Monatliches Archiv für November, 2010

Piratenparteitag in Chemnitz — Ein Blick zurück im Zweifel

Fast eine Woche ist er nun her, der 2. Bun­des­par­tei­tag 2010 der Pira­ten­par­tei in Chem­nitz. Mit eini­gem Abstand und nach eini­gen ent­spann­ten Urlaubs­ta­gen ver­su­che ich mich an einem Res­u­mée. Die­ses fällt, wie wir sehen wer­den, reich­lich zwie­ge­spal­ten aus.

Der Parteitag als Treffpunkt

Der Par­tei­tag als Treffpunkt

Begin­nen wir mit den posi­ti­ven Aspek­ten: Es war ein schö­ner Anlass, viele bekannte Gesich­ter mal wie­der zu sehen! Ich saß bei einer Gruppe aus Ber­lin und wir haben uns die ganze Zeit über gut ver­stan­den, auch wenn wir längst nicht immer gleich abge­stimmt haben…

Dass der Zusam­men­halt gut ist, sah man auch an ande­ren Details: In den Hotels stan­den stets Trau­ben von Pira­ten zusam­men und haben über alles mög­li­che gere­det — sogar über Poli­tik. Und für beson­ders „preis­be­wusste” Teil­neh­mer gab es die Mög­lich­keit, umsonst zu über­nach­ten — aller­dings in einer eher gewöh­nungs­be­dürf­ti­gen Her­berge. Der Begriff „Abbruch­haus”, der auf dem Par­tei­tag kur­sierte, war jeden­falls nicht völ­lig falsch. Die abend­li­che Feier dort war ganz nett, aber ich gebe offen zu, dass das schrot­tige Ambi­ente nicht wirk­lich mein Fall war — und noch viel weni­ger die grö­ßere Menge an sturz­be­trun­ke­nen Gäs­ten, die gla­si­gen Blicks durch die Gegend wankten.

Kom­men wir zum Par­tei­tag selbst. Hier war die Vor­be­rei­tung sicher bes­ser als bei so man­chem frü­he­ren Zusam­men­tref­fen, aber gerade bei den Teil­neh­mern ist da immer noch viel Luft nach oben. Wir hat­ten eine jeder­zeit sou­ve­räne und wohl­or­ga­ni­sierte Ver­samm­lungs­lei­tung — trotz­dem gab es häu­fig laute Nach­fra­gen Ein­zel­ner, was gerade pas­siert. Da kann man auf­pas­sen. Zumal einige Teil­neh­mer wie­der­holt mein­ten, ihre Mei­nung laut gröh­lend kund tun zu müs­sen. Jungs, das war ein Par­tei­tag und kein Bier­zelt auf dem Dorfmarkt…

Neben der sehr guten Ver­samm­lungs­lei­tung fällt die Leis­tung der Tech­nik umso stär­ker ab: Dass wir mit 90 Minu­ten Ver­spä­tung gestar­tet sind, lag haupt­säch­lich an der mas­siv rück­kop­peln­den Audio­an­lage. Und dass das Inter­net ein­fach kom­men­tar­los ein­ein­halb Tage quasi gar nicht funk­tio­niert ist ange­sichts der hoch­gra­dig auf Online­me­dien aus­ge­rich­te­ten Dis­kus­si­ons­kul­tur bei den Pira­ten ein äußerst schwer­wie­gen­der Faux-​Pas. Ich — und einige andere — konnte mich per UMTS infor­ma­ti­ons­sei­tig über Was­ser hal­ten, aber etli­che Pira­ten saßen dies­be­züg­lich schlicht auf dem Tro­cke­nen. Die voll­mun­dige Ankün­di­gung zu Beginn, man könne „1000 LAN– und 1000 WLAN-​Anschlüsse” bereit­stel­len, war somit eher vir­tu­ell zu ver­ste­hen. Schade.

Soweit dazu. Kom­men wir zur eigent­li­chen Haupt­sa­che, den poli­ti­schen Ergeb­nis­sen. Hierzu ist zunächst mal posi­tiv fest­zu­hal­ten, dass es über­haupt wel­che gibt. Das ist ja schon­mal mehr, als einige im Vor­feld erwar­tet haben. Der Weg dort­hin war aber ein stei­nig und mei­nes Erach­tens zweifelhaft.

Ich hatte ja schon letzte Woche geschrie­ben, dass wir einen Ziel­kon­flikt haben: Viel zu viele Anträge für viel zu wenig Zeit. Die­ses Pro­blem ist wei­test­ge­hend haus­ge­macht. Die nahe­lie­gende Lösungs­mög­lich­keit, zuzu­se­hen dass man die Sachen abge­stimmt bekommt, wird von einem Teil der Pira­ten mit gera­dezu fun­da­men­ta­lis­ti­schen Eifer abge­lehnt. Das sei „unde­mo­kra­tisch” und man müsse „Debat­ten zulas­sen”. Im Ergeb­nis wird dann aber genauso unde­mo­kra­tisch vor­ge­gan­gen, indem bestimmte The­men­grup­pen von vorn­her­ein von der Behand­lung aus­ge­schlos­sen und zu allem Über­fluss dann auch noch eher will­kür­lich die Anträge durch­ge­gan­gen wer­den. Wäh­rend ein ord­nungs­ge­mäß ein­ge­reich­ter Par­tei­pro­gram­m­an­trag eigent­lich keine Chance hatte, auch nur am Rande gestreift zu wer­den, konnte ein abge­lehn­ter Antrag zum Grund­satz­pro­gramm pro­blem­los im Par­tei­pro­gramm reüs­sie­ren. Sowas nenne ich Will­kür in Reinkultur.

Nein zu effektivem Abstimmungsverfahren: Chance vertan

Nein zu effek­ti­vem Abstim­mungs­ver­fah­ren: Chance vertan

Und die Debatte? Oh weh. Halb­gare State­ments dafür oder dage­gen, statt Argu­men­ten Behaup­tun­gen und vor allem: Kei­ner­lei Ein­fluss auf die Abstim­mung. Die Resul­tate waren immer genauso, wie es die Mei­nungs­bil­der am Anfang vor­aus­ge­se­hen hat­ten — ledig­lich von even­tu­el­len Ein­flüs­sen der Alter­na­tiv­ab­stim­mun­gen ver­wäs­sert. Sich mit kla­ren Din­gen wei­ter zu beschäf­ti­gen ist eine sehr ärger­li­che Form der Zeitverschwendung.

Zum Ende hin wurde es dann noch bun­ter: Bei wirk­lich umfang­rei­chen Pro­gram­mer­wei­te­run­gen zum Umwelt­schutz wurde auf eine echte Debatte aus Zeit­grün­den fak­tisch ver­zich­tet, vor allem wurde sie kaum noch wahr­ge­nom­men. Bei den­je­ni­gen, die das für „bes­ser” hal­ten als das vor­ge­schla­gene Kon­zept zur Kurz­de­batte mit nach­fol­gen­der Abstim­mung und gege­ben­falls aus­führ­li­che­rer Debatte („EWLS”) muss die Fähig­keit zur Selbst­täu­schung schon aus­ge­spro­chen aus­ge­prägt sein.

Abstimmungsergebnisse häufig eher zufällig

Abstim­mungs­er­geb­nisse häu­fig eher zufällig

Refle­xion ist aber sowieso vie­ler Pira­ten Sache nicht. Oder wie sonst ist es zu erklä­ren, dass bei einem Mei­nungs­bild mit 95% Zustim­mung trotz­dem noch Pira­ten im Dut­zend an den Mikro­fo­nen ste­hen und die immer glei­chen Plat­ti­tü­den auf das Publi­kum los­las­sen. So gesche­hen beim „Grund­si­che­rungs­an­trag” und spä­ter noch­mal beim „Flie­gen­den Gerichts­stand”. Hier wurde viel, sehr viel Zeit sinn­los verplempert.

Ebenso haben wir erheb­li­che Zeit damit ver­tan, über offen­sicht­lich unaus­ge­go­rene Anträge zu ver­han­deln. Die kom­plette Pha­lanx der Trans­pa­renz­an­träge (GP098 ff.) hätte noch min­des­tens drei Run­den durch die Vor­be­rei­tung dre­hen müs­sen, damit sie sti­lis­tisch brauch­bar und mehr­heits­fä­hig sind. Da kann man jetzt zwei Stun­den drü­ber dis­ku­tie­ren. Man kann aber auch ein­fach sagen „So nicht!” und die an sich gute Idee zurück in Rich­tung Fein­schliff ver­wei­sen. Genauso wird es mir ewig ein Geheim­nis blei­ben, warum es Teil­neh­mer gab, die über einen Antrag dis­ku­tie­ren muss­ten, der zwei­spra­chige Kin­der­gär­ten for­dert, dabei aber noch nicht mal das ver­wen­dete Deutsch rich­tig hin­be­kommt. Hier fällt die Dumm­heit Ein­zel­ner der Gemein­schaft in gera­dezu uner­träg­li­cher Weise zur Last. Ob das auch mit der „Kos­ten­los­men­ta­li­tät” vie­ler Teil­neh­mer zusam­men­hängt? Wer für klei­nes Geld anreist und für lau über­nach­tet, dem ist es viel­leicht auch weni­ger wich­tig, dass ein sol­ches Zusam­men­tref­fen ergeb­nis­ori­en­tiert abläuft. Das ist dann aber den­je­ni­gen gegen­über umso unfai­rer, die Zeit und Geld für die­ses Wochen­ende inves­tiert haben — und gegen­über den poli­ti­schen Zie­len der Piratenpartei.

Eine andere Mög­lich­keit zu höhe­rer Effek­ti­vi­tät wäre, die Qua­li­tät der Anträge zu stei­gern. Hier muss man ganz klar sagen, dass Liquid Feed­back eine eher unrühm­li­che Rolle gespielt hat. Gerade von dort sind die übels­ten Antrags­mach­werke gekom­men, teil­weise von unbe­kann­ten oder nicht anwe­sen­den Auto­ren, teil­weise mit unvor­be­rei­te­ten Ersatz-​Antragstellern. Was geht in jeman­dem vor, der auch noch das letzte unzu­sam­men­hän­gende Wort­kon­glo­me­rat aus dem LQFB-​System her­aus­klaubt und als Antrags­müll über der Ver­samm­lung aus­kippt? Der dann alle von ihm ein­ge­brach­ten Anträge zu Beginn der Ver­an­stal­tung zurück­zieht und sie „nur ein­ge­bracht hat, damit andere sie über­neh­men kön­nen”? Sorry, aber das ist keine Poli­tik, das ist infan­ti­les, selbst­ver­lieb­tes Kas­per­le­thea­ter. Die Par­tei braucht drin­gend Mecha­nis­men, die der­ar­ti­gem Quatsch schon im Vor­feld eines Par­tei­ta­ges einen Rie­gel vor­schie­ben. Denn über das Motto „Denke selbst!” lässt sich das Pro­blem ja offen­sicht­lich nicht lösen.

Die Spielecke der Uni-Mensa: Auch für manche Piraten prima geeignet

Die Spiel­ecke der Uni-​Mensa: Auch für man­che Pira­ten prima geeignet

Was bleibt nun von den ange­nom­me­nen Anträ­gen? Nunja, wirk­lich glück­lich bin ich nicht. Die viel­be­schwo­rene „Pro­gram­mer­wei­te­rung” ist geschafft und von der Grund­ten­denz her pas­sen die Anträge zu unse­ren bis­he­ri­gen „grund­sätz­li­chen Ideen”. Mehr aber auch nicht. Und ein gutes Gefühl habe ich auch nicht. Neh­men wir noch­mal die „Grund­si­che­rung”, den „GP050”. Das ist sicher­lich eine wich­tige Pro­gram­mer­wei­te­rung und die über­wäl­ti­gende Mehr­heit, mit der die­ser Antrag beschlos­sen wurde, ist auch ein wich­ti­ges Zei­chen in die Par­tei hin­ein. Aber der Preis könnte hoch sein. Mit Recht habe ich schon auf die­sem Par­tei­tag mehr­fach gehört, dass das sozu­sa­gen die Vor­ar­beit für einen „ech­ten” Pro­gramm­punkt „Bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men” ist. Ganz unab­hän­gig von der Sinn­haf­tig­keit der­er­lei Anlie­gen wird dies die Par­tei in den nächs­ten Mona­ten zu einem Magne­ten für BGE-​Verfechter aller Art machen und damit drei Pro­bleme aus­lö­sen: Ers­tens wird es schwer sein, mit die­sen Men­schen sinn­volle, kon­sens­fä­hige For­de­run­gen zu for­mu­lie­ren, dazu ist ihr Eifer viel zu groß. Erschwe­rend kommt zwei­tens dazu, dass die BGE-​Klientel kaum Berüh­rungs­punkte mit unse­ren (bis­lang) zen­tra­len The­men hat: Urhe­ber– oder gar Patent­recht will dort kaum jemand fun­diert erör­tern und selbst die bür­ger­li­chen Grund­rechte sind nur in Tei­len rele­vant. Und schließ­lich wird es Drit­tens eine Her­aus­for­de­rung, der Öffent­lich­keit plau­si­bel zu machen, dass wir trotz aller unaus­ge­go­re­ner BGE-​Lyrik noch eine ernst­zu­neh­mende poli­ti­sche Kraft sind. Ich hoffe, wir schaf­fen das.

Ein ganz beson­ders dickes Ei hat der Par­tei­tag der Par­tei übri­gens mit dem Antrag zu §173 gelegt. Wie blöd kann man eigent­lich sein? Selbst wenn die For­de­rung begründ­bar ist, selbst wenn sie gerecht­fer­tigt ist, selbst wenn sie sein muss: Warum jetzt? Warum wir? Es ist ja nicht so, dass wir nichts zu tun hät­ten, nun müs­sen wir auch noch in Zukunft ein hoch­e­mo­tio­na­les Thema mit einer kon­tro­vers anmu­ten­den For­de­rung ver­ar­gu­men­tie­ren. Wir wer­den viele Res­sour­cen dafür auf­brin­gen müs­sen, es wird uns Sym­pa­thi­san­ten ver­grau­len und ewige Dis­kus­sio­nen ein­brin­gen. Das war eine bemer­kens­werte poli­ti­sche Instinktlosigkeit.

Aber die­ser feh­lende poli­ti­sche Instinkt zog sich durch die Ver­an­stal­tung. Da gibt es am Sams­tag eine dpa-​Pressemeldung, die hof­fen lässt, dass nicht weni­ger als eine poli­ti­sche Kern­for­de­rung der Pira­ten umge­setzt wird: Die Jus­tiz­mi­nis­te­rin will nächs­tes Jahr alle in den letz­ten Jah­ren beschlos­se­nen „Sicher­heits­ge­setze” auf den Prüf­stand stel­len und unnö­tige ersatz­los strei­chen. Das ist — sollte es so pas­sie­ren — sen­sa­tio­nell. Und was pas­siert auf dem Par­tei­tag? Das zustän­dige Vor­stands­mit­glied hält es nicht für nötig, auf die Bühne zu kom­men. Der Ver­an­stal­tungs­lei­ter liest die Mel­dung unin­spi­riert vom Blatt ab. Der Saal klatscht höf­lich. Und in den hin­te­ren Rei­hen sieht man den Deut­schen Michel selig schla­fen. Hoch lebe der poli­ti­sche Durchblick.

Der Par­tei­tag in Chem­nitz war sicher bes­ser als so man­cher davor. Es besteht aber nicht der geringste Anlass zu Selbst­zu­frie­den­heit, die Tage in Chem­nitz haben mal wie­der gezeigt, dass wir immer noch mei­len­weit davon ent­fernt sind, wirk­lich effek­tiv „Poli­tik zu gestal­ten”. Poli­ti­sche Wil­lens­bil­dung ist bei den Pira­ten bis­lang immer noch eine Kako­pho­nie von Ein­zel­stim­men, die sich — wenn es gut läuft — zufäl­lig einen Stand­punkt zu eigen machen. Von struk­tu­rier­ter, weit­sich­ti­ger Pla­nung von Inhal­ten oder gar dem Set­zen von The­men in der öffent­li­chen Dis­kus­sion sind wir nach wie vor weit ent­fernt. Das dazu nötige stra­te­gi­sche Vor­ge­hen benö­tigt viel stär­kere Struk­tu­ren und Vor­ga­ben, zum Bei­spiel durch Vor­stände oder in der Par­tei weit­hin akzep­tierte Arbeits­grup­pen. Der in der gro­ßen Tei­len der Par­tei extrem aus­ge­prägte Indi­vi­dua­lis­mus und die gleich­zei­tigte „Lust am Kra­wall” las­sen mich aber zwei­feln, ob sich so etwas umset­zen lässt.

Und so über­wiegt denn bei mir ins­ge­samt lei­der momen­tan der Zwei­fel am Pro­jekt „Pira­ten­par­tei”. Auch wenn der völ­lige Miss­er­folg nicht ein­ge­tre­ten ist — der große Wurf war die­ser Par­tei­tag nicht. Der zen­trale Iden­ti­fi­ka­ti­ons­punkt der Par­tei waren in der Ver­gan­gen­heit die Frei­heits– und Bür­ger­rechte in der ver­netz­ten Welt. Diese The­men spiel­ten in Chem­nitz aber nur eine unter­ge­ord­nete Rolle. Dabei sind sie wich­ti­ger denn je: ACTA nimmt eine poli­ti­sche Hürde nach der ande­ren, das Mora­to­rium in Sachen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ist unter Dau­er­be­schuss von CDU-​Hardlinern, der „Dritte Korb zum Urhe­ber­recht” kommt so sicher wie das Amen in der Kir­che. Und hier hat selbst unsere Jus­tiz­mi­nis­te­rin, die ansons­ten tap­fer das letzte Boll­werk gegen den Grund­rechts­ab­bau dar­stellt, schon anklin­gen las­sen, dass es ein „Leis­tungs­schutz­recht für Ver­le­ger” geben wird. Alles in allem eine höchst unbe­frie­di­gende Gesamtsituation.

Klarmachen zum Ändern: Was bleibt von den früheren Zielen?

Klar­ma­chen zum Ändern: Was bleibt von den frü­he­ren Zielen?

Frü­her hätte ich gesagt: Die Pira­ten­par­tei ist heute wich­ti­ger denn je. Heute muss ich das abwan­deln in: Die poli­ti­schen Ziele, für die die Pira­ten­par­tei frü­her stand, sind heute wich­ti­ger denn je. Ich werde mir in den nächs­ten Mona­ten sehr genau anschauen, wohin das Pira­ten­schiff segelt und ob die Pira­ten­par­tei und die Ziele, für die ich sie ste­hen sehe, in Ein­klang blei­ben. Wenn die Ent­wick­lung hier in eine fal­sche Rich­tung läuft, dann könnte es pas­sie­ren, dass ich mir eine neue poli­ti­sche Hei­mat suchen muss.

In eigener Sache: Blogupdate

Ich habe mal wie­der upge­da­tet: Seit heute wer­kelt hier Word­Press 3.0.1. Außer­dem habe ich das Feed2Tweet-​Plugin raus­ge­schmis­sen; eigent­lich sollte es nach jedem neuen Arti­kel hier im Blog einen Tweet abset­zen. Unei­gent­lich machte es das aber nicht mehr. Ich ver­mute eine Unver­träg­lich­keit mit der Twitter-​API und der voll­stän­di­gen Ände­rung zur OAuth-​basierten Anmel­dung, die Feed2Tweet, so wie ich es gese­hen habe, wohl nicht unterstützt.

Des­halb teste ich jetzt „Yourls — Word­Press on Twit­ter” als Twee­ter für mein Blog. Ich ver­wende aber auch hier wei­ter „is​.gd” als URL-​Verkürzer. Die­ses Pos­ting ist dahin­ge­hend auch ein Test, ob die neue Twitter-​Anbindung funk­tio­niert. Das ent­schul­digt hof­fent­lich auch sei­nen eher gerin­gen Inhalt…

Piratenparteitag: Gleich geht es los…

Da bin ich nun also in Chem­nitz. Auf dem Par­tei­tag. Mitt­ler­weile sind wir ein­ein­vier­tel Stun­den hin­ter dem Zeit­plan, die Tech­nik will noch nicht so wie sie soll — also eigent­lich alles wie immer.

Geben wir also ein paar ein­ge­hende Ein­drü­cke: Chem­nitz ist eine merk­wür­dige Stadt. Hier und da ein paar Häus­chen in die Land­schaft geklatscht, Abbruch­häu­ser, brö­ckelnde DDR-​Architektur und Nach­wen­de­bau­ten im Industrial-​Look wech­seln sich mun­ter ab. Das Tagungs­ge­bäude, die Uni­mensa, gehört zur letz­te­ren Kategorie.

Tagungsgebäude auf dem Unicampus Chemnitz

Tagungs­ge­bäude auf dem Uni­cam­pus Chemnitz

Der Saal ist längs­be­stuhlt, ähnlich wie bei Harry Pot­ter im Inter­nat­spei­se­saal. Ich sitze in der Mitte am Gryffindortisch.

Überblick über den Saal

Über­blick über den Saal

Die Ver­zö­ge­run­gen, in die­sem Moment wohl end­lich vor­bei, sind vor allem der Tech­nik geschuldet.

Soundsystem, noch in Aufbau

Sound­sys­tem, noch in Aufbau

Und hier haben wir das Saal­mi­kro. Noch ist es ver­waist, aber es ist zu erwar­ten, dass das nicht so bleibt…

Das noch verwaiste Saalmikro

Das noch ver­waiste Saalmikro

Ansons­ten ist für alle Bedürf­nisse gesorgt.

Für die Grundbedürfnisse ist gesorgt

Für die Grund­be­dürf­nisse ist gesorgt

Im Ernst: Der Saal ist zwar wesent­lich klei­ner als in Bin­gen, aber ins­ge­samt macht alles einen gut durch­or­ga­ni­sier­ten Ein­druck. Ich fühle mich wohl. :wink:

Es ist auch so, dass wie­der Presse vor Ort ist. Erfreu­li­cher­weise wer­den wir (immer noch) wahr­ge­nom­men und die ist Öffent­lich­keit inter­es­siert. Das führt dann auch wie­der zu Sze­nen von „Pro­mi­nen­ten­fo­tos”, auch wenn die Schil­der­menge im Bild nicht immer unbe­dingt pas­send ist…

Fotosession mit dem Bundesvorsitzenden, Hunde verboten

Foto­ses­sion mit dem Bun­des­vor­sit­zen­den, Hunde verboten

So, die Eröff­nungs­rede ist vor­bei, der Ver­samm­lungs­lei­ter ist gewählt. Es geht los. Machen wir es uns gemütlich…

Piraten machen sichs gemütlich

Pira­ten machen sichs gemütlich

Meine Abstimmungsliste als Textdatei

Auf beson­de­ren Wunsch packe ich jetzt hier noch meine Abstim­mungs­lis­ten aus den bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Blog-​Artikeln als ein­fa­che Text­da­teien hin.

Abstim­mungs­spick­zet­tel als PDF-​Datei

Abstim­mungs­spick­zet­tel als Textdatei

Aus letz­te­rer lässt sich mit Befeh­len wie zum Beispiel

cat Abstimmungsspickzettel-dh.txt | grep "^..[0-9]" | grep ": Ja"

eine Liste erzeu­gen wie

Liste aller Anträge, denen ich zustimme

Wem auch immer es hel­fen möge…

Anträge beim Bundesparteitag der Piratenpartei: So könnte ich abstimmen (2)

So. Eine Nacht spä­ter nun als Fort­set­zung des ers­ten Teils meine ganz per­sön­li­che Stim­men­ver­gabe für die „ande­ren” Anträge zum anste­hen­den Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten­par­tei in Chem­nitz: Wahl­pro­gramm, Par­tei­pro­gramm, sons­tige. Ich hoffe ja instän­dig, dass diese Arbeit nicht völ­lig umsonst war. Die­ser Teil ging übri­gens etwas schnel­ler von der Hand, weil einige Anträge schlichte Dopp­lun­gen von Pro­gram­m­an­trä­gen oder sogar von Anträ­gen nur wenige Ein­träge höher in der Liste waren und gerade bei den „Sons­ti­gen Anträ­gen” sehr viele Anträge außer­or­dent­lich — nunja — dürf­tig waren. Da muss man dann nicht viel Zeit in eine Ana­lyse investieren.

A pro­pos Zeit: Je mehr ich mich mit die­sen Anträ­gen beschä­figt habe, desto pes­si­mis­ti­scher bin ich, was die Zweck­mä­ßig­keit des ange­dach­ten Debat­ten– und Abstim­mungs­ver­fah­rens betrifft. Alle Pla­nun­gen, von denen ich bis jetzt gehört habe, lau­fen dar­auf hin­aus, dass wir nur einen Bruch­teil der Anträge tat­säch­lich zur Abstim­mung brin­gen wer­den. Für den inner­par­tei­li­chen Frie­den ist aber genau das höchst kon­tra­pro­duk­tiv, weil dann alle Mit­glie­der, denen andere, nicht behan­delte Anträge beson­ders am Her­zen lie­gen, sich um ihre Ziele betro­gen füh­len wer­den und das interne Gezänk weitergeht.

Die „Basis” hat im Vor­feld des Par­tei­ta­ges so gehan­delt, dass 322 Anträge zur Abstim­mung ste­hen. Viele davon sind offen­sicht­li­cher Murks. Trotz­dem ist mei­nes Erach­tens die ein­zige sinn­volle Schluss­fol­ge­rung aus der Situa­tion, für all diese Anträge auch die Mög­lich­keit zur Abstim­mung zu bie­ten. Und das geht nur mit einem effi­zi­en­ten Ver­fah­ren wie ELWS, das zudem inhä­rent geheim ist. Sicher­lich besteht dann die Gefahr, dass der eine oder andere erwähnte Murks in Pro­gramm­tex­ten lan­det. Dies zu kor­ri­gie­ren, obliegt dann dem nächs­ten Par­tei­tag. Der Vor­teil die­ser Situa­tion ist aber, dass tat­säch­lich zu allen vor­ge­tra­ge­nen Anlie­gen eine Mit­glie­der­mei­nung vor­liegt. Das sollte sich in die Par­tei hin­ein letzt­lich befrie­den­der aus­wir­ken als eine Situa­tion, in der von den 322 Anträ­gen viel­leicht 30 oder 40 abge­stimmt wur­den und der Rest immer noch „in der Luft hängt”.

Sollte es zur vor­ge­schla­ge­nen „Axel E. Müller”-Abstimmung über die vor­ge­schla­ge­nen Antrags­grup­pen kom­men, würde ich meine drei kost­ba­ren Stim­men wohl den The­men­blö­cken „Urhe­ber­recht”, „Inter­net und Medien” sowie „Inne­res” geben. Das wären für mich die Berei­che, in denen es mei­ner Mei­nung nach für die Par­tei am wich­tigs­ten ist, sich zu pro­fi­lie­ren. Lei­der fal­len dann auch schon Anträge durchs Ras­ter, die ich selbst für sinn­voll halte, weil sie ande­ren Blö­cken zuge­ord­net sind.

Wenn ich jetzt spon­tan die drei Anträge benen­nen sollte, die mir bei die­ser gan­zen Aktion am stärks­ten und posi­tivs­ten im Gedächt­nis geblie­ben sind, dann sind das

  • GP033 (Zwangs­dienste abschaffen) — Eine knappe, prä­gnante For­mu­lie­rung mit einer sinn­vol­len For­de­rung. Sehr schön.
  • GP014 (Dro­gen­po­li­ti­sches Grundsatzprogramm) — Als Bei­spiel dafür, wie man das Pro­gramm kon­sis­tent um neue Posi­tio­nen erwei­tern sollte. Und insbesondere
  • WP022 (Nicht­kom­mer­zi­elle Werke ermöglichen) — Kurzer Text mit über­zeu­gen­der Begrün­dung. Ist das so im LQFB ent­stan­den? Davon hätte es gern mehr geben dürfen.

So. Genug der Vor­rede. Hier nun „mein” Stimmzettel:

‚Anträge beim Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten­par­tei: So könnte ich abstim­men (2)’ weiterlesen …

Anträge beim Bundesparteitag der Piratenpartei: So könnte ich abstimmen (1)

Zum zwei­ten Teil.

So, nach­dem ich mich ges­tern ja schon all­ge­mein zum anste­hen­den Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten­par­tei geäu­ßert habe, habe ich mir heute die halbe Nacht um die Ohren geschla­gen und bin diese „Anträge” durch­ge­gan­gen — zumin­dest die erste Hälfte. Als Grund­lage habe ich das „Inof­fi­zi­elle Antrags­buch” genom­men, das ges­tern auf der Aktiven-​Mailingliste ange­kün­digt wurde. Des­sen erste Hälfte besteht aus den „Pro­gram­m­an­trä­gen” und genau diese habe ich jetzt durch­ge­le­sen und ver­sucht, mir eine Mei­nung zu bilden.

Im Fol­gen­den ver­öf­fent­li­che ich diese meine Mei­nung. Und ich schi­cke dem lie­ber noch ein paar Erläu­te­run­gen vor­aus: Es han­delt sich dabei um meine höchstpersönlich-​eigene Mei­nung. Ich habe sie mir allein gebil­det, nur unter Berück­sich­ti­gung des Tex­tes (und der Begrün­dung) in besag­tem Antrags­buch. Ich habe jedem „Ja” oder „Nein” auch immer noch eine kurze Begrün­dung beige­fügt. Diese mag viel­leicht unge­recht, bor­niert oder unwis­send wir­ken, vor allem auf die­je­ni­gen, die sich aus­führ­lich mit den ein­zel­nen Anträ­gen beschäf­tigt haben. Aber: Das ist das, was bei mir als Leser ange­kom­men ist. Ich habe schlicht keine Zeit, mich in jeden Antrag und die gesamte Dis­kus­sion um ihn herum ein­zu­le­sen. Ich nehme das, was ich hier in der Ent­schlie­ßungs­vor­lage vor­ge­setzt bekomme. Und damit dürfte ich als durch­schnitt­li­cher Leser ein gar nicht so unge­eig­ne­tes Bei­spiel sein. :wink:

Noch etwas: Meine hier geäu­ßerte Mei­nung ist kei­nes­falls in allen Fäl­len fix. Die­ser Arti­kel ist für mich nicht so sehr eine „Ver­laut­ba­rung”, son­dern eher eine Dis­kus­si­ons­grund­lage. Wenn ihr der Mei­nung seid, ich irre mich, ver­stehe etwas falsch, sehe etwas nicht: Weist mich drauf hin! Bei so man­chem Antrag fände ich es prima, wenn ich das noch­mal genauer erklärt bekäme. Denn einer­seits klingt das ja gar nicht so falsch, was da steht. Aber ande­rer­seits ist es ein­fach — so, wie es da steht — nicht in sich stim­mig. Es passt nicht.

Ins­ge­samt ist die­ses Antrags­kon­glo­me­rat eine eher sper­rige Lek­türe. Es sind viele Anträge dabei, die schlicht undurch­dacht sind. Es wird nicht auf den Punkt gekom­men. In der Über­schrift geht es um Thema „A”, der Inhalt han­delt dann aber von „B”. Immer wenn ich unten von „Lyrik” oder „Lala” spre­che, ist mir das beson­ders übel auf­ge­fal­len. Teil­weise ist auch die Text­struk­tur ein­fach grot­tig. Ich meine: So ein Grund­satz­pro­gramm sollte sich eigent­lich aus einem Guss lesen las­sen. Da kann ich keine Halb­satz­auf­zäh­lun­gen rein­schrei­ben, auch wenn sie noch so elo­quent wären (und Halb­satz­auf­zäh­lun­gen sind meis­tens genau das nicht…). Dar­aus ergibt sich so man­ches „Nein” in der fol­gen­den Liste.

Ins­ge­samt sind es übri­gens sehr viele „Neins”. Das finde ich aber nicht schlimm. Ich stehe dazu, dass mei­ner Mei­nung nach die pro­gram­ma­ti­sche Öffnung der Par­tei nur lang­sam von­stat­ten gehen kann. Bevor wir uns zu einem Thema fest­le­gen, müs­sen wir in unse­rer Par­tei selbst dazu gefes­tigt sein. Und das ist bei der über­wie­gen­den Zahl von The­men momen­tan noch nicht der Fall. Des­halb: Nein zur Auf­nahme in irgend­wel­che Programme.

Ich habe nach Fer­tig­stel­lung die­ser Liste mit Schre­cken fest­ge­stellt, dass die offi­zi­elle Antrags­liste mitt­ler­weile einige der Anträge nicht mehr ver­zeich­net bzw. noch­mal irgendwo anders hin umge­stellt hat. Ich hoffe, das pas­siert jetzt nicht noch häu­fi­ger. Die­ser Wust an Tex­ten ist jetzt schon reich­lich unüber­sicht­lich. Wenn da jetzt noch mun­ter hin und her­ge­scho­ben wird, dann blickt irgend­wann gar nie­mand mehr durch, was jetzt eigent­lich wo steht. Das ist dann der ulti­ma­tive „Call for Chaos”…

Wenn ich es schaffe, werde ich in einem zwei­ten Arti­kel die rest­li­chen Anträge ähnlich durch­ge­hen. Ich weiß aber noch nicht end­gül­tig, ob das klappt. Die heu­tige Nacht ging von 0:30 Uhr bis um 4:00 Uhr und dann um 7:30 Uhr wei­ter. Irgend­wann ist der Punkt erreicht, wo man ein­fach nicht mehr kann.

So, und wer nun bis hier­hin gekom­men ist, der kann sie sich jetzt anschauen: Mein ganz per­sön­li­cher Abstim­mungs­plan für den Par­tei­tag, Teil 1:

‚Anträge beim Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten­par­tei: So könnte ich abstim­men (1)’ weiterlesen …

Go East — Warum ich zum Bundesparteitag der Piratenpartei in Chemnitz fahre

Ok, Mikro­fon­check: ‚One, two, one, two.’ Geht noch. *Hat­schi!* Oha, so ein Blog staubt ganz schön schnell zu, wenn man mal ein biss­chen Aus­zeit vom Schrei­ben nimmt. Aber schön, dass alles noch zu funk­tio­nie­ren scheint. Licht aus, Spot an…

Lange habe ich mit mir gerun­gen. Nein, nicht nur ob ich hier mal wie­der was schreibe. Son­dern, ob ich hin­fahre. Nach Chem­nitz. Den Älte­ren unter uns viel­leicht noch als „Stadt mit den drei ‚O’” ein Begriff. Dort fin­det die­ses Wochen­ende der 2. Bun­des­par­tei­tag der Pira­ten­par­tei in die­sem Jahr statt, ins­ge­samt müsste es der sechste oder siebte der Par­tei­ge­schichte sein.

Leicht fällt es mir nicht. Die Pira­ten haben es sich, mir und vie­len ande­ren in den letz­ten Mona­ten aber auch nicht leicht gemacht. Der Par­tei­tag in Bin­gen ist ergeb­nis­sei­tig höchst dünn aus­ge­fal­len. Ins­be­son­dere, einen Tag mit Vor­stands­wah­len zu ver­plem­pern, bei denen am Ende genau die­sel­ben drei Amts­in­ha­ber gewählt wer­den, die vor­her schon die Jobs hat­ten — das ist irgend­wie unbe­frie­di­gend. Um die große Errun­gen­schaft die­ses Par­tei­ta­ges, Liquid Feed­back, hat es danach eine der­ar­tig üble Schlamm­schlacht gege­ben, dass nicht nur ich mich irgend­wann mit Grau­sen abge­wen­det habe. Recht­ha­be­rei und Beton­köpfe auf allen Sei­ten, uner­träg­li­che Detail­dis­kus­sio­nen, gezielte Nebel­ker­zen, absicht­li­ches Miss­ver­ste­hen — von „ande­rer Poli­tik” war nicht so rich­tig viel zu spü­ren. Über die­sem und ande­rem Hick­hack ist dem Vor­stand mal wie­der ein Mit­glied ver­lo­ren gegan­gen (womit „mein” 2008/​2009er-​Vorstand wei­ter­hin der ein­zige ist, der kei­nen Rück­tritt wäh­rend der Wahl­pe­riode zu ver­zeich­nen hatte) und in den zeit­lich aus jedem Ruder lau­fen­den Vor­stands­sit­zun­gen spie­len sich teil­weise unschöne Sze­nen ab — die Öffent­lich­keit ist per Tele­fon immer live dabei…

Auch die Vor­be­rei­tun­gen die­ses Par­tei­ta­ges sind kein Anlass zu rei­ner Freude: Als Pro­gramm­par­tei­tag geplant und gewollt gibt es plötz­lich doch wie­der irgend­wel­che Schlau­meier, die an der Sat­zung rum­schrau­ben wol­len. Bis zum Bun­des­schieds­ge­richt wird die Sache getra­gen und der Schieds­spruch führt zu Kaf­fee­satz­le­se­rei, man könne in Chem­nitz ja viel­leicht gar nichts beschlie­ßen. Liquid Feed­back hat sich nicht als par­tei­weit akzep­tier­tes Tool zur Vor­be­rei­tung der Anträge durch­ge­setzt, statt­des­sen kumu­lie­ren die Pro­gram­m­an­träge aus vier bis sechs ver­schie­de­nen Sam­mel­stel­len (LQFB, Wiki, Antrags­fa­brik, E-​Mails,…) zu einem momen­tan etwa 500 Sei­ten star­ken „Antrags­buch”, das man am bes­ten als Lose-​Blatt-​Sammlung bereit hal­ten sollte, weil über die Rei­hen­folge der Abstim­mun­gen ja auch noch abge­stimmt wer­den muss. Die Mög­lich­keit, erprobte Wahl­ver­fah­ren mit hohem Durch­satz anzu­wen­den, ließ der Bun­des­vor­stand ver­strei­chen.

Ich muss geste­hen, ich habe momen­tan ein biss­chen Angst um die Pira­ten. Wir schaf­fen es mit hoher Effi­zi­enz, uns in unnö­tige und hoch­gra­dig unnütze Dis­kus­sio­nen zu ver­stri­cken. Wir wol­len plötz­lich Posi­tio­nen zu allem und jedem haben. Wir haben viel­fach Freude daran gefun­den, uns mit uns selbst zu beschäf­ti­gen und der eine oder andere scheint Befrie­di­gung vor allem darin zu fin­den, die eige­nen Leute in die Pfanne zu hauen. Die böse Stei­ge­rung „Freund, Feind, Par­tei­freund” fin­det ihren neuen Höhe­punkt in der Bezeich­nung „…Pirat!”

All dies ist so unnö­tig! Auch wenn wir mitt­ler­weile groß und von den Par­tei­mit­glie­dern her sehr viel­fäl­tig gewor­den sind, soll­ten wir doch unsere Wur­zeln nicht nur stets in Erin­ne­rung haben, son­dern sie auch hegen und pfle­gen. Sie sind weder über­flüs­sig noch unnö­tig gewor­den. Bloß weil der neue Bun­des­in­nen­mi­nis­ter etwas weni­ger Aus­set­zer als der alte hat, herrscht nicht plötz­lich eitel Son­nen­schein. Und statt einer irr­lich­tern­den Fami­lien– haben wir heute eine Ver­brau­cher­min­ste­rin, die mit Verve und stets auf Öffent­lich­keit bedacht auf Google Street View ein­haut, dabei aber einer Regie­rung ange­hört, die keine Pro­bleme damit hat, höchst­per­sön­li­che Daten von Bun­des­bür­gern in fremde Staa­ten zu über­mit­teln.

In die­ser Welt, die durch ACTA, den „Drit­ten Korb” und nicht enden wol­lende absurde Patent­strei­tig­kei­ten auch nicht bes­ser wird, sind die Pira­ten nöti­ger denn je! Wir haben das Know-​How, wir haben die Leute, vor allem aber haben wir den unbe­ding­ten Anspruch auf einen frei­heit­li­chen Staat, in dem Bür­ger­rechte an ers­ter Stelle ste­hen und nichts unter­ge­ord­net wer­den, weder Kli­en­tel­in­ter­es­sen noch tech­ni­schen Weiterentwicklungen.

Vor zwei Wochen wurde mir in einer Dis­kus­sion gesagt, die Pira­ten hät­ten ihren ers­ten gro­ßen poli­ti­schen Erfolg längst gehabt. Dass der Bun­des­tag heute eine Internet-​Enquetekommission hat, läge nur daran, dass irgend­wie alle Par­teien sehr ner­vös gewor­den seien, dass wir so viel Auf­merk­sam­keit und Zustim­mung bekom­men haben. Und heute? Heute fabu­liert der Vor­sit­zende die­ser Kom­mis­sion von einem „Ver­mum­mungs­ver­bot im Inter­net”. Wenn es nicht so trau­rig wäre, man könnte sich tot­la­chen. Die Pira­ten sind heute genau so wich­tig wie im Som­mer 2009 und vor allem ist wich­tig, dass sie sich wei­ter mit ihren Kern­the­men beschäf­ti­gen und dort nicht locker lassen.

Und des­halb fahre ich nach Chem­nitz! Weil ich will, dass diese Par­tei sich auf ihre Grund­werte besinnt. Dass sie als starke Bür­ger­rechts­par­tei arbei­tet. Dass sie sich laut­stark für ein moder­nes Urhe­ber– und Patent­recht ein­setzt. Dass sie es schafft, auf die­sen Fel­dern, die­sen ihr urei­ge­nen Berei­chen, die ande­ren wie­der vor sich her­zu­trei­ben. Dass sie auf­hört, sich mit sich selbst zu beschäf­ti­gen und sich selbst mög­lichst viele Steine in den Weg zu legen. Die Fra­gen, die wir uns in Chem­nitz beant­wor­ten müs­sen, lau­ten nicht: „Wie dis­ku­tie­ren wir am bes­ten?” — son­dern: „Wie sind unsere Stand­punkte in den Berei­chen, für die wir Pira­ten wie keine andere poli­ti­sche Par­tei ste­hen?” Das müs­sen wir schaf­fen — und die aller­meis­ten von uns wol­len das auch. Ich fahre nach Chem­nitz um mei­nen Teil dazu bei­zu­tra­gen, dass wir als Par­tei hier einen gro­ßen Schritt vor­an­kom­men und uns end­lich wie­der gemein­sam und kon­struk­tiv mit Sach­fra­gen beschäftigen.

Ich hoffe, dass ich in die­sem Blog in den nächs­ten Tagen noch eini­ges mehr in Sachen Par­tei­tag schrei­ben kann. Mor­gen gibt’s ja nun die finale Ver­sion des „Antragshau­fensbuches”. Ich werde mal rein­schauen und wenn ich etwas inter­es­san­tes finde, werde ich es hier kund­tun. Einst­wei­len blei­ben Licht und Mikro mal an…