Monatliches Archiv für August, 2011

Wahlkampfauftakt der Piratenpartei in Berlin — Chez Jacki gerockt

In Nie­der­sach­sen sind die Pira­ten gerade schwer im Wahl­kampf. Am 11. Sep­tem­ber sind Kom­mu­nal­wah­len. Und am 3. Sep­tem­ber wer­den wir in Han­no­ver ein gro­ßes Pira­ten­fest mit Spiel, Spaß und Poli­tik veranstalten.

In Ber­lin sind die Pira­ten gerade schwer im Wahl­kampf. Am 18. Sep­tem­ber sind Abge­ord­ne­ten­haus­wah­len. Und am 18. August gab es eine große Wahl­auf­takt­ver­an­stal­tung mit Poli­tik und Party.

„Das ist die Gele­gen­heit für ein biss­chen Know-​How-​Transfer”, habe ich mir gedacht und bin dann mal nach Ber­lin gefah­ren. Wäre mal span­nend zu sehen, wie die Ber­li­ner so ticken. Sind bun­des­weit unter den Pira­ten ja als ein wenig „spe­cial” bekannt.

Chez Jacki von außen

Der Ort der Ver­an­stal­tung: Das Chez Jacki neben der Maria am Ostbahnhof

Die Auf­takt­ver­an­stal­tung ist für mich extrem ver­kehrs­güns­tig gele­gen, näm­lich in unmit­tel­ba­rer Nähe des Ost­bahn­ho­fes neben der „Maria am Ost­bahn­hof” im Club „Chez Jacki” direkt an der Spree. Das Ambi­ente ist — nunja — rus­ti­kal: Eine ehe­ma­lige Indus­trie­an­lage mit ver­ram­mel­ten Fens­tern, viel nack­tem Beton, einer Bar und einer röt­li­chen Licht­in­stal­la­tion unter der Decke.

Chez Jacki mit roten Lampen an der Decke und roten Gesichtern darunter: Es war brütend heiß

Chez Jacki mit roten Lam­pen an der Decke und roten Gesich­tern dar­un­ter: Es war brü­tend heiß

Um 18 Uhr ist Start ange­sagt. Als ich um 19 Uhr ankomme, geht’s dann auch los. Zu Beginn der Ver­an­stal­tung gibt es eine Begrü­ßung von Chris­to­pher Lauer, die ein wenig län­ger aus­fällt, weil der erste Red­ner, Lan­des­vor­sit­zen­der Ger­hard Anger, noch in einem Inter­view fest­hängt. Dann geht’s mit sei­nem Vor­trag „Warum machen wir den Scheiß eigent­lich?” los. Wie bei allen Vor­träge haben sich die Ber­li­ner Pira­ten für das „Pecha Kucha”-Vortragsformat ent­schie­den. Das legt die Foli­en­zahl pro Vor­trag etwas will­kür­lich auf maxi­mal 20 fest, die jeweils 20 Sekun­den lang gezeigt wer­den. Damit dau­ert ein Vor­trag maxi­mal sechs­ein­halb Minu­ten, was zu einer gewis­sen Prä­gnanz führt, vom Vor­tra­gen­den aller­dings gutes Timing ver­langt. Im Gro­ßen und Gan­zen klappt das auch gut, auf jeden Fall begrenzt es die Gesamt­zeit für die fünf Vor­träge auf eine gute halbe Stunde, was den etwa 100 anwe­sen­den Zuhö­rern in dem sti­cki­gen und hei­ßen Saal gerade noch zuzu­mu­ten ist.

Gerhard Anger: Warum machen wir den Scheiß eigentlich?

Ger­hard Anger: Warum machen wir den Scheiß eigentlich?

Nach Ger­hard redet Heide Hagen über die Sucht­po­li­tik der Pira­ten, die als Kern­punkt eine größt­mög­li­che Lega­li­sie­rung von Rausch­mit­tel­kon­sum hat und dies mit Auf­klä­rung und Prä­ven­tion beglei­ten möchte. Simon Weiß refe­riert über „Demo­kra­tie 2.0″ und die Vor­teile, die Tools wie „Liquid Feed­back” für die per­ma­nente poli­ti­sche Ein­fluss­nahme des ein­zel­nen Bür­gers auf die demo­kra­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zesse haben. Julia Schramm stellt die Posi­tio­nen der Pira­ten zur Stadt­ent­wick­lung vor, die sich gegen Gen­tri­fi­zie­rung wen­det und Infra­struk­tur in kom­mu­na­ler Hand sehen will. Zum Abschluss beschreibt Chris­to­pher Lauer das „ReSET”, die Idee eines „Rech­tes auf sichere Exis­tenz und gesell­schaft­li­che Teilhabe” — nicht ohne dabei einen Sei­ten­hieb gegen Hel­mut Schmidt zu set­zen: Des­sen lau­ni­ger Spruch „Wer Visio­nen hat, der soll zum Arzt gehen” habe, so Lauer, „viel kaputt gemacht”. Visio­när ist der gesell­schafts­po­li­ti­sche Ansatz der Pira­ten an die­ser Stelle sicher­lich, geht das ReSET doch sehr stark in die Rich­tung der Ideen von einem „bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­men”, in des­sen Nähe auch schon die Beschlüsse zu einer „Grund­si­che­rung” vom Chemit­zer Par­tei­tag 2010 liegen.

Heide Hagen: Suchtpolitik

Heide Hagen: Suchtpolitik

Simon Weiß: Demokratie 2.0

Simon Weiß: Demo­kra­tie 2.0

Julia Schramm: Stadtentwicklung

Julia Schramm: Stadtentwicklung

Christopher Lauer: ReSET

Chris­to­pher Lauer: ReSET

Nach den Reden, die alle mit viel Applaus bedacht wer­den, kommt es noch zur Pre­miere des Wahl­wer­be­spots. Und das gleich zwei­mal: Offen­sicht­lich konnte sich das Team nicht über die rich­tige Art der Musik­un­ter­ma­lung einig wer­den und hat des­halb zwei Spots mit jeweils unter­schied­li­chem Hin­ter­grund­track erstellt. Über die stimmt nun das Publi­kum ab — und ent­schei­det sich sehr ein­deu­tig für die Ver­sion mit der ruhi­ge­ren Hin­ter­grund­mu­sik. Der Spot selbst ist höchst gelun­gen und zeigt noch­mals zen­trale Aspekte der poli­ti­schen For­de­run­gen der Ber­li­ner Pira­ten in ein­gän­gi­gen Bildern.

Präsentation des Wahlwerbespots

Prä­sen­ta­tion des Wahlwerbespots

Nach die­sem „offi­zi­el­len Teil” beginnt das, was für mich mit der wich­tigste Grund war, nach Ber­lin zu fah­ren: Andere Pira­ten tref­fen und gegen­sei­ti­ger Aus­tausch. Ich kann mich an die­sem Abend mit diver­sen Pira­ten aus Ber­lin und aus dem Rest von Deutsch­land unter­hal­ten und merke mal wie­der: So im direk­ten Gespräch sind die eigent­lich alle total nett und umgäng­lich. Die Stim­mung wird noch­mal bes­ser, als sich am Abend eine dpa-​Meldung ver­brei­tet, der zu Folge die Pira­ten in den Umfra­gen jetzt bei 4,5% Wäh­ler­stim­men lie­gen und damit mit einem Fuß in der Nähe der Schwelle zum Abge­ord­ne­ten­haus stehen.

Als ich mich um halb ein Uhr nachts ver­ab­schiede, ist die Feier immer noch in vol­lem Gange. Mit bleibt die Erkennt­nis: Pecha-​Kucha-​Vorträge sind cool, die Pira­ten Ber­lin sind auch cool, aber unser Küchen­gar­ten­platz wird eine wesent­lich freund­li­che­res Ambi­ente bie­ten als diese Gruft am Spree­ufer. Aber das gehört wohl auch irgend­wie zu Berlin.

Ich habe übri­gens auch an der Wahllos-​Aktion der Ber­li­ner Pira­ten teil­ge­nom­men: 999 Lose mit allen Pro­zent­zah­len von 0,1% bis 100% wer­den unters Volk gebracht. Gewon­nen hat, wes­sen Los das Wahl­er­geb­nis am 18. Sep­tem­ber ent­hält. Ich bin mir sehr sicher, dass ich nicht gewin­nen werde, freue mich aber den­noch über mein „Losglück”…

Losglück: Solche Ergebnisse bekämen die Piraten wohl nur in Nordkorea

Los­glück: Sol­che Ergeb­nisse bekä­men die Pira­ten wohl nur in Nordkorea