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Quo va­dis Ur­he­ber­recht? – Zur „Ber­li­ner Rede“ der Jus­tiz­mi­nis­te­rin, Teil 2

Fort­set­zung des von Teil 1 vom Frei­tag

Be­trach­ten wir vor dem Hin­ter­grund der Rede der Jus­tiz­mi­nis­te­rin die ge­samte Pro­ble­ma­tik noch­mal aus ei­nem an­de­ren Blick­win­kel:

Der Ur­he­ber ei­nes Wer­kes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht ver­wen­det bzw. re­zi­piert wird. Dies ist aber ein so­zia­ler und in­ter­ak­ti­ver Pro­zess, den der Ur­he­ber (und auch even­tu­elle Ver­mitt­ler wie z.B. Ver­le­ger) schlech­ter­dings gar nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann. Die wie ein Man­tra die ganze Rede durch­zie­hende Aus­sage „Der Rech­te­inha­ber ent­schei­det, was pas­siert“ ist letzt­lich eine Täu­schung. Ei­gent­lich ent­schei­den näm­lich die Emp­fän­ger, ob ih­nen ein Werk wich­tig ist oder nicht und da­mit geht im­mer eine Be­schäf­ti­gung mit dem Werk ein­her. Im Ge­setz fin­den sich nicht um­sonst die Schran­ken des Ur­he­ber­rechts, das Zi­tat­recht oder die Pan­ora­ma­f­rei­heit.

Dass da­mit auch so man­che Ur­he­ber ihre Pro­bleme ha­ben, zeig­ten üb­ri­gens die „ein­füh­ren­den Worte“ von Ul­rich Wi­ckert, der nicht nur er­staun­lich alt ge­wor­den ist, son­dern seine Rede auch recht scham­los als Wer­be­ver­an­stal­tung für ir­gend­ein von ihm ge­schrie­be­nes neues Buch nutzte. Er er­zählte ent­rüs­tet, wie ihm ein Le­ser nach Lek­türe ei­nes sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Werke ein al­ter­na­ti­ves Ende zu­schickte. Das, so Wi­ckert, sei an­ma­ßend: „Mein Werk ge­hört mir.“ Ich finde diese At­ti­tüde au­ßer­or­dent­lich ar­ro­gant. Nie­mand for­dert von Herrn Wi­ckert, dass er seine Bü­cher um­schreibt, aber der­ar­tig hin­ge­bungs­volle Le­ser dem Pu­bli­kum als Stö­ren­friede der ei­ge­nen Voll­kom­men­heit zu prä­sen­tie­ren – das geht ja mal gar nicht.

Ge­nau diese Denke ist es aber, die vie­ler­orts im Ur­he­ber­recht vor­herrscht. Im­mer will ir­gend­je­mand seine ver­meint­li­chen per­sön­li­chen An­sprü­che ge­si­chert wis­sen. Da­bei ent­steht sämt­li­cher Wert ei­nes li­te­ra­ri­schen, mu­si­schen oder an­der­wei­ti­gen nicht-ma­te­ri­el­len Wer­kes erst durch die ge­sell­schaft­li­che Auf­nahme und Ver­wen­dung. So ge­se­hen liegt es im ur­ei­gens­ten In­ter­esse der Werk­schaf­fen­den, dass die All­ge­mein­heit seine Werke ad­äquat nut­zen kann. Dass sich die Ar­ten der Nut­zung mit der ga­lop­pie­ren­den tech­ni­schen Ent­wick­lung auch ver­än­dern, liegt in der Na­tur der Sa­che. Dies ei­ner­seits durch­aus an­zu­er­ken­nen, dann aber an­de­rer­seits bei den ent­spre­chen­den Ge­set­zen vor ei­ner an­ge­mes­se­nen Um­set­zung zu­rück­zu­zu­cken, bringt im End­ef­fekt gar nichts. Es ist so­gar kon­tra­pro­duk­tiv, wenn im Rah­men die­ses Krebs­gan­ges am Ende Murks­ge­setze wie ein „Leis­tungs­schutz­recht“ her­aus­kom­men.

Es gibt ei­nen letz­ten As­pekt der „Ber­li­ner Rede zum Ur­he­ber­recht“, der mir wich­tig er­scheint: Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger ar­bei­tet im­mer wie­der auf ei­nen all­ge­mei­nen Ge­gen­satz zwi­schen dem Ur­he­ber­recht und der „di­gi­ta­len Welt“ hin. „Di­gi­tal Na­ti­ves“ wer­den da zu ra­di­ka­len Geg­nern ur­he­ber­recht­li­cher Re­ge­lun­gen, die ein­fach al­les für alle frei­ge­ben und sich nicht um Ge­setze sche­ren wol­len. Da­für zi­tiert sie so­gar – man höre und staune – die Pi­ra­ten­par­tei, die „die Auf­he­bung künst­li­cher Ver­knap­pun­gen“ for­dere und nimmt dies als Be­leg für die ge­ne­relle Ab­leh­nung des Ur­he­ber­rechts.

Mit Ver­laub, Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger, aber das ist Quark. Die „künst­li­chen Ver­knap­pun­gen“ sind das, was die Ver­mitt­ler ver­zwei­felt ver­su­chen zu hal­ten, um wei­ter­hin eine Rolle spie­len zu kön­nen. An­sons­ten ma­chen nicht nur wir, son­dern alle Werk­schaf­fen­den in der di­gi­ta­len Welt sich sehr viele Ge­dan­ken über das Ur­he­ber­recht. Nicht um­sonst ist in den letz­ten 15 Jah­ren eine ganze Klasse neuer Li­zenz­mo­delle ent­stan­den und mehr als ein­mal hat es da Knatsch we­gen wi­der­recht­li­cher Nut­zung ge­ge­ben. Es ist näm­lich auch eine Wahr­heit, dass ge­rade die Ver­le­ger und Ver­mitt­ler zwar laut schreien, wenn sie ihre über­kom­me­nen Pri­vi­le­gien in Ge­fahr se­hen, es gleich­zei­tig aber mit den Rech­ten an­de­rer nicht allzu ge­nau neh­men. Be­richte über nicht li­zenz­ge­rechte Über­nah­men – man könnte schlicht „Ab­schrei­ben ohne Quel­len­an­gabe“ nen­nen – von Wi­ki­pe­diaar­ti­keln oder an­de­ren CC- oder GFDL-li­zen­zier­ten Wer­ken sind längst Le­gion.

Wo­hin treibt nun das Ur­he­ber­recht? Die Ver­an­stal­tung am Mon­tag war der Auf­takt ei­nes mehr­mo­na­ti­gen Pro­zes­ses, der ver­schie­dene An­hö­run­gen brin­gen wird und schließ­lich in ei­nem Ge­set­zes­ent­wurf für ei­nen „Drit­ten Korb“ zur Än­de­rung des Ur­he­ber­rechts mün­den soll. Dass das ak­tu­elle Ur­he­ber­recht mit sei­nen mitt­ler­weile ex­tre­men Ein­schrän­kun­gen der Nutz­bar­keit kul­tu­rel­ler Werke stark ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist, steht au­ßer Frage. Ich sehe al­ler­dings die Ge­fahr, dass die­ser Ge­set­zes­pro­zess auch zu ei­nem noch re­strik­ti­ve­ren Recht füh­ren kann, wenn er nicht ge­eig­net be­glei­tet wird. Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger war mit den In­hal­ten ih­rer Rede teil­weise wie der viel­zi­tierte Pud­ding, der sich nicht an die Wand na­geln lässt. Im Zwei­fels­fall be­deu­tet das nichts Gu­tes, wenn es darum geht, den viel­fäl­ti­gen Lob­by­grup­pen im Na­men der All­ge­mein­heit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Ge­nau das er­warte ich aber von ei­ner Bun­des­mi­nis­te­rin.

Quo va­dis Ur­he­ber­recht? – Zur „Ber­li­ner Rede“ der Jus­tiz­mi­nis­te­rin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Ber­li­ner Rede zum Ur­he­ber­recht“ ge­hal­ten, un­sere Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin. Den Re­de­text gibt es on­line und Kom­men­tare und Zu­sam­men­fas­sun­gen dazu zum Bei­spiel bei Heise On­line oder Te­le­po­lis. Auch ich habe am Mon­tag in der Ber­lin-Bran­den­bur­gi­schen Aka­de­mie ge­ses­sen und ih­ren Aus­füh­run­gen ge­lauscht.

Bei mir hin­ter­lässt die Rede von Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger ei­nen sehr zwie­späl­ti­gen, letzt­lich aber ne­ga­ti­ven Ein­druck. Ei­ner­seits war die Rede ge­spickt mit Aus­füh­run­gen, die so auch auf ei­nem be­lie­bi­gen Par­tei­tag der Pi­ra­ten­par­tei Sze­nen­ap­plaus be­kom­men hät­ten. Die Mi­nis­te­rin hat das In­ter­net als ge­sell­schaft­li­che Re­vo­lu­tion be­zeich­net, Wis­sen und In­for­ma­tion seien viel bes­ser und schenller ver­füg­bar, aber auch viel ein­fa­cher und di­rek­ter er­zeug­bar ge­wor­den. Der krea­tive Men­sch muss im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht der Ver­wer­ter. Bei der di­gi­ta­len Re­vo­lu­tion müs­sen wir die Chan­cen se­hen und nicht im­mer nur auf die Ri­si­ken star­ren.

All dies sind Aus­sa­gen, die ich ohne wenn und aber un­ter­stütze. Und es tat gut, das mal so klar und deut­lich aus dem Mund ei­nes Bun­des­mi­nis­ters zu hö­ren. Aber was nüt­zen die schöns­ten Worte, wenn sie nicht kon­se­quent zu Ende ge­dacht wer­den? Und ge­nau das pas­siert nicht! Statt­des­sen kommt es im­mer wie­der zu ar­gu­men­ta­ti­ven Ha­ken­schlä­gen, die all die schö­nen Ein­sich­ten Ma­ku­la­tur wer­den las­sen.

Da er­wähnt die Mi­nis­te­rin mehr­fach, dass sich die ana­loge Zeit nicht ins Di­gi­tale über­tra­gen lässt. Da for­mu­liert sie ex­pli­zit, dass das Recht keine über­hol­ten Ge­schäfts­mo­delle schüt­zen darf. Und je­des Mal denke ich mir: „Cool, wie­der eine Breit­seite ge­gen die­ses idio­ti­sche ‚Leis­tungs­schutz­recht‘.“ Und dann das: Wenn Ver­mitt­ler Leis­tun­gen er­brin­gen, dann muss diese Leis­tung ge­schützt wer­den, zum Bei­spiel Zei­tungs­ver­le­ger. Und ex­pli­zit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger ge­ben soll, son­dern wie die­ses aus­sieht.“

Das ist aus­ge­spro­chen übel. Bis heute gibt es keine ein­zige mir be­kannte neu­trale In­stanz, die auch nur for­mu­lie­ren könnte, wie ein „aus­ge­wo­ge­nes Leis­tungs­schutz­recht“ aus­se­hen könnte. Weil es ein sol­ches schlicht nicht gibt! Der ein­zige et­was kon­kre­tere Text, je­ner Ent­wurf von sei­ten der Ver­le­ger, ist eine An­samm­lung von ten­den­ziö­sen Re­geln, die der klei­nen, in der heu­ti­gen Zeit zu­nehe­mend un­wich­ti­ger wer­den­den ge­sell­schaft­li­chen Gruppe von Ver­le­gern, ihre Pfründe auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und der Werk­schaf­fen­den si­chern und sie so­gar aus­bauen soll. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, über­kom­mene Ge­schäfts­mo­delle ge­gen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen. Es ist die Text ge­wor­dene An­ti­these zu al­lem, was die Mi­nis­te­rin im Ur­he­ber­recht vor­geb­lich er­rei­chen will.

Wie ernst kann man vor dem Hin­ter­grund die ge­sam­ten Aus­füh­run­gen vom Mon­tag neh­men? Wir sol­len „mehr auf die Mög­lich­kei­ten als auf die Ri­si­ken schauen“? Ja, aber! Das Ur­he­ber­recht „schützt den Ur­he­ber“? Ja, aber! Keine „Schon­räume für ab­ge­lau­fene Ge­schäfts­mo­delle“? Ja, aber! All die hee­ren Grund­sätze gel­ten of­fen­sicht­lich nur, so­lange keine Lob­by­gruppe et­was an­de­res will.

Zu Recht zeiht Frau Leu­theus­ser-Schnar­ren­ber­ger das Ur­he­ber­recht über­bor­den­der Kom­ple­xi­tät und zi­tiert da­bei so­gar Li­nus Tor­valds. Aber dann zieht sie Leis­tungs­schutz­rechts­ka­nin­chen aus dem Zy­lin­der, die ir­gend­wie „die Ver­le­ger schüt­zen“, gleich­zei­tig aber Link- und Zi­tat­frei­heit er­hal­ten sol­len. Zum ei­nen er­höht dies die Kom­ple­xi­tät der so­wieso schon kom­ple­xen Ge­set­zes­land­schaft wei­ter und zum an­de­ren steht die­ser ge­samte An­satz in voll­stän­di­gem Ge­gen­satz zu dem, was die Mi­nis­te­rin im­mer wie­der be­tont: Dass das Ge­setz den Ur­he­ber schüt­zen soll. Ein wie auch im­mer ge­ar­te­tes Leis­tungs­schutz­recht wird aber ge­nau die­sen Schutz wei­ter aus­he­beln, es be­schnei­det die Mög­lich­kei­ten des Ur­he­bers mas­siv zu Guns­ten ir­gend­wel­cher Ver­le­ger und dass der All­ge­mein­heit an­schlie­ßend auf eine ver­krüp­pelte Weise sein Werk wei­ter zur Ver­fü­gung steht, nützt ihm, dem Ur­he­ber, auch nichts.

Wei­ter geht’s mit Teil 2 am Mon­tag

Warum Spen­den­ak­tion und Kon­zept der Pi­ra­ten­par­tei-Bun­des-IT fal­sch sind – Und: Ein Lö­sungs­vor­schlag

Die Zu­ver­läs­sig­keit der IT-In­fra­struk­tur der Pi­ra­ten­par­tei bie­tet noch Mög­lich­kei­ten zur Op­ti­mie­rung. Web­site und Wiki wa­ren in der Ver­gan­gen­heit oft sehr lang­sam und mehr als ein­mal hat es Aus­fälle über Stun­den oder so­gar Tage ge­ge­ben. Die „Bun­des-IT“ be­treut für die Be­reit­stel­lung der Dienste meh­rere Ser­ver und ruft mo­men­tan – auf der Web­site der Pi­ra­ten­par­tei pro­mi­nent ver­linkt – zu Spen­den auf. 10.000 EUR Bud­get seien nicht ge­nug, we­nigs­tens wei­tere 50.000 EUR seien nö­tig, um die ge­plante In­fra­struk­tur mit ei­ge­nen Ser­vern, die in ei­nem Re­chen­zen­trum un­ter­ge­stellt wer­den, zu fi­nan­zie­ren.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild I): So...

IT-In­fra­struk­tur der Pi­ra­ten­par­tei (Sym­bol­bild I): So...

Ich halte die­sen An­satz für den völ­lig fal­schen Weg. Ne­ben ei­ni­gen tech­ni­schen Pro­ble­men, die zu ei­nem nen­nens­wer­ten Teil auch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men mit dem Hos­ter ge­schul­det sein dürf­ten (36 Stun­den bis mal ei­ner den Re­set-Knopf am Rech­ner ge­drückt hat…) ist das Haupt­pro­blem mei­nes Er­ach­tens, dass sich der ge­wünschte und nö­tige Grad an Aus­fall­si­cher­heit durch ein Team von Eh­ren­amt­li­chen auch bei größt­mög­li­chem Ein­satz nicht er­rei­chen lässt. Des­halb plä­diere ich ganz im Ge­gen­satz zu den Plä­nen der IT-Ver­ant­wort­li­chen da­für, die von der Par­tei selbst zu er­brin­gen­den Leis­tun­gen zu­rück­zu­fah­ren und ver­stärkt auf ex­terne, pro­fes­sio­nelle Dienst­leis­ter zu set­zen.

Ein ent­spre­chen­des Kon­zept­pa­pier habe ich vor knapp zwei Wo­chen den Ver­ant­wort­li­chen der Bun­des-IT über­sandt. Ich do­ku­men­tiere die­ses Kon­zept jetzt noch­mals öf­fent­lich. Ich halte es für wich­tig zu zei­gen, dass sich die Pro­bleme der IT-In­fra­struk­tur der Pi­ra­ten­par­tei auch an­ders lö­sen las­sen als dies mo­men­tan von den Ver­ant­wort­li­chen ge­plant ist – und das diese Lö­sun­gen mei­ner Mei­nung nach nach­hal­ti­ger sind.

Ser­ver­kon­zept Pi­ra­ten­par­tei: Stei­ge­rung der Aus­fall­si­cher­heit durch ex­ter­nern Dienst­leis­ter

Nach­dem ich letz­tens deut­li­che Kri­tik an der IT-In­fra­struk­tur der Pi­ra­ten­par­tei ge­äu­ßert habe, wurde ich ge­be­ten, mich an der Dis­kus­sion darum zu be­tei­li­gen, wie die Or­ga­ni­sa­tion in Zu­kunft bes­ser lau­fen könnte. Hier also ei­nige Über­le­gun­gen und Lö­sungs­vor­schläge:

Mei­nes Er­ach­tens ist das Kern­pro­blem, dass wir ei­ner­seits Dienste ha­ben, de­ren Ver­füg­bar­keit ex­trem kri­ti­sch ist, für die wir aber an­de­rer­seits keine Sys­tem­war­tung zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen, die die­sem Hoch­ver­füg­bar­keits­an­spruch ge­recht wird. Da­für gibt es – wie­derum mei­nes Er­ach­tens – zwei Gründe:

  1. Wir ar­bei­ten mit sehr kom­ple­xen Sys­tem­um­ge­bun­gen, die tech­ni­sch weit fort­ge­schrit­ten sind (Vir­tua­li­sie­rung, ver­teilte Ser­ver), aber ei­nen er­höh­ten Ein­rich­tungs- und War­tungs­auf­wand be­nö­ti­gen und zu­dem von den Ad­mi­nis­tra­to­ren viel De­tail­wis­sen.
  2. Das he­te­ro­gene Ad­mi­nis­tra­to­ren­team be­steht aus­schließ­lich aus Eh­ren­amt­li­chen. Im Falle von aku­ten Schwie­rig­kei­ten muss des­halb zu­nächst der Zu­stän­dige ein Zeit­fens­ter für sich schaf­fen, um dann das Pro­blem an­zu­ge­hen. Zu­dem muss viel Ar­beit in Abend- und Nacht­stun­den statt­fin­den.

Ins­be­son­dere der zweite Punkt ist da­bei aus­drück­lich keine ne­ga­tive Kri­tik, son­dern eine Zu­stands­be­schrei­bung. Die Ar­beit mit eh­ren­amt­li­chen Ad­mi­nis­tra­to­ren war in der Ver­gan­gen­heit al­ter­na­tiv­los. Mitt­ler­weile ist durch das starke Wachs­tum und die viel­fäl­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­dürf­nisse aber ein Punkt er­reicht, wo die zwangs­läu­fi­gen Be­schrän­kun­gen die­ses An­sat­zes in Sa­chen Ver­füg­bar­keit nicht mehr trag­bar sind.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild II): ...so...

IT-In­fra­struk­tur der Pi­ra­ten­par­tei (Sym­bol­bild II): ...so...

Mein An­satz ar­bei­tet des­halb mit fol­gen­den Grund­ge­dan­ken:

  • Iden­ti­fi­zie­rung der­je­ni­gen Dienste, die für die Kom­mu­ni­ka­tion die höchste Wich­tig­keit ha­ben und auf Grund ih­rer Kom­ple­xi­tät am kri­tischs­ten sind. Dies sind mei­ner Ein­schät­zung nach
  • Ver­wen­dung von mög­lichst ein­fa­chen Set­ups und Ser­ver­struk­tu­ren.
  • Aus­la­ge­rung der grund­le­gen­den Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tion die­ser Dienste an ei­nen ex­ter­nen Dienst­leis­ter, der auf Ver­trags­ba­sis die Ver­füg­bar­keit der Dienste si­cher­stellt.

Die­ses Vor­ge­hen hat mei­nes Er­ach­tens für alle Be­tei­ligte Vor­teile:

  • Die Dienste „Web­site“ und „Wiki“ sind mit ga­ran­tier­ter Ver­füg­bar­keit ver­se­hen, wir ge­ben uns an die­sen neur­al­gischs­ten Punk­ten keine „Blöße“ mehr.
  • Die hohe Be­triebs­si­cher­heit die­ser Dienste führt zu ge­stei­ger­ter At­trak­ti­vi­tät der Platt­form für alle Par­tei­glie­de­run­gen – auch Lan­des- und an­dere Ver­bände kön­nen (end­lich) auf der Bun­des­in­fra­struk­tur auf­tre­ten.
  • Der ex­terne Dienst­leis­ter kann nicht nur seine In­fra­struk­tur in Sa­chen Rund-um-die-Uhr-Sup­port nut­zen, son­dern auch das dort vor­han­dene Know-How für eine per­for­mante In­stal­la­tion der Soft­ware­pa­kete.
  • Die Ad­mins der Pi­ra­ten­par­tei müs­sen sich nicht mehr mit so er­mü­den­den Din­gen be­schäf­ti­gen wie ein Me­di­a­wiki zu be­tüd­deln, son­dern kön­nen sich auf die „span­nen­den“ Dienste kon­zen­trie­ren, bei de­nen spo­ra­di­sche und even­tu­ell auch et­was län­gere Aus­fälle nicht so dra­ma­ti­sch sind.

„Web­site“ und „Wiki“ sind zu­dem die­je­ni­gen Dienste, die mei­nes Er­ach­tens am we­nigs­ten kri­ti­sch un­ter Da­ten­si­cher­heits­as­pek­ten sind, an­ders als zum Bei­spiel „E-Mail“ oder „Mai­ling­lis­ten“. Letz­tere ha­ben sich zu­dem in der Ver­gan­gen­heit auch we­sent­lich we­ni­ger als aus­fall­freu­dig dar­ge­stellt.

Ge­sucht ist also ein ex­ter­ner Dienst­leis­ter, der eine Ser­ver­in­fra­struk­tur für die Web­site und das Wiki be­reit­stellt, also eine Dru­pal- und eine Me­di­a­wiki-In­stal­la­tion. Lei­der gibt es sol­che Dienst­leis­ter nicht „wie Sand am Meer“. Ge­fun­den habe ich den Hos­ting­dienst­leis­ter Mitt­wald, der ge­nau das bie­tet was ich mir vor­stelle:

  • Ma­na­ged Ser­ver mit in­stal­lier­tem Li­nux
  • Dru­pal und Me­di­a­wiki (und ein grö­ße­res Bün­del an­de­rer Soft­ware) als in­stal­lier­bare Pa­kete mit vom Dienst­leis­ter be­reit ge­stell­ten Up­datepa­ke­ten, die sich über die Ma­nage­ment­funk­tio­nen des Ser­vers ein­spie­len las­sen
  • Di­verse wei­tere Funk­tio­nen zur Auf­tei­lung von Zu­grif­fen und Zu­stän­dig­kei­ten auf das Sys­tem („Agen­tur­funk­tio­nen“)
  • Dienst­leis­ter küm­mert sich um Hard­ware, Hard­ware­aus­fälle etc. mit 24-Stun­den-Sup­port
  • Dienst­leis­ter küm­mert sich um Soft­ware­u­p­dates, Be­triebs­sys­tem etc.

Nach mei­ner letzt­lich nicht wirk­lich fun­dier­ten Ein­schät­zung wäre für uns das Pa­ket „XL 5.0“ oder „XXL 5.0“ pas­send. Wich­tigste Be­schrän­kung ist höchst­wahr­schein­lich das Trans­fer­vo­lu­men (2 TB bzw. 5 TB), hier könnte ich mir aber vor­stel­len, dass sich die Trans­fer­last auf dem Ser­ver mit­tels vor­ge­schal­te­ter Squids mas­siv sen­ken lässt. Mit ei­nem pas­send ein­ge­rich­te­ten „XL“-Server kä­men wir auf mo­nat­li­che Kos­ten von etwa 200,- EUR, was 1/4 des Bud­gets ent­spricht. Ein „XXL“-Server würde mit ca. 300,- EUR/​Monat etwa 1/3 des Bud­gets der Tech­nik kos­ten.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild III): ...oder doch lieber so.

IT-In­fra­struk­tur der Pi­ra­ten­par­tei (Sym­bol­bild III): ...oder doch lie­ber so.

Bild­quelle: Wi­ki­pe­dia, Li­zenz, CC-BY-SA 3.0/GNU-FDL-1.2

Ich halte die­sen Weg des Sys­tem­de­signs für den bes­ten, die wich­tigs­ten IT-Dienste der Par­tei lang­fris­tig si­cher be­reit­ge­stellt zu be­kom­men, ohne dass wir den bis­he­ri­gen ste­ti­gen Ver­schleiß an Per­so­nal ha­ben, das sich im Span­nungs­feld von Er­war­tun­gen und Mög­li­chem auf­reibt. Al­ler­dings ist es si­cher­lich ein er­heb­li­cher Pa­ra­dig­men­wech­sel und vor wei­ter­ge­hen­den Über­le­gun­gen be­züg­lich der Um­setz­bar­keit müs­sen wir erst­mal klä­ren, ob die­ser Weg über­haupt ge­wünscht ist oder nicht. Ich denke aber, dies könnte ein Weg sein, er­heb­li­chen Druck von der IT zu neh­men und dort den Kopf für an­dere Dinge frei­zu­be­kom­men.

So weit mein ei­ge­ner klei­ner Bei­trag zu der wohl ewig wäh­ren­den Dis­kus­sion um die IT-In­fra­struk­tur der Pi­ra­ten­par­tei.

Die­ter Boh­len über Mu­sik­ko­pien im In­ter­net – Vor­den­ker der Pi­ra­ten­par­tei

Ich bitte um Auf­merk­sam­keit für ein et­was äl­te­res Fund­stück, auf das ich über Twit­ter ge­sto­ßen bin. Am 2007-11-01 war Die­ter Boh­len zu Gast bei Jo­han­nes B. Ker­ner. Nun mag man über beide Ge­sprächs­part­ner den­ken, was man will, aber war der Die­ter da ge­sagt hat, das ist schon be­mer­kens­wert:

Ker­ner: Mit Plat­ten kann man kein Geld mehr ver­die­nen.

Boh­len: Rich­tig.

Ker­ner: Nur noch auf Tour­nee.

Boh­len: Rich­tig. […] Mit Plat­ten kann man heute kein Geld mehr ver­die­nen. […] Des­halb ge­hen die jetzt alle auf Tour­nee weil das Tour­nee­ge­schäft läuft ganz toll und alle Leute down­loa­den das – die Mu­sik.

Ker­ner: Aber das kos­tet ja auch was.

Boh­len: Ja, aber da zahlt ja kein Men­sch was für. Ich finde diese ganze Dis­kus­sion – diese jun­gen Men­schen in die Nähe von Straf­bar­keit zu rü­cken, ja, das die da was Ver­bo­te­nes ma­chen, finde ich ab­so­lu­ten Schwach­sinn – weil, erst­mal gibt die In­dus­trie de­nen die Mög­lich­keit, das zu ma­chen – schafft die Hard­ware, ver­dient da mit dran – sagt de­nen: „Hier sind die Pro­gramme, könnt ihr’s down­loa­den“. Ist zu dir denn oder zu mir denn da­mals ei­ner ge­kom­men und hat ge­sagt, wir dür­fen am Ra­dio nicht mehr sit­zen und diese Sa­chen auf­neh­men? […] Wir ha­ben doch frü­her alle vor un­se­ren Ra­dios ge­ses­sen und ha­ben da die Hit­pa­ra­den auf­ge­nom­men. Was ma­chen die denn jetzt an­de­res? Gar nix! […] Ich hab‘ ja da­mals auch nichts ge­sagt, wenn die Leute sich das aus dem Ra­dio ab­ko­piert ha­ben. Du kannst doch den Leu­ten nicht ir­gend­wie sa­gen: „Hier ist ein Ham­mer, aber jetzt hau den Na­gel nicht in die Wand, du!“

Ker­ner: Also du wür­dest sa­gen: Mu­sik im Netz frei­ge­ben?

Boh­len: Ach, klar. Ma­chen doch auch viele schon. Meine Sa­chen… wenn man da auch die rich­ti­gen Plätze geht, dann kann man das auch al­les down­loa­den. (lacht)

Ker­ner: Ich habe das so von ei­nem Künst­ler noch nicht ge­hört. Es gibt ja so­gar große Ver­ei­ni­gun­gen, die sich zu­sam­men­schlie­ßen, ganz viele Künst­ler, die sa­gen, wir müs­sen un­ser geis­ti­ges Ei­gen­tum schüt­zen.

Boh­len: Ist doch Quat­sch. Die Zeit ist jetzt hier an­ge­kom­men, die ha­ben den jun­gen Leu­ten das ge­ge­ben, und die soll­ten die jetzt nicht ir­gend­wie in ’ne kri­mi­nelle Ecke rü­cken.

Ker­ner: Das heißt der Künst­ler soll ein­fach seine Mu­sik ma­chen, die soll down­ge­loa­det wer­den, dann hören’s viele und dann geht er eben auf Tour­nee und wenn die Leute sich das live an­hö­ren wol­len, dann kos­tet ’ne Karte 45 Euro und dann holt er sich das Geld da ab.

Boh­len: Ja, so wird’s sein in der Zu­kunft.

Und wer die­sen Dia­log nicht glaubt:

An die­ser Stelle hat sich Die­ter Boh­len den Ti­tel „Vor­den­ker der Pi­ra­ten­par­tei“ red­lich ver­dient. Aus dem Wahl­pro­gramm der Pi­ra­ten­par­tei, Ka­pi­tel „Im­ma­te­ri­al­gü­ter­rechte“:

An­statt den al­ten Ge­schäfts­mo­del­len nach­zu­trau­ern und sie mit un­zu­mut­ba­ren Ein­grif­fen in die Pri­vat­sphäre der Bür­ger künst­lich am Le­ben zu er­hal­ten zu wol­len, for­dern die PI­RA­TEN dazu auf, neue Ge­schäfts­mo­delle zu ent­wi­ckeln. Diese Ge­schäfts­mo­delle sol­len den Ur­he­bern der di­gi­ta­len Kul­tur­ge­sell­schaft er­mög­li­chen, auf markt­wirt­schaft­li­che Art und Weise Er­löse aus der Ver­wer­tung ih­rer Werke oder de­ren Um­feld zu er­zie­len, wenn sie dies an­stre­ben.

Über­holte Ver­mitt­ler­funk­tio­nen von Rech­te­ver­wer­tern, die in der Ver­gan­gen­heit z.B. in der Un­ter­hal­tungs­mu­sik­in­dus­trie zu ho­hen Ren­di­ten ge­führt ha­ben, sind größ­ten­teils nicht mehr zeit­ge­mäß und wer­den in die­sem Um­fang kei­nen Be­stand ha­ben. Die Aus­schal­tung von Zwi­schen­händ­lern er­mög­licht es, dass den Künst­lern vom Er­lös ih­rer Werke ein grö­ße­rer Teil ver­bleibt und di­rek­ter zu­fließt. Au­ßer­dem wird da­mit das Spek­trum der Kul­tur­szene deut­lich er­wei­tert.

Ich hätte ja nicht ge­dacht, dass ich das mal so sa­gen würde: Haste gut er­kannt, Die­ter.

Üb­ri­gens hat Die­ter seit neus­tem so­gar ein Blog, das „Boh­len­blog„. Ich mus­ste schmun­zeln, als ich das sah: Ja, in etwa mit die­sem De­sign hatte ich auch mal an­ge­fan­gen…

Mein Walk­man und was ich 1994 für Mu­sik ge­hört habe

Ich muss noch­mal auf diese Ge­schichte von neu­lich zu­rück­kom­men. Ich habe mal ein biss­chen ge­stö­bert und mei­nen ei­ge­nen Walk­man aus­ge­gra­ben: „Sony WM-EX50“ hieß das Ge­rät:

Walkman Sony WM-EX50

Walk­man Sony WM-EX50

Wie auf dem Foto zu se­hen ist, sind alle Be­dien­ele­mente da, die so ein Ge­rät brauchte:

  • Kopf­hör­er­buchse mit „Mega Bass“-Schalter (noch ganz au­then­ti­sch in Po­si­tion „Mid“
  • Bat­te­rie­an­zeige
  • Laut­stär­ke­reg­ler als ana­lo­ges Drehrad
  • He­bel­chen zum Öff­nen des Kas­set­ten­fachs
  • Play­taste, bei der al­ler­dings die Tas­ten­kappe ab­ge­gan­gen ist
  • Stop­taste zum An­hal­ten
  • Tas­ten zur Vor­wärts- und Rück­wärts­spu­len
  • Rich­tungs­wech­sel – das Ge­rät konnte beide Sei­ten der Kas­sette ab­spie­len ohne dass man sie um­dre­hen mus­ste
  • Mo­dus­schal­ter: Soll die Kas­sette nur ein­mal kom­plett durch­ge­spielt und dann an­ge­hal­ten wer­den oder ist End­los­be­trieb ge­wünscht
  • Strom­an­schluss für ein 1,5V-Netzteil (nicht mit­ge­lie­fert)

Un­ten ist dann noch das Bat­te­rie­fach (1 * 1,5V-Mignonzelle) so­wie der Dol­by­schal­ter und die Bandsor­ten­wahl. Dolby war, die Äl­te­ren un­ter uns wer­den sich er­in­nern, ein Ver­fah­ren zur Rau­sch­re­duk­tion. Mein Walk­man konnte nur Dolby B, was aber egal war, weil mein Kas­set­ten­deck auch nur mit Dolby B aus­ge­stat­tet war.

Sony WM-EX50 und Kassette

Sony WM-EX50 und Kas­sette

In dem Walk­man war auch noch eine Mu­sik­kas­sette. Wie da­mals üb­lich war es eine Leer­kas­sette, die ich selbst be­spielt und mit ei­nem Auf­kle­ber ver­se­hen hatte. „Walk­man ’94“ steht da, was mich ver­mu­ten lässt, dass ich wohl doch schon we­sent­lich eher als ich bis­her ge­dacht hatte mit der Be­nut­zung die­ses Ge­räts auf­ge­hört habe. 90 Mi­nu­ten Mu­sik pass­ten da drauf, auf jede Seite 45 Mi­nu­ten. Wie man sieht, ist die Grund­flä­che des Walk­man tat­säch­lich nicht we­sent­lich grö­ßer als die der Kas­sette.

Innenleben des Sony WM-EX50

In­nen­le­ben des Sony WM-EX50

Im In­ne­ren des Ge­räts ist die Me­cha­nik zu er­ken­nen, die für die Wie­der­gabe zu­stän­dig ist. Hin­ten in der Mitte ist der Ton­kopf, der die Band­ma­gne­ti­sie­rung er­fasst und links und rechts da­von die Me­cha­nik, die das Band straff hält, wenn es von der Spin­del be­wegt wird. Da der Walk­man „Auto Reverse“-fähig ist, ist der kom­plette An­trieb sym­me­tri­sch auf­ge­baut.

Man be­achte den vie­len „freien Platz“, der für die Kas­sette be­nö­tigt wird. Heute passt die Dut­zend­fa­che Mu­sik­menge auf Spei­cher­kar­ten von der Größe ei­nes Fin­ger­na­gels…

Musikkassette "Walkman '94"

Die Kas­sette lag jetzt etwa 15 Jahre im Walk­man. Links ist zu er­ken­nen, dass eine der An­druck­rol­len das Band be­schä­digt hat. Trotz­dem ließ sich die Kas­sette noch ab­spie­len. In ei­nem An­fall von in­ves­ti­ga­ti­vem Jour­na­lis­mus habe ich mir Ge­rät und Kas­sette vor­ge­nom­men und gna­den­los ab­ge­hört, mit was für Mu­sik ich mir 1994 die Zeit ver­trie­ben habe. Die Er­geb­nisse sind, ein für in­ves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus nicht un­üb­li­ches Fa­zit, scho­ckie­rend. Und sie sind kein Ein­zel­fall:

  • Seite A
  • B.G. the Prince of Rap – Co­lor of my dreams
  • Cul­ture Beat – Any­thing (Al­bum Mix)
  • Ir­gend­ein gru­se­li­ger Eu­ro­dance-Trash, in dem im Re­frain „Do what you want but don’t for­get the Omen“ vor­kommt
  • Noch­mal Eu­ro­dance. Die be­rüch­tigte Midi-Stan­dard­pan­flöte und was mit „Ri­ding on the train of love
  • Jam & Spoon – Right in the night
  • Maxx – Run-A-Way – „I’m a white rag­ga­man with a rag­ga­man style-y
  • Yous­sou N’Dour & Ne­neh Cherry – 7 se­conds
  • I got to give it up, I got to get away“ – Wie Recht sie ha­ben – Eu­ro­dance mit „Rap­per“ und Sän­ge­rin…
  • Ice MC – It’s a rainy day – „Bad times in life is like a te­le­phone, you ne­ver know when it’s have a ring.
  • Dance 2 Trance – Power of Ame­ri­can Na­ti­ves
  • U96 – In­side your dreams (Fade out)
  • Seite B
  • Ma­gic Af­fair – Give me all your love – „Love is the same as hate if you’re not ca­re­ful
  • Ace of Base – Don’t turn around
  • Maxx – No more – Hurra, Rag­ga­man is back
  • Enigma – Re­turn to in­no­cence
  • In­ter­mis­sion and Lori Glori – Six days – Ach du lie­bes biss­chen, wie schräg ist das denn? Das ist nicht meine Kas­sette!
  • Ganz üb­ler Eu­ro­dance-Trash, der „Rap“-Part be­ginnt mit „Bumm digi digi digi bumm digi bamm
  • Blur – Girls & Boys
  • Cul­ture Beat – Ro­cket to the moon
  • U96 – In­side your dreams
  • 2 Un­li­mi­ted – The real thing
  • US3 – Can­ta­loop
  • Per­ple­xer – Acid Folk (Fade out)

Was für eine ge­die­gene Mi­schung! Bei et­li­chen Stü­cken habe ich Ti­tel und/​oder „In­ter­pret“ nur durch Goo­gle-Re­cher­che raus­fin­den kön­nen und bei den schlimms­ten Aus­wüch­sen ging nicht mal das, weil ich in dem „Lied“ ir­gend­wie nichts ge­fun­den habe, nach­dem ich hätte su­chen kön­nen… Naja, ver­bu­chen wir’s un­ter „Ju­gend­sünde“.

Und nun noch für die Jün­ge­ren: In den 1990er Jah­ren fand die Mu­sik­in­dus­trie sol­che Kas­set­ten­ko­pien ganz toll. Da gab es Fern­seh­spots, in de­nen die Qua­li­tät von Leer­kas­set­ten mit Sprü­chen wie „Ver­dammt nah an der CD“ be­wor­ben wur­den. Da wa­ren Pri­vat­ko­pie, Mu­sik­tau­sch und Mixtapes keine Straf­ta­ten, son­dern wich­ti­ger Teil des kul­tu­rel­len Aus­tauschs. Die Per­ver­tie­rung des Ur­he­ber­rechts in eine Ver­wer­tungs­in­dus­trie-Schutz­ma­schine kam erst nach 2000. Er­in­nert euch dran, wenn mal wie­der von den seit Ewig­kei­ten ver­brief­ten Rech­ten an der Ver­wer­tung ge­fa­selt wird…

Die Zeit I: Su­sanne Gaschke in „Män­ner und Ma­schi­nen“ über die Pi­ra­ten­par­tei

Am gest­ri­gen 2009-07-09 brachte die „Zeit“ auf Seite 2 ei­nen grö­ße­ren Ar­ti­kel über die Pi­ra­ten­par­tei in Schwe­den und in Deutsch­land. Der Grund­tenor war – naja. Frau Gaschke lässt we­nig Kli­schees aus und for­mu­liert teil­weise wahr­lich nicht freund­lich.

Man kann über den Ar­ti­kel so ei­ni­ges sa­gen. Zu be­haup­ten, al­les sei rich­tig, ge­hört al­ler­dings nicht dazu. Schauen wir uns das mal nä­her an. Da der Ar­ti­kel on­line nicht ver­füg­bar zu sein scheint, zi­tiere ich die in­ter­es­san­ten Stel­len:

„Diese Leute [in der schwe­di­schen Pi­ra­ten­par­tei] kämp­fen für das Recht, sich wei­ter so zu be­neh­men, wie sie es ge­tan ha­ben, seit sie 15 Jahre alt sind“, sagt Jan Ro­sen, Pro­fes­sor für Pri­vat- und Ur­he­ber­recht an der Uni­ver­si­tät Stock­holm. „Sie ha­ben eine ge­ra­dezu lä­cher­li­che Fi­xie­rung auf die Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie. Und lei­der be­geg­nen die äl­te­ren Par­teien ih­nen bis­her äu­ßerst op­por­tu­nis­ti­sch.“

Das be­zieht sich zwar vor al­lem auf die schwe­di­sche Pi­ra­ten­par­tei, aber das Zi­tat ist trotz­dem in­ter­es­sant. Hier wird zum ers­ten Mal in dem Ar­ti­kel ver­sucht, die Pi­ra­ten­par­tei auf das Ur­he­ber­rechts­thema fest­zu­na­geln. Ge­rade in Deutsch­land spielte das aber in den letz­ten Wo­chen und Mo­na­ten eine eher un­ter­ge­ord­nete Rolle, hier wa­ren zi­vil­ge­sell­schaft­li­che The­men und die Bür­ger­rechte viel wich­ti­ger für die Ar­beit und die Au­ßen­dar­stel­lung. Lä­cher­lich ist also nicht die vor­geb­li­che Fi­xie­rung auf das Ur­he­ber­recht, son­dern die Be­haup­tung, es gäbe eine sol­che.

Mei­nun­gen, die bei Ame­lia An­ders­dot­ter als char­mante Ra­di­ka­li­tät er­schei­nen, wir­ken bei den ernst­haf­ten jun­gen Män­nern, die Ende Juni in Ber­lin das er­ste Büro der Par­tei in Deutsch­land ein­wei­hen, eher be­un­ru­hi­gend.

Sti­lis­ti­scher Kunst­griff: Da wirkt et­was „be­un­ru­hi­gend“ – bloß was? Da will sich die Au­to­rin lie­ber nicht fest­le­gen. Statt­des­sen zi­tiert und kom­men­tiert sie ein In­ter­view mit un­se­rem Ber­li­ner Spit­zen­kan­di­da­ten, in dem ei­nige Kern­punkte ge­nau so dar­ge­stellt wer­den, dass der un­vor­ein­ge­nom­mene Le­ser ma­xi­mal ver­wirrt wird.

[…]Stopp­schil­der im In­ter­net [sind] qua­li­ta­tiv nichts an­de­res als die Zen­sur, die Iran ge­gen­über Op­po­si­tio­nel­len aus­übt. „Wir müs­sen die De­mo­kra­tie re­pa­rie­ren“, sagt Flo­rian Bi­schof […]: „Die Grund­rechte sind in Deutsch­land nicht ge­wahrt.“ Bitte? „Naja, die Men­schen­rechte viel­leicht schon.“ Aber in je­dem Fall ver­let­zen die Par­teien stän­dig die Ver­fas­sung. In­wie­fern? „Durch den Frak­ti­ons­zwang. Frak­ti­ons­zwang fin­den wir nicht gut, das ist nicht mit De­mo­kra­tie ver­ein­bar.“ Und wie wol­len sie es hal­ten bei Fra­gen, die über die be­kann­ten Po­si­tio­nen der deut­schen Pi­ra­ten­par­tei zu Vor­rats­da­ten­spei­che­rung (da­ge­gen), Ur­he­ber­recht (da­ge­gen) und In­ter­net­sper­ren (da­ge­gen) hin­aus­ge­hen? Die Par­tei­mit­glie­der, sagt Bi­schof, wür­den zu je­dem Thema im Netz ein Mei­nungs­bild er­stel­len. Ein bin­den­des? „Nee, im Zwei­fel ist der Ab­ge­ord­nete sei­nem Ge­wis­sen ver­pflich­tet.“

Na, ge­merkt? Rich­tig, da hat Frau Gaschke schön zwi­schen dem gan­zen Ge­schwurb­sel eine der zen­tra­len Falsch­be­haup­tun­gen über die Pi­ra­ten­par­tei ein­ge­baut, so leise und un­schul­dig, dass man es fast über­le­sen könnte. Ich kor­ri­giere mal trotz­dem: Wir sind nicht ge­gen das Ur­he­ber­recht! Wir wol­len es an die tech­ni­schen Än­de­run­gen der letz­ten Jahre an­pas­sen. Und wenn Frau Gaschke auf dem Par­tei­tag, den sie be­sucht hat, ein biss­chen auf­ge­passt hätte, wüsste sie das auch, weil dort eine aus­führ­li­che Aus­ar­bei­tung die­ses The­mas dis­ku­tiert und ins Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men wurde.

Aber über­haupt, der Par­tei­tag. Der wird in dem Ar­ti­kel eher so ein we­nig in An­ek­do­ten ab­ge­han­delt. Ein paar Kost­pro­ben:

Der Weg vom On­line­fo­rum zur Ta­gungs­wirk­lich­keit ei­ner real exis­tie­ren­den Par­tei ist hart. Auf dem Bun­des­par­tei­tag in Ham­burg un­ter­war­fen sich am ver­gan­ge­nen Wo­chen­ende 250 Mit­glie­der der Pi­ra­ten­par­tei ei­ner Ge­schäfts­ord­nungs­de­batte, die ei­nen mitt­le­ren SPD-Lan­des­par­tei­tag im Ver­gleich wie eine Or­gie hätte aus­se­hen las­sen.

WTF? Viel­leicht fehlt mir Phan­ta­sie, viel­leicht liegt es daran, dass ich noch nie auf ei­nem SPD-Lan­des­par­tei­tag war (zu­mal nicht auf ei­nem „mitt­le­ren“), aber was in al­ler Welt will uns die Au­to­rin mit die­sem Bild sa­gen. Klingt ir­gend­wie wit­zig – aber in­halt­lich??? Ich versteh’s nicht.

Zum Thema Frauen hat Frau Gaschke auch so ihre ei­ge­nen Be­ob­ach­tun­gen ge­macht:

Die we­ni­gen an­we­sen­den Frauen ent­spra­chen net­ter­weise den tra­di­tio­nel­len Ge­schlech­ter­rol­len und küm­mer­ten sich um Ak­kre­di­tie­rung und Sou­ve­nir­ver­kauf.

Die Au­to­rin un­ter­schlägt sou­ve­rän, dass eine Frau im neuen Vor­stand sitzt und Dis­kus­sion und Ple­num wahr­lich nicht rein männ­lich be­setzt wa­ren. Ab­ge­se­hen da­von wa­ren bei der Ak­kre­di­tie­rung Männ­lein und Weib­lein etwa gleich­ver­teilt. Und Sou­ve­nir­ver­kauf?!? Wir sind doch nicht in Ägyp­ten.

In ei­ner hin­te­ren Bank­reihe rät­sel­ten zwei an­dere, warum Frauen sich ei­gent­lich so we­nig für Bür­ger­rechte in­ter­es­sier­ten. Man war ver­sucht, den Her­ren ei­nen Tipp zu ge­ben: Könnte es an der Art der De­batte lie­gen? Mög­li­cher­weise sind Frauen auch in den IT-Be­ru­fen, aus de­nen sich die Par­tei of­fen­bar über­wie­gend re­kru­tiert, nur schwach ver­tre­ten. Wer fort­schritt­lich sein möchte – min­des­tens so fort­schritt­lich wie die CSU -, muss sich dann frei­lich Ab­hilfe über­le­gen.

Das ist doch ir­gend­wie wirr. De­batte und Be­rufe sind nichts für Frauen und die Pi­ra­ten be­mü­hen sich, in Sa­chen Fort­schritt­lich­keit zur CSU auf­zu­schlie­ßen. Aua, wie schräg ist das denn?

Etwa die Hälfte der Teil­neh­mer ver­folgte die vor ih­ren Au­gen statt­fin­dende Ple­nums­de­batte twit­ternd am Bild­schirm ih­res Lap­tops (eine ober­fläch­li­che Zäh­lung durch die Au­to­rin er­gab 127 an­we­sende Ge­räte).

Das war aber sehr ober­fläch­lich ge­zählt, ich würde da eher auf 200 tip­pen. Und die Leute ha­ben da nicht „get­wit­tert“, son­dern die Texte, um die es in der De­batte ge­rade ging, nach­ge­le­sen – oder viel­leicht auch in das in Echt­zeit ins Netz ge­stellte Ver­laufs­pro­to­koll ge­schaut. Lap­tops statt Pa­pier­berge – an­dere Me­dien ha­ben das durch­aus ver­stan­den.

An der merk­wür­di­gen Stumpf­heit der Par­tei­tags­stim­mung konnte auch die kurze Ein­gangs­rede des ehe­ma­li­gen Par­tei­vor­sit­zen­den Dirk Hilbrecht[sic!] nichts än­dern – höchs­tens ver­stärkte sie das na­gende Ge­fühl, alle nur denk­ba­ren Pi­ra­ten­witze könn­ten in ziem­lich na­her Zu­kunft ver­braucht sein.

Was wol­len uns diese Zei­len sa­gen? Soll ich das per­sön­lich neh­men, Frau Gaschke? Oder ge­hört das in die Ru­brik „Ein biss­chen Spaß muss sein“? Egal, ich lasse die Stumpf­heit mal ein­fach so ste­hen. Und es ist ja nicht so, dass nur ich mein Fett weg­kriege:

Jens Sei­pen­busch […] ist Sport­ler (Tur­nen, Ten­nis, Vol­ley­ball), seit fünf Jah­ren ver­hei­ra­tet mit ei­ner Leh­re­rin, und er ent­spricht nicht dem Kli­schee des mit sei­nem Com­pu­ter ver­wach­se­nen On­line-Olms. […] Sorge macht ihm, da ist er ganz im Ein­klang mit der la­tent pa­ra­no­iden Par­tei­kul­tur, „Über­wa­chungs­struk­tu­ren“. Die sieht er vor al­lem durch das Ur­he­ber­recht be­grün­det. An die­sem Punkt legt sich eine ge­wisse Schärfe in Sei­pen­buschs Ton. „Werte, die di­gi­tal vor­lie­gen, sind ef­fi­zi­en­ter­weise nicht zu re­gu­lie­ren“, sagt er. „Wenn das Ur­he­ber­recht ri­go­ros durch­ge­setzt wird, ist das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­heim­nis am Ende.“

„La­tent pa­ra­noid“. Soso. Der Zeit-Ar­ti­kel ist auch ir­gend­wie la­tent, ich weiß bloß noch nicht, was. An­sons­ten ist es da wie­der, das Ur­he­ber­recht. Man könnte mei­nen, alle On­line-OlmeGe­sprächs­part­ner hät­ten über nicht an­de­res ge­spro­chen. Fast als wä­ren wir eine Ein-The­men-Par­tei… Lo­gi­sch, dass der Ar­ti­kel auch mit die­sem Thema en­det und noch­mal so rich­tig in die Vol­len geht:

Das ist die sze­ne­ty­pi­sche Be­weis­last­um­kehr: Der ent­eig­nete Au­tor, Jour­na­list, Mu­si­ker oder Film­schaf­fende wird zum Tä­ter, der das Men­schen­recht der Nut­zer auf kos­ten­lose Down­loads ver­letzt. Die Kon­se­quenz wäre lei­der, dass die Ur­he­ber künf­tig öf­ter über­le­gen wer­den, ob sich die Ver­öf­fent­li­chung ih­rer Ideen, ih­rer wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten oder ih­rer Kunst noch lohnt. Kommt es so, dann gibt es auch für die Di­gi­tal­re­vo­lu­tio­näre ir­gend­wann nichts mehr zu ver­tei­len.

Da­mit wäre die Katze dann aus dem Sack: Kampf­prosa der Ver­wer­tungs­in­dus­trie vom Feins­ten. „Kos­ten­lose Down­loads“ als „Men­schen­recht“, Werk­schaf­fende als „Tä­ter“ und „Be­weis­last­um­kehr“ – ver­quas­ter geht es schon fast nicht mehr. Die Struk­tu­ren der Vor-In­ter­net-Ära wer­den in Stein ge­hauen und als un­ver­än­der­li­che Tat­sa­che be­grif­fen. Da­bei ist die Re­vo­lu­tion längst im Gange. Crea­tive Com­mons, Ci­ti­zen Jour­na­lism, Ja­mendo, Open Source, Open Ac­cess – die neuen Ver­wer­tungs­mo­delle sind längst da. Und sie wer­den von den „Au­to­ren, Jour­na­lis­ten, Mu­si­kern oder Film­schaf­fen­den“ an­ge­nom­men. Frei­wil­lig. Das In­ter­net ist nicht das Ende der Kul­tur, wie Su­sanne Gaschke es hier an die Wand zu ma­len ver­sucht. Es ist viel­mehr das Ende der zen­tral ge­steu­er­ten und ver­wer­te­ten Kul­tur, das Ende der Ent­frem­dung des Künst­lers von sei­nem Werk. Die ein­zi­gen Ver­lie­rer die­ses Pro­zes­ses, die frü­he­ren „Ver­wer­ter“, mö­gen sich noch so hef­tig da­ge­gen sträu­ben und Grund­rechte aus­höh­lende Ge­setze mit ih­rer Lob­by­ar­beit durch die Par­la­mente zu peit­schen ver­su­chen – sie wer­den die Än­de­run­gen nicht ver­hin­dern kön­nen.

Und auch eine Su­sanne Gaschke mit ei­nem merk­be­freit ge­schrie­be­nen Zei­tungs­ar­ti­kel schafft das nicht.

Die Raub­ko­pie­rer sind mal wie­der an al­lem Schuld: Heise-On­line-Be­richt zum Mu­sik­markt

Vor­ges­tern brachte Heise eine Ge­schichte über das Ver­schwin­den der Plat­ten­lä­den. Darin zi­tiert wird mehr­fach ein ge­wis­ser Da­niel Knöll, der in nicht nä­her be­nann­ter Weise mit dem Bun­des­ver­band der Mu­sik­in­dus­trie ver­ban­delt ist.

Herr Knöll ist mal wie­der mit den Platt-Ver­sio­nen der üb­li­chen Mu­sik­in­dus­trie­sprü­che über „Raub­ko­pie­rer“ am Start:

  • Warum hat sich der An­teil Plat­ten­lä­den und Co. am Ein­zel­han­del in­ner­halb von sechs Jah­ren mehr als hal­biert? Ganz klar: „Da­für gibt es Gründe: Ei­ner ist das Un­ver­ständ­nis der Ver­brau­cher, für Mu­sik zu be­zah­len“. Dass es mit Ama­zon, iTu­nes oder Sa­turn mitt­ler­weile auch große In­ter­net-Ver­kaufspor­tale für Mu­sik gibt – nein, daran wird das si­cher nicht lie­gen.
  • Wieso wird heute drei­mal so lange pro Tag Mu­sik ge­hört als in den 1990er Jah­ren (45 statt 14 Mi­nu­ten pro Tag)? Ein­fa­che Be­grün­dung: „Es wird mehr Mu­sik ge­hört, aber we­ni­ger ge­kauft. Das liegt daran, dass die Mu­sik sehr oft il­le­gal aus dem In­ter­net be­zo­gen wird“. Na klar! Dass die als Da­ten­strom vor­lie­gende Mu­sik viel ein­fa­cher zu kon­su­mie­ren ist als die an ei­nen Ton­trä­ger ge­bun­dene, dass MP3-Spie­ler, iPods und Mu­sik­han­dys heute ubi­qui­tär und viel leis­tungs­fä­hi­ger als Wei­land die Cas­set­ten-Walk­mans sind – das hat be­stimmt über­haupt kei­nen Ein­fluss.

Zwar be­schreibt der Ar­ti­kel durch­aus um­fas­send, wie sich der Mu­sik­markt än­dert und dass die all­ge­meine Be­we­gung für Mu­sik­auf­zeich­nun­gen weg von phsi­ka­li­schen Ton­trä­gern und hin zum rei­nen „Da­ten­pa­ket“ ver­läuft. Un­ter­schwel­lig wird aber auch hier wie­der die böse Raub­ko­pier­chi­märe po­si­tio­niert: Plat­ten­lä­den ster­ben, weil die Leute sich die Mu­sik kos­ten­los im In­ter­net be­sor­gen. Lei­der ist diese Schluss­fol­ge­rung min­des­tens ge­nauso platt wie die Vi­nyl­schei­ben – im­mer­hin wer­den im Ar­ti­kel di­verse ge­sell­schaft­li­che Än­de­run­gen be­schrie­ben, die die­ses Phä­no­men ver­ur­sa­chen und die samt und son­ders nichts mit der nicht­kom­mer­zi­el­len Wei­ter­gabe von Mu­sik­da­teien zu tun ha­ben: Ge­ne­rell klei­ner wer­dende Zeit­bud­gets der po­ten­ti­el­len Käu­fer, bes­sere In­for­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten im In­ter­net und schlicht die Ver­drän­gung der (ana­lo­gen) Schall­platte vom Mas­sen­markt. Ich er­in­nere mich an meine ei­gene letzte Er­in­ne­rung zum Thema Tech­ni­k­la­den­ge­schäft – auch so­was treibt die Kun­den aus den Lä­den und hin zum ver­brau­cher­freund­li­che­ren In­ter­net.

Ste­fan Nig­ge­meier hat ge­rade erst in ei­nem le­sens­wer­ten Bei­trag Die­ter Gorny zer­pflückt. Da­niel Knöll ge­hört mei­nes Er­ach­tens in die­selbe Ka­te­go­rie, auch wenn seine Elo­quenz we­sent­lich be­grenz­ter zu sein scheint. Ich emp­fehle, ein­fach mal häu­fi­ger we­der beim Gorny noch beim Knöll noch bei ir­gend­ei­nem an­de­ren Mu­sik­in­dus­triela­den vor­bei­zu­schauen, son­dern statt­des­sen bei den­je­ni­gen Künst­lern vor­bei­zu­schauen, die ihre Mu­sik tat­säch­lich kos­ten­los wei­ter­ge­ben wol­len – es lohnt sich! Wo und wie das geht habe ich ja in die­sem Blog be­reits ge­schrie­ben.