Archiv für die 'Interessante Verkehrsbauwerke' Kategorie

Der Nahverkehrs-​Adventskalender (19): Berlin, Gesundbrunnen, 1994 – 2006

So lang­sam nähert sich die Advents­zeit ihrem Ende. Am heu­ti­gen vier­ten Advent gibt es noch­mal ein Spe­cial in mei­nem Bil­der­ka­len­der: Es geht nach Ber­lin und auf Zeit­reise am Bahn­hof Gesund­brun­nen.

Der Bahn­hof Gesund­brun­nen liegt im gleich­na­mi­gen Bezirk zwi­schen Wed­ding und Prenz­lauer Berg an der Schnitt­stelle der Bahn­stre­cken ins nörd­li­che Ber­li­ner Umland und der Ring­bahn. Die Zusam­men­fas­sung der Stre­cken an die­ser Stelle fand bereits Ende des 19. Jahr­hun­derts statt, durch die grenz­nahe Lage und den Nie­der­gang der S-​Bahn in West-​Berlin war der Bahn­hof Anfang der 1990er Jahre aber äußerst reduziert.

Bahnhof Berlin Gesundbrunnen, März 1995

Bahn­hof Ber­lin Gesund­brun­nen, März 1995

Auf dem Foto aus dem Jahr 1995 sieht man den Bahn­steig­be­reich des „alten” Gesundbrunnen-​Bahnhofes. Er besteht zu die­sem Zeit­punkt nur noch aus einem ein­zi­gen S-​Bahnsteig längs der Nord-​Süd-​S-​Bahn. Sowohl der Bahn­steig als auch der Trep­pen­auf­gang in typi­scher Ber­li­ner „Gewächs­haus­ar­chi­tek­tur” sind noch weit­ge­hend Ori­gi­nal­bau­sub­stanz. Auf der Brach­flä­che im Bild­vor­der­grund befan­den sich die bei­den übri­gen Bahn­steige des Bahn­ho­fes, und zwar direkt neben dem S-​Bahnsteig ein Fern­bahn­steig zum Stet­ti­ner Bahn­hof — die Bahn­gleise lagen par­al­lel zur S-​Bahn Rich­tung Hum­boldthain — und dann der S-​Bahnsteig an der Ring­bahn. Dane­ben lagen dann noch die Fern– bzw. Güter­bahn­gleise längs der Ringbahn.

Die Bahn­stei­grei­hen­folge erklärt sich aus der Ent­ste­hungs­ge­schichte des Bahn­ho­fes: Zunächst lag hier nur die Ring­bahn, die Gleise der Stet­ti­ner Bahn wur­den erst spä­ter hier­hin ver­legt, ursprüng­lich ver­lie­fen sie längs der Grün­ta­ler Straße. Bei die­ser Umver­le­gung blie­ben die Gleise der Ring­bahn an Ort und Stelle, sodass der Umstei­ge­ver­kehr zwi­schen den S-​Bahnstrecken immer über die Dis­tanz zweier Bahn­steige erfol­gen musste. Das zeigt, dass man schon vor 100 Jah­ren im Zwei­fels­fall Bahn­bau­ten eher güns­tig als fahr­gast­freund­lich realisierte.

Der Stet­ti­ner Fern­bahn­hof wurde bereits kurz nach 1950 still­ge­legt, die Fern­bahn am Ring wohl im Wesent­li­chen zum Mau­er­bau 1961. Die Ring-​S-​Bahn wurde noch bis 1980 betrie­ben, aller­dings endete sie seit 1961 aus Wes­ten kom­mend hier. Ab 1980 war dann der hier zu sehende S-​Bahnsteig der letzte betrie­bene Teil des Bahn­ho­fes. Als ich im März 1989 zum ers­ten Mal in Ber­lin war, exis­tierte der alte Ring-​S-​Bahnsteig noch, war aber nicht mehr zugänglich.

Im Bild­hin­ter­grund ist die alte Bebau­ung des Are­als unmit­tel­bar nörd­lich des Bahn­ho­fes zu sehen. Hier befan­den sich vor allem Klein­be­triebe und Klein­gär­ten. Auch der (ein­zige) Bahn­hofs­aus­gang endete dort und nicht wie heute an der Bad­straße, sodass das Umstei­gen zwi­schen S– und U-​Bahn eben­falls mit rela­tiv wei­ten Wegen ver­bun­den war. Der unter­ir­di­sche Ver­bin­dungs­gang war zu dem Zeit­punkt schon lange wegen Bau­fäl­lig­keit gesperrt.

Bahnhof Berlin Gesundbrunnen, November 2001

Bahn­hof Ber­lin Gesund­brun­nen, Novem­ber 2001

Zeit­wech­sel. Die­ses Foto ent­stand etwa an der­sel­ben Stelle sechs­ein­halb Jahre Spä­ter. Im Hin­ter­grund steht mitt­ler­weile das Ein­kaufs­zen­trum „Gesundbrunnen-​Center”. Direkt davor befin­den sich die bei­den neuen S-​Bahnsteige, an denen Ring– und Vorort-​S-​Bahn künf­tig gemein­sam im Rich­tungs­be­trieb hal­ten wer­den. Und im Vor­der­grund des Bil­des sind die Roh­bau­ten der neuen Fern­bahn­an­la­gen zu sehen.

2001 war einer der letz­ten Zeit­punkte, die­sen Bereich noch­mal aus die­ser Per­spek­tive zu foto­gra­fie­ren. Heute geht der Bahn­hofs­be­reich direkt in die Bad­stra­ßen­brü­cke über, sodass man hier heute nicht mehr am Brü­cken­ge­län­der, son­dern mit­ten auf dem Bahn­hofs­vor­platz steht. Wobei die­ser „Vor­platz” auch gleich der Bahn­hof ist, weil man aus ver­schie­de­nen Grün­den auf die Errich­tung eines Emp­fangs­ge­bäu­des ver­zich­tet hat. So ent­steht die para­doxe Situa­tion, dass die ein­zi­gen wet­ter­ge­schütz­ten Mög­lich­kei­ten zum Bahn­steig­wech­sel ent­we­der der unter­ir­di­sche Ver­bin­dungs­gang oder die Gale­rie im hin­te­ren Bild­be­reich ist: Dort wurde auch ein neuer Zugang aus Rich­tung Osten für den Bahn­hof angelegt.

Nordring nach Wedding von der Badstraße aus gesehen, 1994

Nord­ring nach Wed­ding von der Bad­straße aus gese­hen, 1994

Wir wech­seln jetzt auf die andere Seite der Bad­stra­ßen­brü­cke und dabei gleich­zei­tig zurück in das Jahr 1994. Wir sehen die west­li­che Bahn­hofs­ein­fahrt nach Gesund­brun­nen. Links im Bild ist der bewal­dete Hang des Hum­boldthains zu sehen. Dane­ben führt ein wohl nicht mehr betrie­be­nes Güter­gleis in Rich­tung des alten Stet­ti­ner Fern­bahn­ho­fes, von dem heute nur noch der unter­ir­di­sche S-​Bahnteil als „Nord­bahn­hof” in Betrieb ist.

Das Gleis führt vor­bei an einem mar­kan­ten Zie­gel­stein­bau im Bild­hin­ter­grund. Dies ist das erste „Unter­werk” für die elek­trisch betrie­bene Ber­li­ner S-​Bahn gewe­sen und inso­fern von einer gewis­sen bau­his­to­ri­schen Bedeu­tung. Des­halb fin­det man es auch noch bis heute an genau die­ser Stelle.

Neben dem ver­mu­te­ten Güter­gleis, von dem meh­rere blinde Wei­chen abge­hen, führt schnur­ge­rade ein wei­te­res Gleis durchs Bild. Und nicht nur das: Es ist sogar augen­schein­lich noch betrie­ben, jeden­falls sind die Pro­file nicht ange­ros­tet. Die­ses Gleis liegt auf der Fern­bahn­trasse der Ring­bahn und es führte in der Tat noch bis 1994 über den Nord­ring zum his­to­ri­schen „Nord­bahn­hof”, dem ursprüng­li­chen End­bahn­hof der Stre­cke nach Stral­sund vom Ende des 19. Jahr­hun­derts, des­sen Gelände zwi­schen Graun– und Schwed­ter Straße bis zur Ber­nauer Straße reichte. Zu Zei­ten der Tei­lung Ber­lins fuh­ren hier regel­mä­ßig Züge der fran­zö­si­schen Besat­zungs­macht gen Wes­ten. 1994 war ich zum ers­ten Mal in Sachen „Bahn” in Ber­lin unter­wegs und ich kann mich erin­nern, dass sowohl ich als auch die bei­den Kom­mi­li­to­nen, mit denen ich unter­wegs war, sehr erstaunt über die Exis­tenz die­ses Glei­ses waren. Auf dem 1995er-​Foto vom Anfang die­ses Arti­kels ist das Gleis bereits verschwunden.

Im Bild­hin­ter­grund kann man noch die alten Brü­cken sehen, mit denen die Ring­bahn die Tras­sen zum Stet­ti­ner Bahn­hof über­querte. Auf den bei­den rech­ten Brü­cken lagen frü­her die S-​Bahngleise längs des Rin­ges. Diese sind 1994 bereits voll­stän­dig abge­baut und es wird noch fast ein Jahr­zehnt ver­ge­hen, bis auf die­ser Rela­tion wie­der Züge fahren.

Rechts außen im Bild sieht man die S-​Bahn Rich­tung Hum­boldthain und Nord­bahn­hof. Links dane­ben, von der Böschung der Ring­bahn etwas ver­deckt, kann man auch noch die Fern­bahn­trasse zum Stet­ti­ner Bahn­hof erah­nen, die aber zum Zeit­punkt die­ser Auf­nahme bereits seit lan­ger Zeit nicht mehr genutzt wird und gleis­los ist.

1994 war das Pilz­kon­zept zur Ent­wick­lung der Ber­li­ner Eisen­bahn­an­la­gen bereits seit zwei Jah­ren beschlos­sen und die neue Rolle des Bahn­ho­fes Gesund­brun­nen somit fest­ge­legt. Die Bau­tä­tig­keit auf dem Bahn­hofs­ge­lände setzte aber erst gegen 1997 wirk­lich ein. Inso­fern zeigt die­ses Bild zwar einen hoch­gra­dig his­to­ri­schen Zustand, der letzt­lich aber nur eine Überg­angs­si­tua­tion war.

Nordring nach Wedding von der Badstraße aus gesehen, 2006

Nord­ring nach Wed­ding von der Bad­straße aus gese­hen, 2006

Zwölf Jahre spä­ter. Am 27. Mai 2006 geht der neue Bahn­hof Gesund­brun­nen in Betrieb und die­ses Bild zeigt, wie die­selbe Stelle zu jenem Zeit­punkt aus­sah. Der Bahn­hof hat wie­der einen umfang­rei­chen Fern­bahn­be­reich, der aller­dings im Wes­ten nur noch auf die Ring­bahn führt. Der Stet­ti­ner bzw. Nord­bahn­hof wurde nicht wie­der auf­ge­baut, statt­des­sen gibt es jetzt einige hun­dert Meter wei­ter west­lich eine Zufahrt in den eben­falls an die­sem Tag eröff­ne­ten Tier­gar­ten­tun­nel für die unter­ir­di­sche Nord-​Süd-​Fernbahntrasse. Das Gleis links des Regio­nal­zu­ges dürfte etwa an der­sel­ben Stelle wie das „Fran­zo­sen­gleis” auf dem Foto von 1994 lie­gen. Im Hin­ter­grund sieht man auch immer noch den alten Brademann’schen Umspann­werk­bau, mitt­ler­weile viel­fach mit Graf­fiti versehen.

Die Über­wer­fung zwi­schen Ring– und Nord-​Süd-​S-​Bahn ist nicht mehr mit­tels einer Brü­cke gelöst. Statt­des­sen lau­fen die S-​Bahngleise jetzt in zwei ein­zel­nen Tun­neln unter dem Rest des Gleis­fel­des her. Die Gleise der Ring-​S-​Bahn wer­den im neuen Bahn­hof zwi­schen den Glei­sen der Nord-​Süd-​S-​Bahn geführt, was die Umstei­ge­si­tua­tion gegen­über dem his­to­ri­schen Bau­werk erheb­lich verbessert.

Gesund­brun­nen ist heute wie­der ein wich­ti­ger Fern­bahn­hof im Ber­li­ner Stadt­ge­biet. Sämt­li­che Züge nach Nor­den hal­ten hier als letz­tem Bahn­hof vor bzw. ers­tem Bahn­hof nach dem Haupt­bahn­hof. Im Wes­ten sind die Zulauf­stre­cken längs des Rin­ges und zum Haupt­bahn­hof seit der Eröff­nung fer­tig, auf der ande­ren Seite klaf­fen aber auch heute noch Lücken ver­glei­chen mit dem geplan­ten End­zu­stand. So ist bis heute die Direkt­ver­bin­dung zwi­schen Born­hol­mer Straße und Bir­ken­wer­der („Nord­bahn”) nicht wie­der auf­ge­baut, sodass die Fern­züge nach Ros­tock den Umweg über Karo­wer Kreuz und Außen­ring neh­men müs­sen. Auch im Bereich des Ost­kreu­zes gibt es noch Lücken, die im Rah­men des Neu­baus des dor­ti­gen Bahn­ho­fes (mit dem man wohl inhalt­lich allein einen Advents­ka­len­der bestrei­ten könnte…) geschlos­sen wer­den. Ins­ge­samt wirkt der Bahn­hof Gesund­brun­nen gerade im Fern­bahn­be­reich an eini­gen Stel­len etwas über­di­men­sio­niert. Anders herum heißt das aber auch, dass für eine Ver­kehrs­zu­nahme noch genü­gend Luft nach oben ist. Und das ist für einen gerade vier Jahre alten Neu­bau ja nie ganz verkehrt.

Der Nahverkehrs-​Adventskalender (8): Nürnberg, Muggenhof, 1997

U-Bahn Station Nürnberg/Muggenhof

U-​Bahn Sta­tion Nürnberg/​Muggenhof

Nürn­berg Mug­gen­hof ist ein Para­de­bei­spiel für fahr­gast­freund­li­ches Sta­ti­ons­de­sign. ;-) Klei­ner Scherz. Aber Ende der 1960er Jahre fand man sowas wohl tat­säch­lich nut­zer­freund­lich: Um auf den Bahn­steig der Sta­tion am Bahn­via­dukt zu gelan­gen, muss man hier erst unter die Straße ver­schwin­den in so eine Art Ver­tei­le­re­bene, von der aus es dann nach oben geht. Die Voll­aus­stat­tung mit Trüb­glas sowohl der Auf­gänge als auch des Bahn­steigs tut ihr übri­ges, dass man auf dem Bahn­steig nur in Gren­zen zwi­schen „ober­ir­disch” und „unter­ir­disch” unter­schei­den kann. Ledig­lich der Anfang der 1980er Jahre ein­ge­baute Fahr­stuhl (auf dem Foto rela­tiv weit vorne an der Sta­tion) führt direkt auf die Straßenebene.

Die Sta­tion liegt auf der Stre­cke zwi­schen Nürn­berg und Fürth, etwa auf der Trasse der ers­ten Eisen­bahn­stre­cke Deutsch­lands. Sie wurde in die­ser Form Ende der 1960er Jahre gebaut und danach 10 Jahre in einer Art Vor­lauf­be­trieb von der Stra­ßen­bahn genutzt. Dann erst erfolgte der Umbau zur U-​Bahnstation. Seit­her fährt hier die U1 aus dem Süd­wes­ten Nürn­bergs kom­mend und Fürth mitt­ler­weile voll­stän­dig durch­que­rend. Der Stra­ßen­bahn hat die Sta­tion ihre Außen­bahn­steige zu ver­dan­ken — in Nürn­berg wer­den ansons­ten kon­se­quent Mit­tel­bahn­steige in den Sta­tio­nen gebaut. Zumin­dest damals konnte man in der Sta­tion auch noch die Auf­hän­gun­gen der Stra­ßen­bah­nober­lei­tun­gen erken­nen — die U-​Bahn fährt mit einer Stromschiene.

Mug­gen­hof wurde seit der Auf­nahme die­ses Fotos min­des­tens ein­mal umge­stal­tet. Die höchst merk­wür­dige Zugangs­si­tua­tion blieb dabei aller­dings erhal­ten. Sie ist in die­ser Form mei­nes Wis­sens ein­ma­lig in Deutsch­land, ledig­lich im Köl­ner Nor­den an der Neus­ser Straße gibt es eine ähnli­che Kon­struk­tion, bei der die Hoch­bahn am Gür­tel aller­dings die tat­säch­lich unter­ir­di­sche Stre­cke nach Mer­ke­nich und Chor­wei­ler kreuzt und sich beide die Ver­tei­le­re­bene tei­len. Beide stam­men aus einer Zeit, als die Ver­kehrs­pla­nung teil­weise deut­lich ande­ren Prin­zi­pien folgte als heute. Das ganze Nürn­ber­ger U-​Bahnnetz würde heute sicher nicht mehr so gebaut wer­den — mit nur 500.000 Ein­woh­nern ist Nürn­berg eigent­lich deut­lich zu klein für eine Voll-​U-​Bahn und andere gleich­große Städte wie Han­no­ver, Leip­zig und Dres­den oder sogar erheb­lich grö­ßere Städte wie Köln, Stutt­gart und Frank­furt kom­men prima mit Stadt– oder sogar rei­nen Stra­ßen­bahn­net­zen aus.

Der Nahverkehrs-​Adventskalender (6): Ludwigshafen 1996

Ludwigshafen Rathaus 1996, obere Bahnsteigebene

Lud­wigs­ha­fen Rat­haus 1996, obere Bahnsteigebene

Unser heu­ti­ges Nah­ver­kehrs­foto ist mal wie­der aus älte­rer Zeit. Und es ist ein Doku­ment des Schei­terns. Wir befin­den uns in Lud­wigs­ha­fen, der Schwes­ter­stadt zu Mann­heim auf der ande­ren Rhein­seite. Beide Städte betrei­ben ein betrieb­lich ein­heit­li­ches Stra­ßen­bahn­netz in Meter­spur. Und in den 1960er Jah­ren gab es für die­ses Netz — ähnlich wie vor eini­gen Tagen schon in Essen gese­hen — Pla­nun­gen für eine Umrüs­tung auf eine nor­mal­spu­rige Stadt­bahn mit Hoch­flur­fahr­zeu­gen und hohem Anteil kreu­zungs­freier Wegführung.

Mit der BASF als Ein­nah­me­quelle war Lud­wigs­ha­fen gut gerüs­tet und fing mit dem „Umbau” des Stra­ßen­bahn­net­zes an. Ins Zen­trum der Stadt wurde das Rat­haus mit ange­schlos­se­nem Ein­kaufs­zen­trum gesetzt und dar­un­ter eine Hal­te­stelle mit nicht weni­ger als sechs Glei­sen. „Lud­wigs­ha­fen Rat­haus” sollte drei der avi­sier­ten fünf Stadt­bahn­stre­cken ver­knüp­fen. Auf der obe­ren Ebene sollte es zwei Mit­tel­bahn­steige im Rich­tungs­be­trieb geben, unten quer dazu zwei wei­tere Gleise mit Sei­ten­bahn­stei­gen. Auf dem Bild sind die bei­den mitt­le­ren Gleise der obe­ren Ebene und eine Treppen-​/​Rolltreppenanlagen nach unten zu sehen.

Die hoch­flie­gen­den Umbau­pläne für das Mannheim-​/​Ludwigshafener Netz wur­den nie rea­li­siert. Anders als der Esse­ner Por­sche­platz ist Lud­wigs­ha­fen Rat­haus aber nicht nur ein Torso geblie­ben, die Sta­tion konnte nie auch nur ansatz­weise voll­stän­dig genutzt wer­den und ist heute in Tei­len schon wie­der geschlossen.

Die Pro­bleme begin­nen damit, dass in Lud­wigs­ha­fen Ein­rich­tungs­fahr­zeuge auf der Stra­ßen­bahn ver­keh­ren. Somit kön­nen die bei­den (im Bild nicht zu sehen­den) Außen­gleise der obe­ren Ebene gar nicht ange­fah­ren wer­den — die Türen der Fahr­zeuge sind dafür auf der fal­schen Seite. Dann endet die unter­ir­di­sche Trasse unmit­tel­bar hin­ter der Sta­tion und die ange­schlos­sene Stra­ßen­bahn­stre­cke ver­läuft nicht in der Achse des geplan­ten Tun­nels, son­dern eine Par­al­lel­straße wei­ter, sodass eine enge S-​Kurve für die Ver­bin­dung nötig ist. Den Beginn der Kurve sieht man noch vorne im Foto. Schließ­lich fal­len noch kleine Unge­reimt­hei­ten auf: Wie am Esse­ner Por­sche­platz enden die von oben kom­men­den Zugangs­roll­trep­pen auf der Höhe des für den spä­te­ren Aus­bau vor­ge­se­he­nen Hoch­bahn­stei­ges, zum Straßenbahn-​geeigneten Tief­bahn­steig füh­ren dann Trep­pen herab, die in der Bahn­steig­mitte zu sehen sind. Die nach unten füh­ren­den Roll­trep­pen begin­nen aber auf der Höhe des Tief­bahn­stei­ges, sodass ein Umbau auf Hoch­bahn­st­eig­ni­veau hier nicht so ein­fach mög­lich gewe­sen wäre.

Diese untere Ebene hat aber sowieso das schwerste Schick­sal ereilt: 2008 wurde sie still­ge­legt. Die zuge­hö­rige Tun­nel­stre­cke, immer­hin die längste in Lud­wigs­ha­fen, führte so weit an allen rele­van­ten Ver­kehrs­strö­men vor­bei, dass sich ihre Bedie­nung schlicht nicht lohnte. Ich ver­mute des­halb, dass die Trep­pen und Roll­trep­pen nach unten heute nicht mehr zugäng­lich und abge­sperrt oder sogar kom­plett abge­deckt sind. So wer­den denn heute nur noch die bei­den mitt­le­ren Gleise der obe­ren Ebene befah­ren — und es deu­tet wenig dar­auf hin, dass sich daran jemals etwas ändern wird.

Ein Bahnsteig an der Messe: Erinnerungen an den CeBIT-​Verkehr 1997 (2)

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Diese Geschichte zum CeBIT-​Verkehr 1997 star­tete in Teil 1 mit einem Behelfs­bahn­steig am Messegelände.

Behelfs­bahn­steig an der Mes­se­schleife in Han­no­ver, 9. März 1997

Die­ser ermög­lichte es damals, klas­si­sche Stra­ßen­bahn­wa­gen für einen Teil des CeBIT–Anrei­se­ver­kehrs ein­zu­set­zen. Nötig machte dies die ange­spannte Lage im üstra-​Fuhrpark jener Tage: Die 256 ein­satz­be­rei­ten Stadt­bahn­wa­gen des Typs TW6000 reich­ten für den nor­ma­len Ver­kehr plus Mes­se­ver­kehr kaum aus.

TW500-​U-​Boot in der Mes­se­schleife, März 1997

So fuh­ren im mor­gend­li­chen Mes­se­ver­kehr der CeBIT 1997 bis zu drei TW500-​Triebwagen den Zulauf­ver­kehr zwi­schen Pei­ner Straße und Mes­se­ge­lände, die soge­nann­ten „U-​Boote”. Da sie an den Hoch­bahn­stei­gen nicht hal­ten konn­ten, blieb nur der kurze Behelfs­bahn­steig im Wei­chen­be­reich süd­lich des Messe-​Hausbahnsteigs.

Gelenk­trieb­wa­gen bei der Ein­fahrt am Behelfs­bahn­steig, März 1997

Und wie man auf den Fotos gut sehen kann, waren diese Züge wirk­lich nötig: Der Wagen ist sehr gut gefüllt, und das obwohl er nur vier Sta­tio­nen ange­fah­ren hat.

Ankunft am Mes­se­ge­lände: Fahr­gäste von nur vier Sta­tio­nen auf dem Bahn­steig, März 1997

Ich weiß, dass ich mir das ganze damals mit einem Kom­mi­li­to­nen zusam­men ange­schaut habe und dass wir anschlie­ßend im (dann lee­ren) Stra­ßen­bahn­wa­gen zurück zur Pei­ner Straße gefah­ren sind. Das war vor allem des­halb sehr inter­es­sant, weil diese Trieb­fahr­zeuge noch über eine direkte Motor­steue­rung ver­füg­ten. Ein guter Fah­rer konnte mit die­sen Fahr­zeu­gen wesent­lich rasan­ter beschleu­ni­gen als mit der elek­tro­nisch gere­gel­ten Geschwin­dig­keits­steue­rung der TW6000. Aller­dings dreh­ten auch schnel­ler die Räder durch und wenn man zu stark beschleu­nigte und der Motor zu viel Strom zog, unter­brach mit lau­tem Kra­chen der Siche­rungs­au­to­mat die Strom­ver­sor­gung. Der Griff des Fah­rers ging dann immer direkt über sei­nen Kopf, wo die bei­den Dreh­griffe waren, mit denen die Siche­rung wie­der „rein­ge­dreht” wer­den konnte.

U-​Boot-​Wendemanöver an der Pei­ner Straße, März 1997

An der Pei­ner Straße wen­de­ten die Züge der U-​Bootlinie über das Gleis­drei­eck in der Betriebs­hof­zu­fahrt und fuh­ren von dort wie­der in die Hal­te­stelle Rich­tung Messegelände.

Ins­ge­samt war der Mes­se­zu­lauf­be­trieb jener Tage recht rus­ti­kal: Es bedurfte eines hohen Per­so­nal­auf­wands um den Ver­kehr flüs­sig zu hal­ten. Und gerade in der zwei­ten Hälfte der 1990er Jahre führte der Ver­kehr zur Messe die Tech­nik auch mal über ihre Gren­zen hin­aus: Min­des­tens ein­mal in der Mes­se­wo­che fiel das Stell­werk am Aegi­dien­tor­platz aus und legte damit auch den Ver­kehr im gesam­ten U-​Bahnabschnitt nörd­lich von Döh­re­ner Turm über Stun­den lahm.

Stadt­bahn­stre­cke auf der Hil­des­hei­mer Straße nörd­lich An der Wol­le­bahn: Viel Ver­kehr. März 1997

Auch die Strom­ver­sor­gung zickte rum. Im mor­gend­li­chen Anrei­se­ver­kehr am Eröff­nungs­tag kam es zu einem Kom­plett­aus­fall der Strom­ver­sor­gung auf der Stre­cke süd­lich von Döh­re­ner Turm:

Pünkt­lich um 9.37 Uhr gab es im Unter­werk Döh­ren einen Dau­er­kurz­schluß. Nach 3 auto­ma­ti­schen ver­geb­li­chen Ver­su­chen den Strom wie­der ein­zu­schal­ten muß in der Schalt­warte Groß­alarm aus­ge­löst wor­den sein.

Über Funk kam als ers­tes die Auf­for­de­rung an alle auf der B-​Süd [interne Bezeich­nung der Stre­cke], die Fahr­zeuge auf redu­zierte Netz­last zu schal­ten. Als das nichts gebracht hatte, wurde die ver­schärfte Maß­nahme ein­ge­lei­tet: Bügel run­ter für alle! Auch das half nicht. Also wur­den alle Fah­rer auf­ge­for­dert, die vor ihnen lie­gende Stre­cke auf Ober­lei­tungs­schä­den zu über­prü­fen; eben­falls erfolglos.

Als nächs­tes wur­den die Schal­ter für die Ein­spei­sung aus dem Unter­werk Döh­ren abge­schal­tet. Der Kurz­schluß war immer noch vor­han­den, mußte also im Bereich zwi­schen Unter­werk und Stre­cken­ein­spei­sung zu suchen sein. Wenigs­tens konnte man so einen Ver­bin­dungs­schal­ter schlie­ßen, so daß das Unter­werk Enge­sohde (Alten­be­ke­ner Damm) die Ver­sor­gung des Abschnitts mit über­ne­he­men konnte. Nach ca. 15 Minu­ten konn­ten die Bah­nen die Bügel wie­der anle­gen und die Fahrt fortsetzen.

TW6000-​Dreiwagenzug im Mes­se­ver­kehr an der Pei­ner Straße mit abge­senk­ten Strom­ab­neh­mern, März 1997

Ver­kehrs­ge­schicht­lich stellt das Jahr 1997 gleich in meh­rer­lei Hin­sicht eine Zäsur für den Stadt­bahn­ver­kehr in Han­no­ver dar: Letzt­ma­lig wur­den in die­sem Jahr — und das auch nur im hier beschrie­be­nen CeBIT-​Morgenverkehr — die klas­si­schen TW500-​Gelenktriebwagen-​Straßenbahnzüge im Regel­ver­kehr ein­ge­setzt. Und letzt­ma­lig waren bei die­ser CeBIT ansons­ten nur Fahr­zeuge des Typs TW6000 ver­füg­bar. Schon bei der Indus­trie­messe einen guten Monat spä­ter wurde das erste Exem­plar des neuen Stadt­bahn­fahr­zeugs TW2000 der Öffent­lich­keit vorgestellt.

TW2001 bei der ers­ten öffent­li­chen Prä­sen­ta­tion auf der Han­no­ver Messe, April 1997

Im Laufe des Som­mers 1997 kamen die ers­ten TW2000 auf das han­no­ver­sche Netz und zur CeBIT 1998 waren bereits aus­rei­chend Fahr­zeuge ver­füg­bar, sodass es dies­be­züg­lich keine Pro­bleme mehr gab. Pro­bleme mach­ten nur die TW2000 selbst, die wegen unzu­rei­chen­der Tests im Vor­feld in der Ein­füh­rungs­phase zahl­rei­che Kin­der­krank­hei­ten aus­ku­rie­ren muss­ten. Des­halb wur­den sie im Mes­se­ver­kehr 1998 vor allem auf ande­ren Linien ein­ge­setzt und nur spo­ra­disch auf den Messelinien.

Heute erin­nert nur noch wenig an die Ver­hält­nisse Ende der 1990er Jahre: TW2000 und TW6000 sind längst gleich­be­rech­tigt im han­no­ver­schen Netz unter­wegs. Durch den brei­te­ren Wagen­kas­ten und die Mög­lich­keit, bis zu 100 Meter lange Vier­wa­gen­züge zu bil­den, erhöht der TW2000 zudem die Kapa­zi­tät eines ein­zel­nen Zuges erheb­lich. Und schließ­lich ist das Mes­se­ge­lände heute gleich von drei Sei­ten vom Schie­nen­ver­kehr erschlossen.

Stadt­bahn– und S-​Bahnlinien zum Mes­se­ge­lände im Jahr 2010

Neben der Anbin­dung über Döh­ren und Mit­tel­feld gibt es seit der Expo 2000 noch eine wei­tere Stadt­bahn­stre­cke über Bemerode und den Krons­berg, die in der Nähe der ent­ge­gen­ge­setz­ten Ecke des Mes­se­ge­län­des endet. Die bei­den Sta­tio­nen hei­ßen des­halb heute „Messe/​Nord” und „Messe/​Ost”. Und dazu kommt noch das leis­tungs­fä­hige S-​Bahnnetz, das Haupt­bahn­hof und Flug­ha­fen direkt mit dem Mes­se­ge­lände ver­bin­det und einen Groß­teil des Ver­kehrs aus der Region auf­nimmt. Im eben­falls zur Expo neu gebau­ten Fern­bahn­hof „Han­no­ver Messe/​Laatzen” hal­ten zudem die Fern– und Regio­nal­züge der Nord-​Süd-​Fernstrecken. Trotz­dem stellt der Mes­se­ver­kehr auch heute noch eine Belas­tungs­spitze des han­no­ver­schen Stadt­bahn­net­zes und ins­be­son­dere der Linien 8 und 18 dar.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Unter­schied zwi­schen 1997 und 2010 ist, dass mitt­ler­weile sämt­li­che Bahn­steige zwi­schen der Tun­nelaus­fahrt und dem Mes­se­ge­lände hoch­flu­rig sind. Das war auf die­ser Stre­cke beson­ders auf­wän­dig, weil hier alle Bahn­steige für 100-​Meter-​Züge aus­ge­legt wur­den — und nicht für die sonst übli­chen 75 Meter eines drei­wa­gi­gen TW2000-​Zuges. Dadurch sind aber die Hal­te­stel­len­stops kür­zer gewor­den, weil zum einen die Zeit zum Ein­fah­ren der Klappt­ritt­stu­fen nicht mehr nötig ist und zum ande­ren die Fahr­gäste schnel­ler ein– und aussteigen.

Platz des 1997er-​Behelfsbahnsteiges 13 Jahre spä­ter: Nichts mehr zu sehen. Februar 2010

Und der Behelfs­bahn­steig an der Messe? Nun, auch der ist lange Geschichte. Heute fin­det sich hier ein Ober­lei­tungs­mast und ein Schalt­kas­ten. Außer­dem ist der Hoch­bahn­steig ein paar Meter ver­län­gert wor­den, damit die 100 Meter lan­gen Vier-​Wagen-​TW2000-​Züge dran­pas­sen. Die Stra­ßen­bahn­wa­gen sind ver­kauft oder ver­schrot­tet wor­den, mir ist nicht bekannt, ob über­haupt ein sol­cher Breitraum-​Gelenktriebwagen über­lebt hat. Bei der letz­ten gro­ßen üstra-​Sause, dem Betriebs­hof­fest an der Glock­see 2008, stand jeden­falls kei­ner in der Fahr­zeug­pa­rade auf dem Gleisfeld.

Fahr­zeug­pa­rade auf dem üstra-​Betriebshoffest ohne TW400/​500, August 2008

So schließt diese Rück­blende mit einem letz­ten Foto aus dem Jahr 1997, das noch­mal das Wagen­ma­te­rial jener Zeit gemein­schaft­lich zeigt.

TW6000 und TW500 auf der Hil­des­hei­mer Straße Höhe An der Wol­le­bahn, März 1997

Nach­trag: Das Inter­net ist schon toll. In einer Dis­kus­sion auf Dreh­scheibe Online sind mitt­ler­weile einige kleine Kor­rek­tu­ren zu mei­nen Aus­füh­run­gen auf­ge­taucht. Teil­weise fin­den sich sich auch in den Kom­men­ta­ren unten. So waren anno 1997 nicht drei, son­dern fünf TW500 im „U-​Booteinsatz”. Zudem hat es auch nach 1997 noch U-​Booteinsätze mit den alten Stra­ßen­bahn­wa­gen gege­ben, und zwar bis zum Jahr 2002. Ich denke aber, dass man 1997 trotz­dem als das Jahr der eigent­li­chen Zäsur in die­ser Sache sehen kann: Spä­ter waren die alten Wagen nur noch sehr spo­ra­disch und eher unter „Lieb­ha­be­r­as­pek­ten” im Mes­se­ver­kehr unter­wegs. Im Jahr 1997 hin­ge­gen war der Ein­satz durch­gän­gig die gesamte Messe über und maß­geb­lich der Wagen­knapp­heit geschul­det. Besag­ten Drehscheibe-​Artikel emp­fehle ich übri­gens auch des­halb zur Lek­türe, weil sich dort einige sehr schöne Fotos aus jenen Tagen fin­den. TW400, TW6000 und TW2000 in einer nicht gestell­ten Betriebs­hof­si­tua­tion neben­ein­an­der fin­det man wahr­lich nicht alle Tage…

Ein Bahnsteig an der Messe: Erinnerungen an den CeBIT-​Verkehr 1997 (1)

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Heute gibt es den zwei­ten Bei­trag mei­ner klei­nen Blog­se­rie „Inter­es­sante Ver­kehrs­bau­werke”. Das heu­tige Bau­werk ist wesent­lich unspek­ta­ku­lä­rer als die Brü­cke vom letz­ten Mal. Und es exis­tiert heute auch nicht mehr. Die Geschichte dazu erzählt aber von einem span­nen­den han­no­ver­schen Verkehrskapitel.

Anläss­lich des anste­hen­den CeBIT-​Beginns blen­den wir zurück in das Jahr 1997. Da habe ich kurz vor Beginn der CeBIT einen Bahn­steig fotografiert.

Behelfs­bahn­steig an der Mes­se­schleife in Han­no­ver, 9. März 1997

Schon auf die­sem Foto lässt sich erah­nen, dass es sich hier um ein höchst pro­vi­so­ri­sches Bau­werk han­delt: Er ist ledig­lich von Holz­plan­ken umgrenzt, passt „gerade noch so” zwi­schen das Kur­ven­ende im Vor­der­grund und den Hoch­bahn­steig im Hin­ter­grund und liegt auch noch mit­ten in einem Wei­chen­be­reich. Der ein­zige Zugang schließ­lich ist der Not­zu­gang zu besag­tem Hoch­bahn­steig im Hin­ter­grund rechts.

Wahr­lich eine inter­es­sante Kon­struk­tion. Und eine — wie ich finde — inter­es­sante Geschichte dahin­ter. Die­ser Bahn­steig befand sich an der „Mes­se­schleife” des Stadt­bahn­net­zes. Dies ist die süd­li­che End­sta­tion der Linie 8 und war bis zum Jahr 2000 die ein­zige Stadt­bahn­sta­tion, die das Mes­se­ge­lände erschloss. Die Sta­tion dürfte die leis­tungs­fä­higste des gesam­ten Net­zes sein, sowohl was Durch­satz als auch was die Mög­lich­kei­ten zum kurz­fris­ti­gen Ein– und Aus­set­zen sowie Abstel­len von Zügen betrifft. Schauen wir uns den — auch heute noch so vor­han­de­nen — Gleis­plan an:

Gleis­plan der Sta­tion Mes­se­ge­lände (heute Messe/​Nord) in Hannover

An der End­sta­tion gibt es drei Bahn­steige. Der wich­tigste ist Bahn­steig B, weil er direkt gegen­über dem Ein­gang „Nord 1″ des Mes­se­ge­län­des liegt. Zu Mes­se­zei­ten wird er ent­we­der zur Ankunft oder zur Abfahrt benutzt. So ergibt sich eine von der Haupt­lastrich­tung der Besu­cher­ströme abhän­gige Nut­zung der Gesamtanlage:

  • Im mor­gend­li­chen Anrei­se­ver­kehr fah­ren die Züge an Bahn­steig A durch und hal­ten zum Aus­stei­gen erst an Bahn­steig B. Ein­ge­stie­gen wird dann an Bahn­steig C.
  • Abends im Haupt­ab­rei­se­ver­kehr ändert sich die Abfer­ti­gung: Jetzt ist Aus­stieg am Bahn­steig A und ein­ge­stie­gen wird an Bahn­steig B. Bahn­steig C bleibt ungenutzt.

Haupt­zweck des getrenn­ten Ein– und Aus­stei­gens ist neben der Ent­zer­rung der Fahr­gast­ströme vor allem, dass ange­kom­mene Bah­nen über die dop­pel­ten Gleis­ver­bin­dun­gen vor und hin­ter Bahn­steig B ein­fach auf die Innen­schleife und in den Abstell­be­reich gezo­gen wer­den bzw. von dort ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Mit einem gewis­sen Puf­fer an Zügen in den Ab– und Auf­stell­be­reich in der Schleife lässt sich so sehr fle­xi­bel auf Besu­cher­spit­zen rea­gie­ren, Wagen kön­nen ange­kup­pelt oder ent­fernt, Züge direkt ins Depot geschickt oder von ein­ge­setzt werden.

Außer­halb der Mes­se­zei­ten wird eben­falls an Bahn­steig B ange­kom­men und dann an C abge­fah­ren, wobei die Züge direkt durchfahren.

Das erklärt aber noch kein Stück, was es mit dem Zusatz­bahn­steig auf sich hat. Dazu müs­sen wir uns die Gesamt­ver­kehrs­si­tua­tion zu Mes­se­zei­ten anschauen: Bis in die 1990er Jahre war die Stadt­bahn­stre­cke zur Messe der ein­zige leis­tungs­fä­hige ÖPNV-​Anschluss des Mes­se­ge­län­des. Ent­spre­chend nahm sie einen Groß­teil des Ver­kehrs auf. Betrach­ten wir hierzu eine Streckengrafik.

üstra-​Linien zum CeBIT-​Verkehr 1997

Grund­lage des Mes­se­ver­kehrs ist die Stadt­bahn­li­nie 8, die als Durch­mes­ser­li­nie aus dem Nor­den Han­no­vers kommt und am Mes­se­ge­lände endet. Ab Haupt­bahn­hof wird sie durch Ver­stär­kungs­züge ergänzt, die die Lini­en­be­zeich­nun­gen „18” oder „E” tra­gen. Mit die­sen drei Linien wurde der Haupt­teil des Ver­kehrs aus der Innen­stadt bewältigt.

Da sei­ner­zeit der Fern­bahn­hof Han­no­ver Messe/​Laatzen noch nicht exis­tierte und es auch noch keine S-​Bahn gab, kam auch ein Groß­teil der Zug­rei­sen­den zur Messe am Haupt­bahn­hof an und musste dort in die Stadt­bahn umstei­gen. Infol­ge­des­sen waren die Züge gerade in der mor­gend­li­chen Haupt­stoß­zeit schon bei der Abfahrt am Haupt­bahn­hof so voll, dass am Kröp­cke, spä­tes­tens aber am Aegi­dien­tor­platz, nicht mehr alle War­ten­den zustei­gen konn­ten. Des­halb gab es eine zweite Ver­stär­kungs­li­nie, die eben­falls mit „E” bezeich­net wurde und die am Königs­wort­her Platz ein­setzte. Diese Bah­nen hiel­ten am Kröp­cke und am Aegi auf ande­ren Glei­sen als die Bah­nen aus Rich­tung Haupt­bahn­hof und konn­ten so den Ver­kehr entzerren.

Trotz­dem blieb die Lage beim mor­gend­li­chen Anrei­se­ver­kehr ange­spannt: Neben dem Mes­se­ver­kehr gibt es auch die Stadt­bahn­li­nien 1 und 2 auf der Stre­cke zwi­schen Haupt­bahn­hof und Both­mer­straße. Zudem wol­len nicht alle Fahr­gäste zur Messe: Die Stre­cke führt durch die dicht besie­delte Süd­stadt und hat eine wich­tige Rolle im Schü­ler­ver­kehr für eine ganze Reihe von Schu­len rund um die Sta­tion Alten­be­ke­ner Damm. Schließ­lich setzt das recht unfle­xi­ble han­no­ver­sche Signal­sys­tem enge Gren­zen für die Stre­cken­ka­pa­zi­tät nörd­lich des Döh­re­ner Turms.

Das führte zu einer gan­zen Reihe durch­aus ein­falls­rei­cher Betriebs­kon­zepte für die Stre­cke. So hiel­ten die „E”-Züge in eini­gen Jah­ren an kei­ner der Sta­tio­nen zwi­schen Aegi­dien­tor­platz und Both­mer­straße, teil­weise sogar bis Mes­se­ge­lände. Ein ande­res Kon­zept war das „alter­nie­rende Hal­ten”, das es so sonst wohl nur auf einige hoch­be­las­te­ten Abschnit­ten der New Yor­ker U-​Bahn gibt: Zwi­schen Aegi­dien­tor­platz und Both­mer­straße hiel­ten alle Züge zum Mes­se­ge­lände alter­nie­rend nur an jeder zwei­ten Station.

All dies änderte aber nichts daran, dass sämt­li­che Züge zur Messe mor­gens spä­tes­tens am Pei­ner Straße so prop­pen­voll waren, dass süd­lich davon das Zustei­gen zum puren Glücks­spiel wurde. Was ein Pro­blem war, denn zum einen nah­men viele Aus­stel­ler und Besu­cher gern in Döh­ren oder Mit­tel­feld und damit mes­se­nah Quar­tier und zum ande­ren war (und ist) Both­mer­straße ein wich­ti­ger Umstei­ge­punkt aus Rich­tung Laat­zen und Rethen.

Drei­wa­gen­zug TW6000 im CeBIT-​Verkehr 1997 zwi­schen Seel­horst und Bothmerstraße

Des­halb gab es noch eine fünfte Linie zum Mes­se­ge­lände. Diese wurde vom Betriebs­hof Döh­ren an der Pei­ner Straße aus ein­ge­setzt und fuhr dann ledig­lich die rela­tiv kurze Rest­stre­cke bis zum Mes­se­ge­lände. Damit wurde genau der kri­tischste süd­li­che Abschnitt abge­deckt. Beschil­dert war auch diese Linie als „8” oder „E”, üstra-​intern sprach man bei die­sen Bah­nen gern von den „U-​Booten”: Die Linie erreichte nicht den Tun­nel in der Innen­stadt, es gab auch kei­nen ech­ten „Fahr­plan”, statt­des­sen wur­den die Züge sozu­sa­gen auf Zuruf zwi­schen den übri­gen Kur­sen ein­ge­setzt — wie U-​Boote halt.

Jetzt müs­sen wir auf ein ande­res Detail der Situa­tion der üstra im Jahr 1997 schauen: Den Fuhr­park. Sei­ner­zeit wur­den alle Stadt­bahn­li­nien aus­schließ­lich mit den grü­nen Bah­nen der Bau­reihe TW6000 betrie­ben. 260 Fahr­zeuge gab es, die letzte Serie von 10 Wagen war erst 1993 aus­ge­lie­fert wor­den. Trotz­dem war es knapp: Der CeBIT-​Verkehr benö­tigte so viele Fahr­zeuge, dass eigent­lich alle 260 Trieb­wa­gen gebraucht wur­den. Lei­der stan­den diese nicht zur Ver­fü­gung: Durch meh­rere Unfälle Ende 1996 und Anfang 1997 waren ins­ge­samt vier Fahr­zeuge schad­haft abge­stellt. Und damit wurde es eng: Ich erin­nere mich, dass ich am ers­ten Mes­se­tag am Bahn­steig mei­ner Haus­sta­tion „Sed­an­straße” stand und mit­ten im mor­gend­li­chen Berufs­ver­kehr mein Zug der Linie 3 als (völ­lig über­füll­ter) Ein­zel­wa­gen fuhr. Die­ses Schick­sal teil­ten auch andere Linien — nicht wirk­lich zur Freude der Fahr­gäste. Bei die­sem knap­pen Fuhr­park war die Devise klar: Es muss­ten so viele TW6000 wie mög­lich ein­ge­spart werden.

Und da boten genau die beschrie­be­nen U-​Bootverkehre eine Mög­lich­keit: Im Sep­tem­ber 1996 war die letzte „echte” Stra­ßen­bahn­li­nie in Han­no­ver ein­ge­stellt wor­den: Die 16 fuhr vom Kla­ges­markt über Stein­tor, Ernst-​August-​Platz, König­straße und Zoo zum Nacken­berg. Seit Inbe­trieb­nahme der U-​Bahn unter dem Engel­bos­te­ler Damm 1993 wurde diese Linie wie­der durch­gän­gig mit den letz­ten „alten” Stra­ßen­bahn­wa­gen der Bau­reihe TW500, den soge­nann­ten „Gelenk­trieb­wa­gen” befah­ren. Nach der Ein­stel­lung der Linie wur­den drei Wagen zunächst betriebs­fä­hig gehal­ten, um näm­lich genau mit die­sen besag­ten U-​Bootverkehr wäh­rend der CeBIT durchzuführen.

TW503 auf der Linie 16 in der ehe­ma­li­gen Kehr­schleife Nacken­berg, 25. Sep­tem­ber 1996

Anders als die Stadt­bahn­wa­gen, die mit ihren Klappt­ritt­stu­fen sowohl an Hoch– als auch an Nied­rig­bahn­stei­gen hal­ten kön­nen, sind die alten Stra­ßen­bahn­wa­gen mit ihren fest ein­ge­bau­ten Tritt­stu­fen auf nied­rige Bahn­steige ange­wie­sen. Diese gab es 1997 noch an allen für den U-​Bootverkehr rele­van­ten Hal­te­stel­len — mit einer Aus­nahme: Mes­se­ge­lände. Dort war als letz­ter der Bahn­steig A im Som­mer 1996 als Hoch­bahn­steig umge­baut worden.

Und damit fügt die Geschichte sich end­lich zusam­men: Um mit den wegen des TW6000-​Mangels als U-​Boote ein­ge­setz­ten alten TW500-​Straßenbahnwagen am Mes­se­ge­lände hal­ten zu kön­nen, bedurfte es dort eines pro­vi­so­ri­schen nied­ri­gen Bahn­steigs. Und genau den baute man kurz vor der CeBIT direkt süd­lich des Bahn­steigs B.

Damit endet Teil 1 die­ser Geschichte rund um den CeBIT-​Verkehr ver­gan­ge­ner Tage. Teil 2 folgt.

Laatzens merkwürdigste Brücke — Alte Autobahnplanungen für die A30 und was von ihnen bleibt

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Laat­zens merk­wür­digste Brü­cke — Alte Auto­bahn­pla­nun­gen für die A30 und was von ihnen bleibt sowie alle im Arti­kel ent­hal­te­nen Gra­fi­ken und Fotos von Dirk Hill­brecht ste­hen unter einer Crea­tive Com­mons Namensnennung-​Weitergabe unter glei­chen Bedin­gun­gen 3.0 Deutsch­land Lizenz.
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Ich möchte heute mal eine neue Arti­kel­se­rie hier im Blog anfan­gen: Span­nende Ver­kehrs­bau­werke. Manch­mal trifft man auf ein Bau­werk, des­sen Sinn man sich nicht recht erklä­ren kann. Häu­fig sind dies Brü­cken, es kön­nen aber auch beson­ders breite Stra­ßen, im Nichts endende Abzwei­gun­gen oder irgend­wel­che ande­ren Ver­kehrs­bau­werke sein. Wenn ich so etwas sehe, ist immer meine Neu­gierde geweckt, denn häu­fig erzählt die Geschichte um so ein Bau­werk herum von frü­he­ren Zei­ten und von Pla­nun­gen und Ideen, die es einst gab und die dann aus irgend­wel­chen Grün­den nicht wei­ter ver­folgt wurden.

So auch hier.

Eine Brü­cke in Laatzen

Wenn man in Laat­zen süd­lich von Han­no­ver vom Park der Sinne in Rich­tung Hil­des­hei­mer Straße geht, befin­det man sich auf dem „Expo-​Weg”. Er kreuzt zunächst die Erich-​Panitz-​Straße auf einer geschwun­ge­nen Brü­cke, führt dann am Laat­zener Fest­platz vor­bei und schließ­lich auf den Bahn­damm der Eisen­bahn­stre­cken zwi­schen Laat­zen und Rethen zu. Unter die­sem wird er in einer Brü­cke hindurchgeführt.

Aber was für eine Brücke.

Blick auf die Brü­cke unter der Bahn­stre­cke von Osten.

Das Bau­werk ist offen­sicht­lich völ­lig über­di­men­sio­niert für die­sen klei­nen Fuß­gän­ger­weg. Im süd­li­chen Brü­cken­feld (im obi­gen Bild links) kann man zudem sehen, dass die Gelän­de­höhe des Ein­schnitts viel zu nied­rig für eine „nor­male” Straße ist. Im tie­fer aus­ge­ho­be­nen nörd­li­chen Brü­cken­feld ist der Weg von brei­ten Böschun­gen gesäumt, die die Durch­fahrts­breite stark ein­schrän­ken. Der Mit­tel­pfei­ler wie­derum scheint nur bis auf Höhe die­ser Böschun­gen voll­stän­dig aus­ge­führt, es ist aber anzu­neh­men, dass er tie­fer gegrün­det ist.

Pfei­ler in der Brückenmitte

Wieso steht hier mit­ten in Laat­zen eine sol­che Brü­cke in der Landschaft?

Die Eisen­bahn­stre­cke

Dre­hen wir die Zeit zurück in das Jahr 1973. In die­sem Jahr began­nen die Bau­ar­bei­ten an der Eisenbahn-​Schnellfahrstrecke Hannover-​Würzburg. Aller­dings war damals die Stre­cken­füh­rung süd­lich von Rethen noch nicht klar. Des­halb umfasste der erste Bau­ab­schnitt nur den Bereich Hannover-​Bismarckstraße bis Bahn­hof Rethen. Hier war der Aus­bau jedoch sehr umfang­reich: Bis­her befand sich hier eine ein­fa­che zwei­glei­sige Eisen­bahn­stre­cke, die nun auf vier Gleise ver­brei­tert wurde. Alte und neue Stre­cke wur­den dabei auf einem gemein­sa­men Ver­kehrs­weg inte­griert, sodass das ganze eigent­lich ein kom­plet­ter Neu­bau der gesam­ten Trasse war. Fer­tig gestellt wurde die­ser Abschnitt der Stre­cke Hannover-​Würzburg übri­gens bereits 1979, zwölf Jahre vor der Gesamtinbetriebnahme.

Das erklärt, wann diese Brü­cke ent­stan­den ist, aber noch nicht, warum.

Die Auto­bahn A30

Hier kommt nun eine andere Pla­nung jener Tage ins Spiel: Anfang der 1970er Jahre gab es auch sehr umfang­rei­che Pläne, das Auto­bahn­netz zu erwei­tern. Einer die­ser Pläne betraf die Auto­bahn A30: Sie führt heute von der nie­der­län­di­schen Grenze bis nach Bad Oeyn­hau­sen. Den Pla­nun­gen jener Tage zu Folge wäre sie von dort aus nach Osten wei­ter­ge­führt wor­den, und zwar etwa dem Ver­lauf der B65 fol­gend über Min­den, Stadt­ha­gen und Bad Nenn­dorf in den Süden Han­no­vers und von dort wei­ter nach Braun­schweig. Im Stadt­ge­biet von Han­no­ver hätte sich etwa fol­gende Tras­sie­rung ergeben:

A30-​Planung im Raum Hannover

  • Die Auto­bahn wäre im Wes­ten in einer Par­al­lel­lage zur B65 gebaut wor­den, hätte sich nord­west­lich von Ron­nen­berg von die­ser getrennt und wäre zwi­schen Ron­nen­berg und Empelde verlaufen.
  • An der Kreu­zung mit der B217 hätte es die Anschluss­stelle Wett­ber­gen gegeben
  • Die Auto­bahn­trasse hätte süd­lich an Devese vor­bei­ge­führt und die Trasse der heu­ti­gen B3 zwi­schen Hem­min­gen und Arnum gekreuzt. Dort oder an der Kreu­zung mit der eben­falls geplan­ten B3-​Ortsumgehung um Hem­min­gen und Arnum herum hätte es auch eine Anschluss­stelle gegeben.
  • Die Auto­bahn wäre dann bei Wil­ken­burg wei­ter durch das Leine-​Überflutungsgebiet geführt wor­den, hätte Laat­zen durch­quert und wäre ein Stück süd­lich der Krons­berg­kreu­zung (der heu­ti­gen B6-​Abfahrt „Messe-​Süd”) auf die Trasse der B6 getrof­fen, wo es das Auto­bahn­drei­eck Messe mit einer nur zu Mes­se­zei­ten geöff­ne­ten Anschluss­stelle Messe gege­ben hätte.

Bis hier­hin hatte man den Tras­sen­ver­lauf grob fest­ge­legt. In einem spä­te­ren Schritt sollte die Auto­bahn dann bis Braun­schweig füh­ren, wobei der heu­tige süd­li­che Teil der A37, der soge­nannte „Mes­se­stut­zen”, Teil der A30 gewor­den wäre (und die A37 im Zuge der heu­ti­gen B6 nach Hil­des­heim wei­ter­ge­führt hätte, aber das ist eine andere Geschichte…). Östlich davon sind die Pla­nun­gen aber nie so weit gedie­hen, dass auch nur der Stre­cken­ver­lauf genauer geklärt gewe­sen wäre.

Und das ist dann des Rät­sels Lösung, warum mit­ten in Laat­zen eine stra­ßen­lose Brü­cke unter der Eisen­bahn hin­durch­führt: Genau hier wäre nach die­sen Pla­nun­gen die Auto­bahn A30 ver­lau­fen! Direkt östlich der Unter­füh­rung wäre die Anschluss­stelle Laat­zen gewe­sen. Die „Ohren” der Abfahr­ten hät­ten dabei auf der Erich-​Panitz-​Straße geen­det, und zwar im Nor­den gegen­über der Ein­mün­dung Karls­ru­her Straße und im Süden in Höhe des Sankt-​Florian-​Wegs, der pas­sen­der­weise zur Feu­er­wehr führt, die hier in den 1990er Jah­ren gebaut wurde.

A30-​Planung in Laatzen

Die A30 hätte die Erich-​Panitz-​Straße genau in Höhe der heu­ti­gen Fuß­gän­ger­brü­cke zum Park der Sinne gekreuzt und die­ser Pla­nung wegen ist die Straße höchst­wahr­schein­lich an die­ser Stelle auch so tief gelegt: Die Auto­bahn hätte auf dem kur­zen Stück zwi­schen Eisen­bahn und Straße sonst nicht genü­gend Höhe für eine Brü­cke gewin­nen können.

Die Brü­cke und andere Vorleistungen

Die A30-​Planungen müs­sen Anfang/​Mitte der 1970er Jahre so aktu­ell gewe­sen sein, dass man an die­ser Stelle umfang­rei­che Vor­leis­tun­gen erbracht hat: Nicht nur die Brü­cke unter der Eisen­bahn, auch die Ein­mün­dung der Karls­ru­her Straße in die Erich-​Panitz-​Straße ist sehr groß­zü­gig tras­siert. Und als Kind habe ich mich immer sehr über die bereits voll­stän­dig vor­be­rei­tete Ein­mün­dung der süd­li­chen Auf­fahrt in die damals noch Haupt­straße genannte Magis­trale in die Laat­zener Neu­bau­ge­biete gewun­dert — sie endete nach weni­gen Metern im Wall west­lich der Straße. Beim Bau des Sankt-​Florian-​Wegs wurde die­ser Bereich voll­stän­dig umge­stal­tet und ist heute so nicht mehr erhalten.

Blick über die Auto­bahn­trasse östlich der Bahn­brü­cke. Im Hin­ter­grund die Fuß­gän­ger­brü­cke über die Erich-​Panitz-​Straße. Dort wäre auch die Auto­bahn ent­lang gelaufen

Auch andere Teile der Pla­nung erschei­nen aus heu­ti­ger Sicht wun­der­sam: Die Brü­cke ist kaum breit genug für eine vier­strei­fige Auto­bahn mit Beschleu­ni­gungs– und Brems­strei­fen für die Auf­fahrt und zusätz­li­cher Stand­spur, wie das heute üblich ist. Ange­sichts des knap­pen Plat­zes für die Auf­fahrt hätte diese aber auf jeden Fall unter der Eisen­bahn hin­weg­rei­chen müssen.

Blick von der Gras­dor­fer Seite auf die Brü­cke. Das Haus links wäre wohl nicht ste­hen geblieben.

Die Orts­durch­fahrt Gras­dorf im Zuge der Hil­des­hei­mer Straße wäre zudem rigo­ros durch­schnit­ten wor­den und eine ganze Reihe von Häu­sern hätte abge­ris­sen wer­den müs­sen. Zwar ist an die­ser Stelle in der Tat der Bebau­ungs­strei­fen in ganz Laat­zen am schmals­ten, die Schnell­straße hätte aber direkt neben dem Laat­zener Bad einer­seits und dem Agnes-​Karll-​Krankenhaus ande­rer­seits gelegen.

Blick von der Brü­cke Rich­tung Wes­ten. Die Hil­des­hei­mer Straße hätte gequert, die Bebau­ung ent­fernt wer­den müs­sen. Aller­dings beginnt unmit­tel­bar hin­ter den Häu­sern an der Hil­des­hei­mer Straße freies Feld.

Die A30-​Planungen sind östlich von Bad Oeyn­hau­sen mitt­ler­weile voll­stän­dig auf­ge­ge­ben, die Auto­bahn wird also nie kom­men. Aus heu­ti­ger Sicht wäre das auch des­halb völ­lig sinn­los, weil mit der A2 bereits eine her­vor­ra­gend aus­ge­baute Auto­bahn zwi­schen Bad Oeyn­hau­sen und Braun­schweig exis­tiert und die A30 sich nie wei­ter als 20 km von die­ser ent­fernt hätte. Bevor man nun aber den dama­li­gen Pla­nern Unfä­hig­keit unter­stellt, sollte man sich vor Augen füh­ren, dass in den 1960er Jah­ren die A2 noch auf dem Aus­bau­stand von 1939 war. Da machte es durch­aus Sinn, eine sol­che Ent­las­tungs­stre­cke zu pro­jek­tie­ren. Ich ver­mute ja, dass die Grund­satz­ent­schei­dung zum sechs­strei­fi­gen A2-​Ausbau gleich­zei­tig das Aus für die A30 bedeutete.

Es war also nur ein rela­tiv kur­zes Zeit­fens­ter, in dem die Pla­nun­gen so kon­kret waren, dass bereits Vor­leis­tun­gen erbracht wur­den. Genau in die­sen Zeit­raum sind die Neu– und Umbau­ten im nörd­li­chen Laat­zen gefal­len, sodass wir hier so eine Art „Phantom-​Autobahnabfahrt” einer Phan­tom­au­to­bahn haben.

Die Brü­cke von Wes­ten. Hät­ten hier drei Fahr­spu­ren pro Rich­tung plus Stand­strei­fen durchgepasst?

Even­tu­ell — aber das ist jetzt end­gül­tig pure Spe­ku­la­tion — hätte die Abfahrt Laat­zen sich letzt­lich als nicht rea­li­sier­bar her­aus­stel­len kön­nen — sei es wegen der Brü­cken­breite, sei es wegen der Nähe zum Kno­ten mit der B6/​A37. Die A30-​Planungen sind wohl nie über das Sta­dium einer grund­sätz­li­chen Idee wie die Trasse lau­fen könnte hin­aus­ge­kom­men. Eine tat­säch­li­che Raum­ord­nung oder gar eine Vor­be­rei­tung der Plan­fest­stel­lung haben nie statt­ge­fun­den. Es würde mich sehr inter­es­sie­ren, wie genau die Trasse im Bereich Laat­zen wirk­lich geplant wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein „vor­be­rei­te­tes” Bau­vor­ha­ben letzt­lich an irgend­wel­chen Feh­lern schei­tert und die durch­ge­führ­ten Bau­vor­leis­tun­gen sich selbst bei einer Umset­zung der ursprüng­li­chen Idee als nicht nutz­bar her­aus­stel­len. Der ein­zige Vor­teil war dann, dass wenigs­tens beim Bau zusätz­li­che Geld­töpfe ange­zapft wer­den konnten.

Blick von Osten auf die Brü­cke. Hier wäre die Auto­bahn ent­lang gelaufen.

Fazit

Die Brü­cke jeden­falls wird blei­ben. Sie kürzt den Fuß­weg aus Gras­dorf zum Laat­zener Fest­platz erheb­lich ab. Ihre 35 Jahre sieht man ihr — äußer­lich jeden­falls — nicht an. Irgend­wann, wenn der Zahn der Zeit allzu stark an ihr genagt hat, wird man sie sicher­lich zurück­bauen oder gar ganz schlie­ßen. Bis dahin ist sie aber ein ste­ter Hin­weis auf eine Auto­bahn, die nie gebaut wurde.