Mit Ur­sula von der Leyen auf dem Lin­de­ner Markt­platz in Han­no­ver – Er­leb­nisse ei­nes Pi­ra­ten

Alle Fo­tos in die­sem Ar­ti­kel sind von Jorge-Al­berto Reich und CC-BY-SA-li­zen­ziert.

Am Sams­tag gab sich Frau von der Leyen die Ehre auf dem Lin­de­ner Markt­platz in Han­no­ver. Ei­nige Han­no­ver­sche Pi­ra­ten woll­ten sich nicht ent­ge­hen las­sen, das mal an­zu­schauen und in ge­eig­ne­ter Form zu be­glei­ten.

Los ging’s um zehn Uhr mor­gens. Alle wich­ti­gen Par­teien hat­ten rund um die Stra­ßen­kreu­zung ne­ben dem Markt­platz ihre In­fo­stände auf­ge­baut. Alle? Nicht ganz. Die Pi­ra­ten hat­ten zwar kei­nen ei­ge­nen In­fo­stand, aber ir­gend­wie wa­ren da plötz­lich zwölf Leute. Und die sind dann alle mal rü­ber zur CDU, als Ur­sula dort ein­traf. Und wir wa­ren nicht mal die ein­zi­gen. Wei­tere po­li­tisch in­ter­es­sierte Bür­ger ge­sell­ten sich zu uns, teil­weise pas­send mit „Zensursula“-T-Shirts be­klei­det.

Piraten treffen beim CDU-Infostand ein

Pi­ra­ten tref­fen beim CDU-In­fo­stand ein, Foto von Jorge-Al­berto Reich, CC-BY-SA

We­nig er­freut wa­ren die etwa sie­ben lo­ka­len CDU-Leute am Stand. Sie hät­ten es wohl we­sent­lich lie­ber ge­se­hen, wenn man sie in Ruhe und un­wi­der­spro­chen ihre Un­wahr­hei­tenIn­for­ma­tio­nen un­ters Volk hätte brin­gen las­sen, aber im­mer­hin sollte das hier so­was wie ’ne Bür­ger­sprech­stunde sein. Und Bür­ger sind ja nun mal auch wir.

Kai hat dann auch um­ge­hend das Ge­spräch ge­sucht. War aber nicht so ein­fach. Mit fun­dier­ten Ge­gen­mei­nun­gen kon­fron­tiert, wählt Frau von der Leyen wohl am liebs­ten die „Mo­no­logstra­te­gie“ – das heißt Kai wurde so lange zu­ge­tex­tet, bis alle Phra­sen ab­ge­ar­bei­tet wa­ren: „Na­tür­lich wol­len wir keine Zen­sur, die Netz­sper­ren sind die beste Lö­sung über­haupt, bla bla bla“. Ein­ge­hen auf Nach­fra­gen: Fehl­an­zeige.

Kai im Gespräch mit Frau von der Leyen

Kai im Ge­spräch mit Frau von der Leyen, Foto von Jorge-Al­berto Reich, Be­ar­bei­tung dh, CC-BY-SA

Die junge Dame auf dem Bild trug üb­ri­gens ein Schild mit der Auf­schrift „Weg­schauen statt be­kämp­fen? Sper­ren statt lö­schen?„. Sie wurde von Frau von der Leyen mit den Wor­ten be­grüßt: „Sie sind also da­für, dass man sich im In­ter­net Kin­der­por­nos an­schauen kann?!“ Da er­üb­rigt sich je­der wei­tere Kom­men­tar. Die­je­ni­gen, die diese „Ge­sprä­che“ live ge­hört hat­ten (ich stand lei­der et­was zu weit weg), ha­ben spä­ter ein­hel­lig ge­meint, Frau von der Leyen hätte sich voll­stän­dig merk­be­freit ge­zeigt. Es scheint so, die Frau glaube wirk­lich und ge­ra­dezu fa­na­tisch daran, sie würde da et­was ganz Tol­les zu Wege brin­gen. In so ei­ner Si­tua­tion sind ra­tio­nale Ar­gu­mente lei­der völ­lig nutz­los und ei­gent­lich ist das ja ei­ner der Gründe, warum Glaube und Fa­na­tis­mus in ei­ner frei­heit­li­chen De­mo­kra­tie nichts ver­lo­ren ha­ben. Wo­mit wir wie­der bei des Pu­dels Kern an­ge­kom­men sind, wenn es um Frau von der Leyen und ihr Ver­ständ­nis von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tu­ren geht…

Nach etwa zehn Mi­nu­ten Zwiege­sprä­chen ne­ben dem CDU-Stand ging es dann auf den Markt­platz. Und ob nun gleich ganz vorn…

Auf dem Marktplatz

Auf dem Markt­platz, Foto von Jorge-Al­berto Reich, CC-BY-SA

…beim Fisch­stand…

Am Fischstand

Am Fisch­stand, Foto von Jorge-Al­berto Reich, CC-BY-SA

…beim Kaf­fee- und Tee­stand…

Am Kaffee- und Teestand

Am Kaf­fee- und Tee­stand, Foto von Jorge-Al­berto Reich, CC-BY-SA

…oder bei all den an­de­ren Stän­den, an de­nen Frau von der Leyen das Ge­spräch mit dem Wäh­ler suchte: Im Hin­ter­grund war im­mer ein knap­pes Dut­zend Men­schen, die mit Pla­ka­ten deut­lich mach­ten, dass sie mit der Po­li­tik und den An­sich­ten von Frau von der Leyen nicht ein­ver­stan­den sind. All diese Men­schen wa­ren die ganze Zeit über freund­lich und zu­rück­hal­tend: Alle sind im­mer brav hin­ter der CDU-En­tou­rage und Frau von der Ley­ens ei­ge­nen Auf­pas­sern ge­blie­ben, nie­mand hat sich auch von den ge­le­gent­li­chen Remp­lern des ei­nen oder an­de­ren CDU­lers nur im ge­rings­ten pro­vo­zie­ren las­sen, nie­mand hat sich ir­gendwo in den Weg ge­stellt oder auch nur ein ein­zi­ges „Ge­spräch“ zwi­schen Frau von der Leyen und den Bür­gern ge­stört.

Trotz­dem fin­gen die drei an­we­sen­den Po­li­zis­ten nach etwa 15 Mi­nu­ten an, von ei­nem Groß­teil der an­we­sen­den Geg­ner die Per­so­na­lien auf­zu­neh­men. Die Be­grün­dung war, es handle sich hier um „un­an­ge­mel­dete Ver­samm­lung“ und das wurde dann dann am Hoch­hal­ten der Pla­kate fest­ge­macht oder – bei de­nen, die keine Pla­kate da­bei hat­ten – daran, dass sie halt „mit­lau­fen wür­den“ und da­mit auch zu die­ser „Ver­samm­lung“ ge­hör­ten.

Personalienaufnahme am Rande des Marktspaziergangs

Per­so­na­li­en­auf­nahme am Rande des Markt­spa­zier­gangs, Foto von Jorge-Al­berto Reich, CC-BY-SA

So eine Be­grün­dung ent­behrt auf ei­nem be­leb­ten Markt­platz nicht ei­ner ge­wis­sen Iro­nie. Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Ein­schüch­te­rungs­ver­such war, eine pro­phy­lak­ti­sche Maß­nahme falls es zu Ran­dale käme oder ob die CDU ge­for­dert hatte, da „müsse doch was ge­tan wer­den ge­gen diese Stö­rer“. Ich weiß nur, dass kei­ner der be­tei­lig­ten Pro­tes­tie­rer sich da­von be­ein­dru­cken ließ, alle Schil­der blie­ben oben und Frau von der Leyen blieb ihre Be­glei­tung treu.

(Nach­trag: Beim Max fin­dest sich mitt­ler­weile ein Be­richt, der eben­falls pro­tes­tiert hat und der „un­an­ge­mel­den Ver­samm­lung“ zu­ge­rech­net wurde, ob­wohl er, wie er be­tont, al­lein ge­kom­men ist und nichts mit der Pi­ra­ten­par­tei zu tun hat.)

Üb­ri­gens wa­ren auch viele an­dere Ge­sprächs­part­ner nicht so recht von Frau von der Leyen über­zeugt. Auch bei an­de­ren The­men wie Vä­ter­rech­ten, Be­treu­ungs­an­ge­bo­ten für Klein­kin­der oder fi­nan­zi­el­ler Fa­mi­li­en­un­ter­stüt­zung wa­ren ihre Ein­las­sun­gen wohl häu­fig sehr scha­blo­nen­ar­tig.

Um punkt 11 Uhr war der SpukAuf­tritt dann auch schon vor­bei. Mit­samt ih­rer Be­glei­tung ent­schwebte Frau von der Leyen in ih­rer schi­cken Li­mou­sine. Wir durf­ten uns dann noch ein we­nig von ei­nem CDU-Men­schen laut­stark an­gif­ten las­sen („Ihr soll­tet euch schä­men mit dem Tauss“), der nach der pas­sen­den Er­wi­de­rung („Ach, gilt in Ih­rer Par­tei das rechts­staat­li­che Prin­zip der Un­schulds­ver­mu­tung nicht?“) er­heb­lich aus­ge­bremst war. Ich per­sön­lich halte es da zu­dem mit der un­ver­gleich­li­chen Vera Drom­busch: „Wer schreit hat Un­recht.“ An­sons­ten konn­ten wir noch viele Bür­ger über uns und un­sere Ziele in­for­mie­ren, viele Flyer ver­tei­len – und die Jungs, die plötz­lich die Sei­ten­scheibe ih­res Au­tos run­ter­kur­bel­ten und quer über den Platz rie­fen: „Ihr seid klasse, ich werd‘ euch wäh­len!“ ha­ben da­mit de­fi­ni­tiv auch nicht die CDU hin­ter uns ge­meint. 😉

Par­al­lel hatte der­weil eine zweite Ak­ti­ven­gruppe den In­fo­stand in der Han­no­ver­schen In­nen­stadt auf­ge­baut. Et­li­che Pi­ra­ten sind noch vom Lin­de­ner Markt­platz dort­hin ge­zo­gen und ha­ben die dor­tige Gruppe ver­stärkt, was an­ge­sichts des ho­hen Bür­ger­inter­es­ses auch sehr sinn­voll war.

Infostand auf der Osterstraße

In­fo­stand auf der Os­ter­straße, Foto von Jorge-Al­berto Reich, CC-BY-SA

Zu­sam­men mit dem Re­kord-Stamm­tisch vom Frei­tag abend (42 Pi­ra­ten und In­ter­es­sen­ten) ein wahr­haft pi­ra­ti­ges Wo­chen­ende!

Ei­nen wei­te­ren Be­richt vom Lin­de­ner Markt­platz mit wei­te­ren Fo­tos gibt’s üb­ri­gens drü­ben in Jans hy­per-world.

Nach­trag, 2009-09-26: Auch im Por­tal „Han­no­ver ent­de­cken“ gibt es zwi­schen­zeit­lich ei­nen Be­richt von Frau von der Ley­ens Be­such mit ei­ni­gen er­hel­len­den De­tails über den äu­ßerst un­höf­li­chen Um­gangs­ton von Frau von der Leyen und ihre CDU-Mit­strei­ter.

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