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Pi­ra­ten un­ter­wegs – Das so­ge­nannte Leis­tungs­schutz­recht

Vor kur­zem hatte ich hier ja be­reits über mein neues Pro­jekt „Pi­ra­ten un­ter­wegs“ ge­schrie­ben, das ich zu­sam­men mit Rei­ner Bud­nick von den han­no­ver­schen Pi­ra­ten aus der Taufe ge­ho­ben habe. Ich möchte hier noch­mal dar­auf hin­wei­sen, weil die neue Folge sich mit ei­nem ab­so­lut über­re­gio­na­len Thema be­schäf­tigt: Dem so­ge­nann­ten „Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger“. Wir stel­len die Pro­ble­ma­tik darin mög­lichst all­ge­mein­ver­ständ­lich dar und ver­su­chen her­aus­zu­ar­bei­ten, wo die be­son­de­ren Pro­bleme die­ser Über­le­gun­gen zu ei­nem Ge­setz­ent­wurf lie­gen.

Wir freuen uns über Be­su­cher und über jede Form von Rück­mel­dung!

Gehe zum Bei­trag auf „Pi­ra­ten un­ter­wegs“

Dirk und Reiner diskutieren über das sogenannte Leistungsschutzrecht

Dirk und Rei­ner dis­ku­tie­ren über das so­ge­nannte Leis­tungs­schutz­recht

Der zweite Tod des Lo­riot: Von der Bank­rott­er­klä­rung des Ur­he­ber­rechts

Am 22. Au­gust 2011 starb Vicco von Bü­low, bes­ser be­kannt als Lo­riot. Von Bü­lows Ein­fluss auf die Po­pu­lär­kul­tur der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in den letz­ten 40 Jah­ren ist er­heb­lich: Be­griffe wie „Jo­del­di­plom“ oder Re­de­wen­dun­gen wie „Die Ente bleibt drau­ßen!“ sind in die deut­sche Um­gangs­spra­che ein­ge­gan­gen und sein fil­mi­sches und li­te­ra­ri­sches Werk sind wei­ten Tei­len der Be­völ­ke­rung ge­läu­fig.

Die­ser Tage stirbt Lo­riot ei­nen zwei­ten Tod. Ab­zu­se­hen war dies be­reits vor ei­ni­gen Ta­gen, als Heise On­line ver­mel­dete, die Lo­riot-Er­ben hät­ten die Wi­ki­pe­dia we­gen der Ab­bil­dung von Brief­mar­ken mit ty­pi­schen Lo­riot-Mo­ti­ven ver­klagt. Nun hat die Lin­küber­wa­chung mei­nes Blog bei mei­nem Link auf eine Youtube-Ver­öf­fent­li­chung der „Weih­nach­ten bei Hop­pen­stedts“ zu­ge­schla­gen. Und in der Tat sieht der ge­neigte Be­trach­ter nun nur noch dies:

Weihnachten bei Hoppenstedts: In die Röhre geschaut

Weih­nach­ten bei Hop­pen­stedts: In die Röhre ge­schaut

Wir wer­den hier Zeuge der de­sas­trö­sen Aus­wir­kun­gen un­se­res ak­tu­el­len Ur­he­ber­rechts­re­gimes auf die kul­tu­relle Welt un­se­res Lan­des. Ein­zelne, am Ent­ste­hungs­pro­zess weit­ge­hend Un­be­tei­ligte, ent­zie­hen der Ge­sell­schaft Grund­la­gen ih­res kul­tu­rel­len Wis­sens­schat­zes – le­gal und un­ter An­wen­dung äu­ßerst re­strik­ti­ver ju­ris­ti­scher Werk­zeuge. Ich un­ter­stelle mal, dass dies aus wirt­schaft­li­chen In­ter­es­sen ge­schieht. Und das macht die Sa­che völ­lig zur Farce. Denn: Dass ein wirt­schaft­li­ches In­ter­esse an den in­kri­mi­nier­ten In­hal­ten be­steht, ist ja über­haupt nur eben­die­ser Ge­sell­schaft zu ver­dan­ken, die sich da­für in­ter­es­siert.

Schwie­rig zu ver­ste­hen? Ich ver­su­che es noch­mal an­ders herum: Ein Künst­ler schafft ein Werk. Er macht dies öf­fent­lich, um In­ter­esse zu we­cken und – üb­li­cher­weise – ei­nen wirt­schaft­li­chen Wert zu schaf­fen. Die­ser tritt ein, wenn es tat­säch­lich Men­schen gibt, die sich für das Werk in­ter­es­sie­ren. Dar­auf­hin ist es dem Künst­ler oder auch ei­nem be­rech­tig­ten Drit­ten mög­lich, der nun­mehr in­ter­es­sier­ten Öf­fent­lich­keit das Werk wie­der zu ent­zie­hen und mit ri­gi­des­ten Rechts­mit­teln ge­gen die wei­tere Öf­fent­lich­keit des Wer­kes vor­zu­ge­hen. Und Lo­riot ist kein Ein­zel­fall: Wer er­in­nert sich noch an das in­fan­tile „Schnappi“-Krokodil? Wie war das mit den Harry-Pot­ter-Fans, die nach den sen­sa­tio­nel­len Ver­kaufs­er­fol­gen plötz­lich ju­ris­ti­schem Sperr­feuer aus­ge­setzt wa­ren?

Fühlt sich hier noch wer für dumm ver­kauft?

Es mag vie­len von uns nicht be­wusst sein, aber die „west­li­che Welt“ hat in den ver­gan­ge­nen 50 Jah­ren ei­nes der re­pres­sivs­ten, öf­fent­lich­keits­feind­lichs­ten und ins­ge­samt kul­tur­schäd­lichs­ten Ur­he­ber­rechts- und Ver­wer­tungs­re­gime der Mensch­heits­ge­schichte in­stal­liert. Nur so sind Me­cha­nis­men wie die oben ge­schil­der­ten durch­setz­bar – zum Scha­den al­ler Be­tei­lig­ten. Kul­tu­relle Werke kön­nen auf Zu­ruf der Öf­fent­lich­keit ent­zo­gen wer­den, ein In­ter­es­sens­aus­gleich für eben diese Öf­fent­lich­keit – die durch ihr In­ter­esse ja über­haupt erst eine Grund­lage für die Re­le­vanz des Kul­tur­guts ge­schaf­fen hat – fin­det nicht statt. Er­staun­lich, dass der­lei Trei­ben so un­wi­der­spro­chen in Öf­fent­lich­keit und Po­li­tik bleibt.

Als Pi­rat (in der 2. Be­deu­tung des Wor­tes) werde ich häu­fi­ger auf un­sere Po­si­tio­nen zum Ur­he­ber­recht an­ge­spro­chen. „Ihr wollt ja, dass alle al­les ko­pie­ren kön­nen, wo­von sol­len die Künst­ler denn le­ben?“ be­komme ich dann mit leicht vor­wurfs­vol­lem Ton­fall zu hö­ren. Ich ant­worte dann stets, dass Pi­ra­tens eben nicht die völ­lige Ab­schaf­fung von Ur­he­ber­recht und Wert­schöp­fung for­dern. Aber die Waage zwi­schen den ver­schie­de­nen An­sprü­chen muss neu aus­ta­riert wer­den. Der Ge­sell­schaft sind im mo­men­ta­nen Sys­tem alle Rechte an ih­ren ei­ge­nen kul­tu­rel­len Wur­zeln ge­nom­men. Das pas­siert des­halb, weil so­ge­nannte Schutz­rechte in völ­lig aus­geufer­ter Weise er­teilt und durch­ge­setzt wer­den. Ge­rade vor dem Hin­ter­grund der tech­ni­schen Ent­wick­lung der letz­ten 20 Jahre muss es hier zu ei­ner Kor­rek­tur zu Las­ten der so­ge­nann­ten Rech­te­inha­ber zu Guns­ten der All­ge­mein­heit kom­men. Und das be­deu­tet:

  • Mas­sive Kür­zung von Schutz­fris­ten an kul­tu­rel­len Wer­ken
  • Schutz­zeitori­en­tie­rung am Ent­ste­hungs- oder Ver­öf­fent­lich­keits­zeit­punkt des Wer­kes, nicht am Tod des Werk­schaf­fen­den
  • Vor­zei­ti­ges Er­lö­schen von Schutz­rech­ten mit dem Tod des Werk­schaf­fen­den
  • Keine Aus­wei­tung von Schutz­rechts­an­sprü­chen, zum Bei­spiel durch ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger
  • Un­ter­schei­dung von kom­mer­zi­el­ler und nicht-kom­mer­zi­el­ler Nut­zung ei­nes Wer­kes
  • Ab­schaf­fung von Be­weis­last­um­kehr­me­cha­nis­men wie der völ­lig über­hol­ten „GEMA-Ver­mu­tung
  • All­ge­meine För­de­rung von al­ter­na­ti­ven Li­zenz­mo­del­len wie „Crea­tive Com­mons“ durch ver­stärkte Nut­zung durch öf­fent­li­che Stel­len

Lo­riot ist tot. Für ihn ist der Hick-Hack um sein Werk nicht mehr re­le­vant. Wir als Ge­sell­schaft se­hen uns jetzt Ver­wer­ten sei­nes Wer­kes ge­gen­über, de­nen es – so stellt es sich für mich dar – nicht um die Kul­tur, son­dern um ihre Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen geht. Das kann man ih­nen, so fair muss man sein, gar nicht wirk­lich an­las­ten. Denn der Feh­ler liegt in ei­nem Sys­tem, das sol­ches Vor­ge­hen über­haupt erst er­mög­licht.

Und das müs­sen wir än­dern!

In­itia­tive ge­gen ein Leis­tungs­schutz­recht – Mit­ma­chen!

Seit heute nacht ziert mein Blog ein neues Logo: Ich ver­weise auf „IGEL“, die „In­itia­tive ge­gen ein Leis­tungs­schutz­recht„. Un­ter dem Be­griff „Leis­tungs­schutz­recht“ ver­sucht ein grö­ße­rer Teil der deut­schen Ver­lage seit etwa ei­nem Jahr, die Po­li­tik zu ei­nem spe­zi­el­len Schutz­recht für on­line ver­öf­fent­lichte Ver­lags­in­halte zu tra­gen. Die Wie­der­gabe von Ver­lags­in­hal­ten im In­ter­net soll da­bei stark ein­ge­schränkt und von Ge­büh­ren­zah­lun­gen ab­hän­gig ge­macht wer­den. Wie diese Pläne mit dem Ur­he­ber­recht der Au­to­ren, vor al­lem aber mit so fun­da­men­ta­len Din­gen wie dem Zi­tat­recht ein Ein­klang ge­bracht wer­den sol­len – auf diese Fra­gen blei­ben die Be­für­wor­ter bis­lang eine schlüs­sige Ant­wort schul­dig. Ich halte diese Ideen für eine grö­ßere Ge­fahr für un­sere Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit als Vor­rats­da­ten und Zen­sur­sula zu­sam­men. Ich habe mir fest vor­ge­nom­men, dazu auch noch­mal mehr zu schrei­ben. Im Mo­ment bleibt es erst­mal bei dem Ver­weis auf die Web­seite der In­itia­tive und bei dem Auf­ruf: Macht mit! Stellt das Ban­ner auf eure Sei­ten. Zeigt Flagge!

Quo va­dis Ur­he­ber­recht? – Zur „Ber­li­ner Rede“ der Jus­tiz­mi­nis­te­rin, Teil 2

Fort­set­zung des von Teil 1 vom Frei­tag

Be­trach­ten wir vor dem Hin­ter­grund der Rede der Jus­tiz­mi­nis­te­rin die ge­samte Pro­ble­ma­tik noch­mal aus ei­nem an­de­ren Blick­win­kel:

Der Ur­he­ber ei­nes Wer­kes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht ver­wen­det bzw. re­zi­piert wird. Dies ist aber ein so­zia­ler und in­ter­ak­ti­ver Pro­zess, den der Ur­he­ber (und auch even­tu­elle Ver­mitt­ler wie z.B. Ver­le­ger) schlech­ter­dings gar nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann. Die wie ein Man­tra die ganze Rede durch­zie­hende Aus­sage „Der Rech­te­inha­ber ent­schei­det, was pas­siert“ ist letzt­lich eine Täu­schung. Ei­gent­lich ent­schei­den näm­lich die Emp­fän­ger, ob ih­nen ein Werk wich­tig ist oder nicht und da­mit geht im­mer eine Be­schäf­ti­gung mit dem Werk ein­her. Im Ge­setz fin­den sich nicht um­sonst die Schran­ken des Ur­he­ber­rechts, das Zi­tat­recht oder die Pan­ora­ma­f­rei­heit.

Dass da­mit auch so man­che Ur­he­ber ihre Pro­bleme ha­ben, zeig­ten üb­ri­gens die „ein­füh­ren­den Worte“ von Ul­rich Wi­ckert, der nicht nur er­staun­lich alt ge­wor­den ist, son­dern seine Rede auch recht scham­los als Wer­be­ver­an­stal­tung für ir­gend­ein von ihm ge­schrie­be­nes neues Buch nutzte. Er er­zählte ent­rüs­tet, wie ihm ein Le­ser nach Lek­türe ei­nes sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Werke ein al­ter­na­ti­ves Ende zu­schickte. Das, so Wi­ckert, sei an­ma­ßend: „Mein Werk ge­hört mir.“ Ich finde diese At­ti­tüde au­ßer­or­dent­lich ar­ro­gant. Nie­mand for­dert von Herrn Wi­ckert, dass er seine Bü­cher um­schreibt, aber der­ar­tig hin­ge­bungs­volle Le­ser dem Pu­bli­kum als Stö­ren­friede der ei­ge­nen Voll­kom­men­heit zu prä­sen­tie­ren – das geht ja mal gar nicht.

Ge­nau diese Denke ist es aber, die vie­ler­orts im Ur­he­ber­recht vor­herrscht. Im­mer will ir­gend­je­mand seine ver­meint­li­chen per­sön­li­chen An­sprü­che ge­si­chert wis­sen. Da­bei ent­steht sämt­li­cher Wert ei­nes li­te­ra­ri­schen, mu­si­schen oder an­der­wei­ti­gen nicht-ma­te­ri­el­len Wer­kes erst durch die ge­sell­schaft­li­che Auf­nahme und Ver­wen­dung. So ge­se­hen liegt es im ur­ei­gens­ten In­ter­esse der Werk­schaf­fen­den, dass die All­ge­mein­heit seine Werke ad­äquat nut­zen kann. Dass sich die Ar­ten der Nut­zung mit der ga­lop­pie­ren­den tech­ni­schen Ent­wick­lung auch ver­än­dern, liegt in der Na­tur der Sa­che. Dies ei­ner­seits durch­aus an­zu­er­ken­nen, dann aber an­de­rer­seits bei den ent­spre­chen­den Ge­set­zen vor ei­ner an­ge­mes­se­nen Um­set­zung zu­rück­zu­zu­cken, bringt im End­ef­fekt gar nichts. Es ist so­gar kon­tra­pro­duk­tiv, wenn im Rah­men die­ses Krebs­gan­ges am Ende Murks­ge­setze wie ein „Leis­tungs­schutz­recht“ her­aus­kom­men.

Es gibt ei­nen letz­ten As­pekt der „Ber­li­ner Rede zum Ur­he­ber­recht“, der mir wich­tig er­scheint: Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger ar­bei­tet im­mer wie­der auf ei­nen all­ge­mei­nen Ge­gen­satz zwi­schen dem Ur­he­ber­recht und der „di­gi­ta­len Welt“ hin. „Di­gi­tal Na­ti­ves“ wer­den da zu ra­di­ka­len Geg­nern ur­he­ber­recht­li­cher Re­ge­lun­gen, die ein­fach al­les für alle frei­ge­ben und sich nicht um Ge­setze sche­ren wol­len. Da­für zi­tiert sie so­gar – man höre und staune – die Pi­ra­ten­par­tei, die „die Auf­he­bung künst­li­cher Ver­knap­pun­gen“ for­dere und nimmt dies als Be­leg für die ge­ne­relle Ab­leh­nung des Ur­he­ber­rechts.

Mit Ver­laub, Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger, aber das ist Quark. Die „künst­li­chen Ver­knap­pun­gen“ sind das, was die Ver­mitt­ler ver­zwei­felt ver­su­chen zu hal­ten, um wei­ter­hin eine Rolle spie­len zu kön­nen. An­sons­ten ma­chen nicht nur wir, son­dern alle Werk­schaf­fen­den in der di­gi­ta­len Welt sich sehr viele Ge­dan­ken über das Ur­he­ber­recht. Nicht um­sonst ist in den letz­ten 15 Jah­ren eine ganze Klasse neuer Li­zenz­mo­delle ent­stan­den und mehr als ein­mal hat es da Knatsch we­gen wi­der­recht­li­cher Nut­zung ge­ge­ben. Es ist näm­lich auch eine Wahr­heit, dass ge­rade die Ver­le­ger und Ver­mitt­ler zwar laut schreien, wenn sie ihre über­kom­me­nen Pri­vi­le­gien in Ge­fahr se­hen, es gleich­zei­tig aber mit den Rech­ten an­de­rer nicht allzu ge­nau neh­men. Be­richte über nicht li­zenz­ge­rechte Über­nah­men – man könnte schlicht „Ab­schrei­ben ohne Quel­len­an­gabe“ nen­nen – von Wi­ki­pe­diaar­ti­keln oder an­de­ren CC- oder GFDL-li­zen­zier­ten Wer­ken sind längst Le­gion.

Wo­hin treibt nun das Ur­he­ber­recht? Die Ver­an­stal­tung am Mon­tag war der Auf­takt ei­nes mehr­mo­na­ti­gen Pro­zes­ses, der ver­schie­dene An­hö­run­gen brin­gen wird und schließ­lich in ei­nem Ge­set­zes­ent­wurf für ei­nen „Drit­ten Korb“ zur Än­de­rung des Ur­he­ber­rechts mün­den soll. Dass das ak­tu­elle Ur­he­ber­recht mit sei­nen mitt­ler­weile ex­tre­men Ein­schrän­kun­gen der Nutz­bar­keit kul­tu­rel­ler Werke stark ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist, steht au­ßer Frage. Ich sehe al­ler­dings die Ge­fahr, dass die­ser Ge­set­zes­pro­zess auch zu ei­nem noch re­strik­ti­ve­ren Recht füh­ren kann, wenn er nicht ge­eig­net be­glei­tet wird. Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger war mit den In­hal­ten ih­rer Rede teil­weise wie der viel­zi­tierte Pud­ding, der sich nicht an die Wand na­geln lässt. Im Zwei­fels­fall be­deu­tet das nichts Gu­tes, wenn es darum geht, den viel­fäl­ti­gen Lob­by­grup­pen im Na­men der All­ge­mein­heit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Ge­nau das er­warte ich aber von ei­ner Bun­des­mi­nis­te­rin.

Quo va­dis Ur­he­ber­recht? – Zur „Ber­li­ner Rede“ der Jus­tiz­mi­nis­te­rin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Ber­li­ner Rede zum Ur­he­ber­recht“ ge­hal­ten, un­sere Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin. Den Re­de­text gibt es on­line und Kom­men­tare und Zu­sam­men­fas­sun­gen dazu zum Bei­spiel bei Heise On­line oder Te­le­po­lis. Auch ich habe am Mon­tag in der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie ge­ses­sen und ih­ren Aus­füh­run­gen ge­lauscht.

Bei mir hin­ter­lässt die Rede von Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger ei­nen sehr zwie­späl­ti­gen, letzt­lich aber ne­ga­ti­ven Ein­druck. Ei­ner­seits war die Rede ge­spickt mit Aus­füh­run­gen, die so auch auf ei­nem be­lie­bi­gen Par­tei­tag der Pi­ra­ten­par­tei Sze­nen­ap­plaus be­kom­men hät­ten. Die Mi­nis­te­rin hat das In­ter­net als ge­sell­schaft­li­che Re­vo­lu­tion be­zeich­net, Wis­sen und In­for­ma­tion seien viel bes­ser und schenl­ler ver­füg­bar, aber auch viel ein­fa­cher und di­rek­ter er­zeug­bar ge­wor­den. Der krea­tive Mensch muss im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht der Ver­wer­ter. Bei der di­gi­ta­len Re­vo­lu­tion müs­sen wir die Chan­cen se­hen und nicht im­mer nur auf die Ri­si­ken star­ren.

All dies sind Aus­sa­gen, die ich ohne wenn und aber un­ter­stütze. Und es tat gut, das mal so klar und deut­lich aus dem Mund ei­nes Bun­des­mi­nis­ters zu hö­ren. Aber was nüt­zen die schöns­ten Worte, wenn sie nicht kon­se­quent zu Ende ge­dacht wer­den? Und ge­nau das pas­siert nicht! Statt­des­sen kommt es im­mer wie­der zu ar­gu­men­ta­ti­ven Ha­ken­schlä­gen, die all die schö­nen Ein­sich­ten Ma­ku­la­tur wer­den las­sen.

Da er­wähnt die Mi­nis­te­rin mehr­fach, dass sich die ana­loge Zeit nicht ins Di­gi­tale über­tra­gen lässt. Da for­mu­liert sie ex­pli­zit, dass das Recht keine über­hol­ten Ge­schäfts­mo­delle schüt­zen darf. Und je­des Mal denke ich mir: „Cool, wie­der eine Breit­seite ge­gen die­ses idio­ti­sche ‚Leis­tungs­schutz­recht‘.“ Und dann das: Wenn Ver­mitt­ler Leis­tun­gen er­brin­gen, dann muss diese Leis­tung ge­schützt wer­den, zum Bei­spiel Zei­tungs­ver­le­ger. Und ex­pli­zit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger ge­ben soll, son­dern wie die­ses aus­sieht.“

Das ist aus­ge­spro­chen übel. Bis heute gibt es keine ein­zige mir be­kannte neu­trale In­stanz, die auch nur for­mu­lie­ren könnte, wie ein „aus­ge­wo­ge­nes Leis­tungs­schutz­recht“ aus­se­hen könnte. Weil es ein sol­ches schlicht nicht gibt! Der ein­zige et­was kon­kre­tere Text, je­ner Ent­wurf von sei­ten der Ver­le­ger, ist eine An­samm­lung von ten­den­ziö­sen Re­geln, die der klei­nen, in der heu­ti­gen Zeit zu­nehe­mend un­wich­ti­ger wer­den­den ge­sell­schaft­li­chen Gruppe von Ver­le­gern, ihre Pfründe auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und der Werk­schaf­fen­den si­chern und sie so­gar aus­bauen soll. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, über­kom­mene Ge­schäfts­mo­delle ge­gen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen. Es ist die Text ge­wor­dene An­ti­these zu al­lem, was die Mi­nis­te­rin im Ur­he­ber­recht vor­geb­lich er­rei­chen will.

Wie ernst kann man vor dem Hin­ter­grund die ge­sam­ten Aus­füh­run­gen vom Mon­tag neh­men? Wir sol­len „mehr auf die Mög­lich­kei­ten als auf die Ri­si­ken schauen“? Ja, aber! Das Ur­he­ber­recht „schützt den Ur­he­ber“? Ja, aber! Keine „Schon­räume für ab­ge­lau­fene Ge­schäfts­mo­delle“? Ja, aber! All die hee­ren Grund­sätze gel­ten of­fen­sicht­lich nur, so­lange keine Lob­by­gruppe et­was an­de­res will.

Zu Recht zeiht Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger das Ur­he­ber­recht über­bor­den­der Kom­ple­xi­tät und zi­tiert da­bei so­gar Li­nus Tor­valds. Aber dann zieht sie Leis­tungs­schutz­rechts­ka­nin­chen aus dem Zy­lin­der, die ir­gend­wie „die Ver­le­ger schüt­zen“, gleich­zei­tig aber Link- und Zi­tat­frei­heit er­hal­ten sol­len. Zum ei­nen er­höht dies die Kom­ple­xi­tät der so­wieso schon kom­ple­xen Ge­set­zes­land­schaft wei­ter und zum an­de­ren steht die­ser ge­samte An­satz in voll­stän­di­gem Ge­gen­satz zu dem, was die Mi­nis­te­rin im­mer wie­der be­tont: Dass das Ge­setz den Ur­he­ber schüt­zen soll. Ein wie auch im­mer ge­ar­te­tes Leis­tungs­schutz­recht wird aber ge­nau die­sen Schutz wei­ter aus­he­beln, es be­schnei­det die Mög­lich­kei­ten des Ur­he­bers mas­siv zu Guns­ten ir­gend­wel­cher Ver­le­ger und dass der All­ge­mein­heit an­schlie­ßend auf eine ver­krüp­pelte Weise sein Werk wei­ter zur Ver­fü­gung steht, nützt ihm, dem Ur­he­ber, auch nichts.

Wei­ter geht’s mit Teil 2 am Mon­tag