Fahrraddemonstration mit 250 Teilnehmern gegen den Abbau der Sperren einige Tage vor der Bezirksratssitzung

Am Grünen Hagen: Offizielle Umleitung ist „stressfreier und meistens schneller” – sagt Sperrengegner Winnicki (CDU) 1


Ich muss noch­mal auf Am Grü­nen Hagen und Ober­rick­lin­gen zurück­kom­men. Da hat ja die Ver­wal­tung – nach Auf­for­de­rung des Bezirks­rats – durch drei Kfz-Sper­ren Schleich­ver­kehr aus dem Vier­tel ver­bannt. Damit sind Anwoh­ner, Kin­der und Rad­fah­rer vor Bau­stel­len­um­fah­rungs­ver­kehr um die wegen einer Kom­plett­sa­nie­rung gesperr­te Stra­ße In der Reh­re geschützt, der hier für ansons­ten für mas­si­ve Gefähr­dun­gen sor­gen wür­de. Eine aus­ge­schil­der­te Umlei­tung führt über Haupt­ver­kehrs­stra­ßen. Alles gut könn­te man mei­nen.

Darum geht's: In der Rehre ist gesperrt, statt der offiziellen Umleitung wollen Menschen durch

Dar­um geht’s: In der Reh­re ist gesperrt, statt der offi­zi­el­len Umlei­tung wol­len Men­schen durch „Am Grü­nen Hagen” fah­ren

Lei­der nicht. Eine klei­ne aber laut­star­ke Grup­pe, vor allem aus Wett­ber­gen, sieht nicht ein, dass ande­re Men­schen das Bedürf­nis nach die­sem Schutz haben und agi­tiert gegen die Sper­ren. „Freie Fahrt für freie Bür­ger” und „Uns doch egal” – so könn­te man die Argu­men­ta­ti­on in etwa zusam­men­fas­sen. Und eine gro­ße Mehr­heit der Abge­ord­ne­ten im Bezirks­rat geht dem Mum­men­schanz auf den Leim. Ein kurz­fris­tig in die Sit­zung am 2019-11-07 ein­ge­brach­ter Antrag for­dert die Auf­he­bung der Sper­ren, da es kei­ne „Test­pha­se” gege­ben habe. Wohl­be­merkt: Nach­dem nicht mal ein Jahr vor­her kon­sta­tiert wur­de, dass Am Grü­nen Hagen „seit Lan­gem als Schleich­weg bzw. Quer­ver­bin­dung genutzt” wird und „als Fahr­rad­stra­ße […] nicht für der­ar­ti­gen Ver­kehr aus­ge­legt ist”.

Ich hat­te dar­über hier im Blog ja schon aus­führ­lich über die Situa­ti­on und die Anwoh­nerde­mons­tra­ti­on und die Bezirks­rats­sit­zung geschrie­ben. Aber was danach offen­sicht­lich pas­siert ist, fin­de ich bemer­kens­wert und sehr bedenk­lich.

Unter anderem diese Sperre in der Straße

Unter ande­rem die­se Sper­re in der Stra­ße „Am Grü­nen Hagen” soll nach dem Wil­len des Bezirks­rats ver­schwin­den

Eine zen­tra­le Anlauf­stel­le der Sper­ren­geg­ner ist die öffent­li­che Face­book­grup­pe „Wenn du aus Wett­ber­gen kommst”. Dort star­tet Sven N., einer der Wort­füh­rer der Sper­ren­geg­ner noch am Abend direkt nach der Bezirks­rats­sit­zung einen Berichts­thread. In Groß­buch­sta­ben dar­in eine „GANZ GROSSE BITTE”:

„[H]altet euch an die Geschwin­dig­keits­be­gren­zung und nehmt Rück­sicht auf­ein­an­der. Auf einer Fahr­rad­stra­ße haben Fahr­rad­fah­rer beson­de­re Rech­te und es soll­te im Inter­es­se der Anwoh­ner und uns allen unter­blei­ben zu pöbeln, hupen oder zu drän­geln. […] Somit Respekt, Rück­sicht und viel­leicht ein­mal ein freund­li­cher Ver­zicht auf eine even­tu­el­le Vor­fahrt wer­den uns gemein­sam durch die Bau­stel­len­zeit kom­men las­sen […] – Sven N.

Damit hat Sven N. dann genau all die Sachen auf­ge­zählt, derent­we­gen die Anwoh­ner und Rad­fah­rer sich so vehe­ment für die Sper­rung von Am Grü­nen Hagen ein­set­zen: Pöbeln, Hupen und Drän­geln sind näm­lich genau das, was dort an der Tages­ord­nung ist, wenn dem Auto­ver­kehr „freie Fahrt” gege­ben wird. Und umso mehr, wenn es mehr Auto­fah­rer sind.

Zuammengefasster Screenshot der Facebookgruppe

Zuam­men­ge­fass­ter Screen­shot der Face­book­grup­pe „Wenn du aus Wett­ber­gen kommst” – Sven N. und Erdem Win­ni­cki über die gefor­der­te Sper­ren­auf­he­bung

Und wäh­rend man noch stau­nend vor die­sem Pos­ting sitzt, fin­det man etwas wei­ter unten zwi­schen den weit­ge­hend unun­ter­bro­che­nen „Dan­ke”- und Jubel-Pos­tings in den Kom­men­ta­ren den CDU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Erdem Win­ni­cki, der auch zu – nun­ja – Vor­sicht mahnt und aus­drück­lich von der Nut­zung von Am Grü­nen Hagen abrät:

Nehmt statt­des­sen die Umlei­tungs­stre­cke! Die ist stress­frei­er und zu den meis­ten Zei­ten auch schnel­ler. – Erdem Win­ni­cki

Das muss man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen: Schnel­ler und stress­frei­er. Heißt anders her­um: Ohne Sper­ren wer­den Auto­fah­rer auf eine Stre­cke gelockt, die sowohl lang­sa­mer als auch stres­si­ger ist – wobei die Lang­sam­keit den Stress­pe­gel zusätz­lich erhöht. Und was macht Stress beim Auto­fah­ren? Ein schon etwas älte­rer Arti­kel auf Spie­gel Online zitiert Stu­di­en des For­schungs­in­sti­tuts Psy­cho­mics in Köln und des Öster­rei­chi­schen Automobil‑, Motor­rad- und Tou­ring Clubs (ÖAMTC) in Wien:

19 Pro­zent reagie­ren weni­ger rück­sichts­voll [auf Stress am Steu­er], sie­ben Pro­zent betrei­ben Stress­be­wäl­ti­gung mit der Hupe, sechs Pro­zent wer­den ver­bal aus­fäl­lig, und drei Pro­zent recken sogar den Mit­tel­fin­ger.

Pöbeln, Hupen, Drän­geln – da sind sie wie­der, die drei Stan­dard­re­ak­tio­nen des Auto­fah­rers auf Stress – Rad­fah­rer ken­nen sie gut.

Ich habe Herrn Win­ni­cki per E‑Mail gefragt, ob der Kom­men­tar authen­tisch ist. Ant­wort: Ja. Auf mei­ne Fra­ge, ob denn die Sor­gen der Anwoh­ner und der Ver­wal­tung bezüg­lich der Ver­kehrs­si­cher­heit nicht gerecht­fer­tigt sei­en, ant­wor­tet Herr Win­ni­cki:

Uns lie­gen bis­her kei­ne Infor­ma­tio­nen vor, die eine Gefähr­dungs­la­ge für den Rad­ver­kehr in der Fahr­rad­stra­ße Grü­ner Hagen bele­gen oder auch nur nahe­le­gen. Der Ver­wal­tung auch nicht.

Mit Ver­laub, das hal­te ich – vor­sich­tig for­mu­liert – für nicht stich­hal­tig. Allein in der besag­ten Bezirks­rats­sit­zung gab es fünf Wort­mel­dun­gen, die ein­dring­lich und mit Bei­spie­len die vom Auto­sch­leich- oder ‑durch­gangs­ver­kehr aus­ge­hen­de Gefähr­dung ande­rer Ver­kehrs­teil­neh­mer in Ober­rick­lin­gen schil­der­ten. Die 250 Teil­neh­mer der Anwoh­ner- und Fahr­rad­de­mons­tra­ti­on im Vor­feld der Bezirks­rats­sit­zung konn­ten auch von jeder Men­ge uner­freu­li­cher Vor­komm­nis­se berich­ten, des­halb haben sie ja demons­triert. Es ist auch mehr als unge­wöhn­lich, dass uns beim ADFC in kür­zes­ter Zeit ein Dut­zend Anfra­gen zu einer geplan­ten Maß­nah­me wie dem Abbau der Sper­ren in Ober­rick­lin­gen erreicht.

Und dass die Ver­wal­tung die­se Sor­gen auch hat, sieht man allein dar­an, dass sie die­se Sper­ren eben ein­ge­rich­tet hat. Ver­wal­tung kann sowas.

Herr Win­ni­cki, dass Ihnen „kei­ne Infor­ma­tio­nen vor­lie­gen” liegt in die­sem Fal­le nicht dar­an, dass es sol­che Infor­ma­tio­nen nicht gibt, son­dern an etwas ande­rem. Viel­leicht dar­an, dass Sie sie nicht hören wol­len?

Fahrraddemonstration mit 250 Teilnehmern gegen den Abbau der Sperren einige Tage vor der Bezirksratssitzung

Fahr­rad­de­mons­tra­ti­on mit 250 Teil­neh­mern gegen den Abbau der Sper­ren eini­ge Tage vor der Bezirks­rats­sit­zung

Die Ein­las­sun­gen der Sper­ren­geg­ner zei­gen mir, dass die mit den Sper­ren ver­hin­der­ten Gefah­ren real sind: Anwoh­nern, Schul­kin­der und Rad­fah­rer sind mit den Sper­ren signi­fi­kant siche­rer. Die Pro­ble­me, die den Sper­ren ange­las­tet wer­den, sind hin­ge­gen nicht exis­tent: Die offi­zi­el­le Umlei­tungs­stre­cke um Ober­rick­lin­gen her­um ist gefahr­lo­ser weil stress­frei­er und zudem meis­tens schnel­ler. Sage nicht ich, sagt ein erklär­ter Geg­ner der Sper­ren.

Und das ist der Punkt, an dem wir noch­mal auf die Rol­le von Bezirks­rat und Ver­wal­tung zu spre­chen kom­men müs­sen: Im Bezirks­rat gibt es immer noch bei vie­len die Mei­nung, die Ver­wal­tung müs­se nach ihrer Pfei­fe tan­zen. Das muss sie nicht! Der Bezirks­rat hat for­mal einen Prüf­an­trag gestellt. Die Ver­wal­tung kann dem Wunsch des Bezirks­rats fol­gen – oder es las­sen. Ins­be­son­de­re, wenn es gute Argu­men­te dage­gen gibt.

Die Ver­wal­tung hat im Okto­ber 2019 infor­mell ange­kün­digt, einem even­tu­el­len Beschluss des Bezirks­rats in Sachen „Am Grü­nen Hagen” fol­gen zu wol­len. Mitt­ler­wei­le hat es eine Demons­tra­ti­on und meh­re­re schrift­li­che Stel­lung­nah­men von Betrof­fe­nen gege­ben. Der Prüf­an­trag des Bezirks­rats for­dert – in der dunk­len Jah­res­zeit – eine „Test­pha­se”, bei der Rad­fah­rer und Schul­kin­der zu Ver­suchs­ka­nin­chen wer­den. Und das alles für eine Maß­nah­me, die Vie­le gefähr­det und nur Weni­gen einen gefühl­ten Vor­teil ver­schafft, der zudem nicht mal real ist.

Diese drei Sperren verhindern bislang ungeregelten Durchgangsverkehr, Anlieger kommen weiterhin überall hin

Die­se drei Sper­ren ver­hin­dern bis­lang unge­re­gel­ten Durch­gangs­ver­kehr, Anlie­ger kom­men wei­ter­hin über­all hin

Ich hal­te die Ver­wal­tung für gut bera­ten, ihre infor­mel­le Ankün­di­gung nicht umzu­set­zen und den Prüf­auf­trag abschlä­gig zu beschei­den. Ein Abbau der Sper­ren wäre vor dem Hin­ter­grund der Ver­kehrs­si­cher­heit nicht trag­bar. Zudem stün­de er in voll­stän­di­gem Gegen­satz zum erklär­ten Ziel der Stadt Han­no­ver, den Rad­ver­kehr zu för­dern. Außer­dem wären Hun­der­te Anwoh­ner, Schul­kin­der und Rad­fah­rer sehr erfreut, dass ihre Beden­ken gehört wer­den!

Fahrradstraße schützt vor Autostau - wie lange noch?

Fahr­rad­stra­ße schützt vor Auto­stau – wie lan­ge noch?


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Ein Gedanke zu “Am Grünen Hagen: Offizielle Umleitung ist „stressfreier und meistens schneller” – sagt Sperrengegner Winnicki (CDU)

  • Jan

    Es ist erstaun­lich, das selbst ein Bezirks­rat nicht in der Lage ist, die in der Bür­ger­stun­de ein­ge­brach­ten Mei­nun­gen zu berück­sich­ti­gen. (Und immer­hin bedarf es deut­lich mehr Enga­ge­ment, sei­nen Hin­tern in eine Ver­samm­lung zu bewe­gen, als vom Sofa aus auf Face­book rum­zu­pö­beln). Da wird dann trotz­dem ein Beschluss gefasst, wie er vor­her im Hin­ter­zim­mer aus­ge­kun­gelt wur­de. Völ­lig inkon­gru­ent zu dem, was vor­her gesagt und dis­ku­tiert wur­de.

    Da soll­ten sich die Bezirks­rats­her­ren (und Damen) nicht wun­dern, wenn sie bei der nächs­ten Kom­mu­nal­wahl nicht wie­der­ge­wählt wer­den.