Tags Archiv für 'bundestagswahl'

2% für die Piratenpartei und ein historisches Wahlergebnis — Betrachtungen zur Bundestagswahl aus Hannover

So, nun ist die Bun­des­tags­wahl vor­bei. „End­lich,” wer­den viele sagen. Zuge­ge­ben: Ich auch. Die letz­ten Wochen waren anstren­gend. Und die letzte Woche war dann auch noch men­tal auf­rei­bend. Als Spit­zen­kan­di­dat in Nie­der­sach­sen mur­melte da häu­fi­ger mal diese leise Stimme im Hin­ter­kopf: „Dirk, wenn das wider Erwar­ten doch über 5% geht für die Pira­ten­par­tei, dann sitzt du im Bun­des­tag. Ahnst du eigent­lich, was sich dann alles ändert?”

Nun, zumin­dest die­ses Pro­blem habe ich auf abseh­bare Zeit nicht. Wie von den Mei­nungs­for­schern — und auch von eini­gen von mir hoch­ge­schätz­ten Men­schen in mei­nem per­sön­li­chen Umfeld — vor­her­ge­sagt, haben wir die 5% nicht geschafft. 2% sind es gewor­den, und das ist bemer­kens­wert genug:

  • Die Pira­ten­par­tei setzt ihre Ach­tungs­er­folge mit stei­gen­der Ten­denz fort, wir haben das Ergeb­nise der säch­si­schen Land­tags­wahl hal­ten und sogar leicht zule­gen können.
  • Bun­des­weit sind die Pira­ten die größte Par­tei, die nicht im Bun­des­tag ver­tre­ten ist.
  • In abso­lu­ten Zah­len haben fast 800.000 Men­schen in Deutsch­land der Pira­ten­par­tei ihre Stimme gegeben.
  • Durch Über­sprin­gen der 1%-Hürde sind wir auch auf Basis der Bun­des­tags­wahl in der Parteienfinanzierung.

Ich weiß, dass viele, ins­be­son­dere viele Pira­ten, mit einem bes­se­ren Ergeb­nis gerech­net hat­ten. Bei unse­rer Stamm­tisch­wette am Frei­tag haben wohl fast alle auf ein 5%-plus-x-Ergebnis gesetzt, ich übri­gens auch (aber mal ehr­lich: Ein Spit­zen­kan­di­dat, der nicht auf den Ein­zug in den Bun­des­tag setzt, ist ja irgend­wie unglaub­wür­dig…). Das ist es nun nicht gewor­den, aber ich denke, wir haben kei­nen Grund, dar­über trau­rig zu sein. Im Gegen­teil hat die Pira­ten­par­tei bereits jetzt ver­dammt viel bewirkt:

  • Ohne uns hät­ten im Wahl­kampf die Inter­net– und Bür­ger­rechts­the­men erneut keine Rolle gespielt.
  • Wir haben Men­schen in die Poli­tik gebracht, die dies vor­her aus Frust über die übri­gen Par­teien abge­lehnt hatten.
  • Wir haben einen sehr enga­gier­ten, an Inhal­ten ori­en­tier­ten Wahl­kampf geführt.
  • Wir hat­ten bei unse­rer gan­zen poli­ti­schen Arbeit jede Menge Spaß — und konn­ten die­sen auch nach außen vermitteln.

Ich bin mir sehr sicher, dass die FDP nicht so viele Stim­men bekom­men hätte, wären wir nicht da gewe­sen und hät­ten einige der The­men wesent­lich bes­ser beackert, für die die FDP sich tra­di­tio­nell zustän­dig fühlt, ins­be­son­dere im Bereich Daten­schutz und Bür­ger­rechte. Viel­leicht gibt es sei­tens der all­wis­sen­den Wahl­for­scher ja mal eine Auf­schlüs­se­lung, wel­cher Anteil von FDP-​Wählern sich eigent­lich eher bei den Pira­ten hei­misch gefühlt hat, aus irgend­wel­chen Grün­den dann aber lie­ber doch FDP gewählt hat. Ich denke, das sind so einige.

Über­haupt, das Wahl­er­geb­nis außer­halb des Pirat­en­er­geb­nis­ses. Ja, da gibt es auch span­nende Dinge. Zum Bei­spiel, dass FDP, Linke und Grüne alle zwei­stel­lige Pro­zent­zah­len und zusam­men deut­lich mehr als 1/​3 der Wäh­ler­stim­men bekom­men haben. Das zweite Drit­tel geht an die CDU und den Rest tei­len sich SPD und „die Ande­ren”. Zwar nicht zu glei­chen Tei­len, aber ich kann mich nicht erin­nern, bei einer Bun­des­tags­wahl jemals von 11,3 Pro­zent­punk­ten Ver­lust für eine ein­zelne Par­tei gehört zu haben. Mit gerade noch etwas mehr als 1/​5 der Wäh­ler­stim­men ist die SPD mas­siv beschnit­ten wor­den und ist von der Größe jetzt näher an der FDP als an der CDU. Das finde ich äußerst bemerkenswert.

Wir wer­den nun wohl also eine CDU-​CSU-​FDP-​Regierung bekom­men. Zuletzt hat­ten wir das, die älte­ren wer­den sich erin­nern, 1998, in dem Jahr, als Ger­hard Schrö­der Kanz­ler wurde. Aber diese Koali­tion wird anders sein als die dama­lige, das sieht man schon daran, dass die FDP stär­ker als die CSU ist, die in Bay­ern nun­mehr nur noch 41% der Wäh­ler­stim­men bekom­men hat. Das Ende der Ära der all­ge­gen­wär­ti­gen CSU in Bay­ern geht wei­ter und man darf gespannt sein, wann für sie die 5%-Hürde bei bun­des­wei­ten Wah­len erst­mals Thema wird.

Dies­mal war es noch nicht so weit. Trotz­dem ist diese „Mitte-Rechts”-Koalition mei­nes Erach­tens ein gutes Ergeb­nis. Das selbst­herr­li­che, bür­ger– und fak­ten­ferne Rum­wursch­teln der gro­ßen Koali­tion gehört damit — hof­fent­lich — der Ver­gan­gen­heit an. Und anders als die SPD hat die FDP sich im Wahl­kampf ja durch­aus zu Bürger-​, Frei­heits– und Grund­rech­ten bekannt. Es besteht also weni­ges­tens ein biss­chen Hoff­nung, dass das ver­fas­sungs­feind­li­che Trei­ben eines Wolf­gang Schäu­ble oder einer Ursula von der Leyen keine Fort­set­zung fin­den kann. Bri­gitte Zypries wird sich nun auch ein neues Betä­ti­gungs­feld suchen müs­sen, noch eine gute Nach­richt an die­sem Abend. Immer­hin war diese Soft­ware­pa­ten­tagi­ta­to­rin mir noch aus mei­ner poli­tisch akti­ven Vor-​Piraten-​Zeit in schlech­ter Erin­ne­rung und ist eine der dienst­äl­tes­ten Minis­te­rin­nen in Deutsch­land über­haupt gewe­sen — sie hat soger den Regie­rungs­wech­sel von 2005 überstanden…

Und wenn die FDP das mit den Bür­ger­rech­ten wie­der ver­gisst, so wie aktu­ell in Sach­sen, wo sie irgend­wel­chen Tro­ja­ner­wan­zen auf PCs zur Tele­fon­über­wa­chung zustim­men will, dann wer­den wir sie an die­ses Thema erin­nern. Und zwar sehr deut­lich. Was mich wie­der zu den Pira­ten zurückbringt.

Hier in Han­no­ver haben wir eine rich­tig schöne Wahl­party ver­an­stal­tet. So 70 – 80 Leute wer­den wohl da gewe­sen sein, das Zwi­schen­zeit hat mit gro­ßem Enga­ge­ment das Schmü­cken der Räume unter­stützt und mit einer gelun­ge­nen Karte für das leib­li­che Wohl aller Anwe­sen­den gesorgt. Mit einem Fern­se­her und zwei Com­pu­tern mit Bea­mern und Inter­net­an­schluss waren wir zudem immer am Puls der ein­tru­deln­den Wahl­er­geb­nisse, und nach­dem wir die Sei­ten mit den Wahl­er­geb­nis­sen für Stadt und Umland von Han­no­ver gefun­den hat­ten, gab es auf Zuruf auch stets einen Blick auf den aktu­el­len Stand der Dinge.

In Hannover-​Stadt haben die Pira­ten übri­gens über­durch­schnitt­li­che 2,8% erreicht, dabei in Lin­den 5,2% und in der Nord­stadt sogar 6,5%. Im Umland sind wir mit 1,9% genau im Schnitt. Und, mir per­sön­lich eines der wich­tigs­ten Resul­tate: Ursula von der Leyen hat ihr Direkt­man­dat nicht bekom­men, Hannover-​Süd ging an die SPD. Ins­ge­samt war die Stim­mung so den gan­zen Abend gut und der Grund­ge­danke, dass wir auf einem guten Weg sind und enga­giert und mit Spaß Poli­tik machen wol­len. „Die­ses Mal waren wir die größte der klei­nen Par­teien, nächs­tes Mal sind wir min­des­tens die kleinste der großen!”

Genau die­ser Blick in die Zukunft beherrschte die Dis­kus­sion am spä­te­ren Abend. Das heu­tige Wahl­er­geb­nis ist kein Grund zur Trauer, wir haben es alle gemein­sam viel­mehr als Ansporn für die Zukunft gese­hen. Für Nie­der­sach­sen heißt diese Zukunft zunächst mal „Par­tei­tag”, und der fin­det Ende Novem­ber statt. Bis dahin wol­len wir die Dis­kus­sion um die zukünf­tige Struk­tur unter­halb des Lan­des­ver­ban­des ent­schei­dend vor­an­brin­gen, damit end­lich auch die orga­ni­sa­to­ri­sche Basis dem ful­mi­nan­ten Mit­glie­der­zu­wachs folgt. Mir per­sön­lich ist es zudem sehr wich­tig, dass wir rela­tiv zügig kleine haupt­amt­li­che Struk­tu­ren für die grund­le­gens­ten admi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben wie Mit­glie­der­ver­wal­tung, Akti­ven­ko­or­di­na­tion, Mate­rial­or­ga­ni­sa­tion und Finanz­ver­wal­tung aufbauen.

Fazit: Sicher­lich, so ganz tief drin hätte ich mir natür­lich ein bes­se­res Ergeb­nis und die 5% gewünscht — trotz der gewal­ti­gen Aus­wir­kun­gen, die das auf mich per­sön­lich und mein enge­res Umfeld gehabt hätte. Aber blei­ben wir rea­lis­tisch: Die Pira­ten sind immer noch ganz am Anfang und haben einen Groß­teil der Bevöl­ke­rung noch gar nicht erreicht. Das muss sich ändern, und genau dafür haben wir mit dem heu­ti­gen Ergeb­nis beste Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen. Wenn ich jetzt gleich den wohl­ver­dien­ten Schlaf suche (wie häu­fig ist die­ser Arti­kel bereits vor­ge­schrie­ben und wird dann erst spä­ter auto­ma­tisch ver­öf­fent­licht), werde ich wohl das erste Mal seit zwei Wochen wie­der ganz ruhig ein­schla­fen. Und ab mor­gen geht’s dann in die Zukunft der Pira­ten­par­tei. Dann heißt es wie­der: Mit vie­len enga­gier­ten, moti­vier­ten und unglaub­lich net­ten Men­schen zusam­men Poli­tik gestalten.

Ich freu mich drauf.

Wählen gehen!

So, der letzte Tag vor der Bun­des­tags­wahl 2009 ist vor­bei. Am Wahl­tag ist Wahl­wer­bung nicht gern gese­hen, des­halb wird auch die­ses Blog den Sonn­tag über zumin­dest bis 18:00 Uhr auf poli­ti­sche Berichte ver­zich­ten. Ich weise noch­mal auf die Wahl­party der Pira­ten in Han­no­ver am Sonn­tag ab 17:00 Uhr hin und schließe meine gesam­mel­ten poli­ti­schen Betrach­tun­gen der letz­ten Monate mit einem ein­fa­chen Auf­ruf ab: Geht Wäh­len!

Auf der Zielgeraden/​Nachtrag zu Ursula von der Leyen

Es ist der letzte Tag vor der Wahl. Ich bin gleich noch­mal in der han­no­ver­schen Innen­stadt zur Bür­ger­in­for­ma­tion. Der han­no­ver­sche Pira­ten­par­tei–Stamm­tisch war ges­tern mit etwa 45 Pira­ten und Inter­es­sen­ten wie­der sehr gut besucht. Akute Über­fül­lung ließ sich nur des­halb ver­mei­den, weil Jür­gen mit neun Mit­strei­tern in einer Spon­ta­n­ak­tion Her­ren­hau­sen mit Fly­ern versorgte.

Die kleine Dele­ga­tion, die letz­ten Sams­tag Ursula von der Leyen auf dem Linde­ner Markt­platz besucht hat, hat wohl übri­gens indi­rekt einen wei­te­ren Erfolg gehabt: Eigent­lich hätte Frau von der Leyen die­sen Sams­tag noch­mal auf dem Wochen­markt vor­bei­schauen wol­len, zumin­dest war das so ange­kün­digt. Ges­tern abend hieß es aber, dass sie aus unge­nann­ten Grün­den dar­auf ver­zich­ten wolle. Viel­leicht auch bes­ser: Ein zwi­schen­zeit­lich ver­öf­fent­lich­ter wei­te­rer Bericht vom Besuch wirft kein gutes Licht auf Frau von der Leyen und ihre Umgangs­for­men — aller­dings auch nicht auf die eini­ger ihrer Parteifreunde.

Ansons­ten hat das Innen­mi­nis­te­rium ja ges­tern — und damit dan­kens­wer­ter­weise schon vor der Wahl — ver­laut­ba­ren las­sen, wie man sich das mit dem Grund­rech­te­ab­bau und Über­wa­chungs­auf­bau nach der Wahl so vor­stellt. Und auch auf die FDP als Bür­ger­rechts­ga­rant kann man sich nicht ver­las­sen — nicht Neues, nur nett, dass wir das so kurz vor der Wahl noch­mal plas­tisch vor Augen geführt bekom­men. Aber noch kann man das ja ganz ein­fach ver­hin­dern, zum Bei­spiel indem man den Änder­ha­ken setzt.

Des­halb möchte ich abschlie­ßend noch auf die Wahl­kampf­schluss­be­trach­tun­gen von Jens Sei­pen­busch in sei­nem Blog hin­wei­sen. Er hat den Arti­kel zwar mit „Sub­jek­ti­ves zur Kon­kur­renz” über­schrie­ben, aber zumin­dest deckt sich sein sub­jek­ti­ver Ein­druck so weit mit mei­nem sub­jek­ti­ven Ein­druck, dass ich ein­fach nur zu ihm ver­wei­sen brau­che um zu begrün­den, warum ich mor­gen die Pira­ten wähle.

h1-​Interview zur Piratenpartei online

Die Sen­dung „0511/tv.lokal” des han­no­ver­schen Lokal­fern­seh­sen­ders „h1” vom 2009-​09-​23 ist jetzt auch online abruf­bar. Etwa ab Minute 1:00 fin­det sich der Bei­trag zur Piratenpartei.

0511/tv.lokal vom 2009-09-23

0511/tv.lokal vom 2009-​09-​23

Einladung zur Piratenpartei-​Wahlparty in Hannover

Wenn du noch nicht weißt, was du am Sonn­tag abend nach dem Wäh­len machst: Ab 17:00 Uhr steigt die Pira­ten­par­tei–Wahl­party. Und zwar in unse­rer lang­jäh­ri­gen Stamm­tisch­lo­ka­li­tät in Han­no­ver, dem Cafe und Restau­rant Zwi­schen­zeit in der Schau­fel­der Straße 11 in der Nord­stadt in Han­no­ver. Zu errei­chen mit der Stadt­bahn 6 oder 11 oder den Bus­li­nien 100/​200, Sta­tion „Koper­ni­kus­straße”. Park­plätze dürfte es in aus­rei­chen­der Zahl auf dem Uni­park­platz an der Straße „Schnei­der­berg” geben.

Lageplan des "Zwischenzeit" in der Schaufelder Straße, Kartenbasis: OpenStreetMap, CC-BY-SA

Lage­plan des Zwi­schen­zeit in der Schau­fel­der Straße, Kar­ten­ba­sis: Open­Street­Map, CC-​BY-​SA

Kein Wahl­er­geb­nis der Welt wird uns die gute Stim­mung ver­mie­sen und nichts wird uns davon abhal­ten, nach vie­len Wochen Wahl­kampf end­lich mal zu fei­ern und tief durch­zu­at­men. Es wird Bea­mer, Fern­se­her und WLAN geben, wir pla­nen auch Live­schal­tun­gen zu ande­ren Pira­ten­par­tys — nicht nur in Han­no­ver wird gefei­ert werden.

Alle Pira­ten, Freunde, Bekannte und Sym­pa­thi­san­ten sind herz­lich auf­ge­for­dert, mit uns zu fei­ern. Für Speis’ und Trank sorgt das Zwi­schen­zeit mit einer spe­zi­el­len Karte für die­sen Abend, die die bekannt hohe Qua­li­tät mit — wie wir fin­den — sehr fai­ren Prei­sen ver­bin­det. Das Lokal öff­net an die­sem Abend nur für uns, Platz ist also genug.

Wir freuen uns über jeden, der gute Stim­mung mit­bringt und mit uns fei­ern will!

h1-​Bericht über die Piratenpartei vorgezogen auf JETZT

Mich hat vor­hin die Kunde erreicht, dass h1 den Bericht über die Pira­ten­par­tei vor­ge­zo­gen hat, und zwar auf heute, 18:45 Uhr. Also: Wen es inter­es­siert, rein­schauen!

Bericht im heute-​journal vom 2009-​09-​21 über die Piratenpartei

Das heute-​journal des ZDF brachte ges­tern einen dreieinhalb-​Minuten-​Beitrag über die Pira­ten­par­tei und die dahin­ter­ste­hende gesell­schaft­li­che Bewe­gung. Schick sind die Bil­der vom oran­ge­nen Flag­gen­meer auf der Freiheit-​statt-​Angst-​Demo vom 12. Sep­tem­ber, nicht ganz so schick der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler Peter Lösche, der mal wie­der die Mär von der „1-​Themen-​Partei” bringt. Alles in allem aber ein sehens­wer­ter und posi­ti­ver Beitrag:

Beson­ders erwäh­nen möchte ich an die­ser Stelle noch Pavel Meyer und Chris­to­pher Lauer, die die Idee zum „Wis­sen­schafts– und Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­rium” aus­ge­ar­bei­tet haben. Das war Auf­hän­ger der im Arti­kel gezeig­ten Pres­se­kon­fe­renz und damit einer der Anlässe für den gan­zen Bericht im ZDF — und zum Bei­spiel auch einen Arti­kel auf Spie­gel Online. In eini­gen Foren der Par­tei ist ein aus­ge­spro­chen uner­quick­li­cher und klein­geis­ti­ger Streit aus­ge­bro­chen, ob man denn sol­che Ideen ein­fach so haben und ver­brei­ten dürfe. Ich sage: Man darf! Danke Pavel und Chris­to­pher, dass ihr das Motto „Sei Pirat!” so toll umge­setzt habt!

Mit Ursula von der Leyen auf dem Lindener Marktplatz in Hannover — Erlebnisse eines Piraten

Alle Fotos in die­sem Arti­kel sind von Jorge-​Alberto Reich und CC-​BY-​SA-​lizenziert.

Am Sams­tag gab sich Frau von der Leyen die Ehre auf dem Linde­ner Markt­platz in Han­no­ver. Einige Han­no­ver­sche Pira­ten woll­ten sich nicht ent­ge­hen las­sen, das mal anzu­schauen und in geeig­ne­ter Form zu begleiten.

Los ging’s um zehn Uhr mor­gens. Alle wich­ti­gen Par­teien hat­ten rund um die Stra­ßen­kreu­zung neben dem Markt­platz ihre Info­stände auf­ge­baut. Alle? Nicht ganz. Die Pira­ten hat­ten zwar kei­nen eige­nen Info­stand, aber irgend­wie waren da plötz­lich zwölf Leute. Und die sind dann alle mal rüber zur CDU, als Ursula dort ein­traf. Und wir waren nicht mal die ein­zi­gen. Wei­tere poli­tisch inter­es­sierte Bür­ger gesell­ten sich zu uns, teil­weise pas­send mit „Zensursula”-T-Shirts bekleidet.

Piraten treffen beim CDU-Infostand ein

Pira­ten tref­fen beim CDU-​Infostand ein, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

Wenig erfreut waren die etwa sie­ben loka­len CDU-​Leute am Stand. Sie hät­ten es wohl wesent­lich lie­ber gese­hen, wenn man sie in Ruhe und unwi­der­spro­chen ihre Unwahr­hei­tenInfor­ma­tio­nen unters Volk hätte brin­gen las­sen, aber immer­hin sollte das hier sowas wie ‚ne Bür­ger­sprech­stunde sein. Und Bür­ger sind ja nun mal auch wir.

Kai hat dann auch umge­hend das Gespräch gesucht. War aber nicht so ein­fach. Mit fun­dier­ten Gegen­mei­nun­gen kon­fron­tiert, wählt Frau von der Leyen wohl am liebs­ten die „Mono­logstra­te­gie” — das heißt Kai wurde so lange zuge­tex­tet, bis alle Phra­sen abge­ar­bei­tet waren: „Natür­lich wol­len wir keine Zen­sur, die Netz­sper­ren sind die beste Lösung über­haupt, bla bla bla”. Ein­ge­hen auf Nach­fra­gen: Fehlanzeige.

Kai im Gespräch mit Frau von der Leyen

Kai im Gespräch mit Frau von der Leyen, Foto von Jorge-​Alberto Reich, Bear­bei­tung dh, CC-​BY-​SA

Die junge Dame auf dem Bild trug übri­gens ein Schild mit der Auf­schrift „Weg­schauen statt bekämp­fen? Sper­ren statt löschen?”. Sie wurde von Frau von der Leyen mit den Wor­ten begrüßt: „Sie sind also dafür, dass man sich im Inter­net Kin­der­por­nos anschauen kann?!” Da erüb­rigt sich jeder wei­tere Kom­men­tar. Die­je­ni­gen, die diese „Gesprä­che” live gehört hat­ten (ich stand lei­der etwas zu weit weg), haben spä­ter ein­hel­lig gemeint, Frau von der Leyen hätte sich voll­stän­dig merk­be­freit gezeigt. Es scheint so, die Frau glaube wirk­lich und gera­dezu fana­tisch daran, sie würde da etwas ganz Tol­les zu Wege brin­gen. In so einer Situa­tion sind ratio­nale Argu­mente lei­der völ­lig nutz­los und eigent­lich ist das ja einer der Gründe, warum Glaube und Fana­tis­mus in einer frei­heit­li­chen Demo­kra­tie nichts ver­lo­ren haben. Womit wir wie­der bei des Pudels Kern ange­kom­men sind, wenn es um Frau von der Leyen und ihr Ver­ständ­nis von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tu­ren geht…

Nach etwa zehn Minu­ten Zwiegesprä­chen neben dem CDU-​Stand ging es dann auf den Markt­platz. Und ob nun gleich ganz vorn…

Auf dem Marktplatz

Auf dem Markt­platz, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

…beim Fisch­stand…

Am Fischstand

Am Fisch­stand, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

…beim Kaf­fee– und Teestand…

Am Kaffee- und Teestand

Am Kaf­fee– und Tee­stand, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

…oder bei all den ande­ren Stän­den, an denen Frau von der Leyen das Gespräch mit dem Wäh­ler suchte: Im Hin­ter­grund war immer ein knap­pes Dut­zend Men­schen, die mit Pla­ka­ten deut­lich mach­ten, dass sie mit der Poli­tik und den Ansich­ten von Frau von der Leyen nicht ein­ver­stan­den sind. All diese Men­schen waren die ganze Zeit über freund­lich und zurück­hal­tend: Alle sind immer brav hin­ter der CDU-​Entourage und Frau von der Ley­ens eige­nen Auf­pas­sern geblie­ben, nie­mand hat sich auch von den gele­gent­li­chen Remp­lern des einen oder ande­ren CDU­lers nur im gerings­ten pro­vo­zie­ren las­sen, nie­mand hat sich irgendwo in den Weg gestellt oder auch nur ein ein­zi­ges „Gespräch” zwi­schen Frau von der Leyen und den Bür­gern gestört.

Trotz­dem fin­gen die drei anwe­sen­den Poli­zis­ten nach etwa 15 Minu­ten an, von einem Groß­teil der anwe­sen­den Geg­ner die Per­so­na­lien auf­zu­neh­men. Die Begrün­dung war, es handle sich hier um „unan­ge­mel­dete Ver­samm­lung” und das wurde dann dann am Hoch­hal­ten der Pla­kate fest­ge­macht oder — bei denen, die keine Pla­kate dabei hat­ten — daran, dass sie halt „mit­lau­fen wür­den” und damit auch zu die­ser „Ver­samm­lung” gehörten.

Personalienaufnahme am Rande des Marktspaziergangs

Per­so­na­li­en­auf­nahme am Rande des Markt­spa­zier­gangs, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

So eine Begrün­dung ent­behrt auf einem beleb­ten Markt­platz nicht einer gewis­sen Iro­nie. Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Ein­schüch­te­rungs­ver­such war, eine pro­phy­lak­ti­sche Maß­nahme falls es zu Ran­dale käme oder ob die CDU gefor­dert hatte, da „müsse doch was getan wer­den gegen diese Stö­rer”. Ich weiß nur, dass kei­ner der betei­lig­ten Pro­tes­tie­rer sich davon beein­dru­cken ließ, alle Schil­der blie­ben oben und Frau von der Leyen blieb ihre Beglei­tung treu.

(Nach­trag: Beim Max fin­dest sich mitt­ler­weile ein Bericht, der eben­falls pro­tes­tiert hat und der „unan­ge­mel­den Ver­samm­lung” zuge­rech­net wurde, obwohl er, wie er betont, allein gekom­men ist und nichts mit der Pira­ten­par­tei zu tun hat.)

Übri­gens waren auch viele andere Gesprächs­part­ner nicht so recht von Frau von der Leyen über­zeugt. Auch bei ande­ren The­men wie Väter­rech­ten, Betreu­ungs­an­ge­bo­ten für Klein­kin­der oder finan­zi­el­ler Fami­li­en­un­ter­stüt­zung waren ihre Ein­las­sun­gen wohl häu­fig sehr schablonenartig.

Um punkt 11 Uhr war der SpukAuf­tritt dann auch schon vor­bei. Mit­samt ihrer Beglei­tung ent­schwebte Frau von der Leyen in ihrer schi­cken Limou­sine. Wir durf­ten uns dann noch ein wenig von einem CDU-​Menschen laut­stark angif­ten las­sen („Ihr soll­tet euch schä­men mit dem Tauss”), der nach der pas­sen­den Erwi­de­rung („Ach, gilt in Ihrer Par­tei das rechts­staat­li­che Prin­zip der Unschulds­ver­mu­tung nicht?”) erheb­lich aus­ge­bremst war. Ich per­sön­lich halte es da zudem mit der unver­gleich­li­chen Vera Drom­busch: „Wer schreit hat Unrecht.” Ansons­ten konn­ten wir noch viele Bür­ger über uns und unsere Ziele infor­mie­ren, viele Flyer ver­tei­len — und die Jungs, die plötz­lich die Sei­ten­scheibe ihres Autos run­ter­kur­bel­ten und quer über den Platz rie­fen: „Ihr seid klasse, ich werd’ euch wäh­len!” haben damit defi­ni­tiv auch nicht die CDU hin­ter uns gemeint. ;-)

Par­al­lel hatte der­weil eine zweite Akti­ven­gruppe den Info­stand in der Han­no­ver­schen Innen­stadt auf­ge­baut. Etli­che Pira­ten sind noch vom Linde­ner Markt­platz dort­hin gezo­gen und haben die dor­tige Gruppe ver­stärkt, was ange­sichts des hohen Bür­ger­in­ter­es­ses auch sehr sinn­voll war.

Infostand auf der Osterstraße

Info­stand auf der Oster­straße, Foto von Jorge-​Alberto Reich, CC-​BY-​SA

Zusam­men mit dem Rekord-​Stammtisch vom Frei­tag abend (42 Pira­ten und Inter­es­sen­ten) ein wahr­haft pira­ti­ges Wochenende!

Einen wei­te­ren Bericht vom Linde­ner Markt­platz mit wei­te­ren Fotos gibt’s übri­gens drü­ben in Jans hyper-​world.

Nach­trag, 2009-​09-​26: Auch im Por­tal „Han­no­ver ent­de­cken” gibt es zwi­schen­zeit­lich einen Bericht von Frau von der Ley­ens Besuch mit eini­gen erhel­len­den Details über den äußerst unhöf­li­chen Umgangs­ton von Frau von der Leyen und ihre CDU-​Mitstreiter.

Rette deine Freiheit

Ich weiß, dass das eigent­lich ein alter Hut ist. Jeden­falls in Inter­net­maß­stä­ben. Aber ich habe das Video ges­tern abend auf dem Pira­ten­par­tei–Stamm­tisch hier in Han­no­ver das erste Mal gese­hen, und ich fand das so klasse, so unglaub­lich gut gemacht, dass ich es hier ein­fach ver­lin­ken muss. „Rette deine Frei­heit” ist ein Pro­jekt, das den gan­zen Wahn­sinn um das Inter­net­zen­sur­ge­setz, die ver­lo­gene Kinderpornografie-​Argumentation und die Fol­gen auf­ar­bei­tet. Kern­stück ist ein fünf­mi­nü­ti­ges Video:

Ret​te​Dei​n​e​Frei​heit​.de ist ein wun­der­vol­les und erschre­cken­des Video zugleich. Wun­der­voll, weil es den gan­zen Wahn­sinn, der hin­ter dem Trei­ben von Ursula von der Leyen und ihren Spieß­kum­pa­nen in einer zwin­gen­den Bil­der­spra­che und mit einem höchst intel­li­gen­ten und auch noch sehr poin­tiert gespro­che­nen Kom­men­tar dar­stellt. Und erschre­ckend, weil es die vie­len Unwahr­hei­ten, Lügen, fal­schen Behaup­tun­gen und gera­dezu irre anmu­ten­den Schluss­fol­ge­run­gen so ver­dich­tet wie­der­gibt. Der ganze Kom­men­tar ist von fei­ner Iro­nie durch­zo­gen, sodass man mehr­mals schmun­zeln oder lachen möchte. Aber das Lachen bleibt einem im Halse ste­cken, weil das ganze halt eben keine Iro­nie, son­dern bit­te­rer bit­te­rer Ernst ist. Die zum Video gehö­rende Web­seite stellt die Hin­ter­gründe noch­mal aus­führ­li­cher dar und zeigt auch, aus wel­chem Poli­ti­ker­mund man­che im Video ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen stammen.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe beim Anschauen sol­cher Web­sei­ten und sol­cher Videos gera­dezu phy­si­sche Schmer­zen. Das Han­deln der betei­lig­ten Poli­ti­ker ist so ver­ächt­lich, so schäd­lich und so uner­träg­lich. Aber es ist mei­nes Erach­tens emi­nent wich­tig, diese Infor­ma­tio­nen wei­ter zu tra­gen. Sowohl das Video als auch die erläu­ternde Web­seite. Gerade jetzt vor der Bun­des­tags­wahl, wo es immer noch Leute gibt, die vom sinis­tren Regie­rungs­trei­ben keine Ahnung haben oder nicht wis­sen, wel­che Alter­na­ti­ven es gibt. Also: Spread the word!

Videointerview mit mir über Politik und Piratenpartei im Journal on Political Excellence

Nach lan­ger Zeit ist jetzt end­lich das Resul­tat eines der inter­es­san­tes­ten Ter­mine ver­füg­bar, den ich in der ziem­lich hek­ti­schen Zeit zwi­schen Euro­pa­wahl und Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten hatte. Das Jour­nal on Poli­ti­cal Excel­lence hatte mit mir im Juni ein Inter­view geführt, in dem es nicht nur um die Pira­ten­par­tei, son­dern auch um all­ge­mei­nere poli­ti­sche Fra­gen und meine Ansich­ten dazu ging. Ich habe die­ses Inter­view vor allem des­halb in so guter Erin­ne­rung, weil ich mich hier zwar einer­seits als Par­tei­vor­sit­zen­der, aber ande­rer­seits auch ganz per­sön­lich zu eini­gen Grund­la­gen der Pira­ten­par­tei und der dahin­ter­ste­hen­den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen äußern konnte. Diese Über­le­gun­gen sind in den vie­len ande­ren Inter­views der Zeit damals mei­nes Erach­tens immer zu kurz gekommen.

JPoX ver­steht sich als inter­na­tio­na­les poli­ti­sches Maga­zin. Dem­ent­spre­chend sind die Bei­träge in Eng­lisch. Auch das Inter­view haben wir auf Eng­lisch geführt. Ange­sichts der kom­ple­xen Mate­rie und der Tat­sa­che, dass ich völ­lig frei gere­det habe, was das nicht ganz ein­fach. Ich denke aber, man kann mir trotz gele­gent­li­cher gram­ma­ti­ka­li­scher — nunja — Unschär­fen folgen.

Das Gesamt­in­ter­view ist in acht The­men­kom­plexe geglie­dert, die in jeweils sepa­ra­ten etwa drei­mi­nü­ti­gen Videos behan­delt wer­den. Im Ein­zel­nen geht es um fol­gende Fragen:

  • Was sind momen­tan die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für Poli­ti­ker und das poli­ti­sche System?
  • Wel­che Ver­bin­dun­gen gibt es zwi­schen der Poli­tik und den neuen tech­ni­schen Möglichkeiten?
  • Wie kann das Inter­net in poli­ti­sche Pro­zesse ein­ge­bun­den werden?
  • Kann das Inter­net poli­ti­sche Pro­zesse und poli­ti­sche Kom­mu­ni­ka­tion verbessern?
  • Ist die Pira­ten­par­tei eine Ein-​Themen-​Partei?
  • Gibt es einen „digi­ta­len Spalt” zwi­schen den Gene­ra­tio­nen oder poli­ti­schen Akteu­ren und ihren Wählern?
  • Wel­che Fol­gen hat der „digi­tale Spalt” für die Gesell­schaft und das poli­ti­sche System?
  • Wenn man eine ein­zige Sache am poli­ti­schen Sys­tem ändern könnte, wel­che müsste das sein?

Meine Ant­wort zur letz­ten Frage („If you could change one sin­gle thing in regard to the poli­ti­cal sys­tem, which one would that be?”) gibt es hier gleich mal direkt, zu allen ande­ren The­men fin­den sich die Videos drü­ben bei JPoX:

Das gesamte Inter­view fin­det sich, wie gesagt, auf der Web­seite von JPoX.