Radverkehr braucht attraktive Infrastruktur. Wenn sie nicht da ist, muss man sie sich selbst machen!

Wie man in Hannover besser Radfahren könnte – ADFC-Experiment am Steintor 2


Am gest­ri­gen Frei­tag hat der han­no­ver­sche ADFC mal gezeigt, wie man ein beson­ders gru­se­li­ges Stück „Rad­weg” so gestal­tet, dass man dort tat­säch­lich Rad fah­ren kann. Auf der Münz­stra­ße, neben dem Stadt­bahn­steig am Stein­tor, ist ein­fach mal der an der Bus­hal­te­stel­le unter­bro­che­ne Rad­weg mit Pylo­nen und Flat­ter­band durch­mar­kiert wor­den.

Darum geht's: Der Radstreifen wird an der Bushaltestelle einfach unterbrochen.

Dar­um geht’s: Der Rad­strei­fen wird an der Bus­hal­te­stel­le ein­fach unter­bro­chen.

Und tat­säch­lich: Die abge­sperr­te Rad­spur hat sofort dazu geführt, dass man hier als Rad­fah­rer – unge­wohn­ter­wei­se – gut durch­ge­kom­men ist!

So könnte es sein: Der Radstreifen wird an dieser Stelle durchgezogen, Radfahrer können gefahrlos entlangfahren.

So könn­te es sein: Der Rad­strei­fen wird an die­ser Stel­le durch­ge­zo­gen, Rad­fah­rer kön­nen gefahr­los ent­lang­fah­ren.

Auch für den Bus­ver­kehr stellt sich die Situa­ti­on so viel ange­neh­mer dar: Kein Schnei­den von Rad­fah­rern mehr, kei­ne Platz­kon­kur­renz mehr – bei­de Ver­kehrs­mit­tel sind von­ein­an­der getrennt. Ner­ven­auf­rei­ben­des Durch­ein­an­der wird abge­löst von ent­spann­tem Mit­ein­an­der.

Bus und Radverkehr kommen sich nicht mehr in die Quere.

Bus und Rad­ver­kehr kom­men sich nicht mehr in die Que­re.

Lei­der hat der Poli­zei die neue Sicher­heit für den Rad­ver­kehr nicht gefal­len: Statt nach geplan­ten 30 Minu­ten war es schon nach fünf Minu­ten wie­der vor­bei mit gefahr­lo­sem, ent­spann­ten Rad fah­ren an die­ser Stel­le. Mit Hin­weis auf Ver­samm­lungs­recht und Ord­nungs­wid­rig­kei­ten.

Schon nach fünf Minuten war wieder Schluss mit gutem Radfahren - der Polizei hat es nicht gefallen

Schon nach fünf Minu­ten war wie­der Schluss mit gutem Rad­fah­ren – der Poli­zei hat es nicht gefal­len

Nun, jeder setzt sei­ne Prio­ri­tä­ten. Ins Bild passt, dass der poli­zei­be­auf­sich­tig­te Abbau des siche­ren Rad­wegs an die­ser Stel­le beglei­tet wur­de von demons­tra­ti­vem poli­zei­li­chen Des­in­ter­es­se an meh­re­ren Falsch­par­kern auf dem Rad­strei­fen kei­ne fünf Meter dahin­ter.

Falschparker auf dem Radstreifen - die sind der Polizei egal.

Falsch­par­ker auf dem Rad­strei­fen – die sind der Poli­zei egal.

Und schon war wie­der alles wie immer: Bus­se drän­geln sich über die Rad­spur nach rechts…

Alltag am Steintor: Bus schneidet die Radspur.

All­tag am Stein­tor: Bus schnei­det die Rad­spur.

…müs­sen auf Rad­fah­rer­jagd gehen…

Alltag am Steintor: Jagdszenen.

All­tag am Stein­tor: Jagd­sze­nen.

…blo­ckie­ren Rad­fah­rer…

Alltag am Steintor: Radverkehr wird blockiert.

All­tag am Stein­tor: Rad­ver­kehr wird blo­ckiert.

…und wer­den selbst von Falsch­par­kern blo­ckiert…

Alltag am Steintor: Falschparker blockieren alles andere.

All­tag am Stein­tor: Falsch­par­ker blo­ckie­ren alles ande­re.

…die ihrer­seits Rad­fah­rer zu gefähr­li­chen Manö­vern in den flie­ßen­den Auto­ver­kehr zwin­gen…

Alltag am Steintor: Gefährliche Ausweichmanöver.

All­tag am Stein­tor: Gefähr­li­che Aus­weich­ma­nö­ver.

…wäh­rend der Platz fürs Fahr­rad wie selbst­ver­ständ­lich zur zwei­ten Fahr­spur wird.

Alltag am Steintor: Einfach mal mit dem Auto den Schutzstreifen schneiden.

All­tag am Stein­tor: Ein­fach mal mit dem Auto den Schutz­strei­fen schnei­den.

Wer wis­sen will, war­um in Han­no­ver der Rad­ver­kehrs­an­teil seit sie­ben Jah­ren sta­gniert, muss sich nur mal eine hal­be Stun­de an die­se Stel­le am Stein­tor stel­len. Das ist ja kei­ne Erb­sün­de aus den 1970er Jah­ren. Das ist fun­kel­nie­gel­na­gel­neue Infra­struk­tur. Die­se desas­trö­se Rad­fah­rer­ver­grau­lung ist kei­ne fünf Jah­re alt! Und sie funk­tio­niert: Auf die­se zen­tra­le Ver­kehrs­ach­se zwi­schen Innen­stadt und Wes­ten ver­irrt sich kaum noch ein Rad­fah­rer. In 30 Minu­ten habe ich viel­leicht ein Dut­zend gese­hen. Rad­fah­rer sind ja nicht lebens­mü­de: Ent­we­der fah­ren sie woan­ders lang – oder sie las­sen das Fahr­rad ein­fach ganz ste­hen.

Radverkehr braucht attraktive Infrastruktur. Wenn sie nicht da ist, muss man sie sich selbst machen!

Rad­ver­kehr braucht attrak­ti­ve Infra­struk­tur. Wenn sie nicht da ist, muss man sie sich selbst machen!

Es bleibt die Erkennt­nis: Rad­ver­kehr lässt sich nur för­dern, wenn man ihm Platz gibt. Wenn es kei­nen frei­en Platz mehr gibt, muss die­sen Platz ein ande­res Ver­kehrs­mit­tel her­ge­ben. Oder, um es auf die anste­hen­de Wahl des Ober­bür­ger­meis­ters zu bezie­hen: Mit einer auto­frei­en Innen­stadt lässt sich die­ser Platz gewin­nen. Ein­fach nur 15 Mil­lio­nen raus­hau­en (wol­len) bringt gar nichts. Und erzäh­len, man wol­le ein durch­gän­gi­ges Rad­we­ge­netz, ohne zu sagen, wo der Platz her­kommt, auch nicht.

Die HAZ sieht in der ADFC-Akti­on einen Akt zivi­len Unge­hor­sams. Da hat sie Recht! Es sind halt mitt­ler­wei­le ziem­lich vie­le Men­schen, die nicht mehr län­ger auf durch­grei­fen­de Ände­run­gen an den Prio­ri­tä­ten in der Ver­kehrs­pla­nung die­ser Stadt war­ten wol­len!

Mehr Platz fürs Rad!

Mehr Platz fürs Rad!


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2 Gedanken zu “Wie man in Hannover besser Radfahren könnte – ADFC-Experiment am Steintor

  • BSer

    in Braun­schweig hat man vor ziem­lich genau zwei Jah­ren auch so eine Akti­on gemacht, aber ange­mel­det und abge­stimmt.
    Hier­bei wur­de eine zwei­spu­ri­ge Fahr­bahn auf ca. 500 – 800m ein­spu­rig mit einer phy­sisch abge­grenz­ten Rad­fahr­spur.
    Pro­ble­me gab es wäh­rend enes Poli­zei­ein­sat­zes, der Ein­satz­wa­gen stand dann auf der ver­blie­be­nen Fahr­spur und der MIV stau­te sich sehr weit zurück.
    Vom ADFC wur­de die Akti­on als „vol­ler Erfolg” bezeich­net und die Sache mit dem Poli­zei­ein­satz ver­schwie­gen.

    Der ADFC hat durch­aus eine Mit­ver­ant­wor­tung für der­ar­ti­ge Situa­tio­nen und Pro­ble­me, for­der­te und för­der­te Er doch seit Anfang an das Rad­fah­ren auf der Fahr­bahn, Schutz­strei­fen, Rad­fahr­stei­fen. Mit den alten Hoch­bord­rad­we­ge (= bau­li­che Tren­nung von der Fahr­bahn) wie in mei­ner Stadt häu­fig noch vor­han­den gibt es deut­lich weni­ger der­ar­ti­ge Pro­ble­me.
    Über­all da wo Rad­fahr­strei­fen oder Schutz­strei­fen in letz­ter Zeit ange­legt wur­den, häu­fen sich Vor­fäl­le mit Falsch­par­kern, zuge­fah­re­nen Rad­spu­ren, Doo­ring-Situa­tio­nen, aber auch die Geis­ter­rad­ler fah­ren ver­bo­te­ner­wei­se links dar­auf und behin­dern die rich­tig fah­ren­den.

    Ich bin daher der Mei­nung, dass hier sys­te­ma­tisch funk­tio­nie­ren­de sepa­rier­te Rad­ver­kehrs­in­fra­struk­tur aus der Zeit der „auto­ge­rech­ten Stadt” zer­stört wird, Rad­fah­rer mehr gefähr­det und behin­dert wer­den als vor­her und der ADFC dies noch unter­stützt und sich damit für mich dis­qua­li­fi­ziert hat.

  • Olli

    Scha­de, dass es so schnell vor­bei war.
    Ich fah­re da auch nie lang.

    Aber seit Ver­öf­fent­li­chung der HAZ-Umfra­ge hege uch die Befürch­tung das Mr. 15Mios für den Rad­ver­kehr tat­säch­lich der nächs­te OB wer­den könn­te.
    Und wird zB in der Münz­stras­se kei­ne Fahr­spur für den Auto­ver­kehr sper­ren las­sen…