Der Nahverkehrs-Adventskalender (5): Hannover 2004 – 2006 1


Auf unse­rer advent­li­chen Rund­rei­se durch den Nah­ver­kehr machen wir heu­te Sta­ti­on in mei­ner Hei­mat­stadt Han­no­ver. Und weil Sonn­tag ist, gibt’s heu­te mal mehr als ein Foto und eine Geschich­te, die sich über zwei­ein­halb Jah­re spannt.

Eisenbahnbrücke Ricklinger Stadtweg im Januar 2004

Eisen­bahn­brü­cke Rick­lin­ger Stadt­weg im Janu­ar 2004

Auf dem Foto sehen wir den Rick­lin­ger Stadt­weg am nörd­li­chen Ende an der Gren­ze des Stadt­tei­les Rick­lin­gen. Es ist sozu­sa­gen ein Bild mei­ner Kind­heit und Jugend: Ich bin ich Rick­lin­gen auf­ge­wach­sen und bin unter die­ser Brü­cke etli­che Tau­send Male mit allen mög­li­chen Ver­kehrs­mit­teln auf dem Weg in die Innen­stadt, zur Schu­le oder zu Freun­den her­ge­fah­ren. Hier kreuzt die Eisen­bahn­stre­cke Han­no­ver-Alten­be­ken sowie die Güter­um­ge­hungs­bahn die Stra­ße auf einer gemein­sa­men Brü­cke. Unten ver­läuft die Stadt­bahn­stre­cke Rich­tung Wett­ber­gen. Im Jahr 2004 steht hier noch eine Brü­cke aus den 1920er Jah­ren, die zwei Nach­tei­le hat: Zum einen ist die Spann­brei­te viel zu klein für den heu­te wesent­lich brei­te­ren Rick­lin­ger Stadt­weg: Bahn und Autos müs­sen sich die Fahr­bahn tei­len und für die Fuß­gän­ger bleibt nur ein sehr schma­ler Strei­fen. Zum ande­ren erlaubt das Bau­werk kei­ne Ver­knüp­fung der Bahn­stre­cke oben mit der Stadt­bahn unten. Und das ist vor allem des­halb scha­de, weil hier mitt­ler­wei­le eine moder­ne S-Bahn in die süd­west­li­chen Stadt­tei­le, das Nah­erho­lungs­ge­biet Deis­ter, nach Hameln und sogar bis nach Pader­born fährt. Die­se böte sich außer­or­dent­lich gut an, mit der Stadt­bahn ver­knüpft zu wer­den. His­to­risch bedingt liegt der dazu nöti­ge Bahn­hof aber lei­der ein gan­zes Stück abseits (und war­um das so ist, dar­über lie­ße sich eine ganz eige­ne Arti­kel­se­rie schrei­ben…). Die Situa­ti­on schreit also nach Ver­än­de­rung – und genau das pas­siert.

In den fol­gen­den zwei­ein­halb Jah­ren wird an der hier abge­bil­de­ten Über­füh­rung der moder­ne Ver­knüp­fungs­bahn­hof „Han­no­ver-Lin­den/­Fi­scher­hof” von S-Bahn und Stadt­bahn errich­tet: Die gesam­te Brü­cke wird dafür völ­lig neu gebaut. Oben ist auf dem neu­en Bau­werk der S-Bahn­steig, unten direkt unter der Brü­cke ein brei­ter Stadt­bahn­steig. Bei­de sind über Trep­pe und Fahr­stuhl direkt mit­ein­an­der ver­bun­den.

Bauarbeiten am Ricklinger Stadtweg im August 2005

Bau­ar­bei­ten am Rick­lin­ger Stadt­weg im August 2005

Beson­ders nach­hal­tig hat sich die­ser Bereich dadurch ver­än­dert, dass die neue Brü­cke viel brei­ter als die alte ist. Stell­ver­tre­tend für die zwei­ein­halb­jäh­ri­ge Bau­pha­se sei hier ein Foto vom August 2005 gezeigt. An die­sem Wochen­en­de wur­de die wohl spek­ta­ku­lärs­te Ein­zel­bau­maß­nah­me durch­ge­führt: Die alte, zuletzt bereits arg gerupf­te, Brü­cke wur­de voll­stän­dig ent­fernt und die neue Brü­cke an ihre Stel­le gescho­ben. Auf dem Bild steht dies kurz bevor. Gera­de wer­den noch die alten Brü­cken­wi­der­la­ger mit dem gro­ßen Bohr­ham­mer ent­fernt. Man sieht sehr schön, dass das neue Brü­cken­wi­der­la­ger wesent­lich wei­ter außen liegt. Auf der ande­ren Sei­te der Brü­cke ist die Situa­ti­on ähn­lich.

Auf dem Bild fährt gera­de eine S-Bahn ent­lang, obwohl die Bau­ar­bei­ten an der frisch ein­ge­scho­be­nen Brü­cke noch gar nicht abge­schlos­sen sind. Das liegt dar­an, dass die neue Über­füh­rung über den Rick­lin­ger Stadt­weg eigent­lich aus zwei Brü­cken besteht: Das nörd­li­che S-Bahn­gleis kommt wegen des neu­en Bahn­stei­ges deut­lich wei­ter außen zu lie­gen. Für die­ses Gleis konn­te des­halb in einem frü­he­ren Bau­ab­schnitt die neue end­gül­ti­ge Brü­cke bereits sepa­rat errich­tet wer­den. Wäh­rend dann die alte Brü­cke durch ihren Nach­fol­ger ersetzt wur­de, war es mög­lich, über die­ses vier­te Gleis die bei­den Eisen­bahn­stre­cken wei­ter zu betrei­ben – zwar mit erheb­lich ver­rin­ger­ter Kapa­zi­tät, aber immer­hin. Die­ser „Trick” wur­de wäh­rend der Bau­ar­bei­ten häu­fi­ger ange­wen­det. Der Rick­lin­ger Stadt­weg war wäh­rend der Bau­ar­bei­ten an die­ser Stel­le Ein­bahn­stra­ße Rich­tung Nor­den und an meh­re­ren Wochen­en­den voll für Autos und die Stadt­bahn gesperrt. Das Wochen­en­de der Brü­cken­ver­schie­bung war jedoch die ein­zi­ge zwei­tä­gi­ge Kom­plettsper­rung auch für Fuß­gän­ger und Rad­fah­rer. Ein meh­re­re hun­dert Meter lan­ger Umweg über die Stam­me­stra­ße war aber aus­ge­schil­dert. Dort ver­kehr­te auch der Schie­nen­er­satz­ver­kehr.

Eisenbahnbrücke Ricklinger Stadtweg im Mai 2006

Eisen­bahn­brü­cke Rick­lin­ger Stadt­weg im Mai 2006

Ein Drei­vier­tel­jahr spä­ter sind die Bau­ar­bei­ten abge­schlos­sen. Auf die­sem Bild, das an etwa der glei­chen Stel­le wie das ers­te Bild auf­ge­nom­men wur­de, sieht man die kom­plet­te neue Brü­cke mit dem Mit­tel­hoch­bahn­steig für die Stadt­bahn und einem gera­de aus Rich­tung Haupt­bahn­hof ein­fah­ren­den S-Bahn­zug. Die S-Bahn hat durch die neue Posi­ti­on des Bahn­ho­fes enorm gewon­nen, da sie sich jetzt mit­ten in der umlie­gen­den Bebau­ung befin­det – und nicht mehr abseits. Und die Stadt­bahn hält nun nicht nur einen Hoch­bahn­steig; dadurch, dass die zwei bis­he­ri­gen Hal­te­stel­len jeweils 100 Meter vor und nach der Brü­cke zu einer Hal­te­stel­le zusam­men­ge­legt wur­den, ver­kürzt sich auch die Fahr­zeit auf der Linie. Der neue Bahn­hof ist nicht ganz zufäl­lig im Mai 2006 in Betrieb gegan­gen: Er liegt fuß­läu­fig zum Han­no­ver­schen Fuß­ball­sta­di­on, in dem einen hal­ben Monat spä­ter eini­ge Spie­le der Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft statt­fan­den.

Mit Inbe­trieb­nah­me der neu­en Sta­ti­on an die­ser Stel­le sind auch die sil­ber­nen TW2000-Stadt­bahn­wa­gen erst­mals auf die Stadt­bahn­tras­se A in Han­no­ver im Plan­be­trieb gekom­men. Heu­te kön­nen zwei der drei hier ver­keh­ren­den Lini­en mit die­sen moder­nen Zügen, teil­wei­se in 75 Meter lan­ger Drei­fach­trak­ti­on, gefah­ren wer­den. In den nächs­ten fünf bis zehn Jah­ren wird aller Vor­aus­sicht nach ein Stadt­bahn­zweig nach Hem­min­gen und Arnum wei­ter süd­lich von die­ser Stre­cke abzwei­gen und damit die Bedeu­tung des Bahn­ho­fes „Linden/Fischerhof” als Umstei­ge­kno­ten im süd­west­li­chen Han­no­ver wei­ter stei­gern.

Ähn­li­che Situa­tio­nen gibt es in Han­no­ver auch an der Hil­des­hei­mer Stra­ße im nörd­li­chen Döh­ren und am Braun­schwei­ger Platz. Im Gegen­satz zu Lin­den wur­den die dor­ti­gen Stra­ßen­über­füh­run­gen aber noch nicht umge­baut und mit S-Bahn­hal­te­punk­ten ver­se­hen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ein Gedanke zu “Der Nahverkehrs-Adventskalender (5): Hannover 2004 – 2006

  • Gehrmann

    Dan­ke, Dirk,

    für die­sen schö­nen Bericht! Nun, im enge­ren Bereich die­ser Brü­cke spiel­te sich auch mei­ne Jugend zwi­schen 1964 und 1980 ab. In Sicht­wei­te der Unter­füh­rung gab es damals noch die Stadt­teil­bi­blio­thek, die ich Nach­mit­tag für Nach­mit­tag fre­quen­tier­te, denn damals galt bür­ger­na­he Bil­dung noch etwas!

    Nach Döh­ren „aus­ge­wan­dert”, wür­de ich mich über eine Umstei­ge­an­la­ge Stadtbahn/ S-Bahn sehr freu­en; aller­dings dürf­ten noch geschätz­te 10 Jah­re ins Land gehen..;)

    Und wenn die ÜSTRA irgend­wann merkt, dass Kun­den­zu­frie­den­heit nicht erzwun­gen wer­den kann, und sich den zah­len­den Mit­fah­rern freund­lich zuwen­den wür­de, viel­leicht sogar mit Fahr­kar­ten­au­to­ma­ten in der Bahn selbst, dann könn­te ich von einem gelun­ge­nen, gesamt­heit­li­chen Stra­ßen­bahn­fahr­be­trieb spre­chen. So sind Stre­cken, Bah­nen und Tech­nik bes­ser in Schuß als der Anbie­ter, der sel­bi­gen oft nicht gehört zu haben scheint..)

    Fro­hen 2. Advent, son­ni­ge Grü­ße, Bern­hard Gehr­mann