War­um ich Fu­kus­hi­ma für schlim­mer als Tscher­no­byl hal­te 7


Ich ge­hö­re ja nun zu ei­ner Ge­ne­ra­ti­on, die die Re­ak­tor­ka­ta­stro­phe von Tscher­no­byl be­reits be­wusst er­lebt hat. Ich kann mi­ch no­ch gut an die da­ma­li­ge öf­fent­li­che Dis­kus­si­on er­in­nern, an Kunst­leh­rer, die mein­ten, un­be­dingt „über Tscher­no­byl“ spre­chen zu müs­sen, an be­schwich­ti­gen­de Po­li­ti­ker, an auf­ge­reg­te Po­li­ti­ker und dass es ei­ne gan­ze Zeit lang ein er­heb­li­ches Miss­trau­en ge­gen Milch gab – so von we­gen mög­li­cher Strah­len­be­las­tung. Kurz: Tscher­no­byl hat­te da­mals un­mit­tel­ba­re Aus­wir­kun­gen auf den All­tag in Deutsch­land. Wie tief si­ch die­se gan­zen Vor­gän­ge in das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis ein­ge­brannt ha­ben, kann ich auch dar­an fest­ma­chen, dass ich beim Schrei­ben die­ses Ar­ti­kels kei­ne Se­kun­de dar­über nach­den­ken (oder gar nach­schla­gen) mus­s­te, wie si­ch „Tscher­no­byl“ in der üb­li­chen deut­schen Um­schrift schreibt.

Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl im September 2006

Re­ak­tor­blo­ck 4 des Kern­kraft­werks Tscher­no­byl im Sep­tem­ber 2006

Bild­quel­le: Carl Mont­go­me­ry via Wi­ki­me­dia Com­mons, CC-BY-2.0

Bei Fu­kus­hi­ma (ja, ich weiß, dass ist die eng­li­sche Um­schrift des ja­pa­ni­schen Na­mens. Mei­ner Be­ob­ach­tung nach wird die­se aber mehr­heit­li­ch auch in deut­schen Tex­ten ver­wen­det) ist das al­len ern­st zu neh­men­den Quel­len wie zum Bei­spiel Kai Petz­kes sehr in­for­ma­ti­ver Web­sei­te zu Fol­ge eher un­wahr­schein­li­ch. Trotz­dem hal­te ich die Vor­gän­ge in dem ja­pa­ni­schen Atom­kraft­werk für be­sorg­nis­er­re­gen­der als das, was 1986 in der heu­ti­gen Ukrai­ne pas­siert ist. In Tscher­no­byl war die ge­sam­te Ka­ta­stro­phe letzt­li­ch auf Be­dien­feh­ler zu­rück­zu­füh­ren: Das In­ge­nieur­team im Steu­er­stand hat den Re­ak­tor mut­wil­lig an der Gren­ze sei­ner Spe­zi­fi­ka­ti­on be­trie­ben und dann ist ih­nen das Ding um die Oh­ren ge­flo­gen. Sehr un­er­freu­li­ch, aber letzt­li­ch mensch­li­chem Ver­sa­gen ge­schul­det.

In Fu­kus­hi­ma hin­ge­gen gab es kei­ne der­ar­ti­ge „mut­wil­li­ge Miss­ach­tung“ der Be­triebs­pa­ra­me­ter. Statt­des­sen wur­de das Kraft­werk von un­be­ein­fluss­ba­ren äu­ße­ren Kräf­ten – näm­li­ch ei­nem Erd­be­ben und ei­ner Flut­wel­le – ge­trof­fen, de­ren Kom­bi­na­ti­on bei der Kon­struk­ti­on of­fen­sicht­li­ch „nicht be­dacht“ wur­de und die die Be­triebs­an­la­gen so be­schä­digt hat, dass sie nicht mehr si­cher be­trie­ben wer­den konn­ten. Was dann kam, war ei­ne „Ver­ket­tung un­glück­li­cher Um­stän­de“, die so aber al­les an­de­re als un­wahr­schein­li­ch ist.

Fu­kus­hi­ma zeigt, dass ge­n­au sol­che Un­wäg­bar­kei­ten si­ch nie aus­schlie­ßen las­sen. Und zwar selbst dann nicht, wenn man auf so ho­hem Ni­veau ar­bei­tet, wie ich das den Ja­pa­nern jetzt ein­fach mal un­ter­stel­le. Denn trotz al­ler Be­rich­te über vor­an­ge­gan­ge­ne Pan­nen und Ver­feh­lun­gen des Kraft­werk­be­trei­bers hal­te ich das Kern­kraft­werks-Si­cher­heits­ni­veau im Ja­pan des Jah­res 2011 für um Grö­ßen­ord­nun­gen hö­her als das der So­wjet­uni­on im Jahr 1986.

An­ders her­um ge­sagt: Wenn selbst Ja­pan si­ch nicht ge­gen ei­nen der­art schwe­ren Stör­fall wapp­nen kann, wie wir ihn mo­men­tan an der dor­ti­gen Ost­küs­te er­le­ben, dann kön­nen we­der wir Deutsch­land no­ch ir­gend­je­mand an­ders auf die­ser Welt dies. Und das ist mei­nes Er­ach­tens die ei­gent­li­che Leh­re aus Fu­kus­hi­ma: Kern­kraft­wer­ke heu­ti­ger Bau­art sind letzt­li­ch ei­ne nicht be­herrsch­ba­re Tech­nik, es kann je­der­zeit und an je­dem Ort zu ei­nem nicht be­herrsch­ba­ren Stör­fall kom­men und die Fol­gen ei­nes sol­chen Stör­falls sind un­ab­seh­bar aber – Mur­phy lässt schön grü­ßen – auf je­den Fall im­mer grö­ßer als man si­ch das selbst in den schlimms­ten Sze­na­ri­en vor­her aus­ge­malt hat. Ich schrieb da­von be­reits.

Ja­pan und sei­ne Be­völ­ke­rung wer­den wohl no­ch sehr lan­ge mit den Fol­gen der Na­tur­ka­ta­stro­phen und der dar­aus fol­gen­den Nu­kle­ar­ka­ta­stro­phe zu kämp­fen ha­ben. Für uns in Deutsch­land folgt dar­aus aber vor al­lem ei­nes: Wir müs­sen zu­se­hen, dass wir die­se ge­sam­te Stein­zeit­tech­no­lo­gie na­mens „Atom­kraft“ schnells­tens los­wer­den. Ich hal­te es zwar nicht für sinn­voll, jetzt so­fort al­le Atom­kraft­wer­ke ab­zu­schal­ten, aber die ge­ra­de er­st be­schlos­se­ne „Lauf­zeit­ver­län­ge­rung“ für die vor­han­de­nen Atom­kraft­wer­ke in Deutsch­land ge­hört schleu­nigst und dau­er­haft wi­der­ru­fen. Ich las zu­dem, dass Deutsch­land so­fort auf bis zu sie­ben Atom­kraft­wer­ke ver­zich­ten könn­te, oh­ne dass es zu Eng­päs­sen bei der Strom­ver­sor­gung kä­me. Ich se­he ehr­li­ch ge­sagt kei­nen Grund, war­um man die­se sie­ben Kraft­wer­ke dann nicht so­fort ab­schal­tet und ein­mot­tet. Die po­ten­ti­el­len Ri­si­ken des Wei­ter­be­triebs wie­gen mei­nes Er­ach­tens je­de an­de­re Be­trach­tung mehr als auf. Ich se­he hier die Po­li­tik – und da­mit ir­gend­wie auch mi­ch selbst – ge­fragt.


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7 Gedanken zu “War­um ich Fu­kus­hi­ma für schlim­mer als Tscher­no­byl hal­te

  • roland

    Hal­lo!!!

    Fu­kus­hi­ma is GA­RAN­TIERT schlim­mer als Tscher­no­byl!!!!

    Man braucht nur je­den Tag Zei­tung auf­ma­chen!!
    2 der 3 schon ka­put­ten Re­ak­to­ren se­hen so aus, als sei­en die schon MEHR­FACH in die Luft ge­flo­gen….
    Die er­klä­ren den Rauch mit Was­ser­dampf…..
    Schaut Eu­ch die Bil­der on Tscher­no­byl-Re­ak­tor an, er­gleicht mit Fu­kus­hi­ma ?
    Was sieht ka­put­ter aus???
    Wei­ters PLU­TO­NI­UM……
    Die müß­ten Schon lan­ge be­gon­nen ha­ben Sär­ge für die 4 ka­put­ten Re­ak­to­ren zu bau­en!!!
    (Die rus­sen ha­ben mit 600.000 Mann ein HAL­BES JAHR ge­braucht!!!)

    Aja, die Rus­sen…. War­um dür­fen die rus­si­schen Spe­zia­lis­ten nit nach Ja­pan ein­rei­ßen?
    Die ein­zi­gen die si­ch mit so­was PRAK­TI­SCH aus­ken­nen, dür­fen nit hel­fen….
    Wie ge­sagt, das Gan­ze is mit Si­cher­heit um ei­ni­ges schlim­mer als Uns ge­sagt wird!!!!

    Ich de­cke mi­ch auf je­den Fall mit Hau­fen­wei­se Mi­ne­ral­was­ser ein!!!

  • Daddy

    Un­wis­sen­heit und Dumm­heit, ge­paart mit „ich weiß so­wie­so al­les bes­ser“, ist des Men­schen größ­ter Feind.
    Kon­se­quent durch­ge­führt heißt dies nur al­le Au­tos zu ver­bie­ten (es gibt im­mer wie­der Un­fäl­le, al­lein in Deutsch­land schon rund 500.000 Men­schen im Stras­sen­ver­kehr ge­tö­tet);
    Kei­ner­lei Flug­ver­kehr, die Din­ger fal­len im­mer wie­der run­ter,
    und Schiffe…..Seit Jahr­tau­sen­den sin­ken die­se Blech­büch­sen. Die­se Tech­nik ist ein­fach nicht be­herrsch­bar.
    Ich for­de­re so­for­ti­gen Aus­stieg aus al­len die­sen sinn­lo­sen Tech­ni­ken. Pfer­de­fuhr­wer­ke wer­den uns auch über­all hin brin­gen. Und flie­gen? War­um und wo­hin? Was wol­len wir dort?
    Schif­fe wa­ren schon im­mer ge­fähr­li­ch. Wenn es denn sein muß kann man auch nach Ame­ri­ka schwim­men.

    • @ Daddy

      Zi­tat: „Unwis­sen­heit und Dumm­heit, ge­paart mit „ich weiß so­wie­so al­les bes­ser”, ist des Men­schen größ­ter Feind.“ Zi­tat En­de.

      Ja. Das ha­ben Sie mit Ih­rem Kom­men­tar ein­drucks­voll un­ter Be­weis ge­stellt, denn die Sa­che ist näm­li­ch die:

      Nie­mand ist ge­zwun­gen ein Flug­zeug, ein Schiff, oder ein Au­to zu be­stei­gen, je­doch ist die gan­ze Welt be­trof­fen, wenn nu­kle­a­re Ka­ta­stro­phen statt­fin­den.

      Hin­zu kommt: Die Schä­den bei ei­nem Flug­zeug­ab­sturz, bei ei­nem Schiffs­un­glück oder bei ei­nem Ver­kehrs­un­fall, sind be­grenzt.

      Die Schä­den nu­klea­rer Ka­ta­stro­phen sind hin­ge­gen un­er­mess­li­ch und un­be­grenzt.

  • Richter169

    Ahoi,
    ich ge­he da­von aus, das die 7 AKW s, die in Deutsch­land Ab­ge­schal­tet wer­den schlech­ter sind, wie die in Ja­pan.

    Ich ge­he aber auch da­von aus, das sie in zum Groß­teil in 3 Mo­na­ten wie­der ans Netz ge­hen. Nicht weil die Bür­ger das ver­ges­sen ha­ben, son­dern weil die Po­li­tik in Ber­lin es will.

    Seid Tscher­no­byl ha­be ich kei­ne Pil­ze mehr ge­sam­melt, die sind heu­te no­ch voll Ra­dio­ak­ti­vi­tät. Ich weiß auch no­ch das die Kü­he kein Gras von der Wie­se be­kom­men ha­ben, aus Angst das die Milch voll Ra­dio­ak­ti­vi­tät ist. Die Kin­der durf­ten nicht auf die Spiel­plät­ze ein hal­bes Jahr. Dann war der Sand aus­ge­wech­selt.

    Es hat vie­le sol­che sa­chen ge­ge­ben. Nord­deutsch­land hat kein Re­gen ab­be­kom­men, in Bay­ern hat es ab­ge­reg­net. Und und und.

    Bis dann
    LG von Rich­ter169

  • -j-

    Hal­lo

    Selt­sa­mer­wei­se sind die „Ex­per­ten“ die uns im Fern­se­hen über die „ge­rin­ge Ge­fahr“ be­rich­ten ent­we­der di­rekt von den Be­trei­bern ge­stellt oder eben Fi­nanz­ver­seucht.
    Die lü­gen uns al­le die Hu­cke voll oh­ne mit der Wim­per zu zu­cken.
    Ich wer­de nie­mals wie­der je­man­den wäh­len, der Kern­ener­gie be­für­wor­tet… und mei­nen Strom und Ben­zin­ver­brauch ha­be ich schon seit Jah­ren auf das er­reich­ba­re Mi­ni­mim her­un­ter­ge­setzt.
    Ich glau­be, das die 6 re­ak­to­ren von Fu­kus­hi­ma 2 durch­schmel­zen wer­den oder schon sind.
    -j-