Attraktive Innenstadt? Andreaestraße, 2014

Autos, Autos, Autos – Wie sich Vertreter der hannoverschen Wirtschaft ins verkehrspolitische Abseits schwadronieren 1


Von der Öffent­lich­keit bis­lang weit­ge­hend unbe­merkt hat das „Akti­ons­bünd­nis Stadt­ver­kehr” mal wie­der zuge­schla­gen. Die­ser Zusam­men­schluss von IHK, Hand­werks­kam­mer, Han­dels­ver­band, Han­no­ver­scher Deho­ga, Haus & Grund und der City-Gemein­schaft hat in einem Vier­sei­ter sei­ne Erwar­tun­gen an die Ver­kehrs­po­li­tik in Stadt und Regi­on for­mu­liert, auch im Hin­blick auf die anste­hen­de Neu­wahl des Ober­bür­ger­meis­ters.

Zusam­men­fas­sen lässt sich das Pam­phlet so: Auto, Auto, Auto. Oh, und: Auto. Das Akti­ons­bünd­nis schwingt sich – nicht zum ers­ten Mal – zum Anwalt des „moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehrs” auf:

Ein Zurück­drän­gen des moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehrs in der Stadt Han­no­ver ist erst dann denk­bar, wenn ech­te ver­kehr­li­che Alter­na­ti­ven geschaf­fen wor­den sind.

[F]ür wesent­li­che Tei­le des Wirt­schafts­ver­kehrs [bestehen] kei­ne rea­lis­ti­schen Alter­na­ti­ven zum moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehr[…].

Die han­no­ver­sche Wirt­schaft sieht das stän­di­ge Rufen nach Ver­kehrs­ein­schrän­kun­gen beim moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehr mit gro­ßer Besorg­nis.

Der Text arbei­tet mit zwei rhe­to­ri­schen Figu­ren, die mir in der Dis­kus­si­on um die Ver­kehrs­wen­de in letz­ter Zeit häu­fi­ger begeg­net sind:

  1. Es wird – sie­he das ers­te Zitat – eine Raumum­nut­zung zu Guns­ten ande­rer Ver­kehrs­trä­ger als dem Pkw über­haupt erst dann als „mög­lich” ange­se­hen, wenn eine gan­ze Rei­he von Bedin­gun­gen erfüllt sind.
  2. Es wird „Koope­ra­ti­on” gefor­dert, jedem Ver­kehrs­trä­ger soll „sei­ne Rol­le” zukom­men. Oder wie das Akti­ons­bünd­nis schreibt: „Alle haben glei­cher­ma­ßen hohen Inves­ti­ti­ons­be­darf.”

Bei­des ist – mit Ver­laub – Quatsch! Han­no­ver, und ins­be­son­de­re die Innen­stadt, hat das Pro­blem, dass sie schlicht in Autos ersäuft. Und zwar jetzt, nicht in zehn oder zwan­zig Jah­ren. Des­halb muss der Auto­ver­kehr mas­siv ver­rin­gert wer­den. Und das geht eben nicht, indem man „alle för­dert”, son­dern indem man Fuß‑, Rad- und öffent­li­chen Ver­kehr gezielt bevor­zugt, und zwar zu Las­ten des Auto­ver­kehrs.

Radverkehr abgedrängt: Fernroder Straße, 2017

Rad­ver­kehr abge­drängt: Fern­ro­der Stra­ße, 2017

Inso­fern sind auch die For­de­run­gen, was alles anders wer­den muss, irre­füh­rend: An neu­en Logis­tik­kon­zep­ten, ÖPNV-Inves­ti­tio­nen, Park-And-Ride-Ange­bo­ten, Ver­net­zung von Ver­kehrs­trä­gern und „intel­li­gen­ter” Ver­kehrs­len­kung wird samt und son­ders schon gear­bei­tet. Seit Jah­ren. Teil­wei­se seit Jahr­zehn­ten. Eine grund­le­gen­de Ver­bes­se­rung der Ver­kehrs­si­tua­ti­on – sprich: Mehr Platz für alle ande­ren als das Auto – von die­sen Vor­aus­set­zun­gen abhän­gig zu machen, ist gleich­be­deu­tend mit einer Total­ver­wei­ge­rung jeden Fort­schritts.

Ins­ge­samt ist der Text des Akti­ons­bünd­nis­ses mit „alt­ba­cken” und „aus der Zeit gefal­len” noch freund­lich umschrie­ben. „Brä­sig und igno­rant” trifft es mei­nes Erach­tens bes­ser. Allein wie ver­sucht wird, Rad­ver­kehr als unwich­ti­ge Rand­er­schei­nung abzu­kan­zeln ist beacht­lich. Als letz­te von sechs Ver­bes­se­rungs­for­de­run­gen heißt es:

Auch der viel­dis­ku­tier­te Aus­bau der Fahr­rad­in­fra­struk­tur und die ver­stärk­te Nut­zung von Sharing-Model­len kön­nen Lösungs­bau­stei­ne sein, sie bie­ten aber nicht die allei­ni­ge Lösung für alle ver­kehrs­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen.

Noch viel mehr wenns und abers waren in dem Absatz nicht unter­zu­brin­gen. Etwas wei­ter unten geht es dann um den Wirt­schafts­ver­kehr und die Alter­na­tiv­lo­sig­keit des „moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehrs”. Denn:

Dies gilt auch vor dem Hin­ter­grund der Viel­zahl von Kon­zep­ten mit Las­ten­fahr­rä­dern, die aber sowohl räum­lich, wie auch men­gen­mä­ßig nur klei­ne­re Tei­le der Waren­strö­me abde­cken kön­nen.

Wer schreibt sol­che Zei­len? Wer schreibt so etwas in einer Zeit, in der – ich möch­te fast sagen: sogar in Han­no­ver – über Logis­tik­kon­zep­te mit Las­ten­rä­dern nach­ge­dacht und die­se in ande­ren Städ­ten sogar schon genutzt wer­den? Wie­so wird hier eigent­lich „moto­ri­sier­ter Indi­vi­du­al­ver­kehr” und ver­schie­dens­te Logis­tik­ver­keh­re stän­dig in einen Topf gewor­fen, obwohl das alles ganz unter­schied­li­che Din­ge sind?

Gera­de die City­ge­mein­schaft, die Ver­ei­ni­gung der Ein­zel­händ­ler in der han­no­ver­schen Innen­stadt, fürch­tet ja immer wie­der sin­ken­de Besu­cher­zah­len. Damit ein­her geht stets die For­de­rung nach einer „attrak­ti­ven Innen­stadt”. End­lo­se Lawi­nen von Blech­kis­ten – egal ob stin­kend oder nicht – sind nicht attrak­tiv. Trotz­dem wird ihnen von eben­die­sen Ein­zel­händ­lern wie­der und wie­der das Wort gere­det.

Attraktive Innenstadt? Andreaestraße, 2014

Attrak­ti­ve Innen­stadt? And­rea­e­s­tra­ße, 2014

Dabei kommt die Mehr­heit der Innen­stadt­be­su­cher gar nicht mit dem Auto! Ich habe da vor fast zwei Jah­ren schon umfäng­lich drü­ber geschrie­ben und an den Zah­len hat sich seit­her nichts Wesent­li­ches geän­dert: Zwei Drit­tel der Innen­stadt­be­su­cher kom­men mit öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln und das rest­li­che Drit­tel teilt sich zu etwa glei­chen Tei­len in Auto­fah­rer auf der einen und Rad­fah­rer und Fuß­gän­ger auf der ande­ren Sei­te.

Wenn man die han­no­ver­sche Innen­stadt mor­gen kom­plett für den „moto­ri­sier­ten Indi­vi­du­al­ver­kehr” sper­ren wür­de (was übri­gens nie jemand gefor­dert hat), wür­den das nicht mal 20% der poten­ti­el­len Besu­cher mer­ken! Für die ande­ren 80% änder­te sich schlicht – nichts! Außer dass sie von jetzt auf gleich eine deut­lich höhe­re Auf­ent­halts­qua­li­tät in der City hät­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Behaup­tung, Auto­aus­schluss wür­de zur Mas­sen­ab­wan­de­rung von Käu­fern ins Inter­net füh­ren, schlicht Blöd­sinn!

Ver­gan­ge­nen Frei­tag haben über 30.000 Men­schen in Han­no­ver für Maß­nah­men gegen die Kli­ma­kri­se pro­tes­tiert. Auch vor die­sem Hin­ter­grund ist das „Akti­ons­bünd­nis” welt­fremd und gest­rig. Es wird die­ser Tage mehr und mehr Men­schen klar, dass vie­le Din­ge in unse­rer Gesell­schaft nicht so wei­ter­ge­hen kön­nen wie bis­her. Der gesam­te Ver­kehrs­sek­tor mit der jahr­zehn­te­lan­gen Vor­herr­schaft des Auto­ver­kehrs gehört da dazu. IHK, Hand­werks­kam­mer, City-Gemein­schaft und wie sie alle hei­ßen sind ja gesell­schaft­lich durch­aus rele­van­te Kräf­te. Ich fin­de es eini­ger­ma­ßen beschä­mend, dass die­se Orga­ni­sa­tio­nen sich mit einem plum­pen „bloß nicht anders!” aus die­sem Dis­kurs zurück­zie­hen. Ich fra­ge mich, ob das wohl den Mit­glie­dern die­ser Orga­ni­sa­tio­nen gefällt. Ich wür­de mir wün­schen, dass hier auch eine Dis­kus­si­on von innen ein­setzt, ob man denn mit der­art unre­flek­tier­ten „Wei­ter so”-Parolen im Jahr 2019 wirk­lich noch Poli­tik machen will.

Ich für mei­nen Teil wür­de das nicht wol­len.

Plakat auf der Fridays-for-Future-Demo 2019:

Pla­kat auf der Fri­days-for-Future-Demo 2019: „Sicher­heit für Fahr­rad­fah­rer macht Han­no­vers Him­mel kla­rer”


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Ein Gedanke zu “Autos, Autos, Autos – Wie sich Vertreter der hannoverschen Wirtschaft ins verkehrspolitische Abseits schwadronieren

  • Oliver

    Lie­ber Dirk, die Innen­stadt in Han­no er ersäuft nicht im Auto­ver­kehr. Han­no­ver ist im Ver­gleich zu vie­len ande­ren Städ­ten noch gut dran. In Stutt­gart, Köln, Essen, Ham­burg ist es im viel schlim­mer. Da kann man sehen wie es in ein paar Jah­ren in Han­no­ver aus­se­hen wird wenn sich nichts an der Ver­tei­lung der Flä­chen ändert. Ver­kehrs­wen­de braucht Dif­fe­ren­zie­rung und eine kla­re Visi­on, kei­ne Schat­ten­kämp­fe.