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Musikkritik: paniq — Beyond Good And Evil

Ich habe ja schon das eine oder andere Mal über Musik geschrie­ben. Ich bin zwar durch­aus ein Main­stream­mensch, aber gerade in den letz­ten Jah­ren schaue ich auch viel nach „alter­na­ti­ver” Musik, ins­be­son­dere sol­cher, die abseits der von der Musikmafiaindus­trie eta­blier­ten Wege ver­trie­ben wird.

paniq: Beyond Good And Evil

paniq: Beyond Good And Evil

Eine Perle sol­chen Schaf­fens ist nun heute erschie­nen: Leo­nard Rit­ter hat als „paniq” sein elf­tes Album ver­öf­fent­licht: „Beyond Good And Evil” knüpft naht­los an das umfang­rei­che Schaf­fen des Künst­lers an: 13 Tracks elek­tro­ni­sche Musik, in der Mehr­zahl eher lang­same Num­mern, die Klang– und Rhyth­mustep­pi­che mit unge­wöhn­li­chen Beats und Har­mo­nien bil­den. Viele der Stü­cke sind für paniqs Werk eher melo­diös — und dan­kens­wer­ter Weise ver­kneift Rit­ter sich dies­mal den Griff zum Mikro­fon komplett.

paniqs Kom­po­si­ti­ons­stil ist seit jeher vom Sample-​basierten Arbei­ten geprägt: Acht bis sech­zehn Takte lange Sam­ples ver­schie­de­ner Rhyth­mus– oder Melo­die­li­nien ord­net er auf meh­re­ren Spu­ren sei­nes Sequen­cers an und ver­schiebt sie immer wie­der gegen­ein­an­der oder tauscht sie aus. Das klas­si­sche „Strophe-​Refrain-​Schema” tritt dabei eher in den Hin­ter­grund. Es ergibt sich so ein sehr typi­sches Klang­bild, das man, wenn man es denn wollte, am ehes­ten irgendwo in der Techno/​Trance-​Schublade unter­brin­gen würde. Das schöne an paniqs Kom­po­si­tio­nen ist aber, dass sie eben kein bil­li­ger Kir­me­s­techno sind, son­dern mit einem fei­nen Gefühl für Melo­dien und Har­mo­nien ange­ord­net wer­den. Bei „Beyond Good And Evil” gelingt ihm das viel­leicht bis­her am bes­ten: Jeder Track ent­wi­ckelt eine eigene Linie, die Instru­men­tie­rung ist abwechs­lungs­reich und das ganze Album fin­det sich trotz­dem unter einem gemein­sa­men Dach. Fein gemacht, unbe­dingt reinhören!

Die Musik ist aber auch des­halb bemer­kens­wert, weil sie eben außer­halb des übli­chen Musik­mark­tes ent­stan­den ist. Rit­ter — bzw. „paniq” — veröffentlicht seine Alben seit jeher als Creative-​Commons–Werke, und zwar unter der sehr frei­gie­bi­gen „cc-​by-​sa”-Vari­ante: Abge­wan­delte oder ver­wen­dende Werke müs­sen wie­der unter die­ser Lizenz ste­hen, weder Bear­bei­tung noch kom­mer­zi­elle Ver­wer­tung sind aber aus­ge­schlos­sen. Bei „Beyond Good And Evil” haben seine Freun­din und er aber zusätz­lich vor­her in der Com­mu­nity um Spen­den bzw. eine Finan­zie­rung gegen Nen­nung auf dem Plat­ten­co­ver bzw. Frei­ex­em­plare des fer­ti­gen Albums nach­ge­fragt. Sei­ner Web­seite nach hat das gut geklappt und das Album ist nun das Resul­tat der Arbeit.

„Beyond Good And Evil” kann man sich auf paniqs Home­page anhö­ren und direkt her­un­ter­la­den. Dabei fragt der Down­load­dia­log nach dem gewünsch­ten Geld­be­trag, den man für die Musik zah­len möchte. Ich halte das für psy­cho­lo­gisch außer­or­dent­lich geschickt, denn obwohl man hier wohl „0” ein­ge­ben kann (ich habe es nicht aus­pro­biert), hält man doch inne: Will ich die Arbeit des Künst­ler wirk­lich nicht hono­rie­ren? Die Zah­lungs­ab­wick­lung läuft über Pay­Pal und ist mei­nes Erach­tens unpro­ble­ma­tisch. Und: Das Geld kommt tat­säch­lich kom­plett beim Künst­ler an und bleibt nicht irgendwo in der Maschi­ne­rie der klas­si­schen Musik­ver­wer­tung hängen.

Ich kann an die­ser Stelle eine klare „Emp­feh­lung zum Rein­hö­ren” geben. „Beyond Good And Evil” ist für mich das erste Album 2011, das zeigt, wel­che Qua­li­tät freie künst­le­ri­sche Arbeit in Zei­ten des Inter­nets errei­chen kann, wenn man sie nur lässt.

Bring mich nach Hause — Das vierte Studioalbum von „Wir sind Helden”

Bring mich nach Hause - Limited Edition mit Booklet

Bring mich nach Hause — Limited Edi­tion mit Booklet

Ich hatte mich ja bereits viel, viel frü­her mal in die­sem Blog mit „Wir sind Hel­den” beschäf­tigt. Damals gab es ein neues Album — und jetzt gibt es wie­der ein neues Album. Mehr als drei Jahre lie­gen dazwi­schen, und die Tat­sa­che, dass es mein Blog schon so lange (und sogar noch län­ger!) gibt, zeigt mir, dass da mal wie­der eini­ges an Zeit ver­gan­gen ist. Für mich — und für die Helden.

Bei „Soundso” war ich sei­ner­zeit ja eher gespal­ten. Das Album war gewiss nicht schlecht, aber an „Vor hier an blind” reichte es mei­ner Mei­nung nach nicht heran. Und das hat sich auch nach vie­lem Hören — Zeit war ja seit­her genug… — nicht geän­dert: „Soundso” war nett, „Von hier an blind” und „Die Rekla­ma­tion” waren großartig.

Und nun also der nächste Streich. Ich hatte nur noch in Erin­ne­rung, dass das Album „irgend­wann Ende August” erschei­nen sollte, surfe am 26.8. so auf die Wir-​sind-​Helden-​Website und sehe da: Ver­öf­fent­li­chung am 27.8.! Und noch bes­ser: Auf Mys­pace konnte man die Lie­der schon­mal vor­hö­ren. Das ganze Album? Das ganze! Zwar in deut­lich redu­zier­ter Sound­qua­li­tät, aber man will sich ja nicht beschweren…

Schon die­ses erste Rein­hö­ren hat mir aus­neh­mend gut gefal­len. So gut, dass ich heute mit­tag zum örtli­chen Pla­ne­ten­la­den gelatscht bin (ja, ich weiß, ich hatte mal geschrie­ben, dass ich da nicht mehr hin­gehe…) und die „Limited Edi­tion” erstan­den habe: Studio-​CD und dann noch­mal alle Lie­der in einer „Unplugged”-Version auf einer zwei­ten CD. Schnell die Lie­der nach MP3 kon­ver­tiert (kein Pro­blem, kein „Kopierschutz”) — und los!

Die CD selbst macht zunächst einen getra­ge­nen, stel­len­weise fast düs­te­ren Ein­druck — viel mehr als die vor­an­ge­gan­ge­nen Alben. Die melan­cho­li­sche „Bal­lade von Wolf­gang und Bri­gitte” beschreibt ein­dring­lich, wie uner­wi­derte Liebe in Aus­nut­zung umschla­gen kann, und obwohl Judith Holo­fer­nes in Inter­views bereits gesagt hat, dass das Lied eher in der 1970er-​Jahren ange­sie­delt ist, kann man seine Geschichte pro­blem­los auch heute spie­len lassen:

Dann zog Bri­gitte nach Ibiza und ver­kaufte Batik­sa­chen,
Wolf kün­digte, um bei ihr zu sein.
Nach ein paar Wochen sagte Gitte: „Ich wollte eigent­lich einen Schnitt machen
und frei sein, du engst mich ein.”

Für das Wahre, Schöne, Gute will jeder gerne blu­ten,
 – aber Wolf­gang hat Bri­gitte geliebt.

„Meine Freun­din war im Koma und alles, was sie mir mit­ge­bracht hat, war die­ses lau­sige T-​Shirt”, so heißt das Lied wirk­lich, obwohl diese Zeile in die­ser Form im Text gar nicht vor­kommt, setzt sich ein­dring­lich mit dem (Nah-)Tod auseinander.

Auch ich wollte ein Sou­ve­nir vom Tun­ne­lende,
aber ich weiß, das weiße Licht rinnt einem immer durch die Hände

So wie du auch, du auch, du auch, du auch — auch du.

Und was mir das titel­ge­bende Stück „Bring mich nach Hause” sagen will, habe ich noch nicht ganz durch­drun­gen. Dort heißt es zu lang­sa­men Moll-​Akkorden auf dem Klavier

Ich brau­che tiefste schwarze Nacht hin­ter mei­nen Lidern,
ein Gift gegen den Schmerz in mei­nen Glie­dern.
[…]
Und dort erst auf der Schwelle will ich ver­blu­ten,
wenn ich still bin, soll der Regen jede Zelle fluten.

Sol­che Töne hätte ich bis­lang eher bei Unhei­lig oder Schand­maul, nicht aber bei den Hel­den vermutet.

Aber es geht auch anders: „23.55: Alles auf Anfang” hat wie­der die­sen fre­chen „Die Hel­den gegen den Rest der Welt”-Grundton, der in der „Rekla­ma­tion” und „Von hier an blind” herrschte:

Du nennst es Welt­schmerz, ich nenn’ es Atti­tüde
Es ist erst fünf vor zwölf und du bist schon so müde.

Ihr sagt: Kein Ende in Sicht
Wir sagen: Fünf vor zwölf, alles auf Anfang!

„Was uns bei­den gehört” ist — zu schwung­vol­lem Samba — eine raf­fi­nierte Alle­go­rie, in der Tag und Nacht das „mein”, „dein” und „unser” in einer Bezie­hung ausdiskutieren:

Er sagte:
Mir gehört der Tag und das glei­ßende Leuch­ten […]
Mein ist das Helle, das Hei­tere, Wahre […]

Sie sagte:
Mir gehört die Nacht mit all ihren Schat­ten […]
Mir allein fol­gen der Mond und die Sterne […]

Uns bei­den gehört das Abend­licht
Das Fla­ckern der Lich­ter in unse­ren Gesich­tern
Mehr nicht.

Und mein aktu­el­les Lieb­lings­stück „Dra­ma­ti­ker” nimmt mit der unver­gleich­li­chen Holofernes’schen Lust am Fabu­lie­ren die Ober­fläch­lich­keit in der Gesell­schaft auf’s Korn:

Und die Mäd­chen an den Tischen sin­gen:
„Und dann ich so und dann er so und dann…
der muss doch ein­fach manch­mal meine…
und dann ich so und dann er so und dann…”

Drama! Drama!
Drama-​dramatiker!

Deine Weste ist zu weiß, wart’ ich frag’ einen Batiker.

Das Album „Bring mich nach Hause” fügt sich naht­los in die Musik­ge­schichte der Hel­den ein. Es ist — ins­ge­samt — wohl das bis­her rei­feste Album der Hel­den, man merkt die sie­ben Jahre, die seit der „Rekla­ma­tion” ver­gan­gen sind, halt doch. Für mich ist es — nach „Von hier an blind” — das zweit­beste Hel­den­al­bum, und wer weiß, was beim wei­te­ren Hören noch so pas­siert… Wer „Wir sind Hel­den” bis jetzt schon gemocht hat, wird den Kauf die­ses Albums nicht bereuen. Und wer die Hel­den bis­lang noch nicht kannte, aber ein Fai­ble für intel­li­gente deut­sche Musik hat, der sollte unbe­dingt rein­hö­ren. Da dürfte es momen­tan wenig Bes­se­res geben…

Lena Meyer-​Landrut in Hannover: Fotogalerie vom Empfang vor dem Rathaus

Ich schrieb ja ges­tern schon vom Stand­ort­vor­teil, den man als Han­no­ve­ra­ner beim dies­jäh­ri­gen Euro­vi­sion Song Con­test hat: Die deut­sche Teil­neh­me­ne­rin und Gewin­ne­rin Lena Meyer-​Landrut kommt ja nun mal von hier. Und so fand auch der Emp­fang am Tag nach ihrem Sieg hier in Han­no­ver statt. Das ließ ich mir nicht ent­ge­hen, habe aber — anders als am Vor­tag — dies­mal die Kamera mit vors Rat­haus genom­men. Viele Fotos, die ich auf die­sem Event gemacht habe, fin­den sich unter

http://​lena​-in​-han​no​ver​.hill​brecht​.de

Der Tramm­platz war bes­tens gefüllt als Punkt 17:00 Uhr die USFO-​Moderatoren Sabine Hein­rich und Mat­thias Opden­hö­vel auf der Bühne erschie­nen und „eine total unge­plante Livesa­che” ankündigten.

Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel eröffnen die Veranstaltung

Sabine Hein­rich und Mat­thias Opden­hö­vel eröff­nen die Veranstaltung

Mit Beginn der Live­über­tra­gung auf ARD und Pro7 erschie­nen dann Ste­fan Raab und eine gut gelaunte Lena Meyer-​Landrut und wur­den aus­gie­big vom Publi­kum gefeiert.

Stefan Raab und Lena Meyer-Landrut

Ste­fan Raab und Lena Meyer-​Landrut

Höhe­punkt der Ver­an­stal­tung war wohl eine wei­tere Liveper­for­mance von „Satel­lite” durch Lena. Ich möchte nicht wis­sen, wie oft sie die­ses Lied in den ver­gan­ge­nen zwei Mona­ten gesun­gen hat.

Lena singt ein weiteres Mal Satellite - live und mit lauter Unterstützung durchs Publikum

Lena singt ein wei­te­res Mal Satel­lite — live und mit lau­ter Unter­stüt­zung durchs Publikum

Das Publi­kum jeden­falls war begeis­tert, sang aus vol­ler Kehle mit und fei­erte ansons­ten aus­gie­big die „Stars aus Oslo”.

Der Trammplatz war die ganze Zeit voll von Zuschauern

Der Tramm­platz war die ganze Zeit voll von Zuschauern

Mein Fazit: Sowas erlebt man nicht alle Tage. Viele wei­tere Fotos von der Ver­an­stal­tung, wie bereits geschrie­ben, unter

http://​lena​-in​-han​no​ver​.hill​brecht​.de

Der Eurovision Song Contest, Lena Meyer-​Landrut und ich

Was für ein Abend! Eigent­lich hatte ich einen ruhi­gen Abend zu Hause geplant und neben dem Grand-​Prix im Fern­se­hen — man mag es ange­sichts der Ereig­nisse kaum schrei­ben — Wäsche gewa­schen und die Woh­nung auf­ge­räumt. Na gut, und get­wit­tert. Und dann das! Zunächst mal ein rich­tig guter Auf­tritt von Lena auf Platz 22 im Contest:

Naja, und als dann auf der Hälfte der Punk­te­ver­gabe Deutsch­land doch deut­lich in Füh­rung lag, dachte ich mir, es sei irgend­wie unan­ge­mes­sen, einen der­ar­tig his­to­ri­schen Moment allein im stil­len Käm­mer­lein zu ver­brin­gen. Also habe ich mal gna­den­los mei­nen Stand­ort­vor­teil genutzt, mich aufs Fahr­rad geschwun­gen und bin rüber­ge­fah­ren zum Tramm­platz, der ja in den Fern­seh­über­tra­gun­gen auch das eine oder andere Mal erwähnt wurde als eine der zen­tra­len Grand-​Prix-​Feiern in Deutsch­land — und Hannover.

Als ich ankam, waren gerade die letz­ten vier oder fünf Punk­te­ver­ga­ben im Gange und Lena lag bereits unein­hol­bar vorne. Dann wurde mal rich­tig gefei­ert. Ich fand mich irgend­wann in einer Gruppe Abitu­ri­en­ten wie­der und freute mich, dass „Zu spät” von den Ärzten auch heute noch die Party rockt — das habe ich schon zu mei­ner Abi­feier gehört. ;-) Den Abschluss der Party bil­dete ein Livek­on­zert von den Jet­lags mit USFO-​Kandidat Cyril Krue­ger. Noch so ein his­to­ri­scher Moment: Dass trotz all der schwer lärm­ge­pla­ten und kla­ge­freu­di­gen Ein­woh­ner Han­no­vers mal ein Kon­zert mit­ten in der Stadt um 1:30 Uhr zu Ende geht — das glaubt einem doch spä­ter nie­mand mehr…

Lena Meyer-Landrut auf der Pressekonferenz nach dem Sieg

Lena Meyer-​Landrut auf der Pres­se­kon­fe­renz nach dem Sieg

Bild­quelle: Ind­rek Gale­tin (EBU)

Lena war der­weil auf der Sie­ger­pres­se­kon­fe­renz und man merkte ein wei­te­res Mal, wie über­rascht alle Betei­lig­ten über den Sieg waren. Das finde ich eine der ganz beson­de­ren Tat­sa­chen die­ser Grand-​Prix-​Nacht: Trotz all der guten Pro­gno­sen hatte wohl nie­mand wirk­lich damit gerech­net, dass aus­ge­rech­net die­ses kleine, unprä­ten­tiös vor­ge­tra­gene Lied ganz Europa über­zeu­gen würde. Am Nach­mit­tag hatte ich mich hier im Haus noch mit zwei Nach­barn unter­hal­ten. Die mein­ten uni­sono: „Naja, viel­leicht reicht es für die ers­ten fünf” und nach­dem ich — save​.tv sei Dank — beide Halb­fi­nals gese­hen hatte, war ich mir auch nicht so sicher: Da waren mal wie­der viele gute Lie­der ganz unter­schied­li­chen Zuschnitts dabei.

Egal — heute nach­mit­tag werd’ ich noch­mal ver­su­chen, mich zum Tramm­platz durch­zu­schla­gen. Sowas erlebt man nicht oft!

Musik zum Sonntag: zero-​project — Fairytale

Und hier, liebe Leser, ein wenig Musik zum Sonn­tag. CC-​lizenziert und auf Jamendo zu fin­den: „zero-​project” mit sei­nem aktu­el­len Album „Fai­ry­tale”. Passt beson­ders gut, wenn man gerade wach wird, sich fragt, wo die Kopf­schmer­zen her­kom­men und sich dann wie­der an die Pro­mo­ti­ons­feier des Kom­mi­lio­nen vom Abend zuvor erin­nert, auf der man irgend­wann den Über­blick über die Anzahl der Glä­ser Rot­wein ver­lo­ren hat…

Nicht hören soll­ten das die Jungs und Mädels von nom­nom­nom, die sich gerade in Stunde 17 ihres 24-​Stunden-​Fernsehmarathons mit Live­b­log­ging befin­den. Sonst ist da bald Stille im Blog… ;-)

Musik — zwo — drei — vier: Diablo Swing Orchestra bei Jamendo und Amazon

Ich weiß, ich bin in letz­ter Zeit ein wenig faul mit Blog­bei­trä­gen. Aber wie heißt es so schön: Alles im Leben hat seine Zeit. Als Pau­sen­fül­ler heute mal ein Ver­weis auf exter­nen Content:

  

Das Dia­blo Swing Orches­tra aus Schwe­den spielt eine reich­lich ein­zig­ar­tige Mischung aus Gothic, Swing, Folk und diver­sen ande­ren Musik­rich­tun­gen, gar­niert mit dem Gesang einer aus­ge­bil­de­ten Sopra­nis­tin. Von den Bands, die ich so kenne, erin­nert das ganze noch am ehes­ten an Wit­hin Temp­ta­tion.

Anders als Wit­hin Temp­ta­tion hat sich das Dia­blo Swing Orches­tra aber für ein ande­res Lizenz­mo­dell für seine Musik ent­schie­den: Das Album „The Butcher’s Ball­room” ist unter Creative-​Commons-​Lizenz in der Aus­prä­gung „BY-​NC-​ND” zum freien, kos­ten­lo­sen und lega­len Down­load bei Jamendo ver­füg­bar. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Ver­triebs­wege gibt: Auf Ama­zon ist das Album „ganz nor­mal” käuf­lich erwerbbar.

Ich bin ja ein gro­ßer Freund die­ser neuen Ver­triebs­mo­delle für kul­tu­relle Werke. Inso­fern wün­sche ich mir, dass noch viel mehr Künst­ler die­sen Weg gehen und ihre Erzeug­nisse sowohl kom­mer­zi­ell als auch nicht-​kommerziell zur Ver­fü­gung stel­len und so die Teil­habe am kul­tu­rel­len Leben noch viel mehr Men­schen als bis­her mög­lich machen. Poli­tisch lau­tet meine For­de­rung dabei vor allem, dass das gesetz­lich unter­stützte Quasi-​Monopol der GEMA und ähnli­cher Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten voll­stän­dig besei­tigt wer­den muss und vor allem eine werk­weise sowie zeit­lich und anlass­be­zo­gen begrenzte Abtre­tung der Ver­wer­tungs­rechte unkom­pli­ziert und schnell mög­lich sein muss.

Aber dazu ein ande­res Mal mehr. Jetzt wün­sche ich viel Spaß beim Hören die­ser — wie ich finde — außer­ge­wöhn­li­chen Musik.

Free Music Contest: Zweite Phase abgeschlossen, Sampler-​Vorbestellung startet

Vor eini­ger Zeit hatte ich hier bereits über den Free! Music! Con­test! geschrie­ben, zu dem der Musik­pi­ra­ten e.V. auf­ge­ru­fen hatte und bei dem aus den bes­ten der ein­ge­sen­de­ten Free-​Music-​Beiträge Sam­pler pro­du­ziert und ein Livek­on­zert orga­ni­siert wer­den sollte.

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Nun ver­mel­den die Musik­pi­ra­ten, dass die „zweite Phase” des Wett­be­werbs abge­schlos­sen sei — wobei mir nicht ganz klar ist, was diese zweite Phase ist und der Text mit den Wor­ten beginnt: „Die erste Phase des Free! Music! Con­test ist nun been­det.” Aber sei’s drum. Aus über vier Stun­den freier Musik wurde ein Doppel-​CD-​Sampler zusam­men­ge­stellt, der auch schon vor­be­stellt wer­den kann. Kos­ten: 2,50 EUR pro CD und ein­ma­lig 2,50 EUR für den Versand.

5,00 EUR für zwei Stun­den Musik? Hm, das hatte ich das letzte Mal bei einer Doppel-​CD mit den „Bran­den­bur­gi­schen Kon­zer­ten” von Bach. Die sind ins­ge­samt 1 Stunde und 56 Minu­ten lang und beim Anhö­ren bekam man den Ein­druck, das ost­eu­ro­päi­sche Orches­ter hätte das Ton­stu­dio für exakt zwei Stun­den gemie­tet: Rein, Hin­set­zen, Los­s­pie­len. Ob nun rich­tig oder falsch war weit­ge­hend egal — und lei­der hat man das der CD auch sehr deut­lich angehört.

Ich bin mir sicher, dass die Free-​Musiker das bes­ser hin­be­kom­men haben. :-)

Die Party gibt’s übri­gens auch. Am 3.10. in der Krea­tiv­fa­brik in Wies­ba­den. 20:00 Uhr, 5,00 EUR. Das ist weni­ger Geld als ein durch­schnitt­li­cher Kino­be­such — aber bestimmt lus­ti­ger. Head­li­ner sind übri­gens por­no­pho­ni­que.

„Delph’ sans les pattes” und „German Viewers Love Their Detectives” — Fundstücke

Heute gibt’s mal zwei Links auf Fund­stü­cke, die ich aus ver­schie­de­nen Grün­den für erwäh­nens­wert halte:

Delph' sans les pattes - Ze first cidi

Delph’ sans les pat­tes — Ze first cidi

Da ist zunächst das Album „Ze first cidi” der Stras­bour­ger Gruppe „Delph’ sans les pat­tes”. Mein Fran­zö­sisch ist zu schlecht, als dass ich mir mehr als nur ansatz­weise zusam­men­rei­men könnte, was der Band­name heißt und um was es in den Lie­dern geht. Wenn ich das rich­tig über­bli­cke, dürfte das Album wohl in den USA einen „Par­en­tal Advise: Exp­li­cit lyrics”-Bapperl bekom­men. Aber wir sind hier ja nun mal in Deutsch­land, der Text ist Fran­zö­sisch, und der­art schö­nem Chan­son ver­gibt man doch irgend­wie alles, oder?

Und weil das ganze von Jamendo kommt, kann ich hier auch noch ein­fach mal direkt ver­lin­ken und zum Abspie­len auffordern:

  

Und dann war da noch die New York Times, die ihren US-​amerikanischen Lesern die Kri­mi­se­rie „Tat­ort” erklärt:

Ver­bre­chen gesche­hen hier an so typisch deut­schen Orten wie den inner­stä­di­schen „Schrebergarten”-Gartenanlagen, wo natur­ver­liebte Deut­sche ihre eige­nen Toma­ten zie­hen und ihren merk­wür­di­gen Geschmack für Plas­tik­wich­tel pfle­gen. Die Köl­ner „Tatort”-Kommissare machen ihre Pau­sen grund­sätz­lich an ihrem Lieblings-„Büdchen”, einem jener Bier– und Brat­wurst­stände, die so typisch für das Rhein­land sind. Selbst die düs­tere Aus­leuch­tung scheint bei so man­chem Deut­schen die eige­nen vier Wände wie­der­zu­ge­ben. […]
Man muss sich diese Serie als einen Mikro­kos­mos der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor­stel­len, so wird sie auch von den Pro­du­zen­ten immer wie­der ange­prie­sen. Jeder Tat­ort lässt seine regio­na­len Wur­zeln erken­nen, sei es, dass die Dar­stel­ler im loka­len Dia­lekt spre­chen oder der Fall etwas mit regio­na­len Beson­der­hei­ten zu tun hat. Und die Deut­schen spre­chen über ihren Lieb­lings­tat­ort in etwa so wie über die lokale Fuß­ball­mann­schaft. Der Müns­te­ra­ner Tat­ort hat grund­sätz­lich komi­sche Ele­mente. Im grü­nen Kon­stanz geht es für die „Tatort”-Kommissare häu­fig um Fälle im Umwelt­be­reich. Ham­burg prä­sen­tiert einen rast­lo­sen James-​Bond-​artigen Tür­ken, der allein arbei­tet; Han­no­ver eine schöne und schlaue aber ein­zel­gän­ge­ri­sche Kom­mis­sa­rin.
Man könnte sagen, es ist ein wenig wie „CSI” mit Lokal­ko­lo­rit, aber es ist ein­fach zu „Deutsch” um mit die­ser ame­ri­ka­ni­schen Ein­heits­ware ver­wech­selt zu wer­den: Nicht so geleckt, viel unblu­ti­ger, dafür aber mit einem Händ­chen für bri­sante Geschich­ten. Vor eini­ger Zeit hat ein „Tat­ort”, in dem es um Inzest inner­halb der kur­di­schen und tür­ki­schen Ale­vi­ten­ge­mein­schaft ging, zu Pro­tes­ten von zehn­tau­sen­den Ale­vi­ten in Köln und Ham­burg geführt. […]

Ich finde es immer beson­ders erhel­lend, wenn man mal einen Bericht über etwas liest, das man selbst schon lange kennt und das aus einem ganz ande­ren Blick­win­kel betrach­tet wird. Des­halb habe ich die Lek­türe des (eng­lisch­spra­chi­gen) Ori­gi­nal­ar­ti­kels auch sehr genos­sen und kann ihn nur weiterempfehlen.

Free Music Contest — Einsendeschluss für Musiker naht

Als Ersatz­ver­an­stal­tung für den „Open Music Con­test” ver­an­stal­tet der frisch gegrün­dete Ver­ein „Musik­pi­ra­ten” die­ses Jahr den „Free! Music! Con­test”. Der Wett­be­werb zeigt, wie viel­fäl­tig freie Musik ist. Außer­dem winkt den teil­neh­men­den Bands ein Platz auf dem geplan­ten CD-​Sampler oder sogar ein Auf­tritt beim Livek­on­zert am 2009-​10-​03 — ja, genau, das ist der Tag der Deut­schen Einheit.

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Mit­ma­chen kann jeder Musi­ker, der nicht bei der Gema oder einer ver­gleich­ba­ren Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft — auch im Aus­land — gemel­det ist. Bei Bands muss diese Vor­aus­set­zung für alle Mit­glie­der gel­ten. Der Wett­be­werb rich­tet sich eben gerade an freie Musik, bei der zen­trale Ver­wer­ter keine Rolle spie­len. Es muss aber schnell gehen: Bei­träge kön­nen nur noch bis zum kom­men­den Frei­tag, 2009-​07-​31, ein­ge­reicht wer­den!

Die frisch gegrün­de­ten Musik­pi­ra­ten suchen auch noch Spen­der und Spon­so­ren für den Wett­be­werb, die CD-​Produktion und das Abschluss­kon­zert. Anmel­dun­gen hier­für sind noch den gan­zen August über mög­lich. Freunde freier Musik soll­ten über eine Betei­li­gung nach­den­ken, nur wenn genug Geld zusam­men­kommt, kann der Sam­pler als „echte” CD pro­du­ziert wer­den. Und je mehr Geld für das Event am 3.10. da ist, desto mehr Bands kön­nen live auf­tre­ten. Also: Spendet!

Ich finde, freie Musik ist eine der bes­ten Mög­lich­kei­ten, der Musik­in­dus­trie ihre eigene Über­flüs­sig­keit zu demons­trie­ren. Anders als bei den hane­bü­che­nen Gema-​Verteilungsschlüsseln steht der Künst­ler hier direkt mit dem Zuhö­rer in Kon­takt. Zudem sind bei Kon­zer­ten oder Auf­trit­ten keine Zah­lun­gen an die Gema fäl­lig, von denen der Künst­ler im Zwei­fels­fall nur einen Bruch­teil wie­der­sieht. Freie Musik und der Free! Music! Con­test sind so Vor­rei­ter eines neuen Umgangs mit Musik und ein wich­ti­ger Bei­trag zur Musik­kul­tur insgesamt.

Für freie Musik ist unter ande­ren Jamendo eine reich­hal­tige und pro­fes­sio­nelle Quelle. Als Bei­spiel bringe ich hier mal die deut­sche Band „por­no­pho­ni­que”, die mit Gesang, Gitarre und (Ach­tung!) Game­boy sehr hörens­werte Tracks pro­du­ziert. Die Jungs sol­len vor allem live ein Erleb­nis sein, hier mal als Appe­ti­zer „Game over” aus dem Album „8-​bit lager­feuer”:

  

Die Musik­pi­ra­ten sind per­so­nell und kon­zep­tio­nell eng mit der Pira­ten­par­tei ver­bun­den. Das Por­tal „musik​.klar​ma​chen​-zum​-aen​dern​.de” lief lange Zeit beim hes­si­schen Lan­des­ver­band der Pira­ten­par­tei und ist mitt­ler­weile auf die Musik­pi­ra­ten über­ge­gan­gen. Sol­che Spin-​Offs sind — denke ich — ein siche­res Zei­chen dafür, wie sich die Ideen der Pira­ten­par­tei immer wei­ter verbreiten.

Cool!

Dieter Bohlen über Musikkopien im Internet — Vordenker der Piratenpartei

Ich bitte um Auf­merk­sam­keit für ein etwas älte­res Fund­stück, auf das ich über Twit­ter gesto­ßen bin. Am 2007-​11-​01 war Die­ter Boh­len zu Gast bei Johan­nes B. Ker­ner. Nun mag man über beide Gesprächs­part­ner den­ken, was man will, aber war der Die­ter da gesagt hat, das ist schon bemerkenswert:

Ker­ner: Mit Plat­ten kann man kein Geld mehr verdienen.

Boh­len: Richtig.

Ker­ner: Nur noch auf Tournee.

Boh­len: Rich­tig. […] Mit Plat­ten kann man heute kein Geld mehr ver­die­nen. […] Des­halb gehen die jetzt alle auf Tour­nee weil das Tour­nee­ge­schäft läuft ganz toll und alle Leute down­loa­den das — die Musik.

Ker­ner: Aber das kos­tet ja auch was.

Boh­len: Ja, aber da zahlt ja kein Mensch was für. Ich finde diese ganze Dis­kus­sion — diese jun­gen Men­schen in die Nähe von Straf­bar­keit zu rücken, ja, das die da was Ver­bo­te­nes machen, finde ich abso­lu­ten Schwach­sinn — weil, erst­mal gibt die Indus­trie denen die Mög­lich­keit, das zu machen — schafft die Hard­ware, ver­dient da mit dran — sagt denen: „Hier sind die Pro­gramme, könnt ihr’s down­loa­den”. Ist zu dir denn oder zu mir denn damals einer gekom­men und hat gesagt, wir dür­fen am Radio nicht mehr sit­zen und diese Sachen auf­neh­men? […] Wir haben doch frü­her alle vor unse­ren Radios geses­sen und haben da die Hit­pa­ra­den auf­ge­nom­men. Was machen die denn jetzt ande­res? Gar nix! […] Ich hab’ ja damals auch nichts gesagt, wenn die Leute sich das aus dem Radio abko­piert haben. Du kannst doch den Leu­ten nicht irgend­wie sagen: „Hier ist ein Ham­mer, aber jetzt hau den Nagel nicht in die Wand, du!”

Ker­ner: Also du wür­dest sagen: Musik im Netz freigeben?

Boh­len: Ach, klar. Machen doch auch viele schon. Meine Sachen… wenn man da auch die rich­ti­gen Plätze geht, dann kann man das auch alles down­loa­den. (lacht)

Ker­ner: Ich habe das so von einem Künst­ler noch nicht gehört. Es gibt ja sogar große Ver­ei­ni­gun­gen, die sich zusam­men­schlie­ßen, ganz viele Künst­ler, die sagen, wir müs­sen unser geis­ti­ges Eigen­tum schützen.

Boh­len: Ist doch Quatsch. Die Zeit ist jetzt hier ange­kom­men, die haben den jun­gen Leu­ten das gege­ben, und die soll­ten die jetzt nicht irgend­wie in ‚ne kri­mi­nelle Ecke rücken.

Ker­ner: Das heißt der Künst­ler soll ein­fach seine Musik machen, die soll down­ge­loa­det wer­den, dann hören’s viele und dann geht er eben auf Tour­nee und wenn die Leute sich das live anhö­ren wol­len, dann kos­tet ‚ne Karte 45 Euro und dann holt er sich das Geld da ab.

Boh­len: Ja, so wird’s sein in der Zukunft.

Und wer die­sen Dia­log nicht glaubt:

An die­ser Stelle hat sich Die­ter Boh­len den Titel „Vor­den­ker der Pira­ten­par­tei” red­lich ver­dient. Aus dem Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei, Kapi­tel „Imma­te­ri­al­gü­ter­rechte”:

Anstatt den alten Geschäfts­mo­del­len nach­zu­trau­ern und sie mit unzu­mut­ba­ren Ein­grif­fen in die Pri­vat­sphäre der Bür­ger künst­lich am Leben zu erhal­ten zu wol­len, for­dern die PIRATEN dazu auf, neue Geschäfts­mo­delle zu ent­wi­ckeln. Diese Geschäfts­mo­delle sol­len den Urhe­bern der digi­ta­len Kul­tur­ge­sell­schaft ermög­li­chen, auf markt­wirt­schaft­li­che Art und Weise Erlöse aus der Ver­wer­tung ihrer Werke oder deren Umfeld zu erzie­len, wenn sie dies anstreben.

Über­holte Ver­mitt­ler­funk­tio­nen von Rech­te­ver­wer­tern, die in der Ver­gan­gen­heit z.B. in der Unter­hal­tungs­mu­sik­in­dus­trie zu hohen Ren­di­ten geführt haben, sind größ­ten­teils nicht mehr zeit­ge­mäß und wer­den in die­sem Umfang kei­nen Bestand haben. Die Aus­schal­tung von Zwi­schen­händ­lern ermög­licht es, dass den Künst­lern vom Erlös ihrer Werke ein grö­ße­rer Teil ver­bleibt und direk­ter zufließt. Außer­dem wird damit das Spek­trum der Kul­tur­szene deut­lich erweitert.

Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das mal so sagen würde: Haste gut erkannt, Dieter.

Übri­gens hat Die­ter seit neus­tem sogar ein Blog, das „Boh­len­blog”. Ich musste schmun­zeln, als ich das sah: Ja, in etwa mit die­sem Design hatte ich auch mal angefangen…