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Quo vadis Urheberrecht? – Zur „Berliner Rede“ der Justizministerin, Teil 2

Fortsetzung des von Teil 1 vom Freitag

Betrachten wir vor dem Hintergrund der Rede der Justizministerin die gesamte Problematik nochmal aus einem anderen Blickwinkel:

Der Urheber eines Werkes ist ein Nichts, wenn sein Werk nicht verwendet bzw. rezipiert wird. Dies ist aber ein sozialer und interaktiver Prozess, den der Urheber (und auch eventuelle Vermittler wie z.B. Verleger) schlechterdings gar nicht vollständig kontrollieren kann. Die wie ein Mantra die ganze Rede durchziehende Aussage „Der Rechteinhaber entscheidet, was passiert“ ist letztlich eine Täuschung. Eigentlich entscheiden nämlich die Empfänger, ob ihnen ein Werk wichtig ist oder nicht und damit geht immer eine Beschäftigung mit dem Werk einher. Im Gesetz finden sich nicht umsonst die Schranken des Urheberrechts, das Zitatrecht oder die Panoramafreiheit.

Dass damit auch so manche Urheber ihre Probleme haben, zeigten übrigens die „einführenden Worte“ von Ulrich Wickert, der nicht nur erstaunlich alt geworden ist, sondern seine Rede auch recht schamlos als Werbeveranstaltung für irgendein von ihm geschriebenes neues Buch nutzte. Er erzählte entrüstet, wie ihm ein Leser nach Lektüre eines seiner vorangegangenen Werke ein alternatives Ende zuschickte. Das, so Wickert, sei anmaßend: „Mein Werk gehört mir.“ Ich finde diese Attitüde außerordentlich arrogant. Niemand fordert von Herrn Wickert, dass er seine Bücher umschreibt, aber derartig hingebungsvolle Leser dem Publikum als Störenfriede der eigenen Vollkommenheit zu präsentieren – das geht ja mal gar nicht.

Genau diese Denke ist es aber, die vielerorts im Urheberrecht vorherrscht. Immer will irgendjemand seine vermeintlichen persönlichen Ansprüche gesichert wissen. Dabei entsteht sämtlicher Wert eines literarischen, musischen oder anderweitigen nicht-materiellen Werkes erst durch die gesellschaftliche Aufnahme und Verwendung. So gesehen liegt es im ureigensten Interesse der Werkschaffenden, dass die Allgemeinheit seine Werke adäquat nutzen kann. Dass sich die Arten der Nutzung mit der galoppierenden technischen Entwicklung auch verändern, liegt in der Natur der Sache. Dies einerseits durchaus anzuerkennen, dann aber andererseits bei den entsprechenden Gesetzen vor einer angemessenen Umsetzung zurückzuzucken, bringt im Endeffekt gar nichts. Es ist sogar kontraproduktiv, wenn im Rahmen dieses Krebsganges am Ende Murksgesetze wie ein „Leistungsschutzrecht“ herauskommen.

Es gibt einen letzten Aspekt der „Berliner Rede zum Urheberrecht“, der mir wichtig erscheint: Frau Leutheusser-Schnarrenberger arbeitet immer wieder auf einen allgemeinen Gegensatz zwischen dem Urheberrecht und der „digitalen Welt“ hin. „Digital Natives“ werden da zu radikalen Gegnern urheberrechtlicher Regelungen, die einfach alles für alle freigeben und sich nicht um Gesetze scheren wollen. Dafür zitiert sie sogar – man höre und staune – die Piratenpartei, die „die Aufhebung künstlicher Verknappungen“ fordere und nimmt dies als Beleg für die generelle Ablehnung des Urheberrechts.

Mit Verlaub, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, aber das ist Quark. Die „künstlichen Verknappungen“ sind das, was die Vermittler verzweifelt versuchen zu halten, um weiterhin eine Rolle spielen zu können. Ansonsten machen nicht nur wir, sondern alle Werkschaffenden in der digitalen Welt sich sehr viele Gedanken über das Urheberrecht. Nicht umsonst ist in den letzten 15 Jahren eine ganze Klasse neuer Lizenzmodelle entstanden und mehr als einmal hat es da Knatsch wegen widerrechtlicher Nutzung gegeben. Es ist nämlich auch eine Wahrheit, dass gerade die Verleger und Vermittler zwar laut schreien, wenn sie ihre überkommenen Privilegien in Gefahr sehen, es gleichzeitig aber mit den Rechten anderer nicht allzu genau nehmen. Berichte über nicht lizenzgerechte Übernahmen – man könnte schlicht „Abschreiben ohne Quellenangabe“ nennen – von Wikipediaartikeln oder anderen CC- oder GFDL-lizenzierten Werken sind längst Legion.

Wohin treibt nun das Urheberrecht? Die Veranstaltung am Montag war der Auftakt eines mehrmonatigen Prozesses, der verschiedene Anhörungen bringen wird und schließlich in einem Gesetzesentwurf für einen „Dritten Korb“ zur Änderung des Urheberrechts münden soll. Dass das aktuelle Urheberrecht mit seinen mittlerweile extremen Einschränkungen der Nutzbarkeit kultureller Werke stark verbesserungsbedürftig ist, steht außer Frage. Ich sehe allerdings die Gefahr, dass dieser Gesetzesprozess auch zu einem noch restriktiveren Recht führen kann, wenn er nicht geeignet begleitet wird. Frau Leutheusser-Schnarrenberger war mit den Inhalten ihrer Rede teilweise wie der vielzitierte Pudding, der sich nicht an die Wand nageln lässt. Im Zweifelsfall bedeutet das nichts Gutes, wenn es darum geht, den vielfältigen Lobbygruppen im Namen der Allgemeinheit entschieden entgegenzutreten. Genau das erwarte ich aber von einer Bundesministerin.

Quo vadis Urheberrecht? – Zur „Berliner Rede“ der Justizministerin, Teil 1

Da hat sie nun also ihre „Berliner Rede zum Urheberrecht“ gehalten, unsere Bundesjustizministerin. Den Redetext gibt es online und Kommentare und Zusammenfassungen dazu zum Beispiel bei Heise Online oder Telepolis. Auch ich habe am Montag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie gesessen und ihren Ausführungen gelauscht.

Bei mir hinterlässt die Rede von Frau Leutheusser-Schnarrenberger einen sehr zwiespältigen, letztlich aber negativen Eindruck. Einerseits war die Rede gespickt mit Ausführungen, die so auch auf einem beliebigen Parteitag der Piratenpartei Szenenapplaus bekommen hätten. Die Ministerin hat das Internet als gesellschaftliche Revolution bezeichnet, Wissen und Information seien viel besser und schenller verfügbar, aber auch viel einfacher und direkter erzeugbar geworden. Der kreative Mensch muss im Mittelpunkt stehen, nicht der Verwerter. Bei der digitalen Revolution müssen wir die Chancen sehen und nicht immer nur auf die Risiken starren.

All dies sind Aussagen, die ich ohne wenn und aber unterstütze. Und es tat gut, das mal so klar und deutlich aus dem Mund eines Bundesministers zu hören. Aber was nützen die schönsten Worte, wenn sie nicht konsequent zu Ende gedacht werden? Und genau das passiert nicht! Stattdessen kommt es immer wieder zu argumentativen Hakenschlägen, die all die schönen Einsichten Makulatur werden lassen.

Da erwähnt die Ministerin mehrfach, dass sich die analoge Zeit nicht ins Digitale übertragen lässt. Da formuliert sie explizit, dass das Recht keine überholten Geschäftsmodelle schützen darf. Und jedes Mal denke ich mir: „Cool, wieder eine Breitseite gegen dieses idiotische ‚Leistungsschutzrecht‘.“ Und dann das: Wenn Vermittler Leistungen erbringen, dann muss diese Leistung geschützt werden, zum Beispiel Zeitungsverleger. Und explizit: „Die Frage ist nicht, ob es ein Leistungsschutzrecht für Verleger geben soll, sondern wie dieses aussieht.“

Das ist ausgesprochen übel. Bis heute gibt es keine einzige mir bekannte neutrale Instanz, die auch nur formulieren könnte, wie ein „ausgewogenes Leistungsschutzrecht“ aussehen könnte. Weil es ein solches schlicht nicht gibt! Der einzige etwas konkretere Text, jener Entwurf von seiten der Verleger, ist eine Ansammlung von tendenziösen Regeln, die der kleinen, in der heutigen Zeit zunehemend unwichtiger werdenden gesellschaftlichen Gruppe von Verlegern, ihre Pfründe auf Kosten der Allgemeinheit und der Werkschaffenden sichern und sie sogar ausbauen soll. Es ist der verzweifelte Versuch, überkommene Geschäftsmodelle gegen den Fortschritt zu verteidigen. Es ist die Text gewordene Antithese zu allem, was die Ministerin im Urheberrecht vorgeblich erreichen will.

Wie ernst kann man vor dem Hintergrund die gesamten Ausführungen vom Montag nehmen? Wir sollen „mehr auf die Möglichkeiten als auf die Risiken schauen“? Ja, aber! Das Urheberrecht „schützt den Urheber“? Ja, aber! Keine „Schonräume für abgelaufene Geschäftsmodelle“? Ja, aber! All die heeren Grundsätze gelten offensichtlich nur, solange keine Lobbygruppe etwas anderes will.

Zu Recht zeiht Frau Leutheusser-Schnarrenberger das Urheberrecht überbordender Komplexität und zitiert dabei sogar Linus Torvalds. Aber dann zieht sie Leistungsschutzrechtskaninchen aus dem Zylinder, die irgendwie „die Verleger schützen“, gleichzeitig aber Link- und Zitatfreiheit erhalten sollen. Zum einen erhöht dies die Komplexität der sowieso schon komplexen Gesetzeslandschaft weiter und zum anderen steht dieser gesamte Ansatz in vollständigem Gegensatz zu dem, was die Ministerin immer wieder betont: Dass das Gesetz den Urheber schützen soll. Ein wie auch immer geartetes Leistungsschutzrecht wird aber genau diesen Schutz weiter aushebeln, es beschneidet die Möglichkeiten des Urhebers massiv zu Gunsten irgendwelcher Verleger und dass der Allgemeinheit anschließend auf eine verkrüppelte Weise sein Werk weiter zur Verfügung steht, nützt ihm, dem Urheber, auch nichts.

Weiter geht’s mit Teil 2 am Montag

Warum Spendenaktion und Konzept der Piratenpartei-Bundes-IT falsch sind – Und: Ein Lösungsvorschlag

Die Zuverlässigkeit der IT-Infrastruktur der Piratenpartei bietet noch Möglichkeiten zur Optimierung. Website und Wiki waren in der Vergangenheit oft sehr langsam und mehr als einmal hat es Ausfälle über Stunden oder sogar Tage gegeben. Die „Bundes-IT“ betreut für die Bereitstellung der Dienste mehrere Server und ruft momentan – auf der Website der Piratenpartei prominent verlinkt – zu Spenden auf. 10.000 EUR Budget seien nicht genug, wenigstens weitere 50.000 EUR seien nötig, um die geplante Infrastruktur mit eigenen Servern, die in einem Rechenzentrum untergestellt werden, zu finanzieren.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild I): So...

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild I): So...

Ich halte diesen Ansatz für den völlig falschen Weg. Neben einigen technischen Problemen, die zu einem nennenswerten Teil auch Kommunikationsproblemen mit dem Hoster geschuldet sein dürften (36 Stunden bis mal einer den Reset-Knopf am Rechner gedrückt hat…) ist das Hauptproblem meines Erachtens, dass sich der gewünschte und nötige Grad an Ausfallsicherheit durch ein Team von Ehrenamtlichen auch bei größtmöglichem Einsatz nicht erreichen lässt. Deshalb plädiere ich ganz im Gegensatz zu den Plänen der IT-Verantwortlichen dafür, die von der Partei selbst zu erbringenden Leistungen zurückzufahren und verstärkt auf externe, professionelle Dienstleister zu setzen.

Ein entsprechendes Konzeptpapier habe ich vor knapp zwei Wochen den Verantwortlichen der Bundes-IT übersandt. Ich dokumentiere dieses Konzept jetzt nochmals öffentlich. Ich halte es für wichtig zu zeigen, dass sich die Probleme der IT-Infrastruktur der Piratenpartei auch anders lösen lassen als dies momentan von den Verantwortlichen geplant ist – und das diese Lösungen meiner Meinung nach nachhaltiger sind.

Serverkonzept Piratenpartei: Steigerung der Ausfallsicherheit durch externern Dienstleister

Nachdem ich letztens deutliche Kritik an der IT-Infrastruktur der Piratenpartei geäußert habe, wurde ich gebeten, mich an der Diskussion darum zu beteiligen, wie die Organisation in Zukunft besser laufen könnte. Hier also einige Überlegungen und Lösungsvorschläge:

Meines Erachtens ist das Kernproblem, dass wir einerseits Dienste haben, deren Verfügbarkeit extrem kritisch ist, für die wir aber andererseits keine Systemwartung zur Verfügung stellen können, die diesem Hochverfügbarkeitsanspruch gerecht wird. Dafür gibt es – wiederum meines Erachtens – zwei Gründe:

  1. Wir arbeiten mit sehr komplexen Systemumgebungen, die technisch weit fortgeschritten sind (Virtualisierung, verteilte Server), aber einen erhöhten Einrichtungs- und Wartungsaufwand benötigen und zudem von den Administratoren viel Detailwissen.
  2. Das heterogene Administratorenteam besteht ausschließlich aus Ehrenamtlichen. Im Falle von akuten Schwierigkeiten muss deshalb zunächst der Zuständige ein Zeitfenster für sich schaffen, um dann das Problem anzugehen. Zudem muss viel Arbeit in Abend- und Nachtstunden stattfinden.

Insbesondere der zweite Punkt ist dabei ausdrücklich keine negative Kritik, sondern eine Zustandsbeschreibung. Die Arbeit mit ehrenamtlichen Administratoren war in der Vergangenheit alternativlos. Mittlerweile ist durch das starke Wachstum und die vielfältigen Kommunikationsbedürfnisse aber ein Punkt erreicht, wo die zwangsläufigen Beschränkungen dieses Ansatzes in Sachen Verfügbarkeit nicht mehr tragbar sind.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild II): ...so...

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild II): ...so...

Mein Ansatz arbeitet deshalb mit folgenden Grundgedanken:

  • Identifizierung derjenigen Dienste, die für die Kommunikation die höchste Wichtigkeit haben und auf Grund ihrer Komplexität am kritischsten sind. Dies sind meiner Einschätzung nach
  • Verwendung von möglichst einfachen Setups und Serverstrukturen.
  • Auslagerung der grundlegenden Systemadministration dieser Dienste an einen externen Dienstleister, der auf Vertragsbasis die Verfügbarkeit der Dienste sicherstellt.

Dieses Vorgehen hat meines Erachtens für alle Beteiligte Vorteile:

  • Die Dienste „Website“ und „Wiki“ sind mit garantierter Verfügbarkeit versehen, wir geben uns an diesen neuralgischsten Punkten keine „Blöße“ mehr.
  • Die hohe Betriebssicherheit dieser Dienste führt zu gesteigerter Attraktivität der Plattform für alle Parteigliederungen – auch Landes- und andere Verbände können (endlich) auf der Bundesinfrastruktur auftreten.
  • Der externe Dienstleister kann nicht nur seine Infrastruktur in Sachen Rund-um-die-Uhr-Support nutzen, sondern auch das dort vorhandene Know-How für eine performante Installation der Softwarepakete.
  • Die Admins der Piratenpartei müssen sich nicht mehr mit so ermüdenden Dingen beschäftigen wie ein Mediawiki zu betüddeln, sondern können sich auf die „spannenden“ Dienste konzentrieren, bei denen sporadische und eventuell auch etwas längere Ausfälle nicht so dramatisch sind.

„Website“ und „Wiki“ sind zudem diejenigen Dienste, die meines Erachtens am wenigsten kritisch unter Datensicherheitsaspekten sind, anders als zum Beispiel „E-Mail“ oder „Mailinglisten“. Letztere haben sich zudem in der Vergangenheit auch wesentlich weniger als ausfallfreudig dargestellt.

Gesucht ist also ein externer Dienstleister, der eine Serverinfrastruktur für die Website und das Wiki bereitstellt, also eine Drupal- und eine Mediawiki-Installation. Leider gibt es solche Dienstleister nicht „wie Sand am Meer“. Gefunden habe ich den Hostingdienstleister Mittwald, der genau das bietet was ich mir vorstelle:

  • Managed Server mit installiertem Linux
  • Drupal und Mediawiki (und ein größeres Bündel anderer Software) als installierbare Pakete mit vom Dienstleister bereit gestellten Updatepaketen, die sich über die Managementfunktionen des Servers einspielen lassen
  • Diverse weitere Funktionen zur Aufteilung von Zugriffen und Zuständigkeiten auf das System („Agenturfunktionen“)
  • Dienstleister kümmert sich um Hardware, Hardwareausfälle etc. mit 24-Stunden-Support
  • Dienstleister kümmert sich um Softwareupdates, Betriebssystem etc.

Nach meiner letztlich nicht wirklich fundierten Einschätzung wäre für uns das Paket „XL 5.0“ oder „XXL 5.0“ passend. Wichtigste Beschränkung ist höchstwahrscheinlich das Transfervolumen (2 TB bzw. 5 TB), hier könnte ich mir aber vorstellen, dass sich die Transferlast auf dem Server mittels vorgeschalteter Squids massiv senken lässt. Mit einem passend eingerichteten „XL“-Server kämen wir auf monatliche Kosten von etwa 200,- EUR, was 1/4 des Budgets entspricht. Ein „XXL“-Server würde mit ca. 300,- EUR/Monat etwa 1/3 des Budgets der Technik kosten.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild III): ...oder doch lieber so.

IT-Infrastruktur der Piratenpartei (Symbolbild III): ...oder doch lieber so.

Bildquelle: Wikipedia, Lizenz, CC-BY-SA 3.0/GNU-FDL-1.2

Ich halte diesen Weg des Systemdesigns für den besten, die wichtigsten IT-Dienste der Partei langfristig sicher bereitgestellt zu bekommen, ohne dass wir den bisherigen stetigen Verschleiß an Personal haben, das sich im Spannungsfeld von Erwartungen und Möglichem aufreibt. Allerdings ist es sicherlich ein erheblicher Paradigmenwechsel und vor weitergehenden Überlegungen bezüglich der Umsetzbarkeit müssen wir erstmal klären, ob dieser Weg überhaupt gewünscht ist oder nicht. Ich denke aber, dies könnte ein Weg sein, erheblichen Druck von der IT zu nehmen und dort den Kopf für andere Dinge freizubekommen.

So weit mein eigener kleiner Beitrag zu der wohl ewig währenden Diskussion um die IT-Infrastruktur der Piratenpartei.

Dieter Bohlen über Musikkopien im Internet – Vordenker der Piratenpartei

Ich bitte um Aufmerksamkeit für ein etwas älteres Fundstück, auf das ich über Twitter gestoßen bin. Am 2007-11-01 war Dieter Bohlen zu Gast bei Johannes B. Kerner. Nun mag man über beide Gesprächspartner denken, was man will, aber war der Dieter da gesagt hat, das ist schon bemerkenswert:

Kerner: Mit Platten kann man kein Geld mehr verdienen.

Bohlen: Richtig.

Kerner: Nur noch auf Tournee.

Bohlen: Richtig. […] Mit Platten kann man heute kein Geld mehr verdienen. […] Deshalb gehen die jetzt alle auf Tournee weil das Tourneegeschäft läuft ganz toll und alle Leute downloaden das – die Musik.

Kerner: Aber das kostet ja auch was.

Bohlen: Ja, aber da zahlt ja kein Mensch was für. Ich finde diese ganze Diskussion – diese jungen Menschen in die Nähe von Strafbarkeit zu rücken, ja, das die da was Verbotenes machen, finde ich absoluten Schwachsinn – weil, erstmal gibt die Industrie denen die Möglichkeit, das zu machen – schafft die Hardware, verdient da mit dran – sagt denen: „Hier sind die Programme, könnt ihr’s downloaden“. Ist zu dir denn oder zu mir denn damals einer gekommen und hat gesagt, wir dürfen am Radio nicht mehr sitzen und diese Sachen aufnehmen? […] Wir haben doch früher alle vor unseren Radios gesessen und haben da die Hitparaden aufgenommen. Was machen die denn jetzt anderes? Gar nix! […] Ich hab‘ ja damals auch nichts gesagt, wenn die Leute sich das aus dem Radio abkopiert haben. Du kannst doch den Leuten nicht irgendwie sagen: „Hier ist ein Hammer, aber jetzt hau den Nagel nicht in die Wand, du!“

Kerner: Also du würdest sagen: Musik im Netz freigeben?

Bohlen: Ach, klar. Machen doch auch viele schon. Meine Sachen… wenn man da auch die richtigen Plätze geht, dann kann man das auch alles downloaden. (lacht)

Kerner: Ich habe das so von einem Künstler noch nicht gehört. Es gibt ja sogar große Vereinigungen, die sich zusammenschließen, ganz viele Künstler, die sagen, wir müssen unser geistiges Eigentum schützen.

Bohlen: Ist doch Quatsch. Die Zeit ist jetzt hier angekommen, die haben den jungen Leuten das gegeben, und die sollten die jetzt nicht irgendwie in ’ne kriminelle Ecke rücken.

Kerner: Das heißt der Künstler soll einfach seine Musik machen, die soll downgeloadet werden, dann hören’s viele und dann geht er eben auf Tournee und wenn die Leute sich das live anhören wollen, dann kostet ’ne Karte 45 Euro und dann holt er sich das Geld da ab.

Bohlen: Ja, so wird’s sein in der Zukunft.

Und wer diesen Dialog nicht glaubt:

An dieser Stelle hat sich Dieter Bohlen den Titel „Vordenker der Piratenpartei“ redlich verdient. Aus dem Wahlprogramm der Piratenpartei, Kapitel „Immaterialgüterrechte“:

Anstatt den alten Geschäftsmodellen nachzutrauern und sie mit unzumutbaren Eingriffen in die Privatsphäre der Bürger künstlich am Leben zu erhalten zu wollen, fordern die PIRATEN dazu auf, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Diese Geschäftsmodelle sollen den Urhebern der digitalen Kulturgesellschaft ermöglichen, auf marktwirtschaftliche Art und Weise Erlöse aus der Verwertung ihrer Werke oder deren Umfeld zu erzielen, wenn sie dies anstreben.

Überholte Vermittlerfunktionen von Rechteverwertern, die in der Vergangenheit z.B. in der Unterhaltungsmusikindustrie zu hohen Renditen geführt haben, sind größtenteils nicht mehr zeitgemäß und werden in diesem Umfang keinen Bestand haben. Die Ausschaltung von Zwischenhändlern ermöglicht es, dass den Künstlern vom Erlös ihrer Werke ein größerer Teil verbleibt und direkter zufließt. Außerdem wird damit das Spektrum der Kulturszene deutlich erweitert.

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal so sagen würde: Haste gut erkannt, Dieter.

Übrigens hat Dieter seit neustem sogar ein Blog, das „Bohlenblog„. Ich musste schmunzeln, als ich das sah: Ja, in etwa mit diesem Design hatte ich auch mal angefangen…

Mein Walkman und was ich 1994 für Musik gehört habe

Ich muss nochmal auf diese Geschichte von neulich zurückkommen. Ich habe mal ein bisschen gestöbert und meinen eigenen Walkman ausgegraben: „Sony WM-EX50“ hieß das Gerät:

Walkman Sony WM-EX50

Walkman Sony WM-EX50

Wie auf dem Foto zu sehen ist, sind alle Bedienelemente da, die so ein Gerät brauchte:

  • Kopfhörerbuchse mit „Mega Bass“-Schalter (noch ganz authentisch in Position „Mid“
  • Batterieanzeige
  • Lautstärkeregler als analoges Drehrad
  • Hebelchen zum Öffnen des Kassettenfachs
  • Playtaste, bei der allerdings die Tastenkappe abgegangen ist
  • Stoptaste zum Anhalten
  • Tasten zur Vorwärts- und Rückwärtsspulen
  • Richtungswechsel – das Gerät konnte beide Seiten der Kassette abspielen ohne dass man sie umdrehen musste
  • Modusschalter: Soll die Kassette nur einmal komplett durchgespielt und dann angehalten werden oder ist Endlosbetrieb gewünscht
  • Stromanschluss für ein 1,5V-Netzteil (nicht mitgeliefert)

Unten ist dann noch das Batteriefach (1 * 1,5V-Mignonzelle) sowie der Dolbyschalter und die Bandsortenwahl. Dolby war, die Älteren unter uns werden sich erinnern, ein Verfahren zur Rauschreduktion. Mein Walkman konnte nur Dolby B, was aber egal war, weil mein Kassettendeck auch nur mit Dolby B ausgestattet war.

Sony WM-EX50 und Kassette

Sony WM-EX50 und Kassette

In dem Walkman war auch noch eine Musikkassette. Wie damals üblich war es eine Leerkassette, die ich selbst bespielt und mit einem Aufkleber versehen hatte. „Walkman ’94“ steht da, was mich vermuten lässt, dass ich wohl doch schon wesentlich eher als ich bisher gedacht hatte mit der Benutzung dieses Geräts aufgehört habe. 90 Minuten Musik passten da drauf, auf jede Seite 45 Minuten. Wie man sieht, ist die Grundfläche des Walkman tatsächlich nicht wesentlich größer als die der Kassette.

Innenleben des Sony WM-EX50

Innenleben des Sony WM-EX50

Im Inneren des Geräts ist die Mechanik zu erkennen, die für die Wiedergabe zuständig ist. Hinten in der Mitte ist der Tonkopf, der die Bandmagnetisierung erfasst und links und rechts davon die Mechanik, die das Band straff hält, wenn es von der Spindel bewegt wird. Da der Walkman „Auto Reverse“-fähig ist, ist der komplette Antrieb symmetrisch aufgebaut.

Man beachte den vielen „freien Platz“, der für die Kassette benötigt wird. Heute passt die Dutzendfache Musikmenge auf Speicherkarten von der Größe eines Fingernagels…

Musikkassette "Walkman '94"

Die Kassette lag jetzt etwa 15 Jahre im Walkman. Links ist zu erkennen, dass eine der Andruckrollen das Band beschädigt hat. Trotzdem ließ sich die Kassette noch abspielen. In einem Anfall von investigativem Journalismus habe ich mir Gerät und Kassette vorgenommen und gnadenlos abgehört, mit was für Musik ich mir 1994 die Zeit vertrieben habe. Die Ergebnisse sind, ein für investigativen Journalismus nicht unübliches Fazit, schockierend. Und sie sind kein Einzelfall:

  • Seite A
  • B.G. the Prince of Rap – Color of my dreams
  • Culture Beat – Anything (Album Mix)
  • Irgendein gruseliger Eurodance-Trash, in dem im Refrain „Do what you want but don’t forget the Omen“ vorkommt
  • Nochmal Eurodance. Die berüchtigte Midi-Standardpanflöte und was mit „Riding on the train of love
  • Jam & Spoon – Right in the night
  • Maxx – Run-A-Way – „I’m a white raggaman with a raggaman style-y
  • Youssou N’Dour & Neneh Cherry – 7 seconds
  • I got to give it up, I got to get away“ – Wie Recht sie haben – Eurodance mit „Rapper“ und Sängerin…
  • Ice MC – It’s a rainy day – „Bad times in life is like a telephone, you never know when it’s have a ring.
  • Dance 2 Trance – Power of American Natives
  • U96 – Inside your dreams (Fade out)
  • Seite B
  • Magic Affair – Give me all your love – „Love is the same as hate if you’re not careful
  • Ace of Base – Don’t turn around
  • Maxx – No more – Hurra, Raggaman is back
  • Enigma – Return to innocence
  • Intermission and Lori Glori – Six days – Ach du liebes bisschen, wie schräg ist das denn? Das ist nicht meine Kassette!
  • Ganz übler Eurodance-Trash, der „Rap“-Part beginnt mit „Bumm digi digi digi bumm digi bamm
  • Blur – Girls & Boys
  • Culture Beat – Rocket to the moon
  • U96 – Inside your dreams
  • 2 Unlimited – The real thing
  • US3 – Cantaloop
  • Perplexer – Acid Folk (Fade out)

Was für eine gediegene Mischung! Bei etlichen Stücken habe ich Titel und/oder „Interpret“ nur durch Google-Recherche rausfinden können und bei den schlimmsten Auswüchsen ging nicht mal das, weil ich in dem „Lied“ irgendwie nichts gefunden habe, nachdem ich hätte suchen können… Naja, verbuchen wir’s unter „Jugendsünde“.

Und nun noch für die Jüngeren: In den 1990er Jahren fand die Musikindustrie solche Kassettenkopien ganz toll. Da gab es Fernsehspots, in denen die Qualität von Leerkassetten mit Sprüchen wie „Verdammt nah an der CD“ beworben wurden. Da waren Privatkopie, Musiktausch und Mixtapes keine Straftaten, sondern wichtiger Teil des kulturellen Austauschs. Die Pervertierung des Urheberrechts in eine Verwertungsindustrie-Schutzmaschine kam erst nach 2000. Erinnert euch dran, wenn mal wieder von den seit Ewigkeiten verbrieften Rechten an der Verwertung gefaselt wird…

Die Zeit I: Susanne Gaschke in „Männer und Maschinen“ über die Piratenpartei

Am gestrigen 2009-07-09 brachte die „Zeit“ auf Seite 2 einen größeren Artikel über die Piratenpartei in Schweden und in Deutschland. Der Grundtenor war – naja. Frau Gaschke lässt wenig Klischees aus und formuliert teilweise wahrlich nicht freundlich.

Man kann über den Artikel so einiges sagen. Zu behaupten, alles sei richtig, gehört allerdings nicht dazu. Schauen wir uns das mal näher an. Da der Artikel online nicht verfügbar zu sein scheint, zitiere ich die interessanten Stellen:

„Diese Leute [in der schwedischen Piratenpartei] kämpfen für das Recht, sich weiter so zu benehmen, wie sie es getan haben, seit sie 15 Jahre alt sind“, sagt Jan Rosen, Professor für Privat- und Urheberrecht an der Universität Stockholm. „Sie haben eine geradezu lächerliche Fixierung auf die Unterhaltungsindustrie. Und leider begegnen die älteren Parteien ihnen bisher äußerst opportunistisch.“

Das bezieht sich zwar vor allem auf die schwedische Piratenpartei, aber das Zitat ist trotzdem interessant. Hier wird zum ersten Mal in dem Artikel versucht, die Piratenpartei auf das Urheberrechtsthema festzunageln. Gerade in Deutschland spielte das aber in den letzten Wochen und Monaten eine eher untergeordnete Rolle, hier waren zivilgesellschaftliche Themen und die Bürgerrechte viel wichtiger für die Arbeit und die Außendarstellung. Lächerlich ist also nicht die vorgebliche Fixierung auf das Urheberrecht, sondern die Behauptung, es gäbe eine solche.

Meinungen, die bei Amelia Andersdotter als charmante Radikalität erscheinen, wirken bei den ernsthaften jungen Männern, die Ende Juni in Berlin das erste Büro der Partei in Deutschland einweihen, eher beunruhigend.

Stilistischer Kunstgriff: Da wirkt etwas „beunruhigend“ – bloß was? Da will sich die Autorin lieber nicht festlegen. Stattdessen zitiert und kommentiert sie ein Interview mit unserem Berliner Spitzenkandidaten, in dem einige Kernpunkte genau so dargestellt werden, dass der unvoreingenommene Leser maximal verwirrt wird.

[…]Stoppschilder im Internet [sind] qualitativ nichts anderes als die Zensur, die Iran gegenüber Oppositionellen ausübt. „Wir müssen die Demokratie reparieren“, sagt Florian Bischof […]: „Die Grundrechte sind in Deutschland nicht gewahrt.“ Bitte? „Naja, die Menschenrechte vielleicht schon.“ Aber in jedem Fall verletzen die Parteien ständig die Verfassung. Inwiefern? „Durch den Fraktionszwang. Fraktionszwang finden wir nicht gut, das ist nicht mit Demokratie vereinbar.“ Und wie wollen sie es halten bei Fragen, die über die bekannten Positionen der deutschen Piratenpartei zu Vorratsdatenspeicherung (dagegen), Urheberrecht (dagegen) und Internetsperren (dagegen) hinausgehen? Die Parteimitglieder, sagt Bischof, würden zu jedem Thema im Netz ein Meinungsbild erstellen. Ein bindendes? „Nee, im Zweifel ist der Abgeordnete seinem Gewissen verpflichtet.“

Na, gemerkt? Richtig, da hat Frau Gaschke schön zwischen dem ganzen Geschwurbsel eine der zentralen Falschbehauptungen über die Piratenpartei eingebaut, so leise und unschuldig, dass man es fast überlesen könnte. Ich korrigiere mal trotzdem: Wir sind nicht gegen das Urheberrecht! Wir wollen es an die technischen Änderungen der letzten Jahre anpassen. Und wenn Frau Gaschke auf dem Parteitag, den sie besucht hat, ein bisschen aufgepasst hätte, wüsste sie das auch, weil dort eine ausführliche Ausarbeitung dieses Themas diskutiert und ins Wahlprogramm aufgenommen wurde.

Aber überhaupt, der Parteitag. Der wird in dem Artikel eher so ein wenig in Anekdoten abgehandelt. Ein paar Kostproben:

Der Weg vom Onlineforum zur Tagungswirklichkeit einer real existierenden Partei ist hart. Auf dem Bundesparteitag in Hamburg unterwarfen sich am vergangenen Wochenende 250 Mitglieder der Piratenpartei einer Geschäftsordnungsdebatte, die einen mittleren SPD-Landesparteitag im Vergleich wie eine Orgie hätte aussehen lassen.

WTF? Vielleicht fehlt mir Phantasie, vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie auf einem SPD-Landesparteitag war (zumal nicht auf einem „mittleren“), aber was in aller Welt will uns die Autorin mit diesem Bild sagen. Klingt irgendwie witzig – aber inhaltlich??? Ich versteh’s nicht.

Zum Thema Frauen hat Frau Gaschke auch so ihre eigenen Beobachtungen gemacht:

Die wenigen anwesenden Frauen entsprachen netterweise den traditionellen Geschlechterrollen und kümmerten sich um Akkreditierung und Souvenirverkauf.

Die Autorin unterschlägt souverän, dass eine Frau im neuen Vorstand sitzt und Diskussion und Plenum wahrlich nicht rein männlich besetzt waren. Abgesehen davon waren bei der Akkreditierung Männlein und Weiblein etwa gleichverteilt. Und Souvenirverkauf?!? Wir sind doch nicht in Ägypten.

In einer hinteren Bankreihe rätselten zwei andere, warum Frauen sich eigentlich so wenig für Bürgerrechte interessierten. Man war versucht, den Herren einen Tipp zu geben: Könnte es an der Art der Debatte liegen? Möglicherweise sind Frauen auch in den IT-Berufen, aus denen sich die Partei offenbar überwiegend rekrutiert, nur schwach vertreten. Wer fortschrittlich sein möchte – mindestens so fortschrittlich wie die CSU -, muss sich dann freilich Abhilfe überlegen.

Das ist doch irgendwie wirr. Debatte und Berufe sind nichts für Frauen und die Piraten bemühen sich, in Sachen Fortschrittlichkeit zur CSU aufzuschließen. Aua, wie schräg ist das denn?

Etwa die Hälfte der Teilnehmer verfolgte die vor ihren Augen stattfindende Plenumsdebatte twitternd am Bildschirm ihres Laptops (eine oberflächliche Zählung durch die Autorin ergab 127 anwesende Geräte).

Das war aber sehr oberflächlich gezählt, ich würde da eher auf 200 tippen. Und die Leute haben da nicht „getwittert“, sondern die Texte, um die es in der Debatte gerade ging, nachgelesen – oder vielleicht auch in das in Echtzeit ins Netz gestellte Verlaufsprotokoll geschaut. Laptops statt Papierberge – andere Medien haben das durchaus verstanden.

An der merkwürdigen Stumpfheit der Parteitagsstimmung konnte auch die kurze Eingangsrede des ehemaligen Parteivorsitzenden Dirk Hilbrecht[sic!] nichts ändern – höchstens verstärkte sie das nagende Gefühl, alle nur denkbaren Piratenwitze könnten in ziemlich naher Zukunft verbraucht sein.

Was wollen uns diese Zeilen sagen? Soll ich das persönlich nehmen, Frau Gaschke? Oder gehört das in die Rubrik „Ein bisschen Spaß muss sein“? Egal, ich lasse die Stumpfheit mal einfach so stehen. Und es ist ja nicht so, dass nur ich mein Fett wegkriege:

Jens Seipenbusch […] ist Sportler (Turnen, Tennis, Volleyball), seit fünf Jahren verheiratet mit einer Lehrerin, und er entspricht nicht dem Klischee des mit seinem Computer verwachsenen Online-Olms. […] Sorge macht ihm, da ist er ganz im Einklang mit der latent paranoiden Parteikultur, „Überwachungsstrukturen“. Die sieht er vor allem durch das Urheberrecht begründet. An diesem Punkt legt sich eine gewisse Schärfe in Seipenbuschs Ton. „Werte, die digital vorliegen, sind effizienterweise nicht zu regulieren“, sagt er. „Wenn das Urheberrecht rigoros durchgesetzt wird, ist das Kommunikationsgeheimnis am Ende.“

„Latent paranoid“. Soso. Der Zeit-Artikel ist auch irgendwie latent, ich weiß bloß noch nicht, was. Ansonsten ist es da wieder, das Urheberrecht. Man könnte meinen, alle Online-OlmeGesprächspartner hätten über nicht anderes gesprochen. Fast als wären wir eine Ein-Themen-Partei… Logisch, dass der Artikel auch mit diesem Thema endet und nochmal so richtig in die Vollen geht:

Das ist die szenetypische Beweislastumkehr: Der enteignete Autor, Journalist, Musiker oder Filmschaffende wird zum Täter, der das Menschenrecht der Nutzer auf kostenlose Downloads verletzt. Die Konsequenz wäre leider, dass die Urheber künftig öfter überlegen werden, ob sich die Veröffentlichung ihrer Ideen, ihrer wissenschaftlichen Arbeiten oder ihrer Kunst noch lohnt. Kommt es so, dann gibt es auch für die Digitalrevolutionäre irgendwann nichts mehr zu verteilen.

Damit wäre die Katze dann aus dem Sack: Kampfprosa der Verwertungsindustrie vom Feinsten. „Kostenlose Downloads“ als „Menschenrecht“, Werkschaffende als „Täter“ und „Beweislastumkehr“ – verquaster geht es schon fast nicht mehr. Die Strukturen der Vor-Internet-Ära werden in Stein gehauen und als unveränderliche Tatsache begriffen. Dabei ist die Revolution längst im Gange. Creative Commons, Citizen Journalism, Jamendo, Open Source, Open Access – die neuen Verwertungsmodelle sind längst da. Und sie werden von den „Autoren, Journalisten, Musikern oder Filmschaffenden“ angenommen. Freiwillig. Das Internet ist nicht das Ende der Kultur, wie Susanne Gaschke es hier an die Wand zu malen versucht. Es ist vielmehr das Ende der zentral gesteuerten und verwerteten Kultur, das Ende der Entfremdung des Künstlers von seinem Werk. Die einzigen Verlierer dieses Prozesses, die früheren „Verwerter“, mögen sich noch so heftig dagegen sträuben und Grundrechte aushöhlende Gesetze mit ihrer Lobbyarbeit durch die Parlamente zu peitschen versuchen – sie werden die Änderungen nicht verhindern können.

Und auch eine Susanne Gaschke mit einem merkbefreit geschriebenen Zeitungsartikel schafft das nicht.

Die Raubkopierer sind mal wieder an allem Schuld: Heise-Online-Bericht zum Musikmarkt

Vorgestern brachte Heise eine Geschichte über das Verschwinden der Plattenläden. Darin zitiert wird mehrfach ein gewisser Daniel Knöll, der in nicht näher benannter Weise mit dem Bundesverband der Musikindustrie verbandelt ist.

Herr Knöll ist mal wieder mit den Platt-Versionen der üblichen Musikindustriesprüche über „Raubkopierer“ am Start:

  • Warum hat sich der Anteil Plattenläden und Co. am Einzelhandel innerhalb von sechs Jahren mehr als halbiert? Ganz klar: „Dafür gibt es Gründe: Einer ist das Unverständnis der Verbraucher, für Musik zu bezahlen“. Dass es mit Amazon, iTunes oder Saturn mittlerweile auch große Internet-Verkaufsportale für Musik gibt – nein, daran wird das sicher nicht liegen.
  • Wieso wird heute dreimal so lange pro Tag Musik gehört als in den 1990er Jahren (45 statt 14 Minuten pro Tag)? Einfache Begründung: „Es wird mehr Musik gehört, aber weniger gekauft. Das liegt daran, dass die Musik sehr oft illegal aus dem Internet bezogen wird“. Na klar! Dass die als Datenstrom vorliegende Musik viel einfacher zu konsumieren ist als die an einen Tonträger gebundene, dass MP3-Spieler, iPods und Musikhandys heute ubiquitär und viel leistungsfähiger als Weiland die Cassetten-Walkmans sind – das hat bestimmt überhaupt keinen Einfluss.

Zwar beschreibt der Artikel durchaus umfassend, wie sich der Musikmarkt ändert und dass die allgemeine Bewegung für Musikaufzeichnungen weg von phsikalischen Tonträgern und hin zum reinen „Datenpaket“ verläuft. Unterschwellig wird aber auch hier wieder die böse Raubkopierchimäre positioniert: Plattenläden sterben, weil die Leute sich die Musik kostenlos im Internet besorgen. Leider ist diese Schlussfolgerung mindestens genauso platt wie die Vinylscheiben – immerhin werden im Artikel diverse gesellschaftliche Änderungen beschrieben, die dieses Phänomen verursachen und die samt und sonders nichts mit der nichtkommerziellen Weitergabe von Musikdateien zu tun haben: Generell kleiner werdende Zeitbudgets der potentiellen Käufer, bessere Informationsmöglichkeiten im Internet und schlicht die Verdrängung der (analogen) Schallplatte vom Massenmarkt. Ich erinnere mich an meine eigene letzte Erinnerung zum Thema Technikladengeschäft – auch sowas treibt die Kunden aus den Läden und hin zum verbraucherfreundlicheren Internet.

Stefan Niggemeier hat gerade erst in einem lesenswerten Beitrag Dieter Gorny zerpflückt. Daniel Knöll gehört meines Erachtens in dieselbe Kategorie, auch wenn seine Eloquenz wesentlich begrenzter zu sein scheint. Ich empfehle, einfach mal häufiger weder beim Gorny noch beim Knöll noch bei irgendeinem anderen Musikindustrieladen vorbeizuschauen, sondern stattdessen bei denjenigen Künstlern vorbeizuschauen, die ihre Musik tatsächlich kostenlos weitergeben wollen – es lohnt sich! Wo und wie das geht habe ich ja in diesem Blog bereits geschrieben.