Der Nahverkehrs-Adventskalender (12): Hamburg, Jungfernstieg und Blankenese, 1997 – 2010 1


Zum drit­ten Advent gibt’s wie­der einen län­ge­ren Arti­kel und mehr Fotos. Wir schau­en uns heu­te zwei Orte in Ham­burg an.

Außengleis am Jungfernstieg, Juli 1997

Außen­gleis am Jung­fern­stieg, Juli 1997

Ham­burg ist die zweit­größ­te Stadt Deutsch­lands. Rück­grat des öffent­li­chen Per­so­nen­nah­ver­kehrs sind U- und S-Bahn, die – aus vie­len Rich­tun­gen kom­mend – an meh­re­ren Stel­len in der Innen­stadt ver­knüpft sind. Einer die­ser Kno­ten­punk­te ist der Jung­fern­stieg. In den 1960er Jah­ren wur­de hier ein äußerst leis­tungs­fä­hi­ger Schnell­bahn­kno­ten an und unter der Bin­nen­als­ter geschaf­fen. Einer sei­ner Tei­le ist der U-Bahn­hof der U2 zwi­schen den Sta­tio­nen Hauptbahnhof/Nord und Gän­se­markt. Der Bau die­ses Bahn­ho­fes fiel mit­ten Zeit umfang­rei­cher Aus­bau­plä­ne für die U-Bahn und dem­entspre­chend wur­den hier nen­nens­wer­te Vor­leis­tun­gen erbracht.

Auf dem Bild sieht man die äuße­re Bahn­steig­kan­te eines der bei­den Insel­bahn­stei­ge auf dem U2-Bahn­hof unter dem Jung­fern­stieg. Der Gleis­trog ist leer. Hier soll­te den Pla­nun­gen aus den 1960er-Jah­ren zu Fol­ge die U-Bahn­li­nie U4 von Alto­na kom­mend über den Haupt­bahn­hof und Munds­burg zur City Nord ent­lang füh­ren. Mit­te der 1970er Jah­re wur­de der Bau die­ser U-Bahn­li­nie aus finan­zi­el­len Grün­den gestoppt und seit­her nicht mehr auf­ge­nom­men. Ent­spre­chend lie­gen hier auch im Jahr 1997 noch kei­ne Glei­se und es war damals auch nicht abseh­bar, dass sich dar­an jemals etwas ändern wür­de. Man beach­te, dass beim Bau des Bahn­ho­fes an den Glei­sen bereits Zug­ziel­an­zei­ger instal­liert wur­den, die aber nie­mals irgend­et­was sinn­vol­les ange­zeigt haben – wo kein Gleis, da auch kei­ne Bahn.

Außengleis am Jungfernstieg, Oktober 2010

Außen­gleis am Jung­fern­stieg, Okto­ber 2010

Zeit­sprung, 13 Jah­re spä­ter. Im Okto­ber 2010 ist der Gleis­trog gefüllt. Aller­dings nicht für eine U-Bahn in der ursprüng­lich geplan­ten Rela­ti­on. Seit Anfang der 2000er-Jah­re wird in Ham­burg eine Neu­nut­zung der ehe­ma­li­gen stadt­na­hen Hafen­ge­bie­te geplant. Der neue Stadt­teil „Hafen­ci­ty” braucht einen leis­tungs­fä­hi­gen Anschluss an den öffent­li­chen Per­so­nen­ver­kehr, hier­für ist rela­tiv früh die Wahl auf eine U-Bahn­li­nie gefal­len und unter eini­gen Alter­na­ti­ven hat sich schließ­lich eine Anbin­dung über die Tras­se der U2 und eine Aus­fä­de­lung am Jung­fern­stieg durch­ge­setzt.

So wer­den denn ab 2012, wenn die­se eben­falls U4 genann­te Linie in Betrieb geht, am Jung­fern­stieg die U4-Züge von Billstedt kom­mend aus der Tras­se der U2 aus­fä­deln. In einem sehr wei­ten Bogen errei­chen sie nach etwa 2 Kilo­me­tern Stre­cke den ers­ten Bahn­hof in der Hafen­ci­ty. Sie unter­que­ren dabei ohne Halt die süd­li­che Innen­stadt, den Baum­wall und die Elb­phil­har­mo­nie. Das macht die Ver­knüp­fung mit den ande­ren U- und S-Bahn­li­ni­en auf den ers­ten Blick sub­op­ti­mal, aller­dings muss man ande­rer­seits sehen, dass am Jung­fern­stieg sowie den fol­gen­den Bahn­hö­fen Haupt­bahn­hof und Ber­li­ner Tor Ver­knüp­fun­gen zu allen Lini­en bereits bestehen und die Anbin­dung von der Hafen­ci­ty zu den zen­tra­len Punk­ten Ham­burgs durch die­se Tras­sen­füh­rung sehr schnell ist. Alter­na­ti­ve Kon­zep­te hät­ten eine Aus­fä­de­lung der Hafen­ci­ty-U-Bahn aus der U3 zwi­schen Rat­haus und Baum­wall oder aus der U1 am Meß­berg vor­ge­se­hen, die Rea­li­sie­rung über Jung­fern­stieg ermög­licht aber letzt­lich als ein­zi­ge ganz lang­fris­tig die Füh­rung der U4 als eigen­stän­di­ge Linie, indem der Ost­teil der alten Pla­nun­gen zwi­schen Jung­fern­stieg und Sen­gel­mann­stra­ße nörd­lich der City Nord letzt­lich doch noch rea­li­siert wird.

S-Bahnhof Blankenese von Osten gesehen, Juli 1997

S-Bahn­hof Blan­ke­ne­se von Osten gese­hen, Juli 1997

Und nun zu etwas völ­lig ande­rem. Der S-Bahn­hof Blan­ke­ne­se, weit im Wes­ten Ham­burgs gele­gen, an einem Som­mer­tag im Juli 1997. Ganz links ein Zug der Linie S11, der hier in Blan­ke­ne­se endet. Der Bahn­steig in der Mit­te wird von der S1 ange­fah­ren, die hier auf ihrem Weg zwi­schen der Innen­stadt und Wedel west­lich von Ham­burg Kopf macht. Dazu gleich mehr. Rechts sehen wir den damals noch exis­tie­ren­den Güter­be­reich des Bahn­ho­fes, des­sen Glei­se zu die­sem Zeit­punkt aber bereits unge­nutzt sind. Über dem gan­zen liegt eine leicht schläf­ri­ge Idyl­le, die der Lage des Bahn­ho­fes durch­aus ange­mes­sen ist.

S-Bahnhof Blankenese von Osten gesehen, August 2010

S-Bahn­hof Blan­ke­ne­se von Osten gese­hen, August 2010

Auch hier wie­der der Ver­gleich mit der Situa­ti­on im Herbst 2010. Auf dem Foto ste­hen gera­de die S-Bah­nen sowohl Rich­tung Innen­stadt als auch Rich­tung Wedel am Bahn­steig und war­ten auf die Aus­fahrt. Viel inter­es­san­ter im Zusam­men­hang mit die­sem Arti­kel ist aber, was sich rechts der Glei­se abspielt. Der Güter­be­reich ist voll­stän­dig ver­schwun­den, statt­des­sen befin­det sich dort jetzt Wohn­be­bau­ung, so wie es aus­sieht der eher geho­be­nen Sor­te. Wie auch das vor­an­ge­gan­ge­ne Foto ist die­ses Bild von der Fuß­gän­ger­zu­gangs­brü­cke am öst­li­chen Ende der Bahn­stei­ge ent­stan­den. Was man auf dem Foto nicht sieht: Auch die­se Brü­cke wur­de um- bzw. wohl eher neu gebaut.

Bahnhofseinfahrt Blankenese, Juli 1997

Bahn­hofs­ein­fahrt Blan­ke­ne­se, Juli 1997

Wir dre­hen uns um und die Zeit noch­mal zurück. Nun ist links im Bild der Güter­be­reich, des­sen Anbin­dung hier gut zu erken­nen ist: Eine Kreu­zungs­wei­che ver­bin­det die Güter­glei­se mit der Stre­cke. Sie scheint zum Zeit­punkt der Auf­nah­me noch betriebs­fä­hig zu sein. Auch das Aus­fahrt­si­gnal für Güter­zü­ge ganz links exis­tiert, zeigt aber „Halt”. Wie bei allen Haupt­si­gna­len auf dem Bild han­delt es sich um ein Form­si­gnal. Links neben dem Güter­be­reich Gleis 3, eben­falls mit einem Form­haupt- und sogar einem Form­ran­gier­si­gnal – wohl für Ran­gier­fahr­ten in den Güter­be­reich. Im Hin­ter­grund ist nach links weg­ge­hend der Stre­cken­ast nach Wedel zu sehen. Nach rechts füh­ren die Glei­se nach Ham­burg-Alto­na (und wei­ter in die Innen­stadt), die S-Bahn auf dem Weg dort­hin ver­lässt gera­de Gleis 2. Ganz rechts liegt Gleis 1, zum Zeit­punkt der Auf­nah­me gera­de ohne Zug und als ein­zi­ges der Glei­se nur in Rich­tung Ham­burg ange­bun­den und nicht in Rich­tung Wedel.

Bahnhofseinfahrt Blankenese, August 2010

Bahn­hofs­ein­fahrt Blan­ke­ne­se, August 2010

Ein letz­ter Zeit­sprung. Sel­be Stel­le (na gut, fast), ande­re Zeit. Es ist wie­der August 2010 und ich fin­de es erstaun­lich, wie wenig sich gera­de an die­ser Stel­le seit 1997 geän­dert hat. Gut – ganz links kann man noch den Platz für das alte Güter­an­schluss­gleis sehen, man beach­te ins­be­son­de­re die Stütz­mau­er, die das leicht hüge­li­ge Gelän­de von der Gleis­tras­se trennt und die genau­so schon 1997 gestan­den hat. Ansons­ten gibt es aber kei­ne sub­stan­zi­el­len Ände­run­gen: Nach links die Stre­cke nach Wedel, nach rechts die Ste­cke in die Innen­stadt. Dort­hin ist auch die S11 unter­wegs, die gera­de aus Gleis 1 aus­fährt. Das Wei­chen­vor­feld des Bahn­ho­fes hat sich gegen­über 1997 nicht geän­dert: Noch immer sind es die Glei­se 2 und 3, die von Wedel und der Innen­stadt aus erreich­bar sind, wäh­rend Gleis 1 über sepa­ra­te Wei­chen nur von der City aus ange­fah­ren wer­den kann. Dabei erlaubt der Auf­bau der Wei­chen­stra­ße eine recht fle­xi­ble Betriebs­füh­rung: Wenn ein Zug aus Ham­burg kom­mend auf Gleis 1 ein­fährt, kann gleich­zei­tig von Gleis 2 oder 3 von oder nach Wedel gefah­ren wer­den. Eine Aus­fahrt aus Gleis 1 in Rich­tung Innen­stadt kommt kei­ner ande­ren Fahr­stra­ße in die Glei­se 2 oder 3 in die Que­re. Und die durch­fah­ren­den Züge Ham­burg-Wedel kön­nen je nach indi­vi­du­el­ler Abwei­chung vom Fahr­plan ent­we­der vor oder nach dem Halt in Blan­ke­ne­se kreu­zen.

Es sind die Klei­nig­kei­ten, die sich seit 1997 geän­dert haben: Das Ran­gier­si­gnal auf Gleis 3 ist weg. Dafür haben alle Signa­le drei­ecki­ge Zusatz-Licht­si­gna­le bekom­men. Auch die Schwel­len und damit wohl die gesam­ten Glei­se wur­den seit 1997 offen­sicht­lich aus­ge­tauscht. Trotz­dem ist man grund­sätz­lich bei den alten Form­si­gna­len an die­ser Stel­le geblie­ben, eine ange­sichts der vie­len sons­ti­gen Ände­run­gen bemer­kens­wer­te Kon­ti­nui­tät.

Die Fotos aus dem Jahr 1997 sind im Rah­men eines Tages­be­su­ches in Ham­burg ent­stan­den. Nach erfolg­reich über die Büh­ne gebrach­ten münd­li­chen Diplom­prü­fun­gen bin ich mit einem Freund dort einen Tag lang über das S- und U-Bahn­netz gefah­ren. Sei­ner­zeit hat­te ich ansons­ten nur wenig mit Ham­burg zu tun. Mitt­ler­wei­le hat sich das geän­dert und die Fotos aus dem Jahr 2010 stam­men von Wochen­end­be­su­chen, die ich – stun­den­wei­se – eben­falls für mein Hob­by nut­ze. Im Nach­hin­ein liegt der Juli 1997 in einem kur­zen Zeit­fens­ter, indem in Blan­ke­ne­se der gera­de end­gül­tig außer Dienst gestell­te Güter­be­reich noch nicht abge­baut war, gleich­zei­tig aber die heu­te domi­nie­ren­de S-Bahn­bau­rei­he 474 noch nicht exis­tier­te: Der ers­te Zug kam ziem­lich genau einen Monat spä­ter in Ham­burg an.

Auch am Fotoe­quip­ment sind die 13 Jah­re nicht spur­los vor­bei­ge­gan­gen: 1997 habe ich mit einer che­mi­schen („ana­lo­gen”) Klein­bild-Kom­pakt­ka­me­ra „gear­bei­tet”, deren Bil­der hier mit einem Flach­bett­scan­ner in den Com­pu­ter gelangt sind. Mitt­ler­wei­le sorgt eine digi­ta­le Spie­gel­re­flex­ka­me­ra für eine wesent­lich bes­se­re Qua­li­tät. So ändern sich die Zei­ten.


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