Der Nah­ver­kehrs-Ad­vents­ka­len­der (10): Heil­bronn, Bahn­hofs­vor­platz, 2010


Übergang der Stadtbahnstrecke am Heilbronner Hauptbahnhof

Über­gang der Stadt­bahn­stre­cke am Heil­bron­ner Haupt­bahn­hof

Heil­bronn ge­hört zu den Städ­ten, die ihr Stra­ßen­bahn­netz nach 1945 still­ge­legt ha­ben. Erst seit 2001 gibt es hier wie­der ei­nen in­ner­städ­ti­schen schie­nen­ge­bun­de­nen Nah­ver­kehr in Form der Li­nie S4 des Karls­ru­her Stadt­bahn­net­zes. Auf dem Bild se­hen wir den Be­ginn die­ser In­nen­stadt­stre­cke, die kurz vor dem Heil­bron­ner Haupt­bahn­hof aus dem Ei­sen­bahn­gleis­be­reich aus­fä­delt und über den Bahn­hofs­vor­platz führt.

Das Be­son­de­re an der Karls­ru­her Stadt­bahn ist, dass sie als ers­tes Sys­tem welt­weit Stra­ßen- und Ei­sen­bahn­ver­kehr mit­ein­an­der ver­knüpft hat. Die­sel­ben Fahr­zeu­ge, die in­ner­städ­tisch über das Stra­ßen­bahn­netz fah­ren, wech­seln an ei­nem be­stimm­ten Punkt auf „ech­te“ Ei­sen­bahn­stre­cken und be­die­nen so re­gio­na­le oder so­gar über­re­gio­na­le Ver­kehrs­be­dürf­nis­se. Die ers­ten der­art be­dien­ten Stre­cken im Karls­ru­her Um­land in den frü­hen 1990er Jah­ren wa­ren ein der­art kol­los­sa­ler Er­folg (teil­wei­se stie­gen die Fahr­gast­zah­len um das 50-fa­che), dass das Sys­tem in den fol­gen­den 15-20 Jah­ren in al­le Rich­tun­gen aus­ge­baut wird und heu­te das ge­sam­te Karls­ru­her Um­land bis in den mitt­le­ren Schwarz­wald hin­ein er­schließt. Vie­le an­de­re Städ­te – in Deutsch­land zum Bei­spiel Kas­sel oder Saar­brü­cken – ha­ben ähn­li­che Kon­zep­te um­ge­setzt. In­ter­na­tio­nal wer­den der­ar­ti­ge Sys­te­me häu­fig als „tram-train“ be­zeich­net, im deutsch­spra­chi­gen Raum ist auch die Be­zeich­nung „Karls­ru­her Mo­dell“ ge­läu­fig.

Stra­ßen- und Ei­sen­bahn mit­ein­an­der zu kom­bi­nie­ren wirft ei­ne Rei­he tech­ni­scher und re­gu­la­to­ri­scher Fra­gen auf. Dass die Spur­wei­te iden­tisch sein muss, leuch­tet un­mit­tel­bar ein. Al­ler­dings muss auch die „Form“ der Rä­der ge­eig­net ge­wählt sein, da­mit der Wa­gen so­wohl über Ei­sen­bahn- als auch die an­ders kon­stru­ier­ten Stra­ßen­bahn­wei­chen fah­ren kann. Das tech­no­lo­gi­sche „Ei des Ko­lum­bus“ ist je­doch die Strom­ver­sor­gung der Fahr­zeu­ge. Erst die Leis­tungs­elek­tro­nik der 1980er Jah­re macht es mög­lich, dass ein Fahr­zeug re­la­tiv pro­blem­los so­wohl mit der üb­li­chen Stra­ßen­bahn­strom­ver­sor­gung von 600 bis 800 Volt Gleich­strom als auch den 15 Ki­lo­volt Wech­sel­strom des Ei­sen­bahn­net­zes be­trie­ben wer­den kann.

Da­zu kommt ein er­heb­li­cher re­gu­la­to­ri­scher Auf­wand. Ins­be­son­de­re un­ter­lie­gen Ei­sen­bah­nen und Stra­ßen­bah­nen völ­lig un­ter­schied­li­chen Re­gel­wer­ken. Für ers­te gilt die EBO (sprich: „Eh-Beh-Oh“), die „Ei­sen­bahn­bau- und -be­triebs­ord­nung„, für letz­te­re die „BOStrab“ („Beh-Oh-Strab“), die „Bau- und Be­triebs­ord­nung für Stra­ßen­bah­nen„. Und ge­nau dar­auf wei­sen die Schil­der auf un­se­rem Bild hin. Es ist am Über­gang vom Ei­sen­bahn- zum Stra­ßen­bahn­be­reich an­ge­bracht. Das obers­te Schild „Halt für Ran­gier­fahr­ten“ be­deu­tet even­tu­el­lem Ei­sen­bahn­ver­kehr, dass an die­ser Stel­le Schluss ist. Zug­fahr­ten kön­nen auf die­ses Gleis wohl so­wie­so nicht ge­lenkt wer­den und Ran­gier­fahr­ten müs­sen an­hal­ten. Das näch­te Schild, „Stra­ßen­bahn frei“, er­gänzt das gan­ze. Ei­gent­lich han­delt es sich hier­bei um ein Schild aus dem Stra­ßen­ver­kehr, aber mit ein biss­chen gu­tem Wil­len kann man es ge­eig­net in­ter­pre­tie­ren: „Ei­sen­bahn­fahr­zeu­ge, die zu­fäl­lig auch als Stra­ßen­bahn zu­ge­las­sen sind, dür­fen wei­ter­fah­ren“. Dann kommt schon das ers­te Nicht-mehr-Ei­sen­bahn-Schild: Die „3“ im Drei­eck ist die An­kün­di­gung ei­ner Ge­schwin­dig­keits­be­schrän­kung auf 30 km/​h. Wenn man dem Gleis wei­ter folgt, sieht man et­wa 100 Me­ter wei­ter ei­ne „3“ in ei­nem gel­ben Recht­eck – dort be­ginnt die an­ge­kün­dig­te Ge­schwin­dig­keits­be­gren­zung. Und das vier­te Schild am Mast schließ­lich be­nennt noch­mals ex­pli­zit, dass an die­ser Stel­le der Stra­ßen­bahn­be­reich und mit ihm die Gül­tig­keit der „BOStrab“ be­ginnt.

Der Stadt­bahn­zug im Bild ist ge­ra­de auf dem Weg nach Karls­ru­he und pas­siert auf sei­nem Gleis in we­ni­gen Se­kun­den die Wech­sel­stel­le in die an­de­re Rich­tung: Bis kurz vor den Karls­ru­her Alb­tal­bahn­hof ist er jetzt nach „EBO“ als Ei­sen­bahn un­ter­wegs.

Im Bild links der bei­den Stre­cken­glei­se nach Karls­ru­he er­kennt man zwei wei­te­re Glei­se. Die­se ge­hö­ren zu ei­ner Kehr­an­la­ge, die et­wa in Hö­he des Zu­ges Rich­tung Karls­ru­he in die Stre­cken­glei­se mün­den. Und da wir uns an der Stel­le be­reits im Stra­ßen­bahn­be­reich be­fin­den, braucht es da­für kei­ne „rich­ti­gen“ Si­gna­le, son­dern nur ganz nor­ma­le Stra­ßen­bahn­am­peln. Das al­les ge­schieht üb­ri­gens noch un­ter 15 kV Bahn­strom. Die Wech­sel­stel­le für die Strom­ver­sor­gung be­fin­det sich erst hin­ter der Hal­te­stel­le auf dem Bahn­hofs­vor­platz. Die­se enor­me tech­ni­sche und re­gu­la­to­ri­sche Fle­xi­bi­li­tät ist ei­nes der Er­folgs­re­zep­te des Karls­ru­her und da­mit auch des Heil­bron­ner Stadt­bahn­mo­dells.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.