ten­spei­che­rung genü­gen muss, damit sie vom Gericht noch als mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ange­se­hen wer­den kann. Es liegt nun an den gesetz­ge­be­ri­schen Kräf­ten, diese Aus­füh­run­gen auf­zu­neh­men und anzuwenden.

Hier kommt nun die Pira­ten­par­tei ins Spiel. Es ist unsere Auf­gabe, auf die­sen Gesetz­ge­bungs­pro­zess Ein­fluss zu neh­men. Wir müs­sen dar­auf hin­wir­ken, dass es in Zukunft rechts­staat­li­che Rege­lun­gen gibt. Es liegt an uns, einen Dis­kus­si­ons­pro­zess anzu­sto­ßen, an des­sen Ende die Erkennt­nis ste­hen möge, dass Vor­rats­da­ten­spei­che­run­gen gene­rell eine schlechte Idee sind und man sich statt­des­sen nach etwas ande­rem umse­hen möge — Quick Freeze zum Bei­spiel. Wir sind ein Teil einer gan­zen zivil­ge­sell­schaft­li­chen Bewe­gung — und für die muss es jetzt hei­ßen: Wei­ter arbeiten!

Die ers­ten Ansätze dazu sind längst erkenn­bar: Mit dem deut­schen Gerichts­ur­teil steht das Thema auch wie­der auf der euro­päi­schen Agenda — umso mehr, als dass Schwe­den letz­tens erst eine Umset­zung der euro­päi­schen Richt­li­nie rund­her­aus abge­lehnt hat. Mei­nes Erach­tens sind die Kräfte mitt­ler­weile deut­lich anders ver­teilt als im Zeit­raum 2004 bis 2006, als die Richt­li­nie beschlos­sen und umge­setzt wurde:

  • Die Pro­ble­ma­tik ist mitt­ler­weile viel wei­ter in der Bevöl­ke­rung ange­kom­men, auch und gerade durch andere Gesetze und Vor­ha­ben wie die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­karte, ELENA oder die unsäg­li­chen Zensursulagesetze.
  • Die poli­ti­schen Füh­run­gen sind auch anders zusam­men­ge­setzt als damals, so regiert in Deutsch­land heute schwarz-​gelb anstatt der gro­ßen Koalition.
  • Auch die poli­ti­schen Struk­tu­ren sind andere, der mitt­ler­weile in Kraft getre­tene EU-​Vertrag von Lis­sa­bon gibt dem Euro­päi­schen Par­la­ment neue Kom­pe­ten­zen und Bestimmungsmöglichkeiten.
  • Und schließ­lich dürfte auch die Bewe­gung der Pira­ten­par­teien nicht ganz unschul­dig an den geän­der­ten Ver­hält­nis­sen sein: Im EU-​Parlament sit­zen bereits zwei Ver­tre­ter und — zum Bei­spiel — in Deutsch­land sehe ich auch ein wei­ter wach­sen­des Inter­esse und Zustim­mung zu uns als poli­ti­scher Kraft.

Vor die­sem Hin­ter­grund steht jetzt eine neue gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­ons­runde an: Brau­chen wir eine Vor­rats­da­ten­spei­che­rung? Wol­len wir eine Vor­rats­da­ten­spei­che­rung? Kön­nen wir uns die Vor­rats­spei­che­rung gesell­schaft­li­chen leis­ten? Hier bedarf es kla­rer Argu­mente und einer deut­lich ver­nehm­ba­ren Stimme. Mit dem heu­ti­gen Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts im Rücken war es mei­nes Erach­tens noch nie so ein­fach, die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung in Gänze vom Tisch zu fegen. Wir dür­fen nur nicht den Feh­ler machen, uns schmol­lend ins stille Käm­mer­lein zurück­zie­hen — oder uns in absei­ti­gen Gra­ben­kämp­fen zu verzetteln.

Vorratsdaten, Zensurgesetze und Nacktnasenwombats

Am Diens­tag wird das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sein Urteil in Sachen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung spre­chen und der Prä­si­dent hat — rau­nend wie ein „Lost”-Trailer — schon ein „Urteil mit Bedeu­tung für ganz Europa” ange­kün­digt. Die CDU-​FDP-​Koalition hin­ge­gen wagt einen aben­teu­er­li­chen Spa­gat zwi­schen der Inkraft­set­zung eines par­la­men­ta­risch beschlos­se­nen Geset­zes und einer Anwei­sung an die betrof­fene Behörde, die­ses nicht umzu­set­zen und lieb­äu­gelt dabei damit, irgend­wann heim­lich, still und leise die Nichtum­set­zung fal­len zu las­sen. Und mit einem Regu­lie­rungs­kon­zept auf Län­der­ebene, des­sen Wur­zeln aus der Vor-​Internet-​Ära stam­men, wird mal wie­der Hand an die freie Mei­nungs­äu­ße­rung gelegt.

Seufz

Ich kup­fere statt­des­sen mal ganz dreist beim Nig­ge­meier ab. Der hat sei­ner­seits Kiwis­pot­ting ver­linkt und dort ins­be­son­dere das herz­al­ler­liebste Video über die Nackt­na­sen­wom­bats. Ich wün­sche 4:45 Minu­ten ent­spannte Unter­hal­tung. Is’ doch Weih­nach­tenSonn­tag. ;-)

Aaron, die Piraten, der Iran und das Atom (2) — An die Piratenpartei

Liebe Pira­ten­par­tei,

seit ges­tern nach­mit­tag fühle ich mich bei uns mal wie­der an einen Kin­der­gar­ten erinnert.

Da schreibt Aaron König, Mit­glied des Bun­des­vor­stan­des, in sei­nem Blog über die poli­ti­sche Lage im Iran und die Mög­lich­keit der ato­ma­ren Bewaff­nung. Aaron kommt zum Schluss, dass ein prä­ven­ti­ver Mili­tär­schlag gegen die ira­ni­sche Atom­tech­nik ange­zeigt wäre:

Auch wenn ich nor­ma­ler­weise Krieg für kein geeig­ne­tes Mit­tel der Poli­tik halte: dies ist einer der sel­te­nen Fälle, in denen der gezielte Ein­satz mili­tä­ri­scher Mit­tel, näm­lich die Zer­stö­rung der ira­ni­schen Nukle­ar­an­la­gen, einen weit grö­ße­ren Scha­den ver­mei­den könnte. […] Durch gezielte Schläge gegen die ira­ni­schen Atom­an­la­gen muss der Wes­ten jetzt den Macht­ha­bern in Tehe­ran zei­gen, dass wir uns von ihnen nicht län­ger auf der Nase her­um­tan­zen lassen.

Ich halte diese Mei­nung für falsch und habe das in einem eige­nen Blo­g­ar­ti­kel auch schon begrün­det. Auch viele von euch haben so ihre Pro­bleme mit die­sen Äuße­run­gen. Das ist auch gut und rich­tig. Aber wie sich diese Kri­tik in den Mai­ling­lis­ten, auf Twit­ter oder in ein­zel­nen Blogs ent­lädt, das ist abso­lut unfass­bar. Da wird mit der Flamme der Empö­rung auf einem abso­lut unter­ir­di­schen Niveau gear­bei­tet und jed­we­des ratio­nale Argu­men­tie­ren unmög­lich gemacht.

Ich möchte hier mal auf die­je­ni­gen The­sen und Argu­mente ein­ge­hen, die ich für den größ­ten Quatsch halte:

  • Aaron for­dert einen Angriffs­krieg. Genau das macht er nicht. Aaron schreibt von „geziel­ten Mili­tär­schlä­gen” gegen klar umris­sene und benannte Ziele. Das muss man nicht unter­stüt­zen, das muss man nicht gut fin­den (finde ich auch nicht…), aber hier geht es nicht um einen Angriffs­krieg. Diese Voka­bel wird in der Dis­kus­sion viel zu leicht­fer­tig ver­wen­det, weil auf diese Weise letzt­lich der Unter­schied zwi­schen bei­dem ver­wischt und ein­ge­eb­net wird. Und die Tat­sa­che, dass einige Prot­ago­nis­ten genau das wol­len („Jede Mili­tär­ak­tion die­ser Art ist ein Angriffs­krieg”) macht’s nicht besser.
  • Aaron darf in sei­nem Blog keine Pri­vat­mei­nung äußern, weil er Vor­stand ist. Das ist nach mei­nem Dafür­hal­ten wohl der größte Blöd­sinn, mit dem Aaron ange­gan­gen wird. Das muss man sich mal auf der Zunge zer­ge­hen las­sen: Genau die Pira­ten­par­tei, die für Mei­nungs­frei­heit und eine offene bürgerlich-​demokratische Grund­ord­nung ein­tritt, ver­bie­tet ihren Reprä­sen­tan­ten den Mund, auf dass sie nur noch die „offi­zi­elle Par­tei­mei­nung” kund­tun sol­len. Hallo?!? Geht’s noch? Abge­se­hen davon, dass mir nicht klar ist, wie eine sol­che „Par­tei­mei­nung” sich wohl ermit­teln ließe, halte ich die dahin­ter­ste­hende Atti­tüde gera­dezu für eine Unver­schämt­heit: Natür­lich soll sich auch ein Vor­stand eigen­stän­dig zu poli­ti­schen Fra­gen äußern. Ich erwarte das gera­dezu, weil ich wis­sen will, wie die Leute ticken, denen ich meine Stimme gege­ben habe — oder auch nicht. Wie kurz­sich­tig muss man eigent­lich sein um ernst­haft zu argu­men­tie­ren: „Ich hab’ den gewählt, der darf jetzt nur noch sagen was ich denke.” Sorry, aber das geht gar nicht.
  • Aaron scha­det der Pira­ten­par­tei. Indem er pri­vat eine Mei­nung äußert, die dann von Kom­men­ta­to­ren nicht geteilt wird? Bei allem Respekt, aber hier wird doch wohl der Bock zum Gärt­ner gemacht. Grund­la­gen und Ziele der Pira­ten­par­tei defi­nie­ren allein Doku­mente wie die Sat­zung oder das Par­tei­pro­gramm. Wenn jemand Aarons per­sön­li­che Äuße­run­gen mit die­sen ver­mischt, gehört er auf die­sen Feh­ler hin­ge­wie­sen aber nicht seine Ver­dre­hung der Tat­sa­chen als Fakt in die inner­par­tei­li­che Dis­kus­sion über­nom­men. Wir dür­fen nicht den Feh­ler machen, uns von irgend­wel­chen Fefes oder Pan­tof­fel­punks übers Feld trei­ben zu lassen.
  • Aaron muss zurück­tre­ten oder vom Vor­stand aus­ge­schlos­sen wer­den. Das wäre so ziem­lich das Schlech­teste was pas­sie­ren könnte. Das Signal wäre ein­deu­tig: Wenn du in der Pira­ten­par­tei deine Mei­nung zu laut sagst oder klei­nen aber laut­star­ken Grup­pen in der Par­tei nicht passt, dann wirst du abge­sägt. Sowas würde genau jenes Duck­mäu­ser­tum und Nach-​dem-​Mund-​reden för­dern, das mich an ande­ren Par­teien so abge­sto­ßen und zu den Pira­ten gebracht hat. Es würde die Grund­lage die­ser Par­tei ins Wan­ken brin­gen — dass wir näm­lich für einen neuen Poli­tik­stil antre­ten. Etwas ganz ande­res wäre es, wenn Aaron beim nächs­ten Par­tei­tag anträte und nicht wie­der gewählt würde. Das wäre dann ein kla­res Zei­chen, dass seine Ansich­ten nicht kon­sens­fä­hig sind und die Mehr­heit der Pira­ten sich nicht von ihm ver­tre­ten las­sen will. Aber hier und jetzt nach Straf­ak­tio­nen und Par­tei­aus­schluss zu rufen — nein danke!

Der ganze Streit zeigt mei­nes Erach­tens ein ande­res Pro­blem: Zumin­dest in Tei­len der Pira­ten­par­tei sind innere Struk­tu­ren höchst ver­pönt. Alle sol­len glei­che Rechte und Pflich­ten haben, alle sol­len gleich­ar­tig mit­re­den, nie­mand soll mehr Gehör fin­den als „alle ande­ren”. Das geht aber nur, wenn stets alle das glei­che wol­len und das glei­che den­ken. Und genau das funk­tio­niert nicht.

Eine poli­ti­sche Par­tei braucht „Expo­nen­ten”. Sie braucht Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten, die Mei­nun­gen und Ansich­ten arti­ku­lie­ren und in die Par­tei tra­gen. Auch dann, wenn sich daran eine kon­tro­verse Dis­kus­sion ent­zün­det. Nur sol­che Kon­tro­ver­sen brin­gen uns wei­ter. Beden­ken wir: Wenn wir nicht kon­tro­vers zu vie­len von den „eta­blier­ten” Par­teien getra­ge­nen poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen wären, dann gäbe es nicht die Pira­ten­par­tei. Und auch die Pira­ten­par­tei wird sich nur wei­ter ent­wi­ckeln, wenn sie sich stets selbst hin­ter­fragt. Das, was sich momen­tan auf den Par­tei­me­dien abspielt, ist aller­dings kein Hin­ter­fra­gen, son­dern wüten­des Pole­mi­sie­ren gegen jeden Gedan­ken, der nicht ins eigene Welt­bild passt. So gese­hen sind einige Pira­ten kon­ser­va­ti­ver als ein ober­bay­ri­scher CSU-​Dorfverband.

Die künst­li­chen Auf­ge­regt­hei­ten um Aarons Blog hel­fen nicht. Sie för­dern höchs­tens bei den Reprä­sen­tan­ten der Par­tei einen Hang zu mög­lichst gro­ßer inhalt­li­cher Belie­big­keit, um nur ja nir­gends anzu­ecken. Das aber machte die Pira­ten­par­tei lang­fris­tig noch flüs­si­ger als die Kon­senz­soße, in der sie lang­sam unter­ginge: Sie würde überflüssig.

Viele Grüße,
Dirk
(der froh ist, kei­ner­lei Amt innezuhaben)