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Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 2

Fort­set­zung des von Teil 1 vom Freitag

Betrach­ten wir vor dem Hin­ter­grund der Rede der Jus­tiz­mi­nis­te­rin die gesamte Pro­ble­ma­tik noch­mal aus einem ande­ren Blickwinkel:

Der Urhe­ber eines Wer­kes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht ver­wen­det bzw. rezi­piert wird. Dies ist aber ein sozia­ler und inter­ak­ti­ver Pro­zess, den der Urhe­ber (und auch even­tu­elle Ver­mitt­ler wie z.B. Ver­le­ger) schlech­ter­dings gar nicht voll­stän­dig kon­trol­lie­ren kann. Die wie ein Man­tra die ganze Rede durch­zie­hende Aus­sage „Der Rech­te­in­ha­ber ent­schei­det, was pas­siert” ist letzt­lich eine Täu­schung. Eigent­lich ent­schei­den näm­lich die Emp­fän­ger, ob ihnen ein Werk wich­tig ist oder nicht und damit geht immer eine Beschäf­ti­gung mit dem Werk ein­her. Im Gesetz fin­den sich nicht umsonst die Schran­ken des Urhe­ber­rechts, das Zitat­recht oder die Pan­ora­ma­f­rei­heit.

Dass damit auch so man­che Urhe­ber ihre Pro­bleme haben, zeig­ten übri­gens die „ein­füh­ren­den Worte” von Ulrich Wickert, der nicht nur erstaun­lich alt gewor­den ist, son­dern seine Rede auch recht scham­los als Wer­be­ver­an­stal­tung für irgend­ein von ihm geschrie­be­nes neues Buch nutzte. Er erzählte ent­rüs­tet, wie ihm ein Leser nach Lek­türe eines sei­ner vor­an­ge­gan­ge­nen Werke ein alter­na­ti­ves Ende zuschickte. Das, so Wickert, sei anma­ßend: „Mein Werk gehört mir.” Ich finde diese Atti­tüde außer­or­dent­lich arro­gant. Nie­mand for­dert von Herrn Wickert, dass er seine Bücher umschreibt, aber der­ar­tig hin­ge­bungs­volle Leser dem Publi­kum als Stö­ren­friede der eige­nen Voll­kom­men­heit zu prä­sen­tie­ren — das geht ja mal gar nicht.

Genau diese Denke ist es aber, die vie­ler­orts im Urhe­ber­recht vor­herrscht. Immer will irgend­je­mand seine ver­meint­li­chen per­sön­li­chen Ansprü­che gesi­chert wis­sen. Dabei ent­steht sämt­li­cher Wert eines lite­ra­ri­schen, musi­schen oder ander­wei­ti­gen nicht-​materiellen Wer­kes erst durch die gesell­schaft­li­che Auf­nahme und Ver­wen­dung. So gese­hen liegt es im urei­gens­ten Inter­esse der Werk­schaf­fen­den, dass die All­ge­mein­heit seine Werke adäquat nut­zen kann. Dass sich die Arten der Nut­zung mit der galop­pie­ren­den tech­ni­schen Ent­wick­lung auch ver­än­dern, liegt in der Natur der Sache. Dies einer­seits durch­aus anzu­er­ken­nen, dann aber ande­rer­seits bei den ent­spre­chen­den Geset­zen vor einer ange­mes­se­nen Umset­zung zurück­zu­zu­cken, bringt im End­ef­fekt gar nichts. Es ist sogar kon­tra­pro­duk­tiv, wenn im Rah­men die­ses Krebs­gan­ges am Ende Murks­ge­setze wie ein „Leis­tungs­schutz­recht” her­aus­kom­men.

Es gibt einen letz­ten Aspekt der „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht”, der mir wich­tig erscheint: Frau Leutheusser-​Schnarrenberger arbei­tet immer wie­der auf einen all­ge­mei­nen Gegen­satz zwi­schen dem Urhe­ber­recht und der „digi­ta­len Welt” hin. „Digi­tal Nati­ves” wer­den da zu radi­ka­len Geg­nern urhe­ber­recht­li­cher Rege­lun­gen, die ein­fach alles für alle frei­ge­ben und sich nicht um Gesetze sche­ren wol­len. Dafür zitiert sie sogar — man höre und staune — die Pira­ten­par­tei, die „die Auf­he­bung künst­li­cher Ver­knap­pun­gen” for­dere und nimmt dies als Beleg für die gene­relle Ableh­nung des Urheberrechts.

Mit Ver­laub, Frau Leutheusser-​Schnarrenberger, aber das ist Quark. Die „künst­li­chen Ver­knap­pun­gen” sind das, was die Ver­mitt­ler ver­zwei­felt ver­su­chen zu hal­ten, um wei­ter­hin eine Rolle spie­len zu kön­nen. Ansons­ten machen nicht nur wir, son­dern alle Werk­schaf­fen­den in der digi­ta­len Welt sich sehr viele Gedan­ken über das Urhe­ber­recht. Nicht umsonst ist in den letz­ten 15 Jah­ren eine ganze Klasse neuer Lizenz­mo­delle ent­stan­den und mehr als ein­mal hat es da Knatsch wegen wider­recht­li­cher Nut­zung gege­ben. Es ist näm­lich auch eine Wahr­heit, dass gerade die Ver­le­ger und Ver­mitt­ler zwar laut schreien, wenn sie ihre über­kom­me­nen Pri­vi­le­gien in Gefahr sehen, es gleich­zei­tig aber mit den Rech­ten ande­rer nicht allzu genau neh­men. Berichte über nicht lizenz­ge­rechte Über­nah­men — man könnte schlicht „Abschrei­ben ohne Quel­len­an­gabe” nen­nen — von Wiki­pe­diaar­ti­keln oder ande­ren CC– oder GFDL-​lizenzierten Wer­ken sind längst Legion.

Wohin treibt nun das Urhe­ber­recht? Die Ver­an­stal­tung am Mon­tag war der Auf­takt eines mehr­mo­na­ti­gen Pro­zes­ses, der ver­schie­dene Anhö­run­gen brin­gen wird und schließ­lich in einem Geset­zes­ent­wurf für einen „Drit­ten Korb” zur Ände­rung des Urhe­ber­rechts mün­den soll. Dass das aktu­elle Urhe­ber­recht mit sei­nen mitt­ler­weile extre­men Ein­schrän­kun­gen der Nutz­bar­keit kul­tu­rel­ler Werke stark ver­bes­se­rungs­be­dürf­tig ist, steht außer Frage. Ich sehe aller­dings die Gefahr, dass die­ser Geset­zes­pro­zess auch zu einem noch restrik­ti­ve­ren Recht füh­ren kann, wenn er nicht geeig­net beglei­tet wird. Frau Leutheusser-​Schnarrenberger war mit den Inhal­ten ihrer Rede teil­weise wie der viel­zi­tierte Pud­ding, der sich nicht an die Wand nageln lässt. Im Zwei­fels­fall bedeu­tet das nichts Gutes, wenn es darum geht, den viel­fäl­ti­gen Lob­by­grup­pen im Namen der All­ge­mein­heit ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Genau das erwarte ich aber von einer Bundesministerin.

Quo vadis Urheberrecht? — Zur „Berliner Rede” der Justizministerin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Ber­li­ner Rede zum Urhe­ber­recht” gehal­ten, unsere Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin. Den Rede­text gibt es online und Kom­men­tare und Zusam­men­fas­sun­gen dazu zum Bei­spiel bei Heise Online oder Tele­po­lis. Auch ich habe am Mon­tag in der Berlin-​Brandenburgischen Aka­de­mie geses­sen und ihren Aus­füh­run­gen gelauscht.

Bei mir hin­ter­lässt die Rede von Frau Leutheusser-​Schnarrenberger einen sehr zwie­späl­ti­gen, letzt­lich aber nega­ti­ven Ein­druck. Einer­seits war die Rede gespickt mit Aus­füh­run­gen, die so auch auf einem belie­bi­gen Par­tei­tag der Pira­ten­par­tei Sze­nen­ap­plaus bekom­men hät­ten. Die Minis­te­rin hat das Inter­net als gesell­schaft­li­che Revo­lu­tion bezeich­net, Wis­sen und Infor­ma­tion seien viel bes­ser und schen­l­ler ver­füg­bar, aber auch viel ein­fa­cher und direk­ter erzeug­bar gewor­den. Der krea­tive Mensch muss im Mit­tel­punkt ste­hen, nicht der Ver­wer­ter. Bei der digi­ta­len Revo­lu­tion müs­sen wir die Chan­cen sehen und nicht immer nur auf die Risi­ken starren.

All dies sind Aus­sa­gen, die ich ohne wenn und aber unter­stütze. Und es tat gut, das mal so klar und deut­lich aus dem Mund eines Bun­des­mi­nis­ters zu hören. Aber was nüt­zen die schöns­ten Worte, wenn sie nicht kon­se­quent zu Ende gedacht wer­den? Und genau das pas­siert nicht! Statt­des­sen kommt es immer wie­der zu argu­men­ta­ti­ven Haken­schlä­gen, die all die schö­nen Ein­sich­ten Maku­la­tur wer­den lassen.

Da erwähnt die Minis­te­rin mehr­fach, dass sich die ana­loge Zeit nicht ins Digi­tale über­tra­gen lässt. Da for­mu­liert sie expli­zit, dass das Recht keine über­hol­ten Geschäfts­mo­delle schüt­zen darf. Und jedes Mal denke ich mir: „Cool, wie­der eine Breit­seite gegen die­ses idio­ti­sche ‚Leis­tungs­schutz­recht’.” Und dann das: Wenn Ver­mitt­ler Leis­tun­gen erbrin­gen, dann muss diese Leis­tung geschützt wer­den, zum Bei­spiel Zei­tungs­ver­le­ger. Und expli­zit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger geben soll, son­dern wie die­ses aussieht.”

Das ist aus­ge­spro­chen übel. Bis heute gibt es keine ein­zige mir bekannte neu­trale Instanz, die auch nur for­mu­lie­ren könnte, wie ein „aus­ge­wo­ge­nes Leis­tungs­schutz­recht” aus­se­hen könnte. Weil es ein sol­ches schlicht nicht gibt! Der ein­zige etwas kon­kre­tere Text, jener Ent­wurf von sei­ten der Ver­le­ger, ist eine Ansamm­lung von ten­den­ziö­sen Regeln, die der klei­nen, in der heu­ti­gen Zeit zun­ehe­mend unwich­ti­ger wer­den­den gesell­schaft­li­chen Gruppe von Ver­le­gern, ihre Pfründe auf Kos­ten der All­ge­mein­heit und der Werk­schaf­fen­den sichern und sie sogar aus­bauen soll. Es ist der ver­zwei­felte Ver­such, über­kom­mene Geschäfts­mo­delle gegen den Fort­schritt zu ver­tei­di­gen. Es ist die Text gewor­dene Anti­these zu allem, was die Minis­te­rin im Urhe­ber­recht vor­geb­lich errei­chen will.

Wie ernst kann man vor dem Hin­ter­grund die gesam­ten Aus­füh­run­gen vom Mon­tag neh­men? Wir sol­len „mehr auf die Mög­lich­kei­ten als auf die Risi­ken schauen”? Ja, aber! Das Urhe­ber­recht „schützt den Urhe­ber”? Ja, aber! Keine „Schon­räume für abge­lau­fene Geschäfts­mo­delle”? Ja, aber! All die hee­ren Grund­sätze gel­ten offen­sicht­lich nur, solange keine Lob­by­gruppe etwas ande­res will.

Zu Recht zeiht Frau Leutheusser-​Schnarrenberger das Urhe­ber­recht über­bor­den­der Kom­ple­xi­tät und zitiert dabei sogar Linus Tor­valds. Aber dann zieht sie Leis­tungs­schutz­rechts­ka­nin­chen aus dem Zylin­der, die irgend­wie „die Ver­le­ger schüt­zen”, gleich­zei­tig aber Link– und Zitat­frei­heit erhal­ten sol­len. Zum einen erhöht dies die Kom­ple­xi­tät der sowieso schon kom­ple­xen Geset­zes­land­schaft wei­ter und zum ande­ren steht die­ser gesamte Ansatz in voll­stän­di­gem Gegen­satz zu dem, was die Minis­te­rin immer wie­der betont: Dass das Gesetz den Urhe­ber schüt­zen soll. Ein wie auch immer gear­te­tes Leis­tungs­schutz­recht wird aber genau die­sen Schutz wei­ter aus­he­beln, es beschnei­det die Mög­lich­kei­ten des Urhe­bers mas­siv zu Guns­ten irgend­wel­cher Ver­le­ger und dass der All­ge­mein­heit anschlie­ßend auf eine ver­krüp­pelte Weise sein Werk wei­ter zur Ver­fü­gung steht, nützt ihm, dem Urhe­ber, auch nichts.

Wei­ter geht’s mit Teil 2 am Montag

Warum Spendenaktion und Konzept der Piratenpartei-​Bundes-​IT falsch sind — Und: Ein Lösungsvorschlag

Die Zuver­läs­sig­keit der IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei bie­tet noch Mög­lich­kei­ten zur Opti­mie­rung. Web­site und Wiki waren in der Ver­gan­gen­heit oft sehr lang­sam und mehr als ein­mal hat es Aus­fälle über Stun­den oder sogar Tage gege­ben. Die „Bundes-​IT” betreut für die Bereit­stel­lung der Dienste meh­rere Ser­ver und ruft momen­tan — auf der Web­site der Pira­ten­par­tei pro­mi­nent ver­linkt — zu Spen­den auf. 10.000 EUR Bud­get seien nicht genug, wenigs­tens wei­tere 50.000 EUR seien nötig, um die geplante Infra­struk­tur mit eige­nen Ser­vern, die in einem Rechen­zen­trum unter­ge­stellt wer­den, zu finanzieren.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild I): So...

IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei (Sym­bol­bild I): So…

Ich halte die­sen Ansatz für den völ­lig fal­schen Weg. Neben eini­gen tech­ni­schen Pro­ble­men, die zu einem nen­nens­wer­ten Teil auch Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men mit dem Hos­ter geschul­det sein dürf­ten (36 Stun­den bis mal einer den Reset-​Knopf am Rech­ner gedrückt hat…) ist das Haupt­pro­blem mei­nes Erach­tens, dass sich der gewünschte und nötige Grad an Aus­fall­si­cher­heit durch ein Team von Ehren­amt­li­chen auch bei größt­mög­li­chem Ein­satz nicht errei­chen lässt. Des­halb plä­diere ich ganz im Gegen­satz zu den Plä­nen der IT-​Verantwortlichen dafür, die von der Par­tei selbst zu erbrin­gen­den Leis­tun­gen zurück­zu­fah­ren und ver­stärkt auf externe, pro­fes­sio­nelle Dienst­leis­ter zu setzen.

Ein ent­spre­chen­des Kon­zept­pa­pier habe ich vor knapp zwei Wochen den Ver­ant­wort­li­chen der Bundes-​IT über­sandt. Ich doku­men­tiere die­ses Kon­zept jetzt noch­mals öffent­lich. Ich halte es für wich­tig zu zei­gen, dass sich die Pro­bleme der IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei auch anders lösen las­sen als dies momen­tan von den Ver­ant­wort­li­chen geplant ist — und das diese Lösun­gen mei­ner Mei­nung nach nach­hal­ti­ger sind.

Ser­ver­kon­zept Pira­ten­par­tei: Stei­ge­rung der Aus­fall­si­cher­heit durch exter­nern Dienstleister

Nach­dem ich letz­tens deut­li­che Kri­tik an der IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei geäu­ßert habe, wurde ich gebe­ten, mich an der Dis­kus­sion darum zu betei­li­gen, wie die Orga­ni­sa­tion in Zukunft bes­ser lau­fen könnte. Hier also einige Über­le­gun­gen und Lösungsvorschläge:

Mei­nes Erach­tens ist das Kern­pro­blem, dass wir einer­seits Dienste haben, deren Ver­füg­bar­keit extrem kri­tisch ist, für die wir aber ande­rer­seits keine Sys­tem­war­tung zur Ver­fü­gung stel­len kön­nen, die die­sem Hoch­ver­füg­bar­keits­an­spruch gerecht wird. Dafür gibt es — wie­derum mei­nes Erach­tens — zwei Gründe:

  1. Wir arbei­ten mit sehr kom­ple­xen Sys­tem­um­ge­bun­gen, die tech­nisch weit fort­ge­schrit­ten sind (Vir­tua­li­sie­rung, ver­teilte Ser­ver), aber einen erhöh­ten Ein­rich­tungs– und War­tungs­auf­wand benö­ti­gen und zudem von den Admi­nis­tra­to­ren viel Detailwissen.
  2. Das hete­ro­gene Admi­nis­tra­to­ren­team besteht aus­schließ­lich aus Ehren­amt­li­chen. Im Falle von aku­ten Schwie­rig­kei­ten muss des­halb zunächst der Zustän­dige ein Zeit­fens­ter für sich schaf­fen, um dann das Pro­blem anzu­ge­hen. Zudem muss viel Arbeit in Abend– und Nacht­stun­den stattfinden.

Ins­be­son­dere der zweite Punkt ist dabei aus­drück­lich keine nega­tive Kri­tik, son­dern eine Zustands­be­schrei­bung. Die Arbeit mit ehren­amt­li­chen Admi­nis­tra­to­ren war in der Ver­gan­gen­heit alter­na­tiv­los. Mitt­ler­weile ist durch das starke Wachs­tum und die viel­fäl­ti­gen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­dürf­nisse aber ein Punkt erreicht, wo die zwangs­läu­fi­gen Beschrän­kun­gen die­ses Ansat­zes in Sachen Ver­füg­bar­keit nicht mehr trag­bar sind.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild II): ...so...

IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei (Sym­bol­bild II): …so…

Mein Ansatz arbei­tet des­halb mit fol­gen­den Grundgedanken:

  • Iden­ti­fi­zie­rung der­je­ni­gen Dienste, die für die Kom­mu­ni­ka­tion die höchste Wich­tig­keit haben und auf Grund ihrer Kom­ple­xi­tät am kri­tischs­ten sind. Dies sind mei­ner Ein­schät­zung nach
  • Ver­wen­dung von mög­lichst ein­fa­chen Set­ups und Serverstrukturen.
  • Aus­la­ge­rung der grund­le­gen­den Sys­tem­ad­mi­nis­tra­tion die­ser Dienste an einen exter­nen Dienst­leis­ter, der auf Ver­trags­ba­sis die Ver­füg­bar­keit der Dienste sicherstellt.

Die­ses Vor­ge­hen hat mei­nes Erach­tens für alle Betei­ligte Vorteile:

  • Die Dienste „Web­site” und „Wiki” sind mit garan­tier­ter Ver­füg­bar­keit ver­se­hen, wir geben uns an die­sen neur­al­gischs­ten Punk­ten keine „Blöße” mehr.
  • Die hohe Betriebs­si­cher­heit die­ser Dienste führt zu gestei­ger­ter Attrak­ti­vi­tät der Platt­form für alle Par­tei­glie­de­run­gen — auch Lan­des– und andere Ver­bände kön­nen (end­lich) auf der Bun­des­in­fra­struk­tur auftreten.
  • Der externe Dienst­leis­ter kann nicht nur seine Infra­struk­tur in Sachen Rund-​um-​die-​Uhr-​Support nut­zen, son­dern auch das dort vor­han­dene Know-​How für eine per­for­mante Instal­la­tion der Softwarepakete.
  • Die Admins der Pira­ten­par­tei müs­sen sich nicht mehr mit so ermü­den­den Din­gen beschäf­ti­gen wie ein Media­wiki zu betüd­deln, son­dern kön­nen sich auf die „span­nen­den” Dienste kon­zen­trie­ren, bei denen spo­ra­di­sche und even­tu­ell auch etwas län­gere Aus­fälle nicht so dra­ma­tisch sind.

„Web­site” und „Wiki” sind zudem die­je­ni­gen Dienste, die mei­nes Erach­tens am wenigs­ten kri­tisch unter Daten­si­cher­heits­as­pek­ten sind, anders als zum Bei­spiel „E-​Mail” oder „Mai­ling­lis­ten”. Letz­tere haben sich zudem in der Ver­gan­gen­heit auch wesent­lich weni­ger als aus­fall­freu­dig dargestellt.

Gesucht ist also ein exter­ner Dienst­leis­ter, der eine Ser­ve­r­in­fra­struk­tur für die Web­site und das Wiki bereit­stellt, also eine Dru­pal– und eine Mediawiki-​Installation. Lei­der gibt es sol­che Dienst­leis­ter nicht „wie Sand am Meer”. Gefun­den habe ich den Hos­ting­dienst­leis­ter Mitt­wald, der genau das bie­tet was ich mir vorstelle:

  • Mana­ged Ser­ver mit instal­lier­tem Linux
  • Dru­pal und Media­wiki (und ein grö­ße­res Bün­del ande­rer Soft­ware) als instal­lier­bare Pakete mit vom Dienst­leis­ter bereit gestell­ten Updatepa­ke­ten, die sich über die Manage­ment­funk­tio­nen des Ser­vers ein­spie­len lassen
  • Diverse wei­tere Funk­tio­nen zur Auf­tei­lung von Zugrif­fen und Zustän­dig­kei­ten auf das Sys­tem („Agenturfunktionen”)
  • Dienst­leis­ter küm­mert sich um Hard­ware, Hard­ware­aus­fälle etc. mit 24-​Stunden-​Support
  • Dienst­leis­ter küm­mert sich um Soft­ware­up­dates, Betriebs­sys­tem etc.

Nach mei­ner letzt­lich nicht wirk­lich fun­dier­ten Ein­schät­zung wäre für uns das Paket „XL 5.0″ oder „XXL 5.0″ pas­send. Wich­tigste Beschrän­kung ist höchst­wahr­schein­lich das Trans­fer­vo­lu­men (2 TB bzw. 5 TB), hier könnte ich mir aber vor­stel­len, dass sich die Trans­fer­last auf dem Ser­ver mit­tels vor­ge­schal­te­ter Squids mas­siv sen­ken lässt. Mit einem pas­send ein­ge­rich­te­ten „XL”-Server kämen wir auf monat­li­che Kos­ten von etwa 200,- EUR, was 1/​4 des Bud­gets ent­spricht. Ein „XXL”-Server würde mit ca. 300,- EUR/​Monat etwa 1/​3 des Bud­gets der Tech­nik kosten.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild III): ...oder doch lieber so.

IT-​Infrastruktur der Pira­ten­par­tei (Sym­bol­bild III): …oder doch lie­ber so.

Bild­quelle: Wiki­pe­dia, Lizenz, CC-​BY-​SA 3.0/GNU-FDL-1.2

Ich halte die­sen Weg des Sys­tem­de­signs für den bes­ten, die wich­tigs­ten IT-​Dienste der Par­tei lang­fris­tig sicher bereit­ge­stellt zu bekom­men, ohne dass wir den bis­he­ri­gen ste­ti­gen Ver­schleiß an Per­so­nal haben, das sich im Span­nungs­feld von Erwar­tun­gen und Mög­li­chem auf­reibt. Aller­dings ist es sicher­lich ein erheb­li­cher Para­dig­men­wech­sel und vor wei­ter­ge­hen­den Über­le­gun­gen bezüg­lich der Umsetz­bar­keit müs­sen wir erst­mal klä­ren, ob die­ser Weg über­haupt gewünscht ist oder nicht. Ich denke aber, dies könnte ein Weg sein, erheb­li­chen Druck von der IT zu neh­men und dort den Kopf für andere Dinge freizubekommen.

So weit mein eige­ner klei­ner Bei­trag zu der wohl ewig wäh­ren­den Dis­kus­sion um die IT-​Infrastruktur der Piratenpartei.

Dieter Bohlen über Musikkopien im Internet — Vordenker der Piratenpartei

Ich bitte um Auf­merk­sam­keit für ein etwas älte­res Fund­stück, auf das ich über Twit­ter gesto­ßen bin. Am 2007-​11-​01 war Die­ter Boh­len zu Gast bei Johan­nes B. Ker­ner. Nun mag man über beide Gesprächs­part­ner den­ken, was man will, aber war der Die­ter da gesagt hat, das ist schon bemerkenswert:

Ker­ner: Mit Plat­ten kann man kein Geld mehr verdienen.

Boh­len: Richtig.

Ker­ner: Nur noch auf Tournee.

Boh­len: Rich­tig. […] Mit Plat­ten kann man heute kein Geld mehr ver­die­nen. […] Des­halb gehen die jetzt alle auf Tour­nee weil das Tour­nee­ge­schäft läuft ganz toll und alle Leute down­loa­den das — die Musik.

Ker­ner: Aber das kos­tet ja auch was.

Boh­len: Ja, aber da zahlt ja kein Mensch was für. Ich finde diese ganze Dis­kus­sion — diese jun­gen Men­schen in die Nähe von Straf­bar­keit zu rücken, ja, das die da was Ver­bo­te­nes machen, finde ich abso­lu­ten Schwach­sinn — weil, erst­mal gibt die Indus­trie denen die Mög­lich­keit, das zu machen — schafft die Hard­ware, ver­dient da mit dran — sagt denen: „Hier sind die Pro­gramme, könnt ihr’s down­loa­den”. Ist zu dir denn oder zu mir denn damals einer gekom­men und hat gesagt, wir dür­fen am Radio nicht mehr sit­zen und diese Sachen auf­neh­men? […] Wir haben doch frü­her alle vor unse­ren Radios geses­sen und haben da die Hit­pa­ra­den auf­ge­nom­men. Was machen die denn jetzt ande­res? Gar nix! […] Ich hab’ ja damals auch nichts gesagt, wenn die Leute sich das aus dem Radio abko­piert haben. Du kannst doch den Leu­ten nicht irgend­wie sagen: „Hier ist ein Ham­mer, aber jetzt hau den Nagel nicht in die Wand, du!”

Ker­ner: Also du wür­dest sagen: Musik im Netz freigeben?

Boh­len: Ach, klar. Machen doch auch viele schon. Meine Sachen… wenn man da auch die rich­ti­gen Plätze geht, dann kann man das auch alles down­loa­den. (lacht)

Ker­ner: Ich habe das so von einem Künst­ler noch nicht gehört. Es gibt ja sogar große Ver­ei­ni­gun­gen, die sich zusam­men­schlie­ßen, ganz viele Künst­ler, die sagen, wir müs­sen unser geis­ti­ges Eigen­tum schützen.

Boh­len: Ist doch Quatsch. Die Zeit ist jetzt hier ange­kom­men, die haben den jun­gen Leu­ten das gege­ben, und die soll­ten die jetzt nicht irgend­wie in ‚ne kri­mi­nelle Ecke rücken.

Ker­ner: Das heißt der Künst­ler soll ein­fach seine Musik machen, die soll down­ge­loa­det wer­den, dann hören’s viele und dann geht er eben auf Tour­nee und wenn die Leute sich das live anhö­ren wol­len, dann kos­tet ‚ne Karte 45 Euro und dann holt er sich das Geld da ab.

Boh­len: Ja, so wird’s sein in der Zukunft.

Und wer die­sen Dia­log nicht glaubt:

An die­ser Stelle hat sich Die­ter Boh­len den Titel „Vor­den­ker der Pira­ten­par­tei” red­lich ver­dient. Aus dem Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei, Kapi­tel „Imma­te­ri­al­gü­ter­rechte”:

Anstatt den alten Geschäfts­mo­del­len nach­zu­trau­ern und sie mit unzu­mut­ba­ren Ein­grif­fen in die Pri­vat­sphäre der Bür­ger künst­lich am Leben zu erhal­ten zu wol­len, for­dern die PIRATEN dazu auf, neue Geschäfts­mo­delle zu ent­wi­ckeln. Diese Geschäfts­mo­delle sol­len den Urhe­bern der digi­ta­len Kul­tur­ge­sell­schaft ermög­li­chen, auf markt­wirt­schaft­li­che Art und Weise Erlöse aus der Ver­wer­tung ihrer Werke oder deren Umfeld zu erzie­len, wenn sie dies anstreben.

Über­holte Ver­mitt­ler­funk­tio­nen von Rech­te­ver­wer­tern, die in der Ver­gan­gen­heit z.B. in der Unter­hal­tungs­mu­sik­in­dus­trie zu hohen Ren­di­ten geführt haben, sind größ­ten­teils nicht mehr zeit­ge­mäß und wer­den in die­sem Umfang kei­nen Bestand haben. Die Aus­schal­tung von Zwi­schen­händ­lern ermög­licht es, dass den Künst­lern vom Erlös ihrer Werke ein grö­ße­rer Teil ver­bleibt und direk­ter zufließt. Außer­dem wird damit das Spek­trum der Kul­tur­szene deut­lich erweitert.

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal so sagen würde: Haste gut erkannt, Dieter.

Übri­gens hat Die­ter seit neus­tem sogar ein Blog, das „Boh­len­blog”. Ich musste schmun­zeln, als ich das sah: Ja, in etwa mit die­sem Design hatte ich auch mal angefangen…

Mein Walkman und was ich 1994 für Musik gehört habe

Ich muss noch­mal auf diese Geschichte von neu­lich zurück­kom­men. Ich habe mal ein biss­chen gestö­bert und mei­nen eige­nen Walk­man aus­ge­gra­ben: „Sony WM-​EX50” hieß das Gerät:

Walkman Sony WM-EX50

Walk­man Sony WM-​EX50

Wie auf dem Foto zu sehen ist, sind alle Bedien­ele­mente da, die so ein Gerät brauchte:

  • Kopf­hör­er­buchse mit „Mega Bass”-Schalter (noch ganz authen­tisch in Posi­tion „Mid”
  • Bat­te­rie­an­zeige
  • Laut­stär­ke­reg­ler als ana­lo­ges Drehrad
  • Hebel­chen zum Öff­nen des Kassettenfachs
  • Play­taste, bei der aller­dings die Tas­ten­kappe abge­gan­gen ist
  • Stop­taste zum Anhalten
  • Tas­ten zur Vor­wärts– und Rückwärtsspulen
  • Rich­tungs­wech­sel — das Gerät konnte beide Sei­ten der Kas­sette abspie­len ohne dass man sie umdre­hen musste
  • Modus­schal­ter: Soll die Kas­sette nur ein­mal kom­plett durch­ge­spielt und dann ange­hal­ten wer­den oder ist End­los­be­trieb gewünscht
  • Strom­an­schluss für ein 1,5V-Netzteil (nicht mitgeliefert)

Unten ist dann noch das Bat­te­rie­fach (1 * 1,5V-Mignonzelle) sowie der Dol­by­schal­ter und die Bandsor­ten­wahl. Dolby war, die Älte­ren unter uns wer­den sich erin­nern, ein Ver­fah­ren zur Rausch­re­duk­tion. Mein Walk­man konnte nur Dolby B, was aber egal war, weil mein Kas­set­ten­deck auch nur mit Dolby B aus­ge­stat­tet war.

Sony WM-EX50 und Kassette

Sony WM-​EX50 und Kassette

In dem Walk­man war auch noch eine Musik­kas­sette. Wie damals üblich war es eine Leer­kas­sette, die ich selbst bespielt und mit einem Auf­kle­ber ver­se­hen hatte. „Walk­man ’94″ steht da, was mich ver­mu­ten lässt, dass ich wohl doch schon wesent­lich eher als ich bis­her gedacht hatte mit der Benut­zung die­ses Geräts auf­ge­hört habe. 90 Minu­ten Musik pass­ten da drauf, auf jede Seite 45 Minu­ten. Wie man sieht, ist die Grund­flä­che des Walk­man tat­säch­lich nicht wesent­lich grö­ßer als die der Kassette.

Innenleben des Sony WM-EX50

Innen­le­ben des Sony WM-​EX50

Im Inne­ren des Geräts ist die Mecha­nik zu erken­nen, die für die Wie­der­gabe zustän­dig ist. Hin­ten in der Mitte ist der Ton­kopf, der die Band­ma­gne­ti­sie­rung erfasst und links und rechts davon die Mecha­nik, die das Band straff hält, wenn es von der Spin­del bewegt wird. Da der Walk­man „Auto Reverse”-fähig ist, ist der kom­plette Antrieb sym­me­trisch aufgebaut.

Man beachte den vie­len „freien Platz”, der für die Kas­sette benö­tigt wird. Heute passt die Dut­zend­fa­che Musik­menge auf Spei­cher­kar­ten von der Größe eines Fingernagels…

Musikkassette "Walkman '94"

Die Kas­sette lag jetzt etwa 15 Jahre im Walk­man. Links ist zu erken­nen, dass eine der Andruck­rol­len das Band beschä­digt hat. Trotz­dem ließ sich die Kas­sette noch abspie­len. In einem Anfall von inves­ti­ga­ti­vem Jour­na­lis­mus habe ich mir Gerät und Kas­sette vor­ge­nom­men und gna­den­los abge­hört, mit was für Musik ich mir 1994 die Zeit ver­trie­ben habe. Die Ergeb­nisse sind, ein für inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus nicht unüb­li­ches Fazit, scho­ckie­rend. Und sie sind kein Einzelfall:

  • Seite A
  • B.G. the Prince of Rap — Color of my dreams
  • Cul­ture Beat — Anything (Album Mix)
  • Irgend­ein gru­se­li­ger Eurodance-​Trash, in dem im Refrain „Do what you want but don’t for­get the Omen” vor­kommt
  • Noch­mal Euro­dance. Die berüch­tigte Midi-​Standardpanflöte und was mit „Riding on the train of love
  • Jam & Spoon — Right in the night
  • Maxx — Run-​A-​Way — „I’m a white rag­ga­man with a rag­ga­man style-​y
  • Yous­sou N’Dour & Neneh Cherry — 7 seconds
  • I got to give it up, I got to get away” — Wie Recht sie haben — Euro­dance mit „Rap­per” und Sängerin…
  • Ice MC — It’s a rainy day — „Bad times in life is like a tele­phone, you never know when it’s have a ring.
  • Dance 2 Trance — Power of Ame­ri­can Natives
  • U96 — Inside your dreams (Fade out)
  • Seite B
  • Magic Affair — Give me all your love — „Love is the same as hate if you’re not care­ful
  • Ace of Base — Don’t turn around
  • Maxx — No more — Hurra, Rag­ga­man is back
  • Enigma — Return to innocence
  • Inter­mis­sion and Lori Glori — Six days — Ach du lie­bes biss­chen, wie schräg ist das denn? Das ist nicht meine Kassette!
  • Ganz übler Eurodance-​Trash, der „Rap”-Part beginnt mit „Bumm digi digi digi bumm digi bamm
  • Blur — Girls & Boys
  • Cul­ture Beat — Rocket to the moon
  • U96 — Inside your dreams
  • 2 Unli­mited — The real thing
  • US3 — Cantaloop
  • Per­ple­xer — Acid Folk (Fade out)

Was für eine gedie­gene Mischung! Bei etli­chen Stü­cken habe ich Titel und/​oder „Inter­pret” nur durch Google-​Recherche raus­fin­den kön­nen und bei den schlimms­ten Aus­wüch­sen ging nicht mal das, weil ich in dem „Lied” irgend­wie nichts gefun­den habe, nach­dem ich hätte suchen kön­nen… Naja, ver­bu­chen wir’s unter „Jugendsünde”.

Und nun noch für die Jün­ge­ren: In den 1990er Jah­ren fand die Musik­in­dus­trie sol­che Kas­set­ten­ko­pien ganz toll. Da gab es Fern­seh­spots, in denen die Qua­li­tät von Leer­kas­set­ten mit Sprü­chen wie „Ver­dammt nah an der CD” bewor­ben wur­den. Da waren Pri­vat­ko­pie, Musik­tausch und Mixtapes keine Straf­ta­ten, son­dern wich­ti­ger Teil des kul­tu­rel­len Aus­tauschs. Die Per­ver­tie­rung des Urhe­ber­rechts in eine Verwertungsindustrie-​Schutzmaschine kam erst nach 2000. Erin­nert euch dran, wenn mal wie­der von den seit Ewig­kei­ten ver­brief­ten Rech­ten an der Ver­wer­tung gefa­selt wird…

Die Zeit I: Susanne Gaschke in „Männer und Maschinen” über die Piratenpartei

Am gest­ri­gen 2009-​07-​09 brachte die „Zeit” auf Seite 2 einen grö­ße­ren Arti­kel über die Pira­ten­par­tei in Schwe­den und in Deutsch­land. Der Grund­te­nor war — naja. Frau Gaschke lässt wenig Kli­schees aus und for­mu­liert teil­weise wahr­lich nicht freundlich.

Man kann über den Arti­kel so eini­ges sagen. Zu behaup­ten, alles sei rich­tig, gehört aller­dings nicht dazu. Schauen wir uns das mal näher an. Da der Arti­kel online nicht ver­füg­bar zu sein scheint, zitiere ich die inter­es­san­ten Stellen:

„Diese Leute [in der schwe­di­schen Pira­ten­par­tei] kämp­fen für das Recht, sich wei­ter so zu beneh­men, wie sie es getan haben, seit sie 15 Jahre alt sind”, sagt Jan Rosen, Pro­fes­sor für Pri­vat– und Urhe­ber­recht an der Uni­ver­si­tät Stock­holm. „Sie haben eine gera­dezu lächer­li­che Fixie­rung auf die Unter­hal­tungs­in­dus­trie. Und lei­der begeg­nen die älte­ren Par­teien ihnen bis­her äußerst opportunistisch.”

Das bezieht sich zwar vor allem auf die schwe­di­sche Pira­ten­par­tei, aber das Zitat ist trotz­dem inter­es­sant. Hier wird zum ers­ten Mal in dem Arti­kel ver­sucht, die Pira­ten­par­tei auf das Urhe­ber­rechts­thema fest­zu­na­geln. Gerade in Deutsch­land spielte das aber in den letz­ten Wochen und Mona­ten eine eher unter­ge­ord­nete Rolle, hier waren zivil­ge­sell­schaft­li­che The­men und die Bür­ger­rechte viel wich­ti­ger für die Arbeit und die Außen­dar­stel­lung. Lächer­lich ist also nicht die vor­geb­li­che Fixie­rung auf das Urhe­ber­recht, son­dern die Behaup­tung, es gäbe eine solche.

Mei­nun­gen, die bei Ame­lia Anders­dot­ter als char­mante Radi­ka­li­tät erschei­nen, wir­ken bei den ernst­haf­ten jun­gen Män­nern, die Ende Juni in Ber­lin das erste Büro der Par­tei in Deutsch­land ein­wei­hen, eher beunruhigend.

Sti­lis­ti­scher Kunst­griff: Da wirkt etwas „beun­ru­hi­gend” — bloß was? Da will sich die Auto­rin lie­ber nicht fest­le­gen. Statt­des­sen zitiert und kom­men­tiert sie ein Inter­view mit unse­rem Ber­li­ner Spit­zen­kan­di­da­ten, in dem einige Kern­punkte genau so dar­ge­stellt wer­den, dass der unvor­ein­ge­nom­mene Leser maxi­mal ver­wirrt wird.

[…]Stopp­schil­der im Inter­net [sind] qua­li­ta­tiv nichts ande­res als die Zen­sur, die Iran gegen­über Oppo­si­tio­nel­len aus­übt. „Wir müs­sen die Demo­kra­tie repa­rie­ren”, sagt Flo­rian Bischof […]: „Die Grund­rechte sind in Deutsch­land nicht gewahrt.” Bitte? „Naja, die Men­schen­rechte viel­leicht schon.” Aber in jedem Fall ver­let­zen die Par­teien stän­dig die Ver­fas­sung. Inwie­fern? „Durch den Frak­ti­ons­zwang. Frak­ti­ons­zwang fin­den wir nicht gut, das ist nicht mit Demo­kra­tie ver­ein­bar.” Und wie wol­len sie es hal­ten bei Fra­gen, die über die bekann­ten Posi­tio­nen der deut­schen Pira­ten­par­tei zu Vor­rats­da­ten­spei­che­rung (dage­gen), Urhe­ber­recht (dage­gen) und Inter­net­sper­ren (dage­gen) hin­aus­ge­hen? Die Par­tei­mit­glie­der, sagt Bischof, wür­den zu jedem Thema im Netz ein Mei­nungs­bild erstel­len. Ein bin­den­des? „Nee, im Zwei­fel ist der Abge­ord­nete sei­nem Gewis­sen verpflichtet.”

Na, gemerkt? Rich­tig, da hat Frau Gaschke schön zwi­schen dem gan­zen Geschwurb­sel eine der zen­tra­len Falsch­be­haup­tun­gen über die Pira­ten­par­tei ein­ge­baut, so leise und unschul­dig, dass man es fast über­le­sen könnte. Ich kor­ri­giere mal trotz­dem: Wir sind nicht gegen das Urhe­ber­recht! Wir wol­len es an die tech­ni­schen Ände­run­gen der letz­ten Jahre anpas­sen. Und wenn Frau Gaschke auf dem Par­tei­tag, den sie besucht hat, ein biss­chen auf­ge­passt hätte, wüsste sie das auch, weil dort eine aus­führ­li­che Aus­ar­bei­tung die­ses The­mas dis­ku­tiert und ins Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men wurde.

Aber über­haupt, der Par­tei­tag. Der wird in dem Arti­kel eher so ein wenig in Anek­do­ten abge­han­delt. Ein paar Kostproben:

Der Weg vom Online­fo­rum zur Tagungs­wirk­lich­keit einer real exis­tie­ren­den Par­tei ist hart. Auf dem Bun­des­par­tei­tag in Ham­burg unter­war­fen sich am ver­gan­ge­nen Wochen­ende 250 Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei einer Geschäfts­ord­nungs­de­batte, die einen mitt­le­ren SPD-​Landesparteitag im Ver­gleich wie eine Orgie hätte aus­se­hen lassen.

WTF? Viel­leicht fehlt mir Phan­ta­sie, viel­leicht liegt es daran, dass ich noch nie auf einem SPD-​Landesparteitag war (zumal nicht auf einem „mitt­le­ren”), aber was in aller Welt will uns die Auto­rin mit die­sem Bild sagen. Klingt irgend­wie wit­zig — aber inhalt­lich??? Ich versteh’s nicht.

Zum Thema Frauen hat Frau Gaschke auch so ihre eige­nen Beob­ach­tun­gen gemacht:

Die weni­gen anwe­sen­den Frauen ent­spra­chen net­ter­weise den tra­di­tio­nel­len Geschlech­ter­rol­len und küm­mer­ten sich um Akkre­di­tie­rung und Souvenirverkauf.

Die Auto­rin unter­schlägt sou­ve­rän, dass eine Frau im neuen Vor­stand sitzt und Dis­kus­sion und Ple­num wahr­lich nicht rein männ­lich besetzt waren. Abge­se­hen davon waren bei der Akkre­di­tie­rung Männ­lein und Weib­lein etwa gleich­ver­teilt. Und Sou­ve­nir­ver­kauf?!? Wir sind doch nicht in Ägypten.

In einer hin­te­ren Bank­reihe rät­sel­ten zwei andere, warum Frauen sich eigent­lich so wenig für Bür­ger­rechte inter­es­sier­ten. Man war ver­sucht, den Her­ren einen Tipp zu geben: Könnte es an der Art der Debatte lie­gen? Mög­li­cher­weise sind Frauen auch in den IT-​Berufen, aus denen sich die Par­tei offen­bar über­wie­gend rekru­tiert, nur schwach ver­tre­ten. Wer fort­schritt­lich sein möchte — min­des­tens so fort­schritt­lich wie die CSU -, muss sich dann frei­lich Abhilfe überlegen.

Das ist doch irgend­wie wirr. Debatte und Berufe sind nichts für Frauen und die Pira­ten bemü­hen sich, in Sachen Fort­schritt­lich­keit zur CSU auf­zu­schlie­ßen. Aua, wie schräg ist das denn?

Etwa die Hälfte der Teil­neh­mer ver­folgte die vor ihren Augen statt­fin­dende Ple­nums­de­batte twit­ternd am Bild­schirm ihres Lap­tops (eine ober­fläch­li­che Zäh­lung durch die Auto­rin ergab 127 anwe­sende Geräte).

Das war aber sehr ober­fläch­lich gezählt, ich würde da eher auf 200 tip­pen. Und die Leute haben da nicht „get­wit­tert”, son­dern die Texte, um die es in der Debatte gerade ging, nach­ge­le­sen — oder viel­leicht auch in das in Echt­zeit ins Netz gestellte Ver­laufs­pro­to­koll geschaut. Lap­tops statt Papier­berge — andere Medien haben das durch­aus verstanden.

An der merk­wür­di­gen Stumpf­heit der Par­tei­tags­stim­mung konnte auch die kurze Ein­gangs­rede des ehe­ma­li­gen Par­tei­vor­sit­zen­den Dirk Hilbrecht[sic!] nichts ändern — höchs­tens ver­stärkte sie das nagende Gefühl, alle nur denk­ba­ren Pira­ten­witze könn­ten in ziem­lich naher Zukunft ver­braucht sein.

Was wol­len uns diese Zei­len sagen? Soll ich das per­sön­lich neh­men, Frau Gaschke? Oder gehört das in die Rubrik „Ein biss­chen Spaß muss sein”? Egal, ich lasse die Stumpf­heit mal ein­fach so ste­hen. Und es ist ja nicht so, dass nur ich mein Fett wegkriege:

Jens Sei­pen­busch […] ist Sport­ler (Tur­nen, Ten­nis, Vol­ley­ball), seit fünf Jah­ren ver­hei­ra­tet mit einer Leh­re­rin, und er ent­spricht nicht dem Kli­schee des mit sei­nem Com­pu­ter ver­wach­se­nen Online-​Olms. […] Sorge macht ihm, da ist er ganz im Ein­klang mit der latent para­no­iden Par­tei­kul­tur, „Über­wa­chungs­struk­tu­ren”. Die sieht er vor allem durch das Urhe­ber­recht begrün­det. An die­sem Punkt legt sich eine gewisse Schärfe in Sei­pen­buschs Ton. „Werte, die digi­tal vor­lie­gen, sind effi­zi­en­ter­weise nicht zu regu­lie­ren”, sagt er. „Wenn das Urhe­ber­recht rigo­ros durch­ge­setzt wird, ist das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­heim­nis am Ende.”

„Latent para­noid”. Soso. Der Zeit-​Artikel ist auch irgend­wie latent, ich weiß bloß noch nicht, was. Ansons­ten ist es da wie­der, das Urhe­ber­recht. Man könnte mei­nen, alle Online-​OlmeGesprächs­part­ner hät­ten über nicht ande­res gespro­chen. Fast als wären wir eine Ein-​Themen-​Partei… Logisch, dass der Arti­kel auch mit die­sem Thema endet und noch­mal so rich­tig in die Vol­len geht:

Das ist die sze­ne­ty­pi­sche Beweis­last­um­kehr: Der ent­eig­nete Autor, Jour­na­list, Musi­ker oder Film­schaf­fende wird zum Täter, der das Men­schen­recht der Nut­zer auf kos­ten­lose Down­loads ver­letzt. Die Kon­se­quenz wäre lei­der, dass die Urhe­ber künf­tig öfter über­le­gen wer­den, ob sich die Ver­öf­fent­li­chung ihrer Ideen, ihrer wis­sen­schaft­li­chen Arbei­ten oder ihrer Kunst noch lohnt. Kommt es so, dann gibt es auch für die Digi­tal­re­vo­lu­tio­näre irgend­wann nichts mehr zu verteilen.

Damit wäre die Katze dann aus dem Sack: Kampf­prosa der Ver­wer­tungs­in­dus­trie vom Feins­ten. „Kos­ten­lose Down­loads” als „Men­schen­recht”, Werk­schaf­fende als „Täter” und „Beweis­last­um­kehr” — ver­quas­ter geht es schon fast nicht mehr. Die Struk­tu­ren der Vor-​Internet-​Ära wer­den in Stein gehauen und als unver­än­der­li­che Tat­sa­che begrif­fen. Dabei ist die Revo­lu­tion längst im Gange. Crea­tive Com­mons, Citi­zen Jour­na­lism, Jamendo, Open Source, Open Access — die neuen Ver­wer­tungs­mo­delle sind längst da. Und sie wer­den von den „Auto­ren, Jour­na­lis­ten, Musi­kern oder Film­schaf­fen­den” ange­nom­men. Frei­wil­lig. Das Inter­net ist nicht das Ende der Kul­tur, wie Susanne Gaschke es hier an die Wand zu malen ver­sucht. Es ist viel­mehr das Ende der zen­tral gesteu­er­ten und ver­wer­te­ten Kul­tur, das Ende der Ent­frem­dung des Künst­lers von sei­nem Werk. Die ein­zi­gen Ver­lie­rer die­ses Pro­zes­ses, die frü­he­ren „Ver­wer­ter”, mögen sich noch so hef­tig dage­gen sträu­ben und Grund­rechte aus­höh­lende Gesetze mit ihrer Lob­by­ar­beit durch die Par­la­mente zu peit­schen ver­su­chen — sie wer­den die Ände­run­gen nicht ver­hin­dern können.

Und auch eine Susanne Gaschke mit einem merk­be­freit geschrie­be­nen Zei­tungs­ar­ti­kel schafft das nicht.

Die Raubkopierer sind mal wieder an allem Schuld: Heise-​Online-​Bericht zum Musikmarkt

Vor­ges­tern brachte Heise eine Geschichte über das Ver­schwin­den der Plat­ten­lä­den. Darin zitiert wird mehr­fach ein gewis­ser Daniel Knöll, der in nicht näher benann­ter Weise mit dem Bun­des­ver­band der Musik­in­dus­trie ver­ban­delt ist.

Herr Knöll ist mal wie­der mit den Platt-​Versionen der übli­chen Musik­in­dus­trie­sprü­che über „Raub­ko­pie­rer” am Start:

  • Warum hat sich der Anteil Plat­ten­lä­den und Co. am Ein­zel­han­del inner­halb von sechs Jah­ren mehr als hal­biert? Ganz klar: „Dafür gibt es Gründe: Einer ist das Unver­ständ­nis der Ver­brau­cher, für Musik zu bezah­len”. Dass es mit Ama­zon, iTu­nes oder Saturn mitt­ler­weile auch große Internet-​Verkaufsportale für Musik gibt — nein, daran wird das sicher nicht liegen.
  • Wieso wird heute drei­mal so lange pro Tag Musik gehört als in den 1990er Jah­ren (45 statt 14 Minu­ten pro Tag)? Ein­fa­che Begrün­dung: „Es wird mehr Musik gehört, aber weni­ger gekauft. Das liegt daran, dass die Musik sehr oft ille­gal aus dem Inter­net bezo­gen wird”. Na klar! Dass die als Daten­strom vor­lie­gende Musik viel ein­fa­cher zu kon­su­mie­ren ist als die an einen Ton­trä­ger gebun­dene, dass MP3-​Spieler, iPods und Musik­han­dys heute ubi­qui­tär und viel leis­tungs­fä­hi­ger als Wei­land die Cassetten-​Walkmans sind — das hat bestimmt über­haupt kei­nen Einfluss.

Zwar beschreibt der Arti­kel durch­aus umfas­send, wie sich der Musik­markt ändert und dass die all­ge­meine Bewe­gung für Musik­auf­zeich­nun­gen weg von phsi­ka­li­schen Ton­trä­gern und hin zum rei­nen „Daten­pa­ket” ver­läuft. Unter­schwel­lig wird aber auch hier wie­der die böse Raub­ko­pier­chi­märe posi­tio­niert: Plat­ten­lä­den ster­ben, weil die Leute sich die Musik kos­ten­los im Inter­net besor­gen. Lei­der ist diese Schluss­fol­ge­rung min­des­tens genauso platt wie die Vinyl­schei­ben — immer­hin wer­den im Arti­kel diverse gesell­schaft­li­che Ände­run­gen beschrie­ben, die die­ses Phä­no­men ver­ur­sa­chen und die samt und son­ders nichts mit der nicht­kom­mer­zi­el­len Wei­ter­gabe von Musik­da­teien zu tun haben: Gene­rell klei­ner wer­dende Zeit­bud­gets der poten­ti­el­len Käu­fer, bes­sere Infor­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten im Inter­net und schlicht die Ver­drän­gung der (ana­lo­gen) Schall­platte vom Mas­sen­markt. Ich erin­nere mich an meine eigene letzte Erin­ne­rung zum Thema Tech­ni­kla­den­ge­schäft — auch sowas treibt die Kun­den aus den Läden und hin zum ver­brau­cher­freund­li­che­ren Internet.

Ste­fan Nig­ge­meier hat gerade erst in einem lesens­wer­ten Bei­trag Die­ter Gorny zer­pflückt. Daniel Knöll gehört mei­nes Erach­tens in die­selbe Kate­go­rie, auch wenn seine Elo­quenz wesent­lich begrenz­ter zu sein scheint. Ich emp­fehle, ein­fach mal häu­fi­ger weder beim Gorny noch beim Knöll noch bei irgend­ei­nem ande­ren Musik­in­dus­triel­a­den vor­bei­zu­schauen, son­dern statt­des­sen bei den­je­ni­gen Künst­lern vor­bei­zu­schauen, die ihre Musik tat­säch­lich kos­ten­los wei­ter­ge­ben wol­len — es lohnt sich! Wo und wie das geht habe ich ja in die­sem Blog bereits geschrie­ben.