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Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 2

Ges­tern habe ich meine Betrach­tun­gen über Sascha Raabe von der SPD aus dem Main-​Kinzig-​Kreis begon­nen. Heute nun die Fortsetzung.

Was bis­her geschah: Im Main-​Kinzig-​Kreis grün­det sich ein Kreis­ver­band der Pira­ten­par­tei. Die unglück­lich for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung dar­über ver­an­lasst den SPD-​Bundestagsabgeordneten und Wahl­kreis­in­ha­ber Dr. Sascha Raabe, eine noch wesent­lich unglück­li­cher for­mu­lierte Pres­se­mit­tei­lung her­aus­zu­ge­ben. Diese macht zügig die Runde im Netz — mit Folgen.

3. Akt: Die Welt geht unter. Na gut, nicht die ganze. Aber über dem Main-​Kinzig-​Kreis zie­hen offen­sicht­lich tief­schwarze Wol­ken auf, tür­men sich vor allem über dem Wahl­kreis­büro Dr. Raabe und es blitzt und don­nert gewal­tig. Das ist jeden­falls der Ein­druck, der sich ergibt, wenn man ein wenig durchs Inter­net surft und sich die Reak­tio­nen auf Raabes Ergüsse anschaut. Es ist nahe­lie­gend, dass da sicher auch die eine oder andere Nach­frage bei Herrn Raabe selbst auf­ge­lau­fen ist. Ich hatte mir die Sache auch auf Wie­der­vor­lage gelegt, aber bis zum Mor­gen des 2009-​07-​10 noch nicht geschafft etwas zu schrei­ben, mir dann gedacht: „Ok, Thema durch,” und die Sache eigent­lich schon abge­hakt. Hier aber irrte ich…

4. Akt: Und jetzt wird’s inter­es­sant. Am 2009-​07-​10 ver­öf­fent­licht Sascha Raabe einen wei­te­ren Text auf sei­ner Home­page. Mit­samt sei­nes Anhangs ist er gut drei­mal so lang wie die vor­an­ge­gan­gene Pres­se­mit­tei­lung vom 2009-​07-​07 und inter­es­san­ter­weise ist er keine Presse-​, son­dern nur eine „nor­male” Erklä­rung. Er beginnt mit einem — na, ich möchte sagen — leicht ein­ge­schnapp­ten Tonfall:

Auf­grund der Viel­zahl von E-​Mails, die mich auf­grund mei­ner Pres­se­mit­tei­lung vom 7. Juli (auf mei­ner Web­seite zu fin­den) zur Grün­dung des Kreis­ver­ban­des der Pira­ten­par­tei im Main-​Kinzig-​Kreis erreicht haben, beant­worte ich diese hier­mit in einer abschlie­ßen­den (!) Stel­lung­nahme meinerseits:

Einen Link auf die Ori­gi­nal­seite hätte sich bei dem Wort „Web­seite” ange­bo­ten, aber so weit wollte Sascha „ich benutze das Inter­net von Anfang an” Raabe dann doch nicht gehen…

Und sonst? Naja, nicht viel Neues:

Vor­ne­weg möchte ich sagen, dass ich nach wie vor zu mei­ner Zustim­mung zum Kinderpornographie-​Bekämpfungsgesetz und zu mei­ner Pres­se­mit­tei­lung stehe. […]

Mir wurde also wahr­heits­wid­rig unter­stellt, ich hätte für ein Gesetz zur Ein­füh­rung der gene­rel­len Zen­sur in Deutsch­land gestimmt! Unsere Tages­presse hat diese Mit­tei­lung der Pira­ten unkom­men­tiert über­nom­men, so dass ich zu einer Gegen­dar­stel­lung gezwun­gen war. […]

Genau um die Erschwe­rung des unge­hin­der­ten Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten geht es bei die­sem Gesetz und um nichts ande­res. Und ganz gewiss nicht um die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutschland. […]

Ich habe hin­ge­gen Respekt vor den­je­ni­gen […] die befürch­ten, dass dadurch ein Instru­men­ta­rium auf­ge­baut wird, das spä­ter für tat­säch­li­che Zen­sur von poli­ti­schen Inhal­ten genutzt wird. Ich nehme diese Sor­gen ernst, komme in mei­ner Abwä­gung aber zu dem Schluss, dass unser Rechts­staat stark genug ist, um dies zu verhindern. […]

Es ist gut, wenn wir wach­sam sind, damit wir nicht wie­der in die Zei­ten einer Dik­ta­tur zurück­fal­len wie im Drit­ten Reich. […] Und ganz gewiss wird das Spe­zi­al­ge­setz zur Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten im Inter­net nicht dazu füh­ren. Im Inter­esse der Ernst­haf­tig­keit des The­mas soll­ten wir die Dis­kus­sion mal wie­der run­ter fah­ren, also, die „Kir­che im Dorf lassen“.

Auch hier wie­der Stan­dard­flos­keln, „Löschen vor Sper­ren”, die Aus­lands­ser­ver und und und. Sogar das Dritte Reich bemüht Dr. Raabe, übli­cher­weise ja das Tot­schlag­ar­gu­ment schlecht­hin. Ange­sichts des Trei­bens von Frau Zypries, Herrn Schäu­ble, Frau von der Leyen, des Euro­pa­rats und vie­ler ande­rer, die sich bereits in Posi­tion brin­gen, frage ich mich: Wie blau­äu­gig und naiv ist Herr Raabe eigent­lich, dass er von „Respekt vor Argu­men­ten” und „Abwä­gung” erzählt und sich ganz doll sicher ist, dass der Rechts­staat es schon rich­ten wird. Da ist maxi­mal der Wunsch Vater des Gedan­kens. Wenn Mei­nungs­frei­heit und das freie Inter­net erst­mal weg­zen­siert sind, dann hat sich auch das mit dem Rechts­staat erle­digt — in den Augen der Zen­sur­be­für­wor­ter stört der sowieso nur.

Auf die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von Geset­zes­in­halt und –ver­ab­schie­dungs­weg geht Herr Raabe nicht ein. Statt­des­sen drischt er lie­ber auf die unge­schick­ten For­mu­lie­run­gen in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten ein:

Ich habe ganz gezielt auf eine Pres­se­mit­tei­lung des Kreis­ver­ban­des Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei rea­giert, in der als „aus­schlag­ge­ben­der Grund“ zur Bil­dung des Kreis­ver­ban­des die Tat­sa­che genannt wird, dass ich im Bun­des­tag für ein Gesetz gestimmt hätte, bei dem es „um nichts ande­res als die Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land gehe“. […]

Kein Wort in der Pres­se­mit­tei­lung der Main-​Kinzig-​Piraten, dass es sich bei dem Gesetz aus­schließ­lich um eine Erschwe­rung des Zugangs zu kin­der­por­no­gra­phi­schen Sei­ten handelt. […]

Wenn mir Men­schen aus allen Tei­len Deutsch­lands auf eine Pres­se­mit­tei­lung mit loka­len Bezug ant­wor­ten ohne über­haupt die Ursprungs­pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Piratenverbandes zu ken­nen, Teile aus dem Zusam­men­hang rei­ßen und in allen mög­li­chen Foren zer­le­gen und kom­men­tie­ren, dann frage ich mich schon, um was es bei der Aus­ein­an­der­set­zung bei eini­gen wirk­lich geht.

Ganz ein­fach: Es geht bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Ein­füh­rung einer Zen­surin­fra­struk­tur in Deutsch­land, die unter dem ver­lo­ge­nen Deck­man­tel der Bekämp­fung von „Kin­der­por­no­gra­fie” durch­ge­setzt wer­den soll und der Sie mit Ihrer Miss­brauchs­rhe­to­rik genauso Steig­bü­gel­hal­ter sind wie die Herr­schaf­ten Schäu­ble oder von der Leyen. Und was den Bezug zur Piraten-​Pressemitteilung betrifft: Das haben Sie selbst mit ver­bockt, Herr Raabe. Das hät­ten Sie näm­lich durch­aus deut­lich erwäh­nen kön­nen und dabei vor allem auf die All­ge­mein­plätze zu den vor­geb­li­chen For­de­run­gen der Pira­ten­par­tei ins­ge­samt ver­zich­ten sol­len. Haben Sie aber nicht. Und ansons­ten soll­ten Sie sich doch eigent­lich freuen, dass Ihre Pres­se­mit­tei­lung, die ja durch­aus an die Öffent­lich­keit gerich­tet ist, in der Öffent­lich­keit so einen Wie­der­hall findet.

Ganz am Anfang der Erklä­rung vom 2009-​07-​10 fin­det sich fol­gen­der Satz:

Ich habe nie behaup­tet, dass die Pira­ten­par­tei Kin­der­por­no­gra­phie an sich befürwortet.

Na, danke aber auch, dass Sie das jetzt noch­mal mei­nen, beto­nen zu müs­sen. Aber wie war das doch gleich am 2009-​07-​07?

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [immer noch sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben können.

Schon beacht­lich, dass Sie hier die eine halt­lose Unter­stel­lung mit dem Wider­ruf einer noch wesent­lich unver­schäm­te­ren Unter­stel­lung rück­gän­gig machen wol­len. Auf Ihrem Niveau könnte ich jetzt fra­gen, ob das die übli­che SPD-​Rhetorik in einer poli­ti­schen Dis­kus­sion ist.

Frag’ ich aber nicht.

Statt­des­sen zitiere ich lie­ber einige letzte Stel­len aus dem Text vom 2009-​07-​10:

Wenn mir in einem Tele­fo­nat ein füh­ren­des Mit­glied der Pira­ten­par­tei sagt, dass er seit „sei­nem neun­ten Lebens­jahr im Netz lebe“ und sich heute wünschte, er könnte „48 Stun­den am Tag im Inter­net leben, aber lei­der müsse er zwi­schen­durch essen und arbei­ten“, dann wird mir Angst und Bange.

Soso, Angst und Bange. Um Men­schen in der „Inter­net­welt” im All­ge­mei­nen und „füh­rende Mit­glie­der der Pira­ten­par­tei” im Beson­de­ren. Ich bin erschüt­tert. Viel­leicht schreib’ ich auch mal auf, was mir „füh­rende Mit­glie­der der SPD” so am Tele­fon erzäh­len, aber bis dahin mache ich mir eigent­lich wesent­lich mehr Sor­gen um Herrn Raabe, der fröh­lich und mit Verve ver­fas­sung­wid­rige Gesetze mit aus­wen­dig gelern­ten Argu­men­tenBehaup­tun­gen schön­re­det und sich ansons­ten mit dem Thema nicht wei­ter aus­ein­an­der­set­zen will:

Den vie­len Schrei­bern, die diese Stel­lung­nahme nun wie­der aus dem Zusam­men­hang rei­ßen wer­den, in epi­scher Breite und in lan­gen Näch­ten kom­men­tie­ren, mich und mein Büro mit unzäh­li­gen E-​Mails beschimp­fen und belei­di­gen wer­den, gebe ich den gut gemein­ten Rat:

„Get a real life and get help!“

Das ist ja mal eine schöne Ein­stel­lung. Liest sich für mich wie: Lasst mich in Ruhe und sucht euch ‚nen Arzt. Ist das jetzt Frust? Oder Ärger? Oder Unver­ständ­nis? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall führt es dann zu sol­chen emo­ti­ons­ge­la­de­nen Beschwer­den über rüden Umgangs­ton, wie sie im Schrei­ben vom 2009-​07-​10 zu fin­den sind und wie ich sie ganz am Anfang von Teil 1 mei­ner klei­nen Geschichte zitiert habe. Eigent­lich ist das für alle Sei­ten nicht ziel­füh­rend. Und die Zen­sur­fe­ti­schis­ten lachen sich der­weil ins Fäustchen.

Schluss: An die­ser Stelle endet die Geschichte von Dr. Sascha Raabe und sei­ner Sorge um die Pira­ten­par­tei. Es ist keine schöne Geschichte. Hier sind mei­nes Erach­tens Uner­fah­ren­heit und Unwis­sen­heit in schlech­test­mög­li­cher Form auf­ein­an­der­ge­trof­fen. So sollte poli­ti­scher Dis­kurs eigent­lich nicht ablau­fen. Lei­der sehe ich aber nicht, dass Dr. Raabe in irgend­ei­ner Weise die vie­len, vie­len sehr gut begrün­de­ten Argu­mente gegen den Netz­sper­ren­wahn­sinn in aus­rei­chen­der Weise reflek­tiert. Und auf die Phra­sendre­schma­schine rea­gie­ren mitt­ler­weile sehr viele Men­schen in der „Internet-​Community” aus­ge­spro­chen all­er­gisch. Wir haben ein­mal zu oft die Erfah­rung machen müs­sen, dass sich dahin­ter letzt­lich doch nur des­in­ter­es­sierte Igno­ranz ver­birgt. Und das akzep­tie­ren wir nicht mehr, dafür sind uns die Grund­werte unse­rer Gesell­schaft zu wichtig!

Sascha Raabe sorgt sich um die Piratenpartei, Teil 1

Wir begin­nen die Woche mit einem Poli­ti­ker, der zumin­dest mir bis­lang eher unbe­kannt war. Dr. Sascha Raabe, Mit­glied der SPD und des Bun­des­ta­ges, kommt aus dem Frank­fur­ter Raum. Wit­zi­ger­weise hat er übri­gens genau am sel­ben Tag Geburts­tag wie ich, bloß vier Jahre früher.

Auf Sascha Raabes Web­seite fin­den sich seit drei Tagen State­ments wie dieses:

Die Mehr­heit der Zuschrif­ten hatte hin­ge­gen lei­der ein belei­di­gen­des und aggres­si­ves Niveau und ist keine per­sön­li­che Ant­wort wert.

Oder die­ses:

Bitte haben Sie Ver­ständ­nis, dass ich keine E-​Mails oder Briefe zu die­sem Thema mehr beant­worte. Dafür waren die Erfah­run­gen der Belei­di­gun­gen, Beschimp­fun­gen und Aggres­sio­nen zu hef­tig und wir müs­sen uns auch noch um andere Dinge kümmern.

Oder das hier:

Die lei­der über­wie­gend aggres­si­ven und teils häss­li­chen Reak­tio­nen auf meine Pres­se­mit­tei­lung zei­gen mir, dass sich einige Schrei­ber in einer vir­tu­el­len Par­al­lel­welt ver­lo­ren haben. Dies macht mir in der Tat Sorge.

Da frage ich mich: Was ist denn da pas­siert? Ver­su­chen wir mal eine chro­no­lo­gi­sche Aufarbeitung:

1. Akt: Am 2009-​06-​30 grün­det sich der Kreis­ver­band Main-​Kinzig der Pira­ten­par­tei. Am 2009-​07-​02 gibt er eine Pres­se­mit­tei­lung her­aus, in der unter ande­rem steht:

Aus­schlag­ge­bend für die Ernen­nung eines eige­nen Kan­di­da­ten war die Tat­sa­che, dass Sascha Raabe (SPD), der der­zei­tige Wahl­kreis­in­ha­ber, kürz­lich im Bun­des­tag für die Ein­füh­rung der umstrit­te­nen „Stopp-​Schilder” gestimmt hatte, mit denen künf­tig angeb­lich gegen ille­gale Inhalte im Inter­net vor­ge­gan­gen wer­den soll. Von Sasche Raabe sei man hier „sehr ent­täuscht” gewesen.

Nach Auf­fas­sung der Pira­ten­par­tei han­delt es sich bei dem Stopp-​Schild Gesetz um nichts ande­res als die „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land”. Ille­gale Web­sites müsse man aber „Löschen statt Sper­ren”, so jeden­falls das Motto einer von der Pira­ten­par­tei gestar­te­ten Kam­pa­gne. Der freie Zugang zu Infor­ma­tio­nen ist eines der Kern­the­men der Partei.

Dazu von mir zunächst mal: Hm. Liebe Main-​Kinzig-​Piraten, das soll­tet ihr noch­mal üben. Sascha Raabe hat für ein Gesetz gestimmt, das nach Mei­nung der Pira­ten­par­tei — und nicht nur ihr — sowohl ver­fas­sungs­wid­rig ist als auch auf ver­fas­sungs­wid­rige Weise zustande kommt. Zusätz­lich, aber wirk­lich erst zusätz­lich, erfüllt das „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” sei­nen vor­geb­li­chen Zweck der Zugangs­ver­hin­de­rung auf „Kin­der­por­no­gra­fie” nicht, son­dern führt statt­des­sen eine all­ge­meine Zen­surin­fra­struk­tur im deut­schen Inter­net ein. Diverse deut­sche Poli­ti­ker von CDU, CSU und von der Ver­rä­ter­par­teiSPD behaup­ten hier trotz der Viel­zahl kor­ri­gie­ren­der Stim­men ande­res. Auch der Herr Raabe übri­gens, wie wir gleich sehen wer­den. Diese Zusam­men­hänge wer­den nicht klar, das Gesetz wird nicht benannt, die Zen­sur­be­haup­tung wird nicht belegt. So wie ihr das da geschrie­ben habt, ist das — mit Verlaub — Quark.

2. Akt: Auch Sascha Raabe hat die Pres­se­mit­tei­lung irgend­wie nicht gefal­len. Fünf Tage spä­ter, am 2009-​07-​07, ver­fasst er auch eine Pres­se­mit­tei­lung, die wohl so eine Art Replik auf die Kin­zig­pi­ra­ten sein soll. Pro­blem Num­mer Eins: Die­ser Zusam­men­hang wird nicht klar. Dass hier die Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis eine Rolle spielt, steht ganz, ganz am Rande in einem Halb­satz im drei­zei­li­gen „Teaser”-Absatz am Anfang des Tex­tes, den nicht nur wegen des Schrift­sat­zes viele Leser schlicht igno­riert haben dürf­ten (und ich gehöre auch dazu).

Pro­blem Zwei von Herrn Raabes Pres­se­mit­tei­lung ist aller­dings gra­vie­ren­der: Der Inhalt. Unter der Überschrift

Abso­lu­tes Unver­ständ­nis — Raabe wun­dert sich über Ansich­ten der Piratenpartei

bekommt der geneigte Leser dann eine geballte Ladung Zen­surZugangserschwernisgesetz-​Prosa auf die Ohren, dass es nur so klin­gelt. Einige Auszüge:

Ich kann nicht ver­ste­hen, wie bei einem so erns­ten Thema wie Kin­der­por­no­gra­phie die Leid­tra­gen­den völ­lig außer Acht gelas­sen wer­den. Das sind die vie­len Jun­gen und Mäd­chen welt­weit, denen täg­lich gro­ßes Leid wider­fährt. Es geht nicht um Zen­sur, son­dern um die Ver­bre­chen an Kin­dern und Jugendlichen. […]

Jetzt aber haben wir als SPD-​Bundestagsfraktion viele ent­schei­dende Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Das Gesetz berück­sich­tigt, so wie es ver­ab­schie­det wurde, sowohl die Beden­ken der vie­len Internet-​Nutzer und erschwert zugleich den Zugang zu Inter­net­sei­ten mit kin­der­por­no­gra­phi­schem Inhalt. […]

Das Inter­net ist kein rechts­freier Raum. […]

Wir müs­sen auf allen Ebe­nen gegen den Miss­brauch von Kin­dern vor­ge­hen. Die Inter­net­sperre ist nur ein klei­ner Bau­stein, aber selbst wenn dadurch kein Miss­brauch nach­träg­lich ver­hin­dert wer­den kann, wird das Per­sön­lich­keits­recht des Opfers geschützt und es wird nicht mehr jah­re­lang im Inter­net unge­hin­dert zur Schau gestellt.

So weit, so schlecht. Vor allem den letz­ten Absatz finde ich bemer­kens­wert: Hier wird gar nicht mehr mit dem „Schutz” oder der „Ver­hin­de­rung von Miss­brauch” argu­men­tiert, son­dern mit dem „Per­sön­lich­keits­recht des Opfers”. Als wenn nicht eines der Haupt­ar­gu­mente gegen die Netz­sper­ren wäre, dass sie den Zugriff eben nicht ver­hin­dern und das Mate­rial eben nicht aus dem Inter­net ver­schwin­det. Argh! Wo sind die Anträge auf Merkbefreiung?!?

Aber egal. Raabe hat näm­lich auch ein paar andere Aus­sa­gen in sei­ner Pres­se­mit­tei­lung drin. Die lesen sich so:

Über­haupt finde ich es anma­ßend, wenn die Pira­ten­par­tei sich als Ver­tre­ter der gesam­ten Internet-​Community aufspielt. […]

Ich erwarte aber auch, dass die Pira­ten­par­tei das jetzt aus­schließ­lich gegen Kin­der­por­no­gra­phie gerich­tete Gesetz nicht wahr­heits­wid­rig als „Ein­füh­rung der Zen­sur in Deutsch­land” bezeichnet.

So rich­tig mit der Mate­rie beschäf­tigt kann der gute Herr Raabe sich nicht haben. Die „Internet-​Community” kann sich ganz prima selbst arti­ku­lie­ren, da bracht es die Pira­ten­par­tei nicht. Und was die Zen­sur betrifft, da ist nichts Wahr­heits­wid­ri­ges dran, fra­gen Sie doch mal Ihre Koali­ti­ons– oder Par­tei­kol­le­gen

Vor allem aber gibt es in Raabes Pres­se­mit­tei­lung diese Textstelle:

Wir kön­nen es doch als Gesell­schaft nicht hin­neh­men, das [sic!] — so wie es die Pira­ten­par­tei for­dert — Jugend­li­che und Erwach­sene unge­hin­dert Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net haben kön­nen, nur weil diese vom Aus­land aus ange­bo­ten wer­den. Mei­nungs– und Infor­ma­ti­ons­frei­heit bedeu­tet nicht, dass es ein Grund­recht auf unge­hin­der­ten Zugang zu Kin­der­por­no­gra­phie im Inter­net gibt.

Uiuiui, Herr Raabe. Was haben Sie sich dabei bloß gedacht? Ich würde sagen: Nicht viel. Wo bit­te­schön hat die Pira­ten­par­tei sowas jemals gefor­dert? Selbst in der unglück­lich for­mu­lier­ten Pres­se­mit­tei­lung des Main-​Kinzig-​Kreisverbandes finde ich davon nichts. Ich habe mal der Ein­fach­heit hal­ber nur eine Aus­sage von Ver­tre­tern der Pira­ten­par­tei raus­ge­sucht und ich bitte die Leser um Ent­schul­di­gung, dass ich mich selbst zitiere:

Dirk Hill­brecht, [damals] Bun­des­vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei, erläu­tert das vom Gesetz miss­ach­tete Demonstrations-​Motto „Löschen statt sper­ren — Stoppt die Internet-​Zensur!”: „Wir ver­lan­gen wirk­same Maß­nah­men gegen Kin­der­por­no­gra­phie und das heißt: Die Inhalte müs­sen aus dem Netz ver­schwin­den und nicht hin­ter Stopp­schil­dern ver­steckt werden.

Herr Raabe, mal ehr­lich, wür­den Sie das eine For­de­rung nach „unge­hin­der­tem Zugang zu Kin­der­por­nos im Inter­net” nen­nen? Ich nicht, und ich glaube, das liegt nicht nur daran, dass ich es gesagt habe. Und mal ange­nom­men, man würde Ihnen sol­che Aus­sa­gen unter­stel­len, wie fän­den Sie das? Wit­zig? Egal? Ner­vig? Ich sage Ihnen was: Ich glaube, Sie wür­den das genauso sehen wie ich: Sol­che Behaup­tun­gen sind eine Frech­heit und boden­lose Unverschämtheit!

Die Raabe-​Pressemitteilung hat sich dann zügig durch die Twit­ter– und Blo­go­sphäre ver­brei­tet. Dabei ist in den Kom­men­ta­ren der Zusam­men­hang mit der Situa­tion im Main-​Kinzig-​Kreis zunächst mal völ­lig unter den Tisch gefal­len. Statt­des­sen war da ein SPD-​Politiker, der weit­ge­hend fak­ten­be­freit das Zen­sur­ge­setz mit den übli­chen Pla­ti­tü­den ver­tei­digt und über die Pira­ten­par­tei her­zieht. Das konnte ja nicht gutgehen.

Und wer denkt, damit sei die Geschichte zu Ende, der sollte nicht die Fort­set­zung der Sascha-​Raabe-​Story ver­pas­sen. Mor­gen in die­sem Theater!

Unter Kühen — Uschi und das Märchen von den Inderpornos

Unsere Fami­li­en­mi­nis­te­rin hat sich höchst minis­tra­bel in einem Inter­view bei Radio Sput­nik produziert:

Das oberste Ziel muss sein, die Täter zu stel­len. Das ist Poli­zei­ar­beit. Und das zweite ent­schei­dende Ziel muss sein, die Quelle zu löschen auf dem Ser­ver, da, wo sie sind. Aber da gerät man an seine Gren­zen, wenn der Ser­ver z.B in Indien steht. Ein hoch­kom­pe­ten­tes Land, was Com­pu­ter­tech­ni­ken angeht, aber ein Land, das kei­ner­lei Form von Ächtung von Kin­der­por­no­gra­fie hat. Da kön­nen sie nicht mehr löschen.

Es ist frap­pie­rend, wie per­fide Frau von der Leyen hier mit unter­schwel­li­gen Res­sen­ti­ments arbei­tet: Indien, ein Land voll von Com­pu­ter­nerds, die nachts über ihren Nach­wuchs her­fal­len. Und die­sen Hor­den von Unhol­den sind wir quasi schutz­los aus­ge­lie­fert, da kön­nen wir gar nichts machen. Ver­rä­te­risch ist vor allem das Wort „Ächtung” — da schwingt ganz übel die Moral­keule mit, die hier auf den Sub­kon­ti­nent nie­der­saust: Sie tun nicht nur nichts gegen das Übel, es ist ihnen auch noch egal.

Dass Zen­sur­su­las Äuße­run­gen uner­träg­lich sind, wurde bereits an ver­schie­de­nen Stel­len im Web the­ma­ti­siert. Ich möchte aber noch etwas wei­ter gehen, denn auch hier sieht man wie­der, wie mit dem Tot­schlag­wort „Kin­der­por­no­gra­fie” gesell­schaft­li­che Fra­gen und Ent­wick­lun­gen in Tabusoße ertränkt werden.

Es gibt da näm­lich tat­säch­lich ein Pro­blem in Indien. Sci­ence Daily schreibt:

High Pre­va­lence Of Child Mar­riage In India Fuels Fer­ti­lity Risks

The study, […] found that nearly half of adult Indian women, aged 20 to 24, were mar­ried before the legal age of 18 […].

„The pre­va­lence of child mar­riage remains unac­cep­ta­bly high,” Dr. Raj and col­lea­gues wrote. „These results sug­gest that neit­her recent pro­gress in eco­no­mic and women’s deve­lop­ment, nor exis­ting policy or pro­gram­ma­tic efforts to prevent child mar­riage and pro­mote mater­nal and child health, have been suf­fi­ci­ent to reduce the pre­va­lence of child mar­riage in India to that of most other deve­lo­ping nations.”

The study found that 44.5 per­cent of women ages 22 to 24 were mar­ried before age 18. More than one in five – 22.6 per­cent – were mar­ried before age 16, while 2.6 per­cent were mar­ried before age 13.

Über­set­zung (von mir):

Hohe Ver­brei­tung von Kin­der­ehen in Indien erhöht Risi­ken für die Fruchtbarkeit

Ergeb­nis der Stu­die war, dass fast die Hälfte der erwach­se­nen indi­schen Frauen zwi­schen 20 und 24 Jah­ren bereits vor ihrem 18. Lebens­jahr und damit dem erlaub­ten Alter für Ehe­schlie­ßun­gen ver­hei­ra­tet wor­den waren.

„Die Ver­brei­tung der Kin­der­ehe bleibt inak­zep­ta­bel hoch,” schrie­ben Dr. Raj und ihr Team. „Diese Ergeb­nisse deu­ten an, dass weder die jüngs­ten Fort­schritte in der Wirt­schaft oder der Frau­en­för­de­rung, noch poli­zei­li­che Inter­ven­tion oder Auf­klä­rungs­pro­gramme über Gesund­heit von Mut­ter und Kind aus­rei­chend waren, diese Ver­brei­tung von Kin­der­ehen in Indien auf das Level in ande­ren Ent­wick­lungs­län­dern zu verringern.

Die Stu­die ergab, dass 44,5% der Frauen im Alter von 22 bis 24 ver­hei­ra­tet wur­den, bevor sie 18 Jahre alt waren. Mehr als eine von fünf — 22,6% — war bei der Hei­rat jün­ger als 16 und 2,6 hei­ra­te­ten vor Beginn ihres 13. Lebensjahres.

Das ist in der Tat ein gesell­schaft­li­ches Pro­blem, hier sind die Men­schen­rechte der ver­hei­ra­te­ten min­der­jäh­ri­gen Mäd­chen (was ist eigent­lich mit min­der­jäh­ri­gen Jun­gen?) nicht gewahrt. Wenn man nun mal für einen Moment unter­stellt, dass Frau von der Leyen sich auf genau diese gesell­schaft­li­chen Pro­bleme in Indien bezieht, wenn sie von „feh­len­der Ächtung” spricht, dann habe wir mal wie­der ein ent­hül­len­des Bei­spiel für den „Miss­brauch mit dem Miss­brauch”: Kin­der­ehen und die damit latent ein­her­ge­hende sexu­elle Aus­beu­tung von Min­der­jäh­ri­gen sind falsch und müs­sen ver­folgt wer­den. Das man „nichts machen könne” ist aber ein Mär­chen, denn das Pro­blem­be­wusst­sein in der indi­schen Poli­tik ist durch­aus vor­han­den und sogar leich­ter Rück­gang der Fall­zah­len fest­stell­bar, wie der Science-​Daily-​Artikel schreibt:

The aut­hors said that […] there had been a slight reduc­tion – 5 per­cent — in the rate of child mar­riage com­pa­red with natio­nal data from 1998 – 99[…]

Über­set­zung:

Die Auto­ren sagen, dass es eine leichte Ver­min­de­rung von 5% bei der Rate von Kin­der­ehen ver­glei­chen mit den Zah­len von 1998/​99 gege­ben hat.

Viel pro­ble­ma­ti­scher finde ich aller­dings, dass hier, sofern man die­sen Hin­ter­grund für Frau von der Ley­ens Aus­sa­gen annimmt, mal wie­der auf jede Situa­tion mit dem Begriff „Kin­der­por­no­gra­fie” ein­ge­dro­schen wird. Bei Kin­der­ehen geht eben nicht um Por­no­gra­phie. Viel­mehr wird irgend­ein Sze­na­rio, in dem Kin­der vor­kom­men und es irgend­wie um Sex geht, her­ge­nom­men, „Kin­der­porno” drauf­ge­schrie­ben und dann die Saudas Kuh durchs Dorf getrie­ben. Frau von der Leyen fiele kein Zacken aus der Krone, wenn sie wenigs­tens die Situa­tion kor­rekt beschriebe, bloß wäre das ganze dann lei­der kein Argu­ment mehr für die heiß ersehnte Inter­net­zen­sur. Die­ser Satz noch­mal zum Mit­mei­ßeln, damit es nicht heißt, ich würde irgend­was klein­re­den wol­len: Die Ver­hei­ra­tung von Min­der­jäh­ri­gen ist für mich kein hin­nehm­ba­res Gesell­schafts­mo­dell, aber sie taugt nicht als Argu­ment in der Dis­kus­sion um „Kinderpornografie”.

Soweit meine Über­le­gun­gen dazu, woher Frau von der Ley­ens Aus­sa­gen kom­men könn­ten, wenn man einen wie auch immer gear­te­ten Rea­li­täts­be­zug her­zu­stel­len ver­sucht. Viel­leicht bin ich aber auch mal wie­der viel zu blau­äu­gig und „Indien” war in Wirk­lich­keit nur das­je­nige Land, des­sen Name ihr am schnells­ten ein­fiel. Sozu­sa­gen ihr „Uru­guay oder Para­guay”… Dafür sprä­che, auch das ist mitt­ler­weile an ande­rer Stelle aus­rei­chend erläu­tert, dass es in Indien nicht nur eine restrik­tive Gesetz­ge­bung zu Por­no­gra­fie all­ge­mein, son­dern seit Februar 2009 auch noch ergän­zend zu „Kin­der­por­no­gra­fie” im Beson­de­ren gibt.

Im sel­ben Inter­view ent­larvt sich Frau von der Leyen schließ­lich selbst, wenn Sie auf Rich­ter­vor­be­halt und damit Gewal­ten­tei­lung ange­spro­chen antwortet:

Na ja, über­le­gen Sie sich mal bei der Masse der Bil­der, also wir spre­chen von rund 1000 Sei­ten, die pro Tag inter­na­tio­nal aktiv gesperrt wer­den, wie Sie da über jede Seite einen “Rich­ter”, in Anfüh­rungs­stri­chen, wie Sie’s nen­nen, drü­ber­gu­cken las­sen woll­ten, dann ist das tech­nisch abso­lut unmög­lich, allein vom Zeit­auf­wand, wenn man sieht, wie Gerichte auch mit The­men beschäf­tigt sind, nicht mach­bar wäre.

Genau. Weil diese gan­zen „Rich­ter” ja sowieso alles mög­li­che andere zu tun haben und uns beim Sper­ren von 1000(!) Sei­ten täg­lich eh nur stö­ren wür­den, las­sen wir sie mal lie­ber damit in Ruhe. Und, so rege ich an, dann doch am bes­ten auch mit die­sem gan­zen ande­ren blö­den Gerichts­ver­hand­lungs– und Urteils­kram. Braucht man alles nicht, macht die Uschi selbst eh viel besser:

Meine Arbeit ist es, Kin­der zu schüt­zen und das will ich damit tun.

Ich würde mal sagen, es sind auch schon Poli­ti­ker für weni­ger wirre Äuße­run­gen vor die Tür gesetzt worden.

Ruhrbarone auf Zensursula-​Niveau

Die Ruhr­ba­rone haben sich aus gege­be­nem Anlass mit Äuße­run­gen eines Piratenpartei-​Mitglieds im Wiki zum Thema Kin­der­por­no­gra­fie beschäftigt.

Man kann wohl sagen, dass sie die Ansich­ten des Mit­glieds nicht teilen.

Wie sie dies aber argu­men­ta­tiv auf­ar­bei­ten, das ist schon ziem­lich schlecht. Ein paar Aus­züge. Zum Thema „Kin­der­por­no­gra­fie” all­ge­mein heißt es:

Kurz: er for­dert [in sei­nen Wiki­sei­ten] zumin­dest Teil­weise die Frei­gabe des kri­mi­nel­len Drecks.

Das ist — mit Ver­laub — sehr kurz und falsch. In den Über­le­gun­gen geht es zunächst mal um den Begriff „Kin­der­por­no­gra­fie”, der vom Autor als pro­ble­ma­tisch ange­se­hen wird. Dem schließe ich mich an. Es ist ein sehr unschar­fer Begriff, in dem irgend­wie „Sex”, „Kin­der”, „Bil­der” und andere Dar­stel­lungs­ar­ten ver­mengt wer­den. Genau diese Unschärfe macht aus dem Begriff aber einen Kampf­be­griff, ver­hin­dert eine fun­dierte Aus­ein­an­der­set­zung und öffnet einer will­kür­li­chen Inter­pre­ta­tion Tür und Tor. Das wird mei­nes Erach­tens durch­aus zu Recht angeprangert.

Statt „Kin­der­por­no­gra­fie” den Begriff „kri­mi­nel­ler Dreck” zu ver­wen­den führt aller­dings noch wei­ter von einer fun­dier­ten Aus­ein­an­der­set­zung weg.

Wei­ter heißt es bei den Ruhrbaronen:

Ja ver­dammt, ich ver­lange von einem Kin­der­schän­der, dass er sein Leben lang absti­nent bleibt. Sonst geht er in den Knast und zwar zu recht.

Ich for­dere das nicht. Solange er Kin­der in Ruhe lässt und ansons­ten ein­ver­nehm­lich mit Part­nern umgeht, ist mir sein Sexu­al­le­ben völ­lig egal und es ist auch nicht straf­recht­lich relevant.

Kin­der­por­no­gra­fie ist Kin­der­por­no­gra­fie ist Kin­der­por­no­gra­fie. Diese Ver­nied­li­chung mit „Doku­men­ta­tion der Hand­lun­gen nach §176“ ist erbärm­lich. Das Foto­gra­fie­ren und Abfil­men der Ver­ge­wal­ti­gung eines Kin­des ist ein mie­ses Ver­bre­chen für das die Typen in den Knast gehören.

Und da wären wir genau bei dem Pro­blem: Unter Straf­rechts­as­pek­ten ist Kin­der­por­no­gra­fie eben nicht nur „das Foto­gra­fie­ren und Abfil­men der Ver­ge­wal­ti­gung eines Kin­des”, son­dern — ich kann es nicht anders sagen — irgend­was. In Social Net­works wur­den schon Nut­zer­sei­ten gesperrt, weil der Inha­ber ein Kin­der­foto von sich selbst von vor 40 Jah­ren am Strand ein­ge­stellt hat (URL anyone?). Inso­fern ist die For­mu­lie­rung mit der „Doku­men­ta­tion” keine „Ver­nied­li­chung”, son­dern eine wich­tige Konkretisierung.

Es geht wei­ter mit der nächs­ten absur­den For­de­rung […]. Er will Kin­der­por­no­gra­fie zumin­dest teil­weise lega­li­sie­ren. Und zwar sol­len die Ver­ge­wal­ti­gungs­op­fer– wenn sie 18 sind – die Filme und Fotos ihrer Ernied­ri­gung, ihrer Zer­stö­rung, ihres Miss­brauchs, ihrer see­li­schen und kör­per­li­chen Fol­ter frei­wil­lig frei­ge­ben „der Öffent­lich­keit zur Ver­fü­gung gestellt wer­den”. Damit andere Ver­ge­wal­ti­ger sich daran auf­gei­len können.

Diese Stelle im Ruhr­ba­ro­ne­text finde ich beson­ders per­fide. Zunächst wird ver­kürzt die Idee geschil­dert, dass das Miss­brauchs­op­fer über die Doku­me­na­tion selbst ver­fü­gen kön­nen soll. Dar­über kann man sicher­lich geteil­ter Mei­nung sein und ich weiß auch nicht, ob ich diese Idee gut finde. Aber dann als ein­zi­ges erläu­tern­des Sze­na­rio beschrei­ben, dass die Doku­mente dann auf irgend­eine Weise ver­öf­fent­licht wer­den und als Sti­mu­lanz die­nen — das ist schon har­ter Tobak. Von einer sol­chen Ver­ket­tung ist in dem Ori­gi­nal­text über­haupt­keine Rede.

Nein nein, liebe Ruhr­ba­rone, euer Text ist kein biss­chen eine fun­dierte Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema. Er ist nicht mal eine fun­dierte Pole­mik. Er ist ein­fach nur bil­li­ger, schlech­ter Popu­lis­mus. Ihr ver­wen­det hier den Begriff „Kin­der­por­no­gra­fie” naht­los wie unsere geschätzte Fami­li­en­mi­nis­te­rin — als Tot­schlags­be­griff, mit dem man eine Behaup­tung in den Raum stellt und jeden nie­der­brüllt, der nicht sofort und erge­benst „natür­lich, du hast voll­kom­men Recht” sagt. Genau auf diese Weise wurde vor gar nicht allzu lan­ger Zeit ein Zen­sur­ge­setz in Deutsch­land durch den Bun­des­tag gepeitscht und euer Arti­kel zeigt mir, dass ihr dar­aus nichts, aber auch gar nichts gelernt habt.

Man kann über die Ansich­ten, die ihr aus dem Pira­ten­wiki zitiert, ver­schie­de­ner Mei­nung sein — und in der Pira­ten­par­tei ist man dies auch. Aber es scha­det nicht, dann wirk­lich mit Argu­men­ten zu arbei­ten. Das geht auch bei einem Thema wie „Kin­der­por­no­gra­fie”. Das bil­lige Rum­kra­kee­len sollte man ande­ren über­las­sen, Uschi von der Leyen, Sascha Raabe und wie sie alle hei­ßen kön­nen das viel besser.

Ihr schließt eure Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Zitat aus dem Wikiartikel:

Für die Moral ist die Kir­che zustän­dig, nicht der Gesetzgeber.

Dazu sage ich: Für eine fun­dierte Aus­ein­an­der­set­zung sind jeden­falls nicht die Ruhr­ba­rone zuständig.

Nach­trag

Mitt­ler­weile hat sich Aaron Koe­nig vom Bun­des­vor­stand bei den Ruhr­ba­ro­nen im (mitt­ler­weile nicht mehr ver­füg­ba­ren) Inter­view zu Wort gemel­det. Keine neuen Beschlüsse, Ver­weis auf 2009-​07-​16, aber noch­mal die Vor­stands­sicht auf die Dinge.

Ermächtigungsgesetz verabschiedet

Heute abend haben sie in nament­li­cher Abstim­mung tat­säch­lich ernst gemacht. Unter einem blöd­sin­ni­gen und letzt­lich ja auch irgend­wie ega­len Vor­wand, in dem irgendwo das Wort „Kin­der­por­no­gra­fie” vor­kam, wur­den Mei­nungs­frei­heit, Zen­sur­frei­heit und der Grund­ge­danke eines Staa­tes, der sich aus prin­zi­pi­el­len Erwä­gun­gen in sei­nen Mit­teln beschränkt, in den Wind geschrie­ben. Als im Gehei­men agie­rende Staats­po­li­zei sorgt sich das BKA in Zukunft um die Sicher­heit im Staat. Das ganze der­art dreist mit fei­gen­blätt­ri­gen Beru­hi­gungs­pil­len aus­staf­fiert, dass einem schlecht wird. Ich nenne es „Ermäch­ti­gungs­ge­setz”, ganz in der Tra­di­tion sei­nes his­to­ri­schen Vor­bilds — bloß dass es damals zumin­dest eine gewisse Par­tei trotz gro­ßen Dru­ckes nicht zuge­stimmt hat und zumin­dest eine his­to­ri­sche Rede dabei abge­fal­len ist.

Für die Pira­ten­par­tei hat die Abstim­mung übri­gens ein grö­ße­res logis­ti­sches Pro­blem gebracht: Trotz eini­ger Redun­danz und Last­ver­tei­lungs­maß­nah­men war Löschen Statt Sper­ren, die Koor­di­na­ti­ons­seite zu den Demons­tra­tio­nen am 2009-​06-​20, etwa 90 Minu­ten lang nur schwer erreich­bar. Der Ansturm war so groß, dass der Ser­ver kaum hin­ter­her­kam, obwohl wir gerade erst Aus­bau­ten wegen der Euro­pa­wahl vor­ge­nom­men hat­ten, die auch ganz ordent­lich funk­tio­niert haben. Mitt­ler­weile (0:20 Uhr am Frei­tag) läuft alles wie­der stabil.

Kommt zu den Demos am 2009-​06-​20, jeweils um 12 Uhr auch in einer Stadt in dei­ner Nähe!

Nun­denn, die Aus­ein­an­der­set­zung ist noch lange nicht been­det. Ins­be­son­dere den Abge­ord­ne­ten der CDU — auch diese Par­tei möchte ich hier im Blog ja mal erwäh­nen — lege ich fol­gende Worte ans Herz:

Der Drang des Men­schen, sein Leben in Würde, frei von Unter­drü­ckung und staat­li­cher Will­kür, zu füh­ren, Per­spek­ti­ven zu haben und im Den­ken und Han­deln krea­tiv sein zu dür­fen, war auf Dauer stär­ker als ein staat­li­ches Unterdrückungsregime.

Wer das wohl gesagt hat…

Du wählst SPD — das ist nicht o.k.

(Titel frei nach Rocko Scha­moni)

Ich muss ein­fach noch­mal auf meine Posts der ver­gan­ge­nen Tage zurück­bli­cken. Ich will mich hier jetzt nicht bis ans Ende mei­ner Tage an der SPD abar­bei­ten, aber was da in den ver­gan­ge­nen Tagen pas­siert ist, das ist doch ein star­kes Stück.

Ohne Not und ohne Grund plant diese Par­tei am Don­ners­tag, einem Gesetz zuzu­stim­men, das vom Koali­ti­ons­part­ner unter fal­schen Behaup­tun­gen und mit fal­schen Beweg­grün­den auf den Weg gebracht wurde. Ein Gesetz, das eine all­ge­meine Zen­surin­fra­struk­tur in Deutsch­land eta­bliert, wie sie — zumin­dest im Wes­ten — seit 1945 nicht mehr exis­tiert hat. Ein Gesetz, das zudem auf wider­wär­tige Weise das Leid miss­brauch­ter Kin­der für ein Schmie­ren­thea­ter ohne Glei­chen ausnutzt.

Die feder­füh­ren­den Poli­ti­ker der SPD arbei­ten hier einem unkon­trol­lier­ten Zen­sur­staat zu. Und das Schlimmste: Sie tun dies in der Mei­nung, etwas Gutes zu tun. Ich meine, sie schei­nen das wirk­lich zu glau­ben. Sie las­sen sich dabei sogar von den CDU-​Hardlinern vor­füh­ren. An deren Stelle würde ich schen­kel­klop­fend auf dem Boden lie­gen und könnte mein Glück kaum fas­sen, die Sozis so über den Tisch gezo­gen zu haben.

Nun denn, der Tag ist spät, ich bin müd’. Der SPD lege ich zur Nacht Erich Käs­t­ner ans Herz:

Was auch immer geschieht:
Nie dürft Ihr so tief sin­ken,
von dem Kakao, durch den man Euch zieht,
auch noch zu trinken!

Wer ein biss­chen durch­blickt, liebe SPD, wird mit euch in Zukunft nicht mehr über Inter­net, Demo­kra­tie oder Mei­nungs­frei­heit spre­chen. Hat ja eh kei­nen Zweck. Und auch im Sep­tem­ber wer­den viele Wäh­ler so ihre Schlüsse zie­hen.

So, und nu’ is Schluss mit die­ser Par­tei in die­sem Blog. Wenn die so wei­ter­ma­chen, sind die eh bald nicht mehr rele­vant. Es sei denn, sie brin­gen bis dahin ein SPD-​Schutz-​Gesetz (SPDSchtzG) durchs Par­la­ment. Zuzu­trauen wär’s ihnen…

Schönere Zensur mit der SPD

Ich war heute den gan­zen Tag auf einem Semi­nar und habe inso­fern erst jetzt mit­be­kom­men, dass die SPD mit dem Basis­an­trag gegen die Inter­net­zen­sur unter dem Vor­wand der Kin­der­por­no­gra­fie­be­kämp­fung kur­zen Pro­zess gemacht hat: Der Antrag­stel­ler wurde schlicht ignoriert.

Das war dann wohl ein Vor­ge­schmack auf kom­mende Zei­ten, bloß dass hier einst­wei­len der Par­tei­tags­zen­sur­fil­ter der SPD ein Stopp­schild vor den miss­lie­bi­gen Antrag gesetzt hat.

Mir ist ehr­lich gesagt unklar, wie die SPD das Wort „demo­kra­tisch” in ihrem Namen behal­ten kann, ohne dass den Ver­ant­wort­li­chen dabei die Scha­mes­röte ins Gesicht steigt. Nicht zum ers­ten Mal tritt diese Par­tei demo­kra­ti­sche und frei­heit­li­che Werte mit Füßen und ver­kauft vor Fäul­nis stin­kende „Kom­pro­misse” als rechts­staat­li­che Heils­brin­ger. Naja, viel­leicht erle­ben wir ja wie­der, wie dem­nächst ein Trupp gequäl­ter See­len bit­tere Kro­ko­dils­trä­nen ver­gießt ob des eige­nen Tuns. Wie wär’s denn, Frau Nah­les? Ach nein, Sie sind ja momen­tan damit beschäf­tigt, den super­tol­len Kanz­ler­kan­di­da­ten Ihrer Par­tei in den Him­mel zu loben. Frank-​Walter, oder wie wir, seine Freunde, ihn nen­nen: „Inter­net” Stein­meier, der vor allem damit beschäf­tigt zu sein scheint, Unter­stüt­zer­ur­kun­den zu unter­schrei­ben.

Die SPD stellt also ihre Igno­ranz demo­kra­ti­schen Grund­wer­ten gegen­über mal wie­der ein­drucks­voll unter Beweis, sowohl was die Beschluss­lage betrifft, als auch bezüg­lich des Weges zu die­sen Beschlüs­sen. Bleibt noch eine gewisse Hoff­nung, dass es bei der Lesung im Bun­des­tag zu einem „Stopp­schild für das Stopp­schild” kommt. Viel­leicht ist den Abge­ord­ne­ten die Ver­hin­de­rung einer all­ge­mei­nen Zen­surin­fra­struk­tur ja aber genauso egal wie der SPD-​Parteitagsregie. Dann braucht es wohl ande­rer Mit­tel, den frei­heit­li­chen Grund­wer­ten in Deutsch­land wie­der zum ihnen gebüh­ren­den Platz im poli­ti­schen Sys­tem zu verhelfen.

Rück­grat­lose Weich­eier, alle zusam­men. Ok, immer schön die Con­ten­ance wah­ren. Ich ändere die Zeile in: Alles in allem kein schö­ner Tag für Recht und Frei­heit.

SPD, Internetsperren und Kinderpornos: Doch nichts begriffen

Gerade erst habe ich über die SPD und ihre par­tei­in­ter­nen Fin­dungs­pro­zesse in Sachen Inter­net­sper­ren geschrie­ben. Da lese ich von einem Vor­stands­be­schluss der selbst­er­nann­ten Inter­net­par­tei. Hier wer­den „Nach­bes­se­run­gen” an dem Gesetz gefor­dert. Kon­kret sieht das so aus:

  • Bevor man Inhalte sperrt, soll immer erst ver­sucht wer­den, sie zu löschen. Dazu will man das BKA sogar verpflichten.
  • Die Sperr­liste soll der Kon­trolle durch ein unab­hän­gi­ges Gre­mium unterliegen.
  • Der Daten­schutz muss gewähr­leis­tet sein. Ins­be­son­dere, und das finde ich irgend­wie beson­ders cool, sol­len die Stopp­schild­zu­griffs­da­ten nicht der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung unterliegen.
  • Das Gesetz soll auf drei Jahre befris­tet sein und dann eva­lu­iert werden.

Ist das dreist? Die ver­lan­gen da irgend­wel­che „Ver­bes­se­run­gen”, die nichts, aber auch gar nichts ändern:

  • Noch immer soll es eine Zen­s­ur­liste und damit auch die kom­plette geplante Zen­surin­fra­struk­tur geben.
  • Noch immer soll das BKA zur Zen­sur­be­hörde wer­den, die ohne wirk­same gesell­schaft­li­che Kon­trolle über das deut­sche Inter­net wachen soll.
  • Noch immer wird die Mär ver­brei­tet, es gäbe keine wirk­sa­men Mit­tel gegen „Kinderpornografie”.
  • Noch immer wird das Inter­net als so eine Art „rechts­freier Raum” dar­ge­stellt, in dem „rechts­wid­rige Inhalte beson­ders schnell ver­brei­tet und anonym […] abge­ru­fen wer­den” können.

Falls der SPD-​Vorstand mit die­sem Beschluss die grund­sätz­li­chen Beden­ken der­je­ni­gen zer­streuen wollte, die gegen das Geset­zes­vor­ha­ben sind und z.B. in mitt­ler­weile sechs­stel­li­ger Anzahl die ent­spre­chende Peti­tion gezeich­net haben: Der Kan­di­dat hat null Punkte.

Es wird hier kein ein­zi­ges Stück von dem Vor­ha­ben abge­rückt, eine Zen­surin­frastuk­tur für das deut­sche Inter­net zu schaf­fen. Es wird zudem nach wie vor kei­ner­lei wirk­same Kon­trolle der Zen­so­ren ein­ge­baut. Es wird bei Lichte betrach­tet über­haupt nichts am Kern der von-​der-​Leyenschen Unge­heu­er­lich­kei­ten geän­dert. Das ist doch alles Mist.

Liebe SPD, noch­mal zum mit­mei­ßeln: In eurem Duk­tus ist die Lösung nicht „Erst löschen, dann sper­ren”, son­dern „Löschen statt sper­ren”. Inter­net­sper­ren sind in jeder Form bür­ger­rechts– und grund­ge­setz­wid­rig. Die Sper­rung des Zugriffs ver­hin­dert kei­nen ein­zi­gen Miss­brauch eines Kin­des. Das ist alles schon lang und breit von Men­schen auf­ge­drös­elt wor­den, die höchst­wahr­schein­lich sogar mehr Ahnung vom Inter­net haben als ich — mehr Ahnung als ihr haben die auf jeden Fall.

Ihr habt das alles noch nicht ver­stan­den. Des­halb las­sen wir aber trotz­dem nicht von euch unsere Ver­fas­sung kaputt machen. Von euch nicht!

Hin­weis: Der Vor­stands­be­schluss war sei­ner­zeit unter „www​.spd​.de/​d​e​/​p​d​f​/​0​9​0​6​1​3​_​p​v​b​e​s​c​h​l​u​s​s​.​pdf” ver­füg­bar, ist aber mitt­ler­weile ent­fernt wor­den. Schade.