Monatliches Archiv für Mai, 2011

#servergate – Warum die Piraten wichtig sind

„Solch ein unde­mo­kra­ti­scher Akt darf sich nie wie­der­ho­len“ wurde Sebas­tian Nerz ges­tern viel­fach zitiert. Gemeint ist die gest­rige Beschlag­nahme und stun­den­lange Abschal­tung der zen­tra­len Ser­ver der Pira­ten­par­tei durch die hes­si­sche Poli­zei auf Grund eines – ja, wes­we­gen eigent­lich? Da gab es die fran­zö­si­sche Staats­an­walt­schaft, die irgend­wel­che Infor­ma­tio­nen auf dem Ether­pad­ser­ver ver­mu­tete. Um an diese her­an­zu­kom­men, bat sie die deut­schen Ermitt­lungs­be­hör­den um Amts­hilfe – nein, Kor­rek­tur: star­tete sie eine Vor­an­frage auf ein Amts­hil­fe­er­su­chen. Und auf Grund die­ser Vor­an­frage lie­fen besagte deut­sche Ermitt­lungs­be­hör­den los und „sicher­ten Beweismittel“ – nicht ohne die sechst­größte deut­sche Par­tei weit­ge­hend vom Netz zu trennen.

Ich muss mich an die­ser Stelle gar nicht groß über die­ses Vor­ge­hen auf­re­gen. Das haben andere schon zu Genüge getan – und das viel fun­dier­ter als ich es könnte. In den Kom­men­ta­ren wird ein­hel­lig auf die völ­lige Unver­hält­nis­mä­ßig­keit der Aktion ver­wie­sen, ins­be­son­dere da die Pira­ten­par­tei als poli­ti­sche Par­tei unter beson­de­rem grund­ge­setz­li­chen Schutz steht und des­halb staat­li­che Ein­griffe – eigent­lich – beson­ders sorg­fäl­tig abzu­wä­gen sind.

Der deut­sche Staat hat es im kon­kre­ten Fall dann aber lie­ber mit Goe­thes Mephisto gehal­ten: „Grau mein Freund ist alle Theo­rie“. Wenn die Aktion vom Frei­tag das Ergeb­nis sorg­fäl­ti­ger Abwä­gun­gen war, dann möchte ich nicht in der Nähe sein, wenn die dafür Ver­ant­wort­li­chen mal „Gefahr im Ver­zug“ wit­tern. Womit wir – um noch­mal Goe­the zu zitie­ren – bei des Pudels Kern wären: Der Staat „Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land“ ist am Frei­tag auf eine Art und Weise mit sei­nen in der Pira­ten­par­tei orga­ni­sier­ten Bür­gern umge­sprun­gen, die mit sei­nen frei­heit­lich – demo­kra­ti­schen Grund­sät­zen nicht ver­ein­bar ist. Wenn man diese Werte ernst nimmt, ver­bie­tet sich ein sol­cher Ein­griff in die Struk­tu­ren der Par­tei von selbst. Noch dazu zwei Tage vor einer Land­tags­wahl, zu der die Par­tei antritt. Und erst recht bei den geschil­der­ten Rand­be­din­gun­gen (Vor­an­frage zu Amtshilfe…).

„Solch ein unde­mo­kra­ti­scher Akt darf sich nie wie­der­ho­len“ sagt Sebas­tian Nerz und fährt fort mit Plä­nen, in Zukunft mit einem inter­na­tio­na­len Ser­ver­ver­bund zu arbei­ten, der „Stö­run­gen“ die­ser Art abfan­gen kann. So sinn­voll diese Maß­nahme ist – das kann nicht die Lehre aus „Ser­ver­gate“ sein! Die Lehre ist, dass der Staat, und mit ihm auch seine Reprä­sen­tan­ten wie zum Bei­spiel Staats­an­wälte, sich eben nicht alles erlau­ben dür­fen, bloß „weil sie es kön­nen“. Dazu braucht es einer­seits Regeln – also Gesetze –, ande­rer­seits aber auch den Wil­len aller Betei­lig­ten, sich daran zu hal­ten. So eine „Staats­rä­son“ lässt sich maß­geb­lich errei­chen, indem staat­li­che Aktio­nen nach­voll­zieh­bar sind. Der Staat muss in sei­nem Tun trans­pa­rent sein. Und hier schließt sich der Kreis, denn genau das ist einer der zen­tra­len pro­gram­ma­ti­schen Punkte der Piratenpartei.

So wird die Abschal­tung der Par­tei­ser­ver vom Frei­tag zu einer nach­drück­li­chen Demons­tra­tion, warum die Pira­ten­par­tei in der deut­schen Poli­tik wich­tig ist und bleibt: Wir ste­hen dafür, dass der Staat sich – wie alle ande­ren – an die Regeln hält. Wir wol­len keine Schnüf­fel­ge­setze, wir wol­len keine „erwei­ter­ten Befug­nisse“ und wir wol­len auch nicht solch unter­schwel­li­gen Wahn­sinn, wie wir ihn am Frei­tag erle­ben konn­ten. Meine per­sön­li­che Kon­se­quenz aus „Ser­ver­gate“ ist, dass ich mich in Zukunft noch stär­ker zur Pira­ten­par­tei und ihren Zie­len beken­nen werde. Die Gesamt­si­tua­tion wird ja offen­sicht­lich nicht besser…

Schade finde ich übri­gens, dass ich von ande­ren Par­teien – mit weni­gen Aus­nah­men – bis­lang so gar nichts zu den Vor­gän­gen gehört habe. Jungs, Mädels: Die­ses Mal hat es uns getrof­fen, aber wer weiß, auf was für Ideen die Staats­an­walt­schaft bei euch um die Ecke kommt, soll­ten sich mal „ver­däch­tige Per­so­nen“ vor eurer Par­tei­zen­trale aufhalten…

Und plötzlich war’n die Server weg. Oder: Ermittlungsbehörden richten sich nicht gegen die Piratenpartei

Hin­weis: Infor­ma­tio­nen zum gesam­ten Vor­gang fin­den sich unter http://​wiki​.pira​ten​-thue​rin​gen​.de/​S​e​r​v​e​r​g​ate.

Zunächst bitte ich hier mal die „Bundes-​IT” der Pira­ten­par­tei um Ent­schul­di­gung. Als ich näm­lich heute mor­gen nicht auf das Pad zugrei­fen konnte, war mein ers­ter Gedanke: „Super, haben sie’s mal wie­der verbockt…”

Haben sie aber gar nicht. Ein gro­ßer Teil der Web­prä­senz der Pira­ten­par­tei ist seit heute mor­gen auf Grund „poli­zei­li­cher Maß­nah­men” abge­schal­tet. Nichts genaues weiß man nicht, aber es scheint um Inhalte zu gehen, die auf den Ser­vern viel­leicht lie­gen oder gele­gen haben. Und zwar nicht mal Inhalte, für die sich der deut­sche Staat inter­es­siert, son­dern um Dinge, die das Inter­esse fran­zö­si­scher Ermitt­lungs­be­hör­den geweckt haben.

Also noch­mal lang­sam: Einem fran­zö­si­schen Staats– oder sons­ti­gen Anwahl fal­len im Inter­net miss­lie­bige Inhalte auf. Diese befin­den sich — even­tu­ell — in einem der Dienste, die eine deut­sche poli­ti­sche Par­tei auf ihren in Deutsch­land gehos­te­ten Ser­vern bereit­stellt. Und dar­auf­hin wird der gesamte Inter­net­auf­tritt eben die­ser deut­schen Par­tei von deut­schen „Ermitt­lungs­be­hör­den” abgeschaltet.

Geht’s noch?

Es ist ja lei­der trau­rige Tat­sa­che, dass die Inter­net­kom­pe­tenz deut­scher „Ermitt­lungs­be­hör­den” viel­fach immer noch ähnlich gut aus­ge­prägt ist wie die Fein­füh­lig­keit eines Ele­fan­ten im Por­zel­lan­la­den. Und ebenso fein­füh­lig ist dann ja häu­fig auch das Tun und Las­sen besag­ter „Ermitt­lungs­be­hör­den”. Aber auf Grund aus­län­di­scher Befind­lich­kei­ten einer deut­schen Par­tei ein­fach kom­plett den Saft abzu­klem­men, das ist schon ‚ne Num­mer, die ich so eigent­lich bis­her nicht für mög­lich gehal­ten hätte.

Mag sein, dass sich besagte Ermitt­lun­gen — wie in der Pres­se­mit­tei­lung der Pira­ten­par­tei ver­laut­bart — „nicht gegen die Pira­ten­par­tei” rich­ten. Das Han­deln aber rich­tet sich gleich mit meh­re­ren Breit­sei­ten gegen die Pira­ten. Zwei Tage vor einer Land­tags­wahl auf die­ser Weise zu ver­su­chen, eine ganze Par­tei mund­tot zu machen, das ist schon ein star­kes Stück.

Ich nehme aus die­sem Vor­fall, gleich wie lang er noch andau­ern möge und unab­hän­gig davon, was da im ein­zel­nen pas­siert ist, zum Anlass, eine poli­ti­sche For­de­rung zu for­mu­lie­ren: Bei „Beschlag­nahme” oder „Durch­su­chun­gen” von Com­pu­tern, ins­be­son­dere öffent­lich zugäng­li­chen Ser­vern, muss grund­sätz­lich nach dem Grund­satz der Scha­dens­ver­mei­dung für den Ser­ver­be­sit­zer bzw. –nut­zer gehan­delt wer­den. Das heißt: Dienste und Ser­ver dür­fen nur abge­schal­tet wer­den, wenn dies für eine Daten­er­he­bung unbe­dingt erfor­der­lich ist, Dienste und Ser­ver müs­sen danach umge­hend wie­der online gebracht wer­den und kei­nes­falls dür­fen Rech­ner­sys­teme im Rah­men von Ermitt­lungs­vor­gän­gen abge­baut und von den Behör­den mit­ge­nom­men wer­den. Es geht in die­sen Fäl­len stets um vir­tu­elle Güter in Form von Daten, da ist es nur sach­ge­recht, wenn im Zuge der Ermitt­lun­gen eben­diese Daten zu Ermitt­lungs­zwe­cken ver­viel­fäl­tigt wer­den und die Ori­gi­nale ver­füg­bar bleiben.

Sowas wie das, was die „Ermitt­lungs­be­hör­den” da gerade beim Hos­ter der Pira­ten­par­tei abzie­hen ist jeden­falls eines freiheitlich-​demokratischen Rechts­staa­tes mehr als unwürdig.

Von Bildern, Parteien und Lizenzen. Heute: Die Linke und die Stadtbahn in Hannover

Es ist doch immer wie­der erhel­lend, im Inter­net zu sur­fen. Neh­men wir mal die „Rick­lin­ger Pla­kat­wand” des han­no­ver­schen loka­len Inter­net­ma­ga­zins „Ihme­bote”. Da fin­det sich (immer noch) ein Pla­kat einer Ver­an­stal­tung der Par­tei „Die Linke” aus dem April 2010:

Plakat für eine Diskussionsveranstaltung der Linken

Pla­kat für eine Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung der Linken

So weit, so gut. Ich bin aber an dem Motiv des Pla­kats hän­gen­ge­blie­ben. Die­ses Stadt­bahn­bild, hm, … irgend­wo­her kenne ich das. Und ich bin dann auch recht schnell drauf gekom­men: Es ist von mir.

Wikipediabild des hannoverschen Stadtbahnwagens TW2000

Wiki­pe­dia­bild des han­no­ver­schen Stadt­bahn­wa­gens TW2000

Im März 2001 habe ich die­ses Bild am Vah­ren­wal­der Platz foto­gra­fiert und im Juni 2005 in den Wikipedia-​Artikel über die han­no­ver­sche Stadt­bahn ein­ge­baut. So liegt es denn auf den Wiki­me­dia Com­mons und wird mitt­ler­weile in einer gan­zen Reihe von Arti­keln benutzt.

Und offen­sicht­lich auch hier auf die­sem Pla­kat der „Lin­ken”. Noch­mal beide Bil­der neben­ein­an­der­ge­stellt im Vergleich:

Wikipediabild und das Plakat im direkten Vergleich

Wiki­pe­dia­bild und das Pla­kat im direk­ten Vergleich

Ich freue mich ja immer, wenn meine Werke genutzt wer­den. Und ich mache das ja auch expli­zit mög­lich, indem ich sie unter einer geei­gen­ten Lizenz bereit­stelle. Ich ver­wende übli­cher­weise die jeweils aktu­elle CC-​BY-​SA-​Lizenz, das heißt, ich erlaube die Wei­ter­gabe unter Quel­len­an­gabe („BY”) und wenn das abge­lei­tete Werk unter die­selbe Lizenz gestellt wird („SA” für „same attri­bu­tion”, etwa „glei­che Bedin­gung”). Ich ver­zichte auf das Ver­bot abge­lei­te­ter Werke („ND”, „no deri­va­tes”, etwa „keine Ablei­tun­gen”) und auch auf das Ver­bot kom­mer­zi­el­ler Ver­wen­dung („NC”, „no com­mer­cial”, etwa „keine kom­mer­zi­elle Verwendung”).

Inso­fern hat „Die Linke” schon vie­les rich­tig gemacht: Sie dür­fen das Bild benut­zen, ohne mich zu fra­gen. Sie dür­fen es bear­bei­ten und als Bestand­teil ihres Pla­kats ver­wen­den. Und sie dür­fen die­ses Pla­kat belie­big ver­öf­fent­li­chen. Was sie aber lei­der ver­ges­sen haben ist, den Urhe­ber — näm­lich mich — geeig­net zu erwäh­nen. Zum Bei­spiel in einer klei­nen Fuß­zeile auf dem Pla­kat, in dem dann nicht nur die Bild­quelle, son­dern auch der Bear­bei­ter genannt wird. Und die Bild­quelle für den Stadt­bahn­plan im Hin­ter­grund. Ach ja, und dann müsste die­ses Pla­kat eigent­lich eben­falls unter CC-​BY-​SA-​Lizenz ste­hen, weil ja der Bild­be­stand­teil „TW2000-​Wagen” unter eben die­ser Lizenz steht. Es könnte aber sein, dass sich das dann wie­der mit der Lini­en­netz­plan­li­zenz beißt, denn soweit ich weiß, stellt die üstra ihre Pläne nicht unter eine CC-​Lizenz. Ich ver­mute aber mal, dar­über hat man sich auch nicht wirk­lich Gedan­ken gemacht.

Und nun? Nein, ich werde jetzt nicht mit irgend­wel­chen juris­ti­schen Schar­müt­zeln anfan­gen. Der Drops ist lang gelutscht, die Ver­an­stal­tung war vor über einem Jahr und auch ansons­ten wäre mir das ein wenig zu blöd. Ich find’s aber schon schade, dass der Lizenz­text der Creative-​Commons-​Lizenz hier gerade von einer poli­ti­schen Par­tei nicht ernst genom­men wird. Sowas geht auch bes­ser. Liebe Linke, fragt im Zwei­fels­fall ein­fach mal bei den Pira­ten nach…

Ansons­ten: Schade eigent­lich, dass ich nicht bei­zei­ten auf die­sen Dis­kus­si­ons­abend auf­merk­sam gewor­den bin. Genau mein Thema