Diskussionsrunde: Iyabo Kaczmarek in der Mitte mit Mikrofon

Sieben, die Oberbürgermeister/-in werden wollen: Die zweite Kandidatenrunde im HAZ-Forum


Vor gut einer Woche waren die drei Kan­di­da­ten von SPD, CDU und Grü­nen für die Wahl zum Ober­bür­ger­meis­ter zu Gast im HAZ-Forum. Die­se Woche hat die Zei­tung nach­ge­legt: Immer­hin sie­ben der neun „ande­ren” Kan­di­da­ten waren nun ein­ge­la­den, ihre Vor­stel­lun­gen und ihr Wahl­pro­gramm zum Ober­bür­ger­meis­ter bzw. zur Ober­bür­ger­meis­te­rin zu prä­sen­tie­ren.

Leeres Podium zu Beginn der Veranstaltung

Lee­res Podi­um zu Beginn der Ver­an­stal­tung

Con­rad von Meding, stell­ver­tre­ten­der Lei­ter der Lokal­re­dak­ti­on, lei­te­te die Run­de und erläu­ter­te zu Beginn, dass neben dem von den Frei­en Wäh­len nomi­nier­ten Ronald Rüdi­ger – der wohl ein­fach nicht erschie­nen war – auch Juli­an Klip­pert nicht auf dem Podi­um war. Dem hat­te die HAZ die Ein­la­dung ver­wei­gert, da sie das merk­wür­di­ge Zwit­ter­spiel aus Ein­zel­kan­di­da­tur und Kan­di­da­tur für die PARTEI nicht mit­spie­len woll­te. Die lau­ten Buh-Rufe aus den Rei­hen der im Publi­kum anwe­sen­den PAR­TEI-Gän­ger kon­ter­te von Meding sou­ve­rän: „So ist es halt.”

Conrad von Meding (rechts) eröffnet die Runde. Die Kandidaten (von links): Catharina Gutwerk (PARTEI), Ruth Esther Gilmore, Jessica Kaußen (Linke), Iyabo Kaczmarek, Tobias Braune, Adam Wolf (Piraten), Joachim Wundrak (AfD)

Con­rad von Meding (rechts) eröff­net die Run­de. Die Kan­di­da­ten (von links): Catha­ri­na Gut­werk (PARTEI), Ruth Esther Gilmo­re, Jes­si­ca Kau­ßen (Lin­ke), Iyabo Kacz­ma­rek, Tobi­as Brau­ne, Adam Wolf (Pira­ten), Joa­chim Wund­rak (AfD)

Um es vor­weg zu neh­men: Die Run­de erreich­te bei wei­tem nicht das Niveau des Schlag­ab­tau­sches der Vor­wo­che. Bei sie­ben Men­schen auf der Büh­ne hat jeder ein­zel­ne natür­lich weni­ger Rede­zeit. Aber nicht immer wur­de bei den Bei­trä­gen auch völ­lig klar, was die ein­zel­nen Kan­di­da­ten woll­ten.

Neh­men wir bei­spiels­wei­se Catha­ri­na Gut­werk, nomi­nier­te Kan­di­da­ten der PARTEI. Die war offen­sicht­lich ange­tre­ten, auch in die­ser Run­de die PAR­TEI-typi­sche sar­ti­ri­sche Über­spit­zung zu betrei­ben. Das kann wit­zig sein, aber hier geht es schief. Zur Ver­kehrs­po­li­tik kom­men abge­le­se­ne Ein­las­sun­gen über Kon­do­me (Hö hö hö) und auf die Fra­ge nach dem Grund für die Kan­di­da­tur mit Juli­an-Klip­pert-Mas­ke auf dem Kopf: „Mehr Sand­strän­de für Han­no­ver.”

Adam Wolf, von der Pira­ten­par­tei als Kan­di­dat auf­ge­stellt und Rats- und Regi­ons­ab­ge­ord­ne­ter der Par­tei, sieht sich als Mann der neu­en Lösun­gen, der den „von rot-grün in den Dreck” gefah­re­nen Kar­ren wie­der flott machen will. Sein Patent­re­zept: Run­de Tische. Mobi­li­täts­kon­zept? Run­der Tisch. Woh­nun­gen für Obdach­lo­se? Run­der Tisch. Ver­wal­tungs­struk­tu­ren über­ar­bei­ten? Run­der Tisch. Als lang­jäh­ri­ges Pira­ten­mit­glied höre ich auch die fei­nen Pira­tis­men, die bei ihm immer wie­der durch­kom­men. Öffent­li­cher Ver­kehr ist nicht „kos­ten­los”, son­dern „fahr­schein­frei”, denn: „Irgend­wer muss es ja zah­len.” Das ist schon sehr spitz­fin­dig.

Ein wenig als Para­dies­vo­gel kommt die Ein­zel­kan­di­da­tin Ruth Esther Gilmo­re daher. Sie ist Lyri­ke­rin und als sie die Not­wen­dig­keit von Frisch­luft­kor­ri­do­ren im Stadt­bild beschreibt, wird sie gera­de­zu poe­tisch. Lei­der ist sie nicht immer strin­gent in ihrer Argu­men­ta­ti­on: Da stellt sie fest, dass es in Han­no­ver zu wenig Woh­nun­gen und zu wenig Bau­tä­tig­keit gibt – nur um ab dem nächs­ten Satz auf­zu­zäh­len, wo man über­all nicht bau­en soll: Nicht in Klein­gär­ten, nicht auf Grün­flä­chen, nicht mit Haus­boo­ten auf dem Was­ser (die­ser ori­gi­nel­le Vor­schlag kam vor­her vom Pira­ten Wolf) und kei­nes­falls auf Gewer­be­flä­chen – der Boden­be­las­tung wegen. Da fragt man sich schon: Wie geht das zusam­men?

Erwäh­nen muss man die bei­den Her­ren mit AfD-Bezug: Ex-Mit­glied und mitt­ler­wei­le unab­hän­gi­ger Rats­herr Tobi­as Brau­ne (von dem ich kein ver­link­ba­res Pro­fil zur OB-Wahl gefun­den habe) und der ehe­ma­li­ge Drei-Ster­ne-Gene­ral Joa­chim Wund­rak, den die Par­tei auf­ge­stellt hat. Bei­de haben einen ganz ähn­li­chen Fetisch für „Sicher­heit”. Wäh­rend Brau­ne hier die emo­tio­na­le Schie­ne fährt („Mei­ne Toch­ter hat Angst!”), kommt Wund­rak hoch­ge­sto­chen mit „staat­li­chen Kern­auf­ga­ben”, „Gewalt­mo­no­pol” und hoch­zu­rüs­ten­der Poli­zei. Beim Zuhö­ren schwan­ke ich zwi­schen belus­tigt – Fra­ge: „Wie machen Sie den ÖPNV attrak­ti­ver?”, Ant­wort: „Siche­rer machen” – und kaum aus­zu­hal­ten, wenn er raunt: „Ich habe mich mit Poli­zei und LKA unter­hal­ten – es sieht nicht rosig aus.”

Von ganz ande­rem For­mat ist Jes­si­ca Kau­ßen, die von den Lin­ken nomi­niert ist. Die Regi­ons- und Laat­zener Stadt­rats­ab­ge­ord­ne­te kennt Ver­wal­tungs­ab­läu­fe – und das dif­fi­zi­le Hin und Her zwi­schen Stadt und Regi­on. Als Kan­di­da­tin ihrer Par­tei ver­tritt sie lin­ke Kern­for­de­run­gen mit güns­ti­gem ÖPNV und genos­sen­schaft­li­chen Model­len für den Woh­nungs­bau. Auf die Ein­stiegs­fra­ge nach ihrem Haupt­ar­gu­ment für ihre Kan­di­da­tur kommt aber nur, es wäre Zeit für eine Frau an der Ver­wal­tungs­spit­ze.

Und dann ist da noch Iyabo Kacz­ma­rek. Die Ein­zel­kan­di­da­tin hat schon sehr früh ihre Kan­di­da­tur ver­öf­fent­licht, rei­tet aber dan­kens­wer­ter­wei­se nicht auf dem Geschlech­ter­as­pekt her­um. Als Kul­tur­ma­na­ge­rin in Han­no­ver kennt sie die Stadt – und sie steht mit jeder ihrer Äuße­run­gen für eine offe­ne, leben­di­ge Gesell­schaft. Als Brau­ne und Wund­rak ihr Sicher­heits­thea­ter spie­len, ist sie es, die lei­den­schaft­lich beklagt, die Debat­te wer­de „auf Bild-Niveau” geführt.

Inhalt­lich spannt von Meding den Bogen ganz ähn­lich wie Felix Har­b­art bei der Dis­kus­si­on in der Vor­wo­che. Das The­ma „Ver­kehr” ist an den Anfang gestellt und nimmt brei­ten Raum ein. Der gemein­sa­me Nen­ner aller Kan­di­da­ten ist der öffent­li­che Ver­kehr: Der soll bes­ser wer­den. Und bil­li­ger. Vor allem für Kin­der. Wund­rak fällt – nicht zum letz­ten Mal am Abend – dadurch auf, dass er Din­ge for­dert, die schon umge­setzt wer­den („Stadt­bahn nach Hem­min­gen”) oder gar nicht in den Ein­fluss­be­reich der Stadt Han­no­ver fal­len („Stadt­bahn nach Seel­ze”). Kau­ßen ist die ein­zi­ge, die expli­zit von För­de­rung des Rad­ver­kehrs spricht, Wolf bekennt sich zur „auto­frei­en Innen­stadt” – auf Nach­fra­ge aller­dings nur für Fahr­zeu­ge mit Ver­bren­nungs­mo­tor.

Die Mehr­zahl der Anwe­sen­den fällt in das momen­tan belieb­te Beschimp­fen der noch neu­en E‑Roller ein: Kacz­ma­rek und Gilmo­re wol­len sie ver­bie­ten, und Gilmo­re spannt dabei den ganz gro­ßen Bogen zu den „Kin­dern in Afri­ka”, die die Roh­stof­fe für die Bat­te­ri­en abbau­en müs­sen, Brau­ne setzt eher auf ver­grä­men mit Regu­lie­rung und Gebüh­ren. Immer­hin Wolf sieht auch Chan­cen inner­halb eines „neu­en Mobi­li­täts­kon­zepts”.

Diskussionsrunde: Iyabo Kaczmarek in der Mitte mit Mikrofon

Dis­kus­si­ons­run­de: Iyabo Kacz­ma­rek in der Mit­te mit Mikro­fon

Auch das The­ma „Wohn­raum” ist aus der vori­gen Ver­an­stal­tung bekannt. Wolf setzt auf bemer­kens­wert krea­ti­ve Lösun­gen wie Con­tai­ner­dör­fer („mobi­le Raum­ein­hei­ten”) auf Park­plät­zen, Wohn­boo­te auf den han­no­ver­schen Gewäs­sern und die Frei­ga­be von Klein­gär­ten. Vie­le ande­re Kan­di­da­ten haben vor allem aktu­ell leer­ste­hen­de Gebäu­de jeg­li­cher Aus­rich­tung im Blick, die sie wohn­be­bau­en wol­len. Oder Leer­flä­chen. Aber die sind ja irgend­wie auch wich­tig. Wund­rak glänzt ein wei­te­res Mal damit, jetzt, wo die Bebau­ung von Was­ser­stadt und der süd­li­chem Krons­berg begon­nen hat, die Bebau­ung von Was­ser­stadt und süd­li­chem Krons­berg for­cie­ren zu wol­len.

Beson­ders per­fi­de ist an die­ser Stel­le Wund­raks Ver­such, einen Eklat mit der unbe­leg­ten Behaup­tung zu pro­vo­zie­ren, die Woh­nungs­knapp­heit läge auch an einer „Migra­ti­on in die Sozi­al­sys­te­me”. Er lei­tet das mit dem Hin­weis ein, er wer­de ja immer wie­der dafür kri­ti­siert, so etwas zu sagen – und lei­der beloh­nen vor allem die PAR­TEI-Gän­ger im Publi­kum das plum­pe Geze­ter mit ver­nehm­li­chen Buh-Rufen.

Lei­der waren im Publi­kum auch vie­le Men­schen, die die­ses Gere­de für bare Mün­ze neh­men. Den – kor­rek­ten Hin­weis von Wolf, die Flücht­lings­zah­len sei­en seit 2015 kon­ti­nu­ier­lich zurück­ge­gan­gen, kom­men­tie­ren sie mit hämi­schem Geläch­ter.

Nichts uner­war­te­tes beim The­ma „Gen­der­stern”: Brau­ne und Wund­rak fin­den ihn doof, wobei Wund­rak durch­aus „jun­ge gute Frau­en” för­dern will, die sich aller­dings auch „zur Ver­fü­gung stel­len” müss­ten. Alle ande­ren wol­len ihn behal­ten.

Bei Wund­rak sind mir noch zwei Din­ge bemer­kens­wert unan­ge­nehm auf­ge­fal­len: Ob er sich von den rechts­ex­tre­men Teil­neh­mern der AfD-Demo vom ver­gan­ge­nen Wochen­en­de distan­ziert, will ein Leser wis­sen. Die Ant­wort ist ein ein­zi­ges Her­um­win­den: Die Demo sei geneh­migt gewe­sen, offen für alle und über­haupt habe er ja nicht erken­nen kön­nen, wer da mit wel­cher Gesin­nung teil­ge­nom­men habe. Distan­zie­rung klingt anders; „Niveau­los” und „unfass­bar” sind Zwi­schen­ru­fe, die aus dem Publi­kum fal­len. Und zur Kul­tur­haupt­stadt befragt muss er beken­nen, sich da noch nicht mit beschäf­tigt zu haben („Das wird aber in den nächs­ten Tagen pas­sie­ren.”). So kann er dann nur etwas davon erzäh­len, „ech­te Kul­tur” haben zu wol­len, „nicht nur Bun­tes”, son­dern ein „brei­tes kul­tu­rel­les Ereig­nis”. Die an Belie­big­keit kaum zu über­bie­ten­den Ein­las­sun­gen gip­feln dar­in, die Kul­tur dür­fe „nicht belie­big” sein.

Es sind vor allem Kacz­ma­rek und Wolf, die die Bewer­bung zur Kul­tur­haupt­stadt 2025 hoch­hal­ten. Kacz­ma­rek mit ihrem berufs­be­ding­ten tie­fen Ein­blick in die Kul­tur­sze­ne und die Chan­cen, die sich ihr bie­ten und Wolf mit dem Hin­weis, dass selbst der Bewer­bungs­pro­zess selbst schon posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die han­no­ver­sche Kul­tur­sze­ne hat. Kau­ßen hin­ge­gen merkt kor­rek­ter­wei­se an, dass as The­ma auch noch brei­ter hät­te auf­ge­stellt wer­den kön­nen und dass der Bewer­bungs­pro­zess rela­tiv wenig trans­pa­rent ist.

Fazit nach 90 Minu­ten: Ich wür­de jede Wet­te ein­ge­hen, dass wir den zukünf­ti­gen Ober­bür­ger­meis­ter (mensch) von Han­no­ver an die­sem Abend nicht auf der Büh­ne gese­hen haben. Zu wenig poin­tiert sind die Kan­di­da­ten die­ser Ver­an­stal­tung. Zum „Favo­rit” hat nie­mand von ihnen das Zeug und als „Under­dog” unter­schei­den sie sich samt und son­ders zu wenig von den „gro­ßen Drei”. Die Ein­zel­kan­di­da­ten haben mit der zusätz­li­chen Schwie­rig­keit zu kämp­fen, dass sie kei­ner­lei Appa­rat haben um den Par­tei­kan­di­da­ten orga­ni­sa­to­risch „auf Augen­hö­he” ent­ge­gen­zu­tre­ten.

Kau­ßen und Kacz­ma­rek haben bei mir den meis­ten Ein­druck hin­ter­las­sen. Die eine auf poli­ti­scher Ebe­ne aktiv, die ande­re durch ihre Arbeit im Kul­tur­be­reich. Das sind die bei­den Kan­di­da­tin­nen, die am ehes­ten tat­säch­lich ein gewis­ses Vor­wis­sen dar­über zu erken­nen gege­ben haben, wie eine Ver­wal­tung „tickt”, wie die Zusam­men­hän­ge zwi­schen Stadt, Regi­on und Land sind und was ihre Rol­le als Ober­bür­ger­meis­te­rin in der Stadt sein könn­te.

Mit Abstri­chen gilt das auch für Wolf – bloß dass da schon wie­der das Pro­fil ver­schwimmt. Ein net­ter Mensch, der den Wohn­raum­man­gel mit Haus­boo­ten ver­min­dern will und die Ver­wal­tung am Run­den Tisch umstruk­tu­riert. Das über­zeugt mich nicht.

Gilmo­re und Gut­werk blei­ben für mich blass. Letz­te­re, weil von ihr nur weni­ge Rede­bei­trä­ge und kaum eine belast­ba­re Aus­sa­ge kommt. Zudem ist der PAR­TEI-Kla­mauk an die­sem Abend sicht­lich fehl am Plat­ze. Ers­te­re ist sicher­lich ein inte­ge­rer Mensch, aber ich erken­ne über­haupt kei­ne über­ge­ord­ne­te Idee hin­ter ihrer Kan­di­da­tur.

Blei­ben Brau­ne und Wund­rak. Die erfül­len an die­sem Abend rela­tiv ziel­si­cher alle wich­ti­gen Kli­schees zu ihren Per­so­nen. Brau­ne als „unab­hän­gi­ger Geist”, der aber immer erah­nen lässt, was ihn wohl damals zu sei­ner Ex-Par­tei getrie­ben hat. Und Wund­rak als um Serio­si­tät bemüh­tes AfD-Aus­hän­ge­schild, der gleich­zei­tig sei­ne Kli­en­tel mit den Sprü­chen von über­bor­den­der Kri­mi­na­li­tät und Migra­ti­on bedient. Für eine offe­ne Gesell­schaft oder Stadt steht kei­ner von bei­den.

Veranstaltungsende: Alle applaudieren

Ver­an­stal­tungs­en­de: Alle applau­die­ren

Schau­en wir, wel­che Impul­se die Kan­di­da­ten­rie­ge in den nächs­ten Wochen noch set­zen kann. Ich wün­sche mir einen span­nen­den, erkennt­nis­rei­chen Wahl­kampf!

Hier geht’s zu mei­nem Arti­kel über das 1. HAZ-Forum zur OB-Wahl mit Marc Hans­mann, Belit Onay und Eck­hard Scholz am 2019-08-20.

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