Bericht: Plätze, Parks & Co. – Vom Umgang mit dem öffentlichen Raum in Hannover 5


Zu einer inter­es­san­ten Ver­an­stal­tung hat das Bür­ger­bü­ro Stadt­ent­wick­lung am gest­ri­gen 2017-01-30 ein­ge­la­den: Wel­che Ten­den­zen gibt es im Umgang mit dem öffent­li­chen Raum in Han­no­ver und wie kann man sie beein­flus­sen? Unter der grif­fi­gen Über­schrift „Plät­ze, Parks & Co.” dis­ku­tier­ten Poli­ti­ker, Ver­tre­ter von Initia­ti­ven und Exper­ten für Stadt­ent­wick­lung gemein­sam mit dem Publi­kum Stand und Per­spek­ti­ven für die Frei­räu­me in Han­no­ver.

Eröffnung der Veranstaltung durch bbs-Geschäftsführer Oliver Kuklinski

Eröff­nung der Ver­an­stal­tung durch bbs-Geschäfts­füh­rer Oli­ver Kuklin­ski

Die Exper­ten

Den Auf­takt im sehr gut besuch­ten Klei­nen Saal im Pavil­lon am Rasch­platz mach­ten zwei Impuls­vor­trä­ge von Sei­ten der Pla­ner. Prof. Klaus Sel­le von der RWTH Aachen führ­te all­ge­mein ein: Was ist „öffent­li­cher Raum” über­haupt? Was bedeu­tet er für die Stadt? Wie hat er sich im Lau­fe der Zeit gewan­delt? Und: Wie kann man ihn gemein­sam gestal­ten?

Prof. Klaus Selle

Prof. Klaus Sel­le

Zwei Namen fie­len hier zum ers­ten, im Lau­fe des Abends aber nicht zum letz­ten Mal: Sel­le zitier­te die US-ame­ri­ka­ni­sche Stadt­pla­ne­rin Jane Jacobs und den däni­schen Stadt­pla­ner Jan Gehl. Aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven kom­men bei­de zum sel­ben Schluss: Der städ­ti­sche öffent­li­che Raum wird von den Bedürf­nis­sen den Auto­ver­kehrs domi­niert und die­se Domi­nanz muss been­det wer­den. Sel­le führ­te Bei­spie­le wie die Maria­hil­fer Stra­ße oder die See­stadt Aspern in Wien und den Bou­le­vard Anspach in Brüs­sel an, wo sol­che Ent­wick­lun­gen bereits im Gan­ge sind. Für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung ist zudem eine inten­si­ve Betei­li­gung aller betrof­fe­nen Inters­sen­grup­pen über den gesam­ten Pla­nungs­pro­zess sehr wich­tig; für einen klei­nen Platz in Aachen konn­te Sel­le hier mehr als ein Dut­zend sol­cher „Sta­ke­hol­der” auf­füh­ren – von den Anwoh­nern über ver­schie­de­ne Abtei­lun­gen der Stadt­ver­wal­tung bis hin zur IHK.

Dr.-Ing. Sid Auffarth

Dr.-Ing. Sid Auf­farth

Aus han­no­ver­scher Sicht beleuch­te­te anschlie­ßend Stadt­bau-His­to­ri­ker Dr.-Ing. Sid Auf­farth die The­ma­tik. Auf­farth ist seit Jahr­zehn­ten mit han­no­ver­scher Stadt­bau­his­to­rie befasst. Die eine oder ande­re kri­ti­sche Bemer­kung zur Expo-2000 konn­te er sich selbst 17 Jah­re nach die­ser Ver­an­stal­tung nicht ver­knei­fen, obwohl gera­de in ihrem Vor­feld lang­fris­ti­ge Stadt­ent­wick­lungs­pro­jek­te wie das „Stadt­platz­pro­gramm” gestar­tet wor­den waren. Auch Auf­farth sieht einen Schlüs­sel zum Erfolg bei der Ent­wick­lung von öffent­li­chem Raum die Betei­li­gung der unmit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft. Man muss „das Bür­ger­steig­bal­lett beob­ach­ten,” zitier­te auch er Jane Jacobs.

The bal­let of the good city side­walk never repeats its­elf from place to place, and in any once place is always rep­le­te with new impro­vi­sa­ti­ons.
– Jane Jacobs, The Death and Life of Gre­at Ame­ri­can Cities

Auf­farth zürn­te der „Abriss- und Neu­bau­wut für die auto­ge­rech­te Stadt” – auch wenn die mei­ner Mei­nung nach in die­ser Form ja nun mitt­ler­wei­le 50 Jah­re und län­ger zurück­liegt und sich mitt­ler­wei­le Etli­ches geän­dert hat. Deut­lich aber auch sei­ne Kri­tik an der Bür­ger­be­tei­li­gung bei aktu­el­len Pro­jek­ten: Tegtmeyer’s Hof (wo auch immer das sein soll, ich habe es nicht gefun­den), Kla­ges­markt, Stein­tor, Mar­stall – die Bür­ger­be­tei­li­gung hat stark nach­ge­las­sen, wird teil­wei­se gar nicht mehr ver­sucht. Das Resul­tat sind schlech­te Lösun­gen – und schlech­te Stim­mung bei den nicht betei­lig­ten Betrof­fe­nen.

Das Podi­um

Teil zwei der Ver­an­stal­tung war dann eine Podi­ums­dis­kus­si­on mit immer­hin zwölf Teil­neh­mern auf der Büh­ne: Drei Bau­po­li­ti­kern und einem Bür­ger­ver­tre­ter aus der Rats­po­li­tik, vier Ver­tre­tern pri­va­ter Initia­ti­ven zur Stadt­ent­wick­lung und vier Exper­ten. Auch der her­vor­ra­gen­den Dis­kus­si­ons­lei­tung von bbs-Geschäfts­füh­rer Oli­ver Kuklin­ski ist zu ver­dan­ken, dass die Dis­kus­si­on trotz der vie­len Betei­lig­ten fokus­siert und span­nend blieb.

Diskussionspanel

Dis­kus­si­ons­pa­nel

Dis­kus­si­ons­pa­nel von links nach rechts: Dr. Eli­sa­beth Clau­sen-Mura­di­an, bau­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen; Felix Blasch­zyk, bau­po­li­ti­scher Spre­cher CDU; Chris­ti­an Klei­ne, Bür­ger­ver­tre­ter für die SPD im Bau­aus­schuss; Wil­fried Engel­ke, bau­po­li­ti­scher Spre­cher FDP; Oli­ver Thie­le, PlatzDa!-Projekt; Dr. Tho­mas Köh­ler, Tran­si­ti­on Town Han­no­ver; Lena Hop­pe, Wert der Din­ge/Stadtmöbel; Ingrid Wage­mann, Agen­tur für Zwi­schen­raum­nut­zung; Dr.-Ing. Sid Auf­farth, Stadt­bau­his­to­ri­ker; Prof. Klaus Sel­le, RWTH Aachen; Karin Kell­ner, Stadt­pla­ne­rin; Dr.-Ing. Ulrich Ber­ding, Stadt­pla­ner

Die Poli­tik zum Bei­spiel ist sich einig, dass Din­ge nicht rich­tig lau­fen. Eli­sa­beth Clau­sen-Mura­di­an von den Grü­nen und Wil­fried Engel­ke, FDP-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der, führ­ten bei­de die – einst­wei­len geschei­ter­te – Bebau­ungs­pla­nung für das Stein­tor an. Im Fal­le von Frau Clau­sen-Mura­di­an ist das durch­aus bemer­kens­wert, hat­te sie doch zum Ende der vori­gen Rats­pe­ri­ode genau die­ser Pla­nung noch zuge­stimmt. Und Herr Engel­ke hat sich zwar schon immer ent­schie­den gegen die Pla­nun­gen aus­ge­spro­chen, will – zumin­dest momen­tan – aber doch nicht den Bebau­ungs­plan ent­spre­chend ändern. SPD-Bür­ger­ver­tre­ter Chris­ti­an Klei­ne, für den erkrank­ten Lars Kelich ein­ge­sprun­gen, brach­te die unglück­li­che Pla­nungs­ge­schich­te der Stein­tor­be­bau­ung als „Appen­dix der Lan­gen Lau­be” zur Spra­che – scha­de dass das nicht schon 2016 von der SPD bei der Ver­ab­schie­dung der Pla­nun­gen bedacht wor­den war. So ver­wei­sen jetzt alle drei „Nicht-Koali­tio­nä­re” – SPD, Grü­ne und FDP bil­den im han­no­ver­schen Rat momen­tan eine Mehr­heits­grup­pe ohne for­mel­len Koali­ti­ons­ver­trag – auf die geplan­te „umfas­sen­de Bür­ger­be­tei­li­gung” fürs Stein­tor und stel­len dafür immer­hin 500.000 Euro in den Haus­halt 2017/2018 ein.

Steintor: Nach der gescheiterten Bebauungsplanung jetzt mehr Bürgerbeteiligung

Stein­tor: Nach der geschei­ter­ten Bebau­ungs­pla­nung jetzt mehr Bür­ger­be­tei­li­gung

Die „enga­gier­te Öffent­lich­keit” auf dem Podi­um weiß der­weil von ande­ren Pro­ble­men zu berich­ten. Lena Hop­pe zum Bei­spiel wür­de ger­ne „Stadt­mö­bel” im öffent­li­chen Raum auf­stel­len – spe­zi­ell auf die Situa­ti­on eines Plat­zes abge­stimm­tes Mobi­li­ar. Trotz wis­sen­schaft­li­cher Beglei­tung und TÜV-Zer­ti­fi­kat gestal­tet sich der Dia­log mit der Ver­wal­tung aber zäh. Dr. Tho­mas Köh­ler von Tran­si­ti­on Town Han­no­ver geht sogar noch wei­ter: Wäh­rend Bür­ger der Stadt deren Ent­wick­lung durch­aus selbst in die Hand neh­men wol­len, will die Ver­wal­tung eben genau dies nicht. Die Ver­wal­tung muss also der Stadt­ge­sell­schaft mehr zutrau­en und die Stadt­ge­sell­schaft muss die Ver­wal­tung gege­be­nen­falls auch zu die­ser Erkennt­nis hin­scheu­chen, so sein Fazit.

Marstall: Umfangreiche Neubauten in ehemals öffentlichem Raum

Mar­stall: Umfang­rei­che Neu­bau­ten in ehe­mals öffent­li­chem Raum

An die­ser Schnitt­stel­le sieht sich auch Ingrid Wage­mann für die „Agen­tur für Zwi­schen­raum­nut­zung”. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Künst­lern und Ver­wal­tung ist nicht immer rei­bungs­los, aber: „Die Stadt ist mutig.”

Spä­tes­tens hier fällt deut­lich die Lücke auf dem Podi­um auf: Neben Poli­tik, Öffent­lich­keit und Exper­ten hät­ten dort eigent­lich auch Ver­tre­ter der Ver­wal­tung hin­ge­hört. Aller­dings berich­te­te Kuklin­ski gleich am Anfang der Ver­an­stal­tung, dass eine sol­che Teil­nah­me sei­tens der Ver­wal­tung abge­lehnt wor­den ist. Man sei in einem inter­nen Klä­rungs­pro­zess und wol­le erst im Früh­jahr an die Öffent­lich­keit. Ange­sichts der hoch­ka­rä­ti­gen Beset­zung der Ver­an­stal­tung ist das voll­stän­di­ge Feh­len offi­zi­el­ler Ver­tre­ter trotz­dem – vor­sich­tig aus­ge­drückt – bemer­kens­wert.

Klagesmarkt: Umfassende Umgestaltung, Bürgerbeteiligung hinreichend?

Kla­ges­markt: Umfas­sen­de Umge­stal­tung, Bür­ger­be­tei­li­gung hin­rei­chend?

Oli­ver Thie­le vom PlatzDa!-Projekt berich­te­te, wie auch tem­po­rä­re Ände­run­gen von Raum­nut­zun­gen nach­hal­tig wir­ken kön­nen: Im Som­mer 2016 hat er das „Bespie­len” des Lin­de­ner Markt­plat­zes orga­ni­siert: Zeit­lich cle­ver auf das Ende des sams­täg­li­chen Wochen­mark­tes abge­stimmt haben er und Dut­zen­de Mit­strei­ter den Markt­platz als Spiel- und Begeg­nungs­platz benutzt, sodass er für ein paar Stun­den nicht als Auto­park­platz genutzt wer­den konn­te. Aus die­sen zeit­lich begrenz­ten Aktio­nen hat sich mitt­ler­wei­le eine stadt­teil­wei­te Dis­kus­si­on um die Nut­zung des Lin­de­ner Markt­plat­zes und das Ver­kehrs­kon­zept ins­ge­samt ent­wi­ckelt – Aus­gang offen.

Doch für sol­che Expe­ri­men­te ist wenig Platz. Auch mehr­fa­chem Nach­ha­ken des Mode­ra­tors wichen die Poli­ti­ker auf dem Podi­um aus. Sowohl Felix Blasch­zyk von der CDU als auch SPD-Ver­tre­ter Klei­ne wer­den beim The­ma Park­plät­ze vor­sich­tig. „Punk­tu­el­le Anpas­sun­gen” kann Blasch­zyk sich maxi­mal vor­stel­len, ein „ewi­ges Streit­the­ma” sieht Klei­ne, das „gro­ßen Druck erzeugt”.

Von Exper­ten­sei­te bringt Stadt­pla­ner Dr.-Ing. Ulrich Ber­ding eine Idee ins Spiel, die in Mün­chen dis­ku­tiert wird: An einem Tag im Jahr soll die „tem­po­rä­re Beein­flus­sung” des öffent­li­chen Rau­mes ohne gro­ßen Ver­wal­tungs­auf­wand mög­lich sein. So kön­nen Spiel­stra­ßen, Grün­flä­chen oder ver­kehrs­be­ru­hi­gen­de Maß­nah­men „ein­fach mal aus­pro­biert” wer­den – ein biss­chen im Geis­te von Thie­les „PlatzDa!”-Platzbespielung. Knap­per Kom­men­tar des FDP-Ver­tre­ters Engel­ke zum Expe­ri­men­tier­tag:

Das geht mir zu weit.
– Wil­fried Engel­ke zu Expe­ri­men­tier­ta­gen im öffent­li­chen Raum

Han­no­ver ist wohl momen­tan wirk­lich kein gutes Pflas­ter für Expe­ri­men­te. „Ursa­che oder Wir­kung?” fra­ge ich mich ange­sichts der Aus­füh­run­gen von Stadt­pla­ne­rin Karin Kell­ner. „Han­no­ver ist lang­wei­lig”, beschreibt sie die Wahr­neh­mung von außen auf die Stadt – und das liegt auch am auto­ge­rech­ten öffent­li­chen Raum. Die Stadt hat Defi­zi­te und muss „umpro­gram­miert” wer­den – und zwar mit Mit­teln, die über rei­ne Bür­ger­be­tei­li­gung hin­aus­ge­hen. „Ist der Auto­ver­kehr wirk­lich so wich­tig für die Innen­stadt, dass er in der Wei­se bevor­zugt wer­den muss, wie das in Han­no­ver der Fall ist?” stellt sie als Fra­ge in den Raum, über die sich die Stadt­ge­sell­schaft aus­tau­schen müs­se.

Die Zuschau­er

Den drit­ten Teil der Ver­an­stal­tung schließ­lich gestal­ten die Besu­cher. In meh­re­ren klei­nen Grup­pen dis­ku­tie­ren sie über zwei Fra­gen: „Wo sehen wir die aktu­el­len Her­aus­for­de­run­gen in der Stadt­ent­wick­lung?” und „Was soll­te im Umgang mit dem öffent­li­chen Raum beach­tet wer­den?” Anschlie­ßend stellt ein Ver­tre­ter jeder Grup­pe die Dis­kus­si­ons­er­geb­nis­se vor.

Die gut durch­misch­te Besu­cher­schaft schafft es, eine bemer­kens­wer­te Band­brei­te von Aspek­ten auf­zu­brin­gen. Gene­rell kann man kon­kre­te Anlie­gen zu ein­zel­nen geplan­ten Stadt­ent­wick­lungs­pro­jek­ten tren­nen von all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen zur Gestal­tung von Pro­zes­sen zur Stadt­ent­wick­lung.

Ihmezentrum: Ungelöstes städtebauliches Problem

Ihme­zen­trum: Unge­lös­tes städ­te­bau­li­ches Pro­blem

Kon­kret wer­den – vor allem durch betrof­fe­ne Anwoh­ner – die anste­hen­den Umge­stal­tungs­pro­jek­te Wede­kind­platz und Andre­as-Her­mes-Platz zur Spra­che gebracht. Die Bür­ger­be­tei­li­gung wird als eher unzu­rei­chend emp­fun­den, ein Archi­tekt rügt, dass selbst die nicht all­zu umfang­rei­che gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Bür­ger­be­tei­li­gung in Han­no­ver eher als läs­ti­ge Pflicht­übung denn als ernst­haf­te Dis­kus­si­ons­mög­lich­keit gelebt wird. Ein jun­ger Ver­tre­ter einer BMX-Par­cours-Inter­es­sen­grup­pe argu­men­tiert schwer wider­leg­bar für schnel­le­re Ent­schei­dungs­pro­zes­se: „Ich bin ja nicht ewig jugend­lich, ich will da auch noch was von haben.”

Auch die Podi­ums­ver­tre­ter, die in einer eige­nen Grup­pe mit­ein­an­der dis­ku­tiert haben, brin­gen vor allem sol­che kon­kre­ten Denk­an­stö­ße, gepaart mit der Idee, dass es für Dis­kus­sio­nen um den öffent­li­chen Raum einen „zen­tra­len Aus­tau­schort” mit nied­rig­schwel­li­ger Zugäng­lich­keit geben soll­te.

Abs­trakt sind Ansprü­che an den öffent­li­chen Raum wie Dis­kri­mi­nie­rungs­frei­heit auch Rand­grup­pen gegen­über. Der Rasch­platz zeigt die Ambi­va­lenz: Für die einen ist ein „nicht funk­tio­nie­ren­der öffent­li­cher Raum”, der pro­ble­ma­ti­sches Publi­kum anzieht; für die ande­ren einer der letz­ten Rück­zugs­or­te für Per­so­nen­grup­pen, die sonst kaum noch Platz in der Stadt fin­den. Die Nut­zung öffent­li­chen Rau­mes emp­fin­den meh­re­re Teil­neh­mer auch des­halb als schwie­rig, weil Beden­ken und mög­li­chen Pro­ble­men in der Betrach­tung – ins­be­son­de­re durch die Ver­wal­tung – gro­ßer Raum gege­ben wird, und meh­re­re Teil­neh­mer mei­nen: zu gro­ßer Raum. Da lässt das von Frau Wage­mann vor­ge­stell­te Fazit der Podi­ums-Dis­kus­si­ons­run­de auf­hor­chen: „Manch­mal muss man ein­fach mal machen!”

Problembereich Raschplatz, hier im Jahr 2003 vor dem letzten Umbau

Pro­blem­be­reich Rasch­platz, hier im Jahr 2003 vor dem letz­ten Umbau

Schluss­wort

Das Schluss­wort hat noch­mal Prof. Sel­le aus Aachen. Der kennt Han­no­ver noch aus sei­ner hie­si­gen Zeit von vor 15 Jah­ren und zieht ein ernüch­tern­des Fazit. Han­no­ver war ein­mal füh­rend in Deutsch­land, wenn es um Bür­ger­be­tei­li­gung bei Stadt­ent­wick­lungs- und Bau­pro­jek­ten ging. Es erstaunt ihn, wie viel des Wis­sens dar­um mitt­ler­wei­le ver­lo­ren gegan­gen ist. Er mahnt einen erneu­ten Dia­log zwi­schen Poli­tik, Ver­wal­tung und allen Grup­pen der Bür­ger­ge­sell­schaft an. Nur so kann die Betei­li­gungs­kul­tur – wie­der – ent­ste­hen, die einen gelun­ge­nen moder­nen Stadt­ent­wick­lungs­pro­zess aus­macht. Rhein­län­disch poin­tiert fasst er leicht resi­gniert zusam­men:

War­um müs­sen die den tie­fen Tel­ler immer wie­der neu erfin­den?

Fazit

Es war eine inten­si­ve, kurz­wei­li­ge und durch­aus erkennt­nis­rei­che Ver­an­stal­tung. Die poli­ti­schen Ver­tre­ter sind zwar durch­aus offen für Anre­gun­gen gewe­sen, blei­ben in mei­nen Augen in ihren Aus­sa­gen aber häu­fig etwas blass. Span­nen­de Ein­sich­ten kamen von den Exper­ten, vor allem von Prof. Sel­le als Exter­nem mit lang­jäh­ri­ger (und län­ger zurück lie­gen­der) Han­no­ver-Erfah­rung. Die Berich­te der Akti­vis­ten auf der Büh­ne und die Erkennt­nis­se der Klein­grup­pen­dis­kus­sio­nen haben viel­leicht die wich­tigs­ten Impul­se des Abends gege­ben. Hier konn­te man ahnen, in wel­che Rich­tung eine fort­schritt­li­che Ent­wick­lungs­kul­tur für den öffent­li­chen Raum in Han­no­ver gehen könn­te – und wo die aktu­el­len Defi­zi­te lie­gen. Gera­de die Publi­kums­be­tei­li­gung war bei die­ser Ver­an­stal­tung vor­bild­lich, durch die Klein­grup­pen konn­ten tat­säch­lich vie­le Impul­se gesam­melt und anschlie­ßend fokus­siert wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Das habe ich sel­ten so gut erlebt.

Das größ­te Man­ko der Ver­an­stal­tung war mei­nes Erach­tens die Abwe­sen­heit von offi­zi­el­len Ver­tre­tern der Stadt­ver­wal­tung. Dabei ist gera­de sie unver­zicht­bar für jede Form von neu­en Kon­zep­ten zur Ent­wick­lungs­pla­nung für die Stadt und ihre Frei­räu­me. Es mag sein, dass es momen­tan inter­ne „Fin­dungs­pro­zes­se” bezüg­lich Bür­ger­be­tei­li­gung und Pla­nungs­pro­zes­sen all­ge­mein gibt. Ande­rer­seits ist das nicht die ers­te unab­hän­gi­ge Ver­an­stal­tung zur Stadt­pla­nungs­ent­wick­lung und -poli­tik, der die Bau­ver­wal­tung der Stadt kom­plett fern­bleibt. Es ist mei­nes Erach­tens Auf­ga­be von Bür­ger­ge­sell­schaft und Poli­tik, von der Ver­wal­tung eine kon­struk­ti­ve Mit­ar­beit in die­sen Pro­zes­sen ein­zu­for­dern.

Hat auf der Veranstaltung gefehlt: Stadtbaurat Uwe Bodemann

Hat auf der Ver­an­stal­tung gefehlt: Stadt­bau­rat Uwe Bode­mann

Zwei­tes Man­ko war mei­nes Erach­tens im Rück­blick, dass zwar – mal wie­der – viel über den Auto­ver­kehr dis­ku­tiert wur­de, Rad­ver­kehr aber nicht ein ein­zi­ges Mal erwähnt wur­de. Ich fin­de es immer wie­der put­zig, wenn Teil­neh­mer von ver­kehrs­po­li­ti­schen Dis­kus­si­ons­run­den sich einer­seits über die „auto­ge­rech­te Stadt” echauf­fie­ren, ande­rer­seits aber selbst genau­so auto­zen­triert argu­men­tie­ren (wenn auch mit ande­rem Vor­zei­chen). Hier ist mei­nes Erach­tens im Nach­gang eine geeig­ne­te Erwei­te­rung des Dis­kus­si­ons­fo­kus nötig: Der Fahr­rad­ver­kehr ist zu wich­tig für die Ver­kehrs­pla­nung einer moder­nen Groß­stadt, als dass man ihn in irgend­wel­che Rand­be­rei­che der inhalt­li­chen Dis­kus­si­on abschie­ben könn­te.

Aus­blick

Die Ver­an­stal­tung ist der Auf­takt einer Rei­he rund um die han­no­ver­schen Frei­räu­me. Im April gibt es eine ähn­li­che gear­te­te Ver­an­stal­tung zur Neu­be­bau­ung des Köbel­in­ger Mark­tes, die dor­ti­gen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de sind maro­de und wer­den abge­ris­sen. Und im Mai gibt es eine Ver­an­stal­tung über Ver­gan­gen­heit und Zukunft des Water­loo­plat­zes. Dazu kom­men von die­ser Rei­he unab­hän­gi­ge Ver­an­stal­tun­gen wie die Dis­kus­si­on über den Andre­as-Her­mes-Platz im Pavil­lon am mor­gi­gen Mitt­woch, 2017-02-01 oder die PlatzDa!-Podiumsdiskussion zum Lin­de­ner Markt am 2017-02-09. Sofern es mei­ne Zeit erlaubt, wer­de ich auf jeden Fall bei der einen oder ande­ren die­ser Ver­an­stal­tun­gen dabei sein und hof­fent­lich auch wie­der in die­sem Blog berich­ten.

Alle Fotos: Dirk Hill­brecht


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