Monatliches Archiv für Juli, 2011

Bericht vom Parteitag — #pptnds11 — Piraten Niedersachsen in Wolfenbüttel

Live­b­log­ging aus Wol­fen­büt­tel. Ich habe mich rela­tiv kurz­fris­tig ent­schlos­sen, heute hier zum Pro­gramm­par­tei­tag der nie­der­säch­si­schen Pira­ten­par­tei zu fah­ren. Da sit­zen wir nun mit etwa 30 Leu­ten und reden über die Anträge, die im Vor­feld ja auch im „Antrags­buch” zu lesen waren. Ich hatte bei all die­sen Anträ­gen von vorn­her­ein kein gutes Gefühl und habe schon vor eini­gen Tagen die Anmer­kun­gen von Jür­gen Stemke gele­sen — und konnte ihnen quasi voll­stän­dig zustimmen.

Lindenhalle in Wolfenbüttel: Ort des Parteitages

Lin­den­halle in Wol­fen­büt­tel: Ort des Parteitages

Diese Par­tei­tag steht unter kei­nem guten Stern: Der neue nie­der­säch­si­sche Vor­stand kommt, so wird es viel­fach gese­hen, nicht recht in Tritt. Im Vor­hin­ein gab es erheb­li­che Beden­ken gegen einen Par­tei­tag noch vor den Kom­mu­nal­wah­len und in der Tat: Die Akti­ven sind zu gro­ßer Zahl im Stra­ßen­wahl­kampf gebun­den. Die­ses Wochen­ende ist das letzte, an dem sich gut Unter­stüt­zungs­un­ter­schrif­ten für die Kom­mu­nal­wah­len sam­meln las­sen. Das hat nicht nur dazu geführt, dass rela­tiv wenige Mit­glie­der hier anwe­send sind, son­dern auch, dass es im Vor­feld keine große Dis­kus­sion über die Anträge gege­ben hat.

Und das rächt sich jetzt. Rei­hen­weise wer­den hier gerade Anträge mit gro­ßer Mehr­heit abge­lehnt oder noch wäh­rend der Dis­kus­sion zurück­ge­zo­gen. Der Grund: Die Anträge sind hand­werk­lich schlecht, stel­len punk­tu­ell poli­ti­sche For­de­run­gen auf und basie­ren auf Grund­la­gen, die in der Par­tei — bes­ten­falls — umstrit­ten sind.

Ich denke, dass das nicht einer wie auch immer gear­te­ten Unfä­hig­keit der Antrag­stel­ler anzu­las­ten ist. Das Pro­blem ist: Viele die­ser Anträge beschäf­ti­gen sich mit The­men aus der Sozi­al­po­li­tik. Hierzu hat die Pira­ten­par­tei bis­lang aber nur sehr wenig Pro­gram­ma­tik erar­bei­tet. Die Par­tei hat sich um die The­men­be­rei­che „Bür­ger­rechte” und das weite Feld von „Urhe­ber­recht” und damit ver­bun­dene The­men gebil­det. Sozi­al­the­men sind erst all­mäh­lich in den Fokus gerückt. Erst seit Novem­ber 2010 fin­det sich dazu ein Abschnitt im Grund­satz­pro­gramm und mei­nes Erach­tens braucht es noch einige Zeit, bis wir hier so weit vor­an­ge­kom­men sind, dass wir kon­kret Stel­lung zu Renten-​, Arbeits­markt– oder all­ge­mei­ner Sozi­al­po­li­tik neh­men können.

Plenum des Parteitages

Ple­num des Parteitages

Momen­tan fin­den sol­che Dis­kus­sio­nen in der Pira­ten­par­tei weit­ge­hend „im luft­lee­ren Raum” statt, und das führt dazu, das jeder mehr oder weni­ger „aus dem Bauch her­aus” ent­schei­det. Das betrifft sowohl Antrag­stel­ler, die Anträge vor­brin­gen, die sie per­sön­lich für wich­tig hal­ten, als auch das Audi­to­rium, das aus eben­sol­chen Erwä­gun­gen jeweils dafür oder dage­gen ist. So rich­tig kon­struk­tiv ist die Dis­kus­sion lei­der nicht, weil auf allen Sei­ten das Fak­ten­wis­sen fehlt.

Inso­fern bringt uns die­ser Par­tei­tag mei­nes Erach­tens nicht wirk­lich wei­ter. Er ist aber ein Hin­weis an die Gesamt­par­tei, dass Sozi­al­po­li­tik sehr vie­len Pira­ten auf dem Her­zen liegt und dass die Par­tei in den nächs­ten Mona­ten und Jah­ren hier eine Pro­gram­ma­tik auf allen Ebe­nen ent­wi­ckeln sollte.

Es kann nicht Sinn eines Par­tei­ta­ges sein, rei­hen­weise Anträge abzu­leh­nen. Neben den pro­gram­ma­ti­schen Pro­ble­men, die ich eben beschrie­ben habe, sehe ich auch das Pro­blem, dass es im Vor­feld viel zu wenig Dis­kus­sio­nen um die Anträge gege­ben hat. Das ist letzt­lich ein Pro­blem der gesam­ten Par­tei und zu einem nen­nens­wer­ten Anteil zwar auch der Arbeits­be­las­tung durch den Wahl­kampf geschul­det ist. Es ist aber auch so, dass die Debat­ten­kul­tur in der Pira­ten­par­tei sicher noch ver­bes­sert wer­den muss. Ich sehe das aber als Auf­gabe auch an mich selbst, diese Dis­kus­sion zum Bei­spiel in die Aktiv­en­tref­fen und Stamm­ti­sche hineinzutragen.

Dass das etwas bringt, konnte man übri­gens spä­ter am Nach­mit­tag ver­fol­gen. Die Ener­gie– und Atom­po­li­tik wird bereits län­ger par­tei­in­tern dis­ku­tiert, ein Kon­sens exis­tiert — die ent­spre­chen­den Anträge wur­den nach kur­zer Dis­kus­sion mit gro­ßen Mehr­hei­ten ange­nom­men. Das ist das Modell, an dem wir uns bei unse­ren Par­tei­ta­gen ori­en­tie­ren sollten.

So bleibt denn mei­ner­seits ein durch­aus ver­söhn­li­cher Gesamt­ein­druck die­ses Par­tei­ta­ges. Vor allem die Debat­ten­kul­tur in der Ver­an­stal­tung selbst hat sich bemer­kens­wert ver­bes­sert. Die Stim­mung war gut, es geht halt nichts über direkte Kom­mu­ni­ka­tion von Ange­sicht zu Ange­sicht. Außer­dem gab es hier eine ein­fa­che Mög­lich­keit, noch­mal ein paar Wahl­pla­kate für den Kom­mu­nal­wahl­kampf auf die Gebiets­ver­bände zu ver­tei­len — ich habe auch gut Gebrauch davon gemacht.

Plakatbasar auf dem Parkplatz: Futter für Wahlkämpfer

Pla­kat­ba­sar auf dem Park­platz: Fut­ter für Wahlkämpfer

Facebook

Da habe ich nun etwas gemacht, das bei vie­len Men­schen in mei­nem Umfeld eine gewisse Fas­sungs­lo­sig­keit aus­ge­löst hat: Seit etwa einem Monat bin ich bei Face­book regis­triert. Genau: Das ist diese Daten­krake, der schon unsere extrem kom­pe­tente „Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­rin” öffent­lich­keits­wirk­sam den Rücken kehrte, weil dort so unglaub­lich böse Dinge mit der Pri­vat­sphäre pas­sie­ren wür­den und die über­all rum­schnüf­feln und überhaupt…

Die Ver­brau­cher­schutz­mi­nis­te­rin gehört übri­gens der­je­ni­gen Par­tei an, die am lau­tes­ten nach Vor­rats­da­ten­spei­che­rung und Über­wa­chungs­staat schreit. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Ich gehöre zu den Men­schen, die über eine Sache am liebs­ten erst dann urtei­len, wenn sie sich selbst ein Bild machen konn­ten. Nach einem Monat bin ich nun lang­sam so weit, dass ich einen klei­nen Rea­li­tät­scheck wage, was diese Aus­sa­gen betrifft. Und des­sen Res­u­mée lau­tet: Es wird nichts so heiß geges­sen, wie es gekocht wird. Tat­säch­lich weiß Face­book von mir als Nut­zer nicht mehr als mei­nen Namen, meine E-​Mailadresse und meine Han­dy­num­mer. Letz­tere war für die Anmel­dung nötig, die bei­den ande­ren habe ich zwar mit mei­nem bür­gen­li­chen Namen hin­ter­legt, dies wäre aber nicht zwin­gend. Und in der Tat trei­ben sich in mei­ner Freun­des­liste so einige Men­schen herum, die mit einem Phan­ta­sie­na­men oder zumin­dest einem stark gekürz­ten Nach­na­men unter­wegs sind. Andere „harte Fak­ten” kennt das „soziale Netz­werk” von mir nicht.

Dann habe ich als erste Amts­tat mei­nem neu ange­leg­ten Pro­fil eine rela­tiv weit­ge­hende Ver­schwie­gen­heit ver­ord­net: Fast alle Inhalte sind nur von mei­nen „Freun­den” les­bar. Auch dies scheint eine recht ver­brei­tete Tak­tik zu sein, jeden­falls konnte ich auch bei vie­len mei­ner jet­zi­gen Kon­takte vor dem Knüp­fen der „Freund­schaft” im Pro­fil nichts oder nur wenig lesen.

Inso­fern ist das ganze zunächst mal ziem­lich dicht und ent­spricht mei­nen eige­nen Anfor­de­run­gen daran, wie ich von Inter­net­diens­ten erwarte, dass sie mit mei­nen Daten umge­hen. Aller­dings sind der eigent­li­che Daten­schatz bei Diens­ten wie Face­book ja gar nicht so sehr meine rea­len Daten, son­dern die Infor­ma­tio­nen im Sys­tem: Mit wem bin ich bekannt, wer ist bei mir Freund, auf wes­sen Seite lese ich, was mar­kiere ich mit „Gefällt mir”. Dar­aus lässt sich durch­aus ein gewis­ses Bild mei­ner Per­son zeich­nen. Aller­dings sind es nun­mal genau diese Infor­ma­tio­nen, die das „soziale Netz­werk” Face­book aus­ma­chen. Des­halb gehe ich die­sen Kom­pro­miss ein, gebe diese Daten in die Rech­ner des Face­book­sys­tems und bekomme dafür die Vernetzung.

Und die ist gar nicht schlecht. Es geht hier um das ein­fa­che In-​Kontakt-​Bleiben und den Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen (unab­hän­gig von Gehalt und Niveau), und da hat Face­book in der Tat vie­les rich­tig gemacht. Ich kann kurze State­ments hin­ter­las­sen, die State­ments ande­rer Teil­neh­mer kom­men­tie­ren, schnell mal ein Bild, ein Video oder einen Link pos­ten und auch die wie­der kom­men­tie­ren las­sen oder an Andere wei­ter­schi­cken. Das alles mit weni­gen Klicks und ziem­lich intui­tiv. Das geht genau auf die rich­tige Art und Weise unkom­pli­ziert und im Vor­bei­ge­hen, sodass man es auch tat­säch­lich benutzt.

Und was hat man nun für „Freunde” auf Face­book? Naja, quer durch den Gar­ten. Bei mir sind’s viele Pira­ten (logisch), Kol­le­gen, „reale” Freunde (ja, sowas habe ich…) und Fami­lie. Ins­be­son­dere habe ich über Face­book mitt­ler­weile auch einige alte Schul­ka­me­ra­den wie­der­ge­fun­den bzw. habe hier die Mög­lich­keit, auf die bereits beschrie­bene unkom­pli­zierte Weise in Kon­takt zu blei­ben. Ja, ich gebe zu, es war ein durch­aus posi­ti­ver Zufall, dass aus­ge­rech­net in meine Facebook-​Einstiegsphase mein 20-​jähriges Abi-​Jubiläum fiel. Der Clou ist dabei weni­ger, dass ich alle diese Men­schen jetzt errei­chen könnte — bei den aller­meis­ten ging das auch vor­her schon -, son­dern dass ich sie auf Face­book ein­fach errei­chen kann. Und das scheint nicht nur mir so zu gehen: Kurze Nach­richt über das Nach­rich­ten­tool — kurze Ant­wort kommt häu­fig sehr schnell zurück. Ein­fa­cher als E-​Mails, län­ger als Twit­ter, zudem ggf. mit Bil­dern und Links auf­ge­peppt — Facebook-​Nachrichten bil­den mei­ner (zuge­ge­be­ner­ma­ßen kur­zen) Erfah­rung nach eine eigene Nuance im Kon­ti­nuum der text­ba­sier­ten Kommunikationswege.

Zudem geht das ganze auch ohne große Abstri­che übers Handy. Die Facebook-​Android-​App is’ zwar nich’ so dolle, aber zum kur­zen Che­cken „Hat wer was geschrie­ben?” oder „Was machen denn die ande­ren gerade?” reicht es vollkommen.

Inso­fern würde ich viele der Warn­rufe über die „gefähr­li­che Daten­krake” Face­book nicht unein­ge­schränkt tei­len. Sicher, man kann sich in einem sozia­len Netz­werk kom­plett nackig machen. Zumin­dest Face­book im Juni 2011 erzwingt dies aber kei­nes­wegs. Man muss halt — wie so häu­fig im Leben — wis­sen was man tut. Aber viel­leicht sieht man das auch etwas anders, wenn man in Wiki­pe­dia zu fin­den ist

Und über was redet man bei Face­book nun so? Naja, wie nicht anders zu erwar­ten: Immer nur über das Wichtigste…

Facebookkonversation, authentisches Beispiel

Face­book­kon­ver­sa­tion, authen­ti­sches Beispiel

Für die­ses Blog hat meine Facebook-​Anmeldung übri­gens auch zwei Kon­se­quen­zen: Zum einen sollte jeder neue Arti­kel hier ab sofort auf mei­ner Pinn­wand ange­kün­digt wer­den und zum ande­ren hat jeder Arti­kel hier jetzt einen „Gefällt mir”-Knopf, mit dem andere Face­booker auf ihn hin­wei­sen kön­nen. Für bei­des ver­wende ich das WordPress-​Plugin „Add Link to Face­book”. Mal sehen, ob das alles so funk­tio­niert wie die Anlei­tung sagt.