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Auf der Zielgeraden/​Nachtrag zu Ursula von der Leyen

Es ist der letzte Tag vor der Wahl. Ich bin gleich noch­mal in der han­no­ver­schen Innen­stadt zur Bür­ger­in­for­ma­tion. Der han­no­ver­sche Pira­ten­par­tei–Stamm­tisch war ges­tern mit etwa 45 Pira­ten und Inter­es­sen­ten wie­der sehr gut besucht. Akute Über­fül­lung ließ sich nur des­halb ver­mei­den, weil Jür­gen mit neun Mit­strei­tern in einer Spon­ta­n­ak­tion Her­ren­hau­sen mit Fly­ern versorgte.

Die kleine Dele­ga­tion, die letz­ten Sams­tag Ursula von der Leyen auf dem Linde­ner Markt­platz besucht hat, hat wohl übri­gens indi­rekt einen wei­te­ren Erfolg gehabt: Eigent­lich hätte Frau von der Leyen die­sen Sams­tag noch­mal auf dem Wochen­markt vor­bei­schauen wol­len, zumin­dest war das so ange­kün­digt. Ges­tern abend hieß es aber, dass sie aus unge­nann­ten Grün­den dar­auf ver­zich­ten wolle. Viel­leicht auch bes­ser: Ein zwi­schen­zeit­lich ver­öf­fent­lich­ter wei­te­rer Bericht vom Besuch wirft kein gutes Licht auf Frau von der Leyen und ihre Umgangs­for­men — aller­dings auch nicht auf die eini­ger ihrer Parteifreunde.

Ansons­ten hat das Innen­mi­nis­te­rium ja ges­tern — und damit dan­kens­wer­ter­weise schon vor der Wahl — ver­laut­ba­ren las­sen, wie man sich das mit dem Grund­rech­te­ab­bau und Über­wa­chungs­auf­bau nach der Wahl so vor­stellt. Und auch auf die FDP als Bür­ger­rechts­ga­rant kann man sich nicht ver­las­sen — nicht Neues, nur nett, dass wir das so kurz vor der Wahl noch­mal plas­tisch vor Augen geführt bekom­men. Aber noch kann man das ja ganz ein­fach ver­hin­dern, zum Bei­spiel indem man den Änder­ha­ken setzt.

Des­halb möchte ich abschlie­ßend noch auf die Wahl­kampf­schluss­be­trach­tun­gen von Jens Sei­pen­busch in sei­nem Blog hin­wei­sen. Er hat den Arti­kel zwar mit „Sub­jek­ti­ves zur Kon­kur­renz” über­schrie­ben, aber zumin­dest deckt sich sein sub­jek­ti­ver Ein­druck so weit mit mei­nem sub­jek­ti­ven Ein­druck, dass ich ein­fach nur zu ihm ver­wei­sen brau­che um zu begrün­den, warum ich mor­gen die Pira­ten wähle.

Karpfenschleuder erklärt die Internetzensur (mit Video!)

Statt Mor­gen­lek­türe: Ein wei­te­res schö­nes Youtube-​Video von Karp­fen­schleu­der erklärt anhand von Kor­dula und dem Schnüffle, wie man das mit Inter­net­zen­sur funk­tio­niert. Sehens­wert, vor allem für die­je­ni­gen, die immer noch nichts dar­über wissen!

Mit Ursula von der Leyen auf dem Lindener Marktplatz in Hannover — Erlebnisse eines Piraten

Alle Fotos in die­sem Arti­kel sind von Jorge-​Alberto Reich und CC-​BY-​SA-​lizenziert.

Am Sams­tag gab sich Frau von der Leyen die Ehre auf dem Linde­ner Markt­platz in Han­no­ver. Einige Han­no­ver­sche Pira­ten woll­ten sich nicht ent­ge­hen las­sen, das mal anzu­schauen und in geeig­ne­ter Form zu begleiten.

Los ging’s um zehn Uhr mor­gens. Alle wich­ti­gen Par­teien hat­ten rund um die Stra­ßen­kreu­zung neben dem Markt­platz ihre Info­stände auf­ge­baut. Alle? Nicht ganz. Die Pira­ten hat­ten zwar kei­nen eige­nen Info­stand, aber irgend­wie waren da plötz­lich zwölf Leute. Und die sind dann alle mal rüber zur CDU, als Ursula dort ein­traf. Und wir waren nicht mal die ein­zi­gen. Wei­tere poli­tisch inter­es­sierte Bür­ger gesell­ten sich zu uns, teil­weise pas­send mit „Zensursula”-T-Shirts bekleidet.

Piraten treffen beim CDU-Infostand ein

Pira­ten tref­fen beim CDU-​Infostand ein, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

Wenig erfreut waren die etwa sie­ben loka­len CDU-​Leute am Stand. Sie hät­ten es wohl wesent­lich lie­ber gese­hen, wenn man sie in Ruhe und unwi­der­spro­chen ihre Unwahr­hei­tenInfor­ma­tio­nen unters Volk hätte brin­gen las­sen, aber immer­hin sollte das hier sowas wie ‚ne Bür­ger­sprech­stunde sein. Und Bür­ger sind ja nun mal auch wir.

Kai hat dann auch umge­hend das Gespräch gesucht. War aber nicht so ein­fach. Mit fun­dier­ten Gegen­mei­nun­gen kon­fron­tiert, wählt Frau von der Leyen wohl am liebs­ten die „Monologstrategie” — das heißt Kai wurde so lange zuge­tex­tet, bis alle Phra­sen abge­ar­bei­tet waren: „Natür­lich wol­len wir keine Zen­sur, die Netz­sper­ren sind die beste Lösung über­haupt, bla bla bla”. Ein­ge­hen auf Nach­fra­gen: Fehlanzeige.

Kai im Gespräch mit Frau von der Leyen

Kai im Gespräch mit Frau von der Leyen, Foto von Jorge-​Alberto Reich, Bear­bei­tung dh, CC-​BY-​SA

Die junge Dame auf dem Bild trug übri­gens ein Schild mit der Auf­schrift „Weg­schauen statt bekämp­fen? Sper­ren statt löschen?”. Sie wurde von Frau von der Leyen mit den Wor­ten begrüßt: „Sie sind also dafür, dass man sich im Inter­net Kin­der­por­nos anschauen kann?!” Da erüb­rigt sich jeder wei­tere Kom­men­tar. Die­je­ni­gen, die diese „Gesprä­che” live gehört hat­ten (ich stand lei­der etwas zu weit weg), haben spä­ter ein­hel­lig gemeint, Frau von der Leyen hätte sich voll­stän­dig merk­be­freit gezeigt. Es scheint so, die Frau glaube wirk­lich und gera­dezu fana­tisch daran, sie würde da etwas ganz Tol­les zu Wege brin­gen. In so einer Situa­tion sind ratio­nale Argu­mente lei­der völ­lig nutz­los und eigent­lich ist das ja einer der Gründe, warum Glaube und Fana­tis­mus in einer frei­heit­li­chen Demo­kra­tie nichts ver­lo­ren haben. Womit wir wie­der bei des Pudels Kern ange­kom­men sind, wenn es um Frau von der Leyen und ihr Ver­ständ­nis von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tu­ren geht…

Nach etwa zehn Minu­ten Zwiegesprä­chen neben dem CDU-​Stand ging es dann auf den Markt­platz. Und ob nun gleich ganz vorn…

Auf dem Marktplatz

Auf dem Markt­platz, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

…beim Fisch­stand…

Am Fischstand

Am Fisch­stand, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

…beim Kaf­fee– und Teestand…

Am Kaffee- und Teestand

Am Kaf­fee– und Tee­stand, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

…oder bei all den ande­ren Stän­den, an denen Frau von der Leyen das Gespräch mit dem Wäh­ler suchte: Im Hin­ter­grund war immer ein knap­pes Dut­zend Men­schen, die mit Pla­ka­ten deut­lich mach­ten, dass sie mit der Poli­tik und den Ansich­ten von Frau von der Leyen nicht ein­ver­stan­den sind. All diese Men­schen waren die ganze Zeit über freund­lich und zurück­hal­tend: Alle sind immer brav hin­ter der CDU-​Entourage und Frau von der Ley­ens eige­nen Auf­pas­sern geblie­ben, nie­mand hat sich auch von den gele­gent­li­chen Remp­lern des einen oder ande­ren CDU­lers nur im gerings­ten pro­vo­zie­ren las­sen, nie­mand hat sich irgendwo in den Weg gestellt oder auch nur ein ein­zi­ges „Gespräch” zwi­schen Frau von der Leyen und den Bür­gern gestört.

Trotz­dem fin­gen die drei anwe­sen­den Poli­zis­ten nach etwa 15 Minu­ten an, von einem Groß­teil der anwe­sen­den Geg­ner die Per­so­na­lien auf­zu­neh­men. Die Begrün­dung war, es handle sich hier um „unan­ge­mel­dete Ver­samm­lung” und das wurde dann dann am Hoch­hal­ten der Pla­kate fest­ge­macht oder — bei denen, die keine Pla­kate dabei hat­ten — daran, dass sie halt „mit­lau­fen wür­den” und damit auch zu die­ser „Ver­samm­lung” gehörten.

Personalienaufnahme am Rande des Marktspaziergangs

Per­so­na­li­en­auf­nahme am Rande des Markt­spa­zier­gangs, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

So eine Begrün­dung ent­behrt auf einem beleb­ten Markt­platz nicht einer gewis­sen Iro­nie. Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Ein­schüch­te­rungs­ver­such war, eine pro­phy­lak­ti­sche Maß­nahme falls es zu Ran­dale käme oder ob die CDU gefor­dert hatte, da „müsse doch was getan wer­den gegen diese Stö­rer”. Ich weiß nur, dass kei­ner der betei­lig­ten Pro­tes­tie­rer sich davon beein­dru­cken ließ, alle Schil­der blie­ben oben und Frau von der Leyen blieb ihre Beglei­tung treu.

(Nach­trag: Beim Max fin­dest sich mitt­ler­weile ein Bericht, der eben­falls pro­tes­tiert hat und der „unan­ge­mel­den Ver­samm­lung” zuge­rech­net wurde, obwohl er, wie er betont, allein gekom­men ist und nichts mit der Pira­ten­par­tei zu tun hat.)

Übri­gens waren auch viele andere Gesprächs­part­ner nicht so recht von Frau von der Leyen über­zeugt. Auch bei ande­ren The­men wie Väter­rech­ten, Betreu­ungs­an­ge­bo­ten für Klein­kin­der oder finan­zi­el­ler Fami­li­en­un­ter­stüt­zung waren ihre Ein­las­sun­gen wohl häu­fig sehr schablonenartig.

Um punkt 11 Uhr war der SpukAuf­tritt dann auch schon vor­bei. Mit­samt ihrer Beglei­tung ent­schwebte Frau von der Leyen in ihrer schi­cken Limou­sine. Wir durf­ten uns dann noch ein wenig von einem CDU-​Menschen laut­stark angif­ten las­sen („Ihr soll­tet euch schä­men mit dem Tauss”), der nach der pas­sen­den Erwi­de­rung („Ach, gilt in Ihrer Par­tei das rechts­staat­li­che Prin­zip der Unschulds­ver­mu­tung nicht?”) erheb­lich aus­ge­bremst war. Ich per­sön­lich halte es da zudem mit der unver­gleich­li­chen Vera Drom­busch: „Wer schreit hat Unrecht.” Ansons­ten konn­ten wir noch viele Bür­ger über uns und unsere Ziele infor­mie­ren, viele Flyer ver­tei­len — und die Jungs, die plötz­lich die Sei­ten­scheibe ihres Autos run­ter­kur­bel­ten und quer über den Platz rie­fen: „Ihr seid klasse, ich werd’ euch wäh­len!” haben damit defi­ni­tiv auch nicht die CDU hin­ter uns gemeint. ;-)

Par­al­lel hatte der­weil eine zweite Akti­ven­gruppe den Info­stand in der Han­no­ver­schen Innen­stadt auf­ge­baut. Etli­che Pira­ten sind noch vom Linde­ner Markt­platz dort­hin gezo­gen und haben die dor­tige Gruppe ver­stärkt, was ange­sichts des hohen Bür­ger­in­ter­es­ses auch sehr sinn­voll war.

Infostand auf der Osterstraße

Info­stand auf der Oster­straße, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

Zusam­men mit dem Rekord-​Stammtisch vom Frei­tag abend (42 Pira­ten und Inter­es­sen­ten) ein wahr­haft pira­ti­ges Wochenende!

Einen wei­te­ren Bericht vom Linde­ner Markt­platz mit wei­te­ren Fotos gibt’s übri­gens drü­ben in Jans hyper-​world.

Nach­trag, 2009-​09-​26: Auch im Por­tal „Han­no­ver ent­de­cken” gibt es zwi­schen­zeit­lich einen Bericht von Frau von der Ley­ens Besuch mit eini­gen erhel­len­den Details über den äußerst unhöf­li­chen Umgangs­ton von Frau von der Leyen und ihre CDU-​Mitstreiter.

Rede auf der „Löschen statt Sperren”-Demonstration am 20. Juni 2009

Auf der gest­ri­gen han­no­ver­schen „Löschen statt Sperren”-Demonstration gegen das „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” habe ich eine Rede gehal­ten. Nach­fol­gend doku­men­tiere ich dies. Zunächst ein Zusam­men­schnitt der — in mei­nen Augen wich­tigs­ten Passagen:

Link: Rede Hillbrecht "Löschen statt Sperren"

Das Video ist auch direkt auf Seven­load abrufbar.

Den kom­plet­ten Rede­text habe ich als PDF-​Datei veröffentlicht.

Nun, und schließ­lich gab es bei mei­ner Rede auch ein paar Stel­len, die nicht so recht geplant waren, die ich der Nach­welt aber auch nicht vor­ent­hal­ten möchte: Voila, die Outta­kes:

Link: Outtakes zur "Löschen statt Sperren"-Rede

Die kom­plette Rede gibt’s bei El Porro. Die Jungs haben auch ein Inter­view auf der Ver­an­stal­tung gemacht:

Schließ­lich noch der kom­plette Rede­text. Vor­sicht, lang…

Liebe Freunde, wir haben uns heute hier ver­sam­melt, weil am Don­ners­tag ein Gesetz ver­ab­schie­det wurde.
Es gibt eine Peti­tion gibt eine Peti­tion gegen das Gesetz, die 134000 Bür­ger unter­schrie­ben haben. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Viele Exper­ten kri­ti­sie­ren es scharf. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Viele Jour­na­lis­ten kri­ti­sie­ren es scharf. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Abge­ord­nete aus den Rei­hen der Regie­rungs­par­teien hat­ten schwere Beden­ken. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Das Gesetz ist ver­fas­sungs­recht­lich unhalt­bar. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Schließ­lich stellt die­ses Gesetz einen Bruch mit der freiheitlich-​demokratischen Tra­di­tion Deutsch­lands dar. Trotz­dem wurde es ver­ab­schie­det.
Die­ses Gesetz wurde im Galopp durch die Instan­zen gepeitscht. Es wurde getrickst, getäuscht, es wur­den fal­sche Ver­spre­chun­gen gemacht und fal­sche Behaup­tun­gen auf­ge­stellt. Und an vor­ders­ter Front steht bei die­sem Trick­sen, Täu­schen, Ver­spre­chen und Behaup­ten die Fami­li­en­mi­nis­te­rin Ursula von der Leyen.
Frau von der Leyen behaup­tet, das Gesetz diene der Sperre von soge­nann­ter Kin­der­por­no­gra­fie. Schon dies ist falsch, weil das Inter­net eben nur eines von vie­len Medien für diese ver­derb­ten Inhalte ist. Bil­der miss­brauch­ter Kin­der eben nicht nur auf Web­sei­ten, son­dern auf CDs, DVDs, Spei­cher­sticks oder ganz alt­mo­disch auf Papier. Hier hilft eine Inter­net­sperre kein Stück!
Frau von der Leyen behaup­tet, der Zugriff auf Kin­der­por­no­sei­ten würde erschwert. Das ist falsch! Fak­tisch wird eine Sicht­blende auf­ge­stellt, vor der jemand sagt: „Gehen Sie wei­ter, hier gibt’s nichts zu sehen”. Dabei hat er ein Stopp­schild in der Hand. Das ändert aber nichts an dem, was hin­ter der Sicht­blende pas­siert und wer will, kann sie zurück­schie­ben und auch wei­ter dahin­ter­schauen.
Denn: Die Sperr­ver­su­che im Inter­net ver­hin­dern nicht einen ein­zi­gen Kin­des­miss­brauch!
Frau von der Leyen behaup­tet zudem, man müsse han­deln, weil das Pro­blem immer grö­ßer werde. Das ist falsch! Bes­sere Poli­zei­ar­beit führt zu mehr Auf­klä­rung und genaue­res Hin­se­hen zu mehr Nach­for­schun­gen. Das zeigt, dass das vor­han­dene Sys­tem gut funk­tio­niert. Es ist gera­dezu schi­zo­phren, gutes Funk­tio­nie­ren als Vor­wand für neue Maß­nah­men zu neh­men. Fak­tisch ist die Prä­senz von Kin­des­miss­brauch im Inter­net in den ver­gan­ge­nen Jah­ren näm­lich sogar zurück­ge­gan­gen. Wer das nicht sagt, ver­schweigt einen Teil der Wahrheit!

Es gibt nur ein pro­ba­tes Mit­tel gegen Kin­des­miss­brauch, und das ist nicht ihn zu ver­ste­cken, son­dern von vorn­her­ein zu ver­hin­dern. Und das geht nur, indem man Kin­des­miss­brauch unter­bin­det und die Täter zur Ver­ant­wor­tung zieht. Das geht nur mit Zivil­cou­rage. Es ist eine Auf­gabe der gesam­ten Gesell­schaft. Mit ihrem Ver­ste­cken und Ver­ber­gen unter­bin­det Frau von der Leyen genau dies: Sie will keine eman­zi­pierte Bür­ger­ge­sell­schaft. Sie will einen Obrig­keits­staat, der zwi­schen gut und schlecht unter­schei­det. Sie will keine Dis­kus­sion, son­dern sie will blin­den Gehor­sam. Und wer nicht buckelt und macht, was das BKA sagt, der ist schon Mal ver­däch­tig und min­des­tens zur Hälfte ein Ver­bre­cher. Kin­des­miss­brauch ver­hin­dert man nicht mit ver­bor­ge­nen Behör­den, son­dern durch Auf­klä­rung, durch Bera­tung, durch eine geschulte und gut aus­ge­stat­tete Poli­zei vor Ort. Es ist mehr als schänd­lich, dass genau an die­sen Din­gen immer mehr gespart wird. So erhält man eine Demo­kra­tie aber nicht, Frau von der Leyen, Herr Schäu­ble. So ver­kommt sie zur Demo­kra­tur. Und wenn man sich Ihr Reden und Han­deln so anschaut, könnte man fast mei­nen, sie fän­den das gut und rich­tig. Wir aber nicht!
Das Gesetz vom Don­ners­tag ist kein Gesetz zum Kin­der­schutz. Die Kin­der waren immer nur Vehi­kel. Vor die­sem Hin­ter­grund führt das Gesetz eine völ­lig neue Dimen­sion der Inhalts­kon­trolle im Inter­net ein: Künf­tig kann eine Bun­des­be­hörde, eine Poli­zei, dar­über ent­schei­den, was im deut­schen Inter­net zu sehen sein soll und was nicht. Sie kann dies unkon­trol­liert und ohne Ein­spruchs­mög­lich­kei­ten tun. sie soll dies auf der Grund­lage von sub­jek­ti­ven Ein­schät­zun­gen machen. Und sie kann dabei auf ein Sys­tem zurück­grei­fen, das jetzt in Deutsch­land instal­liert wird und das die Blo­ckade jedes belie­bi­gen Inter­ne­tin­halts erlaubt.
Die­ser Ansatz stellt eine Zäsur im deut­schen Rechts– und Frei­heits­ver­ständ­nis dar. Es ist nicht weni­ger als eine Zei­ten­wende im Gange — weg von einem Staat, in dem die Frei­heit der Nor­mal­fall ist und Ein­schrän­kun­gen nur in begrün­de­ten Ein­zel­fäl­len vor­ge­nom­men wer­den — hin zu einer umfas­sen­den Gesin­nungs­kon­trolle, in der Frei­heit nach Guts­her­ren­art ver­teilt wird und so eine Art Beloh­nung für gutes Betra­gen ist. Das Vehi­kel die­ser Zei­ten­wende ist die Zen­sur und genau diese Zen­sur wird mit dem Gesetz ein­ge­führt.
Und wer jetzt sagt, es ginge ja nur um die Kin­der und um nichts ande­res, der hat die Dis­kus­sion der letz­ten Tage ent­we­der ver­pennt oder nicht wahr­ha­ben wol­len. Von Kil­ler­spie­len über poli­ti­sche Mei­nungs­sei­ten bis hin zu Musik — das Gesetz ist noch nicht ver­ab­schie­det und schon kom­men sie aus allen Ecken und Enden her­vor­ge­kro­chen mit ihren Sperr­for­de­run­gen. Frau von der Ley­ens Vor­stel­lung von Demo­kra­tie und Bür­ger­rech­ten reißt sich ihre Maske längst vom Gesicht und dar­un­ter kommt eine häss­li­che Fratze zum Vor­schein. Dem schauen wir nicht taten­los zu!
Wir haben jede Recht­fer­ti­gung, hier zu ste­hen und hier und heute zu sagen, dass die­ses Gesetz kein Gesetz zur Ver­hin­de­rung von Kin­des­miss­brauch ist, son­dern ein Gesetz zur Ein­füh­rung einer all­ge­mei­nen Inter­net­zen­sur in Deutsch­land. Einer Zen­sur, die von einer Poli­zei­be­hörde vor­ge­nom­men wird. Einer Zen­sur, die von der Bun­des­re­gie­rung gefor­dert wird. Einer Zen­sur, die unab­seh­ba­ren Scha­den für Demo­kra­tie und Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land anrich­ten wird.

Ich habe noch gar nicht gesagt, wie die­ses Gesetz heißt. Es trägt den klang­vol­len Namen „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz”. Ich halte die­sen Namen für falsch! Hier wird kein Zugang erschwert, hier wird Zen­sur erschli­chen. Das ist kein Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz, es ist ein Zen­su­rer­schlei­chungs­ge­setz! Aber Zen­sur wird sich in die­sem Lande nicht erschli­chen. Das Grund­ge­setz sagt klipp und klar: Eine Zen­sur fin­det nicht statt! Und wir pas­sen auf, dass das so bleibt. Hörst du uns, Zen­sur­sula?
Die Abstim­mung im Bun­des­tag zeigt, dass das Thema dort immer noch nicht begrif­fen wird. CDU und SPD haben fast geschlos­sen für die Inter­net­zen­sur gestimmt und bei den Grü­nen hat sich eine nen­nens­werte Anzahl von Abge­ord­ne­ten ent­hal­ten, anstatt die­sem Angriff auf die Mei­nungs­frei­heit klipp und klar den Rie­gel vor­zu­schie­ben. Wenn man dann die Begrün­dun­gen hört, merkt man, dass viele Abge­ord­nete und poli­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger über­haupt noch nicht ver­stan­den haben, um was es geht. Sie ver­ste­hen nicht, dass das Inter­net für viele Men­schen schon heute wich­tigste Infor­ma­ti­ons­quelle ist. Sie wis­sen nicht, wie vie­len Men­schen auf die­sem Weg bereits heute ihre sozia­len, beruf­li­chen und poli­ti­schen Kon­takte pfle­gen. Sie begrei­fen nicht, zu welch wich­ti­gem Bestand­teil das Netz heute für viele gewor­den ist. Sie hören „Kin­der­porno” und sagen „ver­bie­ten”. Rich­tig! Aber genau das macht die­ses Gesetz nicht! Es ist nicht zu viel ver­langt, wenn sich Poli­ti­ker vor der­art wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen ein wenig mit dem Thema beschäf­ti­gen. Dann wür­den sie sehen, wie weit die Unter­stel­lung, das Netz wäre „voll von Bil­dern miss­brauch­ter Kin­der” von der Rea­li­tät ent­fernt ist. Es ist eben nicht so, dass man sich nach drei Klicks Live­vi­deos von Sex mit Kin­dern anschauen kann. Und es ist eine Unge­heu­er­lich­keit, wenn der Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Gut­ten­berg die Unter­zeich­ner der Peti­tion gegen das Zen­sur­ge­setz in die Nähe von Kin­der­schän­dern rückt! Da sagt das Netz: Wil­helm, so nicht!
Die Poli­tik hat einige grund­sätz­li­che Dinge noch nicht begrif­fen. Das zeigt sich im klei­nen, wenn Minis­te­rin Zypries nach ihrem Lieb­lings­brow­ser gefragt wird und den Kin­der­re­por­tern rat­los ant­wor­tet: „Brow­ser, was war jetzt noch­mal ein Brow­ser?”. Im Grö­ße­ren wird es klar, wenn eben diese Frau Zypries zur Inter­net­po­li­ti­ke­rin des Jah­res gewählt wird und sich dann auch noch stolz auf ihrer Minis­te­ri­ums­seite mit die­sem Titel schmückt. Das mag lus­tig sein, aber im Gro­ßen führt genau die­ses Unver­ständ­nis zu sol­chen Geset­zen, wie wir sie momen­tan vor uns haben. Wer den Wert des Inter­nets nicht begreift, schert sich auch nicht darum, ihn zu erhal­ten. Sor­gen wir dafür, dass der Wert klar wird!

Ich stehe hier für die Pira­ten­par­tei. Wir sagen von uns, dass wir für die The­men des 21. Jahr­hun­derts ste­hen. Und das ist heute nötige denn je. Diese The­men kom­men in der momen­ta­nen Poli­tik in die­sem Land nicht an, die The­men wer­den nicht wahr­ge­nom­men, ja die The­men wer­den nicht ein­mal ver­stan­den. Das Inter­net und die neuen Medien sind in letz­ten 10 Jah­ren zen­tra­ler Bestand­teil unse­rer Gesell­schaft gewor­den. Sie bie­ten phan­tas­ti­sche neue Mög­lich­kei­ten von Daten– und Mei­nungs­aus­tausch. Wir befin­den uns mit­ten in einem Pro­zess der umfas­sen­den Neu­struk­tu­rie­rung unse­rer Gesell­schaft. Jede unre­flek­tierte Ein­schrän­kung und jede Zen­sur im Inter­net wir­ken sich heute unmit­tel­bar auf die Gesell­schaft aus. Wenn wir jetzt nicht auf­pas­sen, wachen wir mor­gen in einem Über­wa­chungs– und Kon­troll­staat auf und es ist zu spät. Die „eta­blier­ten” Par­teien haben das noch nicht ver­stan­den und wol­len es auch nicht ver­ste­hen. Viel­leicht ver­ste­hen sie es aber auch durch­aus und wol­len es nur nicht wahr­ha­ben. Die Par­tei­en­land­schaft ändert sich gerade rapide und der Ein­fluss der­je­ni­gen Par­teien, die 60 Jahre lang für die Bun­des­re­pu­blik ent­schei­dend waren, schwin­det. Es besteht die Gefahr, dass die alten Kräfte am Sta­tus Quo fest­hal­ten wol­len und dies selbst auf die Gefahr hin, die bür­ger­li­che Gesell­schaft, die Mei­nungs­frei­heit und die Demo­kra­tie fak­tisch abzu­schaf­fen. Das macht den Kampf gegen diese Ent­wick­lung umso wich­ti­ger. Wir brau­chen neue poli­ti­sche Kräfte, die sich wie­der für den Geist unse­rer Ver­fas­sung ein­set­zen, die für Bür­ger– und Frei­heits­rechte ste­hen. Wir brau­chen Kräfte, die eine Staat wol­len, der nur so stark ist, wie unbe­dingt nötig und der sich nicht immer grö­ßer und immer mäch­ti­ger und immer bestim­men­der macht. Und ich wäre nicht Vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei, wenn ich da nicht sagen würde: Die Pira­ten­par­tei ist eine sol­che poli­ti­sche Kraft. Und sie wird stär­ker.
Wir haben mitt­ler­weile eine lange demo­kra­ti­sche Tra­di­tion in die­sem Land. Das stimmt mich hoff­nungs­voll, dass es hier nicht zu Zuspit­zun­gen kommt, wie sie in China statt­fin­den oder aktu­ell im Iran. Aber gerade der Iran zeigt, wel­che Ener­gie sich heute aus dem Inter­net ergibt. Wenn dort mit Blogs, Han­dy­ka­me­ras, Web­sei­ten und Twit­ter gegen die Unter­drü­ckung von Frei­heit und Men­schen­rech­ten gekämpft wird, dann kön­nen wir das auch. Also: Bloggt, twit­tert, dis­ku­tiert, über­zeugt und demons­triert! Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Frei­heit klaut!
Die Ver­ab­schie­dung des Zen­sur­ge­set­zes ist nicht das Ende der Aus­ein­an­der­set­zung. Sie ist gerade mal der Anfang. Wir wer­den nicht nach­las­sen, wir wer­den nicht klein beige­ben und wir wer­den so lange für unsere Rechte kämp­fen, bis die­ses Gesetz auf dem Müll­hau­fen gelan­det ist, auf den es gehört.
Vie­len Dank!