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Unerträgliche Leichtigkeit: Matthias Güldner versteht den Rechtsstaat falsch

Ich muss mal wie­der eine Poli­ti­ke­r­äu­ße­rung in die­sem schö­nen Blog auf­grei­fen. Dies­mal vom Vor­sit­zen­den der Frak­tion der Grü­nen in der Bür­ger­schaft in Bre­men, Mat­thias Güld­ner. Herr Güld­ner äußerte sich am gest­ri­gen Sonn­tag (in einem mitt­ler­weile nicht mehr online ver­füg­ba­ren Arti­kel) in der Welt zum Thema Inter­net­sper­ren. Inter­es­sant ist dabei die Ein­stel­lung, die er zur poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung all­ge­mein an den Tag legt:

Es geht [bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Inter­net­sper­ren] viel­mehr knall hart [sic!] um Defi­ni­ti­ons­macht in Zei­ten der Vir­tua­li­sie­rung der Welt. Ihre Anhän­ger kämp­fen mit hoch effek­ti­ven Mit­teln für die Rechts­frei­heit ihres Raumes.

Eine fal­sche Behaup­tung und eine üble Unter­stel­lung. Bei der gan­zen Netz­sper­ren­dis­kus­sion geht es nicht um „Defi­ni­ti­ons­macht”. Es geht um die Frei­heit des Ein­zel­nen und die ver­fas­sungs­wid­rige Ein­füh­rung staat­li­cher Zen­sur, zumal noch im Gehei­men und unüber­prüf­bar. Dann wäre das Inter­net näm­lich der viel­be­schwo­rene „rechts­freie Raum”, in dem der Staat ohne Rück­sicht auf die demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung Infor­ma­tio­nen belie­big unter­drü­cken und Mei­nungs­kon­trolle betrei­ben kann. Herr Güld­ner hat offen­sicht­lich über­haupt nicht ver­stan­den, wie Kom­mu­ni­ka­tion heute funk­tio­niert und mit welch ein­fa­chen Mit­teln sie sich aus­he­beln lässt.

Wer sich in ihre Schein­welt ein­mi­schen will, wird mit Mas­sen­pe­ti­tio­nen per Maus­klick weggebissen.

Aha. Das hält der Herr Güld­ner also von demo­kra­ti­scher Mei­nungs­äu­ße­rung und Mit­be­stim­mung. Ein erschre­cken­des Welt­bild. Aller­dings passt dazu, dass er hier geheime Sperr­lis­ten befür­wor­tet und auch ansons­ten mehr­mals in sei­nem Text die Grenze zur wüs­ten Pole­mik deut­lich überschreitet.

Wer Ego-​Shooter für Unter­hal­tung, Face­book für rea­les Leben, wer Twit­ter für reale Poli­tik hält, scheint davon aus­zu­ge­hen, dass Gewalt keine Opfer in der Real­welt for­dert. Anders kann die igno­rante Argu­men­ta­tion gegen die Inter­net­sper­ren gar nicht erklärt werden.

Igno­rant ist hier höchs­tens die­ser Ver­such einer Argu­men­ta­tion. Jeder ein­zelne Absatz auf der Web­seite des AK Zen­sur ist fun­dier­ter als ein kom­plet­ter Vor­trag jedes ein­zel­nen Netz­sper­ren­be­für­wor­ters. Neben der Frei­heit der Kom­mu­ni­ka­tion ist ein zen­tra­les Anlie­gen der Netz­sper­ren­geg­ner der Opfer­schutz. Die gera­dezu kin­des­miss­brauch­be­schüt­zen­den Aus­wir­kun­gen des Zen­sur­ge­set­zes sind ja einer der Haupt­kri­tik­punkte der­je­ni­gen, die Ahnung von der Mate­rie haben.

Auch wird behaup­tet, das Gesetz nütze nichts gegen Kin­der­por­no­gra­phie. Jeder weiß, dass es kein All­heil­mit­tel ist. Aber in Skan­di­na­vien wur­den schon posi­tive Erfah­run­gen mit ver­gleich­ba­ren Geset­zen gemacht.

Genau! In Finn­land ist zum Bei­spiel schon 2008 sehr posi­tiv auf­ge­fal­len, dass etwa 99% der Inhalte der Sperr­lis­ten nichts mit Kin­der­por­no­gra­fie zu tun hat­ten (eng­lisch­spra­chige Ori­gi­nal­quelle). Das klingt nach einem her­vor­ra­gen­den Mecha­nis­mus. Anschlie­ßend haben übri­gens 12.000 begeis­terte Fin­nen eine von die­sen bösen Mas­sen­pe­ti­tio­nen unter­schrie­ben, die den Rück­tritt der Minis­te­rin forderten.

Ich habe mich an die­ser Stelle gefragt, warum Mat­thias Güld­ner die­sen und ande­ren — mit Ver­laub — Quatsch schreibt. Die Ant­wort lie­fert der letzte Absatz sei­nes Pamphlets:

Teile der Grü­nen – fas­zi­niert von den Mög­lich­kei­ten der vir­tu­el­len Mobi­li­sie­rung und hin­ge­ris­sen von ihrem eige­nen Get­wit­ter – erken­nen, dass unsere Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen eine hohe Affi­ni­tät zu Men­schen­rechts­fra­gen haben, erst recht wenn Kin­der die Opfer sind. Unser Umfeld kommt zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil aus den erzie­hen­den Beru­fen, ist selbst Mut­ter oder Vater. Die Inter­net­sper­ren haben Umfra­gen zu Folge bei ihnen eine hohe Popularität.

Güld­ner rich­tet sich nach innen. Zu sei­nen Mit­grü­nen. Weil so viele Mamis und Papis das zen­sierte Inter­net toll fin­den, müs­sen die Grü­nen auch dafür sein. Bloß denen nicht erklä­ren, warum die Netz­sper­ren kein biss­chen hel­fen und dass ihre — weit­ge­hend irra­tio­nale — Angst um die eige­nen Kin­der hier skru­pel­los selbst miss­braucht wird. Zum Glück dürf­ten auch die meis­ten Anhän­ger der Grü­nen nicht so unin­for­miert sein für wie Herr Güld­ner sie hier hal­ten will.

Der poli­ti­sche Makel, mehr auf den Trend gesetzt zu haben als auf die Bekämp­fung rea­ler Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, würde dage­gen lange haf­ten bleiben.

Wenn der „Trend” hier „will­kür­li­che staat­li­che Zen­sur und ver­fas­sung­wid­rige Gesetze” und die „Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen” das „Recht auf freie Infor­ma­tion und Mei­nungs­äu­ße­rung” sind, dann stimmt der Satz sogar. Er war aber anders gemeint. Und das finde ich erschreckend.

Das sind also die Grü­nen 2009. Oppor­tu­nis­tisch, obrig­keits­staat­lich, ohne Ahnung. Viel­leicht ver­tritt Herr Güld­ner hier nur eine Ein­zel­mei­nung und das beängs­ti­gende Bild wird in den nächs­ten Tagen von der Bun­des­ebene oder ande­ren Grü­nen wie­der gerade gerückt. Viel­leicht ist das aber auch der erste Test­bal­lon, wie weit man die Basis zu CDU-​Positionen tra­gen kann. Ursula, Wolf­gang und Angela wer­den es inter­es­siert zur Kennt­nis nehmen.

Und euch hab’ ich mal gewählt! Was bin ich froh, dass es auf dem Wahl­zet­tel eine Alter­na­tive gibt.

Der Dreck muss raus aus dem Netz: Brigitte Zypries versteht den Rechtsstaat falsch

Unsere Jus­tiz­mi­nis­te­rin wird heute in ver­schie­de­nen Zei­tun­gen mit dem schö­nen Spruch „Der Dreck muss raus aus dem Netz” zitiert. Zum Bei­spiel bei der Welt.

Hier wird Frau Zypries unter ande­rem zum Zen­sur­ge­setz und zur Pira­ten­par­tei befragt. Und es ist inter­es­sant, wie sie die Geschichte des Zugangs­er­schwer­nis­ge­set­zes umdeutet:

Anders als es die Pira­ten­par­tei glau­ben machen will, haben wir ja nicht mit dem Gesetz gegen die Ver­brei­tung von Kin­der­por­no­gra­fie den Teu­fel aus der Fla­sche gelas­sen. Deren Ver­tre­ter rea­li­sie­ren über­haupt nicht, dass ohne Gesetz die von Frau von der Leyen mit den Pro­vi­dern geschlos­se­nen Ver­träge zur Anwen­dung gekom­men wären — mit viel weni­ger rechts­staat­li­chen Siche­run­gen für die Internet-​User.

Das ist schon eini­ger­ma­ßen dreist. Wir erin­nern uns: Diese „Ver­träge” waren der erste Ver­such, die Inter­net­zen­sur in Deutsch­land ein­zu­füh­ren. Das hat halt bloß nicht so recht geklappt, weil viele Pro­vi­der aus einer Mischung von Angst vor Haf­tungs­ri­si­ken und Res­ten rechts­staat­li­chen Den­kens trotz allen Drän­gens nicht mit­zie­hen woll­ten. Dann erst begann der Eier­tanz um das Sperr­ge­setz. Und das ist dann gegen alle rechts­staat­li­chen Ein­wände in Rekord­zeit durch­ge­peitscht wor­den. Dabei war dann selbst der Weg der Ver­ab­schie­dung noch ver­fas­sungs­wid­rig.

Wenn man Frau Zypries For­mu­lie­rung übri­gens genau liest, dann bezeich­net selbst sie hier das „Gesetz gegen die Ver­brei­tung von Kinderpornografie” — das übri­gens nicht die­sen Namen trägt, son­dern viel schwam­mi­ger „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” heißt, aber das nur neben­bei, Frau Jus­tiz­mi­nis­te­rin — als „Teu­fel aus der Fla­sche”. Es ist aber auch wirk­lich schwer, ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges und unlo­gi­sches Gesetz auf kon­sis­tente Weise ver­ar­gu­men­tie­ren zu wollen.

Das übli­che Bashing der Zen­sur­geg­ner darf natür­lich auch nicht fehlen:

Viele Anhän­ger der Pira­ten wol­len auch keine Debatte füh­ren, son­dern sagen nur: Das ist übel, was ihr macht, wir reden nicht mehr mit euch. So funk­tio­niert Demo­kra­tie aber nicht.

Eine feine Dia­lek­tik: Erst Gesprä­che ver­wei­gern und Argu­men­ten nicht zuhö­ren und dann den Geg­nern vor­wer­fen, sie wür­den „keine Debatte füh­ren” wol­len.

Die schönste frei­heit­li­che Demo­kra­tie ver­kommt, wenn sich nie­mand an ihre Grund­sätze hält. Bei der deut­schen Regie­rung hat diese Dege­ne­ra­tion mitt­ler­weile ein besorg­nis­er­re­gen­des Niveau erreicht. Je län­ger ich das mit­be­komme, desto mehr denke ich: Wir brau­chen nicht die alten Poli­ti­ker mit mehr Ver­ste­hen. Wir brau­chen neue Poli­ti­ker. Des­halb: Am 27. Sep­tem­ber Pira­ten­par­tei wählen.

Letzte Meldung: Stoppschild 2.0 gesichtet

Ver­kehrs­zei­chen im deut­schen Inter­net grei­fen immer mehr um sich! Nach den ver­fas­sungs­wid­ri­gen und unwirk­sa­men Vor­schlä­gen von Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin von der Leyen über „Stopp­schil­der” gegen Kin­der­por­no­gra­fie gibt es jetzt einen neuen Vor­schlag aus Indien, wie das deut­sche Inter­net noch Kin­der- äääh — Inder-​freundlicher gemacht wer­den kann:

Deutsches Internet: Endlich einfach zu bedienen durch Schilder, die jeder versteht

Deut­sches Inter­net: End­lich ein­fach zu bedie­nen durch Schil­der, die jeder versteht

Wie geht die Kam­pa­gne „Inter­net gegen Inder- äääh — Rin­der­por­nos” wei­ter? Ich bleibe am Ball…

Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 2

Ges­tern habe ich meine Betrach­tun­gen über Sascha Raabe von der SPD aus dem Main-​Kinzig-​Kreis begon­nen. Heute nun die Fortsetzung.

Was bis­her geschah: Im Main-​Kinzig-​Kreis grün­det sich ein Kreis­ver­band der Pira­ten­par­tei. Die unglück­lich for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung dar­über ver­an­lasst den SPD-​Bundestagsabgeordneten und Wahl­kreis­in­ha­ber Dr. Sascha Raabe, eine noch wesent­lich unglück­li­cher for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung her­aus­zu­ge­ben. Diese macht zügig die Runde im Netz — mit Folgen.

3. Akt: Die Welt geht unter. Na gut, nicht die ganze. Aber über dem Main-​Kinzig-​Kreis zie­hen offen­sicht­lich tief­schwarze Wol­ken auf, tür­men sich vor allem über dem Wahl­kreis­büro Dr. Raabe und es blitzt und don­nert gewal­tig. Das ist jeden­falls der Ein­druck, der sich ergibt, wenn man ein wenig durchs Inter­net surft und sich die Reak­tio­nen auf Raabes Ergüsse anschaut. Es ist nahe­lie­gend, dass da sicher auch die eine oder andere Nach­frage bei Herrn Raabe selbst auf­ge­lau­fen ist. Ich hatte mir die Sache auch auf Wie­der­vor­lage gelegt, aber bis zum Mor­gen des 2009-​07-​10 noch nicht geschafft etwas zu schrei­ben, mir dann gedacht: „Ok, Thema durch,” und die Sache eigent­lich schon abge­hakt. Hier aber irrte ich…

4. Akt: Und jetzt wird’s inter­es­sant. Am 2009-​07-​10 ver­öf­fent­licht Sascha Raabe einen wei­te­ren Text auf sei­ner Home­page. Mit­samt sei­nes Anhangs ist er gut drei­mal so lang wie die vor­an­ge­gan­gene Pres­se­mit­tei­lung vom 2009-​07-​07 und inter­es­san­ter­weise ist er keine Presse-​, son­dern nur eine „nor­male” Erklä­rung. Er beginnt mit einem — na, ich möchte sagen — leicht ein­ge­schnapp­ten Tonfall:

Auf­grund der Viel­zahl von E-​Mails, die mich auf­grund mei­ner Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Juli (auf mei­ner Web­seite zu fin­den) zur Grün­dung des Kreis­ver­ban­des der Pira­ten­par­tei im Main-​Kinzig-​Kreis erreicht haben, beant­worte ich diese hier­mit in einer abschlie­ßen­den (!) Stel­lung­nahme meinerseits:

Einen Link auf die Ori­gi­nal­seite hätte sich bei dem Wort „Web­seite” ange­bo­ten, aber so weit wollte Sascha „ich benutze das Inter­net von Anfang an” Raabe dann doch nicht gehen…

Und sonst? Naja, nicht viel Neues:

Vor­ne­weg möchte ich sagen, dass ich nach wie vor zu mei­ner Zustim­mung zum Kinderpornographie-​Bekämpfungsgesetz und zu mei­ner Pres­se­mit­tei­lung stehe. […]

Mir wurde also wahr­heits­wid­rig unter­stellt, ich hätte für ein Gesetz zur Ein­füh­rung der gene­rel­len Zen­sur in Deutsch­land gestimmt! Unsere Tages­presse hat diese Mit­tei­lung der Pira­ten unkom­men­tiert über­nom­men, so dass ich zu einer Gegen­dar­stel­lung gezwun­gen war. […]

Genau um die Erschwe­rung des unge­hin­der­ten Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten geht es bei die­sem Gesetz und um nichts ande­res. Und ganz gewiss nicht um die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutschland. […]

Ich habe hin­ge­gen Respekt vor den­je­ni­gen […] die befürch­ten, dass dadurch ein Instru­men­ta­rium auf­ge­baut wird, das spä­ter für tat­säch­li­che Zen­sur von poli­ti­schen Inhal­ten genutzt wird. Ich nehme diese Sor­gen ernst, komme in mei­ner Abwä­gung aber zu dem Schluss, dass unser Rechts­staat stark genug ist, um dies zu verhindern. […]

Es ist gut, wenn wir wach­sam sind, damit wir nicht wie­der in die Zei­ten einer Dik­ta­tur zurück­fal­len wie im Drit­ten Reich. […] Und ganz gewiss wird das Spe­zi­al­ge­setz zur Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten im Inter­net nicht dazu füh­ren. Im Inter­esse der Ernst­haf­tig­keit des The­mas soll­ten wir die Dis­kus­sion mal wie­der run­ter fah­ren, also, die „Kir­che im Dorf lassen“.

Auch hier wie­der Stan­dard­flos­keln, „Löschen vor Sper­ren”, die Aus­lands­ser­ver und und und. Sogar das Dritte Reich bemüht Dr. Raabe, übli­cher­weise ja das Tot­schlag­ar­gu­ment schlecht­hin. Ange­sichts des Trei­bens von Frau Zypries, Herrn Schäu­ble, Frau von der Leyen, des Euro­pa­rats und vie­ler ande­rer, die sich bereits in Posi­tion brin­gen, frage ich mich: Wie blau­äu­gig und naiv ist Herr Raabe eigent­lich, dass er von „Respekt vor Argu­men­ten” und „Abwä­gung” erzählt und sich ganz doll sicher ist, dass der Rechts­staat es schon rich­ten wird. Da ist maxi­mal der Wunsch Vater des Gedan­kens. Wenn Mei­nungs­frei­heit und das freie Inter­net erst­mal weg­zen­siert sind, dann hat sich auch das mit dem Rechts­staat erle­digt — in den Augen der Zen­sur­be­für­wor­ter stört der sowieso nur.

Auf die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von Geset­zes­in­halt und –ver­ab­schie­dungs­weg geht Herr Raabe nicht ein. Statt­des­sen drischt er lie­ber auf die unge­schick­ten For­mu­lie­run­gen in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten ein:

Ich habe ganz gezielt auf eine Pres­se­mit­tei­lung des Kreis­ver­ban­des Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei rea­giert, in der als „aus­schlag­ge­ben­der Grund“ zur Bil­dung des Kreis­ver­ban­des die Tat­sa­che genannt wird, dass ich im Bun­des­tag für ein Gesetz gestimmt hätte, bei dem es „um nichts ande­res als die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land gehe“. […]

Kein Wort in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten, dass es sich bei dem Gesetz aus­schließ­lich um eine Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten handelt. […]

Wenn mir Men­schen aus allen Tei­len Deutsch­lands auf eine Pres­se­mit­tei­lung mit loka­len Bezug ant­wor­ten ohne über­haupt die Ursprungs­pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Piratenverbandes zu ken­nen, Teile aus dem Zusam­men­hang rei­ßen und in allen mög­li­chen Foren zer­le­gen und kom­men­tie­ren, dann frage ich mich schon, um was es bei der Aus­ein­an­der­set­zung bei eini­gen wirk­lich geht.

Ganz ein­fach: Es geht bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Ein­füh­rung einer Zen­surin­fra­struk­tur in Deutsch­land, die unter dem ver­lo­ge­nen Deck­man­tel der Bekämp­fung von „Kin­der­por­no­gra­fie” durch­ge­setzt wer­den soll und der Sie mit Ihrer Miss­brauchs­rhe­to­rik genauso Steig­bü­gel­hal­ter sind wie die Herr­schaf­ten Schäu­ble oder von der Leyen. Und was den Bezug zur Piraten-​Pressemitteilung betrifft: Das haben Sie selbst mit ver­bockt, Herr Raabe. Das hät­ten Sie näm­lich durch­aus deut­lich erwäh­nen kön­nen und dabei vor allem auf die All­ge­mein­plätze zu den vor­geb­li­chen For­de­run­gen der Pira­ten­par­tei ins­ge­samt ver­zich­ten sol­len. Haben Sie aber nicht. Und ansons­ten soll­ten Sie sich doch eigent­lich freuen, dass Ihre Pres­se­mit­tei­lung, die ja durch­aus an die Öffent­lich­keit gerich­tet ist, in der Öffent­lich­keit so einen Wie­der­hall findet.

Ganz am Anfang der Erklä­rung vom 2009-​07-​10 fin­det sich fol­gen­der Satz:

Ich habe nie behaup­tet, dass die Pira­ten­par­tei Kin­der­por­no­gra­phie an sich befürwortet.

Na, danke aber auch, dass Sie das jetzt noch­mal mei­nen, beto­nen zu müs­sen. Aber wie war das doch gleich am 2009-​07-​07?

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [immer noch sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben können.

Schon beacht­lich, dass Sie hier die eine halt­lose Unter­stel­lung mit dem Wider­ruf einer noch wesent­lich unver­schäm­te­ren Unter­stel­lung rück­gän­gig machen wol­len. Auf Ihrem Niveau könnte ich jetzt fra­gen, ob das die übli­che SPD-​Rhetorik in einer poli­ti­schen Dis­kus­sion ist.

Frag’ ich aber nicht.

Statt­des­sen zitiere ich lie­ber einige letzte Stel­len aus dem Text vom 2009-​07-​10:

Wenn mir in einem Tele­fo­nat ein füh­ren­des Mit­glied der Pira­ten­par­tei sagt, dass er seit „sei­nem neun­ten Lebens­jahr im Netz lebe“ und sich heute wünschte, er könnte „48 Stun­den am Tag im Inter­net leben, aber lei­der müsse er zwi­schen­durch essen und arbei­ten“, dann wird mir Angst und Bange.

Soso, Angst und Bange. Um Men­schen in der „Inter­net­welt” im All­ge­mei­nen und „füh­rende Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei” im Beson­de­ren. Ich bin erschüt­tert. Viel­leicht schreib’ ich auch mal auf, was mir „füh­rende Mit­glie­der der SPD” so am Tele­fon erzäh­len, aber bis dahin mache ich mir eigent­lich wesent­lich mehr Sor­gen um Herrn Raabe, der fröh­lich und mit Verve ver­fas­sung­wid­rige Gesetze mit aus­wen­dig gelern­ten Argu­men­tenBehaup­tun­gen schön­re­det und sich ansons­ten mit dem Thema nicht wei­ter aus­ein­an­der­set­zen will:

Den vie­len Schrei­bern, die diese Stel­lung­nahme nun wie­der aus dem Zusam­men­hang rei­ßen wer­den, in epi­scher Breite und in lan­gen Näch­ten kom­men­tie­ren, mich und mein Büro mit unzäh­li­gen E-​Mails beschimp­fen und belei­di­gen wer­den, gebe ich den gut gemein­ten Rat:

„Get a real life and get help!“

Das ist ja mal eine schöne Ein­stel­lung. Liest sich für mich wie: Lasst mich in Ruhe und sucht euch ‚nen Arzt. Ist das jetzt Frust? Oder Ärger? Oder Unver­ständ­nis? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall führt es dann zu sol­chen emo­ti­ons­ge­la­de­nen Beschwer­den über rüden Umgangs­ton, wie sie im Schrei­ben vom 2009-​07-​10 zu fin­den sind und wie ich sie ganz am Anfang von Teil 1 mei­ner klei­nen Geschichte zitiert habe. Eigent­lich ist das für alle Sei­ten nicht ziel­füh­rend. Und die Zen­sur­fe­ti­schis­ten lachen sich der­weil ins Fäustchen.

Schluss: An die­ser Stelle endet die Geschichte von Dr. Sascha Raabe und sei­ner Sorge um die Pira­ten­par­tei. Es ist keine schöne Geschichte. Hier sind mei­nes Erach­tens Uner­fah­ren­heit und Unwis­sen­heit in schlech­test­mög­li­cher Form auf­ein­an­der­ge­trof­fen. So sollte poli­ti­scher Dis­kurs eigent­lich nicht ablau­fen. Lei­der sehe ich aber nicht, dass Dr. Raabe in irgend­ei­ner Weise die vie­len, vie­len sehr gut begrün­de­ten Argu­mente gegen den Netz­sper­ren­wahn­sinn in aus­rei­chen­der Weise reflek­tiert. Und auf die Phra­sendre­schma­schine rea­gie­ren mitt­ler­weile sehr viele Men­schen in der „Internet-​Community” aus­ge­spro­chen all­er­gisch. Wir haben ein­mal zu oft die Erfah­rung machen müs­sen, dass sich dahin­ter letzt­lich doch nur des­in­ter­es­sierte Igno­ranz ver­birgt. Und das akzep­tie­ren wir nicht mehr, dafür sind uns die Grund­werte unse­rer Gesell­schaft zu wichtig!

Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 1

Wir begin­nen die Woche mit einem Poli­ti­ker, der zumin­dest mir bis­lang eher unbe­kannt war. Dr. Sascha Raabe, Mit­glied der SPD und des Bun­des­ta­ges, kommt aus dem Frank­fur­ter Raum. Wit­zi­ger­weise hat er übri­gens genau am sel­ben Tag Geburts­tag wie ich, bloß vier Jahre früher.

Auf Sascha Raabes Web­seite fin­den sich seit drei Tagen State­ments wie dieses:

Die Mehr­heit der Zuschrif­ten hatte hin­ge­gen lei­der ein belei­di­gen­des und aggres­si­ves Niveau und ist keine per­sön­li­che Ant­wort wert.

Oder die­ses:

Bitte haben Sie Ver­ständ­nis, dass ich keine E-​Mails oder Briefe zu die­sem Thema mehr beant­worte. Dafür waren die Erfah­run­gen der Belei­di­gun­gen, Beschimp­fun­gen und Aggres­sio­nen zu hef­tig und wir müs­sen uns auch noch um andere Dinge kümmern.

Oder das hier:

Die lei­der über­wie­gend aggres­si­ven und teils häss­li­chen Reak­tio­nen auf meine Pres­se­mit­tei­lung zei­gen mir, dass sich einige Schrei­ber in einer vir­tu­el­len Par­al­lel­welt ver­lo­ren haben. Dies macht mir in der Tat Sorge.

Da frage ich mich: Was ist denn da pas­siert? Ver­su­chen wir mal eine chro­no­lo­gi­sche Aufarbeitung:

1. Akt: Am 2009-​06-​30 grün­det sich der Kreis­ver­band Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei. Am 2009-​07-​02 gibt er eine Pres­se­mit­tei­lung her­aus, in der unter ande­rem steht:

Aus­schlag­ge­bend für die Ernen­nung eines eige­nen Kan­di­da­ten war die Tat­sa­che, dass Sascha Raabe (SPD), der der­zei­tige Wahl­kreis­in­ha­ber, kürz­lich im Bun­des­tag für die Ein­füh­rung der umstrit­te­nen „Stopp-​Schilder” gestimmt hatte, mit denen künf­tig angeb­lich gegen ille­gale Inhalte im Inter­net vor­ge­gan­gen wer­den soll. Von Sasche Raabe sei man hier „sehr ent­täuscht” gewesen.

Nach Auf­fas­sung der Pira­ten­par­tei han­delt es sich bei dem Stopp-​Schild Gesetz um nichts ande­res als die „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land”. Ille­gale Web­sites müsse man aber „Löschen statt Sper­ren”, so jeden­falls das Motto einer von der Pira­ten­par­tei gestar­te­ten Kam­pa­gne. Der freie Zugang zu Infor­ma­tio­nen ist eines der Kern­the­men der Partei.

Dazu von mir zunächst mal: Hm. Liebe Main-​Kinzig-​Piraten, das soll­tet ihr noch­mal üben. Sascha Raabe hat für ein Gesetz gestimmt, das nach Mei­nung der Pira­ten­par­tei — und nicht nur ihr — sowohl ver­fas­sungs­wid­rig ist als auch auf ver­fas­sungs­wid­rige Weise zustande kommt. Zusätz­lich, aber wirk­lich erst zusätz­lich, erfüllt das „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” sei­nen vor­geb­li­chen Zweck der Zugangs­ver­hin­de­rung auf „Kin­der­por­no­gra­fie” nicht, son­dern führt statt­des­sen eine all­ge­meine Zen­surin­fra­struk­tur im deut­schen Inter­net ein. Diverse deut­sche Poli­ti­ker von CDU, CSU und von der Ver­rä­ter­par­teiSPD behaup­ten hier trotz der Viel­zahl kor­ri­gie­ren­der Stim­men ande­res. Auch der Herr Raabe übri­gens, wie wir gleich sehen wer­den. Diese Zusam­men­hänge wer­den nicht klar, das Gesetz wird nicht benannt, die Zen­sur­be­haup­tung wird nicht belegt. So wie ihr das da geschrie­ben habt, ist das — mit Verlaub — Quark.

2. Akt: Auch Sascha Raabe hat die Pres­se­mit­tei­lung irgend­wie nicht gefal­len. Fünf Tage spä­ter, am 2009-​07-​07, ver­fasst er auch eine Pres­se­mit­tei­lung, die wohl so eine Art Replik auf die Kin­zig­pi­ra­ten sein soll. Pro­blem Num­mer Eins: Die­ser Zusam­men­hang wird nicht klar. Dass hier die Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis eine Rolle spielt, steht ganz, ganz am Rande in einem Halb­satz im drei­zei­li­gen „Teaser”-Absatz am Anfang des Tex­tes, den nicht nur wegen des Schrift­sat­zes viele Leser schlicht igno­riert haben dürf­ten (und ich gehöre auch dazu).

Pro­blem Zwei von Herrn Raabes Pres­se­mit­tei­lung ist aller­dings gra­vie­ren­der: Der Inhalt. Unter der Überschrift

Abso­lu­tes Unver­ständ­nis — Raabe wun­dert sich über Ansich­ten der Piratenpartei

bekommt der geneigte Leser dann eine geballte Ladung Zen­surZugangserschwernisgesetz-​Prosa auf die Ohren, dass es nur so klin­gelt. Einige Auszüge:

Ich kann nicht ver­ste­hen, wie bei einem so erns­ten Thema wie Kin­der­por­no­gra­phie die Leid­tra­gen­den völ­lig außer Acht gelas­sen wer­den. Das sind die vie­len Jun­gen und Mäd­chen welt­weit, denen täg­lich gro­ßes Leid wider­fährt. Es geht nicht um Zen­sur, son­dern um die Ver­bre­chen an Kin­dern und Jugendlichen. […]

Jetzt aber haben wir als SPD-​Bundestagsfraktion viele ent­schei­dende Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Das Gesetz berück­sich­tigt, so wie es ver­ab­schie­det wurde, sowohl die Beden­ken der vie­len Internet-​Nutzer und erschwert zugleich den Zugang zu Inter­net­sei­ten mit kin­der­por­no­gra­phi­schem Inhalt. […]

Das Inter­net ist kein rechts­freier Raum. […]

Wir müs­sen auf allen Ebe­nen gegen den Miss­brauch von Kin­dern vor­ge­hen. Die Inter­net­sperre ist nur ein klei­ner Bau­stein, aber selbst wenn dadurch kein Miss­brauch nach­träg­lich ver­hin­dert wer­den kann, wird das Per­sön­lich­keits­recht des Opfers geschützt und es wird nicht mehr jah­re­lang im Inter­net unge­hin­dert zur Schau gestellt.

So weit, so schlecht. Vor allem den letz­ten Absatz finde ich bemer­kens­wert: Hier wird gar nicht mehr mit dem „Schutz” oder der „Ver­hin­de­rung von Miss­brauch” argu­men­tiert, son­dern mit dem „Per­sön­lich­keits­recht des Opfers”. Als wenn nicht eines der Haupt­ar­gu­mente gegen die Netz­sper­ren wäre, dass sie den Zugriff eben nicht ver­hin­dern und das Mate­rial eben nicht aus dem Inter­net ver­schwin­det. Argh! Wo sind die Anträge auf Merkbefreiung?!?

Aber egal. Raabe hat näm­lich auch ein paar andere Aus­sa­gen in sei­ner Pres­se­mit­tei­lung drin. Die lesen sich so:

Über­haupt finde ich es anma­ßend, wenn die Pira­ten­par­tei sich als Ver­tre­ter der gesam­ten Internet-​Community aufspielt. […]

Ich erwarte aber auch, dass die Pira­ten­par­tei das jetzt aus­schließ­lich gegen Kin­der­por­no­gra­phie gerich­tete Gesetz nicht wahr­heits­wid­rig als „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land” bezeichnet.

So rich­tig mit der Mate­rie beschäf­tigt kann der gute Herr Raabe sich nicht haben. Die „Internet-​Community” kann sich ganz prima selbst arti­ku­lie­ren, da bracht es die Pira­ten­par­tei nicht. Und was die Zen­sur betrifft, da ist nichts Wahr­heits­wid­ri­ges dran, fra­gen Sie doch mal Ihre Koali­ti­ons– oder Par­tei­kol­le­gen

Vor allem aber gibt es in Raabes Pres­se­mit­tei­lung diese Textstelle:

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben kön­nen, nur weil diese vom Aus­land aus ange­bo­ten wer­den. Mei­nungs– und Infor­ma­ti­ons­frei­heit bedeu­tet nicht, dass es ein Grund­recht auf unge­hin­der­ten Zugang zu Kin­der­por­no­gra­phie im Inter­net gibt.

Uiuiui, Herr Raabe. Was haben Sie sich dabei bloß gedacht? Ich würde sagen: Nicht viel. Wo bit­te­schön hat die Pira­ten­par­tei sowas jemals gefor­dert? Selbst in der unglück­lich for­mu­lier­ten Pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Kreisverbandes finde ich davon nichts. Ich habe mal der Ein­fach­heit hal­ber nur eine Aus­sage von Ver­tre­tern der Pira­ten­par­tei raus­ge­sucht und ich bitte die Leser um Ent­schul­di­gung, dass ich mich selbst zitiere:

Dirk Hill­brecht, [damals] Bun­des­vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei, erläu­tert das vom Gesetz miss­ach­tete Demonstrations-​Motto „Löschen statt sper­ren — Stoppt die Internet-​Zensur!”: „Wir ver­lan­gen wirk­same Maß­nah­men gegen Kin­der­por­no­gra­phie und das heißt: Die Inhalte müs­sen aus dem Netz ver­schwin­den und nicht hin­ter Stopp­schil­dern ver­steckt werden.

Herr Raabe, mal ehr­lich, wür­den Sie das eine For­de­rung nach „unge­hin­der­tem Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net” nen­nen? Ich nicht, und ich glaube, das liegt nicht nur daran, dass ich es gesagt habe. Und mal ange­nom­men, man würde Ihnen sol­che Aus­sa­gen unter­stel­len, wie fän­den Sie das? Wit­zig? Egal? Ner­vig? Ich sage Ihnen was: Ich glaube, Sie wür­den das genauso sehen wie ich: Sol­che Behaup­tun­gen sind eine Frech­heit und boden­lose Unverschämtheit!

Die Raabe-​Pressemitteilung hat sich dann zügig durch die Twit­ter– und Blo­go­sphäre ver­brei­tet. Dabei ist in den Kom­men­ta­ren der Zusam­men­hang mit der Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis zunächst mal völ­lig unter den Tisch gefal­len. Statt­des­sen war da ein SPD-​Politiker, der weit­ge­hend fak­ten­be­freit das Zen­sur­ge­setz mit den übli­chen Pla­ti­tü­den ver­tei­digt und über die Pira­ten­par­tei her­zieht. Das konnte ja nicht gutgehen.

Und wer denkt, damit sei die Geschichte zu Ende, der sollte nicht die Fort­set­zung der Sascha-​Raabe-​Story ver­pas­sen. Mor­gen in die­sem Theater!

Unter Kühen — Uschi und das Märchen von den Inderpornos

Unsere Fami­li­en­mi­nis­te­rin hat sich höchst minis­tra­bel in einem Inter­view bei Radio Sput­nik produziert:

Das oberste Ziel muss sein, die Täter zu stel­len. Das ist Poli­zei­ar­beit. Und das zweite ent­schei­dende Ziel muss sein, die Quelle zu löschen auf dem Ser­ver, da, wo sie sind. Aber da gerät man an seine Gren­zen, wenn der Ser­ver z.B in Indien steht. Ein hoch­kom­pe­ten­tes Land, was Com­pu­ter­tech­ni­ken angeht, aber ein Land, das kei­ner­lei Form von Ächtung von Kin­der­por­no­gra­fie hat. Da kön­nen sie nicht mehr löschen.

Es ist frap­pie­rend, wie per­fide Frau von der Leyen hier mit unter­schwel­li­gen Res­sen­ti­ments arbei­tet: Indien, ein Land voll von Com­pu­ter­nerds, die nachts über ihren Nach­wuchs her­fal­len. Und die­sen Hor­den von Unhol­den sind wir quasi schutz­los aus­ge­lie­fert, da kön­nen wir gar nichts machen. Ver­rä­te­risch ist vor allem das Wort „Ächtung” — da schwingt ganz übel die Moral­keule mit, die hier auf den Sub­kon­ti­nent nie­der­saust: Sie tun nicht nur nichts gegen das Übel, es ist ihnen auch noch egal.

Dass Zen­sur­su­las Äuße­run­gen uner­träg­lich sind, wurde bereits an ver­schie­de­nen Stel­len im Web the­ma­ti­siert. Ich möchte aber noch etwas wei­ter gehen, denn auch hier sieht man wie­der, wie mit dem Tot­schlag­wort „Kin­der­por­no­gra­fie” gesell­schaft­li­che Fra­gen und Ent­wick­lun­gen in Tabusoße ertränkt werden.

Es gibt da näm­lich tat­säch­lich ein Pro­blem in Indien. Sci­ence Daily schreibt:

High Pre­va­lence Of Child Mar­riage In India Fuels Fer­ti­lity Risks

The study, […] found that nearly half of adult Indian women, aged 20 to 24, were mar­ried before the legal age of 18 […].

„The pre­va­lence of child mar­riage remains unac­cep­ta­bly high,” Dr. Raj and col­lea­gues wrote. „These results sug­gest that neit­her recent pro­gress in eco­no­mic and women’s deve­lop­ment, nor exis­ting policy or pro­gram­ma­tic efforts to prevent child mar­riage and pro­mote mater­nal and child health, have been suf­fi­ci­ent to reduce the pre­va­lence of child mar­riage in India to that of most other deve­lo­ping nations.”

The study found that 44.5 per­cent of women ages 22 to 24 were mar­ried before age 18. More than one in five – 22.6 per­cent – were mar­ried before age 16, while 2.6 per­cent were mar­ried before age 13.

Über­set­zung (von mir):

Hohe Ver­brei­tung von Kin­der­ehen in Indien erhöht Risi­ken für die Fruchtbarkeit

Ergeb­nis der Stu­die war, dass fast die Hälfte der erwach­se­nen indi­schen Frauen zwi­schen 20 und 24 Jah­ren bereits vor ihrem 18. Lebens­jahr und damit dem erlaub­ten Alter für Ehe­schlie­ßun­gen ver­hei­ra­tet wor­den waren.

„Die Ver­brei­tung der Kin­der­ehe bleibt inak­zep­ta­bel hoch,” schrie­ben Dr. Raj und ihr Team. „Diese Ergeb­nisse deu­ten an, dass weder die jüngs­ten Fort­schritte in der Wirt­schaft oder der Frau­en­för­de­rung, noch poli­zei­li­che Inter­ven­tion oder Auf­klä­rungs­pro­gramme über Gesund­heit von Mut­ter und Kind aus­rei­chend waren, diese Ver­brei­tung von Kin­der­ehen in Indien auf das Level in ande­ren Ent­wick­lungs­län­dern zu verringern.

Die Stu­die ergab, dass 44,5% der Frauen im Alter von 22 bis 24 ver­hei­ra­tet wur­den, bevor sie 18 Jahre alt waren. Mehr als eine von fünf — 22,6% — war bei der Hei­rat jün­ger als 16 und 2,6 hei­ra­te­ten vor Beginn ihres 13. Lebensjahres.

Das ist in der Tat ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem, hier sind die Men­schen­rechte der ver­hei­ra­te­ten min­der­jäh­ri­gen Mäd­chen (was ist eigent­lich mit min­der­jäh­ri­gen Jun­gen?) nicht gewahrt. Wenn man nun mal für einen Moment unter­stellt, dass Frau von der Leyen sich auf genau diese gesell­schaft­li­chen Pro­bleme in Indien bezieht, wenn sie von „feh­len­der Ächtung” spricht, dann habe wir mal wie­der ein ent­hül­len­des Bei­spiel für den „Miss­brauch mit dem Miss­brauch”: Kin­der­ehen und die damit latent ein­her­ge­hende sexu­elle Aus­beu­tung von Min­der­jäh­ri­gen sind falsch und müs­sen ver­folgt wer­den. Das man „nichts machen könne” ist aber ein Mär­chen, denn das Pro­blem­be­wusst­sein in der indi­schen Poli­tik ist durch­aus vor­han­den und sogar leich­ter Rück­gang der Fall­zah­len fest­stell­bar, wie der Science-​Daily-​Artikel schreibt:

The aut­hors said that […] there had been a slight reduc­tion – 5 per­cent — in the rate of child mar­riage com­pa­red with natio­nal data from 1998 – 99[…]

Über­set­zung:

Die Auto­ren sagen, dass es eine leichte Ver­min­de­rung von 5% bei der Rate von Kin­der­ehen ver­glei­chen mit den Zah­len von 1998/​99 gege­ben hat.

Viel pro­ble­ma­ti­scher finde ich aller­dings, dass hier, sofern man die­sen Hin­ter­grund für Frau von der Ley­ens Aus­sa­gen annimmt, mal wie­der auf jede Situa­tion mit dem Begriff „Kin­der­por­no­gra­fie” ein­ge­dro­schen wird. Bei Kin­der­ehen geht eben nicht um Por­no­gra­phie. Viel­mehr wird irgend­ein Sze­na­rio, in dem Kin­der vor­kom­men und es irgend­wie um Sex geht, her­ge­nom­men, „Kin­der­porno” drauf­ge­schrie­ben und dann die Saudas Kuh durchs Dorf getrie­ben. Frau von der Leyen fiele kein Zacken aus der Krone, wenn sie wenigs­tens die Situa­tion kor­rekt beschriebe, bloß wäre das ganze dann lei­der kein Argu­ment mehr für die heiß ersehnte Inter­net­zen­sur. Die­ser Satz noch­mal zum Mit­mei­ßeln, damit es nicht heißt, ich würde irgend­was klein­re­den wol­len: Die Ver­hei­ra­tung von Min­der­jäh­ri­gen ist für mich kein hin­nehm­ba­res Gesell­schafts­mo­dell, aber sie taugt nicht als Argu­ment in der Dis­kus­sion um „Kinderpornografie”.

Soweit meine Über­le­gun­gen dazu, woher Frau von der Ley­ens Aus­sa­gen kom­men könn­ten, wenn man einen wie auch immer gear­te­ten Rea­li­täts­be­zug her­zu­stel­len ver­sucht. Viel­leicht bin ich aber auch mal wie­der viel zu blau­äu­gig und „Indien” war in Wirk­lich­keit nur das­je­nige Land, des­sen Name ihr am schnells­ten ein­fiel. Sozu­sa­gen ihr „Uru­guay oder Para­guay”… Dafür sprä­che, auch das ist mitt­ler­weile an ande­rer Stelle aus­rei­chend erläu­tert, dass es in Indien nicht nur eine restrik­tive Gesetz­ge­bung zu Por­no­gra­fie all­ge­mein, son­dern seit Februar 2009 auch noch ergän­zend zu „Kin­der­por­no­gra­fie” im Beson­de­ren gibt.

Im sel­ben Inter­view ent­larvt sich Frau von der Leyen schließ­lich selbst, wenn Sie auf Rich­ter­vor­be­halt und damit Gewal­ten­tei­lung ange­spro­chen antwortet:

Na ja, über­le­gen Sie sich mal bei der Masse der Bil­der, also wir spre­chen von rund 1000 Sei­ten, die pro Tag inter­na­tio­nal aktiv gesperrt wer­den, wie Sie da über jede Seite einen “Rich­ter”, in Anfüh­rungs­stri­chen, wie Sie’s nen­nen, drü­ber­gu­cken las­sen woll­ten, dann ist das tech­nisch abso­lut unmög­lich, allein vom Zeit­auf­wand, wenn man sieht, wie Gerichte auch mit The­men beschäf­tigt sind, nicht mach­bar wäre.

Genau. Weil diese gan­zen „Rich­ter” ja sowieso alles mög­li­che andere zu tun haben und uns beim Sper­ren von 1000(!) Sei­ten täg­lich eh nur stö­ren wür­den, las­sen wir sie mal lie­ber damit in Ruhe. Und, so rege ich an, dann doch am bes­ten auch mit die­sem gan­zen ande­ren blö­den Gerichts­ver­hand­lungs– und Urteils­kram. Braucht man alles nicht, macht die Uschi selbst eh viel besser:

Meine Arbeit ist es, Kin­der zu schüt­zen und das will ich damit tun.

Ich würde mal sagen, es sind auch schon Poli­ti­ker für weni­ger wirre Äuße­run­gen vor die Tür gesetzt worden.

Die Zeit II: Keine Ahnung bei Heinrich Wefing in „Keine Zensur”

Neben dem Gaschke-​Artikel war in der gest­ri­gen Zeit ein zwei­ter Arti­kel auf Seite 2, der unmit­tel­bar mit den Pira­ten zu tun hat: Hein­rich Wefing macht sich Gedan­ken über das Zen­surZugangs­er­schwer­nis­ge­setz. Unter­ti­tel: „Die Kri­ti­ker der Inter­net­sper­ren wis­sen nicht, wovon sie spre­chen”. Ich würde ergän­zen: „Hein­rich Wefing erst recht nicht.

Der Gedan­ken­gang des Arti­kels ist kurz und bekannt: „Das Netz” sieht das Vor­ha­ben der Inter­net­sper­ren als Zen­sur und ver­höhnt die arme Fami­li­en­mi­nis­te­rin. Was die Nicht­mer­ker über­se­hen: Es geht natür­lich gar nicht um Zen­sur, jeden­falls nicht um „echte”. Recht weit­schwei­fig erläu­tert der Autor das Zen­sur­ver­bot des Grund­ge­set­zes und dass hier nur die „Vor­zen­sur” gemeint ist, also eine Zen­sur vor Ver­öf­fent­li­chung. Da die besag­ten Web­sei­ten ja nun aber mal ver­öf­fent­licht sind, kann so eine Sperre ja gar keine Zen­sur sein. Oder um es mit dem Arti­kel zu sagen:

Hier „Zen­sur” zu schreien ist ent­we­der Ahnungs­lo­sig­keit. Oder Pole­mik. Auf das grund­ge­setz­li­che Ver­bot der Zen­sur jeden­falls kann sich nicht beru­fen, wer gegen die Inter­net­sper­ren kämpft.

Nun, Herr Wefing, „Zen­sur” ist ja nun auch bei wei­tem nicht der ein­zige Ein­wurf der Geset­zes­geg­ner. „Ver­let­zung rechts­staat­li­cher Prin­zi­pien”, „Auf­he­bung der Gewal­ten­tei­lung” und „Intrans­pa­renz” wären so wei­tere unwe­sent­li­che — ich sag’ mal — „Schwä­chen” des Mach­werks, das Innen– und Wirt­schafts­mi­nis­te­rium aus­ge­heckt haben und für das Frau von der Leyen nun ihr eher farb­lo­ses Köpf­chen hin­hält. Zu die­sen The­men fin­det man auch so die eine oder andere Ein­las­sung im Grund­ge­setz. Aber viel­leicht fällt Ihnen da ja auch eine Begrün­dung ein, warum das aus­ge­rech­net in die­sem Fall nicht gilt.

Wie schon beim Gaschke-​Artikel ist der letzte Absatz der entscheidende:

Es gehört zum ideo­lo­gi­schen Glut­kern der Debatte um die Kinderporno-​Sperren, dass deren Krit­ker den kate­go­ria­len Unter­schied zwi­schen einem offe­nen Sys­tem wie dem der Bun­des­re­pu­blik und einer Dik­ta­tur wie in China oder Iran par­tout nicht zur Kennt­nis neh­men wollen.

Yie-​Ha. Es gehört zum ideo­lo­gi­schen Glut­kern der Sper­ren­be­für­wor­ter, dass sie nicht sehen, dass der „kate­go­riale Unter­schied” zwi­schen Deutsch­land und Län­dern wie China oder Iran keine unver­än­der­li­che Tat­sa­che ist, son­dern aus der geleb­ten Wirk­lich­keit des Staats– und Gemein­we­sens her­rührt. Wenn wir in Deutsch­land das­selbe machen wie die Ira­ner im Iran, dann ist es Essig mit irgend­wel­chen „kate­go­ria­len Unter­schie­den”. Die­ser gesamte „kate­go­riale Unter­schied” ist argu­men­ta­tiv letzt­lich nur „kapi­ta­ler Unsinn”.

Abge­se­hen davon ist es eini­ger­ma­ßen mutig, Iran ohne mit der Wim­per zu zucken als „Dik­ta­tur” zu bezeich­nen. Aber in das Thema will ich jetzt gar nicht einsteigen…

Die Sper­rung von Inter­net­sei­ten, die ver­bo­tene Kin­der­por­no­gra­fie ver­brei­ten, haben frei gewählte Abge­ord­nete eines freien Par­la­men­tes beschlossen.

Ja, die­sel­ben frei gewähl­ten Abge­ord­ne­ten in dem­sel­ben frei gewähl­ten Par­la­ment, die gerade vom Ver­fas­sungs­ge­richt zurück­ge­pfif­fen wur­den, weil sie im Rah­men des Lis­sa­bon­ver­tra­ges leicht­fer­tig die demo­kra­ti­sche Grund­lage Deutsch­lands auf Spiel gesetzt haben. Die­sel­ben frei gewähl­ten Abge­ord­ne­ten, die die ver­dachts­un­ab­hän­gige Total­über­wa­chung der Bevöl­ke­rung durch die „Vor­rats­da­ten­spei­che­rung” beschlos­sen haben. Und ganz ähnli­che frei gewählte Abge­ord­nete eines ganz ähnli­chen frei gewähl­ten Par­la­men­tes, wie es 1933 das „Gesetz zur Behe­bung der Not von Volk und Reich” ver­ab­schie­det hat.

Was für ein Argu­ment, Herr Wefing!

Und unab­hän­gige Gerichte wer­den die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Geset­zes inner­halb kur­zer Zeit überprüfen.

Es ist wohl nicht zu viel ver­langt, dass ein dem Grund­ge­setz ver­pflich­te­tes Par­la­ment sich vor Ver­ab­schie­dung eines Geset­zes über des­sen Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit Gedan­ken macht.

Alles in allem taugt der Arti­kel eigent­lich nur als gute Zusam­men­fas­sung der häu­figs­ten Plat­ti­tü­den zum Schön­re­den eines Geset­zes, das den Ein­stieg in den Aus­stieg aus Mei­nungs– und Rede­frei­heit in Deutsch­land bedeu­tet. Tolle Leistung!

Die Zeit I: Susanne Gaschke in „Männer und Maschinen” über die Piratenpartei

Am gest­ri­gen 2009-​07-​09 brachte die „Zeit” auf Seite 2 einen grö­ße­ren Arti­kel über die Pira­ten­par­tei in Schwe­den und in Deutsch­land. Der Grund­te­nor war — naja. Frau Gaschke lässt wenig Kli­schees aus und for­mu­liert teil­weise wahr­lich nicht freundlich.

Man kann über den Arti­kel so eini­ges sagen. Zu behaup­ten, alles sei rich­tig, gehört aller­dings nicht dazu. Schauen wir uns das mal näher an. Da der Arti­kel online nicht ver­füg­bar zu sein scheint, zitiere ich die inter­es­san­ten Stellen:

„Diese Leute [in der schwe­di­schen Pira­ten­par­tei] kämp­fen für das Recht, sich wei­ter so zu beneh­men, wie sie es getan haben, seit sie 15 Jahre alt sind”, sagt Jan Rosen, Pro­fes­sor für Pri­vat– und Urhe­ber­recht an der Uni­ver­si­tät Stock­holm. „Sie haben eine gera­dezu lächer­li­che Fixie­rung auf die Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Und lei­der begeg­nen die älte­ren Par­teien ihnen bis­her äußerst opportunistisch.”

Das bezieht sich zwar vor allem auf die schwe­di­sche Pira­ten­par­tei, aber das Zitat ist trotz­dem inter­es­sant. Hier wird zum ers­ten Mal in dem Arti­kel ver­sucht, die Pira­ten­par­tei auf das Urhe­ber­rechts­thema fest­zu­na­geln. Gerade in Deutsch­land spielte das aber in den letz­ten Wochen und Mona­ten eine eher unter­ge­ord­nete Rolle, hier waren zivil­ge­sell­schaft­li­che The­men und die Bür­ger­rechte viel wich­ti­ger für die Arbeit und die Außen­dar­stel­lung. Lächer­lich ist also nicht die vor­geb­li­che Fixie­rung auf das Urhe­ber­recht, son­dern die Behaup­tung, es gäbe eine solche.

Mei­nun­gen, die bei Ame­lia Anders­dot­ter als char­mante Radi­ka­li­tät erschei­nen, wir­ken bei den ernst­haf­ten jun­gen Män­nern, die Ende Juni in Ber­lin das erste Büro der Par­tei in Deutsch­land ein­wei­hen, eher beunruhigend.

Sti­lis­ti­scher Kunst­griff: Da wirkt etwas „beunruhigend” — bloß was? Da will sich die Auto­rin lie­ber nicht fest­le­gen. Statt­des­sen zitiert und kom­men­tiert sie ein Inter­view mit unse­rem Ber­li­ner Spit­zen­kan­di­da­ten, in dem einige Kern­punkte genau so dar­ge­stellt wer­den, dass der unvor­ein­ge­nom­mene Leser maxi­mal ver­wirrt wird.

[…]Stopp­schil­der im Inter­net [sind] qua­li­ta­tiv nichts ande­res als die Zen­sur, die Iran gegen­über Oppo­si­tio­nel­len aus­übt. „Wir müs­sen die Demo­kra­tie repa­rie­ren”, sagt Flo­rian Bischof […]: „Die Grund­rechte sind in Deutsch­land nicht gewahrt.” Bitte? „Naja, die Men­schen­rechte viel­leicht schon.” Aber in jedem Fall ver­let­zen die Par­teien stän­dig die Ver­fas­sung. Inwie­fern? „Durch den Frak­ti­ons­zwang. Frak­ti­ons­zwang fin­den wir nicht gut, das ist nicht mit Demo­kra­tie ver­ein­bar.” Und wie wol­len sie es hal­ten bei Fra­gen, die über die bekann­ten Posi­tio­nen der deut­schen Pira­ten­par­tei zu Vor­rats­da­ten­spei­che­rung (dage­gen), Urhe­ber­recht (dage­gen) und Inter­net­sper­ren (dage­gen) hin­aus­ge­hen? Die Par­tei­mit­glie­der, sagt Bischof, wür­den zu jedem Thema im Netz ein Mei­nungs­bild erstel­len. Ein bin­den­des? „Nee, im Zwei­fel ist der Abge­ord­nete sei­nem Gewis­sen verpflichtet.”

Na, gemerkt? Rich­tig, da hat Frau Gaschke schön zwi­schen dem gan­zen Geschwurb­sel eine der zen­tra­len Falsch­be­haup­tun­gen über die Pira­ten­par­tei ein­ge­baut, so leise und unschul­dig, dass man es fast über­le­sen könnte. Ich kor­ri­giere mal trotz­dem: Wir sind nicht gegen das Urhe­ber­recht! Wir wol­len es an die tech­ni­schen Ände­run­gen der letz­ten Jahre anpas­sen. Und wenn Frau Gaschke auf dem Par­tei­tag, den sie besucht hat, ein biss­chen auf­ge­passt hätte, wüsste sie das auch, weil dort eine aus­führ­li­che Aus­ar­bei­tung die­ses The­mas dis­ku­tiert und ins Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men wurde.

Aber über­haupt, der Par­tei­tag. Der wird in dem Arti­kel eher so ein wenig in Anek­do­ten abge­han­delt. Ein paar Kostproben:

Der Weg vom Online­fo­rum zur Tagungs­wirk­lich­keit einer real exis­tie­ren­den Par­tei ist hart. Auf dem Bun­des­par­tei­tag in Ham­burg unter­war­fen sich am ver­gan­ge­nen Wochen­ende 250 Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei einer Geschäfts­ord­nungs­de­batte, die einen mitt­le­ren SPD-​Landesparteitag im Ver­gleich wie eine Orgie hätte aus­se­hen lassen.

WTF? Viel­leicht fehlt mir Phan­ta­sie, viel­leicht liegt es daran, dass ich noch nie auf einem SPD-​Landesparteitag war (zumal nicht auf einem „mitt­le­ren”), aber was in aller Welt will uns die Auto­rin mit die­sem Bild sagen. Klingt irgend­wie wit­zig — aber inhalt­lich??? Ich versteh’s nicht.

Zum Thema Frauen hat Frau Gaschke auch so ihre eige­nen Beob­ach­tun­gen gemacht:

Die weni­gen anwe­sen­den Frauen ent­spra­chen net­ter­weise den tra­di­tio­nel­len Geschlech­ter­rol­len und küm­mer­ten sich um Akkre­di­tie­rung und Souvenirverkauf.

Die Auto­rin unter­schlägt sou­ve­rän, dass eine Frau im neuen Vor­stand sitzt und Dis­kus­sion und Ple­num wahr­lich nicht rein männ­lich besetzt waren. Abge­se­hen davon waren bei der Akkre­di­tie­rung Männ­lein und Weib­lein etwa gleich­ver­teilt. Und Sou­ve­nir­ver­kauf?!? Wir sind doch nicht in Ägypten.

In einer hin­te­ren Bank­reihe rät­sel­ten zwei andere, warum Frauen sich eigent­lich so wenig für Bür­ger­rechte inter­es­sier­ten. Man war ver­sucht, den Her­ren einen Tipp zu geben: Könnte es an der Art der Debatte lie­gen? Mög­li­cher­weise sind Frauen auch in den IT-​Berufen, aus denen sich die Par­tei offen­bar über­wie­gend rekru­tiert, nur schwach ver­tre­ten. Wer fort­schritt­lich sein möchte — min­des­tens so fort­schritt­lich wie die CSU -, muss sich dann frei­lich Abhilfe überlegen.

Das ist doch irgend­wie wirr. Debatte und Berufe sind nichts für Frauen und die Pira­ten bemü­hen sich, in Sachen Fort­schritt­lich­keit zur CSU auf­zu­schlie­ßen. Aua, wie schräg ist das denn?

Etwa die Hälfte der Teil­neh­mer ver­folgte die vor ihren Augen statt­fin­dende Ple­nums­de­batte twit­ternd am Bild­schirm ihres Lap­tops (eine ober­fläch­li­che Zäh­lung durch die Auto­rin ergab 127 anwe­sende Geräte).

Das war aber sehr ober­fläch­lich gezählt, ich würde da eher auf 200 tip­pen. Und die Leute haben da nicht „get­wit­tert”, son­dern die Texte, um die es in der Debatte gerade ging, nach­ge­le­sen — oder viel­leicht auch in das in Echt­zeit ins Netz gestellte Ver­laufs­pro­to­koll geschaut. Lap­tops statt Papier­berge — andere Medien haben das durch­aus verstanden.

An der merk­wür­di­gen Stumpf­heit der Par­tei­tags­stim­mung konnte auch die kurze Ein­gangs­rede des ehe­ma­li­gen Par­tei­vor­sit­zen­den Dirk Hilbrecht[sic!] nichts ändern — höchs­tens ver­stärkte sie das nagende Gefühl, alle nur denk­ba­ren Pira­ten­witze könn­ten in ziem­lich naher Zukunft ver­braucht sein.

Was wol­len uns diese Zei­len sagen? Soll ich das per­sön­lich neh­men, Frau Gaschke? Oder gehört das in die Rubrik „Ein biss­chen Spaß muss sein”? Egal, ich lasse die Stumpf­heit mal ein­fach so ste­hen. Und es ist ja nicht so, dass nur ich mein Fett wegkriege:

Jens Sei­pen­busch […] ist Sport­ler (Tur­nen, Ten­nis, Vol­ley­ball), seit fünf Jah­ren ver­hei­ra­tet mit einer Leh­re­rin, und er ent­spricht nicht dem Kli­schee des mit sei­nem Com­pu­ter ver­wach­se­nen Online-​Olms. […] Sorge macht ihm, da ist er ganz im Ein­klang mit der latent para­no­iden Par­tei­kul­tur, „Über­wa­chungs­struk­tu­ren”. Die sieht er vor allem durch das Urhe­ber­recht begrün­det. An die­sem Punkt legt sich eine gewisse Schärfe in Sei­pen­buschs Ton. „Werte, die digi­tal vor­lie­gen, sind effi­zi­en­ter­weise nicht zu regu­lie­ren”, sagt er. „Wenn das Urhe­ber­recht rigo­ros durch­ge­setzt wird, ist das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­heim­nis am Ende.”

„Latent para­noid”. Soso. Der Zeit-​Artikel ist auch irgend­wie latent, ich weiß bloß noch nicht, was. Ansons­ten ist es da wie­der, das Urhe­ber­recht. Man könnte mei­nen, alle Online-​OlmeGesprächs­part­ner hät­ten über nicht ande­res gespro­chen. Fast als wären wir eine Ein-​Themen-​Partei… Logisch, dass der Arti­kel auch mit die­sem Thema endet und noch­mal so rich­tig in die Vol­len geht:

Das ist die sze­ne­ty­pi­sche Beweis­last­um­kehr: Der ent­eig­nete Autor, Jour­na­list, Musi­ker oder Film­schaf­fende wird zum Täter, der das Men­schen­recht der Nut­zer auf kos­ten­lose Down­loads ver­letzt. Die Kon­se­quenz wäre lei­der, dass die Urhe­ber künf­tig öfter über­le­gen wer­den, ob sich die Ver­öf­fent­li­chung ihrer Ideen, ihrer wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten oder ihrer Kunst noch lohnt. Kommt es so, dann gibt es auch für die Digi­tal­re­vo­lu­tio­näre irgend­wann nichts mehr zu verteilen.

Damit wäre die Katze dann aus dem Sack: Kampf­prosa der Ver­wer­tungs­in­dus­trie vom Feins­ten. „Kos­ten­lose Down­loads” als „Men­schen­recht”, Werk­schaf­fende als „Täter” und „Beweislastumkehr” — verquaster geht es schon fast nicht mehr. Die Struk­tu­ren der Vor-​Internet-​Ära wer­den in Stein gehauen und als unver­än­der­li­che Tat­sa­che begrif­fen. Dabei ist die Revo­lu­tion längst im Gange. Crea­tive Com­mons, Citi­zen Jour­na­lism, Jamendo, Open Source, Open Access — die neuen Ver­wer­tungs­mo­delle sind längst da. Und sie wer­den von den „Auto­ren, Jour­na­lis­ten, Musi­kern oder Film­schaf­fen­den” ange­nom­men. Frei­wil­lig. Das Inter­net ist nicht das Ende der Kul­tur, wie Susanne Gaschke es hier an die Wand zu malen ver­sucht. Es ist viel­mehr das Ende der zen­tral gesteu­er­ten und ver­wer­te­ten Kul­tur, das Ende der Ent­frem­dung des Künst­lers von sei­nem Werk. Die ein­zi­gen Ver­lie­rer die­ses Pro­zes­ses, die frü­he­ren „Ver­wer­ter”, mögen sich noch so hef­tig dage­gen sträu­ben und Grund­rechte aus­höh­lende Gesetze mit ihrer Lob­by­ar­beit durch die Par­la­mente zu peit­schen ver­su­chen — sie wer­den die Ände­run­gen nicht ver­hin­dern können.

Und auch eine Susanne Gaschke mit einem merk­be­freit geschrie­be­nen Zei­tungs­ar­ti­kel schafft das nicht.

Rede auf der „Löschen statt Sperren”-Demonstration am 20. Juni 2009

Auf der gest­ri­gen han­no­ver­schen „Löschen statt Sperren”-Demonstration gegen das „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” habe ich eine Rede gehal­ten. Nach­fol­gend doku­men­tiere ich dies. Zunächst ein Zusam­men­schnitt der — in mei­nen Augen wich­tigs­ten Passagen:

Link: Rede Hillbrecht "Löschen statt Sperren"

Das Video ist auch direkt auf Seven­load abrufbar.

Den kom­plet­ten Rede­text habe ich als PDF-​Datei veröffentlicht.

Nun, und schließ­lich gab es bei mei­ner Rede auch ein paar Stel­len, die nicht so recht geplant waren, die ich der Nach­welt aber auch nicht vor­ent­hal­ten möchte: Voila, die Outta­kes:

Link: Outtakes zur "Löschen statt Sperren"-Rede

Die kom­plette Rede gibt’s bei El Porro. Die Jungs haben auch ein Inter­view auf der Ver­an­stal­tung gemacht. (Hin­weis: Beide sind mitt­ler­weile nicht mehr verfügbar.)

Schließ­lich noch der kom­plette Rede­text. Vor­sicht, lang…

Liebe Freunde, wir haben uns heute hier ver­sam­melt, weil am Don­ners­tag ein Gesetz ver­ab­schie­det wurde.
Es gibt eine Peti­tion gibt eine Peti­tion gegen das Gesetz, die 134000 Bür­ger unter­schrie­ben haben. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Viele Exper­ten kri­ti­sie­ren es scharf. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Viele Jour­na­lis­ten kri­ti­sie­ren es scharf. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Abge­ord­nete aus den Rei­hen der Regie­rungs­par­teien hat­ten schwere Beden­ken. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Das Gesetz ist ver­fas­sungs­recht­lich unhalt­bar. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Schließ­lich stellt die­ses Gesetz einen Bruch mit der freiheitlich-​demokratischen Tra­di­tion Deutsch­lands dar. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Die­ses Gesetz wurde im Galopp durch die Instan­zen gepeitscht. Es wurde getrickst, getäuscht, es wur­den fal­sche Ver­spre­chun­gen gemacht und fal­sche Behaup­tun­gen auf­ge­stellt. Und an vor­ders­ter Front steht bei die­sem Trick­sen, Täu­schen, Ver­spre­chen und Behaup­ten die Fami­li­en­mi­nis­te­rin Ursula von der Leyen.
Frau von der Leyen behaup­tet, das Gesetz diene der Sperre von soge­nann­ter Kin­der­por­no­gra­fie. Schon dies ist falsch, weil das Inter­net eben nur eines von vie­len Medien für diese ver­derb­ten Inhalte ist. Bil­der miss­brauch­ter Kin­der eben nicht nur auf Web­sei­ten, son­dern auf CDs, DVDs, Spei­cher­sticks oder ganz alt­mo­disch auf Papier. Hier hilft eine Inter­net­sperre kein Stück!
Frau von der Leyen behaup­tet, der Zugriff auf Kin­der­por­no­sei­ten würde erschwert. Das ist falsch! Fak­tisch wird eine Sicht­blende auf­ge­stellt, vor der jemand sagt: „Gehen Sie wei­ter, hier gibt’s nichts zu sehen”. Dabei hat er ein Stopp­schild in der Hand. Das ändert aber nichts an dem, was hin­ter der Sicht­blende pas­siert und wer will, kann sie zurück­schie­ben und auch wei­ter dahin­ter­schauen.
Denn: Die Sperr­ver­su­che im Inter­net ver­hin­dern nicht einen ein­zi­gen Kin­des­miss­brauch!
Frau von der Leyen behaup­tet zudem, man müsse han­deln, weil das Pro­blem immer grö­ßer werde. Das ist falsch! Bes­sere Poli­zei­ar­beit führt zu mehr Auf­klä­rung und genaue­res Hin­se­hen zu mehr Nach­for­schun­gen. Das zeigt, dass das vor­han­dene Sys­tem gut funk­tio­niert. Es ist gera­dezu schi­zo­phren, gutes Funk­tio­nie­ren als Vor­wand für neue Maß­nah­men zu neh­men. Fak­tisch ist die Prä­senz von Kin­des­miss­brauch im Inter­net in den ver­gan­ge­nen Jah­ren näm­lich sogar zurück­ge­gan­gen. Wer das nicht sagt, ver­schweigt einen Teil der Wahrheit!

Es gibt nur ein pro­ba­tes Mit­tel gegen Kin­des­miss­brauch, und das ist nicht ihn zu ver­ste­cken, son­dern von vorn­her­ein zu ver­hin­dern. Und das geht nur, indem man Kin­des­miss­brauch unter­bin­det und die Täter zur Ver­ant­wor­tung zieht. Das geht nur mit Zivil­cou­rage. Es ist eine Auf­gabe der gesam­ten Gesell­schaft. Mit ihrem Ver­ste­cken und Ver­ber­gen unter­bin­det Frau von der Leyen genau dies: Sie will keine eman­zi­pierte Bür­ger­ge­sell­schaft. Sie will einen Obrig­keits­staat, der zwi­schen gut und schlecht unter­schei­det. Sie will keine Dis­kus­sion, son­dern sie will blin­den Gehor­sam. Und wer nicht buckelt und macht, was das BKA sagt, der ist schon Mal ver­däch­tig und min­des­tens zur Hälfte ein Ver­bre­cher. Kin­des­miss­brauch ver­hin­dert man nicht mit ver­bor­ge­nen Behör­den, son­dern durch Auf­klä­rung, durch Bera­tung, durch eine geschulte und gut aus­ge­stat­tete Poli­zei vor Ort. Es ist mehr als schänd­lich, dass genau an die­sen Din­gen immer mehr gespart wird. So erhält man eine Demo­kra­tie aber nicht, Frau von der Leyen, Herr Schäu­ble. So ver­kommt sie zur Demo­kra­tur. Und wenn man sich Ihr Reden und Han­deln so anschaut, könnte man fast mei­nen, sie fän­den das gut und rich­tig. Wir aber nicht!
Das Gesetz vom Don­ners­tag ist kein Gesetz zum Kin­der­schutz. Die Kin­der waren immer nur Vehi­kel. Vor die­sem Hin­ter­grund führt das Gesetz eine völ­lig neue Dimen­sion der Inhalts­kon­trolle im Inter­net ein: Künf­tig kann eine Bun­des­be­hörde, eine Poli­zei, dar­über ent­schei­den, was im deut­schen Inter­net zu sehen sein soll und was nicht. Sie kann dies unkon­trol­liert und ohne Ein­spruchs­mög­lich­kei­ten tun. sie soll dies auf der Grund­lage von sub­jek­ti­ven Ein­schät­zun­gen machen. Und sie kann dabei auf ein Sys­tem zurück­grei­fen, das jetzt in Deutsch­land instal­liert wird und das die Blo­ckade jedes belie­bi­gen Inter­ne­tin­halts erlaubt.
Die­ser Ansatz stellt eine Zäsur im deut­schen Rechts– und Frei­heits­ver­ständ­nis dar. Es ist nicht weni­ger als eine Zei­ten­wende im Gange — weg von einem Staat, in dem die Frei­heit der Nor­mal­fall ist und Ein­schrän­kun­gen nur in begrün­de­ten Ein­zel­fäl­len vor­ge­nom­men wer­den — hin zu einer umfas­sen­den Gesin­nungs­kon­trolle, in der Frei­heit nach Guts­her­ren­art ver­teilt wird und so eine Art Beloh­nung für gutes Betra­gen ist. Das Vehi­kel die­ser Zei­ten­wende ist die Zen­sur und genau diese Zen­sur wird mit dem Gesetz ein­ge­führt.
Und wer jetzt sagt, es ginge ja nur um die Kin­der und um nichts ande­res, der hat die Dis­kus­sion der letz­ten Tage ent­we­der ver­pennt oder nicht wahr­ha­ben wol­len. Von Kil­ler­spie­len über poli­ti­sche Mei­nungs­sei­ten bis hin zu Musik — das Gesetz ist noch nicht ver­ab­schie­det und schon kom­men sie aus allen Ecken und Enden her­vor­ge­kro­chen mit ihren Sperr­for­de­run­gen. Frau von der Ley­ens Vor­stel­lung von Demo­kra­tie und Bür­ger­rech­ten reißt sich ihre Maske längst vom Gesicht und dar­un­ter kommt eine häss­li­che Fratze zum Vor­schein. Dem schauen wir nicht taten­los zu!
Wir haben jede Recht­fer­ti­gung, hier zu ste­hen und hier und heute zu sagen, dass die­ses Gesetz kein Gesetz zur Ver­hin­de­rung von Kin­des­miss­brauch ist, son­dern ein Gesetz zur Ein­füh­rung einer all­ge­mei­nen Inter­net­zen­sur in Deutsch­land. Einer Zen­sur, die von einer Poli­zei­be­hörde vor­ge­nom­men wird. Einer Zen­sur, die von der Bun­des­re­gie­rung gefor­dert wird. Einer Zen­sur, die unab­seh­ba­ren Scha­den für Demo­kra­tie und Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land anrich­ten wird.

Ich habe noch gar nicht gesagt, wie die­ses Gesetz heißt. Es trägt den klang­vol­len Namen „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz”. Ich halte die­sen Namen für falsch! Hier wird kein Zugang erschwert, hier wird Zen­sur erschli­chen. Das ist kein Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz, es ist ein Zen­su­rer­schlei­chungs­ge­setz! Aber Zen­sur wird sich in die­sem Lande nicht erschli­chen. Das Grund­ge­setz sagt klipp und klar: Eine Zen­sur fin­det nicht statt! Und wir pas­sen auf, dass das so bleibt. Hörst du uns, Zen­sur­sula?
Die Abstim­mung im Bun­des­tag zeigt, dass das Thema dort immer noch nicht begrif­fen wird. CDU und SPD haben fast geschlos­sen für die Inter­net­zen­sur gestimmt und bei den Grü­nen hat sich eine nen­nens­werte Anzahl von Abge­ord­ne­ten ent­hal­ten, anstatt die­sem Angriff auf die Mei­nungs­frei­heit klipp und klar den Rie­gel vor­zu­schie­ben. Wenn man dann die Begrün­dun­gen hört, merkt man, dass viele Abge­ord­nete und poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger über­haupt noch nicht ver­stan­den haben, um was es geht. Sie ver­ste­hen nicht, dass das Inter­net für viele Men­schen schon heute wich­tigste Infor­ma­ti­ons­quelle ist. Sie wis­sen nicht, wie vie­len Men­schen auf die­sem Weg bereits heute ihre sozia­len, beruf­li­chen und poli­ti­schen Kon­takte pfle­gen. Sie begrei­fen nicht, zu welch wich­ti­gem Bestand­teil das Netz heute für viele gewor­den ist. Sie hören „Kin­der­porno” und sagen „ver­bie­ten”. Rich­tig! Aber genau das macht die­ses Gesetz nicht! Es ist nicht zu viel ver­langt, wenn sich Poli­ti­ker vor der­art wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen ein wenig mit dem Thema beschäf­ti­gen. Dann wür­den sie sehen, wie weit die Unter­stel­lung, das Netz wäre „voll von Bil­dern miss­brauch­ter Kin­der” von der Rea­li­tät ent­fernt ist. Es ist eben nicht so, dass man sich nach drei Klicks Live­vi­deos von Sex mit Kin­dern anschauen kann. Und es ist eine Unge­heu­er­lich­keit, wenn der Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Gut­ten­berg die Unter­zeich­ner der Peti­tion gegen das Zen­sur­ge­setz in die Nähe von Kin­der­schän­dern rückt! Da sagt das Netz: Wil­helm, so nicht!
Die Poli­tik hat einige grund­sätz­li­che Dinge noch nicht begrif­fen. Das zeigt sich im klei­nen, wenn Minis­te­rin Zypries nach ihrem Lieb­lings­brow­ser gefragt wird und den Kin­der­re­por­tern rat­los ant­wor­tet: „Brow­ser, was war jetzt noch­mal ein Brow­ser?”. Im Grö­ße­ren wird es klar, wenn eben diese Frau Zypries zur Inter­net­po­li­ti­ke­rin des Jah­res gewählt wird und sich dann auch noch stolz auf ihrer Minis­te­ri­ums­seite mit die­sem Titel schmückt. Das mag lus­tig sein, aber im Gro­ßen führt genau die­ses Unver­ständ­nis zu sol­chen Geset­zen, wie wir sie momen­tan vor uns haben. Wer den Wert des Inter­nets nicht begreift, schert sich auch nicht darum, ihn zu erhal­ten. Sor­gen wir dafür, dass der Wert klar wird!

Ich stehe hier für die Pira­ten­par­tei. Wir sagen von uns, dass wir für die The­men des 21. Jahr­hun­derts ste­hen. Und das ist heute nötige denn je. Diese The­men kom­men in der momen­ta­nen Poli­tik in die­sem Land nicht an, die The­men wer­den nicht wahr­ge­nom­men, ja die The­men wer­den nicht ein­mal ver­stan­den. Das Inter­net und die neuen Medien sind in letz­ten 10 Jah­ren zen­tra­ler Bestand­teil unse­rer Gesell­schaft gewor­den. Sie bie­ten phan­tas­ti­sche neue Mög­lich­kei­ten von Daten– und Mei­nungs­aus­tausch. Wir befin­den uns mit­ten in einem Pro­zess der umfas­sen­den Neu­struk­tu­rie­rung unse­rer Gesell­schaft. Jede unre­flek­tierte Ein­schrän­kung und jede Zen­sur im Inter­net wir­ken sich heute unmit­tel­bar auf die Gesell­schaft aus. Wenn wir jetzt nicht auf­pas­sen, wachen wir mor­gen in einem Über­wa­chungs– und Kon­troll­staat auf und es ist zu spät. Die „eta­blier­ten” Par­teien haben das noch nicht ver­stan­den und wol­len es auch nicht ver­ste­hen. Viel­leicht ver­ste­hen sie es aber auch durch­aus und wol­len es nur nicht wahr­ha­ben. Die Par­tei­en­land­schaft ändert sich gerade rapide und der Ein­fluss der­je­ni­gen Par­teien, die 60 Jahre lang für die Bun­des­re­pu­blik ent­schei­dend waren, schwin­det. Es besteht die Gefahr, dass die alten Kräfte am Sta­tus Quo fest­hal­ten wol­len und dies selbst auf die Gefahr hin, die bür­ger­li­che Gesell­schaft, die Mei­nungs­frei­heit und die Demo­kra­tie fak­tisch abzu­schaf­fen. Das macht den Kampf gegen diese Ent­wick­lung umso wich­ti­ger. Wir brau­chen neue poli­ti­sche Kräfte, die sich wie­der für den Geist unse­rer Ver­fas­sung ein­set­zen, die für Bür­ger– und Frei­heits­rechte ste­hen. Wir brau­chen Kräfte, die eine Staat wol­len, der nur so stark ist, wie unbe­dingt nötig und der sich nicht immer grö­ßer und immer mäch­ti­ger und immer bestim­men­der macht. Und ich wäre nicht Vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei, wenn ich da nicht sagen würde: Die Pira­ten­par­tei ist eine sol­che poli­ti­sche Kraft. Und sie wird stär­ker.
Wir haben mitt­ler­weile eine lange demo­kra­ti­sche Tra­di­tion in die­sem Land. Das stimmt mich hoff­nungs­voll, dass es hier nicht zu Zuspit­zun­gen kommt, wie sie in China statt­fin­den oder aktu­ell im Iran. Aber gerade der Iran zeigt, wel­che Ener­gie sich heute aus dem Inter­net ergibt. Wenn dort mit Blogs, Han­dy­ka­me­ras, Web­sei­ten und Twit­ter gegen die Unter­drü­ckung von Frei­heit und Men­schen­rech­ten gekämpft wird, dann kön­nen wir das auch. Also: Bloggt, twit­tert, dis­ku­tiert, über­zeugt und demons­triert! Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Frei­heit klaut!
Die Ver­ab­schie­dung des Zen­sur­ge­set­zes ist nicht das Ende der Aus­ein­an­der­set­zung. Sie ist gerade mal der Anfang. Wir wer­den nicht nach­las­sen, wir wer­den nicht klein beige­ben und wir wer­den so lange für unsere Rechte kämp­fen, bis die­ses Gesetz auf dem Müll­hau­fen gelan­det ist, auf den es gehört.
Vie­len Dank!

Ermächtigungsgesetz verabschiedet

Heute abend haben sie in nament­li­cher Abstim­mung tat­säch­lich ernst gemacht. Unter einem blöd­sin­ni­gen und letzt­lich ja auch irgend­wie ega­len Vor­wand, in dem irgendwo das Wort „Kin­der­por­no­gra­fie” vor­kam, wur­den Mei­nungs­frei­heit, Zen­sur­frei­heit und der Grund­ge­danke eines Staa­tes, der sich aus prin­zi­pi­el­len Erwä­gun­gen in sei­nen Mit­teln beschränkt, in den Wind geschrie­ben. Als im Gehei­men agie­rende Staats­po­li­zei sorgt sich das BKA in Zukunft um die Sicher­heit im Staat. Das ganze der­art dreist mit fei­gen­blätt­ri­gen Beru­hi­gungs­pil­len aus­staf­fiert, dass einem schlecht wird. Ich nenne es „Ermäch­ti­gungs­ge­setz”, ganz in der Tra­di­tion sei­nes his­to­ri­schen Vor­bilds — bloß dass es damals zumin­dest eine gewisse Par­tei trotz gro­ßen Dru­ckes nicht zuge­stimmt hat und zumin­dest eine his­to­ri­sche Rede dabei abge­fal­len ist.

Für die Pira­ten­par­tei hat die Abstim­mung übri­gens ein grö­ße­res logis­ti­sches Pro­blem gebracht: Trotz eini­ger Redun­danz und Last­ver­tei­lungs­maß­nah­men war Löschen Statt Sper­ren, die Koor­di­na­ti­ons­seite zu den Demons­tra­tio­nen am 2009-​06-​20, etwa 90 Minu­ten lang nur schwer erreich­bar. Der Ansturm war so groß, dass der Ser­ver kaum hin­ter­her­kam, obwohl wir gerade erst Aus­bau­ten wegen der Euro­pa­wahl vor­ge­nom­men hat­ten, die auch ganz ordent­lich funk­tio­niert haben. Mitt­ler­weile (0:20 Uhr am Frei­tag) läuft alles wie­der stabil.

Kommt zu den Demos am 2009-​06-​20, jeweils um 12 Uhr auch in einer Stadt in dei­ner Nähe!

Nun­denn, die Aus­ein­an­der­set­zung ist noch lange nicht been­det. Ins­be­son­dere den Abge­ord­ne­ten der CDU — auch diese Par­tei möchte ich hier im Blog ja mal erwäh­nen — lege ich fol­gende Worte ans Herz:

Der Drang des Men­schen, sein Leben in Würde, frei von Unter­drü­ckung und staat­li­cher Will­kür, zu füh­ren, Per­spek­ti­ven zu haben und im Den­ken und Han­deln krea­tiv sein zu dür­fen, war auf Dauer stär­ker als ein staat­li­ches Unterdrückungsregime.

Wer das wohl gesagt hat…