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Interview mit Jens Seipenbusch im Zivilschein-​Blog/​Jens über das „Junge Freiheit”-Interview von Andreas Popp

Ich möchte kurz auf ein Inter­view mit Jens Sei­pen­busch, Bun­des­vor­sit­zen­der der Pira­ten­par­tei, im Zivilschein-​Blog auf­merk­sam machen. Das Inter­view wurde am Mon­tag auf der Mahn­wa­che anläss­lich der Poli­zei­ge­walt auf der Freiheit-​statt-​Angst-​Demo am Sams­tag geführt. Jens äußert sich aber auch über die Pira­ten­par­tei und die Bun­des­tags­wahl allgemein.

Wir arbei­ten natür­lich nach wie vor an der Fünf-​Prozent-​Hürde, wir geben alles. Der Auf­schwung ist wirk­lich da. In den letz­ten Tagen haben wir noch­mal extrem viel Auf­merk­sam­keit gene­rie­ren und Neu­mit­glie­der gewin­nen kön­nen. Die Mög­lich­keit ist also durch­aus gege­ben, auch wenn es sicher­lich nicht ein­fach wird.

Oh, und wo wir schon dabei sind: In sei­nem eige­nen Blog äußert Jens sich zum Inter­view, das Andreas Popp, der stell­ver­tre­tende Piraten-​Bundesvorsitzende, der Zei­tung „Junge Frei­heit” gege­ben hat. Die Sache ist an mir kom­plett vor­bei­ge­gan­gen, ich bin erst durch Jens Arti­kel dar­auf auf­merk­sam gewor­den. Einige Kreise schei­nen die „Junge Frei­heit” über die Gren­zen des Erträg­li­chen hin­aus rechts im poli­ti­schen Spek­trum ein­zu­ord­nen und miss­bil­li­gen des­halb, dass ein Bun­des­vor­stands­mit­glied der Pira­ten­par­tei dort ein Inter­view gibt. Jens wider­spricht:

Sicher­lich: eine Zusam­men­ar­beit mit rech­ten Par­teien kommt nicht in Frage, auch für mich nicht, genau das hat Andreas Popp ja auch gesagt. Ist es aber die rich­tige Ant­wort, einer Zei­tung nicht die eigene poli­ti­sche Mei­nung dar­zu­le­gen? […] Ich denke bei der Bewer­tung die­ses Inter­views an die Leser der Jun­gen Frei­heit , nicht an die Macher. Wenn wir diese Men­schen nicht für wür­dig befin­den, mit ihnen über Poli­tik zu reden, dann geben wir sie ver­lo­ren. Wenn wir sie zurück­ho­len wol­len ins demo­kra­ti­sche Spek­trum, dann müs­sen wir mit ihnen reden, ihnen klar­ma­chen, warum die rechte Ideo­lo­gie men­schen­feind­lich ist. Sie zu ver­ach­ten, sich von ihnen zu dis­tan­zie­ren, mag den Lin­ken dabei hel­fen, ihre eigene Iden­ti­tät zu defi­nie­ren – in der ange­spro­che­nen Sache ist es eher schädlich.

Gut gebrüllt, Löwe!

DIN-​A5-​Version des Wahlprogramms der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2009

Nach­dem ich immer wie­der nach einer für Bro­schü­ren­druck geeig­ne­ten Ver­sion des Pira­ten­par­tei–Wahl­pro­gram­mes gefragt wor­den bin, habe ich noch­mal Ger­rit van Aaken kon­tak­tiert. Freund­li­cher­weise hat er die sehr schön designte Ver­sion für ein­sei­ti­gen A4-​Druck ent­spre­chend über­ar­bei­tet. Ab sofort gibt es auch eine Ver­sion, die dop­pel­sei­tig und auf die Ziel­größe A5 hin gestal­tet ist. Hier­mit sollte es nun rela­tiv ein­fach sein, das Wahl­pro­gramm auch als form­schöne Bro­schüre zu produzieren.

Wahlprogramm der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2009

Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei zur Bun­des­tags­wahl 2009

Hier also Links auf beide ver­füg­ba­ren Versionen:

Sollte die DIN-​A5-​Version zum pro­fes­sio­nel­len Druck einer grö­ße­ren Auf­lage genutzt wer­den soll, bitte noch­mal Rück­spra­che hal­ten. Ger­rit lie­fert dann, sofern zeit­lich mög­lich, auch gerne eine Ver­sion mit Schnitt­mar­ken nach Maß­gabe der Druckerei.

Piratenpartei: Die größte der kleinen

Wenn man sich die deut­sche Par­tei­en­land­schaft und ins­be­son­dere die Mit­glie­der­zah­len anschaut, dann gibt es ein paar große und einen gan­zen Strauß kleine. Und von die­sen klei­nen ist die Pira­ten­par­tei mitt­ler­weile die größte. Als ich das erste Mal das Mit­glieds­zah­len­ran­king deut­scher Par­teien gese­hen habe, dachte ich mir: „Naja, mehr als die NPD soll­ten wir eigent­lich schon schaf­fen.” Und was soll ich sagen: Mitt­ler­weile haben wir es geschafft.

In der aktu­el­len Liste deut­scher Par­teien nach Größe steht die Pira­ten­par­tei jetzt an sieb­ter Stelle. Vor ihr sind nur noch die in den Par­la­men­ten ver­tre­te­nen Par­teien CDU, SPD, CSU, FDP, Grüne und Linke — samt und son­ders mit wesent­lich älte­ren Wur­zeln als die Pira­ten. Noch vor einem Jahr hät­ten wir in die­ser Liste mit ca. 800 Mit­glie­dern auf Platz 26 gestan­den. Das ist, finde ich, schon eine beacht­li­che Entwicklung.

Lei­der wird es ab jetzt etwas schwie­ri­ger, auf der Liste vor­an­zu­kom­men. Die Grü­nen auf Platz 6 haben immer­hin etwa sechs­ein­halb Mal soviel Mit­glie­der wie die Pira­ten — und danach wird’s nicht bes­ser. Aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut und die Dyna­mik, die ich seit der Euro­pa­wahl kon­ti­nu­ier­lich in der Par­tei­ar­beit erlebe, macht mich mutig: Das Ende der Fah­nen­stange ist noch lange nicht erreicht.

Ulrich Wickert über Nichtwähler und 5,1% für die Piratenpartei: „Das wär’ irre!”

Heute hören wir mal dem Ulrich Wickert zu, der uns in der gest­ri­gen Aus­gabe von „Mar­kus Lanz” im ZDF erklärt, warum es wich­tig ist, wäh­len zu gehen. Als Bei­spiel nimmt er dabei die Pira­ten­par­tei und beschreibt in schö­nen ein­fa­chen Wor­ten, warum eine Stimme für die Pira­ten in kei­nem Fall eine ver­lo­rene Stimme ist:

Ulrich Wickert: Es ist eine demo­kra­ti­sche Pflicht, zu Wahl zu gehen. Wer nicht zur Wahl geht, darf nicht kri­ti­sie­ren. Da bin ich auch ziem­lich humor­los, wenn Sie mir das ver­zei­hen. Wenn Sie sich angu­cken, es haben sich, glaube ich, für diese Bun­des­tags­wahl, es sind, glaube ich, 29 ver­schie­dene Lis­ten zuge­las­sen wor­den, also man kann die Pira­ten­par­tei wäh­len, das Zen­trum, die älteste Par­tei über­haupt oder so wei­ter und so fort.

Die Wäh­ler haben in der Geschichte der Bun­des­re­pu­blik gezeigt, dass sie etwas Poli­ti­sches ver­än­dern kön­nen, indem sie näm­lich lange für eine Par­tei gestimmt haben, von der alle gesagt haben, die wird nie in den Bun­des­tag oder in die Land­tage kom­men, das war eine Par­tei: Die Grü­nen. Und dadurch, dass aber die Wäh­ler plötz­lich die Grü­nen gewählt haben, hat sich das gesamte poli­ti­sche Bild geän­dert, die Par­teien haben sich ver­än­dert und unsere Land­schaft hat sich verändert.

Also sage ich: Wenn ich ein demo­kra­tisch den­ken­der Mensch bin, dann gehe ich wäh­len, und wähle irgend­je­mand, der mög­li­cher­weise die eta­blier­ten Par­teien ärgert. Ich mache jetzt etwas — ent­schul­di­gen Sie — Kaba­ret­tis­ti­sches: Ich sage, die Pira­ten­par­tei bekommt 5,1%. Stel­len Sie sich das mal vor! Was für ein Ent­set­zen bei den eta­blier­ten Par­teien. Aber dann haben die Wäh­ler wirk­lich was bewirkt. Was Ent­setz­li­ches. Ich werde die Pira­ten­par­tei nicht wäh­len, aber das ist nicht das Problem. […]

Ich gehe davon aus, dass wir doch wie­der etwas um die 80% Wahl­be­tei­li­gung haben wer­den. Aber stel­len Sie sich mal vor, von den 20% Nicht­wäh­lern […], die wäh­len nun plötz­lich zu 5,1% die Pira­ten­par­tei. Das wär’ irre!

Und hier das ganze noch­mal zum Zuschauen:

Da bleibt mir eigent­lich nichts mehr hinzuzufügen.

Schmutz im Internet: Warum Ursula von der Leyen den Rechtsstaat falsch versteht

Neues von der Fami­li­en­mi­nis­te­rin. Dem Ham­bur­ger Abend­blatt hat sie ein Inter­view gege­ben und dan­kens­wer­ter­weise wird es dort unter dem Titel „Kampf gegen Schmutz im Inter­net wird ver­schärft” im Wort­laut abge­druckt. Ich beschränke mich mal auf einen ein­zi­gen Auszug:

Doch wir wer­den wei­ter Dis­kus­sio­nen füh­ren, wie wir Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und Men­schen­würde im Inter­net im rich­ti­gen Maß erhal­ten. Sonst droht das groß­ar­tige Inter­net ein rechts­freier Cha­os­raum zu wer­den, in dem man hem­mungs­los mob­ben, belei­di­gen und betrü­gen kann.

Wer auch immer an die gebets­müh­len­ar­tige Beschwö­rungs­for­mel „Netz­sper­ren nur gegen Kin­der­por­no­gra­fie” geglaubt hat — ver­gesst es! Frau von der Leyen berei­tet hier die Öffnung des ganz gro­ßen Fas­ses vor. Mei­nungs­frei­heit, Demo­kra­tie und Men­schen­würde „im rich­ti­gen Maß erhal­ten”. Allein das Welt­bild, das aus die­sem Satz spricht, ist Furcht ein­flö­ßend. Grund­rechte gel­ten in Deutsch­land im und außer­halb des Inter­nets in glei­chem Maße — uni­ver­sell und unver­brüch­lich. Die wohl­de­fi­nier­ten Ein­schrän­kun­gen gel­ten eben­falls all­ge­mein. Frau von der Ley­ens Gerede vom „rich­ti­gen Maß” für die Grund­rechte im Inter­net ist nicht weni­ger als die Abschaf­fung der freiheitlich-​demokratischen Gesell­schaft. Wenn wir erst­mal so weit sind, dass es Mei­nungs­frei­heit nur noch „im rich­ti­gen Maß” gibt, dann sind wir gleich­auf mit China oder dem Iran. Da darf man seine Mei­nung auch frei äußern — solange es die rich­tige ist.

Juris­tisch ver­sier­ter hat das Udo Vet­ter im Law­blog aus­ein­an­der­ge­pflückt. Sein Arti­kel „Die Mei­nungs­frei­heit als Son­der­müll” lässt kein gutes Haar an Ursula von der Ley­ens Ausführungen:

[Frau von der Leyen] nennt kri­mi­nel­les Han­deln, wel­ches bereits heute unter Strafe steht und ver­folgt wird. Dann bringt sie die Men­schen­würde ins Spiel und pos­tu­liert einen Hand­lungs­auf­trag des Staa­tes, der weit über die Ver­hü­tung und Ver­fol­gung von Straf­ta­ten hin­aus­geht. Eine zug­kräf­tige, gleich­wohl aber bil­lige Argu­men­ta­tion […]. Wenn man aber nur noch eine Mei­nungs­frei­heit zulas­sen will, die geschmack­lose, unbe­queme und für ein­zelne schmerz­hafte Inhalte nicht umfasst, sollte man fai­rer­weise nicht mehr von Mei­nungs­frei­heit spre­chen. Von Demo­kra­tie viel­leicht auch nicht mehr.

Ich bin auch noch auf einen älte­ren Arti­kel gesto­ßen, der Ursula von der Ley­ens gedank­li­ches Umfeld ein wenig beleuch­tet. Die „World Socia­list Web Site” ist zwar sicher­lich kein Hort neu­tra­len Jour­na­lis­mus (viel­mehr dürfte es sich dabei, wenn ich den Wiki­pe­diaar­ti­kel rich­tig ver­stehe, um ein K-​Gruppensprachrohr han­deln), aber der zweite Teil eines bereits 2006 erschie­nen Arti­kels über Ursula von der Leyen und das Eltern­geld las­sen auf­hor­chen. Unter dem Titel „Soziale Umver­tei­lung auf brau­ner Hefe” heißt es da:

„Die Volks­herr­schaft”, schnaubt Albrecht, [ehe­ma­li­ger Minis­ter­prä­si­dent von Nie­der­sach­sen und Vater von Ursula von der Leyen, in sei­nem 1976 erschie­nen Buch „Der Staat — Idee und Wirk­lich­keit, Grund­züge einer Staats­phi­lo­so­phie”,] „vor allem die unmit­tel­bare, ist wesens­mä­ßig so gear­tet, dass die Ent­schei­dung nicht durch die Ein­sicht der Ein­sich­ti­gen, son­dern durch das durch­schnitt­li­che Maß an Ein­sicht bestimmt wird, das der Mehr­heit eig­net.” Sowieso sei „der Mas­sen­mensch ohne rechte Seins­mitte”, meinte der spä­tere Minis­ter­prä­si­dent erkannt zu haben. „Er erscheint des­halb blass, farb­los, ja im geis­ti­gen Sinne gestaltlos.” […]

Albrechts Toch­ter Ursula, damals [im Jahr 1990 als Albrecht in Nie­der­sach­sen abge­wählt wurde] 31 Jahre alt, emp­fand die Abwahl ihres Vaters durch das Wahl­volk als einen üblen Affront der Straße. „Schwei­ne­rei, so nicht, dach­ten wir Kin­der und sind in die CDU ein­ge­tre­ten”, sagte sie ein­mal der Presse. Ihr Vater sei ihr heute „ein wun­der­ba­rer Rat­ge­ber”. Beide ver­eine eine gemein­same Grund­über­zeu­gung, die geprägt sei von einem christ­li­chen Men­schen– und tra­di­tio­nel­lem Fami­li­en­bild, von ehren­amt­li­chem Enga­ge­ment und der Hal­tung, dass jeder sei­nes Glü­ckes Schmied sei und der Staat nicht alles regeln kann und soll. (Tages­zei­tung, 3. März 2003)

Ursula von der Ley­ens Ein­las­sun­gen zum Thema Inter­net sind und blei­ben von einem fun­da­men­ta­len Unver­ständ­nis geprägt. Dies ver­mischt sich aber zuneh­mend mit so einer Art Heils­brin­ger­tum, zu dem sie sich beru­fen zu füh­len scheint. Ins­ge­samt eine beun­ru­hi­gende Mischung und ein Grund mehr, dafür zu sor­gen, dass diese Frau nach dem 27. Sep­tem­ber kei­nen Minis­ter­pos­ten mehr hat. Das ist bes­ser für sie, ihre Fami­lie — und für Deutschland.

Piratenpartei auf dem Fährmannsfest in Hannover: Voller Erfolg

In Han­no­ver fin­det all­jähr­lich das Fähr­manns­fest statt — direkt am Rande von Linden-​Nord, süd­lich des Faust-​Geländes beim Zusam­men­fluss von Leine und Ihme. Neben einem auch über­re­gio­nal bedeut­sa­men Musik­fes­ti­val — die­ses Jahr tritt zum Bei­spiel Schand­maul auf — hat dies viel von einem Stadt­teil­fest mit Ver­kaufs­stän­den, Kin­der­zir­kus und ande­ren Angeboten.

Auch Stände von poli­ti­schen Par­teien gehö­ren zum Pro­gramm. Und das ließ sich die Pira­ten­par­tei — frisch zuge­las­sen zur Bun­des­tags­wahl 2009 — natür­lich nicht ent­ge­hen. An bei­den Tagen, sowohl Sams­tag als auch Sonn­tag, stand unser Invo­pa­vil­lon gut sicht­bar im Ein­gangs­be­reich — und wurde flei­ßig besucht. Mit sie­ben Pira­ten stan­den wir dort Rede und Ant­wort, haben T-​Shirts und But­tons ver­kauft sowie Bon­bons unters Volk gebracht — sowie meh­rere hun­dert Flyer der Nord­pi­ra­ten und vom Lan­des­ver­band Nie­der­sach­sen. Inter­esse und Zustim­mung waren erstaun­lich hoch, viele Leute hat­ten schon­mal von uns gehört und woll­ten uns jetzt mal „live” sehen. Ich habe selbst viele Gesprä­che geführt, die über unser gesam­tes The­men­spek­trum gin­gen, von Daten­schutz bis Bio­pa­tente, von freier Bil­dung bis Vor­rats­da­ten­spei­che­rung. Von wegen „nur ein Thema” oder „Inter­net­par­tei”!

Auch am Sams­tag abend um vier­tel nach Sie­ben, die Tages­be­su­cher waren lang­sam dabei, das Gelände zu ver­las­sen und das Feld den eigent­lich eher an Musik inter­es­sier­ten Fes­ti­val­be­su­chern und ins­be­son­dere Schandmaul-​Fans zu über­las­sen, erfreute sich unser Stand noch regen Zuspruchs:

Piratenpartei auf dem Fährmannsfest 2009 in Hannover

Pira­ten­par­tei auf dem Fähr­manns­fest 2009 in Hannover

Andere hat­ten da schon längst das Feld geräumt:

Infostand einer anderen politischen Partei auf dem Fährmannsfest

Info­stand einer ande­ren poli­ti­schen Par­tei auf dem Fährmannsfest

Alles in allem eine sehr erfreu­li­che Erfah­rung auf einer gelun­ge­nen Ver­an­stal­tung in einem zuge­ge­be­ner­ma­ßen auf­ge­schlos­se­nen Umfeld. Sowas darf es gerne öfter geben.

Unerträgliche Leichtigkeit: Matthias Güldner versteht den Rechtsstaat falsch

Ich muss mal wie­der eine Poli­ti­ke­r­äu­ße­rung in die­sem schö­nen Blog auf­grei­fen. Dies­mal vom Vor­sit­zen­den der Frak­tion der Grü­nen in der Bür­ger­schaft in Bre­men, Mat­thias Güld­ner. Herr Güld­ner äußerte sich am gest­ri­gen Sonn­tag (in einem mitt­ler­weile nicht mehr online ver­füg­ba­ren Arti­kel) in der Welt zum Thema Inter­net­sper­ren. Inter­es­sant ist dabei die Ein­stel­lung, die er zur poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung all­ge­mein an den Tag legt:

Es geht [bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Inter­net­sper­ren] viel­mehr knall hart [sic!] um Defi­ni­ti­ons­macht in Zei­ten der Vir­tua­li­sie­rung der Welt. Ihre Anhän­ger kämp­fen mit hoch effek­ti­ven Mit­teln für die Rechts­frei­heit ihres Raumes.

Eine fal­sche Behaup­tung und eine üble Unter­stel­lung. Bei der gan­zen Netz­sper­ren­dis­kus­sion geht es nicht um „Defi­ni­ti­ons­macht”. Es geht um die Frei­heit des Ein­zel­nen und die ver­fas­sungs­wid­rige Ein­füh­rung staat­li­cher Zen­sur, zumal noch im Gehei­men und unüber­prüf­bar. Dann wäre das Inter­net näm­lich der viel­be­schwo­rene „rechts­freie Raum”, in dem der Staat ohne Rück­sicht auf die demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung Infor­ma­tio­nen belie­big unter­drü­cken und Mei­nungs­kon­trolle betrei­ben kann. Herr Güld­ner hat offen­sicht­lich über­haupt nicht ver­stan­den, wie Kom­mu­ni­ka­tion heute funk­tio­niert und mit welch ein­fa­chen Mit­teln sie sich aus­he­beln lässt.

Wer sich in ihre Schein­welt ein­mi­schen will, wird mit Mas­sen­pe­ti­tio­nen per Maus­klick weggebissen.

Aha. Das hält der Herr Güld­ner also von demo­kra­ti­scher Mei­nungs­äu­ße­rung und Mit­be­stim­mung. Ein erschre­cken­des Welt­bild. Aller­dings passt dazu, dass er hier geheime Sperr­lis­ten befür­wor­tet und auch ansons­ten mehr­mals in sei­nem Text die Grenze zur wüs­ten Pole­mik deut­lich überschreitet.

Wer Ego-​Shooter für Unter­hal­tung, Face­book für rea­les Leben, wer Twit­ter für reale Poli­tik hält, scheint davon aus­zu­ge­hen, dass Gewalt keine Opfer in der Real­welt for­dert. Anders kann die igno­rante Argu­men­ta­tion gegen die Inter­net­sper­ren gar nicht erklärt werden.

Igno­rant ist hier höchs­tens die­ser Ver­such einer Argu­men­ta­tion. Jeder ein­zelne Absatz auf der Web­seite des AK Zen­sur ist fun­dier­ter als ein kom­plet­ter Vor­trag jedes ein­zel­nen Netz­sper­ren­be­für­wor­ters. Neben der Frei­heit der Kom­mu­ni­ka­tion ist ein zen­tra­les Anlie­gen der Netz­sper­ren­geg­ner der Opfer­schutz. Die gera­dezu kin­des­miss­brauch­be­schüt­zen­den Aus­wir­kun­gen des Zen­sur­ge­set­zes sind ja einer der Haupt­kri­tik­punkte der­je­ni­gen, die Ahnung von der Mate­rie haben.

Auch wird behaup­tet, das Gesetz nütze nichts gegen Kin­der­por­no­gra­phie. Jeder weiß, dass es kein All­heil­mit­tel ist. Aber in Skan­di­na­vien wur­den schon posi­tive Erfah­run­gen mit ver­gleich­ba­ren Geset­zen gemacht.

Genau! In Finn­land ist zum Bei­spiel schon 2008 sehr posi­tiv auf­ge­fal­len, dass etwa 99% der Inhalte der Sperr­lis­ten nichts mit Kin­der­por­no­gra­fie zu tun hat­ten (eng­lisch­spra­chige Ori­gi­nal­quelle). Das klingt nach einem her­vor­ra­gen­den Mecha­nis­mus. Anschlie­ßend haben übri­gens 12.000 begeis­terte Fin­nen eine von die­sen bösen Mas­sen­pe­ti­tio­nen unter­schrie­ben, die den Rück­tritt der Minis­te­rin forderten.

Ich habe mich an die­ser Stelle gefragt, warum Mat­thias Güld­ner die­sen und ande­ren — mit Ver­laub — Quatsch schreibt. Die Ant­wort lie­fert der letzte Absatz sei­nes Pamphlets:

Teile der Grü­nen – fas­zi­niert von den Mög­lich­kei­ten der vir­tu­el­len Mobi­li­sie­rung und hin­ge­ris­sen von ihrem eige­nen Get­wit­ter – erken­nen, dass unsere Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen eine hohe Affi­ni­tät zu Men­schen­rechts­fra­gen haben, erst recht wenn Kin­der die Opfer sind. Unser Umfeld kommt zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil aus den erzie­hen­den Beru­fen, ist selbst Mut­ter oder Vater. Die Inter­net­sper­ren haben Umfra­gen zu Folge bei ihnen eine hohe Popularität.

Güld­ner rich­tet sich nach innen. Zu sei­nen Mit­grü­nen. Weil so viele Mamis und Papis das zen­sierte Inter­net toll fin­den, müs­sen die Grü­nen auch dafür sein. Bloß denen nicht erklä­ren, warum die Netz­sper­ren kein biss­chen hel­fen und dass ihre — weit­ge­hend irra­tio­nale — Angst um die eige­nen Kin­der hier skru­pel­los selbst miss­braucht wird. Zum Glück dürf­ten auch die meis­ten Anhän­ger der Grü­nen nicht so unin­for­miert sein für wie Herr Güld­ner sie hier hal­ten will.

Der poli­ti­sche Makel, mehr auf den Trend gesetzt zu haben als auf die Bekämp­fung rea­ler Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, würde dage­gen lange haf­ten bleiben.

Wenn der „Trend” hier „will­kür­li­che staat­li­che Zen­sur und ver­fas­sung­wid­rige Gesetze” und die „Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen” das „Recht auf freie Infor­ma­tion und Mei­nungs­äu­ße­rung” sind, dann stimmt der Satz sogar. Er war aber anders gemeint. Und das finde ich erschreckend.

Das sind also die Grü­nen 2009. Oppor­tu­nis­tisch, obrig­keits­staat­lich, ohne Ahnung. Viel­leicht ver­tritt Herr Güld­ner hier nur eine Ein­zel­mei­nung und das beängs­ti­gende Bild wird in den nächs­ten Tagen von der Bun­des­ebene oder ande­ren Grü­nen wie­der gerade gerückt. Viel­leicht ist das aber auch der erste Test­bal­lon, wie weit man die Basis zu CDU-​Positionen tra­gen kann. Ursula, Wolf­gang und Angela wer­den es inter­es­siert zur Kennt­nis nehmen.

Und euch hab’ ich mal gewählt! Was bin ich froh, dass es auf dem Wahl­zet­tel eine Alter­na­tive gibt.

Bei der CDU ist Kindesmissbrauch momentan nicht strafbar, oder wie?

Aus einem Flug­blatt zum Regie­rungs­pro­gramm der CDU:

Es darf nichts unver­sucht blei­ben, ins­be­son­dere unsere Kin­der mit allen recht­staat­lich [sic!] zuläs­si­gen Mög­lich­kei­ten zu schüt­zen. Wir wol­len den Kin­des­miss­brauch grund­sätz­lich wie­der als Ver­bre­chen bestrafen.

Man halte ein­fach nur §1631 BGB, §225 StBG oder §177 StGB dage­gen um klar zu erken­nen, dass die impli­zite Aus­sage, Kin­des­miss­brauch würde momen­tan grund­sätz­lich nicht als Ver­bre­chen bestraft, hane­bü­che­ner Blöd­sinn ist. Es blei­ben eigent­lich nur drei Mög­lich­kei­ten, die­sen Aus­zug zu deuten:

  1. Die CDU möchte bei Kin­des­miss­hand­lun­gen den Grund­satz „Hilfe statt Strafe” abschaf­fen, der staat­li­chen Stel­len eini­gen Ermes­sens­spiel­raum bei der Ver­fol­gung von Kin­des­miss­hand­lun­gen, vor allem im fami­liä­ren Bereich, gibt. Das würde zwar zu der obrig­keits­staat­li­chen Atti­tüde unse­rer Fami­li­en­mi­nis­te­rin pas­sen, wäre aber mal wie­der ein Schritt weg von den gesell­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten der letz­ten 40 Jahre.
  2. Es geht nicht wirk­lich um Kin­der­schutz. Die CDU hat bloß mal wie­der ein paar mar­kige Worte fal­len las­sen wol­len. Und wenn dabei der Rechts­staat in Frage steht, kommt der Ver­weis auf „irgend­was mit Kin­dern” immer beson­ders gut. Das würde auch erklä­ren, warum der krude Satz aus­ge­rech­net in einem Blatt über „Innere Sicher­heit” auftaucht.
  3. Auf dem Papier waren noch zu viel weiße Stel­len und der Prak­ti­kant hat ein­fach fröh­lich drauflosfabuliert.

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass der CDU Chan­cen ein­ge­räumt wer­den, nach der Wahl die größte Frak­tion zu stel­len, weiß ich nicht, wel­che die­ser drei Erklä­run­gen mich am meis­ten beunruhigt…

Zum Glück gibt’s am 27. Sep­tem­ber ja auch Alter­na­ti­ven: Pira­ten­par­tei wäh­len!

Zulassung der Piratenpartei zur Bundestagswahl

Heute läuft die Frist ab, bis zu der bei den Lan­des­wahl­lei­tern die Unter­stüt­zer­un­ter­schrif­ten für die Pira­ten­par­tei abge­ge­ben wer­den kön­nen. Nur in den Bun­des­län­dern, in denen eine aus­rei­chende Anzahl an Unter­schrif­ten (1 Pro­mille der Bevöl­ke­rung, höchs­tens aber 2000 pro Bun­des­land) ein­ge­reicht wird, kann die Lan­des­liste der Par­tei zuge­las­sen wer­den. Eine andere wich­tige Hürde hat die Pira­ten­par­tei aber schon genom­men: Am Frei­tag wurde sie zur Bun­des­tags­wahl zuge­las­sen. Und weil’s so schön ist, hier der ent­schei­dende Aus­schnitt aus der Sit­zung des Bun­des­wahl­aus­schus­ses:

Beson­ders schön finde ich die posi­tive Grund­stim­mung auf allen Sei­ten und die Freund­lich­keit, mit der unser Vor­stand­spi­rat Aaron „wie der ‚König’, nur mit o-​e” Koe­nig die Anzahl von Lan­des­ver­bän­den und Mit­glie­dern kor­ri­giert. ;-)

Jörg Schönenborn über die Wahlchancen der Piratenpartei

Jörg Schö­nen­born dürfte vie­len Mit­le­sern als der „Mann der Zah­len” bei der ARD-​Wahlberichterstattung bekannt sein. Wenn am Wahl­abend die bun­ten Sta­tis­ti­ken über den Schirm lau­fen, erklärt er die Zahlen.

Eben die­ser Jörg Schö­nen­born hat sich heute mor­gen auf dem Tagesschau-​Internetportal über die Wahl­chan­cen der Pira­ten­par­tei geäu­ßert. Kurz­zu­sam­men­fas­sung: Ein Errei­chen der 5%-Hürde hält er für äußerst unwahr­schein­lich. Er sieht, dass die Pira­ten­par­tei in ein Vakuum hin­ein­stößt und poli­ti­sche For­de­run­gen erhebt, die sich bei kei­ner ande­ren Par­tei fin­den. Inso­fern zieht sie eine bestimmte Kli­en­tel an (näm­lich die inter­netaf­fi­nen Män­ner unter 35), hat jedoch Schwie­rig­kei­ten, in andere Gesell­schafts­schich­ten vor­zu­sto­ßen. Außer­halb von Inter­net­fo­ren und Blogs ist die Par­tei bis­her noch kaum wahr­nehm­bar, so Schönenborn.

Inso­fern ent­hält die­ses Inter­view auch viele Hin­weise auf Haus­auf­ga­ben, die die Pira­ten noch zu leis­ten haben, wenn sie Erfolg bei den Wah­len haben wol­len. Packen wir’s an!