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Quo va­dis Ur­he­ber­recht? – Zur „Ber­li­ner Rede“ der Jus­tiz­mi­nis­te­rin, Teil 2

Fort­set­zung des von Teil 1 vom Frei­tag

Be­trach­ten wir vor dem Hin­ter­grund der Rede der Jus­tiz­mi­nis­te­rin die ge­samte Pro­ble­ma­tik noch­mal aus ei­nem an­de­ren Blick­win­kel:

Der Ur­he­ber ei­nes Wer­kes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht ver­wen­det bzw. re­zi­piert wird. Dies ist aber ein so­zia­ler und in­ter­ak­ti­ver Pro­zess, den der Ur­he­ber (und auch even­tu­elle Ver­mitt­ler wie z.B. Ver­le­ger) schlech­ter­dings gar nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann. Die wie ein Man­tra die ganze Rede durch­zie­hende Aus­sage „Der Rech­te­inha­ber ent­schei­det, was pas­siert“ ist letzt­lich eine Täu­schung. Ei­gent­lich ent­schei­den näm­lich die Emp­fän­ger, ob ih­nen ein Werk wich­tig ist oder nicht und da­mit geht im­mer eine Be­schäf­ti­gung mit dem Werk ein­her. Im Ge­setz fin­den sich nicht um­sonst die Schran­ken des Ur­he­ber­rechts, das Zi­tat­recht oder die Pan­ora­ma­f­rei­heit.

Dass da­mit auch so man­che Ur­he­ber ihre Pro­bleme ha­ben, zeig­ten üb­ri­gens die „ein­füh­ren­den Worte“ von Ul­rich Wi­ckert, der nicht nur er­staun­lich alt ge­wor­den ist, son­dern seine Rede auch recht scham­los als Wer­be­ver­an­stal­tung für ir­gend­ein von ihm ge­schrie­be­nes neues Buch nutzte. Er er­zählte ent­rüs­tet, wie ihm ein Le­ser nach Lek­türe ei­nes sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Werke ein al­ter­na­ti­ves Ende zu­schickte. Das, so Wi­ckert, sei an­ma­ßend: „Mein Werk ge­hört mir.“ Ich finde diese At­ti­tüde au­ßer­or­dent­lich ar­ro­gant. Nie­mand for­dert von Herrn Wi­ckert, dass er seine Bü­cher um­schreibt, aber der­ar­tig hin­ge­bungs­volle Le­ser dem Pu­bli­kum als Stö­ren­friede der ei­ge­nen Voll­kom­men­heit zu prä­sen­tie­ren – das geht ja mal gar nicht.

Ge­nau diese Denke ist es aber, die vie­ler­orts im Ur­he­ber­recht vor­herrscht. Im­mer will ir­gend­je­mand seine ver­meint­li­chen per­sön­li­chen An­sprü­che ge­si­chert wis­sen. Da­bei ent­steht sämt­li­cher Wert ei­nes li­te­ra­ri­schen, mu­si­schen oder an­der­wei­ti­gen nicht-ma­te­ri­el­len Wer­kes erst durch die ge­sell­schaft­li­che Auf­nahme und Ver­wen­dung. So ge­se­hen liegt es im ur­ei­gens­ten In­ter­esse der Werk­schaf­fen­den, dass die All­ge­mein­heit seine Werke ad­äquat nut­zen kann. Dass sich die Ar­ten der Nut­zung mit der ga­lop­pie­ren­den tech­ni­schen Ent­wick­lung auch ver­än­dern, liegt in der Na­tur der Sa­che. Dies ei­ner­seits durch­aus an­zu­er­ken­nen, dann aber an­de­rer­seits bei den ent­spre­chen­den Ge­set­zen vor ei­ner an­ge­mes­se­nen Um­set­zung zu­rück­zu­zu­cken, bringt im End­ef­fekt gar nichts. Es ist so­gar kon­tra­pro­duk­tiv, wenn im Rah­men die­ses Krebs­gan­ges am Ende Murks­ge­setze wie ein „Leis­tungs­schutz­recht“ her­aus­kom­men.

Es gibt ei­nen letz­ten As­pekt der „Ber­li­ner Rede zum Ur­he­ber­recht“, der mir wich­tig er­scheint: Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger ar­bei­tet im­mer wie­der auf ei­nen all­ge­mei­nen Ge­gen­satz zwi­schen dem Ur­he­ber­recht und der „di­gi­ta­len Welt“ hin. „Di­gi­tal Na­ti­ves“ wer­den da zu ra­di­ka­len Geg­nern ur­he­ber­recht­li­cher Re­ge­lun­gen, die ein­fach al­les für alle frei­ge­ben und sich nicht um Ge­setze sche­ren wol­len. Da­für zi­tiert sie so­gar – man höre und staune – die Pi­ra­ten­par­tei, die „die Auf­he­bung künst­li­cher Ver­knap­pun­gen“ for­dere und nimmt dies als Be­leg für die ge­ne­relle Ab­leh­nung des Ur­he­ber­rechts.

Mit Ver­laub, Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger, aber das ist Quark. Die „künst­li­chen Ver­knap­pun­gen“ sind das, was die Ver­mitt­ler ver­zwei­felt ver­su­chen zu hal­ten, um wei­ter­hin eine Rolle spie­len zu kön­nen. An­sons­ten ma­chen nicht nur wir, son­dern alle Werk­schaf­fen­den in der di­gi­ta­len Welt sich sehr viele Ge­dan­ken über das Ur­he­ber­recht. Nicht um­sonst ist in den letz­ten 15 Jah­ren eine ganze Klasse neuer Li­zenz­mo­delle ent­stan­den und mehr als ein­mal hat es da Knatsch we­gen wi­der­recht­li­cher Nut­zung ge­ge­ben. Es ist näm­lich auch eine Wahr­heit, dass ge­rade die Ver­le­ger und Ver­mitt­ler zwar laut schreien, wenn sie ihre über­kom­me­nen Pri­vi­le­gien in Ge­fahr se­hen, es gleich­zei­tig aber mit den Rech­ten an­de­rer nicht allzu ge­nau neh­men. Be­richte über nicht li­zenz­ge­rechte Über­nah­men – man könnte schlicht „Ab­schrei­ben ohne Quel­len­an­gabe“ nen­nen – von Wi­ki­pe­diaar­ti­keln oder an­de­ren CC- oder GFDL-li­zen­zier­ten Wer­ken sind längst Le­gion.

Wo­hin treibt nun das Ur­he­ber­recht? Die Ver­an­stal­tung am Mon­tag war der Auf­takt ei­nes mehr­mo­na­ti­gen Pro­zes­ses, der ver­schie­dene An­hö­run­gen brin­gen wird und schließ­lich in ei­nem Ge­set­zes­ent­wurf für ei­nen „Drit­ten Korb“ zur Än­de­rung des Ur­he­ber­rechts mün­den soll. Dass das ak­tu­elle Ur­he­ber­recht mit sei­nen mitt­ler­weile ex­tre­men Ein­schrän­kun­gen der Nutz­bar­keit kul­tu­rel­ler Werke stark ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist, steht au­ßer Frage. Ich sehe al­ler­dings die Ge­fahr, dass die­ser Ge­set­zes­pro­zess auch zu ei­nem noch re­strik­ti­ve­ren Recht füh­ren kann, wenn er nicht ge­eig­net be­glei­tet wird. Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger war mit den In­hal­ten ih­rer Rede teil­weise wie der viel­zi­tierte Pud­ding, der sich nicht an die Wand na­geln lässt. Im Zwei­fels­fall be­deu­tet das nichts Gu­tes, wenn es darum geht, den viel­fäl­ti­gen Lob­by­grup­pen im Na­men der All­ge­mein­heit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Ge­nau das er­warte ich aber von ei­ner Bun­des­mi­nis­te­rin.

Quo va­dis Ur­he­ber­recht? – Zur „Ber­li­ner Rede“ der Jus­tiz­mi­nis­te­rin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Ber­li­ner Rede zum Ur­he­ber­recht“ ge­hal­ten, un­sere Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin. Den Re­de­text gibt es on­line und Kom­men­tare und Zu­sam­men­fas­sun­gen dazu zum Bei­spiel bei Heise On­line oder Te­le­po­lis. Auch ich habe am Mon­tag in der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie ge­ses­sen und ih­ren Aus­füh­run­gen ge­lauscht.

Bei mir hin­ter­lässt die Rede von Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger ei­nen sehr zwie­späl­ti­gen, letzt­lich aber ne­ga­ti­ven Ein­druck. Ei­ner­seits war die Rede ge­spickt mit Aus­füh­run­gen, die so auch auf ei­nem be­lie­bi­gen Par­tei­tag der Pi­ra­ten­par­tei Sze­nen­ap­plaus be­kom­men hät­ten. Die Mi­nis­te­rin hat das In­ter­net als ge­sell­schaft­li­che Re­vo­lu­tion be­zeich­net, Wis­sen und In­for­ma­tion seien viel bes­ser und schenl­ler ver­füg­bar, aber auch viel ein­fa­cher und di­rek­ter er­zeug­bar ge­wor­den. Der krea­tive Mensch muss im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht der Ver­wer­ter. Bei der di­gi­ta­len Re­vo­lu­tion müs­sen wir die Chan­cen se­hen und nicht im­mer nur auf die Ri­si­ken star­ren.

All dies sind Aus­sa­gen, die ich ohne wenn und aber un­ter­stütze. Und es tat gut, das mal so klar und deut­lich aus dem Mund ei­nes Bun­des­mi­nis­ters zu hö­ren. Aber was nüt­zen die schöns­ten Worte, wenn sie nicht kon­se­quent zu Ende ge­dacht wer­den? Und ge­nau das pas­siert nicht! Statt­des­sen kommt es im­mer wie­der zu ar­gu­men­ta­ti­ven Ha­ken­schlä­gen, die all die schö­nen Ein­sich­ten Ma­ku­la­tur wer­den las­sen.

Da er­wähnt die Mi­nis­te­rin mehr­fach, dass sich die ana­loge Zeit nicht ins Di­gi­tale über­tra­gen lässt. Da for­mu­liert sie ex­pli­zit, dass das Recht keine über­hol­ten Ge­schäfts­mo­delle schüt­zen darf. Und je­des Mal denke ich mir: „Cool, wie­der eine Breit­seite ge­gen die­ses idio­ti­sche ‚Leis­tungs­schutz­recht‘.“ Und dann das: Wenn Ver­mitt­ler Leis­tun­gen er­brin­gen, dann muss diese Leis­tung ge­schützt wer­den, zum Bei­spiel Zei­tungs­ver­le­ger. Und ex­pli­zit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger ge­ben soll, son­dern wie die­ses aus­sieht.“

Das ist aus­ge­spro­chen übel. Bis heute gibt es keine ein­zige mir be­kannte neu­trale In­stanz, die auch nur for­mu­lie­ren könnte, wie ein „aus­ge­wo­ge­nes Leis­tungs­schutz­recht“ aus­se­hen könnte. Weil es ein sol­ches schlicht nicht gibt! Der ein­zige et­was kon­kre­tere Text, je­ner Ent­wurf von sei­ten der Ver­le­ger, ist eine An­samm­lung von ten­den­ziö­sen Re­geln, die der klei­nen, in der heu­ti­gen Zeit zu­nehe­mend un­wich­ti­ger wer­den­den ge­sell­schaft­li­chen Gruppe von Ver­le­gern, ihre Pfründe auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und der Werk­schaf­fen­den si­chern und sie so­gar aus­bauen soll. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, über­kom­mene Ge­schäfts­mo­delle ge­gen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen. Es ist die Text ge­wor­dene An­ti­these zu al­lem, was die Mi­nis­te­rin im Ur­he­ber­recht vor­geb­lich er­rei­chen will.

Wie ernst kann man vor dem Hin­ter­grund die ge­sam­ten Aus­füh­run­gen vom Mon­tag neh­men? Wir sol­len „mehr auf die Mög­lich­kei­ten als auf die Ri­si­ken schauen“? Ja, aber! Das Ur­he­ber­recht „schützt den Ur­he­ber“? Ja, aber! Keine „Schon­räume für ab­ge­lau­fene Ge­schäfts­mo­delle“? Ja, aber! All die hee­ren Grund­sätze gel­ten of­fen­sicht­lich nur, so­lange keine Lob­by­gruppe et­was an­de­res will.

Zu Recht zeiht Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger das Ur­he­ber­recht über­bor­den­der Kom­ple­xi­tät und zi­tiert da­bei so­gar Li­nus Tor­valds. Aber dann zieht sie Leis­tungs­schutz­rechts­ka­nin­chen aus dem Zy­lin­der, die ir­gend­wie „die Ver­le­ger schüt­zen“, gleich­zei­tig aber Link- und Zi­tat­frei­heit er­hal­ten sol­len. Zum ei­nen er­höht dies die Kom­ple­xi­tät der so­wieso schon kom­ple­xen Ge­set­zes­land­schaft wei­ter und zum an­de­ren steht die­ser ge­samte An­satz in voll­stän­di­gem Ge­gen­satz zu dem, was die Mi­nis­te­rin im­mer wie­der be­tont: Dass das Ge­setz den Ur­he­ber schüt­zen soll. Ein wie auch im­mer ge­ar­te­tes Leis­tungs­schutz­recht wird aber ge­nau die­sen Schutz wei­ter aus­he­beln, es be­schnei­det die Mög­lich­kei­ten des Ur­he­bers mas­siv zu Guns­ten ir­gend­wel­cher Ver­le­ger und dass der All­ge­mein­heit an­schlie­ßend auf eine ver­krüp­pelte Weise sein Werk wei­ter zur Ver­fü­gung steht, nützt ihm, dem Ur­he­ber, auch nichts.

Wei­ter geht’s mit Teil 2 am Mon­tag

Mu­sik zum Sonn­tag: zero-pro­ject – Fai­ry­tale

Und hier, liebe Le­ser, ein we­nig Mu­sik zum Sonn­tag. CC-li­zen­ziert und auf Ja­mendo zu fin­den: „zero-pro­ject“ mit sei­nem ak­tu­el­len Al­bum „Fai­ry­tale„. Passt be­son­ders gut, wenn man ge­rade wach wird, sich fragt, wo die Kopf­schmer­zen her­kom­men und sich dann wie­der an die Pro­mo­ti­ons­feier des Kom­mi­lio­nen vom Abend zu­vor er­in­nert, auf der man ir­gend­wann den Über­blick über die An­zahl der Glä­ser Rot­wein ver­lo­ren hat…

Nicht hö­ren soll­ten das die Jungs und Mä­dels von nom­nom­nom, die sich ge­rade in Stunde 17 ih­res 24-Stun­den-Fern­seh­ma­ra­thons mit Live­b­log­ging be­fin­den. Sonst ist da bald Stille im Blog… 😉

Mu­sik – zwo – drei – vier: Dia­blo Swing Or­ches­tra bei Ja­mendo und Ama­zon

Ich weiß, ich bin in letz­ter Zeit ein we­nig faul mit Blog­bei­trä­gen. Aber wie heißt es so schön: Al­les im Le­ben hat seine Zeit. Als Pau­sen­fül­ler heute mal ein Ver­weis auf ex­ter­nen Con­tent:

  

Das Dia­blo Swing Or­ches­tra aus Schwe­den spielt eine reich­lich ein­zig­ar­tige Mi­schung aus Got­hic, Swing, Folk und di­ver­sen an­de­ren Mu­sik­rich­tun­gen, gar­niert mit dem Ge­sang ei­ner aus­ge­bil­de­ten So­pra­nis­tin. Von den Bands, die ich so kenne, er­in­nert das ganze noch am ehes­ten an Wi­t­hin Temp­ta­tion.

An­ders als Wi­t­hin Temp­ta­tion hat sich das Dia­blo Swing Or­ches­tra aber für ein an­de­res Li­zenz­mo­dell für seine Mu­sik ent­schie­den: Das Al­bum „The Butcher’s Ball­room“ ist un­ter Crea­tive-Com­mons-Li­zenz in der Aus­prä­gung „BY-NC-ND“ zum freien, kos­ten­lo­sen und le­ga­len Down­load bei Ja­mendo ver­füg­bar. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch an­dere Ver­triebs­wege gibt: Auf Ama­zon ist das Al­bum „ganz nor­mal“ käuf­lich er­werb­bar.

Ich bin ja ein gro­ßer Freund die­ser neuen Ver­triebs­mo­delle für kul­tu­relle Werke. In­so­fern wün­sche ich mir, dass noch viel mehr Künst­ler die­sen Weg ge­hen und ihre Er­zeug­nisse so­wohl kom­mer­zi­ell als auch nicht-kom­mer­zi­ell zur Ver­fü­gung stel­len und so die Teil­habe am kul­tu­rel­len Le­ben noch viel mehr Men­schen als bis­her mög­lich ma­chen. Po­li­tisch lau­tet meine For­de­rung da­bei vor al­lem, dass das ge­setz­lich un­ter­stützte Quasi-Mo­no­pol der GEMA und ähn­li­cher Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten voll­stän­dig be­sei­tigt wer­den muss und vor al­lem eine werk­weise so­wie zeit­lich und an­lass­be­zo­gen be­grenzte Ab­tre­tung der Ver­wer­tungs­rechte un­kom­pli­ziert und schnell mög­lich sein muss.

Aber dazu ein an­de­res Mal mehr. Jetzt wün­sche ich viel Spaß beim Hö­ren die­ser – wie ich finde – au­ßer­ge­wöhn­li­chen Mu­sik.

„Delph‘ sans les pat­tes“ und „Ger­man View­ers Love Their De­tec­tives“ – Fund­stü­cke

Heute gibt’s mal zwei Links auf Fund­stü­cke, die ich aus ver­schie­de­nen Grün­den für er­wäh­nens­wert halte:

Delph' sans les pattes - Ze first cidi

Delph' sans les pat­tes - Ze first cidi

Da ist zu­nächst das Al­bum „Ze first cidi“ der Stras­bour­ger Gruppe „Delph‘ sans les pat­tes“. Mein Fran­zö­sisch ist zu schlecht, als dass ich mir mehr als nur an­satz­weise zu­sam­men­rei­men könnte, was der Band­name heißt und um was es in den Lie­dern geht. Wenn ich das rich­tig über­bli­cke, dürfte das Al­bum wohl in den USA ei­nen „Par­en­tal Ad­vise: Ex­pli­cit lyrics“-Bapperl be­kom­men. Aber wir sind hier ja nun mal in Deutsch­land, der Text ist Fran­zö­sisch, und der­art schö­nem Chan­son ver­gibt man doch ir­gend­wie al­les, oder?

Und weil das ganze von Ja­mendo kommt, kann ich hier auch noch ein­fach mal di­rekt ver­lin­ken und zum Ab­spie­len auf­for­dern:

  

Und dann war da noch die New York Times, die ih­ren US-ame­ri­ka­ni­schen Le­sern die Kri­mi­se­rie „Tat­ort“ er­klärt:

Ver­bre­chen ge­sche­hen hier an so ty­pisch deut­schen Or­ten wie den in­ner­stä­di­schen „Schrebergarten“-Gartenanlagen, wo na­tur­ver­liebte Deut­sche ihre ei­ge­nen To­ma­ten zie­hen und ih­ren merk­wür­di­gen Ge­schmack für Plas­tik­wich­tel pfle­gen. Die Köl­ner „Tatort“-Kommissare ma­chen ihre Pau­sen grund­sätz­lich an ih­rem Lieblings-„Büdchen“, ei­nem je­ner Bier- und Brat­wurst­stände, die so ty­pisch für das Rhein­land sind. Selbst die düs­tere Aus­leuch­tung scheint bei so man­chem Deut­schen die ei­ge­nen vier Wände wie­der­zu­ge­ben. […]
Man muss sich diese Se­rie als ei­nen Mi­kro­kos­mos der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor­stel­len, so wird sie auch von den Pro­du­zen­ten im­mer wie­der an­ge­prie­sen. Je­der Tat­ort lässt seine re­gio­na­len Wur­zeln er­ken­nen, sei es, dass die Dar­stel­ler im lo­ka­len Dia­lekt spre­chen oder der Fall et­was mit re­gio­na­len Be­son­der­hei­ten zu tun hat. Und die Deut­schen spre­chen über ih­ren Lieb­lings­tat­ort in etwa so wie über die lo­kale Fuß­ball­mann­schaft. Der Müns­te­ra­ner Tat­ort hat grund­sätz­lich ko­mi­sche Ele­mente. Im grü­nen Kon­stanz geht es für die „Tatort“-Kommissare häu­fig um Fälle im Um­welt­be­reich. Ham­burg prä­sen­tiert ei­nen rast­lo­sen Ja­mes-Bond-ar­ti­gen Tür­ken, der al­lein ar­bei­tet; Han­no­ver eine schöne und schlaue aber ein­zel­gän­ge­ri­sche Kom­mis­sa­rin.
Man könnte sa­gen, es ist ein we­nig wie „CSI“ mit Lo­kal­ko­lo­rit, aber es ist ein­fach zu „Deutsch“ um mit die­ser ame­ri­ka­ni­schen Ein­heits­ware ver­wech­selt zu wer­den: Nicht so ge­leckt, viel un­blu­ti­ger, da­für aber mit ei­nem Händ­chen für bri­sante Ge­schich­ten. Vor ei­ni­ger Zeit hat ein „Tat­ort“, in dem es um In­zest in­ner­halb der kur­di­schen und tür­ki­schen Ale­vi­ten­ge­mein­schaft ging, zu Pro­tes­ten von zehn­tau­sen­den Ale­vi­ten in Köln und Ham­burg ge­führt. […]

Ich finde es im­mer be­son­ders er­hel­lend, wenn man mal ei­nen Be­richt über et­was liest, das man selbst schon lange kennt und das aus ei­nem ganz an­de­ren Blick­win­kel be­trach­tet wird. Des­halb habe ich die Lek­türe des (eng­lisch­spra­chi­gen) Ori­gi­nal­ar­ti­kels auch sehr ge­nos­sen und kann ihn nur wei­ter­emp­feh­len.

Free Mu­sic Con­test – Ein­sen­de­schluss für Mu­si­ker naht

Als Er­satz­ver­an­stal­tung für den „Open Mu­sic Con­test“ ver­an­stal­tet der frisch ge­grün­dete Ver­ein „Mu­sik­pi­ra­ten“ die­ses Jahr den „Free! Mu­sic! Con­test„. Der Wett­be­werb zeigt, wie viel­fäl­tig freie Mu­sik ist. Au­ßer­dem winkt den teil­neh­men­den Bands ein Platz auf dem ge­plan­ten CD-Sam­pler oder so­gar ein Auf­tritt beim Livekon­zert am 2009-10-03 – ja, ge­nau, das ist der Tag der Deut­schen Ein­heit.

F!M!C Logo

Mit­ma­chen kann je­der Mu­si­ker, der nicht bei der Gema oder ei­ner ver­gleich­ba­ren Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft – auch im Aus­land – ge­mel­det ist. Bei Bands muss diese Vor­aus­set­zung für alle Mit­glie­der gel­ten. Der Wett­be­werb rich­tet sich eben ge­rade an freie Mu­sik, bei der zen­trale Ver­wer­ter keine Rolle spie­len. Es muss aber schnell ge­hen: Bei­träge kön­nen nur noch bis zum kom­men­den Frei­tag, 2009-07-31, ein­ge­reicht wer­den!

Die frisch ge­grün­de­ten Mu­sik­pi­ra­ten su­chen auch noch Spen­der und Spon­so­ren für den Wett­be­werb, die CD-Pro­duk­tion und das Ab­schluss­kon­zert. An­mel­dun­gen hier­für sind noch den gan­zen Au­gust über mög­lich. Freunde freier Mu­sik soll­ten über eine Be­tei­li­gung nach­den­ken, nur wenn ge­nug Geld zu­sam­men­kommt, kann der Sam­pler als „echte“ CD pro­du­ziert wer­den. Und je mehr Geld für das Event am 3.10. da ist, desto mehr Bands kön­nen live auf­tre­ten. Also: Spen­det!

Ich finde, freie Mu­sik ist eine der bes­ten Mög­lich­kei­ten, der Mu­sik­in­dus­trie ihre ei­gene Über­flüs­sig­keit zu de­mons­trie­ren. An­ders als bei den ha­ne­bü­che­nen Gema-Ver­tei­lungs­schlüs­seln steht der Künst­ler hier di­rekt mit dem Zu­hö­rer in Kon­takt. Zu­dem sind bei Kon­zer­ten oder Auf­trit­ten keine Zah­lun­gen an die Gema fäl­lig, von de­nen der Künst­ler im Zwei­fels­fall nur ei­nen Bruch­teil wie­der­sieht. Freie Mu­sik und der Free! Mu­sic! Con­test sind so Vor­rei­ter ei­nes neuen Um­gangs mit Mu­sik und ein wich­ti­ger Bei­trag zur Mu­sik­kul­tur ins­ge­samt.

Für freie Mu­sik ist un­ter an­de­ren Ja­mendo eine reich­hal­tige und pro­fes­sio­nelle Quelle. Als Bei­spiel bringe ich hier mal die deut­sche Band „por­no­pho­ni­que„, die mit Ge­sang, Gi­tarre und (Ach­tung!) Game­boy sehr hö­rens­werte Tracks pro­du­ziert. Die Jungs sol­len vor al­lem live ein Er­leb­nis sein, hier mal als Ap­pe­ti­zer „Game over“ aus dem Al­bum „8-bit la­ger­feuer„:

  

Die Mu­sik­pi­ra­ten sind per­so­nell und kon­zep­tio­nell eng mit der Pi­ra­ten­par­tei ver­bun­den. Das Por­tal „mu​sik​.klar​ma​chen​-zum​-aen​dern​.de“ lief lange Zeit beim hes­si­schen Lan­des­ver­band der Pi­ra­ten­par­tei und ist mitt­ler­weile auf die Mu­sik­pi­ra­ten über­ge­gan­gen. Sol­che Spin-Offs sind – denke ich – ein si­che­res Zei­chen da­für, wie sich die Ideen der Pi­ra­ten­par­tei im­mer wei­ter ver­brei­ten.

Cool!

Die Raub­ko­pie­rer sind mal wie­der an al­lem Schuld: Heise-On­line-Be­richt zum Mu­sik­markt

Vor­ges­tern brachte Heise eine Ge­schichte über das Ver­schwin­den der Plat­ten­lä­den. Darin zi­tiert wird mehr­fach ein ge­wis­ser Da­niel Knöll, der in nicht nä­her be­nann­ter Weise mit dem Bun­des­ver­band der Mu­sik­in­dus­trie ver­ban­delt ist.

Herr Knöll ist mal wie­der mit den Platt-Ver­sio­nen der üb­li­chen Mu­sik­in­dus­trie­sprü­che über „Raub­ko­pie­rer“ am Start:

  • Warum hat sich der An­teil Plat­ten­lä­den und Co. am Ein­zel­han­del in­ner­halb von sechs Jah­ren mehr als hal­biert? Ganz klar: „Da­für gibt es Gründe: Ei­ner ist das Un­ver­ständ­nis der Ver­brau­cher, für Mu­sik zu be­zah­len“. Dass es mit Ama­zon, iTu­nes oder Sa­turn mitt­ler­weile auch große In­ter­net-Ver­kaufspor­tale für Mu­sik gibt – nein, daran wird das si­cher nicht lie­gen.
  • Wieso wird heute drei­mal so lange pro Tag Mu­sik ge­hört als in den 1990er Jah­ren (45 statt 14 Mi­nu­ten pro Tag)? Ein­fa­che Be­grün­dung: „Es wird mehr Mu­sik ge­hört, aber we­ni­ger ge­kauft. Das liegt daran, dass die Mu­sik sehr oft il­le­gal aus dem In­ter­net be­zo­gen wird“. Na klar! Dass die als Daten­strom vor­lie­gende Mu­sik viel ein­fa­cher zu kon­su­mie­ren ist als die an ei­nen Ton­trä­ger ge­bun­dene, dass MP3-Spie­ler, iPods und Mu­sik­han­dys heute ubi­qui­tär und viel leis­tungs­fä­hi­ger als Wei­land die Cas­set­ten-Walk­mans sind – das hat be­stimmt über­haupt kei­nen Ein­fluss.

Zwar be­schreibt der Ar­ti­kel durch­aus um­fas­send, wie sich der Mu­sik­markt än­dert und dass die all­ge­meine Be­we­gung für Mu­sik­auf­zeich­nun­gen weg von phsi­ka­li­schen Ton­trä­gern und hin zum rei­nen „Daten­pa­ket“ ver­läuft. Un­ter­schwel­lig wird aber auch hier wie­der die böse Raub­ko­pier­chi­märe po­si­tio­niert: Plat­ten­lä­den ster­ben, weil die Leute sich die Mu­sik kos­ten­los im In­ter­net be­sor­gen. Lei­der ist diese Schluss­fol­ge­rung min­des­tens ge­nauso platt wie die Vi­nyl­schei­ben – im­mer­hin wer­den im Ar­ti­kel di­verse ge­sell­schaft­li­che Än­de­run­gen be­schrie­ben, die die­ses Phä­no­men ver­ur­sa­chen und die samt und son­ders nichts mit der nicht­kom­mer­zi­el­len Wei­ter­gabe von Mu­sik­da­teien zu tun ha­ben: Ge­ne­rell klei­ner wer­dende Zeit­bud­gets der po­ten­ti­el­len Käu­fer, bes­sere In­for­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten im In­ter­net und schlicht die Ver­drän­gung der (ana­lo­gen) Schall­platte vom Mas­sen­markt. Ich er­in­nere mich an meine ei­gene letzte Er­in­ne­rung zum Thema Tech­ni­k­la­den­ge­schäft – auch so­was treibt die Kun­den aus den Lä­den und hin zum ver­brau­cher­freund­li­che­ren In­ter­net.

Ste­fan Nig­ge­meier hat ge­rade erst in ei­nem le­sens­wer­ten Bei­trag Die­ter Gorny zer­pflückt. Da­niel Knöll ge­hört mei­nes Er­ach­tens in die­selbe Ka­te­go­rie, auch wenn seine Elo­quenz we­sent­lich be­grenz­ter zu sein scheint. Ich emp­fehle, ein­fach mal häu­fi­ger we­der beim Gorny noch beim Knöll noch bei ir­gend­ei­nem an­de­ren Mu­sik­in­dus­triela­den vor­bei­zu­schauen, son­dern statt­des­sen bei den­je­ni­gen Künst­lern vor­bei­zu­schauen, die ihre Mu­sik tat­säch­lich kos­ten­los wei­ter­ge­ben wol­len – es lohnt sich! Wo und wie das geht habe ich ja in die­sem Blog be­reits ge­schrie­ben.

Amok­läufe

In Ba­den-Würt­tem­berg hat es ei­nen Amok­lauf ge­ge­ben, dem 16 Men­schen zum Op­fer fie­len, dar­un­ter der Amok­läu­fer selbst. So weit, so schlecht. In der Folge ist es al­ler­dings zu ei­nem wei­te­ren Amok­lauf ge­kom­men, dem di­ver­ser deut­scher Me­dien näm­lich, die auf Grund feh­len­der Neu­ig­kei­ten in eine Art kol­lek­ti­ves Hy­per­ven­ti­lie­ren ver­fie­len und über das Thema in ei­ner Weise be­rich­tet ha­ben müs­sen, die bei ei­nem halb­wegs ver­stän­di­gen Men­schen nur fas­sungs­lo­ses Kopf­schüt­teln aus­löst.

Ich schreibe „ha­ben müs­sen“, weil ich mir selbst kein rich­ti­ges Bild ge­macht habe. Ich bin kein mi­li­tan­ter Fern­seh­ver­wei­ge­rer, aber seit Diens­tag abend habe ich das Ge­rät nicht mehr an­ge­habt. Auch bei der lo­ka­len Zei­tung hat es in den letz­ten Ta­gen nur zum Lo­kal­teil ge­reicht. Trotz­dem fühle ich mich gut und durch­aus an­ge­mes­sen in­for­miert. Te­le­po­lis (1,2,3,4), Heise on­line, der Blog von Ste­fan Nig­ge­meier (1,2) so­wie aus­ge­wählte Ar­ti­kel auf Spie­gel On­line rei­chen da völ­lig.

Und wenn ich im Bild­blog (1,2) und ins­be­son­dere in dem bril­lant ge­schrie­be­nen Ar­ti­kel im Blog von Hanno Zulla lese, was ich an­derswo so ver­passt habe, dann ent­spricht das ir­gend­wie ex­akt mei­nen Er­war­tun­gen. Ich denke, ich werde das mit den In­for­ma­ti­ons­quel­len auch in Zu­kunft so hal­ten.

Nach­trag: Über die Kom­men­tare bin ich auf ein (mitt­ler­weile un­ter http://​da​niel​.mail​-em​pire​.de/​b​l​o​g​/​2​0​0​9​/​0​3​/​1​4​/​k​r​a​u​t​c​h​a​n​n​e​t​-​b​e​t​r​e​i​b​e​r​-​t​s​a​r​y​u​-​z​u​m​-​a​m​o​k​l​a​u​f​-​v​o​n​-​w​i​n​n​e​n​den nicht mehr ver­füg­ba­res) In­ter­view auf nach​ge​b​logt​.de hin­ge­wie­sen wor­den, das die Hin­ter­gründe zu der Falsch­mel­dung von der In­ter­net-Amok­lauf­an­kün­di­gung auf kraut​chan​.net noch­mal nä­her be­leuch­tet. Wie Jour­na­lis­ten oder Er­mitt­ler da ernst­haft von „Re­cher­che“ oder „Fah­nungs­er­geb­nis­sen“ spre­chen kön­nen, ist mir ab­so­lut un­ver­ständ­lich. Im­mer feste vom Web 2.0 re­den, aber im Zwei­fels­falle voll­stän­dige Un­fä­hig­keit an den Tag le­gen – vie­len Dank für diese ein­drucks­volle De­mons­tra­tion…