Weihnachten und Technik


Tech­ni­sche Gerät­schaf­ten sind schon zar­te Seel­chen. Und Weih­nach­ten bringt sie offen­sicht­lich durch­ein­an­der. Wie sonst lässt sich erklä­ren, dass wir nor­ma­ler­wei­se zwei erns­te­re Zwi­schen­fäl­le pro Jahr haben? Einer irgend­wann, einer an Weih­nach­ten. Bei­spie­le:

2001: Am ers­ten Fei­er­tag fällt eine Rou­ter-Fire­wall mit Fest­plat­ten­scha­den aus. Den gan­zen 25.12. über ist ein Pro­duk­tiv­sys­tem mas­siv gestört. Zwei Leu­te müs­sen den Rech­ner betüd­deln und neu instal­lie­ren.

2002: Pünkt­lich zum vier­ten Advent fal­len zwei IBM-Net­fi­ni­ty-Ser­ver unmit­tel­bar nach­ein­an­der aus. Der Tech­ni­ker, der am Sonn­tag Mor­gen beim Kun­den ein­trifft, lötet auf dem Main­board her­um, lässt einen Ersatz­ser­ver per Taxi über 100 Kilo­me­ter Ent­fer­nung anlie­fern und mur­melt was von „Seri­en­feh­ler”. Trotz red­un­dan­tem Sys­tem­auf­bau zwölf Stun­den Aus­fall des Pro­duk­tiv­sys­tems. Seit­dem sehe ich das mit der „Red­un­danz” wesent­lich locke­rer, im Zwei­fels­fall gewinnt sowie­so Mur­phy.

2004: Kurz vor Weih­nach­ten fällt ein Büro­ser­ver aus, unmit­tel­bar danach die Fire­wall für die eine Büro­hälf­te. Bei bei­den Rech­nern müs­sen grö­ße­re Unter­men­gen der Hard­ware aus­ge­tauscht wer­den. Mehr­stün­di­ger Aus­fall der Anbin­dung.

Und die­ses Jahr? Heu­te Nacht, 1:26 Uhr, weckt mich mei­ne Mit­ar­bei­te­rin mit dem Not­fall­han­dy: Die Ver­bin­dung zwi­schen Haupt­ser­ver und den Kom­po­nen­ten in unse­rem Büro ist unter­bro­chen und sie erreicht die Ser­ver im Büro nicht. Mein ers­ter Ver­dacht: Inter­net-Anbin­dung. Also Pro­vi­der-Hot­line ange­ru­fen. Der freund­li­che und kom­pe­ten­te Mit­ar­bei­ter (Dan­ke, Broad­net!) prüft die Erreich­bar­keit des DSL-Modems – kein Pro­blem. Sicher­heits­hal­ber Reset – kein Pro­blem. Unse­re Fire­wall und das Netz dahin­ter kann er aber auch nicht anspre­chen.

Also mache ich mich um 1:40 Uhr in der Nacht auf den Weg ins Büro. Wäh­rend eines Fahr­rad­ritts (Mer­ke: Ver­kehrs­re­geln sind rela­tiv…) geht einem so eini­ges durch den Kopf: Habe ich ein Back­up von der Fire­wall-Kon­fi­gu­ra­ti­on? Was, wenn Nut­zer­da­ten betrof­fen sind? Kann ich die Pro­duk­tiv­ser­vices an einen ande­ren Stand­ort umzie­hen?

Die­se hoch­tech­ni­schen Erwä­gun­gen sind zunächst über­flüs­sig: Am Ser­ver­rack ange­kom­men umfängt mich Stil­le. Alle Rech­ner sind aus. Offen­sicht­lich gibt es kei­nen Strom mehr, jeden­falls nicht an der Steck­do­se. Glück­li­cher­wei­se jedoch an der Steck­do­se 30 Zen­ti­me­ter wei­ter, manch­mal sind über Jahr­zehn­te gewach­se­ne, weit­ge­hend von jeder über­ge­ord­ne­ten Pla­nung befrei­te Ver­ka­be­lun­gen doch ein Segen. Beherzt eine kur­ze Ver­län­ge­rung an die „frem­de” Dose geklemmt, rein­ge­steckt und zur Beloh­nung ein viel­stim­mi­ges „srrrrrRRRRRRR” im Rack. Sie leben wie­der. Hur­ra!

Alle Rech­ner fah­ren wie­der hoch. Alle? Nein. Die LED an der Switch-Netz­werk­do­se für den zwei­ten Büro­ser­ver bleibt hart­nä­ckig aus. Am Rech­ner leuch­tet die Fest­plat­ten-LED dau­er­haft. Hm. Sieht nicht gut aus. Dis­play an den Rech­ner: „GRUB loa­ding…” Mist.

Rech­ner abbau­en, hoch­tra­gen, sepa­rat anschlie­ßen. Noch­mal Boo­ten. Bleibt wie­der im GRUB hän­gen, also noch bevor über­haupt der Boot-Bild­schirm mit der Sys­tem­aus­wahl ange­zeigt wird. Mal an der Fest­plat­te lau­schen. Tck-tijjjh – tck-tjjjjh – tck-tck-tck-tck – klock — tck-tjjjjk – tck-tjjjjk. Noch­mal Mist. ‚putt.

Ok, die Leu­te wol­len arbei­ten. Also Fun­dus che­cken. Hm. Aus­tausch­plat­ten glei­cher Grö­ße sind nicht mehr da. Aber eine 20 GB-Plat­te. IBM. Von 1999. Egal, muss jetzt gehen. Ein­bau­en, SuSE-10.2-DVD ein­le­gen, boo­ten, NFS-Install aus­wäh­len, los­le­gen. Wie­der Mist, er fin­det den DHCP-Ser­ver nicht. War­um das? Gepatcht ist die Netz­werk­buch­se doch. Mal am Switch im Büro schau­en. Wie, alles AUS??? Hier oben auch kein Strom? Aber das Licht? Und der eine Rech­ner läuft doch auch… Naja, wie gesagt: manch­mal sind über Jahr­zehn­te gewach­se­ne, weit­ge­hend von jeder über­ge­ord­ne­ten Pla­nung befrei­te Ver­ka­be­lun­gen…

2:30 Uhr: Ich fan­ge an, Kabel­trom­meln durch die Büro­räu­me zu ver­le­gen. Man­che Steck­do­sen gehen, ande­re nicht. Immer­hin hat der Switch jetzt wie­der Strom (und auch die Tele­fon­an­la­ge). Die SuSE-Instal­la­ti­on fin­det das NFS-Archiv, die Instal­la­ti­on geht rela­tiv glatt durch und die meis­ten Kon­fi­gu­ra­ti­ons­ein­stel­lun­gen kann ich vom Back­up ein­spie­len. Um 4:45 Uhr fah­re ich wie­der nach Hau­se…

Mor­gens über­nimmt dann sozu­sa­gen die „Tag­schicht” im Büro. Die ruft den Ver­mie­ter. Der den Elek­tri­ker. Und der die Stadt­wer­ke. Man misst und stellt fest: Eine der drei Pha­sen, über die das Haus mit Strom ver­sorgt wird, ist tot. Mit­tags soll der Bau­trupp anrü­cken. Und das ist wört­lich zu neh­men: Der Bür­ger­steig muss auf­ge­bag­gert wer­den.

Der­weil ver­sucht die flei­ßi­ge Hel­fer­schar, all die klei­nen Klei­nig­kei­ten zu behe­ben, die ich in der Nacht so ver­ges­sen habe. /etc/group ist nicht im NIS, der IMAPd ist gar nicht instal­liert und mit dem Sam­ba-PDC gibt es auch noch ein Pro­blem. Gegen 11 Uhr klin­gelt dann doch mal mein Tele­fon – ob ich nicht viel­leicht dem­nächst mal… also, wär’ ja klar, dass die Nacht kurz war… aber irgend­wie wür­den die ande­ren schon ganz gern arbei­ten kön­nen…

Mit­tags dann rückt der Bau­trupp an. Man ist ein wenig vor­sich­tig – für die voll­stän­di­ge Repa­ra­tur müss­te im gesam­ten Stra­ßen­zug der Strom abge­schal­tet wer­den. Mit den vie­len Büros wür­de das sicher­lich viel Freu­de aus­lö­sen. Sie wür­den ja lie­ber heu­te erst­mal eine vor­läu­fi­ge Repa­ra­tur vor­neh­men (beim Pro­gram­mie­ren sagt mal wohl „Work­a­round”) und dann mor­gen anfan­gen zu bud­deln. Bedeu­tet für mich: Am Sams­tag, 23.12, um 9:00 Uhr ins Büro und Rech­ner betüd­deln.

Momen­tan läuft also alles auf Reser­ve. Sämt­li­che Pro­duk­tiv­ser­vices sind ent­we­der unter Vor­be­halt gestellt („kann aus­fal­len…”) oder an ande­re Stand­or­te ver­la­gert. Das Rack darf um Him­mels­wil­len heu­te Nacht nicht aus­fal­len, denn durch die vor­läu­fi­ge Repa­ra­tur der Tech­ni­ker haut der Strom­stoß, den alle gleich­zei­tig ange­hen­den Rech­ner aus­lö­sen, die Siche­rung raus.

Als wenn es noch nicht genug wäre, fällt heu­te nach­mit­tag eine Work­sta­tion aus hei­te­rem Him­mel aus. Fest­plat­te abso­lut unles­bar, das BIOS kann nicht mal den Boot­loa­der fin­den. Res­cue-Sys­tem von der SuSE-DVD: Datei­sys­tem ist kom­plett weg. Hm. Mal Zugriff mit dd tes­ten. Kein Pro­blem. Ver­steh’ einer die­se Hard­ware…

Und zu allem Über­fluss haben wir aus­ge­rech­net heu­te abend Weih­nachts­fei­er. Hof­fen wir mal, dass die Rech­ner nicht all­zu nei­disch sind. Sonst gehen die Aus­fäl­le womög­lich aus rei­ner Bos­haf­tig­keit mun­ter wei­ter…

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