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Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 2

Fort­set­zung des von Teil 1 vom Freitag

Betrach­ten wir vor dem Hin­ter­grund der Rede der Jus­tiz­mi­nis­te­rin die gesamte Pro­ble­ma­tik noch­mal aus einem ande­ren Blickwinkel:

Der Urhe­ber eines Wer­kes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht ver­wen­det bzw. rezi­piert wird. Dies ist aber ein sozia­ler und inter­ak­ti­ver Pro­zess, den der Urhe­ber (und auch even­tu­elle Ver­mitt­ler wie z.B. Ver­le­ger) schlech­ter­dings gar nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann. Die wie ein Man­tra die ganze Rede durch­zie­hende Aus­sage „Der Rech­te­in­ha­ber ent­schei­det, was pas­siert” ist letzt­lich eine Täu­schung. Eigent­lich ent­schei­den näm­lich die Emp­fän­ger, ob ihnen ein Werk wich­tig ist oder nicht und damit geht immer eine Beschäf­ti­gung mit dem Werk ein­her. Im Gesetz fin­den sich nicht umsonst die Schran­ken des Urhe­ber­rechts, das Zitat­recht oder die Pan­ora­ma­f­rei­heit.

Dass damit auch so man­che Urhe­ber ihre Pro­bleme haben, zeig­ten übri­gens die „ein­füh­ren­den Worte” von Ulrich Wickert, der nicht nur erstaun­lich alt gewor­den ist, son­dern seine Rede auch recht scham­los als Wer­be­ver­an­stal­tung für irgend­ein von ihm geschrie­be­nes neues Buch nutzte. Er erzählte ent­rüs­tet, wie ihm ein Leser nach Lek­türe eines sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Werke ein alter­na­ti­ves Ende zuschickte. Das, so Wickert, sei anma­ßend: „Mein Werk gehört mir.” Ich finde diese Atti­tüde außer­or­dent­lich arro­gant. Nie­mand for­dert von Herrn Wickert, dass er seine Bücher umschreibt, aber der­ar­tig hin­ge­bungs­volle Leser dem Publi­kum als Stö­ren­friede der eige­nen Voll­kom­men­heit zu prä­sen­tie­ren — das geht ja mal gar nicht.

Genau diese Denke ist es aber, die vie­ler­orts im Urhe­ber­recht vor­herrscht. Immer will irgend­je­mand seine ver­meint­li­chen per­sön­li­chen Ansprü­che gesi­chert wis­sen. Dabei ent­steht sämt­li­cher Wert eines lite­ra­ri­schen, musi­schen oder ander­wei­ti­gen nicht-​materiellen Wer­kes erst durch die gesell­schaft­li­che Auf­nahme und Ver­wen­dung. So gese­hen liegt es im urei­gens­ten Inter­esse der Werk­schaf­fen­den, dass die All­ge­mein­heit seine Werke adäquat nut­zen kann. Dass sich die Arten der Nut­zung mit der galop­pie­ren­den tech­ni­schen Ent­wick­lung auch ver­än­dern, liegt in der Natur der Sache. Dies einer­seits durch­aus anzu­er­ken­nen, dann aber ande­rer­seits bei den ent­spre­chen­den Geset­zen vor einer ange­mes­se­nen Umset­zung zurück­zu­zu­cken, bringt im End­ef­fekt gar nichts. Es ist sogar kon­tra­pro­duk­tiv, wenn im Rah­men die­ses Krebs­gan­ges am Ende Murks­ge­setze wie ein „Leis­tungs­schutz­recht” her­aus­kom­men.

Es gibt einen letz­ten Aspekt der „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht”, der mir wich­tig erscheint: Frau Leutheusser-​Schnarrenberger arbei­tet immer wie­der auf einen all­ge­mei­nen Gegen­satz zwi­schen dem Urhe­ber­recht und der „digi­ta­len Welt” hin. „Digi­tal Nati­ves” wer­den da zu radi­ka­len Geg­nern urhe­ber­recht­li­cher Rege­lun­gen, die ein­fach alles für alle frei­ge­ben und sich nicht um Gesetze sche­ren wol­len. Dafür zitiert sie sogar — man höre und staune — die Pira­ten­par­tei, die „die Auf­he­bung künst­li­cher Ver­knap­pun­gen” for­dere und nimmt dies als Beleg für die gene­relle Ableh­nung des Urheberrechts.

Mit Ver­laub, Frau Leutheusser-​Schnarrenberger, aber das ist Quark. Die „künst­li­chen Ver­knap­pun­gen” sind das, was die Ver­mitt­ler ver­zwei­felt ver­su­chen zu hal­ten, um wei­ter­hin eine Rolle spie­len zu kön­nen. Ansons­ten machen nicht nur wir, son­dern alle Werk­schaf­fen­den in der digi­ta­len Welt sich sehr viele Gedan­ken über das Urhe­ber­recht. Nicht umsonst ist in den letz­ten 15 Jah­ren eine ganze Klasse neuer Lizenz­mo­delle ent­stan­den und mehr als ein­mal hat es da Knatsch wegen wider­recht­li­cher Nut­zung gege­ben. Es ist näm­lich auch eine Wahr­heit, dass gerade die Ver­le­ger und Ver­mitt­ler zwar laut schreien, wenn sie ihre über­kom­me­nen Pri­vi­le­gien in Gefahr sehen, es gleich­zei­tig aber mit den Rech­ten ande­rer nicht allzu genau neh­men. Berichte über nicht lizenz­ge­rechte Über­nah­men — man könnte schlicht „Abschrei­ben ohne Quel­len­an­gabe” nen­nen — von Wiki­pe­diaar­ti­keln oder ande­ren CC– oder GFDL-​lizenzierten Wer­ken sind längst Legion.

Wohin treibt nun das Urhe­ber­recht? Die Ver­an­stal­tung am Mon­tag war der Auf­takt eines mehr­mo­na­ti­gen Pro­zes­ses, der ver­schie­dene Anhö­run­gen brin­gen wird und schließ­lich in einem Geset­zes­ent­wurf für einen „Drit­ten Korb” zur Ände­rung des Urhe­ber­rechts mün­den soll. Dass das aktu­elle Urhe­ber­recht mit sei­nen mitt­ler­weile extre­men Ein­schrän­kun­gen der Nutz­bar­keit kul­tu­rel­ler Werke stark ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist, steht außer Frage. Ich sehe aller­dings die Gefahr, dass die­ser Geset­zes­pro­zess auch zu einem noch restrik­ti­ve­ren Recht füh­ren kann, wenn er nicht geeig­net beglei­tet wird. Frau Leutheusser-​Schnarrenberger war mit den Inhal­ten ihrer Rede teil­weise wie der viel­zi­tierte Pud­ding, der sich nicht an die Wand nageln lässt. Im Zwei­fels­fall bedeu­tet das nichts Gutes, wenn es darum geht, den viel­fäl­ti­gen Lob­by­grup­pen im Namen der All­ge­mein­heit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Genau das erwarte ich aber von einer Bundesministerin.

Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht” gehal­ten, unsere Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin. Den Rede­text gibt es online und Kom­men­tare und Zusam­men­fas­sun­gen dazu zum Bei­spiel bei Heise Online oder Tele­po­lis. Auch ich habe am Mon­tag in der Berlin-​Brandenburgischen Aka­de­mie geses­sen und ihren Aus­füh­run­gen gelauscht.

Bei mir hin­ter­lässt die Rede von Frau Leutheusser-​Schnarrenberger einen sehr zwie­späl­ti­gen, letzt­lich aber nega­ti­ven Ein­druck. Einer­seits war die Rede gespickt mit Aus­füh­run­gen, die so auch auf einem belie­bi­gen Par­tei­tag der Pira­ten­par­tei Sze­nen­ap­plaus bekom­men hät­ten. Die Minis­te­rin hat das Inter­net als gesell­schaft­li­che Revo­lu­tion bezeich­net, Wis­sen und Infor­ma­tion seien viel bes­ser und schen­l­ler ver­füg­bar, aber auch viel ein­fa­cher und direk­ter erzeug­bar gewor­den. Der krea­tive Mensch muss im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht der Ver­wer­ter. Bei der digi­ta­len Revo­lu­tion müs­sen wir die Chan­cen sehen und nicht immer nur auf die Risi­ken starren.

All dies sind Aus­sa­gen, die ich ohne wenn und aber unter­stütze. Und es tat gut, das mal so klar und deut­lich aus dem Mund eines Bun­des­mi­nis­ters zu hören. Aber was nüt­zen die schöns­ten Worte, wenn sie nicht kon­se­quent zu Ende gedacht wer­den? Und genau das pas­siert nicht! Statt­des­sen kommt es immer wie­der zu argu­men­ta­ti­ven Haken­schlä­gen, die all die schö­nen Ein­sich­ten Maku­la­tur wer­den lassen.

Da erwähnt die Minis­te­rin mehr­fach, dass sich die ana­loge Zeit nicht ins Digi­tale über­tra­gen lässt. Da for­mu­liert sie expli­zit, dass das Recht keine über­hol­ten Geschäfts­mo­delle schüt­zen darf. Und jedes Mal denke ich mir: „Cool, wie­der eine Breit­seite gegen die­ses idio­ti­sche ‚Leis­tungs­schutz­recht’.” Und dann das: Wenn Ver­mitt­ler Leis­tun­gen erbrin­gen, dann muss diese Leis­tung geschützt wer­den, zum Bei­spiel Zei­tungs­ver­le­ger. Und expli­zit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger geben soll, son­dern wie die­ses aussieht.”

Das ist aus­ge­spro­chen übel. Bis heute gibt es keine ein­zige mir bekannte neu­trale Instanz, die auch nur for­mu­lie­ren könnte, wie ein „aus­ge­wo­ge­nes Leis­tungs­schutz­recht” aus­se­hen könnte. Weil es ein sol­ches schlicht nicht gibt! Der ein­zige etwas kon­kre­tere Text, jener Ent­wurf von sei­ten der Ver­le­ger, ist eine Ansamm­lung von ten­den­ziö­sen Regeln, die der klei­nen, in der heu­ti­gen Zeit zun­ehe­mend unwich­ti­ger wer­den­den gesell­schaft­li­chen Gruppe von Ver­le­gern, ihre Pfründe auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und der Werk­schaf­fen­den sichern und sie sogar aus­bauen soll. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, über­kom­mene Geschäfts­mo­delle gegen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen. Es ist die Text gewor­dene Anti­these zu allem, was die Minis­te­rin im Urhe­ber­recht vor­geb­lich errei­chen will.

Wie ernst kann man vor dem Hin­ter­grund die gesam­ten Aus­füh­run­gen vom Mon­tag neh­men? Wir sol­len „mehr auf die Mög­lich­kei­ten als auf die Risi­ken schauen”? Ja, aber! Das Urhe­ber­recht „schützt den Urhe­ber”? Ja, aber! Keine „Schon­räume für abge­lau­fene Geschäfts­mo­delle”? Ja, aber! All die hee­ren Grund­sätze gel­ten offen­sicht­lich nur, solange keine Lob­by­gruppe etwas ande­res will.

Zu Recht zeiht Frau Leutheusser-​Schnarrenberger das Urhe­ber­recht über­bor­den­der Kom­ple­xi­tät und zitiert dabei sogar Linus Tor­valds. Aber dann zieht sie Leis­tungs­schutz­rechts­ka­nin­chen aus dem Zylin­der, die irgend­wie „die Ver­le­ger schüt­zen”, gleich­zei­tig aber Link– und Zitat­frei­heit erhal­ten sol­len. Zum einen erhöht dies die Kom­ple­xi­tät der sowieso schon kom­ple­xen Geset­zes­land­schaft wei­ter und zum ande­ren steht die­ser gesamte Ansatz in voll­stän­di­gem Gegen­satz zu dem, was die Minis­te­rin immer wie­der betont: Dass das Gesetz den Urhe­ber schüt­zen soll. Ein wie auch immer gear­te­tes Leis­tungs­schutz­recht wird aber genau die­sen Schutz wei­ter aus­he­beln, es beschnei­det die Mög­lich­kei­ten des Urhe­bers mas­siv zu Guns­ten irgend­wel­cher Ver­le­ger und dass der All­ge­mein­heit anschlie­ßend auf eine ver­krüp­pelte Weise sein Werk wei­ter zur Ver­fü­gung steht, nützt ihm, dem Urhe­ber, auch nichts.

Wei­ter geht’s mit Teil 2 am Montag

Musik zum Sonntag: zero-​project — Fairytale

Und hier, liebe Leser, ein wenig Musik zum Sonn­tag. CC-​lizenziert und auf Jamendo zu fin­den: „zero-​project” mit sei­nem aktu­el­len Album „Fai­ry­tale”. Passt beson­ders gut, wenn man gerade wach wird, sich fragt, wo die Kopf­schmer­zen her­kom­men und sich dann wie­der an die Pro­mo­ti­ons­feier des Kom­mi­lio­nen vom Abend zuvor erin­nert, auf der man irgend­wann den Über­blick über die Anzahl der Glä­ser Rot­wein ver­lo­ren hat…

Nicht hören soll­ten das die Jungs und Mädels von nom­nom­nom, die sich gerade in Stunde 17 ihres 24-​Stunden-​Fernsehmarathons mit Live­b­log­ging befin­den. Sonst ist da bald Stille im Blog… ;-)

Musik — zwo — drei — vier: Diablo Swing Orchestra bei Jamendo und Amazon

Ich weiß, ich bin in letz­ter Zeit ein wenig faul mit Blog­bei­trä­gen. Aber wie heißt es so schön: Alles im Leben hat seine Zeit. Als Pau­sen­fül­ler heute mal ein Ver­weis auf exter­nen Content:

  

Das Dia­blo Swing Orches­tra aus Schwe­den spielt eine reich­lich ein­zig­ar­tige Mischung aus Gothic, Swing, Folk und diver­sen ande­ren Musik­rich­tun­gen, gar­niert mit dem Gesang einer aus­ge­bil­de­ten Sopra­nis­tin. Von den Bands, die ich so kenne, erin­nert das ganze noch am ehes­ten an Wit­hin Temp­ta­tion.

Anders als Wit­hin Temp­ta­tion hat sich das Dia­blo Swing Orches­tra aber für ein ande­res Lizenz­mo­dell für seine Musik ent­schie­den: Das Album „The Butcher’s Ball­room” ist unter Creative-​Commons-​Lizenz in der Aus­prä­gung „BY-​NC-​ND” zum freien, kos­ten­lo­sen und lega­len Down­load bei Jamendo ver­füg­bar. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Ver­triebs­wege gibt: Auf Ama­zon ist das Album „ganz nor­mal” käuf­lich erwerbbar.

Ich bin ja ein gro­ßer Freund die­ser neuen Ver­triebs­mo­delle für kul­tu­relle Werke. Inso­fern wün­sche ich mir, dass noch viel mehr Künst­ler die­sen Weg gehen und ihre Erzeug­nisse sowohl kom­mer­zi­ell als auch nicht-​kommerziell zur Ver­fü­gung stel­len und so die Teil­habe am kul­tu­rel­len Leben noch viel mehr Men­schen als bis­her mög­lich machen. Poli­tisch lau­tet meine For­de­rung dabei vor allem, dass das gesetz­lich unter­stützte Quasi-​Monopol der GEMA und ähn­li­cher Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten voll­stän­dig besei­tigt wer­den muss und vor allem eine werk­weise sowie zeit­lich und anlass­be­zo­gen begrenzte Abtre­tung der Ver­wer­tungs­rechte unkom­pli­ziert und schnell mög­lich sein muss.

Aber dazu ein ande­res Mal mehr. Jetzt wün­sche ich viel Spaß beim Hören die­ser — wie ich finde — außer­ge­wöhn­li­chen Musik.

„Delph’ sans les pattes” und „German Viewers Love Their Detectives” — Fundstücke

Heute gibt’s mal zwei Links auf Fund­stü­cke, die ich aus ver­schie­de­nen Grün­den für erwäh­nens­wert halte:

Delph' sans les pattes - Ze first cidi

Delph’ sans les pat­tes — Ze first cidi

Da ist zunächst das Album „Ze first cidi” der Stras­bour­ger Gruppe „Delph’ sans les pat­tes”. Mein Fran­zö­sisch ist zu schlecht, als dass ich mir mehr als nur ansatz­weise zusam­men­rei­men könnte, was der Band­name heißt und um was es in den Lie­dern geht. Wenn ich das rich­tig über­bli­cke, dürfte das Album wohl in den USA einen „Par­en­tal Advise: Exp­li­cit lyrics”-Bapperl bekom­men. Aber wir sind hier ja nun mal in Deutsch­land, der Text ist Fran­zö­sisch, und der­art schö­nem Chan­son ver­gibt man doch irgend­wie alles, oder?

Und weil das ganze von Jamendo kommt, kann ich hier auch noch ein­fach mal direkt ver­lin­ken und zum Abspie­len auffordern:

  

Und dann war da noch die New York Times, die ihren US-​amerikanischen Lesern die Kri­mi­se­rie „Tat­ort” erklärt:

Ver­bre­chen gesche­hen hier an so typisch deut­schen Orten wie den inner­stä­di­schen „Schrebergarten”-Gartenanlagen, wo natur­ver­liebte Deut­sche ihre eige­nen Toma­ten zie­hen und ihren merk­wür­di­gen Geschmack für Plas­tik­wich­tel pfle­gen. Die Köl­ner „Tatort”-Kommissare machen ihre Pau­sen grund­sätz­lich an ihrem Lieblings-„Büdchen”, einem jener Bier– und Brat­wurst­stände, die so typisch für das Rhein­land sind. Selbst die düs­tere Aus­leuch­tung scheint bei so man­chem Deut­schen die eige­nen vier Wände wie­der­zu­ge­ben. […]
Man muss sich diese Serie als einen Mikro­kos­mos der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor­stel­len, so wird sie auch von den Pro­du­zen­ten immer wie­der ange­prie­sen. Jeder Tat­ort lässt seine regio­na­len Wur­zeln erken­nen, sei es, dass die Dar­stel­ler im loka­len Dia­lekt spre­chen oder der Fall etwas mit regio­na­len Beson­der­hei­ten zu tun hat. Und die Deut­schen spre­chen über ihren Lieb­lings­tat­ort in etwa so wie über die lokale Fuß­ball­mann­schaft. Der Müns­te­ra­ner Tat­ort hat grund­sätz­lich komi­sche Ele­mente. Im grü­nen Kon­stanz geht es für die „Tatort”-Kommissare häu­fig um Fälle im Umwelt­be­reich. Ham­burg prä­sen­tiert einen rast­lo­sen James-​Bond-​artigen Tür­ken, der allein arbei­tet; Han­no­ver eine schöne und schlaue aber ein­zel­gän­ge­ri­sche Kom­mis­sa­rin.
Man könnte sagen, es ist ein wenig wie „CSI” mit Lokal­ko­lo­rit, aber es ist ein­fach zu „Deutsch” um mit die­ser ame­ri­ka­ni­schen Ein­heits­ware ver­wech­selt zu wer­den: Nicht so geleckt, viel unblu­ti­ger, dafür aber mit einem Händ­chen für bri­sante Geschich­ten. Vor eini­ger Zeit hat ein „Tat­ort”, in dem es um Inzest inner­halb der kur­di­schen und tür­ki­schen Ale­vi­ten­ge­mein­schaft ging, zu Pro­tes­ten von zehn­tau­sen­den Ale­vi­ten in Köln und Ham­burg geführt. […]

Ich finde es immer beson­ders erhel­lend, wenn man mal einen Bericht über etwas liest, das man selbst schon lange kennt und das aus einem ganz ande­ren Blick­win­kel betrach­tet wird. Des­halb habe ich die Lek­türe des (eng­lisch­spra­chi­gen) Ori­gi­nal­ar­ti­kels auch sehr genos­sen und kann ihn nur weiterempfehlen.

Free Music Contest — Einsendeschluss für Musiker naht

Als Ersatz­ver­an­stal­tung für den „Open Music Con­test” ver­an­stal­tet der frisch gegrün­dete Ver­ein „Musik­pi­ra­ten” die­ses Jahr den „Free! Music! Con­test”. Der Wett­be­werb zeigt, wie viel­fäl­tig freie Musik ist. Außer­dem winkt den teil­neh­men­den Bands ein Platz auf dem geplan­ten CD-​Sampler oder sogar ein Auf­tritt beim Livek­on­zert am 2009-​10-​03 — ja, genau, das ist der Tag der Deut­schen Einheit.

F!M!C Logo

Mit­ma­chen kann jeder Musi­ker, der nicht bei der Gema oder einer ver­gleich­ba­ren Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft — auch im Aus­land — gemel­det ist. Bei Bands muss diese Vor­aus­set­zung für alle Mit­glie­der gel­ten. Der Wett­be­werb rich­tet sich eben gerade an freie Musik, bei der zen­trale Ver­wer­ter keine Rolle spie­len. Es muss aber schnell gehen: Bei­träge kön­nen nur noch bis zum kom­men­den Frei­tag, 2009-​07-​31, ein­ge­reicht wer­den!

Die frisch gegrün­de­ten Musik­pi­ra­ten suchen auch noch Spen­der und Spon­so­ren für den Wett­be­werb, die CD-​Produktion und das Abschluss­kon­zert. Anmel­dun­gen hier­für sind noch den gan­zen August über mög­lich. Freunde freier Musik soll­ten über eine Betei­li­gung nach­den­ken, nur wenn genug Geld zusam­men­kommt, kann der Sam­pler als „echte” CD pro­du­ziert wer­den. Und je mehr Geld für das Event am 3.10. da ist, desto mehr Bands kön­nen live auf­tre­ten. Also: Spendet!

Ich finde, freie Musik ist eine der bes­ten Mög­lich­kei­ten, der Musik­in­dus­trie ihre eigene Über­flüs­sig­keit zu demons­trie­ren. Anders als bei den hane­bü­che­nen Gema-​Verteilungsschlüsseln steht der Künst­ler hier direkt mit dem Zuhö­rer in Kon­takt. Zudem sind bei Kon­zer­ten oder Auf­trit­ten keine Zah­lun­gen an die Gema fäl­lig, von denen der Künst­ler im Zwei­fels­fall nur einen Bruch­teil wie­der­sieht. Freie Musik und der Free! Music! Con­test sind so Vor­rei­ter eines neuen Umgangs mit Musik und ein wich­ti­ger Bei­trag zur Musik­kul­tur insgesamt.

Für freie Musik ist unter ande­ren Jamendo eine reich­hal­tige und pro­fes­sio­nelle Quelle. Als Bei­spiel bringe ich hier mal die deut­sche Band „por­no­pho­ni­que”, die mit Gesang, Gitarre und (Ach­tung!) Game­boy sehr hörens­werte Tracks pro­du­ziert. Die Jungs sol­len vor allem live ein Erleb­nis sein, hier mal als Appe­ti­zer „Game over” aus dem Album „8-​bit lager­feuer”:

  

Die Musik­pi­ra­ten sind per­so­nell und kon­zep­tio­nell eng mit der Pira­ten­par­tei ver­bun­den. Das Por­tal „musik​.klar​ma​chen​-zum​-aen​dern​.de” lief lange Zeit beim hes­si­schen Lan­des­ver­band der Pira­ten­par­tei und ist mitt­ler­weile auf die Musik­pi­ra­ten über­ge­gan­gen. Sol­che Spin-​Offs sind — denke ich — ein siche­res Zei­chen dafür, wie sich die Ideen der Pira­ten­par­tei immer wei­ter verbreiten.

Cool!

Die Raubkopierer sind mal wieder an allem Schuld: Heise-​Online-​Bericht zum Musikmarkt

Vor­ges­tern brachte Heise eine Geschichte über das Ver­schwin­den der Plat­ten­lä­den. Darin zitiert wird mehr­fach ein gewis­ser Daniel Knöll, der in nicht näher benann­ter Weise mit dem Bun­des­ver­band der Musik­in­dus­trie ver­ban­delt ist.

Herr Knöll ist mal wie­der mit den Platt-​Versionen der übli­chen Musik­in­dus­trie­sprü­che über „Raub­ko­pie­rer” am Start:

  • Warum hat sich der Anteil Plat­ten­lä­den und Co. am Ein­zel­han­del inner­halb von sechs Jah­ren mehr als hal­biert? Ganz klar: „Dafür gibt es Gründe: Einer ist das Unver­ständ­nis der Ver­brau­cher, für Musik zu bezah­len”. Dass es mit Ama­zon, iTu­nes oder Saturn mitt­ler­weile auch große Internet-​Verkaufsportale für Musik gibt — nein, daran wird das sicher nicht liegen.
  • Wieso wird heute drei­mal so lange pro Tag Musik gehört als in den 1990er Jah­ren (45 statt 14 Minu­ten pro Tag)? Ein­fa­che Begrün­dung: „Es wird mehr Musik gehört, aber weni­ger gekauft. Das liegt daran, dass die Musik sehr oft ille­gal aus dem Inter­net bezo­gen wird”. Na klar! Dass die als Daten­strom vor­lie­gende Musik viel ein­fa­cher zu kon­su­mie­ren ist als die an einen Ton­trä­ger gebun­dene, dass MP3-​Spieler, iPods und Musik­han­dys heute ubi­qui­tär und viel leis­tungs­fä­hi­ger als Wei­land die Cassetten-​Walkmans sind — das hat bestimmt über­haupt kei­nen Einfluss.

Zwar beschreibt der Arti­kel durch­aus umfas­send, wie sich der Musik­markt ändert und dass die all­ge­meine Bewe­gung für Musik­auf­zeich­nun­gen weg von phsi­ka­li­schen Ton­trä­gern und hin zum rei­nen „Daten­pa­ket” ver­läuft. Unter­schwel­lig wird aber auch hier wie­der die böse Raub­ko­pier­chi­märe posi­tio­niert: Plat­ten­lä­den ster­ben, weil die Leute sich die Musik kos­ten­los im Inter­net besor­gen. Lei­der ist diese Schluss­fol­ge­rung min­des­tens genauso platt wie die Vinyl­schei­ben — immer­hin wer­den im Arti­kel diverse gesell­schaft­li­che Ände­run­gen beschrie­ben, die die­ses Phä­no­men ver­ur­sa­chen und die samt und son­ders nichts mit der nicht­kom­mer­zi­el­len Wei­ter­gabe von Musik­da­teien zu tun haben: Gene­rell klei­ner wer­dende Zeit­bud­gets der poten­ti­el­len Käu­fer, bes­sere Infor­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten im Inter­net und schlicht die Ver­drän­gung der (ana­lo­gen) Schall­platte vom Mas­sen­markt. Ich erin­nere mich an meine eigene letzte Erin­ne­rung zum Thema Tech­ni­kla­den­ge­schäft — auch sowas treibt die Kun­den aus den Läden und hin zum ver­brau­cher­freund­li­che­ren Internet.

Ste­fan Nig­ge­meier hat gerade erst in einem lesens­wer­ten Bei­trag Die­ter Gorny zer­pflückt. Daniel Knöll gehört mei­nes Erach­tens in die­selbe Kate­go­rie, auch wenn seine Elo­quenz wesent­lich begrenz­ter zu sein scheint. Ich emp­fehle, ein­fach mal häu­fi­ger weder beim Gorny noch beim Knöll noch bei irgend­ei­nem ande­ren Musik­in­dus­triel­a­den vor­bei­zu­schauen, son­dern statt­des­sen bei den­je­ni­gen Künst­lern vor­bei­zu­schauen, die ihre Musik tat­säch­lich kos­ten­los wei­ter­ge­ben wol­len — es lohnt sich! Wo und wie das geht habe ich ja in die­sem Blog bereits geschrie­ben.

Amokläufe

In Baden-​Württemberg hat es einen Amok­lauf gege­ben, dem 16 Men­schen zum Opfer fie­len, dar­un­ter der Amok­läu­fer selbst. So weit, so schlecht. In der Folge ist es aller­dings zu einem wei­te­ren Amok­lauf gekom­men, dem diver­ser deut­scher Medien näm­lich, die auf Grund feh­len­der Neu­ig­kei­ten in eine Art kol­lek­ti­ves Hyper­ven­ti­lie­ren ver­fie­len und über das Thema in einer Weise berich­tet haben müs­sen, die bei einem halb­wegs ver­stän­di­gen Men­schen nur fas­sungs­lo­ses Kopf­schüt­teln auslöst.

Ich schreibe „haben müs­sen”, weil ich mir selbst kein rich­ti­ges Bild gemacht habe. Ich bin kein mili­tan­ter Fern­seh­ver­wei­ge­rer, aber seit Diens­tag abend habe ich das Gerät nicht mehr ange­habt. Auch bei der loka­len Zei­tung hat es in den letz­ten Tagen nur zum Lokal­teil gereicht. Trotz­dem fühle ich mich gut und durch­aus ange­mes­sen infor­miert. Tele­po­lis (1,2,3,4), Heise online, der Blog von Ste­fan Nig­ge­meier (1,2) sowie aus­ge­wählte Arti­kel auf Spie­gel Online rei­chen da völlig.

Und wenn ich im Bild­blog (1,2) und ins­be­son­dere in dem bril­lant geschrie­be­nen Arti­kel im Blog von Hanno Zulla lese, was ich anderswo so ver­passt habe, dann ent­spricht das irgend­wie exakt mei­nen Erwar­tun­gen. Ich denke, ich werde das mit den Infor­ma­ti­ons­quel­len auch in Zukunft so halten.

Nach­trag: Über die Kom­men­tare bin ich auf ein (mitt­ler­weile unter http://​daniel​.mail​-empire​.de/​b​l​o​g​/​2​0​0​9​/​0​3​/​1​4​/​k​r​a​u​t​c​h​a​n​n​e​t​-​b​e​t​r​e​i​b​e​r​-​t​s​a​r​y​u​-​z​u​m​-​a​m​o​k​l​a​u​f​-​v​o​n​-​w​i​n​n​e​n​den nicht mehr ver­füg­ba­res) Inter­view auf nach​ge​b​logt​.de hin­ge­wie­sen wor­den, das die Hin­ter­gründe zu der Falsch­mel­dung von der Internet-​Amoklaufankündigung auf kraut​chan​.net noch­mal näher beleuch­tet. Wie Jour­na­lis­ten oder Ermitt­ler da ernst­haft von „Recher­che” oder „Fah­nungs­er­geb­nis­sen” spre­chen kön­nen, ist mir abso­lut unver­ständ­lich. Immer feste vom Web 2.0 reden, aber im Zwei­fels­falle voll­stän­dige Unfä­hig­keit an den Tag legen — vie­len Dank für diese ein­drucks­volle Demonstration…