Monatliches Archiv für April, 2011

Wer verklagt wen? Patentdickicht als Grafik

Ich war ja ab 2003 sehr aktiv in der Anti-​Softwarepatentbewegung, habe die „Unter­neh­mer­in­itia­tive gegen Soft­ware­pa­tente” mit­be­grün­det und spä­ter „patent​frei​.de”. Ich nehme für diese Akti­ons­bünd­nisse in Anspruch, dass sie einen wich­ti­gen Anteil daran hat­ten, dass die „Soft­ware­patent­di­rek­tive” im Juli 2005 im Euro­päi­schen Par­la­ment abge­lehnt wurde. Ich bin auch wei­ter­hin in die­ser Sache aktiv — sei es im „Bun­des­ver­band Infor­ma­ti­ons– und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie” (BIKT) oder in der Pira­ten­par­tei.

Und nun zu etwas ganz ande­rem: Was ist das?

a) Minesweeper, b) Verwandtschaftsbeziehungen, c) Routenplaner, d) Patentklagen

a) Mines­weeper, b) Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen, c) Rou­ten­pla­ner, d) Patentklagen

Rich­tig ist Ant­wort (d): Diese hüb­sche kleine Gra­fik zeigt, wel­ches Unter­neh­men gerade wel­ches andere wegen „Patent­ver­let­zun­gen” in der Mobil­funk­bran­che ver­klagt hat. Alle gro­ßen sind dabei: Micro­soft, Apple, HTC, Nokia… Der geneigte Leser möge kurz inne­hal­ten und über­le­gen, wer wohl wer ist, bevor er den Ori­gi­nal­ar­ti­kel anklickt und dort (auf Eng­lisch) die ganze Geschichte liest:

Tech­no­lo­gi­zer: Who’s Suing Who? A Cheat Sheet to the Mobile Patent Mess

Die aktu­el­len Patent­kriege in der Mobil­funk­bran­che sind maß­geb­lich der extre­men Anzahl von Paten­ten geschul­det, die die gefürch­te­ten „Patent­di­ckichte” bil­den: Nie­mand blickt mehr durch, wer über­haupt was paten­tiert hat, aber beim Arbei­ten in einem bestimm­ten Bran­chen­um­feld ist es quasi unmög­lich, ohne die Tech­ni­ken aus­zu­kom­men, um die sich das Dickicht gebil­det hat. So wird Fort­schritt dann zum Glücks­spiel und über die beste Tech­nik ent­schei­den nicht die Ent­wick­ler, son­dern die Anwälte — und die grö­ßere Brieftasche.

Schöne neue Welt.

Linktipp: „Personen, Posen, Prominente” — Wen darf ich fotografieren und wen nicht?

Ste­ter Quell’ der Freude ist ja das Span­nungs­feld von „Per­sön­lich­keits­rech­ten”, „öffent­li­chem Inter­esse” und „Doku­men­ta­tion”. Ins­be­son­dere beim Foto­gra­fie­ren im öffent­li­chen Raum bewegt man sich — egal ob pro­fes­sio­nell oder pri­vat unter­wegs — schnell in einer juris­ti­schen Grau­zone. Auf „jour­na­list Online” ist nun mal wie­der ein aktu­el­ler Bei­trag zu die­sem Thema erschie­nen. Im Vor­griff auf meine eige­nen Über­le­gun­gen zu die­sem kom­ple­xen Bereich gibt’s hier heute mal einen Linktipp:

jour­na­list Online: Per­so­nen, Posen, Pro­mi­nente — Wen darf ich foto­gra­fie­ren und wen nicht?

Happy Birthday Blog: 5 Jahre „Letzte Weisheiten”

Mein Blog hat Geburts­tag! Heute vor genau fünf Jah­ren habe ich den ers­ten Arti­kel ver­öf­fent­licht, der aller­dings eher etwas selbst­re­fe­ren­ti­ell erzählte, dass ich jetzt auch ein Blog habe. Inhalt­li­cher Wert — nunja…

Ganz rich­tig ist die Über­schrift übri­gens nicht: Am Anfang war das hier ein­fach „Dirks Blog”. Erst am 10. Juli 2006 habe ich den Namen auf „Letzte Weis­hei­ten” geän­dert — natür­lich auch beglei­tet von einem Blog­ein­trag. Ja, ich war schon immer ein Freund von selbst pro­du­zier­tem Con­tent. ;-)

A pro­pos „Inhalt”: Ich lege ja immer Wert dar­auf, dass das hier mein Blog ist und dass ich hier im Zwei­fels­fall die Sachen rein­schreibe, die ich span­nend finde und über die ich schrei­ben möchte. Gerade am Anfang mäan­dern die The­men des­halb eher so um täg­li­che Klei­nig­kei­ten. Im Rück­blick habe ich bemer­kens­wert lange die Mög­lich­keit ver­strei­chen las­sen, stär­ker poli­ti­sche Texte zu schrei­ben und so zu ver­su­chen, mein ganz pri­va­tes „Agen­da­set­ting” zu betrei­ben. Dass ich was mit der „Pira­ten­par­tei” zu tun habe, erfährt man hier zum Bei­spiel erst nach fast einem Jahr anläss­lich mei­ner Wahl zum Schatz­meis­ter des nie­der­säch­si­schen Lan­des­ver­ban­des. Und dass ich im Mai 2008 sogar zum Bun­des­vor­sit­zen­den gewählt wurde, liest man hier gar nicht — ins­ge­samt ist die­ses Blog gerade im Jahr 2008 eher „dünn” mit Arti­keln besetzt.

So rich­tig ändert sich das dann erst im Juni 2009 — und dann bis Sep­tem­ber 2009. Das ist — bis heute — die „Hoch­zeit” von „Letzte Weis­hei­ten” gewe­sen. Plötz­lich fin­det sich die Pira­ten­par­tei mas­siv in der öffent­li­chen Auf­merk­sam­keit — und ich mit­ten­drin. Es fin­den sich einige mei­nes Erach­tens durch­aus span­nende Zeit­do­ku­mente, sei es meine Rede anläss­lich des von-der-Leyen’schen Zen­sur­ge­set­zes, eine recht umfäng­li­che Wür­di­gung eines ver­ba­len Schar­müt­zels zwi­schen einem SPD-​Politiker und einem Piratenpartei-​Kreisverband im Frank­fur­ter Raum und natür­lich der Arti­kel, der sich um mei­nen eige­nen Fern­seh­auf­tritt als „obers­ter Pirat” bei Phö­nix dreht. Die größte Arti­kel­menge habe ich dabei inter­es­san­ter­weise nach mei­ner Zeit als Bun­des­vor­sit­zen­der geschrie­ben — als ich eigent­lich „gar nichts” mehr in der Par­tei war (na gut, außer Spit­zen­kan­di­dat der nie­der­säch­si­schen Lan­des­liste zur Bundestagswahl…).

Seit­her ist es wie­der wesent­lich ruhi­ger gewor­den hier. Ich schaue aber schon, dass ich immer mal wie­der was schreibe, sei es zu poli­ti­schen The­men, sei es zu mei­nem Spe­zi­al­thema „Ver­kehrs­we­sen” (ich sage nur: Advents­ka­len­der…), seien es auch wei­ter­hin irgend­wel­che Dinge, über die ich „schon immer mal” was los­wer­den wollte.

Tech­nisch basiert mein Blog von vorn­her­ein auf Word­Press, das auf einem eige­nen Ser­ver läuft und das ich selbst instal­liere und warte. Ange­fan­gen habe ich mit der damals aktu­el­len Ver­sion 2.0. Mitt­ler­weile sind wir bei 3.1.1 ange­kom­men und seit Ver­sion 2.7 ist das mit Upda­ten auch über­haupt kein Pro­blem mehr — läuft alles auto­ma­tisch mit einem Klick. Ein gro­ßer Vor­teil von Word­Press ist ja die unglaub­li­che Anzahl von Plugins für alle mög­li­chen und unmög­li­chen Zwe­cke. Ich ver­wende hier eine rela­tiv kon­stante Gruppe sol­cher Plugins, deren nach außen sicht­barste wohl das Twitter-​Plugin (frü­her irgend­was mit „tweet”, heute „YourLS”) sowie das völ­lig geniale „WP-​Typography” sind, das die­sem Blog das gefäl­lige Äußere mit Block­satz und Sil­ben­tren­nung verleiht.

Als Ober­flä­che habe ich lange, lange Zeit das Standard-​Kubrick-​Theme ver­wen­det, das bei Word­Press 2.0 dabei war. Zunächst in einem schi­cken Zitro­nen­gelb gehal­ten, habe ich das im Juni 2009 auf Piraten-​Orange umge­stellt und seit­dem auch ein ver­frem­de­tes Por­trait mei­ner selbst sowie das Pira­ten­logo im Sei­ten­kopf. Diese Gestal­tung hat auch die Umstel­lung auf das „K2”-Theme über­lebt, die irgend­wann Anfang 2010 statt­ge­fun­den haben muss und mit der ich mir mei­nen größ­ten Wunsch an mein Blog­de­sign erfüllt habe: Zwei Rand­spal­ten für die gan­zen klei­nen Zusatz-​Info-​Kästchen auf der rech­ten Seite. Seit eini­gen Wochen habe ich zudem „WPtouch” ein Plu­gin instal­liert, das auf Mobil­ge­rä­ten eine opti­mierte Ober­flä­che die­ses Blogs darstellt.

Lange Zeit war es mir rela­tiv egal, wie viele Besu­cher mein Blog hat. Für die ers­ten drei Jahre gibt es des­halb schlicht keine Zugriffs­sta­tis­ti­ken. Erst im Juni 2009 habe ich ein Plu­gin instal­liert, das die Zugriffe zählt und sta­tis­tisch aus­wer­tet: Wel­che Arti­kel waren wann beson­ders beliebt? Lei­der war „Stat­Press Reloa­ded” ziem­lich schlecht pro­gram­miert und des­halb wahn­sin­nig inef­fi­zi­ent. Kleine Modi­fi­ka­tio­nen mei­ner­seits (unter ande­rem die Ein­füh­rung von Inde­xen auf der Daten­bank­ta­belle) hal­fen auch nicht durch­grei­fend und die Menge an sinn­vol­len und aktiv in Ent­wick­lung befind­li­chen Statistik-​Plugins für Word­Press ist erschre­ckend klein — näm­lich eigent­lich nicht-​existent.

So habe ich denn im März 2011 in die­sem schö­nen Blog „Piwik” ein­ge­führt, das mir rela­tiv detail­liert auf­schlüs­selt, wie viele Besu­cher kom­men, auf wel­chem Weg sie kom­men, wie lange sie blei­ben, und natür­lich was sie sich anschauen. Die Ergeb­nisse: An nor­ma­len Tagen ohne neue Arti­kel lan­den so etwa 50 bis 60 Besu­cher in die­sem Blog, ver­wei­len durch­schnitt­lich 15 – 20 Sekun­den und schauen sich dabei 1,3 Sei­ten an. Meine Pira­ten­ar­ti­kel ver­ur­sa­chen eher kurz­fris­tige Zugriffs­spit­zen. „Belieb­ter” ist da momen­tan das Wört­chen „Tscher­no­byl”, über das seit Wochen zuver­läs­sig etwa ein Dut­zend Leser am Tag aus Googlea­nien ein­reist. Abso­lu­ter Dau­er­bren­ner aber sind meine Arti­kel über den Pup­pen­spie­ler Rene Marik und sei­nen Maul­wurf, die mit Such­be­grif­fen wie „Rene Marik”, „Maul­wurf”, „maul­wurfn”, „rapante” oder „froschn” jeden Tag in der Sta­tis­tik auftauchen.

So sum­miert sich die Zahl der Besu­cher in den letz­ten 30 Tagen schließ­lich doch auf über 2000, die hier in dem einen oder ande­ren Arti­kel gestö­bert haben. Und das, obwohl sich das Inter­net in den letz­ten fünf Jah­ren erheb­lich ver­än­dert hat. Blogs sind heut­zu­tage ja nur noch eine Mög­lich­keit unter vie­len, sich im Web zu prä­sen­tie­ren und in der Welt der „Sozia­len Netz­werke” wie „Face­book” oder „Stu­diVZ” kom­men sie ja eher am Rande vor. Gerade in die­sen Wel­ten bin ich aber nach wie vor quasi nicht ver­tre­ten (und will daran auch nichts ändern). Auch die Inhalte mei­nes Blogs haben sich in die­ser Zeit ver­än­dert. Mit Blick auf die anste­hen­den Kom­mu­nal­wah­len und mein seit die­sem Jahr wie­der grö­ße­res Enga­ge­ment in den Struk­tu­ren der Pira­ten­par­tei ist es auch sehr wahr­schein­lich, dass die Arti­kel­zahl hier in den nächs­ten Wochen und Mona­ten wie­der zunimmt und wie­der viel Poli­tik dabei ist.

Mit die­sem Blog ist es also ein wenig wie mit den „Hel­den”: „Gekom­men um zu blei­ben”. Ich werde also wei­ter schrei­ben — pünkt­lich zum Zehn­jäh­ri­gen kommt dann der nächste Rück­blick. ;-) Viel Spaß beim Lesen!

Zensursulas Websperren sind weg — Ein Sieg für die Piratenpartei!

Das „Zugangs­sper­ren­ge­setz” wird beer­digt. Ges­tern von der Regie­rung beschlos­sen, dem­nächst dann im Par­la­ment unse­res (hof­fent­lich) gerings­ten Miss­trau­ens besie­gelt. Ein gro­ßer Tag! Für Deutsch­land, für die Mei­nungs­frei­heit aber auch und ins­be­son­dere für die Pira­ten­par­tei. Denn die Regie­rung setzt hier ganz klar und ganz ein­fach ein­seh­ba­rer­weise eine unse­rer Kern­for­de­run­gen um.

Der Kampf gegen die ver­nied­li­chend „Zugangs­sper­ren” genannte Inter­net­zen­sur ist eines der Kern­stü­cke des Selbst­ver­ständ­nis­ses der Pira­ten­par­tei und die­je­nige poli­ti­sche Frage, die wohl mit Abstand die meis­ten Mit­glie­der zu uns gebracht hat. Dass unsere For­de­rung „Keine Zugangs­sper­ren, keine Inter­net­zen­sur, Löschen statt Sper­ren” nun quasi 1:1 umge­setzt wird, dass diese von der Sache unbe­leckte und wohl in der Sache auch wei­test­ge­hend unin­ter­es­sierte Fami­li­en­mi­nis­ter­in­dar­stel­le­rin der ver­gan­ge­nen Legis­la­tur­pe­riode damit die „volle Packung” kas­siert, dass das größte Damo­kles­schwert über der Mei­nungs– und Rede­frei­heit im deut­schen Inter­net damit ent­schärft ist — das ist auch unser Sieg!

Wir täten gut daran, dies gebüh­rend zu wür­di­gen. Ich bin ja kein Freund stän­di­ger Pres­se­mit­tei­lun­gen, aber hier ist die schöne große PM mal ange­bracht, die heute die Pira­ten­home­page ziert. Und wir soll­ten durch­aus ein­mal durch­at­men, uns grin­send zurück­leh­nen und aus die­sem Sieg die Kraft schöp­fen, gegen all die neuen Her­aus­for­de­run­gen anzu­ge­hen, die seit­dem auf der Tages­ord­nung ste­hen. „In der Ruhe liegt die Kraft” — diesen durch­aus zutref­fen­den Sinn­spruch über­se­hen all die par­tei­in­ter­nen Kri­ti­ker, die jetzt mit „zu wenig, zu spät”-Äußerungen vor­pre­schen. Sie reden damit unse­ren Erfolg in die­ser Sache klein — und damit auch uns als Piratenpartei.

Ich halte die­ses Thema übri­gens des­halb für so außer­or­dent­lich wich­tig, weil wir damals damit wirk­lich die Leute auf die Straße bekom­men haben und Öffent­lich­keit erzeu­gen konn­ten. Ich hatte das damals selbst in die­sem Blog doku­men­tiert (boah, wat war ich damals pummelig…).

Jakob Augstein in Spiegel Online über die FDP — Piratenpartei als Alternative?

Spie­gel Online schrieb ges­tern über die FDP. Über deren Pro­bleme. Und dar­über, wie wenig diese Par­tei das Wort „Frei­heit” in ihrem Namen aus­füllt. In der Kolumne von Jakob Augs­tein heißt es unter anderem:

Nach den jüngs­ten Wah­len hat das große Mur­ren begon­nen, die Rest­li­be­ra­len Baum, Leutheusser-​Schnarrenberger, Ger­hardt for­dern Rück­be­sin­nung und Neu­an­fang. […] Die Par­tei des pein­li­chen Wes­ter­welle ist alles mög­li­che, aber nicht libe­ral. [… Die FDP ist] mit­nich­ten die Par­tei der Leis­tungs­trä­ger […], son­dern die der Selbst­be­die­ner. Sie zieht eben nicht ver­ant­wor­tungs­volle Bür­ger­li­che an, son­dern nur skru­pel­lose Kaltschnauzen. […]

Die Neo­li­be­ra­len haben die Idee des Libe­ra­lis­mus per­ver­tiert. […] Libe­ra­lis­mus han­delt von Frei­heit, nicht von Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. […] Der Libe­rale glaubt, dass posi­tive Frei­heit auto­ma­tisch aus der nega­ti­ven folgt. Wenn die äuße­ren Beschrän­kun­gen weg­fal­len, wird der Mensch selbst­be­stimmt handeln. […]

Wir könn­ten auch eine Par­tei gut gebrau­chen, die sich aus einem Geist gesell­schaft­li­cher Ver­ant­wor­tung gegen die von Slo­ter­dijk soge­nannte „deut­sche Lethar­go­kra­tie” stellt — „immer der sozia­len End­for­mel ent­ge­gen: Urlaub, Umver­tei­lung, Adipositas.” […]

Wir könn­ten auch eine Par­tei der Muti­gen und der Opti­mis­ten gut gebrau­chen, die Wis­sen­schaft und Tech­nik und All­tag nicht unter dem Gesichts­punkt der Risi­ken betrach­tet, son­dern unter dem der Chancen.

„Mensch”, war da auf den Mai­ling­lis­ten der Pira­ten­par­tei zu lesen, „der redet ja von uns.” Denn wir sind ja die Par­tei des 21. Jahr­hun­derts, wir ste­hen für Frei­heits­rechte, für die Selbst­be­stim­mung des Ein­zel­nen, für den Fort­schritt, für eine freie Welt…

Halt! sage ich, halt’ ein mein Freund. Denn Augs­tein schreibt auch:

[Wir brau­chen] erst Recht eine Par­tei der Frei­heit, die sich gegen die Vor­sichts­ge­sell­schaft stellt, die Ver­bots­ge­sell­schaft, die Rest­ri­si­ko­ver­mei­dungs­ge­sell­schaft, die von der rot­leuch­ten­den Warn­weste im Kof­fer­raum bis zum „Sie-werden-eines-schrecklichen-Todes-sterben-wenn-Sie-rauchen”-Schild auf der Ziga­ret­ten­pa­ckung an alles denkt. Aber auch wirk­lich an alles.

Genau da hat die Pira­ten­par­tei, in der ich nun seit bald fünf Jah­ren Mit­glied bin, ein nicht zu ver­ach­ten­des Pro­blem. Wenn ich die inter­nen und die öffent­li­chen Dis­kus­sio­nen in der Par­tei so ver­folge, gelange ich zu dem Schluss: Wir gerie­ren uns lei­der immer noch viel zu oft als Da-​bin-​ich-​jetzt-​aber-​mal-​aus-​Prinzip-​dagegen-​Partei, als Das-​könnte-​jetzt-​aber-​nicht-​erlaubt-​sein-​Partei oder (schlim­mer) als Das-​finde-​ich-​nicht-​gut-​und-​behaupte-​deshalb-​es-​ist-​verboten-​Partei, als Das-​muss-​jetzt-​alles-​erstmal-​im-​vorhinein-​geregelt-​werden-​Partei, als Bist-​du-​denn-​dafür-​legitimiert-​das-​zu-​tun-​was-​du-​tust-​Partei, als Gewählte-​Vertreter-​dürfen-​keine-​Meinung-​haben-​Partei, als Wer-​eine-​Aufgabe-​übernimmt-​ist-​schon-​verdächtig-​Partei und ganz gene­rell als vor­derste Speer­spitze selbst ernann­ter Beden­ken­trä­ger, die anstatt sich selbst eine Mei­nung zu bil­den lie­ber nach irgend­wel­chen Gre­mien schreien, die ihnen ihre Mei­nung vor­de­fi­nie­ren sol­len — bevor­zugt übri­gens den par­tei­in­ter­nen Schieds­ge­rich­ten oder irgend­wel­chen „Beauf­trag­ten”. Deren Legi­ti­ma­tion ist bei Lichte betrach­tet wesent­lich dün­ner als die eines gewähl­ten Ent­schei­dungs­gre­mi­ums wie zum Bei­spiel eines Vor­stan­des, nichts­des­to­trotz genie­ßen sie in eini­gen Par­tei­krei­sen eine gera­dezu kul­ti­sche Verehrung.

Aus­ge­rech­net in einem der Kern­the­men der Par­tei­pro­gram­ma­tik, dem Daten­schutz, ist diese quasi-​religiöse Hin­nahme der Aus­sa­gen von „Daten­schutz­be­auf­trag­ten” oder irgend­wel­chen „Juris­ten” aber mitt­ler­weile besorg­nis­er­re­gend. Ich habe ges­tern dar­über geschrie­ben. Sowas schreckt ganz kon­kret Aktive von der Mit­ar­beit ab und ver­grault sie.

Ok, eigent­lich tue ich der Par­tei mit die­sen Wor­ten unrecht. Es sind näm­lich bei wei­tem nicht alle so drauf. Es sind — viel­leicht — fünf Pro­zent, die so den­ken. Und zwar nicht 5 Pro­zent aller Mit­glie­der, son­dern nur der­je­ni­gen, die tat­säch­lich aktiv im Par­tei­le­ben agie­ren. Dazu kom­men dann aber so etwa 20 Pro­zent, die die­ses uner­sprieß­li­che
Über-​den-​eigenen-​Bauchnabel-​philosophieren zumin­dest inso­weit beför­dern, als dass sie auch noch über den abwe­gigs­ten Ein­wand dis­ku­tie­ren wol­len
und die Man-​darf-​doch-​niemanden-​aus-​der-​Diskussion-​ausschließen-​Schallplatte(*) auf­le­gen. Und damit schafft es diese Min­der­heit, die übri­gen 75+ Pro­zent
in ihrem Tun zu behin­dern, aus­zu­brem­sen, zu demo­ti­vie­ren und schließ­lich zum Rück­zug aus der akti­ven Par­tei­ar­beit zu bewe­gen. Wenn sie nicht
gleich ganz austreten.

Das Gegen­mit­tel ist eigent­lich ganz ein­fach: Wir brau­chen hier in die­ser Par­tei eine Füh­rung. Nicht in der Form, dass von oben Befehle kom­men und alle zu fol­gen haben. Son­dern eher als „Leucht­turm”, als Zei­chen: „Hier geht’s lang!” Als posi­tive Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit. Eine Par­tei­spitze, die aktiv und selbst­be­wusst im Sinne der Mehr­heit der Mit­glie­der han­delt, wird die Par­tei mit sich zie­hen — und die ewi­gen Beden­ken­trä­ger und Nein­sa­ger am Weges­rand in ihrer selbst­be­zo­ge­nen Welt zurücklassen.

Unsere Auf­gabe beim Bun­des­par­tei­tag im Mai wäre es, uns eine sol­che Par­tei­spitze zu wäh­len. Mit einem nach innen und außen sicht­ba­ren, nach vorne bli­cken­den und die Par­tei eini­gen­den Bun­des­vor­stand könn­ten wir tat­säch­lich das wer­den, was Augs­tein bei der FDP so schmerz­lich ver­misst: Ein Hort der Frei­heit, der den Ein­zel­nen mit mög­lichst weni­gen Regeln belegt und ihm dafür einen gro­ßen Ent­fal­tungs­raum lässt. Denn eine poli­ti­sche Kraft, die dies zur obers­ten Maxime ihres Han­delns erhebt und die dies auch für die Gesell­schaft ins­ge­samt anstrebt, die fehlt in Deutsch­land in der Tat.

Der Weg dahin, liebe Pira­ten, der ist aber noch weit.

(*) Ich weiß, Schall­plat­ten sind out und einige jün­gere Par­tei­mit­glie­der ken­nen sie viel­leicht gar nicht mehr aus eige­ner Erfah­rung. Aber mit „CD” oder „MP3-​Datei” wäre das Bild irgendwie — merkwürdig…