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Bericht vom Parteitag — #pptnds11 — Piraten Niedersachsen in Wolfenbüttel

Live­b­log­ging aus Wol­fen­büt­tel. Ich habe mich rela­tiv kurz­fris­tig ent­schlos­sen, heute hier zum Pro­gramm­par­tei­tag der nie­der­säch­si­schen Pira­ten­par­tei zu fah­ren. Da sit­zen wir nun mit etwa 30 Leu­ten und reden über die Anträge, die im Vor­feld ja auch im „Antrags­buch” zu lesen waren. Ich hatte bei all die­sen Anträ­gen von vorn­her­ein kein gutes Gefühl und habe schon vor eini­gen Tagen die Anmer­kun­gen von Jür­gen Stemke gele­sen — und konnte ihnen quasi voll­stän­dig zustimmen.

Lindenhalle in Wolfenbüttel: Ort des Parteitages

Lin­den­halle in Wol­fen­büt­tel: Ort des Parteitages

Diese Par­tei­tag steht unter kei­nem guten Stern: Der neue nie­der­säch­si­sche Vor­stand kommt, so wird es viel­fach gese­hen, nicht recht in Tritt. Im Vor­hin­ein gab es erheb­li­che Beden­ken gegen einen Par­tei­tag noch vor den Kom­mu­nal­wah­len und in der Tat: Die Akti­ven sind zu gro­ßer Zahl im Stra­ßen­wahl­kampf gebun­den. Die­ses Wochen­ende ist das letzte, an dem sich gut Unter­stüt­zungs­un­ter­schrif­ten für die Kom­mu­nal­wah­len sam­meln las­sen. Das hat nicht nur dazu geführt, dass rela­tiv wenige Mit­glie­der hier anwe­send sind, son­dern auch, dass es im Vor­feld keine große Dis­kus­sion über die Anträge gege­ben hat.

Und das rächt sich jetzt. Rei­hen­weise wer­den hier gerade Anträge mit gro­ßer Mehr­heit abge­lehnt oder noch wäh­rend der Dis­kus­sion zurück­ge­zo­gen. Der Grund: Die Anträge sind hand­werk­lich schlecht, stel­len punk­tu­ell poli­ti­sche For­de­run­gen auf und basie­ren auf Grund­la­gen, die in der Par­tei — bes­ten­falls — umstrit­ten sind.

Ich denke, dass das nicht einer wie auch immer gear­te­ten Unfä­hig­keit der Antrag­stel­ler anzu­las­ten ist. Das Pro­blem ist: Viele die­ser Anträge beschäf­ti­gen sich mit The­men aus der Sozi­al­po­li­tik. Hierzu hat die Pira­ten­par­tei bis­lang aber nur sehr wenig Pro­gram­ma­tik erar­bei­tet. Die Par­tei hat sich um die The­men­be­rei­che „Bür­ger­rechte” und das weite Feld von „Urhe­ber­recht” und damit ver­bun­dene The­men gebil­det. Sozi­al­the­men sind erst all­mäh­lich in den Fokus gerückt. Erst seit Novem­ber 2010 fin­det sich dazu ein Abschnitt im Grund­satz­pro­gramm und mei­nes Erach­tens braucht es noch einige Zeit, bis wir hier so weit vor­an­ge­kom­men sind, dass wir kon­kret Stel­lung zu Renten-​, Arbeits­markt– oder all­ge­mei­ner Sozi­al­po­li­tik neh­men können.

Plenum des Parteitages

Ple­num des Parteitages

Momen­tan fin­den sol­che Dis­kus­sio­nen in der Pira­ten­par­tei weit­ge­hend „im luft­lee­ren Raum” statt, und das führt dazu, das jeder mehr oder weni­ger „aus dem Bauch her­aus” ent­schei­det. Das betrifft sowohl Antrag­stel­ler, die Anträge vor­brin­gen, die sie per­sön­lich für wich­tig hal­ten, als auch das Audi­to­rium, das aus eben­sol­chen Erwä­gun­gen jeweils dafür oder dage­gen ist. So rich­tig kon­struk­tiv ist die Dis­kus­sion lei­der nicht, weil auf allen Sei­ten das Fak­ten­wis­sen fehlt.

Inso­fern bringt uns die­ser Par­tei­tag mei­nes Erach­tens nicht wirk­lich wei­ter. Er ist aber ein Hin­weis an die Gesamt­par­tei, dass Sozi­al­po­li­tik sehr vie­len Pira­ten auf dem Her­zen liegt und dass die Par­tei in den nächs­ten Mona­ten und Jah­ren hier eine Pro­gram­ma­tik auf allen Ebe­nen ent­wi­ckeln sollte.

Es kann nicht Sinn eines Par­tei­ta­ges sein, rei­hen­weise Anträge abzu­leh­nen. Neben den pro­gram­ma­ti­schen Pro­ble­men, die ich eben beschrie­ben habe, sehe ich auch das Pro­blem, dass es im Vor­feld viel zu wenig Dis­kus­sio­nen um die Anträge gege­ben hat. Das ist letzt­lich ein Pro­blem der gesam­ten Par­tei und zu einem nen­nens­wer­ten Anteil zwar auch der Arbeits­be­las­tung durch den Wahl­kampf geschul­det ist. Es ist aber auch so, dass die Debat­ten­kul­tur in der Pira­ten­par­tei sicher noch ver­bes­sert wer­den muss. Ich sehe das aber als Auf­gabe auch an mich selbst, diese Dis­kus­sion zum Bei­spiel in die Aktiv­en­tref­fen und Stamm­ti­sche hineinzutragen.

Dass das etwas bringt, konnte man übri­gens spä­ter am Nach­mit­tag ver­fol­gen. Die Ener­gie– und Atom­po­li­tik wird bereits län­ger par­tei­in­tern dis­ku­tiert, ein Kon­sens exis­tiert — die ent­spre­chen­den Anträge wur­den nach kur­zer Dis­kus­sion mit gro­ßen Mehr­hei­ten ange­nom­men. Das ist das Modell, an dem wir uns bei unse­ren Par­tei­ta­gen ori­en­tie­ren sollten.

So bleibt denn mei­ner­seits ein durch­aus ver­söhn­li­cher Gesamt­ein­druck die­ses Par­tei­ta­ges. Vor allem die Debat­ten­kul­tur in der Ver­an­stal­tung selbst hat sich bemer­kens­wert ver­bes­sert. Die Stim­mung war gut, es geht halt nichts über direkte Kom­mu­ni­ka­tion von Ange­sicht zu Ange­sicht. Außer­dem gab es hier eine ein­fa­che Mög­lich­keit, noch­mal ein paar Wahl­pla­kate für den Kom­mu­nal­wahl­kampf auf die Gebiets­ver­bände zu ver­tei­len — ich habe auch gut Gebrauch davon gemacht.

Plakatbasar auf dem Parkplatz: Futter für Wahlkämpfer

Pla­kat­ba­sar auf dem Park­platz: Fut­ter für Wahlkämpfer

Piratenparteitag in Chemnitz — Ein Blick zurück im Zweifel

Fast eine Woche ist er nun her, der 2. Bun­des­par­tei­tag 2010 der Pira­ten­par­tei in Chem­nitz. Mit eini­gem Abstand und nach eini­gen ent­spann­ten Urlaubs­ta­gen ver­su­che ich mich an einem Res­u­mée. Die­ses fällt, wie wir sehen wer­den, reich­lich zwie­ge­spal­ten aus.

Der Parteitag als Treffpunkt

Der Par­tei­tag als Treffpunkt

Begin­nen wir mit den posi­ti­ven Aspek­ten: Es war ein schö­ner Anlass, viele bekannte Gesich­ter mal wie­der zu sehen! Ich saß bei einer Gruppe aus Ber­lin und wir haben uns die ganze Zeit über gut ver­stan­den, auch wenn wir längst nicht immer gleich abge­stimmt haben…

Dass der Zusam­men­halt gut ist, sah man auch an ande­ren Details: In den Hotels stan­den stets Trau­ben von Pira­ten zusam­men und haben über alles mög­li­che gere­det — sogar über Poli­tik. Und für beson­ders „preis­be­wusste” Teil­neh­mer gab es die Mög­lich­keit, umsonst zu über­nach­ten — aller­dings in einer eher gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Her­berge. Der Begriff „Abbruch­haus”, der auf dem Par­tei­tag kur­sierte, war jeden­falls nicht völ­lig falsch. Die abend­li­che Feier dort war ganz nett, aber ich gebe offen zu, dass das schrot­tige Ambi­ente nicht wirk­lich mein Fall war — und noch viel weni­ger die grö­ßere Menge an sturz­be­trun­ke­nen Gäs­ten, die gla­si­gen Blicks durch die Gegend wankten.

Kom­men wir zum Par­tei­tag selbst. Hier war die Vor­be­rei­tung sicher bes­ser als bei so man­chem frü­he­ren Zusam­men­tref­fen, aber gerade bei den Teil­neh­mern ist da immer noch viel Luft nach oben. Wir hat­ten eine jeder­zeit sou­ve­räne und wohl­or­ga­ni­sierte Ver­samm­lungs­lei­tung — trotz­dem gab es häu­fig laute Nach­fra­gen Ein­zel­ner, was gerade pas­siert. Da kann man auf­pas­sen. Zumal einige Teil­neh­mer wie­der­holt mein­ten, ihre Mei­nung laut gröh­lend kund tun zu müs­sen. Jungs, das war ein Par­tei­tag und kein Bier­zelt auf dem Dorfmarkt…

Neben der sehr guten Ver­samm­lungs­lei­tung fällt die Leis­tung der Tech­nik umso stär­ker ab: Dass wir mit 90 Minu­ten Ver­spä­tung gestar­tet sind, lag haupt­säch­lich an der mas­siv rück­kop­peln­den Audio­an­lage. Und dass das Inter­net ein­fach kom­men­tar­los ein­ein­halb Tage quasi gar nicht funk­tio­niert ist ange­sichts der hoch­gra­dig auf Online­me­dien aus­ge­rich­te­ten Dis­kus­si­ons­kul­tur bei den Pira­ten ein äußerst schwer­wie­gen­der Faux-​Pas. Ich — und einige andere — konnte mich per UMTS infor­ma­ti­ons­sei­tig über Was­ser hal­ten, aber etli­che Pira­ten saßen dies­be­züg­lich schlicht auf dem Tro­cke­nen. Die voll­mun­dige Ankün­di­gung zu Beginn, man könne „1000 LAN– und 1000 WLAN-​Anschlüsse” bereit­stel­len, war somit eher vir­tu­ell zu ver­ste­hen. Schade.

Soweit dazu. Kom­men wir zur eigent­li­chen Haupt­sa­che, den poli­ti­schen Ergeb­nis­sen. Hierzu ist zunächst mal posi­tiv fest­zu­hal­ten, dass es über­haupt wel­che gibt. Das ist ja schon­mal mehr, als einige im Vor­feld erwar­tet haben. Der Weg dort­hin war aber ein stei­nig und mei­nes Erach­tens zweifelhaft.

Ich hatte ja schon letzte Woche geschrie­ben, dass wir einen Ziel­kon­flikt haben: Viel zu viele Anträge für viel zu wenig Zeit. Die­ses Pro­blem ist wei­test­ge­hend haus­ge­macht. Die nahe­lie­gende Lösungs­mög­lich­keit, zuzu­se­hen dass man die Sachen abge­stimmt bekommt, wird von einem Teil der Pira­ten mit gera­dezu fun­da­men­ta­lis­ti­schen Eifer abge­lehnt. Das sei „unde­mo­kra­tisch” und man müsse „Debat­ten zulas­sen”. Im Ergeb­nis wird dann aber genauso unde­mo­kra­tisch vor­ge­gan­gen, indem bestimmte The­men­grup­pen von vorn­her­ein von der Behand­lung aus­ge­schlos­sen und zu allem Über­fluss dann auch noch eher will­kür­lich die Anträge durch­ge­gan­gen wer­den. Wäh­rend ein ord­nungs­ge­mäß ein­ge­reich­ter Par­tei­pro­gram­m­an­trag eigent­lich keine Chance hatte, auch nur am Rande gestreift zu wer­den, konnte ein abge­lehn­ter Antrag zum Grund­satz­pro­gramm pro­blem­los im Par­tei­pro­gramm reüs­sie­ren. Sowas nenne ich Will­kür in Reinkultur.

Nein zu effektivem Abstimmungsverfahren: Chance vertan

Nein zu effek­ti­vem Abstim­mungs­ver­fah­ren: Chance vertan

Und die Debatte? Oh weh. Halb­gare State­ments dafür oder dage­gen, statt Argu­men­ten Behaup­tun­gen und vor allem: Kei­ner­lei Ein­fluss auf die Abstim­mung. Die Resul­tate waren immer genauso, wie es die Mei­nungs­bil­der am Anfang vor­aus­ge­se­hen hat­ten — ledig­lich von even­tu­el­len Ein­flüs­sen der Alter­na­tiv­ab­stim­mun­gen ver­wäs­sert. Sich mit kla­ren Din­gen wei­ter zu beschäf­ti­gen ist eine sehr ärger­li­che Form der Zeitverschwendung.

Zum Ende hin wurde es dann noch bun­ter: Bei wirk­lich umfang­rei­chen Pro­gram­mer­wei­te­run­gen zum Umwelt­schutz wurde auf eine echte Debatte aus Zeit­grün­den fak­tisch ver­zich­tet, vor allem wurde sie kaum noch wahr­ge­nom­men. Bei den­je­ni­gen, die das für „bes­ser” hal­ten als das vor­ge­schla­gene Kon­zept zur Kurz­de­batte mit nach­fol­gen­der Abstim­mung und gege­ben­falls aus­führ­li­che­rer Debatte („EWLS”) muss die Fähig­keit zur Selbst­täu­schung schon aus­ge­spro­chen aus­ge­prägt sein.

Abstimmungsergebnisse häufig eher zufällig

Abstim­mungs­er­geb­nisse häu­fig eher zufällig

Refle­xion ist aber sowieso vie­ler Pira­ten Sache nicht. Oder wie sonst ist es zu erklä­ren, dass bei einem Mei­nungs­bild mit 95% Zustim­mung trotz­dem noch Pira­ten im Dut­zend an den Mikro­fo­nen ste­hen und die immer glei­chen Plat­ti­tü­den auf das Publi­kum los­las­sen. So gesche­hen beim „Grund­si­che­rungs­an­trag” und spä­ter noch­mal beim „Flie­gen­den Gerichts­stand”. Hier wurde viel, sehr viel Zeit sinn­los verplempert.

Ebenso haben wir erheb­li­che Zeit damit ver­tan, über offen­sicht­lich unaus­ge­go­rene Anträge zu ver­han­deln. Die kom­plette Pha­lanx der Trans­pa­renz­an­träge (GP098 ff.) hätte noch min­des­tens drei Run­den durch die Vor­be­rei­tung dre­hen müs­sen, damit sie sti­lis­tisch brauch­bar und mehr­heits­fä­hig sind. Da kann man jetzt zwei Stun­den drü­ber dis­ku­tie­ren. Man kann aber auch ein­fach sagen „So nicht!” und die an sich gute Idee zurück in Rich­tung Fein­schliff ver­wei­sen. Genauso wird es mir ewig ein Geheim­nis blei­ben, warum es Teil­neh­mer gab, die über einen Antrag dis­ku­tie­ren muss­ten, der zwei­spra­chige Kin­der­gär­ten for­dert, dabei aber noch nicht mal das ver­wen­dete Deutsch rich­tig hin­be­kommt. Hier fällt die Dumm­heit Ein­zel­ner der Gemein­schaft in gera­dezu uner­träg­li­cher Weise zur Last. Ob das auch mit der „Kos­ten­los­men­ta­li­tät” vie­ler Teil­neh­mer zusam­men­hängt? Wer für klei­nes Geld anreist und für lau über­nach­tet, dem ist es viel­leicht auch weni­ger wich­tig, dass ein sol­ches Zusam­men­tref­fen ergeb­nis­ori­en­tiert abläuft. Das ist dann aber den­je­ni­gen gegen­über umso unfai­rer, die Zeit und Geld für die­ses Wochen­ende inves­tiert haben — und gegen­über den poli­ti­schen Zie­len der Piratenpartei.

Eine andere Mög­lich­keit zu höhe­rer Effek­ti­vi­tät wäre, die Qua­li­tät der Anträge zu stei­gern. Hier muss man ganz klar sagen, dass Liquid Feed­back eine eher unrühm­li­che Rolle gespielt hat. Gerade von dort sind die übels­ten Antrags­mach­werke gekom­men, teil­weise von unbe­kann­ten oder nicht anwe­sen­den Auto­ren, teil­weise mit unvor­be­rei­te­ten Ersatz-​Antragstellern. Was geht in jeman­dem vor, der auch noch das letzte unzu­sam­men­hän­gende Wort­kon­glo­me­rat aus dem LQFB-​System her­aus­klaubt und als Antrags­müll über der Ver­samm­lung aus­kippt? Der dann alle von ihm ein­ge­brach­ten Anträge zu Beginn der Ver­an­stal­tung zurück­zieht und sie „nur ein­ge­bracht hat, damit andere sie über­neh­men kön­nen”? Sorry, aber das ist keine Poli­tik, das ist infan­ti­les, selbst­ver­lieb­tes Kas­per­le­thea­ter. Die Par­tei braucht drin­gend Mecha­nis­men, die der­ar­ti­gem Quatsch schon im Vor­feld eines Par­tei­ta­ges einen Rie­gel vor­schie­ben. Denn über das Motto „Denke selbst!” lässt sich das Pro­blem ja offen­sicht­lich nicht lösen.

Die Spielecke der Uni-Mensa: Auch für manche Piraten prima geeignet

Die Spiel­ecke der Uni-​Mensa: Auch für man­che Pira­ten prima geeignet

Was bleibt nun von den ange­nom­me­nen Anträ­gen? Nunja, wirk­lich glück­lich bin ich nicht. Die viel­be­schwo­rene „Pro­gram­mer­wei­te­rung” ist geschafft und von der Grund­ten­denz her pas­sen die Anträge zu unse­ren bis­he­ri­gen „grund­sätz­li­chen Ideen”. Mehr aber auch nicht. Und ein gutes Gefühl habe ich auch nicht. Neh­men wir noch­mal die „Grund­si­che­rung”, den „GP050”. Das ist sicher­lich eine wich­tige Pro­gram­mer­wei­te­rung und die über­wäl­ti­gende Mehr­heit, mit der die­ser Antrag beschlos­sen wurde, ist auch ein wich­ti­ges Zei­chen in die Par­tei hin­ein. Aber der Preis könnte hoch sein. Mit Recht habe ich schon auf die­sem Par­tei­tag mehr­fach gehört, dass das sozu­sa­gen die Vor­ar­beit für einen „ech­ten” Pro­gramm­punkt „Bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men” ist. Ganz unab­hän­gig von der Sinn­haf­tig­keit der­er­lei Anlie­gen wird dies die Par­tei in den nächs­ten Mona­ten zu einem Magne­ten für BGE-​Verfechter aller Art machen und damit drei Pro­bleme aus­lö­sen: Ers­tens wird es schwer sein, mit die­sen Men­schen sinn­volle, kon­sens­fä­hige For­de­run­gen zu for­mu­lie­ren, dazu ist ihr Eifer viel zu groß. Erschwe­rend kommt zwei­tens dazu, dass die BGE-​Klientel kaum Berüh­rungs­punkte mit unse­ren (bis­lang) zen­tra­len The­men hat: Urhe­ber– oder gar Patent­recht will dort kaum jemand fun­diert erör­tern und selbst die bür­ger­li­chen Grund­rechte sind nur in Tei­len rele­vant. Und schließ­lich wird es Drit­tens eine Her­aus­for­de­rung, der Öffent­lich­keit plau­si­bel zu machen, dass wir trotz aller unaus­ge­go­re­ner BGE-​Lyrik noch eine ernst­zu­neh­mende poli­ti­sche Kraft sind. Ich hoffe, wir schaf­fen das.

Ein ganz beson­ders dickes Ei hat der Par­tei­tag der Par­tei übri­gens mit dem Antrag zu §173 gelegt. Wie blöd kann man eigent­lich sein? Selbst wenn die For­de­rung begründ­bar ist, selbst wenn sie gerecht­fer­tigt ist, selbst wenn sie sein muss: Warum jetzt? Warum wir? Es ist ja nicht so, dass wir nichts zu tun hät­ten, nun müs­sen wir auch noch in Zukunft ein hoch­e­mo­tio­na­les Thema mit einer kon­tro­vers anmu­ten­den For­de­rung ver­ar­gu­men­tie­ren. Wir wer­den viele Res­sour­cen dafür auf­brin­gen müs­sen, es wird uns Sym­pa­thi­san­ten ver­grau­len und ewige Dis­kus­sio­nen ein­brin­gen. Das war eine bemer­kens­werte poli­ti­sche Instinktlosigkeit.

Aber die­ser feh­lende poli­ti­sche Instinkt zog sich durch die Ver­an­stal­tung. Da gibt es am Sams­tag eine dpa-​Pressemeldung, die hof­fen lässt, dass nicht weni­ger als eine poli­ti­sche Kern­for­de­rung der Pira­ten umge­setzt wird: Die Jus­tiz­mi­nis­te­rin will nächs­tes Jahr alle in den letz­ten Jah­ren beschlos­se­nen „Sicher­heits­ge­setze” auf den Prüf­stand stel­len und unnö­tige ersatz­los strei­chen. Das ist — sollte es so pas­sie­ren — sen­sa­tio­nell. Und was pas­siert auf dem Par­tei­tag? Das zustän­dige Vor­stands­mit­glied hält es nicht für nötig, auf die Bühne zu kom­men. Der Ver­an­stal­tungs­lei­ter liest die Mel­dung unin­spi­riert vom Blatt ab. Der Saal klatscht höf­lich. Und in den hin­te­ren Rei­hen sieht man den Deut­schen Michel selig schla­fen. Hoch lebe der poli­ti­sche Durchblick.

Der Par­tei­tag in Chem­nitz war sicher bes­ser als so man­cher davor. Es besteht aber nicht der geringste Anlass zu Selbst­zu­frie­den­heit, die Tage in Chem­nitz haben mal wie­der gezeigt, dass wir immer noch mei­len­weit davon ent­fernt sind, wirk­lich effek­tiv „Poli­tik zu gestal­ten”. Poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung ist bei den Pira­ten bis­lang immer noch eine Kako­pho­nie von Ein­zel­stim­men, die sich — wenn es gut läuft — zufäl­lig einen Stand­punkt zu eigen machen. Von struk­tu­rier­ter, weit­sich­ti­ger Pla­nung von Inhal­ten oder gar dem Set­zen von The­men in der öffent­li­chen Dis­kus­sion sind wir nach wie vor weit ent­fernt. Das dazu nötige stra­te­gi­sche Vor­ge­hen benö­tigt viel stär­kere Struk­tu­ren und Vor­ga­ben, zum Bei­spiel durch Vor­stände oder in der Par­tei weit­hin akzep­tierte Arbeits­grup­pen. Der in der gro­ßen Tei­len der Par­tei extrem aus­ge­prägte Indi­vi­dua­lis­mus und die gleich­zei­tigte „Lust am Kra­wall” las­sen mich aber zwei­feln, ob sich so etwas umset­zen lässt.

Und so über­wiegt denn bei mir ins­ge­samt lei­der momen­tan der Zwei­fel am Pro­jekt „Pira­ten­par­tei”. Auch wenn der völ­lige Miss­er­folg nicht ein­ge­tre­ten ist — der große Wurf war die­ser Par­tei­tag nicht. Der zen­trale Iden­ti­fi­ka­ti­ons­punkt der Par­tei waren in der Ver­gan­gen­heit die Frei­heits– und Bür­ger­rechte in der ver­netz­ten Welt. Diese The­men spiel­ten in Chem­nitz aber nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Dabei sind sie wich­ti­ger denn je: ACTA nimmt eine poli­ti­sche Hürde nach der ande­ren, das Mora­to­rium in Sachen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ist unter Dau­er­be­schuss von CDU-​Hardlinern, der „Dritte Korb zum Urhe­ber­recht” kommt so sicher wie das Amen in der Kir­che. Und hier hat selbst unsere Jus­tiz­mi­nis­te­rin, die ansons­ten tap­fer das letzte Boll­werk gegen den Grund­rechts­ab­bau dar­stellt, schon anklin­gen las­sen, dass es ein „Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger” geben wird. Alles in allem eine höchst unbe­frie­di­gende Gesamtsituation.

Klarmachen zum Ändern: Was bleibt von den früheren Zielen?

Klar­ma­chen zum Ändern: Was bleibt von den frü­he­ren Zielen?

Frü­her hätte ich gesagt: Die Pira­ten­par­tei ist heute wich­ti­ger denn je. Heute muss ich das abwan­deln in: Die poli­ti­schen Ziele, für die die Pira­ten­par­tei frü­her stand, sind heute wich­ti­ger denn je. Ich werde mir in den nächs­ten Mona­ten sehr genau anschauen, wohin das Pira­ten­schiff segelt und ob die Pira­ten­par­tei und die Ziele, für die ich sie ste­hen sehe, in Ein­klang blei­ben. Wenn die Ent­wick­lung hier in eine fal­sche Rich­tung läuft, dann könnte es pas­sie­ren, dass ich mir eine neue poli­ti­sche Hei­mat suchen muss.

Go East — Warum ich zum Bundesparteitag der Piratenpartei in Chemnitz fahre

Ok, Mikro­fon­check: ‚One, two, one, two.’ Geht noch. *Hat­schi!* Oha, so ein Blog staubt ganz schön schnell zu, wenn man mal ein biss­chen Aus­zeit vom Schrei­ben nimmt. Aber schön, dass alles noch zu funk­tio­nie­ren scheint. Licht aus, Spot an…

Lange habe ich mit mir gerun­gen. Nein, nicht nur ob ich hier mal wie­der was schreibe. Son­dern, ob ich hin­fahre. Nach Chem­nitz. Den Älte­ren unter uns viel­leicht noch als „Stadt mit den drei ‚O’” ein Begriff. Dort fin­det die­ses Wochen­ende der 2. Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten­par­tei in die­sem Jahr statt, ins­ge­samt müsste es der sechste oder siebte der Par­tei­ge­schichte sein.

Leicht fällt es mir nicht. Die Pira­ten haben es sich, mir und vie­len ande­ren in den letz­ten Mona­ten aber auch nicht leicht gemacht. Der Par­tei­tag in Bin­gen ist ergeb­nis­sei­tig höchst dünn aus­ge­fal­len. Ins­be­son­dere, einen Tag mit Vor­stands­wah­len zu ver­plem­pern, bei denen am Ende genau die­sel­ben drei Amts­in­ha­ber gewählt wer­den, die vor­her schon die Jobs hat­ten — das ist irgend­wie unbe­frie­di­gend. Um die große Errun­gen­schaft die­ses Par­tei­ta­ges, Liquid Feed­back, hat es danach eine der­ar­tig üble Schlamm­schlacht gege­ben, dass nicht nur ich mich irgend­wann mit Grau­sen abge­wen­det habe. Recht­ha­be­rei und Beton­köpfe auf allen Sei­ten, uner­träg­li­che Detail­dis­kus­sio­nen, gezielte Nebel­ker­zen, absicht­li­ches Miss­ver­ste­hen — von „ande­rer Poli­tik” war nicht so rich­tig viel zu spü­ren. Über die­sem und ande­rem Hick­hack ist dem Vor­stand mal wie­der ein Mit­glied ver­lo­ren gegan­gen (womit „mein” 2008/​2009er-​Vorstand wei­ter­hin der ein­zige ist, der kei­nen Rück­tritt wäh­rend der Wahl­pe­riode zu ver­zeich­nen hatte) und in den zeit­lich aus jedem Ruder lau­fen­den Vor­stands­sit­zun­gen spie­len sich teil­weise unschöne Sze­nen ab — die Öffent­lich­keit ist per Tele­fon immer live dabei…

Auch die Vor­be­rei­tun­gen die­ses Par­tei­ta­ges sind kein Anlass zu rei­ner Freude: Als Pro­gramm­par­tei­tag geplant und gewollt gibt es plötz­lich doch wie­der irgend­wel­che Schlau­meier, die an der Sat­zung rum­schrau­ben wol­len. Bis zum Bun­des­schieds­ge­richt wird die Sache getra­gen und der Schieds­spruch führt zu Kaf­fee­satz­le­se­rei, man könne in Chem­nitz ja viel­leicht gar nichts beschlie­ßen. Liquid Feed­back hat sich nicht als par­tei­weit akzep­tier­tes Tool zur Vor­be­rei­tung der Anträge durch­ge­setzt, statt­des­sen kumu­lie­ren die Pro­gram­m­an­träge aus vier bis sechs ver­schie­de­nen Sam­mel­stel­len (LQFB, Wiki, Antrags­fa­brik, E-​Mails,…) zu einem momen­tan etwa 500 Sei­ten star­ken „Antrags­buch”, das man am bes­ten als Lose-​Blatt-​Sammlung bereit hal­ten sollte, weil über die Rei­hen­folge der Abstim­mun­gen ja auch noch abge­stimmt wer­den muss. Die Mög­lich­keit, erprobte Wahl­ver­fah­ren mit hohem Durch­satz anzu­wen­den, ließ der Bun­des­vor­stand ver­strei­chen.

Ich muss geste­hen, ich habe momen­tan ein biss­chen Angst um die Pira­ten. Wir schaf­fen es mit hoher Effi­zi­enz, uns in unnö­tige und hoch­gra­dig unnütze Dis­kus­sio­nen zu ver­stri­cken. Wir wol­len plötz­lich Posi­tio­nen zu allem und jedem haben. Wir haben viel­fach Freude daran gefun­den, uns mit uns selbst zu beschäf­ti­gen und der eine oder andere scheint Befrie­di­gung vor allem darin zu fin­den, die eige­nen Leute in die Pfanne zu hauen. Die böse Stei­ge­rung „Freund, Feind, Par­tei­freund” fin­det ihren neuen Höhe­punkt in der Bezeich­nung „…Pirat!”

All dies ist so unnö­tig! Auch wenn wir mitt­ler­weile groß und von den Par­tei­mit­glie­dern her sehr viel­fäl­tig gewor­den sind, soll­ten wir doch unsere Wur­zeln nicht nur stets in Erin­ne­rung haben, son­dern sie auch hegen und pfle­gen. Sie sind weder über­flüs­sig noch unnö­tig gewor­den. Bloß weil der neue Bun­des­in­nen­mi­nis­ter etwas weni­ger Aus­set­zer als der alte hat, herrscht nicht plötz­lich eitel Son­nen­schein. Und statt einer irr­lich­tern­den Fami­lien– haben wir heute eine Ver­brau­cher­min­ste­rin, die mit Verve und stets auf Öffent­lich­keit bedacht auf Google Street View ein­haut, dabei aber einer Regie­rung ange­hört, die keine Pro­bleme damit hat, höchst­per­sön­li­che Daten von Bun­des­bür­gern in fremde Staa­ten zu über­mit­teln.

In die­ser Welt, die durch ACTA, den „Drit­ten Korb” und nicht enden wol­lende absurde Patent­strei­tig­kei­ten auch nicht bes­ser wird, sind die Pira­ten nöti­ger denn je! Wir haben das Know-​How, wir haben die Leute, vor allem aber haben wir den unbe­ding­ten Anspruch auf einen frei­heit­li­chen Staat, in dem Bür­ger­rechte an ers­ter Stelle ste­hen und nichts unter­ge­ord­net wer­den, weder Kli­en­tel­in­ter­es­sen noch tech­ni­schen Weiterentwicklungen.

Vor zwei Wochen wurde mir in einer Dis­kus­sion gesagt, die Pira­ten hät­ten ihren ers­ten gro­ßen poli­ti­schen Erfolg längst gehabt. Dass der Bun­des­tag heute eine Internet-​Enquetekommission hat, läge nur daran, dass irgend­wie alle Par­teien sehr ner­vös gewor­den seien, dass wir so viel Auf­merk­sam­keit und Zustim­mung bekom­men haben. Und heute? Heute fabu­liert der Vor­sit­zende die­ser Kom­mis­sion von einem „Ver­mum­mungs­ver­bot im Inter­net”. Wenn es nicht so trau­rig wäre, man könnte sich tot­la­chen. Die Pira­ten sind heute genau so wich­tig wie im Som­mer 2009 und vor allem ist wich­tig, dass sie sich wei­ter mit ihren Kern­the­men beschäf­ti­gen und dort nicht locker lassen.

Und des­halb fahre ich nach Chem­nitz! Weil ich will, dass diese Par­tei sich auf ihre Grund­werte besinnt. Dass sie als starke Bür­ger­rechts­par­tei arbei­tet. Dass sie sich laut­stark für ein moder­nes Urhe­ber– und Patent­recht ein­setzt. Dass sie es schafft, auf die­sen Fel­dern, die­sen ihr urei­ge­nen Berei­chen, die ande­ren wie­der vor sich her­zu­trei­ben. Dass sie auf­hört, sich mit sich selbst zu beschäf­ti­gen und sich selbst mög­lichst viele Steine in den Weg zu legen. Die Fra­gen, die wir uns in Chem­nitz beant­wor­ten müs­sen, lau­ten nicht: „Wie dis­ku­tie­ren wir am bes­ten?” — son­dern: „Wie sind unsere Stand­punkte in den Berei­chen, für die wir Pira­ten wie keine andere poli­ti­sche Par­tei ste­hen?” Das müs­sen wir schaf­fen — und die aller­meis­ten von uns wol­len das auch. Ich fahre nach Chem­nitz um mei­nen Teil dazu bei­zu­tra­gen, dass wir als Par­tei hier einen gro­ßen Schritt vor­an­kom­men und uns end­lich wie­der gemein­sam und kon­struk­tiv mit Sach­fra­gen beschäftigen.

Ich hoffe, dass ich in die­sem Blog in den nächs­ten Tagen noch eini­ges mehr in Sachen Par­tei­tag schrei­ben kann. Mor­gen gibt’s ja nun die finale Ver­sion des „Antragshau­fensbuches”. Ich werde mal rein­schauen und wenn ich etwas inter­es­san­tes finde, werde ich es hier kund­tun. Einst­wei­len blei­ben Licht und Mikro mal an…

Bericht vom Parteitag: Piratenpartei Niedersachsen im März 2010 in Osnabrück

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Ein­mal, so gegen Mit­tag des zwei­ten Tages, da drohte der Lan­des­par­tei­tag der nie­der­säch­si­schen Pira­ten in den alten Trott zu ver­fal­len: Irgend­wel­che Sat­zungs­an­träge stan­den da im Raum, mehr oder weni­ger gut vor­be­rei­tet. Die eine Hälfte der Ver­sam­mel­ten wusste nicht recht, um was es ging. Die andere war sich nicht einig, was die Anträge bedeu­ten soll­ten. Alle hat­ten irgend­wie das Gefühl, über etwas zu reden, was schon Thema gewe­sen war. Die berühmt-​berüchtigte Red­ner­liste für Geschäfts­ord­nungs­an­träge schien aus der Ver­sen­kung auf­zu­tau­chen. Und der Ver­samm­lungs­lei­ter hatte die Ver­an­stal­tung irgend­wie nicht so ganz voll­stän­dig im Griff. Zum Glück war dies nur eine kurze Epi­sode einer ansons­ten über­aus gelun­ge­nen Veranstaltung.

Start des Parteitages, Jens Schicke redet

Start des Par­tei­ta­ges, Jens Schi­cke redet

Dabei hatte alles so gut ange­fan­gen. Pünkt­lich ging’s am Sams­tag los und das Tempo war gera­dezu unheim­lich. Die AG Sat­zung hatte sämt­li­che vor­lie­gen­den Anträge zu Sat­zungs­än­de­run­gen und zur Geschäfts­ord­nung in einem 61-​seitigen Doku­ment auf­be­rei­tet und wie gewünscht hatte sich ein gro­ßer Teil der Pira­ten anhand des­sen vor­be­rei­tet, wusste worum es ging und konnte in der ein­stün­di­gen anbe­raum­ten Zeit zur Aus­spra­che so gezielt fra­gen, dass der Ver­samm­lungs­lei­ter meh­rere Male nach­ha­ken musste, ob denn noch Fra­gen seien.

Anwesende am Parteitag, Laptops als Kunstwerke

Anwe­sende am Par­tei­tag, Lap­tops als Kunstwerke

Die eigent­li­che Abstim­mung fand dann schrift­lich statt: Auf fünf Sei­ten wur­den sämt­li­che Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge zur Abstim­mung prä­sen­tiert, zusam­men mit der Frage, ob nach Mei­nung des Abstim­men­den der Dis­kus­sion Genüge getan sei. So schrumpfte der bei ver­gan­ge­nen Par­tei­ta­gen so mons­tröse Tages­ord­nungs­punkt „Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge” auf eine knapp halb­stün­dige Phase des Aus­fül­lens und anschlie­ßen­den Abge­bens der Abstim­mungs­bö­gen. Ansons­ten musste sich vor­ran­gig ein Team von Wahl­hel­fern damit befas­sen, die vie­len Tau­send Kreuze zu zäh­len und zusammenzufassen.

Das Auszählen der Abstimmungszettel zu den Satzungsänderungsanträgen hat mehrere Stunden in Anspruch genommen.

Das Aus­zäh­len der Abstim­mungs­zet­tel zu den Sat­zungs­än­de­rungs­an­trä­gen hat meh­rere Stun­den in Anspruch genommen.

Die anschlie­ßen­den Wah­len zum Vor­stand, die die zweite Hälfte des ers­ten Tages in Anspruch nah­men, waren eben­falls aus­ge­spro­chen ziel­stre­big. Nach dem über­stürz­ten Abbruch des letz­ten Par­tei­ta­ges in Lan­gen­ha­gen im Novem­ber 2009 hatte Nie­der­sach­sen nur einen Rumpf­vor­stand, der nun wie­der auf die volle Größe gebracht wer­den sollte. Jens-​Wolfart Schi­cke und Arne Lud­wig wur­den als Vor­sit­zen­der und Stell­ver­tre­ter bestä­tigt, für den nicht mehr ange­tre­te­nen Arvid kam Mein­art als Schatz­meis­ter neu in den Vorstand.

Der alte Vorstand: Arvid, Matthias, Jürgen, Arne, Dennis und Jens-Wolfart

Der alte Vor­stand: Arvid, Mat­thias, Jür­gen, Arne, Den­nis und Jens-​Wolfart

Vor den Wah­len zu den Bei­sit­zern gab es zudem ein Gruß­wort des amtie­ren­den Bun­des­vor­sit­zen­den: Jens Sei­pen­busch war aus sei­ner Hei­mat­stadt Müns­ter nach Osna­brück gekom­men. Er erin­nerte sich — und mich — daran, dass Nie­der­sach­sen ja eines der ers­ten Län­der war, in dem es 2006 eine ent­ste­hende Par­tei­ba­sis gab: Im Dezem­ber 2006 war er damals auf einem der han­no­ver­schen bzw. nie­der­säch­si­schen Stamm­ti­sche. Zu fünft saßen wir damals zusam­men — inklu­sive Jens und sei­ner Frau. Dass dar­aus Ver­an­stal­tun­gen wie in Osna­brück gewor­den sind, zeigt, welch wei­ten Weg die Pira­ten­par­tei in den ver­gan­ge­nen drei­ein­halb Jah­ren zurück­ge­legt hat. Ich selbst bin zwar kein Grün­dungs­mit­glied, aber ich habe die Anfangs­zeit ja auch noch sehr gut mit­be­kom­men. Man ver­gisst leicht, wie klein und unschein­bar das alles damals im Gegen­satz zu heute war. Pira­ten in Osna­brück gab es damals noch über­haupt nicht.

Ein kurzes Grußwort vom amtierenden Bundesvorsitzenden Jens Seipenbusch

Ein kur­zes Gruß­wort vom amtie­ren­den Bun­des­vor­sit­zen­den Jens Seipenbusch

Über­haupt — die Tagungs­räum­lich­kei­ten. Unsere Ver­bände in Osna­brück hat­ten uns in einer Schul­aula unter­ge­bracht und ein fan­tas­ti­sches Umfeld geschaf­fen: Wir waren dort kom­plett unter uns und hat­ten nicht nur den Ver­samm­lungs­raum, son­dern auch das Forum davor zur freien Verfügung.

Lebhafte Diskussionen im Forum des Tagungsortes

Leb­hafte Dis­kus­sio­nen im Forum des Tagungsortes

Die Tech­nik mit Netz­werk, WLAN und Akus­tik war nicht zu spü­ren, weil sie ein­fach funk­tio­nierte. Fürs leib­li­che Wohl war durch Kines Brötchen-​Großeinkauf und die flugs gegrün­dete AG-​Nordschnitten eben­falls gesorgt.

Die AG Nordschnitten bei der Arbeit

Die AG Nord­schnit­ten bei der Arbeit

Wie schon letz­tes Mal in Lan­gen­ha­gen hat der Medi­en­floh den Video­st­ream der gesam­ten Ver­an­stal­tung über­nom­men und in den Pau­sen durch Inter­views und andere Bei­träge angereichert.

Interview mit dem Medienfloh

Inter­view mit dem Medienfloh

Neu dabei war zudem Den­nis Schulze mit dem Pira­ten­ra­dio, der, wenn ich das rich­tig gese­hen habe, die ganze Zeit live vom Par­tei­tag gesen­det hat und diverse Inter­views und Fea­tures pro­du­ziert. Auch ich bin so mal wie­der in den Genuss eines Inter­views gekom­men, in letz­ter Zeit ja eher ein sel­te­nes Vergnügen.

Dennis Schulze mit dem Piratenradio war auch live vor Ort

Den­nis Schulze mit dem Pira­ten­ra­dio war auch live vor Ort

Die Bei­sit­zer­wah­len hät­ten durch­aus grö­ße­res Chaos ver­ur­sa­chen kön­nen: Bis zu acht Pos­ten konn­ten besetzt wer­den und 14 Bewer­ber stan­den zur Wahl. Aber alle Betei­lig­ten waren vor­bild­lich dis­zi­pli­niert: Die Kan­di­da­ten haben sich kurz und knapp vor­ge­stellt, die Anzahl Fra­gen hielt sich in Gren­zen. Ein­zig das Aus­zäh­len war bei den vie­len Kan­di­da­ten und Kreuz­chen etwas anstrengend.

Kandidaten für die Beisitzerposten

Kan­di­da­ten für die Beisitzerposten

Erst­mals wurde bei die­sem Par­tei­tag durch­gän­gig nach dem Zustim­mungs­ver­fah­ren abge­stimmt: Für jede der Alter­na­ti­ven bei Abstim­mun­gen und auch bei Wah­len kann man „Ja”, „Nein” oder „Ent­hal­tung” ankreu­zen, es gewinnt die­je­nige Alter­na­tive mit den ver­hält­nis­mä­ßig meis­ten Ja-​Stimmen. Ich war ja bis­lang die­sem Ver­fah­ren gegen­über eher kri­tisch ein­ge­stellt, muss aber sagen, dass es sich in mei­nen Augen bewährt hat: Die Ent­schei­dun­gen sind trans­pa­rent und vor allem muss man als Abstim­men­der nur ein Ver­fah­ren ver­stan­den haben. Viel­leicht sollte man noch ein wenig an der Bedeu­tung der Alter­na­ti­ven „Nein” und „Ent­hal­tung” fei­len, aber im gro­ßen und gan­zen halte ich die­ses Wahl­ver­fah­ren für das Beste, das ich bis­her in der Pira­ten­par­tei (und dar­über hin­aus) ken­nen gelernt habe. Auch wenn es natür­lich etwas Vor­be­rei­tung bei grö­ße­ren Abstim­mun­gen bedarf…

Arbeitsplatz des Blogautors zum LPT: Unterlagen, Laptop, Wasser, Nervennahrung

Arbeits­platz des Blog­au­tors zum LPT: Unter­la­gen, Lap­top, Was­ser, Nervennahrung

Ange­sichts der extre­men Lap­top­dichte auf dem Par­tei­tag habe ich mehr als ein­mal gefragt, ob man bei einem der nächs­ten Male nicht ver­su­chen sollte, Abstim­mun­gen und Wah­len und vor allem deren Aus­zäh­lung stär­ker zu auto­ma­ti­sie­ren. Teil­weise war mehr als ein Dut­zend Pira­ten gleich­zei­tig mit Aus­zäh­len beschäf­tigt und die ent­spre­chen­den Pau­sen haben die Ver­an­stal­tung meh­rere Male nen­nens­wert aufgehalten.

Das Ver­hält­nis von Lap­tops zu Teil­neh­mern, das ja stets nahe bei 1:1 liegt, war seit jeher eine Spe­zia­li­tät der Pira­ten, mit der sie sich wohl von allen ande­ren Par­teien unter­schei­den dürfte. Ich finde das immer sehr ange­nehm, weil man mit sei­ner Affi­ni­tät zur Tech­nik eben nicht etwas Beson­de­res, son­dern schlicht so wie alle ande­ren auch ist.

Fast jeder Anwesende hatte einen Laptop dabei. Ein für den Parteitag augenscheinlich besonders wichtiges Programm: Mah-Jongg

Fast jeder Anwe­sende hatte einen Lap­top dabei. Ein für den Par­tei­tag augen­schein­lich beson­ders wich­ti­ges Pro­gramm: Mah-​Jongg

Die diver­sen Wah­len für Kas­sen­prü­fer, Schieds­ge­richt sowie die jewei­li­gen Ersatz­per­so­nale zogen sich über den spä­ten Sams­tag und den frü­hen Sonn­tag mor­gen. All diese Wah­len sind wich­tig und nötig, viel­leicht sollte aber auch hier noch­mal am Pro­ze­dere gear­bei­tet wer­den: Müs­sen die Ersatz­schieds­rich­ter wirk­lich in einer sepa­ra­ten Wahl bestimmt wer­den? Und müs­sen Kas­sen­prü­fer wirk­lich geheim gewählt wer­den? Ich denke, dass man auch hier noch die Effi­zi­enz stei­gern könnte, ohne dass andere Qua­li­tä­ten der momen­ta­nen Ver­fah­ren ver­lo­ren gehen.

Der alte und neue Vorsitzende Jens-Wolfart Schicke im bekannten Multitaskingbetrieb

Der alte und neue Vor­sit­zende Jens-​Wolfart Schi­cke im bekann­ten Multitaskingbetrieb

Nach­dem dann end­lich alle Per­so­nen­wah­len abge­schlos­sen waren, kam es zur Bekannt­gabe der Ergeb­nisse der Abstim­mun­gen zu den Sat­zungs­än­de­run­gen. Bemer­kens­wert finde ich dabei, dass bei kei­nem der Anträge wei­te­rer Dis­kus­si­ons­be­darf ange­mel­det wor­den war, sodass sämt­li­che der schrift­li­chen Abstim­mungs­er­geb­nisse zunächst gül­tig waren.

Die jungen Piraten stellen sich vor

Die jun­gen Pira­ten stel­len sich vor

Nicht ver­ges­sen möchte ich die „Jun­gen Pira­ten”, von denen zwei die nie­der­säch­si­sche Sek­tion vor­stell­ten und zum Mit­ma­chen und zu Unter­stüt­zung auf­rie­fen. Die „Jun­gen Pira­ten” sind mei­nes Erach­tens ein wich­ti­ges Mit­tel der Nach­wuchs­för­de­rung: Hier orga­ni­sie­ren sich Jugend­li­che, Schü­ler und Stu­den­ten zu poli­ti­scher Arbeit. Es kann der Par­tei nur gut tun, wenn sie spä­ter sol­che Mit­glie­der bekommt, die bereits erfah­ren sind im Umgang mit poli­ti­schen Pro­zes­sen. Es liegt im urei­ge­nen Inter­esse der Pira­ten­par­tei, wenn sie die „Jupis” ent­spre­chend unter­stützt, för­dert und ihnen zur Seite steht.

Auch einen „Fotoevent” hat es gege­ben: Neben etli­chen Fotos vom neuen Vor­stand, wich­tig für die Pres­se­mappe, haben wir auch ein Grup­pen­foto aller Anwe­sen­den pro­du­ziert. Mir kam die Ehre zu, die­ses Foto zu schie­ßen und ich hoffe, es ist ein gutes dabei her­aus­ge­kom­men, obwohl ich nicht mit mei­ner eige­nen Kamera gear­bei­tet habe (enga­gier­ter Pirat sucht Spon­sor für neue Kamera zur pri­va­ten, beruf­li­chen und poli­ti­schen Ver­wen­dung… ;-) ). Hier mal ein Foto, dass mich „bei der Arbeit” zeigt.

Making-Of des Gruppenfotos - Der Blogautor in Aktion

Making-​Of des Grup­pen­fo­tos — Der Blog­au­tor in Aktion

Die anschlie­ßende Dis­kus­sion um §2.2 der Sat­zung war ebenso enga­giert wie nötig und endete mit einem Ergeb­nis, das Anwe­sende und Kom­men­ta­to­ren zwi­schen „über­ra­schend” und „his­to­risch” ein­ord­ne­ten. Dazu muss ich mich noch­mal geson­dert äußern.

Danach jeden­falls ging der Par­tei­tag mit einer wei­te­ren Dis­kus­sion und Abstim­mung um Ände­rungs­an­träge rund um §8.7, der ähnlich wie §2.2 Aus­kunfts­er­su­chen an Kan­di­da­ten und Mit­ar­bei­ter stellt, aller­dings nicht auf poli­ti­scher, son­dern auf finan­zi­el­ler Ebene. Auch mit die­sen Regeln sind viele Pira­ten unzu­frie­den, zu einer Ände­rung der Bestim­mun­gen fand sich aber an kei­ner Stelle eine Zwei­drit­tel­mehr­heit. So bleibt hier erst­mal alles beim Alten und das Thema dürfte beim nächs­ten Par­tei­tag wie­der auf die Tages­ord­nung kommen.

Die beiden jüngsten Teilnehmer beim Landesparteitag

Die bei­den jüngs­ten Teil­neh­mer beim Landesparteitag

Durch diese Dis­kus­sion am Ende ist dann lei­der der Tages­ord­nungs­punkt „Les­sons Lear­ned” nicht mehr behan­delt wor­den. Wir hat­ten auf die­sem Par­tei­tag ja gleich meh­rere orga­ni­sa­to­ri­sche Pre­mie­ren und es ist durch­aus sinn­voll, diese mal zu reka­pi­tu­lie­ren. Neben dem oben bereits behan­del­ten Abstim­mungs­ver­fah­ren war das vor allem die schift­li­che Abstim­mung der Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge. Ich halte dies für einen gro­ßen Gewinn, da die Dis­kus­sion viel dis­zi­pli­nier­ter lief als bei den letz­ten Par­tei­ta­gen und das ganze zeit­lich viel bes­ser steu­er­bar war. Wir soll­ten die­ses Ver­fah­ren unbe­dingt bei­be­hal­ten. Berück­sich­tigt wer­den muss dabei aller­dings, dass es zum einen eine Sat­zungs­kom­mis­sion (oder „AG Sat­zung”) geben muss, die die gesam­mel­ten Anträge auf­be­rei­tet und das Doku­ment erstellt und zum ande­ren, dass eine der­art umfang­rei­che Abstim­mung wie die dies­ma­lige auch für die Wahl­hel­fer eine erheb­li­che Belas­tungs­probe bedeutet.

Diskussionen überall. Aber: Geraucht werden durfte nur draußen

Dis­kus­sio­nen über­all. Aber: Geraucht wer­den durfte nur draußen

Ansons­ten sind Par­tei­tage, ins­be­son­dere so har­mo­ni­sche wie die­ser hier, immer eine her­vor­ra­gende Mög­lich­keit, mal wie­der andere Pira­ten zu tref­fen, sich zu unter­hal­ten, her­um­zu­phi­lo­so­phie­ren und ein­fach eine tolle Zeit zu haben. Die Orga­ni­sa­tion der Osna­brü­cker Pira­ten kann eigent­lich gar nicht hoch genug gelobt wer­den: Nicht nur der Ver­an­stal­tungs­ort und die auf die Beine gestellte Ver­pfle­gung waren erst­klas­sig, auch die Party am Sams­tag abend im „Cup & Cups” war toll. Ent­spannt und fröh­lich fei­er­ten wir mit extra für uns kre­ier­ten Cock­tails bis ins Mor­gen­grauen — und dass gegen halb zwei der Rum leer­ge­trun­ken war, hat der her­vor­ra­gen­den Stim­mung kei­nen Abbruch getan.

Der nächste Par­tei­tag in Nie­der­sach­sen fin­det im Spät­som­mer in Wol­fen­büt­tel statt. Dann wird es vor allem um das Pro­gramm gehen. Ich kann schon jetzt jedem inter­es­sier­ten Pira­ten nur emp­feh­len, eine Teil­nahme zu pla­nen. Kein vir­tu­el­les Medium der Welt kann ein rea­les Tref­fen ersetzen!