Be­richt: Plät­ze, Parks & Co. – Vom Um­gang mit dem öf­fent­li­chen Raum in Han­no­ver 5


Zu ei­ner in­ter­es­san­ten Ver­an­stal­tung hat das Bür­ger­bü­ro Stadt­ent­wick­lung am gest­ri­gen 2017-01-30 ein­ge­la­den: Wel­che Ten­den­zen gibt es im Um­gang mit dem öf­fent­li­chen Raum in Han­no­ver und wie kann man sie be­ein­flus­sen? Un­ter der grif­fi­gen Über­schrift „Plät­ze, Parks & Co.“ dis­ku­tier­ten Po­li­ti­ker, Ver­tre­ter von In­itia­ti­ven und Ex­per­ten für Stadt­ent­wick­lung ge­mein­sam mit dem Pu­bli­kum Stand und Per­spek­ti­ven für die Frei­räu­me in Han­no­ver.

Eröffnung der Veranstaltung durch bbs-Geschäftsführer Oliver Kuklinski

Er­öff­nung der Ver­an­stal­tung durch bbs-Ge­schäfts­füh­rer Oli­ver Ku­klins­ki

Die Ex­per­ten

Den Auf­takt im sehr gut be­such­ten Klei­nen Saal im Pa­vil­lon am Rasch­platz mach­ten zwei Im­puls­vor­trä­ge von Sei­ten der Pla­ner. Prof. Klaus Sel­le von der RW­TH Aa­chen führ­te all­ge­mein ein: Was ist „öf­fent­li­cher Raum“ über­haupt? Was be­deu­tet er für die Stadt? Wie hat er si­ch im Lau­fe der Zeit ge­wan­delt? Und: Wie kann man ihn ge­mein­sam ge­stal­ten?

Prof. Klaus Selle

Prof. Klaus Sel­le

Zwei Na­men fie­len hier zum ers­ten, im Lau­fe des Abends aber nicht zum letz­ten Mal: Sel­le zi­tier­te die US-ame­ri­ka­ni­sche Stadt­pla­ne­rin Ja­ne Ja­cobs und den dä­ni­schen Stadt­pla­ner Jan Gehl. Aus un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven kom­men bei­de zum sel­ben Schluss: Der städ­ti­sche öf­fent­li­che Raum wird von den Be­dürf­nis­sen den Au­to­ver­kehrs do­mi­niert und die­se Do­mi­nanz muss be­en­det wer­den. Sel­le führ­te Bei­spie­le wie die Ma­ria­hil­fer Stra­ße oder die See­stadt As­pern in Wien und den Bou­le­vard An­spach in Brüs­sel an, wo sol­che Ent­wick­lun­gen be­reits im Gan­ge sind. Für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung ist zu­dem ei­ne in­ten­si­ve Be­tei­li­gung al­ler be­trof­fe­nen In­ters­sen­grup­pen über den ge­sam­ten Pla­nungs­pro­zess sehr wich­tig; für ei­nen klei­nen Platz in Aa­chen konn­te Sel­le hier mehr als ein Dut­zend sol­cher „Sta­ke­hol­der“ auf­füh­ren – von den An­woh­nern über ver­schie­de­ne Ab­tei­lun­gen der Stadt­ver­wal­tung bis hin zur IHK.

Dr.-Ing. Sid Auffarth

Dr.-Ing. Sid Auf­far­th

Aus han­no­ver­scher Sicht be­leuch­te­te an­schlie­ßend Stadt­bau-His­to­ri­ker Dr.-Ing. Sid Auf­far­th die The­ma­tik. Auf­far­th ist seit Jahr­zehn­ten mit han­no­ver­scher Stadt­bau­his­to­rie be­fasst. Die ei­ne oder an­de­re kri­ti­sche Be­mer­kung zur Ex­po-2000 konn­te er si­ch selbst 17 Jah­re nach die­ser Ver­an­stal­tung nicht ver­knei­fen, ob­wohl ge­ra­de in ih­rem Vor­feld lang­fris­ti­ge Stadt­ent­wick­lungs­pro­jek­te wie das „Stadt­platz­pro­gramm“ ge­star­tet wor­den wa­ren. Auch Auf­far­th sieht ei­nen Schlüs­sel zum Er­folg bei der Ent­wick­lung von öf­fent­li­chem Raum die Be­tei­li­gung der un­mit­tel­ba­ren Nach­bar­schaft. Man muss „das Bür­ger­steig­bal­lett be­ob­ach­ten,“ zi­tier­te auch er Ja­ne Ja­cobs.

The bal­let of the good ci­ty si­de­walk ne­ver re­peats its­elf from pla­ce to pla­ce, and in any on­ce pla­ce is al­ways re­p­le­te wi­th new im­pro­vi­sa­ti­ons.
– Ja­ne Ja­cobs, The De­ath and Life of Great Ame­ri­can Ci­ties

Auf­far­th zürn­te der „Ab­riss- und Neu­bau­wut für die au­to­ge­rech­te Stadt“ – auch wenn die mei­ner Mei­nung nach in die­ser Form ja nun mitt­ler­wei­le 50 Jah­re und län­ger zu­rück­liegt und si­ch mitt­ler­wei­le Et­li­ches ge­än­dert hat. Deut­li­ch aber auch sei­ne Kri­tik an der Bür­ger­be­tei­li­gung bei ak­tu­el­len Pro­jek­ten: Tegtmeyer’s Hof (wo auch im­mer das sein soll, ich ha­be es nicht ge­fun­den), Kla­ges­markt, Stein­tor, Mar­stall – die Bür­ger­be­tei­li­gung hat stark nach­ge­las­sen, wird teil­wei­se gar nicht mehr ver­sucht. Das Re­sul­tat sind schlech­te Lö­sun­gen – und schlech­te Stim­mung bei den nicht be­tei­lig­ten Be­trof­fe­nen.

Das Po­di­um

Teil zwei der Ver­an­stal­tung war dann ei­ne Po­di­ums­dis­kus­si­on mit im­mer­hin zwölf Teil­neh­mern auf der Büh­ne: Drei Bau­po­li­ti­kern und ei­nem Bür­ger­ver­tre­ter aus der Rats­po­li­tik, vier Ver­tre­tern pri­va­ter In­itia­ti­ven zur Stadt­ent­wick­lung und vier Ex­per­ten. Auch der her­vor­ra­gen­den Dis­kus­si­ons­lei­tung von bbs-Ge­schäfts­füh­rer Oli­ver Ku­klins­ki ist zu ver­dan­ken, dass die Dis­kus­si­on trotz der vie­len Be­tei­lig­ten fo­kus­siert und span­nend blieb.

Diskussionspanel

Dis­kus­si­ons­pa­nel

Dis­kus­si­ons­pa­nel von links nach rechts: Dr. Eli­sa­be­th Clau­sen-Mu­ra­di­an, bau­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen; Fe­lix Blasch­zyk, bau­po­li­ti­scher Spre­cher CDU; Chris­ti­an Klei­ne, Bür­ger­ver­tre­ter für die SPD im Bau­aus­schuss; Wil­fried En­gel­ke, bau­po­li­ti­scher Spre­cher FDP; Oli­ver Thie­le, PlatzDa!-Projekt; Dr. Tho­mas Köh­ler, Tran­si­ti­on Town Han­no­ver; Lena Hop­pe, Wert der Din­ge/​Stadtmöbel; In­grid Wa­ge­mann, Agen­tur für Zwi­schen­raum­nut­zung; Dr.-Ing. Sid Auf­far­th, Stadt­bau­his­to­ri­ker; Prof. Klaus Sel­le, RW­TH Aa­chen; Ka­rin Kell­ner, Stadt­pla­ne­rin; Dr.-Ing. Ul­rich Ber­ding, Stadt­pla­ner

Die Po­li­tik zum Bei­spiel ist si­ch ei­nig, dass Din­ge nicht rich­tig lau­fen. Eli­sa­be­th Clau­sen-Mu­ra­di­an von den Grü­nen und Wil­fried En­gel­ke, FDP-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der, führ­ten bei­de die – einst­wei­len ge­schei­ter­te – Be­bau­ungs­pla­nung für das Stein­tor an. Im Fal­le von Frau Clau­sen-Mu­ra­di­an ist das durch­aus be­mer­kens­wert, hat­te sie doch zum En­de der vo­ri­gen Rats­pe­ri­ode ge­n­au die­ser Pla­nung no­ch zu­ge­stimmt. Und Herr En­gel­ke hat si­ch zwar schon im­mer ent­schie­den ge­gen die Pla­nun­gen aus­ge­spro­chen, will – zu­min­dest mo­men­tan – aber doch nicht den Be­bau­ungs­plan ent­spre­chend än­dern. SPD-Bür­ger­ver­tre­ter Chris­ti­an Klei­ne, für den er­krank­ten Lars Ke­li­ch ein­ge­sprun­gen, brach­te die un­glück­li­che Pla­nungs­ge­schich­te der Stein­tor­be­bau­ung als „Ap­pen­dix der Lan­gen Lau­be“ zur Spra­che – scha­de dass das nicht schon 2016 von der SPD bei der Ver­ab­schie­dung der Pla­nun­gen be­dacht wor­den war. So ver­wei­sen jetzt al­le drei „Nicht-Ko­ali­tio­nä­re“ – SPD, Grü­ne und FDP bil­den im han­no­ver­schen Rat mo­men­tan ei­ne Mehr­heits­grup­pe oh­ne for­mel­len Ko­ali­ti­ons­ver­trag – auf die ge­plan­te „um­fas­sen­de Bür­ger­be­tei­li­gung“ fürs Stein­tor und stel­len da­für im­mer­hin 500.000 Eu­ro in den Haus­halt 2017/2018 ein.

Steintor: Nach der gescheiterten Bebauungsplanung jetzt mehr Bürgerbeteiligung

Stein­tor: Nach der ge­schei­ter­ten Be­bau­ungs­pla­nung jetzt mehr Bür­ger­be­tei­li­gung

Die „en­ga­gier­te Öf­fent­lich­keit“ auf dem Po­di­um weiß der­weil von an­de­ren Pro­ble­men zu be­rich­ten. Lena Hop­pe zum Bei­spiel wür­de ger­ne „Stadt­mö­bel“ im öf­fent­li­chen Raum auf­stel­len – spe­zi­ell auf die Si­tua­ti­on ei­nes Plat­zes ab­ge­stimm­tes Mo­bi­li­ar. Trotz wis­sen­schaft­li­cher Be­glei­tung und TÜV-Zer­ti­fi­kat ge­stal­tet si­ch der Dia­log mit der Ver­wal­tung aber zäh. Dr. Tho­mas Köh­ler von Tran­si­ti­on Town Han­no­ver geht so­gar no­ch wei­ter: Wäh­rend Bür­ger der Stadt de­ren Ent­wick­lung durch­aus selbst in die Hand neh­men wol­len, will die Ver­wal­tung eben ge­n­au dies nicht. Die Ver­wal­tung muss al­so der Stadt­ge­sell­schaft mehr zu­trau­en und die Stadt­ge­sell­schaft muss die Ver­wal­tung ge­ge­be­nen­falls auch zu die­ser Er­kennt­nis hin­scheu­chen, so sein Fa­zit.

Marstall: Umfangreiche Neubauten in ehemals öffentlichem Raum

Mar­stall: Um­fang­rei­che Neu­bau­ten in ehe­mals öf­fent­li­chem Raum

An die­ser Schnitt­stel­le sieht si­ch auch In­grid Wa­ge­mann für die „Agen­tur für Zwi­schen­raum­nut­zung“. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Künst­lern und Ver­wal­tung ist nicht im­mer rei­bungs­los, aber: „Die Stadt ist mu­tig.“

Spä­tes­tens hier fällt deut­li­ch die Lü­cke auf dem Po­di­um auf: Ne­ben Po­li­tik, Öf­fent­lich­keit und Ex­per­ten hät­ten dort ei­gent­li­ch auch Ver­tre­ter der Ver­wal­tung hin­ge­hört. Al­ler­dings be­rich­te­te Ku­klins­ki gleich am An­fang der Ver­an­stal­tung, dass ei­ne sol­che Teil­nah­me sei­tens der Ver­wal­tung ab­ge­lehnt wor­den ist. Man sei in ei­nem in­ter­nen Klä­rungs­pro­zess und wol­le er­st im Früh­jahr an die Öf­fent­lich­keit. An­ge­sichts der hoch­ka­rä­ti­gen Be­set­zung der Ver­an­stal­tung ist das voll­stän­di­ge Feh­len of­fi­zi­el­ler Ver­tre­ter trotz­dem – vor­sich­tig aus­ge­drückt – be­mer­kens­wert.

Klagesmarkt: Umfassende Umgestaltung, Bürgerbeteiligung hinreichend?

Kla­ges­markt: Um­fas­sen­de Um­ge­stal­tung, Bür­ger­be­tei­li­gung hin­rei­chend?

Oli­ver Thie­le vom PlatzDa!-Projekt be­rich­te­te, wie auch tem­po­rä­re Än­de­run­gen von Raum­nut­zun­gen nach­hal­tig wir­ken kön­nen: Im Som­mer 2016 hat er das „Be­spie­len“ des Lin­de­ner Markt­plat­zes or­ga­ni­siert: Zeit­li­ch cle­ver auf das En­de des sams­täg­li­chen Wo­chen­mark­tes ab­ge­stimmt ha­ben er und Dut­zen­de Mit­strei­ter den Markt­platz als Spiel- und Be­geg­nungs­platz be­nutzt, so­dass er für ein paar Stun­den nicht als Au­to­park­platz ge­nutzt wer­den konn­te. Aus die­sen zeit­li­ch be­grenz­ten Ak­tio­nen hat si­ch mitt­ler­wei­le ei­ne stadt­teil­wei­te Dis­kus­si­on um die Nut­zung des Lin­de­ner Markt­plat­zes und das Ver­kehrs­kon­zept ins­ge­samt ent­wi­ckelt – Aus­gang of­fen.

Doch für sol­che Ex­pe­ri­men­te ist we­nig Platz. Auch mehr­fa­chem Nach­ha­ken des Mo­de­ra­tors wi­chen die Po­li­ti­ker auf dem Po­di­um aus. So­wohl Fe­lix Blasch­zyk von der CDU als auch SPD-Ver­tre­ter Klei­ne wer­den beim The­ma Park­plät­ze vor­sich­tig. „Punk­tu­el­le An­pas­sun­gen“ kann Blasch­zyk si­ch ma­xi­mal vor­stel­len, ein „ewi­ges Streit­the­ma“ sieht Klei­ne, das „gro­ßen Druck er­zeugt“.

Von Ex­per­ten­sei­te bringt Stadt­pla­ner Dr.-Ing. Ul­rich Ber­ding ei­ne Idee ins Spiel, die in Mün­chen dis­ku­tiert wird: An ei­nem Tag im Jahr soll die „tem­po­rä­re Be­ein­flus­sung“ des öf­fent­li­chen Rau­mes oh­ne gro­ßen Ver­wal­tungs­auf­wand mög­li­ch sein. So kön­nen Spiel­stra­ßen, Grün­flä­chen oder ver­kehrs­be­ru­hi­gen­de Maß­nah­men „ein­fach mal aus­pro­biert“ wer­den – ein biss­chen im Geis­te von Thie­les „PlatzDa!“-Platzbespielung. Knap­per Kom­men­tar des FDP-Ver­tre­ters En­gel­ke zum Ex­pe­ri­men­tier­tag:

Das geht mir zu weit.
– Wil­fried En­gel­ke zu Ex­pe­ri­men­tier­ta­gen im öf­fent­li­chen Raum

Han­no­ver ist wohl mo­men­tan wirk­li­ch kein gu­tes Pflas­ter für Ex­pe­ri­men­te. „Ur­sa­che oder Wir­kung?“ fra­ge ich mi­ch an­ge­sichts der Aus­füh­run­gen von Stadt­pla­ne­rin Ka­rin Kell­ner. „Han­no­ver ist lang­wei­lig“, be­schreibt sie die Wahr­neh­mung von au­ßen auf die Stadt – und das liegt auch am au­to­ge­rech­ten öf­fent­li­chen Raum. Die Stadt hat De­fi­zi­te und muss „um­pro­gram­miert“ wer­den – und zwar mit Mit­teln, die über rei­ne Bür­ger­be­tei­li­gung hin­aus­ge­hen. „Ist der Au­to­ver­kehr wirk­li­ch so wich­tig für die In­nen­stadt, dass er in der Wei­se be­vor­zugt wer­den muss, wie das in Han­no­ver der Fall ist?“ stellt sie als Fra­ge in den Raum, über die si­ch die Stadt­ge­sell­schaft aus­tau­schen müs­se.

Die Zu­schau­er

Den drit­ten Teil der Ver­an­stal­tung schließ­li­ch ge­stal­ten die Be­su­cher. In meh­re­ren klei­nen Grup­pen dis­ku­tie­ren sie über zwei Fra­gen: „Wo se­hen wir die ak­tu­el­len Her­aus­for­de­run­gen in der Stadt­ent­wick­lung?“ und „Was soll­te im Um­gang mit dem öf­fent­li­chen Raum be­ach­tet wer­den?“ An­schlie­ßend stellt ein Ver­tre­ter je­der Grup­pe die Dis­kus­si­ons­er­geb­nis­se vor.

Die gut durch­misch­te Be­su­cher­schaft schafft es, ei­ne be­mer­kens­wer­te Band­brei­te von As­pek­ten auf­zu­brin­gen. Ge­ne­rell kann man kon­kre­te An­lie­gen zu ein­zel­nen ge­plan­ten Stadt­ent­wick­lungs­pro­jek­ten tren­nen von all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen zur Ge­stal­tung von Pro­zes­sen zur Stadt­ent­wick­lung.

Ihmezentrum: Ungelöstes städtebauliches Problem

Ih­me­zen­trum: Un­ge­lös­tes städ­te­bau­li­ches Pro­blem

Kon­kret wer­den – vor al­lem durch be­trof­fe­ne An­woh­ner – die an­ste­hen­den Um­ge­stal­tungs­pro­jek­te We­de­kind­platz und An­dre­as-Her­mes-Platz zur Spra­che ge­bracht. Die Bür­ger­be­tei­li­gung wird als eher un­zu­rei­chend emp­fun­den, ein Ar­chi­tekt rügt, dass selbst die nicht all­zu um­fang­rei­che ge­setz­li­ch vor­ge­schrie­be­ne Bür­ger­be­tei­li­gung in Han­no­ver eher als läs­ti­ge Pflicht­übung denn als ernst­haf­te Dis­kus­si­ons­mög­lich­keit ge­lebt wird. Ein jun­ger Ver­tre­ter ei­ner BMX-Par­cours-In­ter­es­sen­grup­pe ar­gu­men­tiert schwer wi­der­leg­bar für schnel­le­re Ent­schei­dungs­pro­zes­se: „Ich bin ja nicht ewig ju­gend­li­ch, ich will da auch no­ch was von ha­ben.“

Auch die Po­di­ums­ver­tre­ter, die in ei­ner ei­ge­nen Grup­pe mit­ein­an­der dis­ku­tiert ha­ben, brin­gen vor al­lem sol­che kon­kre­ten Denk­an­stö­ße, ge­paart mit der Idee, dass es für Dis­kus­sio­nen um den öf­fent­li­chen Raum ei­nen „zen­tra­len Aus­tau­schort“ mit nied­rig­schwel­li­ger Zu­gäng­lich­keit ge­ben soll­te.

Abs­trakt sind An­sprü­che an den öf­fent­li­chen Raum wie Dis­kri­mi­nie­rungs­frei­heit auch Rand­grup­pen ge­gen­über. Der Rasch­platz zeigt die Am­bi­va­lenz: Für die ei­nen ist ein „nicht funk­tio­nie­ren­der öf­fent­li­cher Raum“, der pro­ble­ma­ti­sches Pu­bli­kum an­zieht; für die an­de­ren ei­ner der letz­ten Rück­zugs­or­te für Per­so­nen­grup­pen, die son­st kaum no­ch Platz in der Stadt fin­den. Die Nut­zung öf­fent­li­chen Rau­mes emp­fin­den meh­re­re Teil­neh­mer auch des­halb als schwie­rig, weil Be­den­ken und mög­li­chen Pro­ble­men in der Be­trach­tung – ins­be­son­de­re durch die Ver­wal­tung – gro­ßer Raum ge­ge­ben wird, und meh­re­re Teil­neh­mer mei­nen: zu gro­ßer Raum. Da lässt das von Frau Wa­ge­mann vor­ge­stell­te Fa­zit der Po­di­ums-Dis­kus­si­ons­run­de auf­hor­chen: „Manch­mal muss man ein­fach mal ma­chen!“

Problembereich Raschplatz, hier im Jahr 2003 vor dem letzten Umbau

Pro­blem­be­reich Rasch­platz, hier im Jahr 2003 vor dem letz­ten Um­bau

Schluss­wort

Das Schluss­wort hat noch­mal Prof. Sel­le aus Aa­chen. Der kennt Han­no­ver no­ch aus sei­ner hie­si­gen Zeit von vor 15 Jah­ren und zieht ein er­nüch­tern­des Fa­zit. Han­no­ver war ein­mal füh­rend in Deutsch­land, wenn es um Bür­ger­be­tei­li­gung bei Stadt­ent­wick­lungs- und Bau­pro­jek­ten ging. Es er­staunt ihn, wie viel des Wis­sens dar­um mitt­ler­wei­le ver­lo­ren ge­gan­gen ist. Er mahnt ei­nen er­neu­ten Dia­log zwi­schen Po­li­tik, Ver­wal­tung und al­len Grup­pen der Bür­ger­ge­sell­schaft an. Nur so kann die Be­tei­li­gungs­kul­tur – wie­der – ent­ste­hen, die ei­nen ge­lun­ge­nen mo­der­nen Stadt­ent­wick­lungs­pro­zess aus­macht. Rhein­län­di­sch poin­tiert fasst er leicht re­si­gniert zu­sam­men:

War­um müs­sen die den tie­fen Tel­ler im­mer wie­der neu er­fin­den?

Fa­zit

Es war ei­ne in­ten­si­ve, kurz­wei­li­ge und durch­aus er­kennt­nis­rei­che Ver­an­stal­tung. Die po­li­ti­schen Ver­tre­ter sind zwar durch­aus of­fen für An­re­gun­gen ge­we­sen, blei­ben in mei­nen Au­gen in ih­ren Aus­sa­gen aber häu­fig et­was blass. Span­nen­de Ein­sich­ten ka­men von den Ex­per­ten, vor al­lem von Prof. Sel­le als Ex­ter­nem mit lang­jäh­ri­ger (und län­ger zu­rück lie­gen­der) Han­no­ver-Er­fah­rung. Die Be­rich­te der Ak­ti­vis­ten auf der Büh­ne und die Er­kennt­nis­se der Klein­grup­pen­dis­kus­sio­nen ha­ben viel­leicht die wich­tigs­ten Im­pul­se des Abends ge­ge­ben. Hier konn­te man ah­nen, in wel­che Rich­tung ei­ne fort­schritt­li­che Ent­wick­lungs­kul­tur für den öf­fent­li­chen Raum in Han­no­ver ge­hen könn­te – und wo die ak­tu­el­len De­fi­zi­te lie­gen. Ge­ra­de die Pu­bli­kums­be­tei­li­gung war bei die­ser Ver­an­stal­tung vor­bild­li­ch, durch die Klein­grup­pen konn­ten tat­säch­li­ch vie­le Im­pul­se ge­sam­melt und an­schlie­ßend fo­kus­siert wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Das ha­be ich sel­ten so gut er­lebt.

Das größ­te Man­ko der Ver­an­stal­tung war mei­nes Er­ach­tens die Ab­we­sen­heit von of­fi­zi­el­len Ver­tre­tern der Stadt­ver­wal­tung. Da­bei ist ge­ra­de sie un­ver­zicht­bar für je­de Form von neu­en Kon­zep­ten zur Ent­wick­lungs­pla­nung für die Stadt und ih­re Frei­räu­me. Es mag sein, dass es mo­men­tan in­ter­ne „Fin­dungs­pro­zes­se“ be­züg­li­ch Bür­ger­be­tei­li­gung und Pla­nungs­pro­zes­sen all­ge­mein gibt. An­de­rer­seits ist das nicht die er­s­te un­ab­hän­gi­ge Ver­an­stal­tung zur Stadt­pla­nungs­ent­wick­lung und -po­li­tik, der die Bau­ver­wal­tung der Stadt kom­plett fern­bleibt. Es ist mei­nes Er­ach­tens Auf­ga­be von Bür­ger­ge­sell­schaft und Po­li­tik, von der Ver­wal­tung ei­ne kon­struk­ti­ve Mit­ar­beit in die­sen Pro­zes­sen ein­zu­for­dern.

Hat auf der Veranstaltung gefehlt: Stadtbaurat Uwe Bodemann

Hat auf der Ver­an­stal­tung ge­fehlt: Stadt­bau­rat Uwe Bo­de­mann

Zwei­tes Man­ko war mei­nes Er­ach­tens im Rück­bli­ck, dass zwar – mal wie­der – viel über den Au­to­ver­kehr dis­ku­tiert wur­de, Rad­ver­kehr aber nicht ein ein­zi­ges Mal er­wähnt wur­de. Ich fin­de es im­mer wie­der put­zig, wenn Teil­neh­mer von ver­kehrs­po­li­ti­schen Dis­kus­si­ons­run­den si­ch ei­ner­seits über die „au­to­ge­rech­te Stadt“ echauf­fie­ren, an­de­rer­seits aber selbst ge­nauso au­to­zen­triert ar­gu­men­tie­ren (wenn auch mit an­de­rem Vor­zei­chen). Hier ist mei­nes Er­ach­tens im Nach­gang ei­ne ge­eig­ne­te Er­wei­te­rung des Dis­kus­si­ons­fo­kus nö­tig: Der Fahr­rad­ver­kehr ist zu wich­tig für die Ver­kehrs­pla­nung ei­ner mo­der­nen Groß­stadt, als dass man ihn in ir­gend­wel­che Rand­be­rei­che der in­halt­li­chen Dis­kus­si­on ab­schie­ben könn­te.

Aus­bli­ck

Die Ver­an­stal­tung ist der Auf­takt ei­ner Rei­he rund um die han­no­ver­schen Frei­räu­me. Im April gibt es ei­ne ähn­li­che ge­ar­te­te Ver­an­stal­tung zur Neu­be­bau­ung des Kö­belin­ger Mark­tes, die dor­ti­gen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de sind ma­ro­de und wer­den ab­ge­ris­sen. Und im Mai gibt es ei­ne Ver­an­stal­tung über Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft des Wa­ter­loo­plat­zes. Da­zu kom­men von die­ser Rei­he un­ab­hän­gi­ge Ver­an­stal­tun­gen wie die Dis­kus­si­on über den An­dre­as-Her­mes-Platz im Pa­vil­lon am mor­gi­gen Mitt­wo­ch, 2017-02-01 oder die PlatzDa!-Podiumsdiskussion zum Lin­de­ner Markt am 2017-02-09. So­fern es mei­ne Zeit er­laubt, wer­de ich auf je­den Fall bei der ei­nen oder an­de­ren die­ser Ver­an­stal­tun­gen da­bei sein und hof­fent­li­ch auch wie­der in die­sem Blog be­rich­ten.

Al­le Fo­tos: Dirk Hill­brecht


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