Die Pi­ra­ten­par­tei und ih­re IT – Von Prio­ri­tä­ten 5


Für ei­nen Re­gi­ons­ver­band ei­ner Par­tei, die die­ses Jahr zu Wah­len an­tritt, gibt es ver­schie­de­ne Her­aus­for­de­run­gen. Ei­ne da­von: Mit den et­wa 50 Wahl­kan­di­da­ten in Kon­takt zu blei­ben, die wir für die ver­schie­de­nen Lis­ten auf­ge­stellt ha­ben. Mei­ne Idee: Ei­ne Mai­ling­lis­te muss her. Für kur­ze In­fos, Bit­ten um In­for­ma­tio­nen für die Wahl, Wei­ter­lei­tung von all­ge­mei­nen In­fos. Längst nicht je­der un­se­rer Kan­di­da­ten liest die par­tei­in­ter­nen In­for­ma­ti­ons­quel­len und es ist qua­si un­mög­lich, stän­dig ei­nen Ge­samt­über­blick zu be­hal­ten.

Und ei­gent­lich ist es ja ganz ein­fach: Auf Bun­des­ebe­ne ha­ben wir ja ein hoch­am­bi­tio­nier­tes IT-Team, das ei­ne grö­ße­re Men­ge Ser­ver ver­wal­tet und be­treut und dar­auf ex­pli­zit di­ver­se Diens­te an­bie­tet. Un­ter an­de­rem Mai­ling­lis­ten. Mein Ver­such, dort mei­ne Kan­di­da­ten­mai­ling­lis­te ein­ge­rich­tet zu be­kom­men, ver­lief fol­gen­der­ma­ßen:

  1. Ab­schi­cken ei­ner E-Mail an den Hel­pdesk: „Ich bräuch­te ei­ne Mai­ling­lis­te, da­mit ich die Kan­di­da­ten für die Kom­mu­nal­wahl ge­bün­delt er­rei­chen kann.“
  2. Sechs Wo­chen Funk­stil­le.
  3. Ant­wort­mail: Wir brau­chen ei­ne ak­tu­el­le Da­ten­schutz­er­klä­rung von dir, be­vor wir was frei­schal­ten. Link ins Wi­ki, dar­in Link auf PDF-Da­tei
  4. In der PDF-Da­tei: Fünf Sei­ten pseu­do-ju­ris­ti­sches Ge­schwa­fel, was man al­les tun und – vor al­lem – nicht tun darf, dass das to­tal bö­se ist und man ganz ganz lan­ge ins Ge­fäng­nis wan­dert, wenn man auch nur dar­über nach­denkt. Ins­ge­samt zwei­mal zu un­ter­schrei­ben und dann per Post („Ei­ne Über­mitt­lung per Fax kön­nen wir nur noch vor­läu­fig ak­zep­tie­ren.“) an die „Bun­des­ge­schäfts­stel­le“ zu schi­cken. Adres­se darf ich mir selbst raus­su­chen. – Aber im­mer­hin: Das Do­ku­ment ist in ei­nem ge­schmack­vol­len Schrift­stil ge­setzt, hat ein leicht stein­grau­es Pi­ra­ten­lo­go als Hin­ter­grund­lo­go und ei­nen wich­ti­gen Foo­ter: „DSV R-Abt.“ Da weiß je­mand, wor­auf es an­kommt.
  5. Mitt­ler­wei­le ha­be ich mei­nen ei­ge­nen Mai­ling­lis­ten­ser­ver auf­ge­setzt und die Lis­te in Be­trieb. Ich schrei­be ei­ne kur­ze Ant­wort­mail, in der ich mich be­dan­ke und noch viel Spaß beim Pa­pier­sor­tie­ren wün­sche.
  6. Seit­dem schickt mir mein Mail­ser­ver re­gel­mä­ßig In­fo­mails, dass er mei­ne E-Mail lei­der noch nicht zu­stel­len konn­te, weil die Ge­gen­sei­te nicht er­reich­bar ist.

Das mit dem „ei­ge­nen Mai­ling­lis­ten­ser­ver“ ist üb­ri­gens kein Witz. Ich ha­be glück­li­cher­wei­se das Know-How und auch die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten, dies zu tun. Ich kann da­für so­gar de­di­zier­te Hard­ware hin­ter Fire­walls plat­zie­ren, so­dass selbst das nö­ti­ge tech­ni­sche und re­gu­la­to­ri­sche Maß an Si­cher­heit in der Da­ten­ver­ar­bei­tung ge­währ­leis­tet ist. Und ins­be­son­de­re muss ich da­für kei­nen Pa­pier­krieg vo­go­ni­schen Aus­ma­ßes ent­fa­chen.

Es blei­ben mei­ner­seits ei­ne Fra­ge und ei­ne Ein­sicht. Die Fra­ge: Wie um al­les in der Welt kommt man auf ei­ne der­ar­ti­ge Prio­ri­tä­ten­set­zung? Ich kann es mir nur so er­klä­ren, dass da über Mo­na­te und Jah­re im­mer wie­der ir­gend­je­mand „Wich­ti­ges“ an­ge­schüs­selt ge­kom­men ist und rum­gen­ölt hat: „Nö, in der Da­ten­schutz­er­klä­rung muss aber noch dies-und-das ste­hen.“ Und der nächs­te: „Nö, ihr braucht aber noch die­ses-und-je­nes.“ Und der nächs­te: „Neinnein, per Fax geht ja gar nicht.“ Und uni­ver­sell muss es na­tür­lich sein. Ob nun glo­ba­le Ad­min­rech­te auf dem zen­tra­len Par­tei­ver­wal­tungs­ser­ver oder Ver­wal­ter ei­ner lo­ka­len Mai­ling­lis­te mit ei­ner mitt­le­ren zwei­stel­li­gen Zahl von Mail­adres­sen: Vor dem ge­stren­gen Au­ge der ver­ei­nig­ten Ju­ris­ten- und Da­ten­schutz­be­auf­trag­ten­pha­lanx ist das al­les gleich. Und muss al­les mit den glei­chen mar­tia­li­schen Pa­ra­gra­fen­wer­ken auf Li­nie ge­bracht wer­den.

Und die Ein­sicht? Nun­ja, je­de Prio­ri­tä­ten­set­zung for­dert ih­ren Tri­but. Wenn man stän­dig da­mit be­schäf­tigt ist, „Da­ten­schutz­er­klä­run­gen“ zu er­zeu­gen, zu ver­wal­ten, neue an­zu­for­dern und Pa­pier ab­zu­hef­ten, dann bleibt die An­fra­ge nach ei­nem für den Wahl­kampf vor Ort wich­ti­gen Ar­beits­mit­tel schon­mal sechs Wo­chen lie­gen – und ist dann wei­ter auf un­be­stimm­te Zeit ver­zö­gert, weil ja erst Pa­pier durch die Ge­gend ge­schickt wer­den muss. Und das Ti­cket­sys­tem nimmt Ant­wort-E-Mails halt nur spo­ra­disch an. Scha­de bloß, wenn das ak­ti­ve Par­tei­mit­glied vor Ort sich nicht – so wie ich – selbst hel­fen kann, son­dern sich auf die Hil­fe der IT-„Abteilung“ ver­las­sen muss. Da be­kommt das Wort „ver­las­sen“ dann näm­lich ei­ne ganz neue Be­deu­tung.

Scha­de, dass sich die „IT-Ab­tei­lung“ so von den selbst er­nann­ten Rechts- und Datenschutz-„Experten“ an die Kan­da­re neh­men lässt. Der un­schöns­te Bei­ge­schmack bei all­dem ist näm­lich das la­ten­te Miss­trau­en, das ei­nem durch sol­cher­lei Ge­bah­ren ent­ge­gen­schlägt: „Du bist dumm und un­fä­hig, or­dent­lich mit den Din­gen um­zu­ge­hen. Des­halb set­zen wir dir jetzt hier haar­klein aus­ein­an­der, was du al­les falsch ma­chen kannst. Und we­he, du machst was falsch!“ Da fühlt man sich so rich­tig wohl, in so ei­ner At­mo­sphä­re. Auch wenn das in die Ge­dan­ken­welt man­cher „Be­auf­trag­ter“ nicht passt: Der ganz über­wie­gen­de Teil der Ak­ti­ven hier will kei­ne Da­ten ver­wal­ten um et­was Bö­ses mit ih­nen an­zu­stel­len. Die Leu­te ha­ben ei­ne Ar­beit zu tun und müs­sen da­für ein paar Da­ten ver­wal­ten. Da­für braucht nicht stets und stän­dig den ganz gro­ßen Ham­mer raus­zu­ho­len.

Und die IT’ler? In der Pi­ra­ten­par­tei wür­de ich am ehes­ten „Ge­eks with Awa­re­ness“ er­war­ten. War­um macht ihr die­se Ra­bu­lis­tik mit? Was kommt als nächs­tes? Ge­wis­sens­test­zwang beim zu­stän­di­gen Glie­de­rungs­vor­sit­zen­den im per­sön­li­chen Ge­spräch? Steht dann von euch mal je­mand auf und ge­bie­tet mal ein biss­chen Ein­halt? Und fragt mal nach, wo­zu die­ser gan­ze Zin­no­ber ei­gent­lich gut ist? Oder wird dann auch schön in Reih‘ und Glied wei­ter­mar­schiert?

Nee nee, Leu­te, „Denk selbst“ geht an­ders.

P.S.: Und das al­ler­cools­te: „Da­ten­schutz­er­klä­run­gen“ sind über­flüs­si­ger Un­fug in Voll­endung: Hoch­gra­dig ver­wal­tungs­in­ten­siv und da­bei völ­lig nutz­los. Aber dar­über schreib‘ ich ein an­de­res Mal.


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5 Gedanken zu “Die Pi­ra­ten­par­tei und ih­re IT – Von Prio­ri­tä­ten

  • Greta

    Oh, I didn’t see this co­m­ing as I read. I was ho­ping and wis­hing and thought may­be . . .argh! Can we res­cue Mi­ran­da yet? ha­ha! Bi­ne . ..I’ll just get my tis­su­es and keep tur­ning the pa­ges too! God bless you and all your days! And God bless your mom;1&#82a7ms heart, that loves deeply.Debbie re­cent postat..

  • Carsten Lenz

    Kann Mo­nach da nur Zu­stim­men. Wäh­rend des Wahl­kamp­fes hat­te ich am 2. Fe­bru­ar ei­ne wei­te­re ML be­stellt. Die da­mals gül­ti­ge DSE an die BGS ge­faxt und per Post ge­schickt. Seit­her nix mehr ge­hört. Am Sonn­tag (3.3.) ha­be ich ei­ne E-Mail von der Bun­desIT be­kom­men, dass ich doch bit­te ei­ne DSE schi­cken soll. Mein Ein­wand, dass das vor 2 Mo­na­ten be­reit ge­sche­hen ist, lies er nicht gel­ten.

    Wahl­kampf ist jetzt eh vor­bei, da­her kann er sich die ML auch in die Haa­re schmie­ren.

    Grü­ße Cars­ten (LVor BW)

  • Stefan

    Ich hab das glei­che er­lebt und hab’s dann auch ein­fach ge­las­sen. Die IT ar­bei­tet mE schlim­mer als die Bun­des­post….

    Sie ha­ben aber afa­ik recht mit der DSE, wenn man das DSG pe­ni­bel liest…. Aber da gibt es wohl meh­re­re Les­ar­ten

  • Steven Maaß

    Hal­lo Dirk.

    Die Be­an­tra­gung der lo­ka­len Hem­min­ger Mai­ling­lis­te ging äu­ßerst schnell und ef­fek­tiv bei der Pi­ra­te­nIT im Ju­ni 2010, und das oh­ne Un­ter­schrift un­ter ei­ne Da­ten­schutz­er­klä­rung.

    Zu­ge­ge­ben, wä­re auch mei­ne drit­te Un­ter­schrift un­ter ei­ne pi­ra­ti­ge Da­ten­schutz­er­klä­rung ge­we­sen.

    BTW: Bin stark dar­an in­ter­es­siert, war­um Da­ten­schutz­er­klä­run­gen „völ­lig nutz­los“ sind! 😉

    Grü­ße,
    Ste­ven

    PS: Muss ich die Un­ter­schrift jetzt ei­gent­lich nach­ho­len?

  • Monarch

    Hihi, das mit der Mai­ling­lis­te ken­ne ich schon ir­gend­wo her. Lief bei uns in Ba­wü bei der Land­tags­wahl auch so ab, es muss­te auch bei uns auf ei­nen pri­va­ten Ser­ver aus­ge­wi­chen wer­den. Wä­re sonst wohl nix mehr da­mit ge­wor­den, vor dem Wahl­ter­min…