Laatzens merkwürdigste Brücke — Alte Autobahnplanungen für die A30 und was von ihnen bleibt

Creative Commons License
Laat­zens merk­wür­digste Brü­cke — Alte Auto­bahn­pla­nun­gen für die A30 und was von ihnen bleibt sowie alle im Arti­kel ent­hal­te­nen Gra­fi­ken und Fotos von Dirk Hill­brecht ste­hen unter einer Crea­tive Com­mons Namensnennung-​Weitergabe unter glei­chen Bedin­gun­gen 3.0 Deutsch­land Lizenz.
Über diese Lizenz hin­aus­ge­hende Erlaub­nisse kön­nen Sie unter http://​blog​.hill​brecht​.de/​l​i​z​e​n​z​h​i​n​w​e​i​se/ erhalten.

Ich möchte heute mal eine neue Arti­kel­se­rie hier im Blog anfan­gen: Span­nende Ver­kehrs­bau­werke. Manch­mal trifft man auf ein Bau­werk, des­sen Sinn man sich nicht recht erklä­ren kann. Häu­fig sind dies Brü­cken, es kön­nen aber auch beson­ders breite Stra­ßen, im Nichts endende Abzwei­gun­gen oder irgend­wel­che ande­ren Ver­kehrs­bau­werke sein. Wenn ich so etwas sehe, ist immer meine Neu­gierde geweckt, denn häu­fig erzählt die Geschichte um so ein Bau­werk herum von frü­he­ren Zei­ten und von Pla­nun­gen und Ideen, die es einst gab und die dann aus irgend­wel­chen Grün­den nicht wei­ter ver­folgt wurden.

So auch hier.

Eine Brü­cke in Laatzen

Wenn man in Laat­zen süd­lich von Han­no­ver vom Park der Sinne in Rich­tung Hil­des­hei­mer Straße geht, befin­det man sich auf dem „Expo-​Weg”. Er kreuzt zunächst die Erich-​Panitz-​Straße auf einer geschwun­ge­nen Brü­cke, führt dann am Laat­zener Fest­platz vor­bei und schließ­lich auf den Bahn­damm der Eisen­bahn­stre­cken zwi­schen Laat­zen und Rethen zu. Unter die­sem wird er in einer Brü­cke hindurchgeführt.

Aber was für eine Brücke.

Blick auf die Brü­cke unter der Bahn­stre­cke von Osten.

Das Bau­werk ist offen­sicht­lich völ­lig über­di­men­sio­niert für die­sen klei­nen Fuß­gän­ger­weg. Im süd­li­chen Brü­cken­feld (im obi­gen Bild links) kann man zudem sehen, dass die Gelän­de­höhe des Ein­schnitts viel zu nied­rig für eine „nor­male” Straße ist. Im tie­fer aus­ge­ho­be­nen nörd­li­chen Brü­cken­feld ist der Weg von brei­ten Böschun­gen gesäumt, die die Durch­fahrts­breite stark ein­schrän­ken. Der Mit­tel­pfei­ler wie­derum scheint nur bis auf Höhe die­ser Böschun­gen voll­stän­dig aus­ge­führt, es ist aber anzu­neh­men, dass er tie­fer gegrün­det ist.

Pfei­ler in der Brückenmitte

Wieso steht hier mit­ten in Laat­zen eine sol­che Brü­cke in der Landschaft?

Die Eisen­bahn­stre­cke

Dre­hen wir die Zeit zurück in das Jahr 1973. In die­sem Jahr began­nen die Bau­ar­bei­ten an der Eisenbahn-​Schnellfahrstrecke Hannover-​Würzburg. Aller­dings war damals die Stre­cken­füh­rung süd­lich von Rethen noch nicht klar. Des­halb umfasste der erste Bau­ab­schnitt nur den Bereich Hannover-​Bismarckstraße bis Bahn­hof Rethen. Hier war der Aus­bau jedoch sehr umfang­reich: Bis­her befand sich hier eine ein­fa­che zwei­glei­sige Eisen­bahn­stre­cke, die nun auf vier Gleise ver­brei­tert wurde. Alte und neue Stre­cke wur­den dabei auf einem gemein­sa­men Ver­kehrs­weg inte­griert, sodass das ganze eigent­lich ein kom­plet­ter Neu­bau der gesam­ten Trasse war. Fer­tig gestellt wurde die­ser Abschnitt der Stre­cke Hannover-​Würzburg übri­gens bereits 1979, zwölf Jahre vor der Gesamtinbetriebnahme.

Das erklärt, wann diese Brü­cke ent­stan­den ist, aber noch nicht, warum.

Die Auto­bahn A30

Hier kommt nun eine andere Pla­nung jener Tage ins Spiel: Anfang der 1970er Jahre gab es auch sehr umfang­rei­che Pläne, das Auto­bahn­netz zu erwei­tern. Einer die­ser Pläne betraf die Auto­bahn A30: Sie führt heute von der nie­der­län­di­schen Grenze bis nach Bad Oeyn­hau­sen. Den Pla­nun­gen jener Tage zu Folge wäre sie von dort aus nach Osten wei­ter­ge­führt wor­den, und zwar etwa dem Ver­lauf der B65 fol­gend über Min­den, Stadt­ha­gen und Bad Nenn­dorf in den Süden Han­no­vers und von dort wei­ter nach Braun­schweig. Im Stadt­ge­biet von Han­no­ver hätte sich etwa fol­gende Tras­sie­rung ergeben:

A30-​Planung im Raum Hannover

  • Die Auto­bahn wäre im Wes­ten in einer Par­al­lel­lage zur B65 gebaut wor­den, hätte sich nord­west­lich von Ron­nen­berg von die­ser getrennt und wäre zwi­schen Ron­nen­berg und Empelde verlaufen.
  • An der Kreu­zung mit der B217 hätte es die Anschluss­stelle Wett­ber­gen gegeben
  • Die Auto­bahn­trasse hätte süd­lich an Devese vor­bei­ge­führt und die Trasse der heu­ti­gen B3 zwi­schen Hem­min­gen und Arnum gekreuzt. Dort oder an der Kreu­zung mit der eben­falls geplan­ten B3-​Ortsumgehung um Hem­min­gen und Arnum herum hätte es auch eine Anschluss­stelle gegeben.
  • Die Auto­bahn wäre dann bei Wil­ken­burg wei­ter durch das Leine-​Überflutungsgebiet geführt wor­den, hätte Laat­zen durch­quert und wäre ein Stück süd­lich der Krons­berg­kreu­zung (der heu­ti­gen B6-​Abfahrt „Messe-​Süd”) auf die Trasse der B6 getrof­fen, wo es das Auto­bahn­drei­eck Messe mit einer nur zu Mes­se­zei­ten geöff­ne­ten Anschluss­stelle Messe gege­ben hätte.

Bis hier­hin hatte man den Tras­sen­ver­lauf grob fest­ge­legt. In einem spä­te­ren Schritt sollte die Auto­bahn dann bis Braun­schweig füh­ren, wobei der heu­tige süd­li­che Teil der A37, der soge­nannte „Mes­se­stut­zen”, Teil der A30 gewor­den wäre (und die A37 im Zuge der heu­ti­gen B6 nach Hil­des­heim wei­ter­ge­führt hätte, aber das ist eine andere Geschichte…). Östlich davon sind die Pla­nun­gen aber nie so weit gedie­hen, dass auch nur der Stre­cken­ver­lauf genauer geklärt gewe­sen wäre.

Und das ist dann des Rät­sels Lösung, warum mit­ten in Laat­zen eine stra­ßen­lose Brü­cke unter der Eisen­bahn hin­durch­führt: Genau hier wäre nach die­sen Pla­nun­gen die Auto­bahn A30 ver­lau­fen! Direkt östlich der Unter­füh­rung wäre die Anschluss­stelle Laat­zen gewe­sen. Die „Ohren” der Abfahr­ten hät­ten dabei auf der Erich-​Panitz-​Straße geen­det, und zwar im Nor­den gegen­über der Ein­mün­dung Karls­ru­her Straße und im Süden in Höhe des Sankt-​Florian-​Wegs, der pas­sen­der­weise zur Feu­er­wehr führt, die hier in den 1990er Jah­ren gebaut wurde.

A30-​Planung in Laatzen

Die A30 hätte die Erich-​Panitz-​Straße genau in Höhe der heu­ti­gen Fuß­gän­ger­brü­cke zum Park der Sinne gekreuzt und die­ser Pla­nung wegen ist die Straße höchst­wahr­schein­lich an die­ser Stelle auch so tief gelegt: Die Auto­bahn hätte auf dem kur­zen Stück zwi­schen Eisen­bahn und Straße sonst nicht genü­gend Höhe für eine Brü­cke gewin­nen können.

Die Brü­cke und andere Vorleistungen

Die A30-​Planungen müs­sen Anfang/​Mitte der 1970er Jahre so aktu­ell gewe­sen sein, dass man an die­ser Stelle umfang­rei­che Vor­leis­tun­gen erbracht hat: Nicht nur die Brü­cke unter der Eisen­bahn, auch die Ein­mün­dung der Karls­ru­her Straße in die Erich-​Panitz-​Straße ist sehr groß­zü­gig tras­siert. Und als Kind habe ich mich immer sehr über die bereits voll­stän­dig vor­be­rei­tete Ein­mün­dung der süd­li­chen Auf­fahrt in die damals noch Haupt­straße genannte Magis­trale in die Laat­zener Neu­bau­ge­biete gewun­dert — sie endete nach weni­gen Metern im Wall west­lich der Straße. Beim Bau des Sankt-​Florian-​Wegs wurde die­ser Bereich voll­stän­dig umge­stal­tet und ist heute so nicht mehr erhalten.

Blick über die Auto­bahn­trasse östlich der Bahn­brü­cke. Im Hin­ter­grund die Fuß­gän­ger­brü­cke über die Erich-​Panitz-​Straße. Dort wäre auch die Auto­bahn ent­lang gelaufen

Auch andere Teile der Pla­nung erschei­nen aus heu­ti­ger Sicht wun­der­sam: Die Brü­cke ist kaum breit genug für eine vier­strei­fige Auto­bahn mit Beschleu­ni­gungs– und Brems­strei­fen für die Auf­fahrt und zusätz­li­cher Stand­spur, wie das heute üblich ist. Ange­sichts des knap­pen Plat­zes für die Auf­fahrt hätte diese aber auf jeden Fall unter der Eisen­bahn hin­weg­rei­chen müssen.

Blick von der Gras­dor­fer Seite auf die Brü­cke. Das Haus links wäre wohl nicht ste­hen geblieben.

Die Orts­durch­fahrt Gras­dorf im Zuge der Hil­des­hei­mer Straße wäre zudem rigo­ros durch­schnit­ten wor­den und eine ganze Reihe von Häu­sern hätte abge­ris­sen wer­den müs­sen. Zwar ist an die­ser Stelle in der Tat der Bebau­ungs­strei­fen in ganz Laat­zen am schmals­ten, die Schnell­straße hätte aber direkt neben dem Laat­zener Bad einer­seits und dem Agnes-​Karll-​Krankenhaus ande­rer­seits gelegen.

Blick von der Brü­cke Rich­tung Wes­ten. Die Hil­des­hei­mer Straße hätte gequert, die Bebau­ung ent­fernt wer­den müs­sen. Aller­dings beginnt unmit­tel­bar hin­ter den Häu­sern an der Hil­des­hei­mer Straße freies Feld.

Die A30-​Planungen sind östlich von Bad Oeyn­hau­sen mitt­ler­weile voll­stän­dig auf­ge­ge­ben, die Auto­bahn wird also nie kom­men. Aus heu­ti­ger Sicht wäre das auch des­halb völ­lig sinn­los, weil mit der A2 bereits eine her­vor­ra­gend aus­ge­baute Auto­bahn zwi­schen Bad Oeyn­hau­sen und Braun­schweig exis­tiert und die A30 sich nie wei­ter als 20 km von die­ser ent­fernt hätte. Bevor man nun aber den dama­li­gen Pla­nern Unfä­hig­keit unter­stellt, sollte man sich vor Augen füh­ren, dass in den 1960er Jah­ren die A2 noch auf dem Aus­bau­stand von 1939 war. Da machte es durch­aus Sinn, eine sol­che Ent­las­tungs­stre­cke zu pro­jek­tie­ren. Ich ver­mute ja, dass die Grund­satz­ent­schei­dung zum sechs­strei­fi­gen A2-​Ausbau gleich­zei­tig das Aus für die A30 bedeutete.

Es war also nur ein rela­tiv kur­zes Zeit­fens­ter, in dem die Pla­nun­gen so kon­kret waren, dass bereits Vor­leis­tun­gen erbracht wur­den. Genau in die­sen Zeit­raum sind die Neu– und Umbau­ten im nörd­li­chen Laat­zen gefal­len, sodass wir hier so eine Art „Phantom-​Autobahnabfahrt” einer Phan­tom­au­to­bahn haben.

Die Brü­cke von Wes­ten. Hät­ten hier drei Fahr­spu­ren pro Rich­tung plus Stand­strei­fen durchgepasst?

Even­tu­ell — aber das ist jetzt end­gül­tig pure Spe­ku­la­tion — hätte die Abfahrt Laat­zen sich letzt­lich als nicht rea­li­sier­bar her­aus­stel­len kön­nen — sei es wegen der Brü­cken­breite, sei es wegen der Nähe zum Kno­ten mit der B6/​A37. Die A30-​Planungen sind wohl nie über das Sta­dium einer grund­sätz­li­chen Idee wie die Trasse lau­fen könnte hin­aus­ge­kom­men. Eine tat­säch­li­che Raum­ord­nung oder gar eine Vor­be­rei­tung der Plan­fest­stel­lung haben nie statt­ge­fun­den. Es würde mich sehr inter­es­sie­ren, wie genau die Trasse im Bereich Laat­zen wirk­lich geplant wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein „vor­be­rei­te­tes” Bau­vor­ha­ben letzt­lich an irgend­wel­chen Feh­lern schei­tert und die durch­ge­führ­ten Bau­vor­leis­tun­gen sich selbst bei einer Umset­zung der ursprüng­li­chen Idee als nicht nutz­bar her­aus­stel­len. Der ein­zige Vor­teil war dann, dass wenigs­tens beim Bau zusätz­li­che Geld­töpfe ange­zapft wer­den konnten.

Blick von Osten auf die Brü­cke. Hier wäre die Auto­bahn ent­lang gelaufen.

Fazit

Die Brü­cke jeden­falls wird blei­ben. Sie kürzt den Fuß­weg aus Gras­dorf zum Laat­zener Fest­platz erheb­lich ab. Ihre 35 Jahre sieht man ihr — äußer­lich jeden­falls — nicht an. Irgend­wann, wenn der Zahn der Zeit allzu stark an ihr genagt hat, wird man sie sicher­lich zurück­bauen oder gar ganz schlie­ßen. Bis dahin ist sie aber ein ste­ter Hin­weis auf eine Auto­bahn, die nie gebaut wurde.

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Regionsverband Hannover der Piratenpartei gegründet

Am Frei­tag, 2010-​01-​29, um 20:41 Uhr war es soweit: Ein­stim­mig haben die anwe­sen­den Pira­ten in der Grün­dungs­ver­samm­lung die Grün­dung des Regi­ons­ver­bands Han­no­ver beschlos­sen. Ein paar kleine Ände­run­gen am Sat­zungs­ent­wurf gab es noch, aber genauso wie die gesamte Ver­samm­lung war er im Vor­feld schon so gut vor­be­rei­tet und intern dis­ku­tiert wor­den, dass wir zügig, geord­net und kon­struk­tiv vor­an­ge­kom­men sind. Auch die anschlie­ßende Vor­stands­wahl klappte rei­bungs­los, sodass wir um kurz nach 22:30 Uhr den Vor­stand kom­plett hatten:

Vor­stand des Regi­ons­ver­ban­des Han­no­ver der Pira­ten­par­tei, v.l.n.r.: Ronny Pase­mann, Jür­gen Jung­hä­nel, Patrick Ziemke, Kai Orak, Kai Hal­ler, Mau­rice „Momo” Wes­sel, Foto: Arne Böttger

  • Mit Jür­gen Jung­hä­nel hat der Regi­ons­ver­band Han­no­ver einen Vor­sit­zen­den, der so gar nicht in das „Nerd-​Bild” passt, dass der Par­tei häu­fig von außen nach­ge­sagt wird: 64 Jahre alt, Rent­ner und seit Mitte 2009 äußerst enga­giert im Wahl­kampf, spä­ter in den Dis­kus­sio­nen am Stamm­tisch und auch in den Online­me­dien der Partei.
  • Ganz anders sein Stell­ver­tre­ter: Patrick Ziemke ist gerade mal 21 Jahre alt, noch in der Aus­bil­dung, war aber schon Vor­sit­zen­der des Lan­des­schü­ler­ra­tes Niedersachsen.
  • Rela­tiv spon­tan kan­di­diert hat Ronny Pase­mann als Schatz­meis­ter — und ist dann auch prompt gewählt worden.
  • Auch unsere drei Bei­sit­zer Kai Hal­ler, Mau­rice Wes­sel und Kai Orak sind bereits seit vie­len Mona­ten in der Region Han­no­ver aktiv.

Für mich, der ich am Frei­tag die Ver­samm­lung gelei­tet habe, war es eine außer­or­dent­lich ange­nehme Erfah­rung: „Sieh’ an”, habe ich mir gedacht, „es geht doch!” Keine klein-​nickeligen Dis­kus­sio­nen, kein Rum­ge­zi­cke, kein Dis­pu­tie­ren um des Kai­sers Bart. Wir haben in einer aus­ge­spro­chen grad­li­ni­gen Ver­an­stal­tung den Ver­band gegrün­det — und hat­ten auch noch Spaß dabei!

Ich halte die Grün­dung des Regi­ons­ver­bands Han­no­ver für einen sehr sinn­vol­len und gera­dezu zwin­gen­den Schritt in der Ent­wick­lung der Par­tei: Schon die schie­ren Zah­len zei­gen die atem­be­rau­bende Ent­wick­lung: 180 Mit­glie­der hat die Pira­ten­par­tei mitt­ler­weile in der Region Han­no­ver — das ist etwa drei­mal so viel, wie es in ganz Nie­der­sach­sen zum Zeit­punkt der Lan­des­ver­bands­grün­dung im Som­mer 2007 gege­ben hat. Und es sind aktive Mit­glie­der: 39 waren ges­tern zur Grün­dung anwe­send, das sind mehr als 20%. Etwa genau­so­viele haben sich an einem spon­tan durch­ge­führ­ten Mei­nungs­bild betei­ligt, zu dem nur per E-​Mail und Mai­ling­lis­ten auf­ge­ru­fen wor­den war. Ich halte es für extrem sinn­voll, dass diese Mit­glie­der jetzt eine ver­fasste Ver­tre­tung haben. Ein „offi­zi­el­ler” Regi­ons­ver­band hat viel mehr Mög­lich­kei­ten als die bis­her allein exis­tie­ren­den „Stamm­ti­sche”: Er kann die loka­len Mit­glie­der gezielt anspre­chen, Aktio­nen koor­di­nie­ren, mit ande­ren poli­ti­schen Grup­pen vor Ort in Kon­takt tre­ten. Vor allem aber kann er auch dem Lan­des­vor­stand zuar­bei­ten und ihn ent­las­ten. Bis­lang muss­ten für alle Ver­wal­tungs­auf­ga­ben in der Region immer Lan­des­vor­stände hin­zu­ge­zo­gen wer­den. Jetzt kann zumin­dest ein Teil der Arbeit vor Ort erle­digt wer­den. Damit wirkt ein Regio­nal­ver­band eben auch für die Lan­des­ebene (und mit­tel­bar sogar für den Bund) über­aus posi­tiv. Das wiegt mei­nes Erach­tens auch das Argu­ment auf, ein Regi­ons­ver­band schaffe zusätz­li­che über­flüs­sige Büro­kra­tie. Die haben wir sowieso und je mehr Schul­tern sie tra­gen, desto besser.

Dann und wann ist es schon rela­tiv anstren­gend, sich in der Pira­ten­par­tei zu enga­gie­ren. Gerade letz­tens habe ich mich dies­be­züg­lich eini­ger­ma­ßen frus­triert geäu­ßert und auch anderswo im Inter­net fin­den sich hier und da fra­gende Arti­kel. Sol­che Ver­an­stal­tun­gen wie ges­tern sind da das große Gegen­ge­wicht: Wenn wir so wei­ter­ma­chen, dann wird das hier ste­tig und erfolg­reich voran gehen! Die Pira­ten­par­tei durch­lebt gerade — teil­weise sehr mas­sive — Wachs­tums­schmer­zen. Das ist eigent­lich nicht ver­wun­der­lich: Von gut 900 auf knapp 12.000 Mit­glie­der in nur zwölf Mona­ten, das muss hier und da zu Ver­wer­fun­gen füh­ren. All­ge­mein denke ich, dass die Grün­dung von Struk­tu­ren unter­halb der Lan­des­ver­bände jetzt genau der rich­tige Weg ist, die Par­tei inner­lich zu fes­ti­gen und nach außen schlag­kräf­tig zu machen: Mit Kreis– und Regi­ons­ver­bän­den kommt zum einen eine kom­mu­nal­po­li­ti­sche Kom­po­nente in die Par­tei, die für einen dau­er­haf­ten poli­ti­schen Erfolg unver­zicht­bar ist. Und zum ande­ren schlie­ßen sie eine Lücke zwi­schen den Vor­stän­den und der „Basis”, die allein auf Grund der Mit­glieds­zah­len in den Lan­des­ver­bän­den rie­sen­groß gewor­den ist und in der Ver­gan­gen­heit schon einige Male zu Miss­ver­ständ­nis­sen, Frust und bösem Blut geführt hat. Ein Vor­stand auf regio­na­ler Ebene ist jetzt wie­der so nah an den Mit­glie­dern wie in sei­ner Anfangs­zeit der Lan­des­vor­stand — viel­leicht sogar wegen des loka­len Bezugs noch näher. Ande­rer­seits kann er die Kom­mu­ni­ka­tion zum und vom Lan­des­vor­stand ein wenig koor­di­nie­ren und auf­be­rei­ten. Ich bin mir sehr sicher, dass dies der par­tei­in­ter­nen Stim­mung sehr gut tun wird. Aller­dings war die in Han­no­ver auch nie nach­hal­tig vergiftet.

Dass es jetzt den Regi­ons­ver­band gibt, heißt natür­lich nicht, dass die Stamm­ti­sche auf­hö­ren. Ganz im Gegen­teil wer­den wir uns auch wei­ter­hin jeden Frei­tag in Han­no­ver im Zwi­schen­zeit tref­fen, über Poli­tik reden, Aktio­nen pla­nen und die Pira­ten vor­an­brin­gen. Wie bis­her sind Gäste höchst will­kom­men. Und wer weiß — viel­leicht eta­blie­ren sich ja in abseh­ba­rer Zeit wei­tere Stamm­ti­sche im Umland. Es ist jetzt noch gut ein Jahr bis zu den Kom­mu­nal­wah­len — man kann eigent­lich nicht früh genug mit den Vor­be­rei­tun­gen anfangen.

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Auto Auto! — Christian von Richthofen und Benny Greb zerlegen einen Opel Kadett E

Zum Schluss ist es Tschai­kow­ski. Im Takt des Blu­men­wal­zers schwin­gen Chris­tian von Richt­ho­fen und Benny Greb die Vor­schlag­häm­mer und las­sen sie genüss­lich auf die Karos­se­rie des alten Opel Kadett E kra­chen. Motor­haube, Kof­fer­raum­ab­de­ckung, Dach, Kot­flü­gel — alles hin. In den Lack der Sei­ten­front ist das Wort „LOVE” mit dem Win­kel­schlei­fer geschrie­ben. Denn eigent­lich, so Chris­tian von Richt­ho­fen, ist das ganze Spek­ta­kel eine Lie­bes­er­klä­rung an den Kadett E, die­sen „Stein­way unter den Autos”.

Der Opel Kadett am Ende der Show

Ein­ein­halb Stun­den frü­her steht der noch weit­ge­hend unbe­schä­digt auf der Bühne. Zusam­men mit einem Schlag­zeug. Dem Zuschauer ist eine „Rhythm-​and-​Crash-​Performance” ange­kün­digt und dass es dem Auto im laufe des Abends derbe an den Kra­gen gehen wird, wis­sen wir auch. Trotz­dem beginnt der Abend eher gesit­tet: von Richt­ho­fen und Greb tre­ten im Frack auf die Bühne und geben zunächst mal eine A-​capella-​Version der Bach’schen Toc­cata und Fuge in D-​Moll mit laut­ma­le­ri­schen Ele­men­ten. Danach wird das Auto zunächst klang­lich „erforscht”: In der Tat las­sen sich der Karos­se­rie durch Trom­meln auf Motor­haube, Türen, Dach und Rück­wand ganz unter­schied­li­che Geräu­sche ent­lo­cken. Die ein­ge­setz­ten Holz– und Metall­stö­cke hal­ten die Schä­den dabei in Gren­zen. Von Richt­ho­fen und Greb arbei­ten sich durch etli­che Stile, von Reg­gae bis zum Radetz­ky­marsch ist alles dabei. Immer wie­der las­sen sie auch von dem Auto ab und sin­gen. Mit­tels eines klei­nen Loop–Sequen­cers, den von Richt­ho­fen (fast immer) sou­ve­rän mit dem Fuß bedient, ent­ste­hen dabei beacht­li­che mehr­stim­mige Klang­tep­pi­che. Zusätz­lich schil­dert von Richt­ho­fen über­zeu­gend als Hit­ler die Nöte des Füh­rers beim TÜV („Rrr­rück­spägel!?! Wärr brraucht Rrück­spägel?! Äch wäll einen Waa­gen mät Frront­an­trääb!”) und Greb arbei­tet sich genauso furios durch das auf­ge­stellte Schlag­zeug wie er spä­ter eine Rad­kappe als Per­kus­si­ons­in­stru­ment benutzt.

Pla­kat zur Show: Baby, you can play my car; Pla­kat: M. Lustig

Pla­kat: Marion Lus­tig, Fotos: Bernd Weis­haupt, Jür­gen Schmalfuß

Nach der Pause wird es dann hand­fes­ter. Wäh­rend von Richt­ho­fen bereits vor­her die Front­scheibe mit der blo­ßen Hand ein­ge­schla­gen hat — und ich behaupte wei­ter­hin: Das muss weh tun — kommt jetzt die Flex zum Ein­satz und die Schlag­in­stru­mente wer­den grö­ßer. Zu Mozarts Tür­ki­schem Marsch bear­bei­tet von Richt­ho­fen zudem ein wei­te­res Mal die Motor­haube mit den blo­ßen Hän­den, wobei er Maestro-​like auf der Kla­vier­bank sitzt. Bevor dann das Finale dem Auto den Rest gibt, muss der soeben aus dem Publi­kum ernannte Sicher­heits­be­auf­tragte Achim Helme in den ers­ten Rei­hen ver­tei­len. Und dann geht’s — wie beschrieben — los.

Benny Greb tes­tet den Helm vom Sicher­heits­be­auf­trag­ten Achim

Auto Auto! hat sowohl mich als auch meine Beglei­te­rin in jeder Hin­sicht begeis­tert: Zwei Künst­ler mit sicht­lich Spaß an der Sache sin­gen, tan­zen und trom­meln sich durch den Abend. Beide ver­ste­hen ihr Hand­werk und sel­ten wird man Zeuge einer der­art zele­brier­ten Auto­ver­schrot­tung. Dabei ist der tech­ni­sche Auf­wand sicher­lich nicht uner­heb­lich: Dass der Opel Kadett bei sei­nem fina­len Auf­tritt so gut „klingt”, liegt sicher­lich auch daran, dass in der Karos­se­rie etli­che Mikro­fone ver­baut sein dürf­ten, die die Klänge gut aus­ge­steu­ert auf die Laut­spre­cher brin­gen. Der stets unter­ge­mischte Hall — beim Auto weni­ger, beim Gesang mehr — ver­lei­hen der Akus­tik zusätz­li­chen Nach­druck. Und schließ­lich unter­stützt auch das Büh­nen­licht die Ver­schrot­tungs­or­gie nach Kräften.

Chris­tian von Richt­ho­fen nach der Show

Zum vier­ten Mal war von Richt­ho­fen letz­ten Sonn­tag mit Auto Auto! in Han­no­ver. Für diese inter­na­tio­nale Show dürfte das fast sowas wie ein Heim­spiel sein — von Richt­ho­fen kommt aus Nord­deutsch­land und einer der Haupt­lie­fe­ran­ten für die Opel Kadetts saß vor der Bühne. Das Publi­kum im vol­len gro­ßen Saal des Raschplatz-​Pavillons war aus dem Häus­chen. Im Herbst gas­tie­ren die bei­den wie­der in der Nähe — dann in Lehrte. Mei­ner­seits gibt es nur eine Emp­feh­lung: Hin­ge­hen und Anschauen!

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Diskussionskultur in der Piratenpartei: Setzen, sechs!

In Han­no­ver wird sich an die­sem Frei­tag, 2010-​01-​29, der Regi­ons­ver­band Han­no­ver der Pira­ten­par­tei grün­den. Als einer der­je­ni­gen, die hier in Han­no­ver mit der gan­zen Sache 2006 ange­fan­gen haben, freut es mich sehr, dass wir nach nur etwas mehr als drei Jah­ren so weit sind, dass wir die­sen Schritt hier lokal gehen kön­nen. Dem Ver­neh­men nach gibt es in der Region Han­no­ver mitt­ler­weile etwa 180 Par­tei­mit­glie­der; wenn ich mir über­lege, dass wir da im Novem­ber 2006 mal zu fünft im Zwi­schen­zeit saßen — toll.

Nicht ganz so toll finde ich eine Dis­kus­sion, die sich rund um die Grün­dung in den letz­ten Tagen ent­zün­det hat. Von einem — bis dahin in die Grün­dungs­vor­be­rei­tun­gen nicht wei­ter ein­ge­bun­de­nen — Mit­glied des Lan­des­vor­stan­des fand sich auf der nie­der­säch­si­schen(!) Mai­ling­liste am 2010-​01-​20 fol­gende Einlassung:

Ich habe so eben mal geschaut wie weit eure Vor­be­rei­tung zur Grün­dung gedie­hen ist.

Es steht auf eurer Seite: am Frei­tag, den 29.1.2010 wird um 19:00 an die­sem Ort die Pira­ten­par­tei Region Han­no­ver gegründet

Ich habe den Ver­dacht, das hier wenig demo­kra­tisch die Sache vor­be­rei­tet wird.

Der Kern der dann fol­gen­den Vor­würfe drehte sich darum, dass besag­ter Vor­stand­spi­rat der Mei­nung war, die Mit­glie­der seien an den Grün­dungs­vor­be­rei­tun­gen nicht aus­rei­chend betei­ligt wor­den. Das Orga­ni­sa­ti­ons­team erklärte, wie diese Betei­li­gung aus­ge­se­hen hat und dass die Vor­würfe, die Vor­be­rei­tun­gen fän­den „im Gehei­men” statt, nicht zuträ­fen. Die Ant­wort dar­auf war ein wenig — nunja — patzig:

Ihr habt aber den Anspruch eine Sat­zung für über 100 Pira­ten zu schrei­ben. Da darf ich doch wohl mal etwas mehr Demo­kra­tie fordern.

Ich muss geste­hen: Wenn ich so etwas lese, werde ich rich­tig, rich­tig sauer. Die Art und Weise, wie hier kom­mu­ni­ziert wird, ist unter­ir­disch. Da ist ein Pirat, der mit irgend­et­was unzu­frie­den ist. Was sollte jetzt pas­sie­ren? Nach­ha­ken, wie denn die Fak­ten eigent­lich sind? Ob man die Situa­tion rich­tig sieht? Ob das ver­mu­tete Pro­blem wirk­lich exis­tiert? Kurz: Macht der poten­ti­elle Kri­ti­ker sich erst­mal über die Dinge kom­pe­tent, die er da zu kri­ti­sie­ren gedenkt?

Nein! Es wird — ohne auch nur ein­mal zu hin­ter­fra­gen — los­ge­pol­tert. Nicht im klei­nen, nein, gleich mal auf der Mai­ling­liste, damit es auch alle mit­krie­gen. Es wer­den nicht Fak­ten genannt, son­dern sofort Vor­würfe erho­ben, gepaart mit unter­schwel­li­gen Anschul­di­gun­gen: „Ihr seid unde­mo­kra­tisch!” Und wenn dann die Erläu­te­run­gen kom­men, dass da viel­leicht das eine oder andere Miss­ver­ständ­nis vor­lie­gen könnte, gibt’s als Ant­wort: „Ey, bei dem Stuss, den ihr macht, is’ doch klar, dass ich da mit For­de­run­gen ankomme!”

Ich über­trag das mal in eine andere Situa­tion: Was macht ihr, wenn ihr im Lokal eine schale Cola vor­ge­setzt bekommt? Ruft ihr dann (a) noch­mal nach der Bedie­nung und bit­tet: „Könnte ich bitte eine neue Cola haben? Die hier ist schal.” — oder steigt ihr (b) auf den Tisch und brüllt ins Lokal: „Ey, die haben mir hier ‚ne eklige schale Cola ser­viert. Die kön­nen hier nix. Passt bloß auf, bestimmt ist euer Bier ver­gif­tet! Die­ses ganze unfä­hige Gesocks gehört raus­ge­schmis­sen. Sofort! Und die The­ken­schlampe als erste!” Viel­leicht bin ich ja alt­mo­disch, aber ich würde immer Weg (a) beschreiten.

Diskussionskultur in der Piratenpartei: Verbesserungsfähig

Dis­kus­si­ons­kul­tur in der Pira­ten­par­tei: Ver­bes­se­rungs­fä­hig, Gra­fik: Wiki­me­dia Com­mons, CC-​BY-​SA 3.0

Wenn ich mich in den Foren der Pira­ten­par­tei oder auch anderswo, wo Pira­ten dis­ku­tie­ren, umsehe, dann treffe ich lei­der all­zu­oft auf Kom­mu­ni­ka­ti­ons­typ (b). Auf ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Pro­bleme wird sofort scharf aus allen Roh­ren geschos­sen. Es wird belei­digt. Es wer­den per­sön­li­che Angriffe gefah­ren. Es wird unsach­lich her­um­ge­pö­belt. Argu­mente wer­den im Munde her­um­ge­dreht, absicht­lich falsch ver­stan­den, bei rich­ti­gem Ver­ste­hen igno­riert und ins­ge­samt in kei­ner­lei kon­struk­ti­ver Weise aus­ge­tauscht. Vor allem: Es wird nicht „gebe­ten” oder „ange­regt” oder „vorgeschlagen” — nein, es wird „gefor­dert”. Jetzt! Sofort! Ulti­ma­tiv! Ich hab’ manch­mal den Ein­druck, das sind gar keine Mit­glie­der der Pira­ten, son­dern so eine Art Fünfte Kolonne einer ande­ren Par­tei, die mög­lichst jeden kon­struk­ti­ven Mei­nungs­aus­tausch unter­bin­den will, indem sie ihn in einer Kako­pho­nie von Nich­tig­kei­ten und Belei­di­gun­gen begräbt. Und wo das nicht klappt, wer­den den par­tei­ei­ge­nen Schieds­ge­rich­ten Ver­fah­ren auf­ge­drückt, deren Inhalt jedem reni­ten­ten Klein­gärt­ner zu lächer­lich wäre.

Bei­spiele fin­den sich zu Hauf:

  • Aaron Koe­nig kann sich mitt­ler­weile eigent­lich zu gar nichts mehr äußern, ohne dass nicht min­des­tens ein Dut­zend „Pira­ten” ein „Ver­piss dich, Nazi­sau” dazwischenrülpst.
  • Der Bun­des­vor­stand wurde übelst und mit fal­schen Behaup­tun­gen ange­gan­gen, als eine Ent­schei­dung über den Ort des nächs­ten Bun­des­par­tei­tags zu tref­fen war.
  • Die aktu­elle Dis­kus­sion um eine Teil­nahme bei den Demons­tra­tio­nen am 13. Februar in Dres­den fin­den haupt­säch­lich auf einer Meta­ebene statt, in der das Haupt­ar­gu­ment ist, die Mei­nungs­frei­heit even­tu­el­ler rechts­ra­di­ka­ler Grup­pen dürfe kei­nes­falls ein­ge­schränkt wer­den. Mit die­ser Argu­men­ta­tion wird dann von eini­gen Dis­kus­si­ons­teil­neh­mern veh­ment eine Nicht­teil­nahme an Gegen­ver­an­stal­tun­gen zur rech­ten „Gedenk­kund­ge­bung” eingefordert.

Die Wir­kung sol­cher Pseu­do­dis­kus­sio­nen nach innen und nach außen ist kata­stro­phal: Amts­in­ha­ber der Par­tei wer­den ohne Not so stark in ihrem Anse­hen beschä­digt, dass sie statt mit kon­struk­ti­vem Nach-​Vorne-​Gehen stän­dig mit Schat­ten­kämp­fen beschäf­tigt sind. Glei­ches gilt für die Par­tei­struk­tu­ren. Im Falle des Par­tei­tags­or­tes sieht man dann auch deut­lich, dass das unge­nierte Her­um­pö­beln so einen Druck erzeugt, dass letzt­lich ein noch grö­ße­res Geeiere dabei rauskommt.

So ein rich­ti­ger Griff ins Klo wird das ganze dann, wenn ein sol­cher Streit das Außen­bild der Par­tei in einer Frage domi­niert. Jeder, der das „Dis­kus­si­on­klima” in der Pira­ten­par­tei nicht gut kennt, wird sich fra­gend am Kopf krat­zen, wenn er das Hin und Her um die Dresden-​Demo und ins­be­son­dere die Argu­men­ta­tion mit­be­kommt. Für poli­ti­sche Geg­ner ist sowas ein Fest, die Pira­ten­par­tei bringt es kei­nen ein­zi­gen Mil­li­me­ter voran oder nützt ihr.

Wenn ich zwei Wün­sche an die Pira­ten­par­tei hätte, dann wären das diese:

  1. Mit­glie­der äußern Kri­tik in ange­mes­se­ner Weise, ver­su­chen erst­mal, even­tu­elle Pro­bleme im Gespräch zu klä­ren. Kri­tik ist kein Selbst­zweck, son­dern stets nur Mit­tel, einen Miss­stand zu behe­ben. Per­sön­li­che Angriffe unter­blei­ben. Idea­ler­weise kennt jeder Kants „Kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv” — und hält sich dran.
  2. Par­tei­gre­mien und andere struk­tu­relle Glie­de­run­gen agie­ren sou­ve­rän. Sie sind sich zum einen ihrer Rolle als aktiv orga­ni­sie­ren­des Ele­ment der Par­tei bewusst und nut­zen diese Kom­pe­tenz auch. Und zum ande­ren haben sie genug „Arsch in der Hose”, im Zwei­fels­fall ihr Ding auch mal gegen ver­meint­li­che „Wider­stände” durch­zu­zie­hen. Egal was man macht, irgend­wer wird sich immer dran rei­ben. Gebt der­je­ni­gen „Kri­tik”, die sich nur als laut­star­kes Gepö­bel äußert, nicht auch noch eine Bühne.

Gerade letz­te­res ist — ich spre­che da aus Erfah­rung — manch­mal sehr schwer. Man kommt zwangs­läu­fig ins Zwei­feln, wenn man über­all nur Geg­ner­schaft sieht. Selbst wenn diese Geg­ner nur eine Min­der­heit sind, die ver­steht, beson­ders laut­stark und vehe­ment auf­zu­tre­ten. Meine Bitte an die schwei­gende Mehr­heit: Äußert euch! Selbst eine kurze direkte E-​Mail „Ich find das gut, was ihr da macht” kann eine große mora­li­sche Stütze sein.

Im Falle der Regio­nal­ver­bands­grün­dung sind die Unklar­hei­ten wohl mitt­ler­weile weit­ge­hend geklärt. Atmo­sphä­risch lief das ganze jedoch aus­ge­spro­chen sub­op­ti­mal. Und das ist schade, weil wir als Par­tei Gefahr lau­fen, durch genau sol­che Aktio­nen sinn­los fähige und kom­pe­tente Leute zu ver­schlei­ßen oder gleich von einer Mit­ar­beit abzuschrecken.

Und das kön­nen wir uns nicht leisten!

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Rene Marik und der Maulwurf in „KasperPop”: Autschn reloaded?

Ges­tern war Rene Marik wie­der in Han­no­ver. Und zwar mit sei­nem neuen Pro­gramm „Kas­per­Pop”. Letz­tes Jahr war ich ja schon in „Autschn” und war rest­los begeis­tert. Nun also das neue Pro­gramm — ich und mit mir nicht weni­ger als fünf Freunde waren gespannt. Statt des größ­ten Saa­les im Rasch­platz­pa­vil­lon war die Vor­stel­lung dies­mal im Thea­ter am Aegi, des­sen Saal dop­pelt so groß ist und das eben­falls aus­ver­kauft war.

Rene Marik mit Maul­wurf und Fal­ken­horst, Foto: Ben Wolf (Pressefoto)

Marik ist ja von der Aus­bil­dung her Pup­pen­spie­ler und inso­fern sind die Pup­pen wie­der zen­tra­ler Bestand­teil der Show. Jede Menge alte Bekannte fin­den sich im Laufe des Abends auf der Bühne ein: Frosch Fal­ken­horst, der ber­li­nernde Eis­bär Kalle, die Wasch­lap­pen Domi­nik und Jaque­line, „de Babe” und sogar das Teletubbie-​Telefon sind wie­der mit von der Par­tie — genauso natür­lich wie Sym­pa­thie­trä­ger und Mar­ken­zei­chen Maul­wurf, der immer noch kei­nen Namen hat, aber im Laufe des Abends dies­mal auf eine Maul­wur­fin tref­fen darf. Ich will mal nicht ver­ra­ten, ob die bei­den sich krie­gen, aber so rich­tig leicht hat es der Maul­wurf ja noch nie gehabt.

Zwei Neu­zu­gänge sind zu ver­zeich­nen: Neben einem klei­nen E.T. ist das vor allem der „Kas­per”, der dem Pro­gramm sei­nen Namen gibt und es als „Hass­kas­per” auch gleich mal mit einer ful­mi­nan­ten Publi­kums­be­schimp­fung eröff­net. Ansons­ten über­nimmt er den dia­bo­li­schen Part des Abends: Wenn er, beglei­tet von Sir­ren aus den Laut­spre­chern, auf­taucht, wird’s unge­müt­lich. Mal ent­führt er Bar­bie, mal erscheint er dem Maul­wurf in einem Mushroom-​Alptraum und Fal­ken­horst wird schließ­lich von ihm um einen Frosch­schen­kel erleich­tert. Außer­dem ist er zen­tra­les Ele­ment von zwei Ein­spiel­fil­men: In der „Hass­kas­per­box” kön­nen Pas­san­ten die Puppe über die Hand zie­hen und ihrem Frust mal so rich­tig freien Lauf las­sen. Die Zusam­men­schnitte sind mal wit­zig, wenn etwa ein Fran­zose derb über Prä­si­dent Sakorzy schimpft und dabei die lang­ge­zo­ge­nen fran­zö­si­schen „äh„s pho­ne­tisch kor­rekt als „eee ööööööööööö” unter­ti­telt wer­den. Mal sind sie strange, wenn jemand mit deut­li­chem tür­ki­schen Akzent sich über Aus­län­der beschwert. Und häu­fig kommt Ber­li­ner Lokal­ko­lo­rit durch, was aber auch kein Wun­der ist, weil die Box für viele die­ser Ein­spie­ler wohl am Alex­an­der­platz in Ber­lin stand. Da sind dann halt viele Leute, die sich über die Woh­nungs­not in Fried­richs­hain beschwe­ren oder sanierte Häu­ser im Prenz­lauer Berg, die sie an Schö­ne­berg erinnern.

Die Hass­box steht auch an den jewei­li­gen Spiel­or­ten und Marik for­dert das Publi­kum auf, nach der Vor­stel­lung von ihr Gebrauch zu machen. Die in der Vor­stel­lung gezeig­ten Filme sol­len von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet und auch ins Inter­net gestellt wer­den. In Han­no­ver waren dann wohl auch so etwa zehn Leute anschlie­ßend in der Box.

Eintrittskarte zur Vorstellung in Hannover mit Autogramm

Ein­tritts­karte zur Vor­stel­lung in Han­no­ver mit Autogramm

Zwei Stun­den über Kopf mit Hand­pup­pen zu spie­len ist nicht mög­lich, wes­halb das KasperPop-​Programm, wie schon Autschn, auch aus Nicht-​Puppen-​Teilen besteht. Hier­für hat Marik sich Ver­stär­kung in Form des „Tas­ta­teurs Pro­fes­sor Inge” auf die Bühne geholt, der ihn zu sei­ner E-​Gitarre beglei­tet. Lei­der hat sich auch der Cha­rak­ter der musi­ka­li­schen Parts grund­le­gend geän­dert: Statt der mini­ma­lis­ti­schen Inter­pre­ta­tion melan­cho­li­scher Lie­bes­schul­zen gibt es jetzt ziem­lich laute und schnelle „Pop”-Musik, die bei uns in der Gruppe nie­man­den so recht über­zeugte. Es ist eine nicht wirk­lich inspi­rierte Mischung aus den Ärzten, Sil­ber­mond und Blum­feld, die da aufs Publi­kum her­ab­pras­selt. Abge­se­hen davon, dass ich Blum­feld und Distel­mey­ers verschwurbselt-​pseudointellektuellen Gesang nie lei­den konnte, waren die Stü­cke von Marik nicht immer ver­ständ­lich und pass­ten nicht so recht zu den ande­ren Tei­len des Pro­gramms. Mit die­ser Ein­schät­zung war ich wohl nicht allein: Als Marik im Rah­men der Zugabe erneut zur Gitarre griff, gab es den ver­nehm­li­chen Zwi­schen­ruf „Nicht sin­gen!” aus dem Publikum.

Rene Marik nach der Vorstellung bei Autogrammstunde und Fotos

Rene Marik nach der Vor­stel­lung bei Auto­gramm­stunde und Fotos

Über­haupt, der große Bogen. „Ein Pro­gramm über Pop und Kata­stro­phen” hat Marik ange­kün­digt. Auf die Frage nach der Schnitt­menge wusste das Publi­kum keine rechte Ant­wort (und ich habe mich in dem Moment nicht getraut, laut „Die­ter Boh­len” zu rufen) und so macht sich denn manch­mal eine recht destruk­tive Grund­stim­mung breit. Der Maul­wurf fährt im Urlaub nach Afgha­nis­tan und endet als Rambo, der mit der Kalasch­ni­kow alles nie­der­mäht. Die Wasch­lap­pen tref­fen „in New York” auf­ein­an­der und als end­lich das Eis gebro­chen scheint sagt Jaque­line: „Schau mal, ein Flugzeug” — und weist nach unten. Marik ver­sucht es ver­ein­zelt mit poli­ti­schen The­men, aber das — finde ich — bekommt dem Pro­gramm nicht beson­ders gut. Wo Autschn mit poe­ti­scher Leich­tig­keit glänzte und mit dem vom Lie­bespech ver­folg­ten Maul­wurf einen ganz ein­fa­chen aber zutiefst lie­bens­wer­ten Hel­den hatte, kommt Kas­per­Pop manch­mal reich­lich bra­chial daher. Und der Kas­per, des­sen Bezeich­nung mehr­fach zwi­schen „Hass­kas­per” und „Glat­zen­kas­per” wech­selt, ist nicht wirk­lich eine posi­tive Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Zumal sich des­sen Destruk­ti­vi­tät durch das ganze Pro­gramm zieht.

Das heißt jetzt aber nicht, dass es nicht auch viel zu Lachen gäbe. Beson­ders stark ist Marik immer, wenn er wie schon in den gro­ßen Momen­ten von „Autschn” mit einem Mini­mum an Requi­si­ten eine Szene aus dem Ärmel schüt­telt, die man als Zuschauer sofort erfasst und ver­in­ner­licht. Es mag Zufall sein, häu­fig pas­siert das genau dann, wenn er das aus Autschn Bekannte zitiert, vari­iert oder erwei­tert. Schon ganz am Anfang kün­digt Fal­ken­horst den Maul­wurf an, nur um ihn dann selbst als Hand­puppe zu spie­len und den unter ihm ste­hen­den Marik mit den Wor­ten: „Sieh zu und lerne!” abzu­kan­zeln. Eben die­ser Maul­wurf arbei­tet sich spä­ter an Bar­bie ab, die er immer noch schmach­tend „de Babe!” nennt. Wenn er sie dann musi­ka­lisch zu erobern ver­sucht und dabei mit Sprach­feh­ler und Stevie-​Wonder-​Brille auf dem Spiel­zeug­key­board „I just cal­led to say I love you” zum Bes­ten gibt, ist das schlicht genial. Genauso genial der Ver­such vom Maul­wurf und Fal­ken­horst, Win­ne­tou und „Old Shat­ter­hage” nachzuspielen:

So fällt mein Fazit denn auch über­wie­gend posi­tiv aus: Ein kurz­wei­li­ger Abend, der am bes­ten ist, wenn Marik das macht, was er am bes­ten kann: Pup­pen­spie­len. Die Musik fällt dage­gen deut­lich ab und ein iro­ni­sie­ren­des Ele­ment wie die Gedicht­le­sun­gen aus „Autschn” gibt es gar nicht. Dafür spie­len die alt­be­kann­ten Pup­pen in neuen Kon­stel­la­tio­nen und wir erfah­ren end­lich, wie Maul­wurf und Eis­bär mit­ein­an­der kön­nen — näm­lich gar nicht. Bei allem sollte man auch nicht ver­ges­sen, dass das hier in Han­no­ver erst die dritte Vor­stel­lung der KasperPop-​Tournee war — es würde mich nicht wun­dern, wenn da in den nächs­ten Wochen nicht noch der eine oder andere Fein­schliff käme. Gegen Maul­wurf– und Falkenhorst-​Entzugserscheinungen hilft am Bes­ten — ein Besuch bei Rene Marik!

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Wer terrorisiert hier wen? Werner Gruber über Terrorprävention und Physik

Der öster­rei­chi­sche Phy­si­ker Wer­ner Gru­ber hat der Online­zeit­schrift Tele­po­lis ein Inter­view gege­ben. Unter der Über­schrift „Zum Glück ver­ste­hen Ter­ro­ris­ten nichts von Phy­sik” bilan­ziert er die Wirk­sam­keit der aktu­el­len „Anti-​Terror-​Maßnahmen” aus natur­wis­sen­schaft­li­cher Sicht. Fazit: Völ­lig nutz­los. Das Ver­spre­chen völ­li­ger Sicher­heit ist unein­lös­bar und die aktu­el­len „Sicher­heits­maß­nah­men” sind reine Augen­wi­sche­rei. Das ein­zige was uns schützt, so Gru­ber mit ironisch-​bitterem Unter­ton, ist, dass Ter­ro­ris­ten lie­ber beten als sich mit Grund­la­gen der Phy­sik zu beschäftigen.

Werner Gruber, Foto: Manfred Werner, CC-BY-SA 3.0

Wer­ner Gru­ber, Foto: Man­fred Wer­ner, CC-​BY-​SA 3.0

Die große Ter­ror­war­nung und das Ver­spre­chen von Sicher­heit, das ist doch Blöd­sinn. […] Wenn jemand gut ist, bringt er jeder­zeit ein Flug­zeug zum abstür­zen. Ich kann mich gegen Ter­ro­ris­mus, vor allem gegen Selbst­mord­at­ten­tä­ter, nicht schüt­zen. Wenn das jemand sagt, kann ich nur erwi­dern: Keine Chance! Sobald jemand bereit ist, sein Leben zu opfern, kann er ein Atten­tat durchführen.

Der Arti­kel ent­hält eigent­lich nichts wirk­lich Neues, aber es ist hier erfri­schend zusam­men­ge­schrie­ben und es tut ehr­lich gesagt gut, zwi­schen all dem Sicher­heits­ge­wäsch der Poli­tik wenigs­tens hin und wie­der mal jeman­den zu lesen, der sich mit Ver­stand und ohne das Hecheln nach sinn­lo­sem Aktio­nis­mus über das Ter­ro­ris­mus­pro­blem Gedan­ken macht. Zumal Gru­ber sogar eine Lösung beschreibt:

Der ein­zige Aus­weg ist eine poli­tisch sta­bile Lage, in der die Men­schen ihre Lebens­träume ver­wirk­li­chen kön­nen, und ein ruhi­ges und zivi­li­sier­tes Leben haben, ohne Furcht und ohne Angst. Das ist das Ein­zige, was wirk­lich etwas nützt. […] Wenn man das ganze Geld, das in Sicher­heits­tech­nik inves­tiert wird, wenn man diese gewal­ti­gen Sum­men in Schu­len und gute Aus­bil­dun­gen in den ent­spre­chen­den Län­dern inves­tie­ren würde – allein die Kos­ten für die vie­len Scan­ner auf allen Flug­hä­fen welt­weit und deren Betrieb – das wäre viel sinn­vol­ler. Ein­zelne Ver­rückte wird es immer geben, aber wenn man den Men­schen in einer Gesell­schaft ins­ge­samt eine posi­tive Zukunfts­aus­sicht gibt, dann trock­net das die Unter­stüt­zung für den Ter­ror aus.

Klingt blau­äu­gig, ich weiß. Aber alle­mal bes­ser als die schlei­chende Ein­füh­rung eines Prä­ven­ti­ons– und Über­wa­chungs­staa­tes. Erwähnte ich schon­mal, dass die Pira­ten­par­tei hier eine ihrer pro­gram­ma­ti­schen Grund­la­gen hat und in etwa das, was Gru­ber hier sagt, auch bereits seit Jah­ren in die poli­ti­sche Dis­kus­sion einbringt?

*Seufz* Ich glaube, ich muss in nächs­ter Zeit mal wie­der ein biss­chen mehr poli­ti­sche Inhalte hier im Blog brin­gen. Naja, ist ja momen­tan grad’ die Zeit für gute Vorsätze…

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Oracle will Sun kaufen — Gefahr für MySQL? Jetzt Einwand an die EU-​Kommission schreiben!

Ora­cle ist gerade dabei, Sun zu kau­fen. Damit käme dann auch MySQL unter ihre Fit­ti­che. Das würde zu der durch­aus deli­ka­ten Situa­tion füh­ren, dass Ora­cle auch Besit­zer des wohl größ­ten Kon­kur­ren­ten ihres eige­nen Haupt­pro­duk­tes — näm­lich der Oracle-​Datenbank — ist.

Michael „Monty” Wide­nius, einer der ursprüng­li­chen MySQL-​Entwickler, betrach­tet die Situa­tion in sei­nem Blog. Einer der ent­schei­den­den Punkte sei, so schreibt er, dass Ora­cle damit ins­be­son­dere das Copy­right für MySQL bekommt. Das gibt Ora­cle einen sehr weit­rei­chen­den Ein­fluss auf das Pro­dukt, sodass trotz der Open-​Source-​Lizenz, unter der MySQL steht, Ora­cle die Ein­stel­lung von MySQL beschlie­ßen oder Teile von MySQL unter einer Closed-​Source-​Lizenz stel­len könnte.

Auch die EU-​Kommission hat gewisse Zwei­fel, ob der Kauf dem Pro­dukt MySQL lang­fris­tig so gut tun würde und des­halb zu einer Anhö­rung gela­den, auf deren Grund­lage sie ent­schei­den will, ob sie die Fir­men­fu­sion geneh­migt oder nicht. In die­sem Zusam­men­hang berich­tet Monty nun von einer Kam­pa­gne, in der grö­ßere Kun­den von Ora­cle zu einem Tele­fo­nat ein­ge­la­den und dann — nunja — zuge­tex­tet wer­den, sodass sie eine Ein­gabe in die­ses Ver­fah­ren machen, in dem sie die EU-​Kommission zur Geneh­mi­gung des Kaufs auf­for­dern. Eine Dar­stel­lung die­ses Vor­gangs hat mich mitt­ler­weile auch von einer wei­te­ren Seite erreicht — mit­samt dem Ein­la­dungs­schrei­ben zu einem sol­chen Telefonat.

Monty ruft nun in sei­nem Blog die Open-​Source-​Gemeinde auf, sich ebenso bei der EU-​Kommission zu Wort zu mel­den. Hier sein Auf­ruf in deut­scher Übersetzung:

„Da wir wol­len, dass die EU-​Kommission ein kor­rek­tes Bild der Situa­tion bekommt, möch­ten wir, dass ihr den obe­ren Teil des fol­gen­den E-​Mailvorschlags aus­füllt und dann den­je­ni­gen der vor­ge­schla­ge­nen Texte aus­wählt, der eurer Sicht am bes­ten ent­spricht. Fühlt euch frei, eige­nen Text oder wei­tere Infor­ma­tio­nen hin­zu­zu­fü­gen, wenn ihr denkt, dass dies der EU-​Kommission zu ver­ste­hen hilft, wie MySQL genutzt wird.

Sen­det dann die E-​Mail an: comp-​merger-​registry@​ec.​europa.​eu

Wenn ihr die Zeit inves­tie­ren könnt, füllt das fol­gende aus, wenn nicht, geht ein­fach zum Haupt­text wei­ter [Anm.: Hm, Monty wider­spricht sich hier irgend­wie selbst. So wie ich’s ver­stehe, sind die Fir­men­an­ga­ben also nicht unbe­dingt nötig.]

Name:
Titel:
Firma:
Fir­men­größe:
Anzahl der MySQL-​Installationen:
Gesamt­menge der in MySQL gespei­cher­ten Daten (in Mega­byte):
Art der Anwen­dun­gen, für die MySQL benutzt wird:
Soll die EU-​Kommission diese E-​Mail ver­trau­lich behan­deln: Ja/​Nein

Nehmt dann einen der fol­gen­den Texte als Grund­lage für eure Antwort:

a)
Ich traue Ora­cle nicht zu, dass sie sich gut um MySQL küm­mern wer­den. MySQL sollte aus dem Kauf aus­ge­glie­dert und an eine andere Firma oder Ver­ei­ni­gung über­tra­gen wer­den, die von der Wei­ter­ent­wick­lung und Ver­brei­tung von MySQL unein­ge­schränkt pro­fi­tiert. Auch in Zukunft sollte es mög­lich sein, MySQL mit Closed-​Source-​Anwendungen zu kom­bi­nie­ren, ent­we­der als Aus­nah­me­re­ge­lung, durch eine frei­zü­gi­gere Lizenz oder über eine Dual­li­zen­zie­rung zu fai­ren Bedingungen.

b)
Ich denke, dass Ora­cle eine gute Umge­bung für MySQL sein kann, aber die EU-​Kommission muss dafür von Ora­cle recht­lich bin­dende Garan­tien ein­for­dern, dass:

  • MySQL ins­ge­samt auch in Zukunft voll­stän­dig Open-​Source-​/​Freie Soft­ware bleibt (keine Closed-​Source-​Module)
  • Die Wei­ter­ent­wick­lung auf Community-​freundliche Weise geschieht
  • Die Anlei­tun­gen unter einer frei­zü­gi­gen Lizenz ver­füg­bar sind, sodass von ihnen auf die­selbe Weise unab­hän­gige Eigen­ent­wick­lun­gen abge­spal­ten wer­den kön­nen wie dies auch für den Daten­bank­ser­ver der Fall ist
  • MySQL selbst unter einer frei­zü­gi­ge­ren Lizenz ver­öf­fent­licht wer­den sollte, sodass sicher­ge­stellt ist, dass unab­hän­gige Ent­wick­lun­gen MySQL als Basis für einen ech­ten Oracle-​Konkurrenten ver­wen­den kön­nen, für den Fall, dass Ora­cle sich doch nicht als eine so gute Hei­mat für MySQL herausstellt.

Alter­na­tiv:

  • Es muss immer mög­lich sein, preis­güns­tige kom­mer­zi­elle MySQL-​Lizenzen zu kaufen.

Es sollte auch einen Mecha­nis­mus geben, der sicher­stellt, dass von MySQL abge­spal­tene Pro­jekte mit Ora­cle kon­kur­rie­ren kön­nen, wenn Ora­cle sich anders als erwar­tet verhält.

c)
Ich ver­traue Ora­cle und schlage vor, dass die EU-​Kommission dem Ver­trag ohne Vor­be­halte zustimmt.”

Die­sem Auf­ruf von Monty schließe ich mich an! Nehmt ent­we­der das eng­lisch­spra­chige Ori­gi­nal oder die deut­sche Über­set­zung von oben und schickt den Brief als E-​Mail bis spä­tes­tens 2009-​12-​19 an die ange­ge­bene E-​Mailadresse. Auch wenn Monty es nicht expli­zit schreibt, so wird aus sei­nem Blog­bei­trag recht deut­lich, dass er die Zukunfts­per­spek­ti­ven für MySQL unter Ora­cles Fit­ti­chen eher kri­tisch sieht. Er fasst zusam­men, wie Ora­cle sich bis­lang so geäu­ßert hat:

Ora­cle hat (soweit ich weiß und jeden­falls defi­ni­tiv nicht recht­lich bin­dend) nicht zuge­sagt, dass:

  • MySQL (kom­plett) unter einer Open-​Source-​Lizenz bleibt
  • sie keine Closed-​Source-​Teile, –Module oder not­wen­dige Werk­zeuge hinzufügen
  • sie die MySQL-​Lizenz– oder –Sup­port­preise nicht erhöhen
  • regel­mä­ßig neue MySQL-​Version ver­öf­fent­licht werden
  • sie die Dop­pel­li­zen­zie­rungs­stra­te­gie fort­set­zen und auch wei­ter­hin preis­lich attrak­tive kom­mer­zi­elle MySQL-​Lizenzen für die­je­ni­gen anbie­ten, die sie benö­ti­gen (Spei­cher– und Anwen­dungs­ent­wick­ler) oder alter­na­tiv MySQL unter eine weni­ger ein­schrän­kende Lizenz stellen
  • MySQL als Open-​Source-​Projekt wei­ter­ent­wi­ckelt wird
  • sie aktiv mit der Com­mu­nity zusammenarbeiten
  • ein­ge­reichte Patches zügig inte­griert werden
  • keine Patches zurück­ge­wie­sen wer­den, die MySQL zu einem stär­ke­ren Kon­kur­ren­ten für Ora­cles andere Pro­dukte machen
  • sie sicher­stel­len, dass MySQL auch in sol­chen For­men wei­ter­ent­wi­ckelt wird, die es zu einem noch bes­se­ren Ersatz für Ora­cles Haupt­pro­dukt machen.

Nun könnte man sagen, dass all diese Punkte bei Sun auch nicht immer opti­mal gelau­fen sind (und wie das noch frü­her bei MySQL A.B. war, ent­zieht sich kom­plett mei­ner Kennt­nis), aber es gibt zwei wich­tige Unterschiede:

  1. Anders als Sun hat Ora­cle ein mit MySQL direkt im Wett­be­werb ste­hen­des Pro­dukt — näm­lich die Oracle-​Datenbank. Und das ist nicht nur irgend­ein Pro­dukt, son­dern der Hauptgeldbringer.
  2. Ora­cle ist bereits im MySQL-​Umfeld aktiv gewor­den, indem sie die Her­stel­ler­firma der „InnoDB”-Storageengine auf­ge­kauft haben.

„InnoDB” ist wohl der wich­tigste Bau­stein, der MySQL von einem schnel­len schlan­ken Web-​Datenbanksystem zu einer all­ge­mein ein­setz­ba­ren leis­tungs­fä­hi­gen Daten­bank in pro­fes­sio­nel­len und Hoch­ver­füg­bar­keits­um­ge­bun­gen gemacht hat. Auch hier fasst Monty zusam­men, wie sich die Situa­tion nach dem Oracle-​Aufkauf darstellt:

Die Art und Weise wie Ora­cle mit dem InnoDB-​Aufkauf umge­gan­gen ist, lässt mich nicht hof­fen, dass Ora­cle irgend­et­was von dem oben Geschrie­be­nen macht, wenn sie nicht dazu ver­pflich­tet werden.

Bei InnoDB sieht es so aus:

  • Es gibt Bug­fi­xes (aber hier gab es auch eine ver­trag­li­che Verpflichtung)
  • Neue Funk­tio­nen, wie zum Bei­spiel die vor dem Auf­kauf ange­kün­digte Kom­pres­sion, haben drei Jahre für die Umset­zung gebraucht
  • Es gibt keine Zeit­pläne und kei­nen Ein­blick in die Entwicklung
  • Die Com­mu­nity konnte nicht an der Ent­wick­lung mitarbeiten
  • Von Benut­zern (z.B. Google) ein­ge­brachte Patches, die die Per­for­mance gestei­gert hät­ten, wur­den erst implementiert/​veröffentlicht, nach­dem Ora­cle den Kauf von Sun bekannt­ge­ge­ben hatte
  • Ora­cle hat die Ent­wick­lung von „InnoDB+” begon­nen, einer ver­bes­ser­ten Closed-​Source-​Version von InnoDB
  • Letzt­lich musste Sun eine eigene InnoDB-​Version abspal­ten, nur um die Geschwin­dig­keit des Codes zu verbessern.

Monty schreibt nicht ganz zu unrecht, dass es jetzt dar­auf ankommt, ein Gegen­ge­wicht zu den von Ora­cle ani­mier­ten Ein­ga­ben an die EU-​Kommission zu schaf­fen. 2003 bis 2005 war ich sehr aktiv in der Bewe­gung gegen die Soft­ware­patent­di­rek­tive der EU. Dort führte der mas­sive Pro­test letzt­lich zum Erfolg. Also: Ver­brei­tet diese Nach­richt wei­ter und wen­det euch auf die oben beschrie­bene Weise an die EU-​Kommission.

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Musik — zwo — drei — vier: Diablo Swing Orchestra bei Jamendo und Amazon

Ich weiß, ich bin in letz­ter Zeit ein wenig faul mit Blog­bei­trä­gen. Aber wie heißt es so schön: Alles im Leben hat seine Zeit. Als Pau­sen­fül­ler heute mal ein Ver­weis auf exter­nen Content:

  

Das Dia­blo Swing Orches­tra aus Schwe­den spielt eine reich­lich ein­zig­ar­tige Mischung aus Gothic, Swing, Folk und diver­sen ande­ren Musik­rich­tun­gen, gar­niert mit dem Gesang einer aus­ge­bil­de­ten Sopra­nis­tin. Von den Bands, die ich so kenne, erin­nert das ganze noch am ehes­ten an Wit­hin Temp­ta­tion.

Anders als Wit­hin Temp­ta­tion hat sich das Dia­blo Swing Orches­tra aber für ein ande­res Lizenz­mo­dell für seine Musik ent­schie­den: Das Album „The Butcher’s Ball­room” ist unter Creative-​Commons-​Lizenz in der Aus­prä­gung „BY-​NC-​ND” zum freien, kos­ten­lo­sen und lega­len Down­load bei Jamendo ver­füg­bar. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Ver­triebs­wege gibt: Auf Ama­zon ist das Album „ganz nor­mal” käuf­lich erwerbbar.

Ich bin ja ein gro­ßer Freund die­ser neuen Ver­triebs­mo­delle für kul­tu­relle Werke. Inso­fern wün­sche ich mir, dass noch viel mehr Künst­ler die­sen Weg gehen und ihre Erzeug­nisse sowohl kom­mer­zi­ell als auch nicht-​kommerziell zur Ver­fü­gung stel­len und so die Teil­habe am kul­tu­rel­len Leben noch viel mehr Men­schen als bis­her mög­lich machen. Poli­tisch lau­tet meine For­de­rung dabei vor allem, dass das gesetz­lich unter­stützte Quasi-​Monopol der GEMA und ähnli­cher Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten voll­stän­dig besei­tigt wer­den muss und vor allem eine werk­weise sowie zeit­lich und anlass­be­zo­gen begrenzte Abtre­tung der Ver­wer­tungs­rechte unkom­pli­ziert und schnell mög­lich sein muss.

Aber dazu ein ande­res Mal mehr. Jetzt wün­sche ich viel Spaß beim Hören die­ser — wie ich finde — außer­ge­wöhn­li­chen Musik.

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

OpenSuSE 11.2: Kein Glück mit ATI-​Grafik

Heute ist Open­SuSE 11.2 raus­ge­kom­men. Wir haben in der Firma ein Abo und bekom­men immer die aktu­elle DVD zuge­schickt. Die lan­det dann umge­hend im Netz­werk und für­da­hin kön­nen wir quasi belie­big viele Rech­ner par­al­lel instal­lie­ren. Heute haben wir dann gleich mal ver­sucht, zwei Work­sta­tions test­weise umzu­stel­len. Beide sind mit etwas älte­ren ATI-​Grafikkarten mit zwei DVI-​Ausgängen bestückt. Und auf bei­den ließ sich die Gra­fik nicht ver­nünf­tig ansteuern:

  • Beim Kol­le­gen war der gesamte Desk­top schnarch­lahm und die 3D-​Unterstützung nicht akti­vier­bar. Der Ver­such, aktu­elle Trei­ber von ATI zu instal­lie­ren, schei­terte und die Trei­ber lie­ßen sich trotz gegen­tei­li­ger Behaup­tun­gen im README nicht der SuSE-​Kernelversion verknüpfen.
  • Bei mir war die 3D-​Unterstützung zwar aktiv, jed­we­der Ver­such, OpenGL oder Com­po­siting zu benut­zen, hat die Ober­flä­che aber so kom­plett ein­ge­fro­ren, dass nur noch ein Hard­ware­re­set(!) half — die Kiste ließ sich nicht mal mehr von außen per „reboot” neu starten.

Dazu kommt noch, dass ganz offen­sicht­lich etli­che KDE4-​Programme immer noch nicht die gan­zen klei­nen Details ihrer KDE3-​Pendants beherr­schen. So gibt es im Gwen­view anschei­nend wei­ter­hin nicht das sehr ele­gante Anti­alia­sing, das die KDE3-​Version noch konnte und das KPa­nel (bzw. sein KDE4-​Pendant) lässt sich nicht über zwei Moni­tore im Xinerama-​Betrieb verteilen.

Nach die­sen Erfah­run­gen haben jetzt beide erst­mal wie­der das bis­he­rige SuSE 11.1 als Default im Boot­ma­na­ger ein­ge­stellt und war­ten mal min­des­tens ab, bis es ein ATI-​Repository mit funk­tio­nie­ren­den Gra­fik­trei­bern gibt. Kom­plet­tes Ein­frie­ren geht irgend­wie gar nicht.

Fai­rer­weise muss man aller­dings sagen:

  • Die Instal­la­tion ist noch­mal glat­ter als die schon sehr, sehr glatte Ver­sion bei der 11.1 und mein Kol­lege, der zu Hause Kubuntu benutzt, war immer wie­der erstaunt, wie viele Kon­fi­gu­ra­ti­ons­ni­cke­lig­kei­ten mit YaST aus­ge­bü­gelt werden.
  • Auf mei­nem Acer-​Travelmate-​8371-​Laptop funk­tio­niert die 11.2-rc1 fast per­fekt. Hier nervt nur, dass sie kein Suspend-​To-​RAM beherrscht — beim Wie­der­auf­wa­chen boo­tet der Rech­ner neu. Das kann man aber wei­test­ge­hend weg­kon­fi­gu­rie­ren und ansons­ten wird die Hard­ware mit Aus­nahme des Fin­ger­ab­druck­sen­sors voll­stän­dig unter­stützt. Das war bei der 11.1 noch ganz anders.

Schauen wir mal, wie sich die Trei­ber­ver­füg­bar­keit in den nächs­ten Tagen und Wochen ent­wi­ckelt. Ich muss aber geste­hen, dass mir immer noch nicht wohl bei der Vor­stel­lung ist, mei­nen wirk­lich gut funk­tio­nie­ren­den KDE-​3-​Desktop gegen die KDE-​4-​Version ein­zu­tau­schen. Ich glaube, da gibt es immer noch eine erheb­li­che Menge an Ecken und Kanten.

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg

Die Berliner U-​Bahn U55 — III — Der Brandenburger Tor

Mit ein paar Tagen Ver­spä­tung hier nun der letzte Teil mei­ner Betrach­tun­gen zur U55 in Berlin.

Kaum ist man mit der U55 am Haupt­bahn­hof los– und am Bun­des­tag vor­bei­ge­fah­ren, ist der Spaß auch schon wie­der vor­bei: Nur zwei Sta­tio­nen sind es, dann ist man am Bran­den­bur­ger Tor ange­kom­men, der süd­öst­li­chen End­sta­tion die­ser kur­zen U-​Bahnlinie. Aber diese Sta­tion hat es in sich.

Zug am Brandenburger Tor

Zug am Bran­den­bur­ger Tor

Um die einst­wei­lige End­sta­tion der U55 hat es viel Hin und Her gege­ben: Erst sollte sie nur ver­kürzt und mit einem Aus­gang gebaut wer­den, dann doch bereits in vol­ler Länge, dann gab es Pro­bleme beim Bau. Dabei waren die Vor­aus­set­zun­gen für einen zügi­gen Bau und gute Ver­knüp­fung mit dem rest­li­chen Ver­kehr hier beson­ders gut: Beim Bau der S-​Bahnstation „Unter den Lin­den” in den 1930er Jah­ren wurde bereits berück­sich­tigt, dass hier spä­ter auch mal die U-​Bahn lang­fah­ren sollte (übri­gens keine „Germania”-Planung, son­dern bereits im U-​Bahnbauplan von 1929 ent­hal­ten). Man hätte also eigent­lich ein­fach die bereits exis­tie­ren­den Zugänge neh­men kön­nen, die U-​Bahn dort ein­bauen, wo der Platz bereits vor­ge­se­hen war und fer­tig. Hätte man.

Aber ach!

Östlicher Aufgang von unten

Östli­cher Auf­gang von unten

Begin­nen wir mal auf der östli­chen Seite. Wie schon von den ande­ren bei­den Sta­tio­nen bekannt ist hier der End­aus­bau noch nicht erreicht. Ich tippe ja dar­auf, dass hin­ter der Bau­wand noch ein Roll­trep­pen­pär­chen hin­kom­men soll. Einst­wei­len bleibt erst­mal nur die Treppe.

Östlicher Aufgang

Östli­cher Aufgang

Und diese Treppe ist lang. Die Sta­tion liegt ziem­lich tief unter der Erde. Der obere Absatz führt kei­nes­falls bereits direkt nach oben, son­dern auf eine Zwischenebene.

Eingänge: links zur U-Bahn, rechts hinten zur S-Bahn

Ein­gänge: links zur U-​Bahn, rechts hin­ten zur S-​Bahn

Von der Zwi­schen­ebene aus gelangt man über einen ein­zel­nen Aus­gang in die Mitte der Straße Unter den Lin­den. Ein direk­ter Übergang zur S-​Bahn ist auf die­ser Seite der Sta­tion nicht mög­lich, man kann die Ein­gänge aber in der Ent­fer­nung erah­nen. Übri­gens natür­lich nicht mit­ten auf der Straße, son­dern links und rechts auf den Bürgersteigen.

Man kann ja sagen was man will, aber unter „zweck­mä­ßi­ger U-​Bahnarchitektur” stelle ich mir etwas ande­res vor. Zumal man ja ein­fach an den exis­tie­ren­den S-​Bahnzugang hätte anbauen kön­nen. Aber warum ein­fach und fahr­gast­freund­lich, wenn’s auch schlecht geht.

Bahnsteig vom Ostende aus gesehen

Bahn­steig vom Ost­ende aus gesehen

Keh­ren wir erst ein­mal auf den Bahn­steig zurück. Die­ser wird domi­niert von zwei Säu­len­rei­hen. Diese Archi­tek­tur ist auf neue­ren Ber­li­ner U-​Bahnstationen erstaun­lich häu­fig anzu­tref­fen. Für zweck­mä­ßig halte ich sie nur begrenzt: Die Säu­len­rei­hen ver­sper­ren die freie Sicht und schaf­fen so schlecht ein­seh­bare Räume. Zudem liegt die Sta­tion teil­weise in einer Kurve, was man eigent­lich auch ver­mei­den sollte. Zumal, wenn man unter einer schnur­ge­ra­den Straße wie Unter den Lin­den entlangbaut.

Südliche Bahnsteigkante und Stationswand

Süd­li­che Bahn­steig­kante und Stationswand

Auch am Bran­den­bur­ger Tor ist nur ein U-​Bahngleis in Betrieb und die still­lie­gende Bahn­steig­kante abge­sperrt. Auf der Wand dahin­ter erkennt man ein zen­tra­les Gestal­tungs­ele­ment der Sta­tion: Bil­der der deut­schen Tei­lung. Die­ses hin­ter­grund­be­leuch­tete Edu­tain­ment ist dabei wesent­lich bes­ser zu erken­nen, als der Sta­ti­ons­name, der in gol­de­nen Let­tern ziem­lich auf den dun­kel­brau­nen Wand­ka­cheln ver­schwin­det. Aber so ist das: Man muss halt Prio­ri­tä­ten setzen.

Linienband am Bahnsteig

Lini­en­band am Bahnsteig

Ein wenig küm­mer­lich kommt das Lini­en­band der U55 auf dem Bahn­steig daher. Das Stan­dard­de­sign der Ber­li­ner U-​Bahn lässt hier wesent­lich mehr Platz, als die drei Sta­ti­ön­chen benö­ti­gen. Und zu einem grö­ße­ren Zei­len­ab­stand konnte man sich wohl auch nicht entschließen.

Westliches Stationsende

West­li­ches Stationsende

Am west­li­chen Ende der Sta­tion fin­det sich die ein­zige voll aus­ge­baute Zug­ab­fer­ti­gungs­an­lage der Stre­cke: Wegen der Kurve in der Sta­tion lässt sich der Zug anders nicht über­bli­cken. Was aber fehlt, ist ein Signal. Diese gibt es auf der gan­zen Stre­cke nicht: Wo nur ein Zug fährt, kann sich auch nichts in die Quere kommen.

Westliche Treppen und Rolltreppen

West­li­che Trep­pen und Rolltreppen

Und nach was voll aus­ge­bau­tes: Der west­li­che Sta­ti­ons­zu­gang. Schick mit Treppe und zwei Roll­trep­pen im schö­nen Glas­de­sign. Ist auch alles in Betrieb und funk­tio­niert. Und wo führt’s hin?

Absatz im westlichen U-Bahnaufgang

Absatz im west­li­chen U-​Bahnaufgang

Ja, auf die­ser Seite der Sta­tion wurde dann in der Tat der S-​Bahnzugang für die U-​Bahn genutzt. Aber wie! Die Trep­pen und Roll­trep­pen mün­den näm­lich kei­nes­falls direkt in den Quer­gang, der von den Stra­ßen­sei­ten zum Abgang in die S-​Bahnstation führt. Statt­des­sen endet der Auf­gang zunächst etwas wei­ter west­lich in einer Art Zwischen-​Zwischenebene, von der aus man sich um 180° dre­hen und über einen wei­te­ren Trep­pen­ab­satz zum eigent­li­chen Ver­bin­dungs­gang auf­stei­gen muss. Und auf die­sem Teil­stück gibt’s dann auch keine Rolltreppen.

Ich muss ja geste­hen, dass ich bei einer neu ange­leg­ten unter­ir­di­schen Schnell­bahn­sta­tion lange nicht mehr so einen Murks gese­hen habe! Da liegt eine kom­plette Zugangs­ebene voll­stän­dig fer­tig gebaut. Da ist sogar der Platz für die Ergän­zung vor­be­rei­tet. Und dann wird die neu ein­ge­baute Sta­tion der­art in das exis­tie­rende Bau­werk hin­ein­ge­pfuscht. Es tut mir Leid: Ich begreife es nicht.

Blick vom S-Bahnbereich zur U-Bahn

Blick vom S-​Bahnbereich zur U-​Bahn

Auch vom Design her war natür­lich das Bis­he­rige nicht gut genug: Natür­lich gibt es im umge­bau­ten Zugangs­teil nicht die grü­nen Kacheln der S-​Bahn, natür­lich ist die Beleuch­tung anders, natür­lich sieht alles anders aus. Ich finde einen sol­chen Umgang mit der archi­tek­to­ni­schen Ver­gan­gen­heit schä­big: Bra­de­manns Design der S-​Bahnstation von 1936 ist jetzt nicht so völ­lig jen­seits alles Annehm­ba­ren. Warum hat man nicht wenigs­tens auf die bis­he­rige Gestal­tung Bezug genom­men, sie ein­ge­bun­den und auf dem U-​Bahnhof wei­ter­ent­wi­ckelt? Warum musste unbe­dingt etwas völ­lig ande­res gemacht wer­den, das dann ein­fach nur noch „dran­ge­klatscht” aussieht?

Aber es kommt noch bes­serschlim­mer…

Umgebauter ehemaliger S-Bahnzugang

Umge­bau­ter ehe­ma­li­ger S-​Bahnzugang

Am nord­west­li­chen Zugang zur Ver­tei­le­re­bene wurde das „S”-Signet für die S-​Bahn abge­nom­men und durch das „U”-Symbol für die U-​Bahn ersetzt. Kein Hin­weis dar­auf, dass man hier zu bei­den Bah­nen gelangt. Diese Igno­ranz wird nicht dadurch bes­ser, dass der süd­west­li­che Zugang nur ein „S” aber kein „U” hat. Und wenn man sich dann das Sym­bol genauer anschaut, dann hört irgend­wie alles auf.

Stationsschild Brandenburger Tor

Sta­ti­ons­schild Bran­den­bur­ger Tor

Wäh­rend im Unter­grund die Abgren­zung von alter und neuer Archi­tek­tur nicht groß genug sein kann, fei­ert ober­halb des Bür­ger­steigs über­bor­den­der His­to­ris­mus fröh­li­che Urständ’. Da wird also im Jahr 2009 ein Schild an die­sen Ein­gang gepappt, das kaum gru­se­li­ger zusam­men­ge­stop­selt wer­den kann:

  • Ledig­lich das U-Bahn-„U” ist zu sehen, das bis­her hier ange­brachte S-​Bahnschild ist voll­stän­dig verschwunden.
  • Auch auf den bis­he­ri­gen Sta­ti­ons­na­men „Unter den Lin­den” fin­det sich kein Hin­weis mehr — was schade ist für alle poten­ti­el­len Fahr­gäste, die nicht einen top­ak­tu­el­len Stadt­plan ihr eigen nennen.
  • Der neue Sta­ti­ons­name „Bran­den­bur­ger Tor” wird dann aller­dings in sol­chen Let­tern gesetzt, die 1936 für die Ori­gi­nal­sta­tion (und den Ori­gi­nal­na­men) ver­wen­det wur­den. So als wenn es schon immer so gewe­sen wäre.

Spä­tes­tens der letzte Punkt hat mich ernst­haft über­le­gen las­sen, auf was sich der Sta­ti­ons­name „Bran­den­bur­ger Tor” eigent­lich bezieht: Auf das Bau­werk west­lich der Sta­tion oder auf den Tor, der diese Archi­tek­tur­soße ver­zapft hat?

Wie man merkt, habe ich mich jetzt ein wenig in Rage geschrie­ben. Las­sen wir es also mit der Ein­zel­be­trach­tung des Bahn­ho­fes gut sein und zie­hen wir mal ein Resu­mee über die gesamte U-​Bahnlinie U55:

  • Ver­kehr­lich ist die U55 in die­ser Form nicht allzu bedeu­tend. Aller­dings bin­det sie erst­mals das Zen­trum des Regie­rungs­vier­tels per Schiene an den Rest des U– und S-​Bahnnetzes an — wenn nicht umsteigefrei.
  • An die­sem klei­nen biss­chen U-​Bahn wurde fast ein Jahr­zehnt her­um­ge­baut. Der durch­aus zweck­mä­ßi­gen Sta­ti­ons­ar­chi­tek­tur von „Haupt­bahn­hof” und „Bun­des­tag” steht dabei der mei­nes Erach­tens völ­lig ver­hunzte „Bran­den­bur­ger Tor”-Bau gegenüber.
  • Ande­rer­seits ist das Betriebs­kon­zept der Mini-​U-​Bahn durch­aus zufrie­den­stel­lend: Alle 10 Minu­ten mit merk­ba­ren Abfahrts­zei­ten. Und wenn man am Bun­des­tag die Bahn in die gewünschte Rich­tung ver­passt hat, ver­liert man keine Zeit, wenn man ein­fach erst­mal in die Gegen­rich­tung fährt… ;-)

Nun weiß ich ja auch, dass die U55 nur so eine Art Vor­lauf­be­trieb für die Ver­län­ge­rung der U5 nach Wes­ten ist. So etwa in zehn Jah­ren soll die Lücke zwi­schen „Alex­an­der­platz” und „Bran­den­bur­ger Tor” geschlos­sen sein und die heu­tige U55 in der U5 auf­ge­hen. Man führe sich dabei aller­dings vor Augen, dass der älteste U5-​Abschnitt von Alex­an­der­platz bis Fried­richs­felde in ins­ge­samt vier Jah­ren gebaut wurde — inklu­sive Betriebs­hof in Fried­richs­felde und der gesam­ten Sta­tion Alex­an­der­platz (mit Aus­nahme des wesent­lich älte­ren U2-​Bahnsteigs). Der Bau­zeit­un­ter­schied zum jetzt pro­jek­tier­ten Lini­en­teil ist schon sehr frappierend.

Und selbst dann, in die­ser fer­ne­ren Zukunft, bis zu der ja auch noch eini­ges Was­ser die Spree run­ter­fließt, selbst dann soll die U5 auf abseh­bare Zeit am Haupt­bahn­hof enden. Damit bleibt der Bahn­hof wei­ter­hin auf der Schiene aus west­li­cher Rich­tung nur schwer erreich­bar, näm­lich nur über die Stadt­bahn. Erst eine Ver­län­ge­rung der U5 bis Turm­straße schlösse sie wenigs­tens mal an die U9 und damit eine der wich­tigs­ten U-​Bahnlinien im Ber­li­ner Wes­ten an. Und vor dem Hin­ter­grund der Ver­knüp­fung mit der U7 halte ich sogar die Ver­län­ge­rung bis zur Jung­fern­heide für sinn­voll und gebo­ten. Es hilft ja nun mal alles nichts, wenn es da mit­ten in Ber­lin einen leis­tungs­fä­hi­gen zen­tra­len Fern­bahn­hof gibt, zu dem man bloß nicht ver­nünf­tig hinkommt.

Ver­brei­ten:
  • Print
  • PDF
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • Slashdot
  • Technorati
  • Twitter
  • Identi.ca
  • Wikio
  • Yigg