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Berliner Piraten und die „Datenschutzpanne”: Von CC: und BCC:

Rumms! Da ist es pas­siert: Daten­schutz­panne in Ber­lin! Bei den Pira­ten! Aus­ge­rech­net bei die­sen Vor­rei­tern von Daten­si­cher­heit und Privatsphäre.

Im Rah­men des Bewer­bungs­pro­zes­ses für die dor­tige Frak­ti­ons­ge­schäfts­stelle wurde eine Rund-​E-​Mail an alle Bewer­ber ver­se­hent­lich so ver­schickt, dass jeder Emp­fän­ger die Adres­sen aller ande­ren Emp­fän­ger (also der Mit­be­wer­ber) in der E-​Mail sehen konnte. Tech­nisch gespro­chen: Die Emp­fän­ger wur­den nicht in das Feld für „Blind­ko­pien” („blind car­bon copy, BCC”) ein­ge­tra­gen, son­dern bei den „nor­ma­len” Kopien („car­bon copy, CC”).

Mir kom­men dazu drei Gedanken:

Ers­tens ist diese Panne zwei­fels­ohne ärger­lich und unnö­tig, aber sie ist nicht der Unter­gang des Abend­lan­des. Letzt­lich geht es um sehr ein­ge­schränkte Daten, die zudem bei wei­tem nicht in allen Fäl­len einer Per­son zuzu­ord­nen sein dürf­ten. Da die Bewer­ber jetzt zudem auch noch unter­ein­an­der Kon­takt auf­neh­men kön­nen, macht das ganze die Sache für die Frak­tion auch noch eher schwieriger.

Die Wahr­schein­lich­keit für einen sol­chen Feh­ler lässt sich, und das ist mein zwei­ter Gedanke, durch tech­ni­sche Maß­nah­men redu­zie­ren. Im Heise-​Artikel wird eine Begren­zung von Emp­fän­gern ange­spro­chen, die nun imple­men­tiert wer­den soll. Ich habe ja auch schon grö­ßere Rund­mails her­um­ge­schickt und die latente Gefahr der Fehl­be­die­nung ist mir sehr bewusst. Des­halb arbeite ich in sol­chen Fäl­len schon lange nicht mehr mit der Standard-​E-​Mail-​Kopiefunktion, son­dern mit einem klei­nen Skript, das aus einer Datei die E-​Mail und aus einer ande­ren die Emp­fän­ger­liste liest und dann an jeden Emp­fän­ger eine ein­zelne E-​Mail ver­sen­det. Denn auch der Rück­griff auf Blind­ko­pien („BCC”) ist nicht wirk­lich sicher, man ver­lässt sich hier dar­auf, dass Sys­teme, die nicht unter eige­ner Auf­sicht ste­hen, sich an die Regeln hal­ten. Kann sein, muss aber nicht.

Schließ­lich, und das mei­nes Erach­tens das Wich­tigste, ist dies auch ein Bei­trag zu einem Lern­pro­zess inner­halb der Pira­ten­par­tei selbst: Wo Men­schen arbei­ten, pas­sie­ren Feh­ler. Gerade in Sachen „Daten­schutz” gibt es einige Mei­nungs­ver­tre­ter, die von einem sehr hohen Ross argu­men­tie­ren, nichts außer der abso­lu­ten Maxi­mal­lö­sung gel­ten las­sen und soziale Pro­bleme mit tech­ni­schen Maß­nah­men lösen wol­len. Das funk­tio­niert nicht und wird auch nie funk­tio­nie­ren. Hier ist ein Feh­ler pas­siert und noch viele Feh­ler wer­den die­sem fol­gen. Es wäre jetzt nicht ziel­füh­rend, Mar­tin Delius oder wen auch immer „zur Ver­ant­wor­tung zie­hen” zu wol­len. In Sachen Daten­schutz und Daten­si­cher­heit müs­sen wir viel­mehr ein ins­ge­samt schlüs­si­ges Kon­zept ver­fol­gen, das einer­seits einen sorg­fäl­ti­gen Umgang mit Daten und Infor­ma­tio­nen sicher­stellt, ande­rer­seits aber auch von den Anwen­dern beherrsch­bar ist. Das wird man mit Maxi­mal­lö­sun­gen nicht erreichen.

Ich selbst bin zum Bei­spiel schon immer wie­der ange­nervt davon, dass das PGP-​Plugin mei­nes Thun­der­bird keine Mög­lich­keit vor­sieht, eine E-​Mail dau­er­haft zu ent­schlüs­seln. Was soll sowas? Hält die­ses Pro­gramm mich für unfä­hig, ver­trau­li­che Daten auf mei­nem Sys­tem ange­mes­sen zu schützen?

Also, liebe Pira­ten: Sehen wir die­sen Vor­fall als eine Nach­richt aus der „rich­ti­gen Welt”. Bauen wir mit unse­ren Pro­gramm­punk­ten und Ideen dar­auf auf, dass diese Welt so ist wie sie ist. Akzep­tie­ren wir, dass sich ein per­fek­ter Schutz nicht errei­chen lässt. Und dass der Ver­such, ihn zu errei­chen, so vie­les kaputt macht, dass man recht­zei­tig mit die­sem Stre­ben nach Per­fek­tion auf­hö­ren sollte.

Wahlkampfauftakt der Piratenpartei in Berlin — Chez Jacki gerockt

In Nie­der­sach­sen sind die Pira­ten gerade schwer im Wahl­kampf. Am 11. Sep­tem­ber sind Kom­mu­nal­wah­len. Und am 3. Sep­tem­ber wer­den wir in Han­no­ver ein gro­ßes Pira­ten­fest mit Spiel, Spaß und Poli­tik veranstalten.

In Ber­lin sind die Pira­ten gerade schwer im Wahl­kampf. Am 18. Sep­tem­ber sind Abge­ord­ne­ten­haus­wah­len. Und am 18. August gab es eine große Wahl­auf­takt­ver­an­stal­tung mit Poli­tik und Party.

„Das ist die Gele­gen­heit für ein biss­chen Know-​How-​Transfer”, habe ich mir gedacht und bin dann mal nach Ber­lin gefah­ren. Wäre mal span­nend zu sehen, wie die Ber­li­ner so ticken. Sind bun­des­weit unter den Pira­ten ja als ein wenig „spe­cial” bekannt.

Chez Jacki von außen

Der Ort der Ver­an­stal­tung: Das Chez Jacki neben der Maria am Ostbahnhof

Die Auf­takt­ver­an­stal­tung ist für mich extrem ver­kehrs­güns­tig gele­gen, näm­lich in unmit­tel­ba­rer Nähe des Ost­bahn­ho­fes neben der „Maria am Ost­bahn­hof” im Club „Chez Jacki” direkt an der Spree. Das Ambi­ente ist — nunja — rus­ti­kal: Eine ehe­ma­lige Indus­trie­an­lage mit ver­ram­mel­ten Fens­tern, viel nack­tem Beton, einer Bar und einer röt­li­chen Licht­in­stal­la­tion unter der Decke.

Chez Jacki mit roten Lampen an der Decke und roten Gesichtern darunter: Es war brütend heiß

Chez Jacki mit roten Lam­pen an der Decke und roten Gesich­tern dar­un­ter: Es war brü­tend heiß

Um 18 Uhr ist Start ange­sagt. Als ich um 19 Uhr ankomme, geht’s dann auch los. Zu Beginn der Ver­an­stal­tung gibt es eine Begrü­ßung von Chris­to­pher Lauer, die ein wenig län­ger aus­fällt, weil der erste Red­ner, Lan­des­vor­sit­zen­der Ger­hard Anger, noch in einem Inter­view fest­hängt. Dann geht’s mit sei­nem Vor­trag „Warum machen wir den Scheiß eigent­lich?” los. Wie bei allen Vor­träge haben sich die Ber­li­ner Pira­ten für das „Pecha Kucha”-Vortragsformat ent­schie­den. Das legt die Foli­en­zahl pro Vor­trag etwas will­kür­lich auf maxi­mal 20 fest, die jeweils 20 Sekun­den lang gezeigt wer­den. Damit dau­ert ein Vor­trag maxi­mal sechs­ein­halb Minu­ten, was zu einer gewis­sen Prä­gnanz führt, vom Vor­tra­gen­den aller­dings gutes Timing ver­langt. Im Gro­ßen und Gan­zen klappt das auch gut, auf jeden Fall begrenzt es die Gesamt­zeit für die fünf Vor­träge auf eine gute halbe Stunde, was den etwa 100 anwe­sen­den Zuhö­rern in dem sti­cki­gen und hei­ßen Saal gerade noch zuzu­mu­ten ist.

Gerhard Anger: Warum machen wir den Scheiß eigentlich?

Ger­hard Anger: Warum machen wir den Scheiß eigentlich?

Nach Ger­hard redet Heide Hagen über die Sucht­po­li­tik der Pira­ten, die als Kern­punkt eine größt­mög­li­che Lega­li­sie­rung von Rausch­mit­tel­kon­sum hat und dies mit Auf­klä­rung und Prä­ven­tion beglei­ten möchte. Simon Weiß refe­riert über „Demo­kra­tie 2.0″ und die Vor­teile, die Tools wie „Liquid Feed­back” für die per­ma­nente poli­ti­sche Ein­fluss­nahme des ein­zel­nen Bür­gers auf die demo­kra­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zesse haben. Julia Schramm stellt die Posi­tio­nen der Pira­ten zur Stadt­ent­wick­lung vor, die sich gegen Gen­tri­fi­zie­rung wen­det und Infra­struk­tur in kom­mu­na­ler Hand sehen will. Zum Abschluss beschreibt Chris­to­pher Lauer das „ReSET”, die Idee eines „Rech­tes auf sichere Exis­tenz und gesell­schaft­li­che Teilhabe” — nicht ohne dabei einen Sei­ten­hieb gegen Hel­mut Schmidt zu set­zen: Des­sen lau­ni­ger Spruch „Wer Visio­nen hat, der soll zum Arzt gehen” habe, so Lauer, „viel kaputt gemacht”. Visio­när ist der gesell­schafts­po­li­ti­sche Ansatz der Pira­ten an die­ser Stelle sicher­lich, geht das ReSET doch sehr stark in die Rich­tung der Ideen von einem „bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men”, in des­sen Nähe auch schon die Beschlüsse zu einer „Grund­si­che­rung” vom Chemit­zer Par­tei­tag 2010 liegen.

Heide Hagen: Suchtpolitik

Heide Hagen: Suchtpolitik

Simon Weiß: Demokratie 2.0

Simon Weiß: Demo­kra­tie 2.0

Julia Schramm: Stadtentwicklung

Julia Schramm: Stadtentwicklung

Christopher Lauer: ReSET

Chris­to­pher Lauer: ReSET

Nach den Reden, die alle mit viel Applaus bedacht wer­den, kommt es noch zur Pre­miere des Wahl­wer­be­spots. Und das gleich zwei­mal: Offen­sicht­lich konnte sich das Team nicht über die rich­tige Art der Musik­un­ter­ma­lung einig wer­den und hat des­halb zwei Spots mit jeweils unter­schied­li­chem Hin­ter­grund­track erstellt. Über die stimmt nun das Publi­kum ab — und ent­schei­det sich sehr ein­deu­tig für die Ver­sion mit der ruhi­ge­ren Hin­ter­grund­mu­sik. Der Spot selbst ist höchst gelun­gen und zeigt noch­mals zen­trale Aspekte der poli­ti­schen For­de­run­gen der Ber­li­ner Pira­ten in ein­gän­gi­gen Bildern.

Präsentation des Wahlwerbespots

Prä­sen­ta­tion des Wahlwerbespots

Nach die­sem „offi­zi­el­len Teil” beginnt das, was für mich mit der wich­tigste Grund war, nach Ber­lin zu fah­ren: Andere Pira­ten tref­fen und gegen­sei­ti­ger Aus­tausch. Ich kann mich an die­sem Abend mit diver­sen Pira­ten aus Ber­lin und aus dem Rest von Deutsch­land unter­hal­ten und merke mal wie­der: So im direk­ten Gespräch sind die eigent­lich alle total nett und umgäng­lich. Die Stim­mung wird noch­mal bes­ser, als sich am Abend eine dpa-​Meldung ver­brei­tet, der zu Folge die Pira­ten in den Umfra­gen jetzt bei 4,5% Wäh­ler­stim­men lie­gen und damit mit einem Fuß in der Nähe der Schwelle zum Abge­ord­ne­ten­haus stehen.

Als ich mich um halb ein Uhr nachts ver­ab­schiede, ist die Feier immer noch in vol­lem Gange. Mit bleibt die Erkennt­nis: Pecha-​Kucha-​Vorträge sind cool, die Pira­ten Ber­lin sind auch cool, aber unser Küchen­gar­ten­platz wird eine wesent­lich freund­li­che­res Ambi­ente bie­ten als diese Gruft am Spree­ufer. Aber das gehört wohl auch irgend­wie zu Berlin.

Ich habe übri­gens auch an der Wahllos-​Aktion der Ber­li­ner Pira­ten teil­ge­nom­men: 999 Lose mit allen Pro­zent­zah­len von 0,1% bis 100% wer­den unters Volk gebracht. Gewon­nen hat, wes­sen Los das Wahl­er­geb­nis am 18. Sep­tem­ber ent­hält. Ich bin mir sehr sicher, dass ich nicht gewin­nen werde, freue mich aber den­noch über mein „Losglück”…

Losglück: Solche Ergebnisse bekämen die Piraten wohl nur in Nordkorea

Los­glück: Sol­che Ergeb­nisse bekä­men die Pira­ten wohl nur in Nordkorea

Der Nahverkehrs-​Adventskalender (19): Berlin, Gesundbrunnen, 1994 – 2006

So lang­sam nähert sich die Advents­zeit ihrem Ende. Am heu­ti­gen vier­ten Advent gibt es noch­mal ein Spe­cial in mei­nem Bil­der­ka­len­der: Es geht nach Ber­lin und auf Zeit­reise am Bahn­hof Gesund­brun­nen.

Der Bahn­hof Gesund­brun­nen liegt im gleich­na­mi­gen Bezirk zwi­schen Wed­ding und Prenz­lauer Berg an der Schnitt­stelle der Bahn­stre­cken ins nörd­li­che Ber­li­ner Umland und der Ring­bahn. Die Zusam­men­fas­sung der Stre­cken an die­ser Stelle fand bereits Ende des 19. Jahr­hun­derts statt, durch die grenz­nahe Lage und den Nie­der­gang der S-​Bahn in West-​Berlin war der Bahn­hof Anfang der 1990er Jahre aber äußerst reduziert.

Bahnhof Berlin Gesundbrunnen, März 1995

Bahn­hof Ber­lin Gesund­brun­nen, März 1995

Auf dem Foto aus dem Jahr 1995 sieht man den Bahn­steig­be­reich des „alten” Gesundbrunnen-​Bahnhofes. Er besteht zu die­sem Zeit­punkt nur noch aus einem ein­zi­gen S-​Bahnsteig längs der Nord-​Süd-​S-​Bahn. Sowohl der Bahn­steig als auch der Trep­pen­auf­gang in typi­scher Ber­li­ner „Gewächs­haus­ar­chi­tek­tur” sind noch weit­ge­hend Ori­gi­nal­bau­sub­stanz. Auf der Brach­flä­che im Bild­vor­der­grund befan­den sich die bei­den übri­gen Bahn­steige des Bahn­ho­fes, und zwar direkt neben dem S-​Bahnsteig ein Fern­bahn­steig zum Stet­ti­ner Bahn­hof — die Bahn­gleise lagen par­al­lel zur S-​Bahn Rich­tung Hum­boldthain — und dann der S-​Bahnsteig an der Ring­bahn. Dane­ben lagen dann noch die Fern– bzw. Güter­bahn­gleise längs der Ringbahn.

Die Bahn­stei­grei­hen­folge erklärt sich aus der Ent­ste­hungs­ge­schichte des Bahn­ho­fes: Zunächst lag hier nur die Ring­bahn, die Gleise der Stet­ti­ner Bahn wur­den erst spä­ter hier­hin ver­legt, ursprüng­lich ver­lie­fen sie längs der Grün­ta­ler Straße. Bei die­ser Umver­le­gung blie­ben die Gleise der Ring­bahn an Ort und Stelle, sodass der Umstei­ge­ver­kehr zwi­schen den S-​Bahnstrecken immer über die Dis­tanz zweier Bahn­steige erfol­gen musste. Das zeigt, dass man schon vor 100 Jah­ren im Zwei­fels­fall Bahn­bau­ten eher güns­tig als fahr­gast­freund­lich realisierte.

Der Stet­ti­ner Fern­bahn­hof wurde bereits kurz nach 1950 still­ge­legt, die Fern­bahn am Ring wohl im Wesent­li­chen zum Mau­er­bau 1961. Die Ring-​S-​Bahn wurde noch bis 1980 betrie­ben, aller­dings endete sie seit 1961 aus Wes­ten kom­mend hier. Ab 1980 war dann der hier zu sehende S-​Bahnsteig der letzte betrie­bene Teil des Bahn­ho­fes. Als ich im März 1989 zum ers­ten Mal in Ber­lin war, exis­tierte der alte Ring-​S-​Bahnsteig noch, war aber nicht mehr zugänglich.

Im Bild­hin­ter­grund ist die alte Bebau­ung des Are­als unmit­tel­bar nörd­lich des Bahn­ho­fes zu sehen. Hier befan­den sich vor allem Klein­be­triebe und Klein­gär­ten. Auch der (ein­zige) Bahn­hofs­aus­gang endete dort und nicht wie heute an der Bad­straße, sodass das Umstei­gen zwi­schen S– und U-​Bahn eben­falls mit rela­tiv wei­ten Wegen ver­bun­den war. Der unter­ir­di­sche Ver­bin­dungs­gang war zu dem Zeit­punkt schon lange wegen Bau­fäl­lig­keit gesperrt.

Bahnhof Berlin Gesundbrunnen, November 2001

Bahn­hof Ber­lin Gesund­brun­nen, Novem­ber 2001

Zeit­wech­sel. Die­ses Foto ent­stand etwa an der­sel­ben Stelle sechs­ein­halb Jahre Spä­ter. Im Hin­ter­grund steht mitt­ler­weile das Ein­kaufs­zen­trum „Gesundbrunnen-​Center”. Direkt davor befin­den sich die bei­den neuen S-​Bahnsteige, an denen Ring– und Vorort-​S-​Bahn künf­tig gemein­sam im Rich­tungs­be­trieb hal­ten wer­den. Und im Vor­der­grund des Bil­des sind die Roh­bau­ten der neuen Fern­bahn­an­la­gen zu sehen.

2001 war einer der letz­ten Zeit­punkte, die­sen Bereich noch­mal aus die­ser Per­spek­tive zu foto­gra­fie­ren. Heute geht der Bahn­hofs­be­reich direkt in die Bad­stra­ßen­brü­cke über, sodass man hier heute nicht mehr am Brü­cken­ge­län­der, son­dern mit­ten auf dem Bahn­hofs­vor­platz steht. Wobei die­ser „Vor­platz” auch gleich der Bahn­hof ist, weil man aus ver­schie­de­nen Grün­den auf die Errich­tung eines Emp­fangs­ge­bäu­des ver­zich­tet hat. So ent­steht die para­doxe Situa­tion, dass die ein­zi­gen wet­ter­ge­schütz­ten Mög­lich­kei­ten zum Bahn­steig­wech­sel ent­we­der der unter­ir­di­sche Ver­bin­dungs­gang oder die Gale­rie im hin­te­ren Bild­be­reich ist: Dort wurde auch ein neuer Zugang aus Rich­tung Osten für den Bahn­hof angelegt.

Nordring nach Wedding von der Badstraße aus gesehen, 1994

Nord­ring nach Wed­ding von der Bad­straße aus gese­hen, 1994

Wir wech­seln jetzt auf die andere Seite der Bad­stra­ßen­brü­cke und dabei gleich­zei­tig zurück in das Jahr 1994. Wir sehen die west­li­che Bahn­hofs­ein­fahrt nach Gesund­brun­nen. Links im Bild ist der bewal­dete Hang des Hum­boldthains zu sehen. Dane­ben führt ein wohl nicht mehr betrie­be­nes Güter­gleis in Rich­tung des alten Stet­ti­ner Fern­bahn­ho­fes, von dem heute nur noch der unter­ir­di­sche S-​Bahnteil als „Nord­bahn­hof” in Betrieb ist.

Das Gleis führt vor­bei an einem mar­kan­ten Zie­gel­stein­bau im Bild­hin­ter­grund. Dies ist das erste „Unter­werk” für die elek­trisch betrie­bene Ber­li­ner S-​Bahn gewe­sen und inso­fern von einer gewis­sen bau­his­to­ri­schen Bedeu­tung. Des­halb fin­det man es auch noch bis heute an genau die­ser Stelle.

Neben dem ver­mu­te­ten Güter­gleis, von dem meh­rere blinde Wei­chen abge­hen, führt schnur­ge­rade ein wei­te­res Gleis durchs Bild. Und nicht nur das: Es ist sogar augen­schein­lich noch betrie­ben, jeden­falls sind die Pro­file nicht ange­ros­tet. Die­ses Gleis liegt auf der Fern­bahn­trasse der Ring­bahn und es führte in der Tat noch bis 1994 über den Nord­ring zum his­to­ri­schen „Nord­bahn­hof”, dem ursprüng­li­chen End­bahn­hof der Stre­cke nach Stral­sund vom Ende des 19. Jahr­hun­derts, des­sen Gelände zwi­schen Graun– und Schwed­ter Straße bis zur Ber­nauer Straße reichte. Zu Zei­ten der Tei­lung Ber­lins fuh­ren hier regel­mä­ßig Züge der fran­zö­si­schen Besat­zungs­macht gen Wes­ten. 1994 war ich zum ers­ten Mal in Sachen „Bahn” in Ber­lin unter­wegs und ich kann mich erin­nern, dass sowohl ich als auch die bei­den Kom­mi­li­to­nen, mit denen ich unter­wegs war, sehr erstaunt über die Exis­tenz die­ses Glei­ses waren. Auf dem 1995er-​Foto vom Anfang die­ses Arti­kels ist das Gleis bereits verschwunden.

Im Bild­hin­ter­grund kann man noch die alten Brü­cken sehen, mit denen die Ring­bahn die Tras­sen zum Stet­ti­ner Bahn­hof über­querte. Auf den bei­den rech­ten Brü­cken lagen frü­her die S-​Bahngleise längs des Rin­ges. Diese sind 1994 bereits voll­stän­dig abge­baut und es wird noch fast ein Jahr­zehnt ver­ge­hen, bis auf die­ser Rela­tion wie­der Züge fahren.

Rechts außen im Bild sieht man die S-​Bahn Rich­tung Hum­boldthain und Nord­bahn­hof. Links dane­ben, von der Böschung der Ring­bahn etwas ver­deckt, kann man auch noch die Fern­bahn­trasse zum Stet­ti­ner Bahn­hof erah­nen, die aber zum Zeit­punkt die­ser Auf­nahme bereits seit lan­ger Zeit nicht mehr genutzt wird und gleis­los ist.

1994 war das Pilz­kon­zept zur Ent­wick­lung der Ber­li­ner Eisen­bahn­an­la­gen bereits seit zwei Jah­ren beschlos­sen und die neue Rolle des Bahn­ho­fes Gesund­brun­nen somit fest­ge­legt. Die Bau­tä­tig­keit auf dem Bahn­hofs­ge­lände setzte aber erst gegen 1997 wirk­lich ein. Inso­fern zeigt die­ses Bild zwar einen hoch­gra­dig his­to­ri­schen Zustand, der letzt­lich aber nur eine Überg­angs­si­tua­tion war.

Nordring nach Wedding von der Badstraße aus gesehen, 2006

Nord­ring nach Wed­ding von der Bad­straße aus gese­hen, 2006

Zwölf Jahre spä­ter. Am 27. Mai 2006 geht der neue Bahn­hof Gesund­brun­nen in Betrieb und die­ses Bild zeigt, wie die­selbe Stelle zu jenem Zeit­punkt aus­sah. Der Bahn­hof hat wie­der einen umfang­rei­chen Fern­bahn­be­reich, der aller­dings im Wes­ten nur noch auf die Ring­bahn führt. Der Stet­ti­ner bzw. Nord­bahn­hof wurde nicht wie­der auf­ge­baut, statt­des­sen gibt es jetzt einige hun­dert Meter wei­ter west­lich eine Zufahrt in den eben­falls an die­sem Tag eröff­ne­ten Tier­gar­ten­tun­nel für die unter­ir­di­sche Nord-​Süd-​Fernbahntrasse. Das Gleis links des Regio­nal­zu­ges dürfte etwa an der­sel­ben Stelle wie das „Fran­zo­sen­gleis” auf dem Foto von 1994 lie­gen. Im Hin­ter­grund sieht man auch immer noch den alten Brademann’schen Umspann­werk­bau, mitt­ler­weile viel­fach mit Graf­fiti versehen.

Die Über­wer­fung zwi­schen Ring– und Nord-​Süd-​S-​Bahn ist nicht mehr mit­tels einer Brü­cke gelöst. Statt­des­sen lau­fen die S-​Bahngleise jetzt in zwei ein­zel­nen Tun­neln unter dem Rest des Gleis­fel­des her. Die Gleise der Ring-​S-​Bahn wer­den im neuen Bahn­hof zwi­schen den Glei­sen der Nord-​Süd-​S-​Bahn geführt, was die Umstei­ge­si­tua­tion gegen­über dem his­to­ri­schen Bau­werk erheb­lich verbessert.

Gesund­brun­nen ist heute wie­der ein wich­ti­ger Fern­bahn­hof im Ber­li­ner Stadt­ge­biet. Sämt­li­che Züge nach Nor­den hal­ten hier als letz­tem Bahn­hof vor bzw. ers­tem Bahn­hof nach dem Haupt­bahn­hof. Im Wes­ten sind die Zulauf­stre­cken längs des Rin­ges und zum Haupt­bahn­hof seit der Eröff­nung fer­tig, auf der ande­ren Seite klaf­fen aber auch heute noch Lücken ver­glei­chen mit dem geplan­ten End­zu­stand. So ist bis heute die Direkt­ver­bin­dung zwi­schen Born­hol­mer Straße und Bir­ken­wer­der („Nord­bahn”) nicht wie­der auf­ge­baut, sodass die Fern­züge nach Ros­tock den Umweg über Karo­wer Kreuz und Außen­ring neh­men müs­sen. Auch im Bereich des Ost­kreu­zes gibt es noch Lücken, die im Rah­men des Neu­baus des dor­ti­gen Bahn­ho­fes (mit dem man wohl inhalt­lich allein einen Advents­ka­len­der bestrei­ten könnte…) geschlos­sen wer­den. Ins­ge­samt wirkt der Bahn­hof Gesund­brun­nen gerade im Fern­bahn­be­reich an eini­gen Stel­len etwas über­di­men­sio­niert. Anders herum heißt das aber auch, dass für eine Ver­kehrs­zu­nahme noch genü­gend Luft nach oben ist. Und das ist für einen gerade vier Jahre alten Neu­bau ja nie ganz verkehrt.

Die Berliner U-​Bahn U55 — III — Der Brandenburger Tor

Mit ein paar Tagen Ver­spä­tung hier nun der letzte Teil mei­ner Betrach­tun­gen zur U55 in Berlin.

Kaum ist man mit der U55 am Haupt­bahn­hof los– und am Bun­des­tag vor­bei­ge­fah­ren, ist der Spaß auch schon wie­der vor­bei: Nur zwei Sta­tio­nen sind es, dann ist man am Bran­den­bur­ger Tor ange­kom­men, der süd­öst­li­chen End­sta­tion die­ser kur­zen U-​Bahnlinie. Aber diese Sta­tion hat es in sich.

Zug am Brandenburger Tor

Zug am Bran­den­bur­ger Tor

Um die einst­wei­lige End­sta­tion der U55 hat es viel Hin und Her gege­ben: Erst sollte sie nur ver­kürzt und mit einem Aus­gang gebaut wer­den, dann doch bereits in vol­ler Länge, dann gab es Pro­bleme beim Bau. Dabei waren die Vor­aus­set­zun­gen für einen zügi­gen Bau und gute Ver­knüp­fung mit dem rest­li­chen Ver­kehr hier beson­ders gut: Beim Bau der S-​Bahnstation „Unter den Lin­den” in den 1930er Jah­ren wurde bereits berück­sich­tigt, dass hier spä­ter auch mal die U-​Bahn lang­fah­ren sollte (übri­gens keine „Germania”-Planung, son­dern bereits im U-​Bahnbauplan von 1929 ent­hal­ten). Man hätte also eigent­lich ein­fach die bereits exis­tie­ren­den Zugänge neh­men kön­nen, die U-​Bahn dort ein­bauen, wo der Platz bereits vor­ge­se­hen war und fer­tig. Hätte man.

Aber ach!

Östlicher Aufgang von unten

Östli­cher Auf­gang von unten

Begin­nen wir mal auf der östli­chen Seite. Wie schon von den ande­ren bei­den Sta­tio­nen bekannt ist hier der End­aus­bau noch nicht erreicht. Ich tippe ja dar­auf, dass hin­ter der Bau­wand noch ein Roll­trep­pen­pär­chen hin­kom­men soll. Einst­wei­len bleibt erst­mal nur die Treppe.

Östlicher Aufgang

Östli­cher Aufgang

Und diese Treppe ist lang. Die Sta­tion liegt ziem­lich tief unter der Erde. Der obere Absatz führt kei­nes­falls bereits direkt nach oben, son­dern auf eine Zwischenebene.

Eingänge: links zur U-Bahn, rechts hinten zur S-Bahn

Ein­gänge: links zur U-​Bahn, rechts hin­ten zur S-​Bahn

Von der Zwi­schen­ebene aus gelangt man über einen ein­zel­nen Aus­gang in die Mitte der Straße Unter den Lin­den. Ein direk­ter Übergang zur S-​Bahn ist auf die­ser Seite der Sta­tion nicht mög­lich, man kann die Ein­gänge aber in der Ent­fer­nung erah­nen. Übri­gens natür­lich nicht mit­ten auf der Straße, son­dern links und rechts auf den Bürgersteigen.

Man kann ja sagen was man will, aber unter „zweck­mä­ßi­ger U-​Bahnarchitektur” stelle ich mir etwas ande­res vor. Zumal man ja ein­fach an den exis­tie­ren­den S-​Bahnzugang hätte anbauen kön­nen. Aber warum ein­fach und fahr­gast­freund­lich, wenn’s auch schlecht geht.

Bahnsteig vom Ostende aus gesehen

Bahn­steig vom Ost­ende aus gesehen

Keh­ren wir erst ein­mal auf den Bahn­steig zurück. Die­ser wird domi­niert von zwei Säu­len­rei­hen. Diese Archi­tek­tur ist auf neue­ren Ber­li­ner U-​Bahnstationen erstaun­lich häu­fig anzu­tref­fen. Für zweck­mä­ßig halte ich sie nur begrenzt: Die Säu­len­rei­hen ver­sper­ren die freie Sicht und schaf­fen so schlecht ein­seh­bare Räume. Zudem liegt die Sta­tion teil­weise in einer Kurve, was man eigent­lich auch ver­mei­den sollte. Zumal, wenn man unter einer schnur­ge­ra­den Straße wie Unter den Lin­den entlangbaut.

Südliche Bahnsteigkante und Stationswand

Süd­li­che Bahn­steig­kante und Stationswand

Auch am Bran­den­bur­ger Tor ist nur ein U-​Bahngleis in Betrieb und die still­lie­gende Bahn­steig­kante abge­sperrt. Auf der Wand dahin­ter erkennt man ein zen­tra­les Gestal­tungs­ele­ment der Sta­tion: Bil­der der deut­schen Tei­lung. Die­ses hin­ter­grund­be­leuch­tete Edu­tain­ment ist dabei wesent­lich bes­ser zu erken­nen, als der Sta­ti­ons­name, der in gol­de­nen Let­tern ziem­lich auf den dun­kel­brau­nen Wand­ka­cheln ver­schwin­det. Aber so ist das: Man muss halt Prio­ri­tä­ten setzen.

Linienband am Bahnsteig

Lini­en­band am Bahnsteig

Ein wenig küm­mer­lich kommt das Lini­en­band der U55 auf dem Bahn­steig daher. Das Stan­dard­de­sign der Ber­li­ner U-​Bahn lässt hier wesent­lich mehr Platz, als die drei Sta­ti­ön­chen benö­ti­gen. Und zu einem grö­ße­ren Zei­len­ab­stand konnte man sich wohl auch nicht entschließen.

Westliches Stationsende

West­li­ches Stationsende

Am west­li­chen Ende der Sta­tion fin­det sich die ein­zige voll aus­ge­baute Zug­ab­fer­ti­gungs­an­lage der Stre­cke: Wegen der Kurve in der Sta­tion lässt sich der Zug anders nicht über­bli­cken. Was aber fehlt, ist ein Signal. Diese gibt es auf der gan­zen Stre­cke nicht: Wo nur ein Zug fährt, kann sich auch nichts in die Quere kommen.

Westliche Treppen und Rolltreppen

West­li­che Trep­pen und Rolltreppen

Und nach was voll aus­ge­bau­tes: Der west­li­che Sta­ti­ons­zu­gang. Schick mit Treppe und zwei Roll­trep­pen im schö­nen Glas­de­sign. Ist auch alles in Betrieb und funk­tio­niert. Und wo führt’s hin?

Absatz im westlichen U-Bahnaufgang

Absatz im west­li­chen U-​Bahnaufgang

Ja, auf die­ser Seite der Sta­tion wurde dann in der Tat der S-​Bahnzugang für die U-​Bahn genutzt. Aber wie! Die Trep­pen und Roll­trep­pen mün­den näm­lich kei­nes­falls direkt in den Quer­gang, der von den Stra­ßen­sei­ten zum Abgang in die S-​Bahnstation führt. Statt­des­sen endet der Auf­gang zunächst etwas wei­ter west­lich in einer Art Zwischen-​Zwischenebene, von der aus man sich um 180° dre­hen und über einen wei­te­ren Trep­pen­ab­satz zum eigent­li­chen Ver­bin­dungs­gang auf­stei­gen muss. Und auf die­sem Teil­stück gibt’s dann auch keine Rolltreppen.

Ich muss ja geste­hen, dass ich bei einer neu ange­leg­ten unter­ir­di­schen Schnell­bahn­sta­tion lange nicht mehr so einen Murks gese­hen habe! Da liegt eine kom­plette Zugangs­ebene voll­stän­dig fer­tig gebaut. Da ist sogar der Platz für die Ergän­zung vor­be­rei­tet. Und dann wird die neu ein­ge­baute Sta­tion der­art in das exis­tie­rende Bau­werk hin­ein­ge­pfuscht. Es tut mir Leid: Ich begreife es nicht.

Blick vom S-Bahnbereich zur U-Bahn

Blick vom S-​Bahnbereich zur U-​Bahn

Auch vom Design her war natür­lich das Bis­he­rige nicht gut genug: Natür­lich gibt es im umge­bau­ten Zugangs­teil nicht die grü­nen Kacheln der S-​Bahn, natür­lich ist die Beleuch­tung anders, natür­lich sieht alles anders aus. Ich finde einen sol­chen Umgang mit der archi­tek­to­ni­schen Ver­gan­gen­heit schä­big: Bra­de­manns Design der S-​Bahnstation von 1936 ist jetzt nicht so völ­lig jen­seits alles Annehm­ba­ren. Warum hat man nicht wenigs­tens auf die bis­he­rige Gestal­tung Bezug genom­men, sie ein­ge­bun­den und auf dem U-​Bahnhof wei­ter­ent­wi­ckelt? Warum musste unbe­dingt etwas völ­lig ande­res gemacht wer­den, das dann ein­fach nur noch „dran­ge­klatscht” aussieht?

Aber es kommt noch bes­serschlim­mer…

Umgebauter ehemaliger S-Bahnzugang

Umge­bau­ter ehe­ma­li­ger S-​Bahnzugang

Am nord­west­li­chen Zugang zur Ver­tei­le­re­bene wurde das „S”-Signet für die S-​Bahn abge­nom­men und durch das „U”-Symbol für die U-​Bahn ersetzt. Kein Hin­weis dar­auf, dass man hier zu bei­den Bah­nen gelangt. Diese Igno­ranz wird nicht dadurch bes­ser, dass der süd­west­li­che Zugang nur ein „S” aber kein „U” hat. Und wenn man sich dann das Sym­bol genauer anschaut, dann hört irgend­wie alles auf.

Stationsschild Brandenburger Tor

Sta­ti­ons­schild Bran­den­bur­ger Tor

Wäh­rend im Unter­grund die Abgren­zung von alter und neuer Archi­tek­tur nicht groß genug sein kann, fei­ert ober­halb des Bür­ger­steigs über­bor­den­der His­to­ris­mus fröh­li­che Urständ’. Da wird also im Jahr 2009 ein Schild an die­sen Ein­gang gepappt, das kaum gru­se­li­ger zusam­men­ge­stop­selt wer­den kann:

  • Ledig­lich das U-Bahn-„U” ist zu sehen, das bis­her hier ange­brachte S-​Bahnschild ist voll­stän­dig verschwunden.
  • Auch auf den bis­he­ri­gen Sta­ti­ons­na­men „Unter den Lin­den” fin­det sich kein Hin­weis mehr — was schade ist für alle poten­ti­el­len Fahr­gäste, die nicht einen top­ak­tu­el­len Stadt­plan ihr eigen nennen.
  • Der neue Sta­ti­ons­name „Bran­den­bur­ger Tor” wird dann aller­dings in sol­chen Let­tern gesetzt, die 1936 für die Ori­gi­nal­sta­tion (und den Ori­gi­nal­na­men) ver­wen­det wur­den. So als wenn es schon immer so gewe­sen wäre.

Spä­tes­tens der letzte Punkt hat mich ernst­haft über­le­gen las­sen, auf was sich der Sta­ti­ons­name „Bran­den­bur­ger Tor” eigent­lich bezieht: Auf das Bau­werk west­lich der Sta­tion oder auf den Tor, der diese Archi­tek­tur­soße ver­zapft hat?

Wie man merkt, habe ich mich jetzt ein wenig in Rage geschrie­ben. Las­sen wir es also mit der Ein­zel­be­trach­tung des Bahn­ho­fes gut sein und zie­hen wir mal ein Resu­mee über die gesamte U-​Bahnlinie U55:

  • Ver­kehr­lich ist die U55 in die­ser Form nicht allzu bedeu­tend. Aller­dings bin­det sie erst­mals das Zen­trum des Regie­rungs­vier­tels per Schiene an den Rest des U– und S-​Bahnnetzes an — wenn nicht umsteigefrei.
  • An die­sem klei­nen biss­chen U-​Bahn wurde fast ein Jahr­zehnt her­um­ge­baut. Der durch­aus zweck­mä­ßi­gen Sta­ti­ons­ar­chi­tek­tur von „Haupt­bahn­hof” und „Bun­des­tag” steht dabei der mei­nes Erach­tens völ­lig ver­hunzte „Bran­den­bur­ger Tor”-Bau gegenüber.
  • Ande­rer­seits ist das Betriebs­kon­zept der Mini-​U-​Bahn durch­aus zufrie­den­stel­lend: Alle 10 Minu­ten mit merk­ba­ren Abfahrts­zei­ten. Und wenn man am Bun­des­tag die Bahn in die gewünschte Rich­tung ver­passt hat, ver­liert man keine Zeit, wenn man ein­fach erst­mal in die Gegen­rich­tung fährt… ;-)

Nun weiß ich ja auch, dass die U55 nur so eine Art Vor­lauf­be­trieb für die Ver­län­ge­rung der U5 nach Wes­ten ist. So etwa in zehn Jah­ren soll die Lücke zwi­schen „Alex­an­der­platz” und „Bran­den­bur­ger Tor” geschlos­sen sein und die heu­tige U55 in der U5 auf­ge­hen. Man führe sich dabei aller­dings vor Augen, dass der älteste U5-​Abschnitt von Alex­an­der­platz bis Fried­richs­felde in ins­ge­samt vier Jah­ren gebaut wurde — inklu­sive Betriebs­hof in Fried­richs­felde und der gesam­ten Sta­tion Alex­an­der­platz (mit Aus­nahme des wesent­lich älte­ren U2-​Bahnsteigs). Der Bau­zeit­un­ter­schied zum jetzt pro­jek­tier­ten Lini­en­teil ist schon sehr frappierend.

Und selbst dann, in die­ser fer­ne­ren Zukunft, bis zu der ja auch noch eini­ges Was­ser die Spree run­ter­fließt, selbst dann soll die U5 auf abseh­bare Zeit am Haupt­bahn­hof enden. Damit bleibt der Bahn­hof wei­ter­hin auf der Schiene aus west­li­cher Rich­tung nur schwer erreich­bar, näm­lich nur über die Stadt­bahn. Erst eine Ver­län­ge­rung der U5 bis Turm­straße schlösse sie wenigs­tens mal an die U9 und damit eine der wich­tigs­ten U-​Bahnlinien im Ber­li­ner Wes­ten an. Und vor dem Hin­ter­grund der Ver­knüp­fung mit der U7 halte ich sogar die Ver­län­ge­rung bis zur Jung­fern­heide für sinn­voll und gebo­ten. Es hilft ja nun mal alles nichts, wenn es da mit­ten in Ber­lin einen leis­tungs­fä­hi­gen zen­tra­len Fern­bahn­hof gibt, zu dem man bloß nicht ver­nünf­tig hinkommt.

Die Berliner U-​Bahn U55 — I — Wenig los am Hauptbahnhof

Heute fah­ren wir mal U-​Bahn. In Ber­lin. Und weil wir nicht viel Zeit haben, neh­men wir dafür nicht so eine rich­tige, lange U-​Bahnlinie, son­dern die U55. Die hat nur drei Sta­tio­nen und auf dem einen in Betrieb befind­li­chen Gleis pen­delt genau ein Zug. Los geht’s!

Wir begin­nen unsere Reise am Haupt­bahn­hof. Der ist ja 2006 mit viel Tam­tam eröff­net wor­den und zeich­net sich ins­be­son­dere dadurch aus, dass man nur ziem­lich schwer hin­kommt. Eigent­lich gab es bis vor kur­zem nur die Stadt­bahn als leis­tungs­fä­hi­gen Stadt­ver­kehr. Aber seit 2009-​08-​08 ist end­lich auch die schöne U-​Bahnstation in Betrieb. Sie liegt direkt östlich neben der unte­ren Gleis­ebene des Bahnhofes.

Blick aus der unteren Verteilerebene des Hauptbahnhofes in den U-Bahnbereich

Blick aus der unte­ren Ver­tei­le­re­bene des Haupt­bahn­ho­fes in den U-​Bahnbereich

Ins­ge­samt gibt es drei Durch­gänge von der Haupt­halle des Bahn­ho­fes in die U-​Bahn-​Verteilerebene. Und wie wir spä­ter auch am Bran­den­bur­ger Tor sehen wer­den, setzt sich der U-​Bahnbereich archi­tek­to­nisch vom Rest erheb­lich ab: Andere Wand­ver­klei­dun­gen, andere Beleuch­tung, gene­rell ein unab­hän­gi­ger archi­tek­to­ni­scher Stil.

U-Bahnhof Hauptbahnhof

U-​Bahnhof Hauptbahnhof

Mit der hoch­ge­zo­ge­nen Decke und den hel­len Wän­den macht die Sta­tion einen durch­aus freund­li­chen Ein­druck. Aber schnell fal­len einige Details auf, die ein für eine inner­städ­ti­sche Schnell­bahn eher unge­wohn­tes Bild hinterlassen.

Abgesperrtes Gleis am Hauptbahnhof

Abge­sperr­tes Gleis am Hauptbahnhof

Da ist zunächst die Tat­sa­che, dass eines der bei­den Gleise des Bahn­ho­fes schlicht nicht zugäng­lich ist. Und das vor der Bahn­steig­kante mon­tierte Gelän­der ist so mas­siv, dass das ganze auch nicht einer kurz­fris­ti­gen Bau­maß­nahme geschul­det sein kann. Auf dem Foto ist zudem auch die ein­zige Roll­treppe des gesam­ten Bahn­ho­fes zu bewun­dern. Es han­delt sich um eines die­ser Modelle, die in beide Rich­tun­gen lau­fen, je nach­dem, von wo jemand die still ste­hende Roll­treppe betritt.

Südlicher Treppenaufgang am Hauptbahnhof

Süd­li­cher Trep­pen­auf­gang am Hauptbahnhof

Über­haupt machen die Trep­pen­an­la­gen nicht gerade einen fer­ti­gen Ein­druck. Neben der süd­li­chen Treppe zum Bei­spiel ist noch Platz für zwei Roll­trep­pen links und rechts der Treppe und sogar das Bahn­stei­gende ist momen­tan gesperrt.

U-Bahnsteig am Hauptbahnhof

U-​Bahnsteig am Hauptbahnhof

Naja, und dann macht die Sta­tion für eine U-​Bahnstation an einem Haupt­bahn­hof, zumal in der Mil­lio­nen­stadt Ber­lin, einen selt­sam ver­las­se­nen Ein­druck. Die­ses Bild ent­stand um halb drei Uhr nach­mit­tags an einem ganz nor­ma­len Werktag.

U-Bahnzug am Hauptbahnhof

U-​Bahnzug am Hauptbahnhof

Des Rät­sels Lösung liegt im Betrieb die­ser U-​Bahnstrecke: Sie endet hier am Haupt­bahn­hof. Und auf der ande­ren Seite fährt sie auch nicht so furcht­bar weit. Gerade Mal zwei Sta­tio­nen lie­gen dort und der ein­zige Zug auf der Linie braucht für die Stre­cke keine drei Minu­ten. Betrach­ten wir das Linienband.

Linienband der U55 im Zug

Lini­en­band der U55 im Zug

So rich­tig lang sieht das nicht aus. Ist es auch nicht. Die U55 ist zudem an kei­ner Stelle mit dem rest­li­chen U-​Bahnnetz Ber­lins ver­knüpft, wes­halb die ins­ge­samt acht Wagen per Kran in den Tun­nel gehievt wur­den. Einer der bei­den Vier-​Wagen-​Züge pen­delt nun auf dem östli­chen Gleis der Stre­cke, der andere steht als Reserve in der Kehr­an­lage nörd­lich des Hauptbahnhofes.

Abfahrt am Hauptbahnhof

Abfahrt am Hauptbahnhof

Der Fahr­plan ist ent­spre­chend ein­fach: Es gibt einen 10-​Minutentakt, wobei der Zug die eine Hälfte der Zeit fährt und die andere Hälfte der Zeit in den End­sta­tio­nen steht. In die­ser Zeit ist der Fah­rer damit beschäf­tigt, vom einen Ende des Zuges zum ande­ren Ende zu gehen. Nun denn, stei­gen wir ein.

Mor­gen geht’s wei­ter: Dann errei­chen wir den ein­zi­gen Unter­wegs­bahn­hof der Stre­cke: Bun­des­tag. Und einen drit­ten Teil über den Bahn­hof „Bran­den­bur­ger Tor” gibt’s auch.