Monatliches Archiv für März, 2010

Musik zum Sonntag: zero-​project — Fairytale

Und hier, liebe Leser, ein wenig Musik zum Sonn­tag. CC-​lizenziert und auf Jamendo zu fin­den: „zero-​project” mit sei­nem aktu­el­len Album „Fai­ry­tale”. Passt beson­ders gut, wenn man gerade wach wird, sich fragt, wo die Kopf­schmer­zen her­kom­men und sich dann wie­der an die Pro­mo­ti­ons­feier des Kom­mi­lio­nen vom Abend zuvor erin­nert, auf der man irgend­wann den Über­blick über die Anzahl der Glä­ser Rot­wein ver­lo­ren hat…

Nicht hören soll­ten das die Jungs und Mädels von nom­nom­nom, die sich gerade in Stunde 17 ihres 24-​Stunden-​Fernsehmarathons mit Live­b­log­ging befin­den. Sonst ist da bald Stille im Blog… ;-)

Die Piraten Niedersachsen, ihre Satzung und die Sache mit der Auskunftspflicht: Eine historische Entscheidung des Parteitags

Es hatte sich schon ange­deu­tet, dass auch beim Par­tei­tag in Osna­brück wie­der §2.2 der Sat­zung für beson­ders viel Dis­kus­si­ons­stoff sor­gen würde: Dort geht es um Aus­kunfts­pflich­ten von Kan­di­da­ten für Ämter und Man­date bezüg­lich frü­he­rer poli­ti­scher Enga­ge­ments und Par­tei­zu­ge­hö­rig­kei­ten. Beim vor­an­ge­gan­ge­nen Lan­des­par­tei­tag in Lan­gen­ha­gen waren diese Bestim­mun­gen erheb­lich ver­schärft wor­den, was zu viel Unmut, erreg­ten Dis­kus­sio­nen und sehr viel ver­lo­re­ner Zeit geführt hatte.

In der schrift­li­chen Abstim­mung zu die­sem Punkt hatte zunächst kei­ner der vie­len Ände­rungs­an­träge eine Mehr­heit gefun­den: Von Abschaf­fung bis zu einer noch­ma­li­gen Ver­schär­fung der Bestim­mun­gen reich­ten die Optio­nen. Mit einem neuen Sat­zungs­än­de­rungs­an­trag — in Nie­der­sach­sen kön­nen diese ohne Fris­ten gestellt wer­den — wurde das Thema nun noch­ein­mal dis­ku­tiert. Wie schon die letz­ten Male war die Dis­kus­sion inten­siv, mit lan­gen Red­ner­lis­ten, einer gan­zen Reihe von Anträ­gen zur Geschäfts­ord­nung und grund­ver­schie­de­nen Ansich­ten, die aufeinanderprallten.

Zum Schluss kamen zwei Anträge zur Abstim­mung: Mit dem ers­ten wurde die „Muss”-Bestimmung zur Aus­kunft in eine „Sollte”-Bestimmung umfor­mu­liert und damit im Wesent­li­chen wie­der der Zustand von vor Novem­ber 2009 her­ge­stellt wer­den. Für mich durch­aus über­ra­schend wurde die­ser Antrag dann mit einer 75%-Mehrheit ange­nom­men. Ich selbst hatte vor­her einen Antrag auf Nicht­be­fas­sung gestellt, weil ich die Dis­kus­sion eigent­lich genau auf dem Stand sah, den sie bei der schrift­li­chen Abstim­mung am Vor­tag gehabt hatte. Und da hatte letzt­lich kei­ner der Ände­rungs­an­träge auch nur die nötige Zwei­drit­tel­mehr­heit gefun­den. Wie man sich doch täu­schen kann.

Noch über­ra­schen­der — und für viele Kom­men­ta­to­ren gera­dezu sen­sa­tio­nell — wurde dann anschlie­ßend sogar der Antrag auf voll­stän­dige Strei­chung des §2.2 ange­nom­men. Auch dies wie­der mit einer beque­men 70%-Mehrheit. Damit sind diese in mei­nen Augen sehr unglück­se­li­gen Bestim­mun­gen vom Tisch, die für mich immer so einen Geruch von Gesin­nungs­schnüf­fe­lei hat­ten und die mei­nes Erach­tens nicht zu den Grund­sät­zen der Pira­ten passen.

Sei­tens der Befür­wor­ter der bis­he­ri­gen Rege­lung wird häu­fig die Sorge vor­ge­bracht, mit Abschaf­fung die­ser Rege­lung wäre die von der Par­tei hoch­ge­hal­te­nene Trans­pa­renz nicht mehr gewähr­leis­tet. Meine Ant­wort hier­auf ist zwei­tei­lig: Zum einen macht sich Trans­pa­renz mei­nes Erach­tens nicht daran fest, dass ich über die poli­ti­sche Ver­gan­gen­heit eines Bewer­bers detail­liert Bescheid weiß. Min­des­tens Teile davon sind für seine jet­zige Hal­tung irre­le­vant, wäh­rend andere Dinge ent­schei­dend sein kön­nen, zum Bei­spiel beruf­li­che oder pri­vate Bekannt­schaf­ten. Und die Offen­le­gung die­ser ver­pflich­tend und im Vor­hin­ein ein­zu­for­dern käme ja (hof­fent­lich) auch nie­mand auf die Idee. Zum ande­ren war auch die bis­he­rige Aus­kunfts­re­ge­lung letzt­lich nicht ein­for­der­bar und wurde ja sogar nicht ein­ge­for­dert: Meh­rere der Vor­stand­skan­di­da­ten haben in Osna­brück — gewollt oder unge­wollt — nichts zu ihrer poli­ti­schen Ver­gan­gen­heit gesagt, wur­den nicht danach gefragt und sind trotz­dem gewählt wor­den. Abge­se­hen davon sind diese ver­pflich­ten­den Selbst­aus­künfte sowieso nicht nach­prüf­bar und damit letzt­lich wertlos.

Mit mir war auch die ganz über­wie­gende Mehr­heit der Pira­ten im Saal und in den Echt­zeit­kom­men­ta­ren auf Twit­ter gera­dezu begeis­tert von dem Ergeb­nis. Es war sel­ten so ruhig wie bei den Aus­zäh­lun­gen die­ser Abstim­mun­gen und die Erleich­te­rung, die in den Kom­men­ta­ren zur Ent­schei­dung spür­bar war, hat auch mich über­rascht: Offen­sicht­lich hat vie­len ande­ren Pira­ten die­ser Para­graf min­des­tens ebenso schwer im Magen gele­gen wie mir.

Der §2.2 bzw. „S4”, wie der ganze Vor­gang auf Grund des Antrags­kür­zels beim Par­tei­tag in Lan­gen­ha­gen genannt wurde, liegt mit­ten im Gebiet zwi­schen den bei­den Prin­zi­pien „Trans­pa­renz” und „Pri­vat­sphäre”. Für beide steht die Pira­ten­par­tei. Es ist gut mög­lich, dass uns diese und ähnli­che Dis­kus­sio­nen auch in Zukunft beglei­ten wer­den. Alle Betei­lig­ten soll­ten sich aber an die Schluss­worte von „Big Arne” erin­nern, wenn sie das Thema wie­der auf die Tages­ord­nung brin­gen: Die Rege­lun­gen wur­den mit 75% bzw. 70% Zustim­mung abge­schafft. Das ist eine erheb­li­che Mehr­heit und inso­fern ein deut­li­ches Zei­chen gegen Aus­kunfts­be­geh­ren, wie sie im bis­he­ri­gen §2.2 arti­ku­liert waren.

Bericht vom Parteitag: Piratenpartei Niedersachsen im März 2010 in Osnabrück

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Ein­mal, so gegen Mit­tag des zwei­ten Tages, da drohte der Lan­des­par­tei­tag der nie­der­säch­si­schen Pira­ten in den alten Trott zu ver­fal­len: Irgend­wel­che Sat­zungs­an­träge stan­den da im Raum, mehr oder weni­ger gut vor­be­rei­tet. Die eine Hälfte der Ver­sam­mel­ten wusste nicht recht, um was es ging. Die andere war sich nicht einig, was die Anträge bedeu­ten soll­ten. Alle hat­ten irgend­wie das Gefühl, über etwas zu reden, was schon Thema gewe­sen war. Die berühmt-​berüchtigte Red­ner­liste für Geschäfts­ord­nungs­an­träge schien aus der Ver­sen­kung auf­zu­tau­chen. Und der Ver­samm­lungs­lei­ter hatte die Ver­an­stal­tung irgend­wie nicht so ganz voll­stän­dig im Griff. Zum Glück war dies nur eine kurze Epi­sode einer ansons­ten über­aus gelun­ge­nen Veranstaltung.

Start des Parteitages, Jens Schicke redet

Start des Par­tei­ta­ges, Jens Schi­cke redet

Dabei hatte alles so gut ange­fan­gen. Pünkt­lich ging’s am Sams­tag los und das Tempo war gera­dezu unheim­lich. Die AG Sat­zung hatte sämt­li­che vor­lie­gen­den Anträge zu Sat­zungs­än­de­run­gen und zur Geschäfts­ord­nung in einem 61-​seitigen Doku­ment auf­be­rei­tet und wie gewünscht hatte sich ein gro­ßer Teil der Pira­ten anhand des­sen vor­be­rei­tet, wusste worum es ging und konnte in der ein­stün­di­gen anbe­raum­ten Zeit zur Aus­spra­che so gezielt fra­gen, dass der Ver­samm­lungs­lei­ter meh­rere Male nach­ha­ken musste, ob denn noch Fra­gen seien.

Anwesende am Parteitag, Laptops als Kunstwerke

Anwe­sende am Par­tei­tag, Lap­tops als Kunstwerke

Die eigent­li­che Abstim­mung fand dann schrift­lich statt: Auf fünf Sei­ten wur­den sämt­li­che Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge zur Abstim­mung prä­sen­tiert, zusam­men mit der Frage, ob nach Mei­nung des Abstim­men­den der Dis­kus­sion Genüge getan sei. So schrumpfte der bei ver­gan­ge­nen Par­tei­ta­gen so mons­tröse Tages­ord­nungs­punkt „Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge” auf eine knapp halb­stün­dige Phase des Aus­fül­lens und anschlie­ßen­den Abge­bens der Abstim­mungs­bö­gen. Ansons­ten musste sich vor­ran­gig ein Team von Wahl­hel­fern damit befas­sen, die vie­len Tau­send Kreuze zu zäh­len und zusammenzufassen.

Das Auszählen der Abstimmungszettel zu den Satzungsänderungsanträgen hat mehrere Stunden in Anspruch genommen.

Das Aus­zäh­len der Abstim­mungs­zet­tel zu den Sat­zungs­än­de­rungs­an­trä­gen hat meh­rere Stun­den in Anspruch genommen.

Die anschlie­ßen­den Wah­len zum Vor­stand, die die zweite Hälfte des ers­ten Tages in Anspruch nah­men, waren eben­falls aus­ge­spro­chen ziel­stre­big. Nach dem über­stürz­ten Abbruch des letz­ten Par­tei­ta­ges in Lan­gen­ha­gen im Novem­ber 2009 hatte Nie­der­sach­sen nur einen Rumpf­vor­stand, der nun wie­der auf die volle Größe gebracht wer­den sollte. Jens-​Wolfart Schi­cke und Arne Lud­wig wur­den als Vor­sit­zen­der und Stell­ver­tre­ter bestä­tigt, für den nicht mehr ange­tre­te­nen Arvid kam Mein­art als Schatz­meis­ter neu in den Vorstand.

Der alte Vorstand: Arvid, Matthias, Jürgen, Arne, Dennis und Jens-Wolfart

Der alte Vor­stand: Arvid, Mat­thias, Jür­gen, Arne, Den­nis und Jens-​Wolfart

Vor den Wah­len zu den Bei­sit­zern gab es zudem ein Gruß­wort des amtie­ren­den Bun­des­vor­sit­zen­den: Jens Sei­pen­busch war aus sei­ner Hei­mat­stadt Müns­ter nach Osna­brück gekom­men. Er erin­nerte sich — und mich — daran, dass Nie­der­sach­sen ja eines der ers­ten Län­der war, in dem es 2006 eine ent­ste­hende Par­tei­ba­sis gab: Im Dezem­ber 2006 war er damals auf einem der han­no­ver­schen bzw. nie­der­säch­si­schen Stamm­ti­sche. Zu fünft saßen wir damals zusam­men — inklu­sive Jens und sei­ner Frau. Dass dar­aus Ver­an­stal­tun­gen wie in Osna­brück gewor­den sind, zeigt, welch wei­ten Weg die Pira­ten­par­tei in den ver­gan­ge­nen drei­ein­halb Jah­ren zurück­ge­legt hat. Ich selbst bin zwar kein Grün­dungs­mit­glied, aber ich habe die Anfangs­zeit ja auch noch sehr gut mit­be­kom­men. Man ver­gisst leicht, wie klein und unschein­bar das alles damals im Gegen­satz zu heute war. Pira­ten in Osna­brück gab es damals noch über­haupt nicht.

Ein kurzes Grußwort vom amtierenden Bundesvorsitzenden Jens Seipenbusch

Ein kur­zes Gruß­wort vom amtie­ren­den Bun­des­vor­sit­zen­den Jens Seipenbusch

Über­haupt — die Tagungs­räum­lich­kei­ten. Unsere Ver­bände in Osna­brück hat­ten uns in einer Schul­aula unter­ge­bracht und ein fan­tas­ti­sches Umfeld geschaf­fen: Wir waren dort kom­plett unter uns und hat­ten nicht nur den Ver­samm­lungs­raum, son­dern auch das Forum davor zur freien Verfügung.

Lebhafte Diskussionen im Forum des Tagungsortes

Leb­hafte Dis­kus­sio­nen im Forum des Tagungsortes

Die Tech­nik mit Netz­werk, WLAN und Akus­tik war nicht zu spü­ren, weil sie ein­fach funk­tio­nierte. Fürs leib­li­che Wohl war durch Kines Brötchen-​Großeinkauf und die flugs gegrün­dete AG-​Nordschnitten eben­falls gesorgt.

Die AG Nordschnitten bei der Arbeit

Die AG Nord­schnit­ten bei der Arbeit

Wie schon letz­tes Mal in Lan­gen­ha­gen hat der Medi­en­floh den Video­st­ream der gesam­ten Ver­an­stal­tung über­nom­men und in den Pau­sen durch Inter­views und andere Bei­träge angereichert.

Interview mit dem Medienfloh

Inter­view mit dem Medienfloh

Neu dabei war zudem Den­nis Schulze mit dem Pira­ten­ra­dio, der, wenn ich das rich­tig gese­hen habe, die ganze Zeit live vom Par­tei­tag gesen­det hat und diverse Inter­views und Fea­tures pro­du­ziert. Auch ich bin so mal wie­der in den Genuss eines Inter­views gekom­men, in letz­ter Zeit ja eher ein sel­te­nes Vergnügen.

Dennis Schulze mit dem Piratenradio war auch live vor Ort

Den­nis Schulze mit dem Pira­ten­ra­dio war auch live vor Ort

Die Bei­sit­zer­wah­len hät­ten durch­aus grö­ße­res Chaos ver­ur­sa­chen kön­nen: Bis zu acht Pos­ten konn­ten besetzt wer­den und 14 Bewer­ber stan­den zur Wahl. Aber alle Betei­lig­ten waren vor­bild­lich dis­zi­pli­niert: Die Kan­di­da­ten haben sich kurz und knapp vor­ge­stellt, die Anzahl Fra­gen hielt sich in Gren­zen. Ein­zig das Aus­zäh­len war bei den vie­len Kan­di­da­ten und Kreuz­chen etwas anstrengend.

Kandidaten für die Beisitzerposten

Kan­di­da­ten für die Beisitzerposten

Erst­mals wurde bei die­sem Par­tei­tag durch­gän­gig nach dem Zustim­mungs­ver­fah­ren abge­stimmt: Für jede der Alter­na­ti­ven bei Abstim­mun­gen und auch bei Wah­len kann man „Ja”, „Nein” oder „Ent­hal­tung” ankreu­zen, es gewinnt die­je­nige Alter­na­tive mit den ver­hält­nis­mä­ßig meis­ten Ja-​Stimmen. Ich war ja bis­lang die­sem Ver­fah­ren gegen­über eher kri­tisch ein­ge­stellt, muss aber sagen, dass es sich in mei­nen Augen bewährt hat: Die Ent­schei­dun­gen sind trans­pa­rent und vor allem muss man als Abstim­men­der nur ein Ver­fah­ren ver­stan­den haben. Viel­leicht sollte man noch ein wenig an der Bedeu­tung der Alter­na­ti­ven „Nein” und „Ent­hal­tung” fei­len, aber im gro­ßen und gan­zen halte ich die­ses Wahl­ver­fah­ren für das Beste, das ich bis­her in der Pira­ten­par­tei (und dar­über hin­aus) ken­nen gelernt habe. Auch wenn es natür­lich etwas Vor­be­rei­tung bei grö­ße­ren Abstim­mun­gen bedarf…

Arbeitsplatz des Blogautors zum LPT: Unterlagen, Laptop, Wasser, Nervennahrung

Arbeits­platz des Blog­au­tors zum LPT: Unter­la­gen, Lap­top, Was­ser, Nervennahrung

Ange­sichts der extre­men Lap­top­dichte auf dem Par­tei­tag habe ich mehr als ein­mal gefragt, ob man bei einem der nächs­ten Male nicht ver­su­chen sollte, Abstim­mun­gen und Wah­len und vor allem deren Aus­zäh­lung stär­ker zu auto­ma­ti­sie­ren. Teil­weise war mehr als ein Dut­zend Pira­ten gleich­zei­tig mit Aus­zäh­len beschäf­tigt und die ent­spre­chen­den Pau­sen haben die Ver­an­stal­tung meh­rere Male nen­nens­wert aufgehalten.

Das Ver­hält­nis von Lap­tops zu Teil­neh­mern, das ja stets nahe bei 1:1 liegt, war seit jeher eine Spe­zia­li­tät der Pira­ten, mit der sie sich wohl von allen ande­ren Par­teien unter­schei­den dürfte. Ich finde das immer sehr ange­nehm, weil man mit sei­ner Affi­ni­tät zur Tech­nik eben nicht etwas Beson­de­res, son­dern schlicht so wie alle ande­ren auch ist.

Fast jeder Anwesende hatte einen Laptop dabei. Ein für den Parteitag augenscheinlich besonders wichtiges Programm: Mah-Jongg

Fast jeder Anwe­sende hatte einen Lap­top dabei. Ein für den Par­tei­tag augen­schein­lich beson­ders wich­ti­ges Pro­gramm: Mah-​Jongg

Die diver­sen Wah­len für Kas­sen­prü­fer, Schieds­ge­richt sowie die jewei­li­gen Ersatz­per­so­nale zogen sich über den spä­ten Sams­tag und den frü­hen Sonn­tag mor­gen. All diese Wah­len sind wich­tig und nötig, viel­leicht sollte aber auch hier noch­mal am Pro­ze­dere gear­bei­tet wer­den: Müs­sen die Ersatz­schieds­rich­ter wirk­lich in einer sepa­ra­ten Wahl bestimmt wer­den? Und müs­sen Kas­sen­prü­fer wirk­lich geheim gewählt wer­den? Ich denke, dass man auch hier noch die Effi­zi­enz stei­gern könnte, ohne dass andere Qua­li­tä­ten der momen­ta­nen Ver­fah­ren ver­lo­ren gehen.

Der alte und neue Vorsitzende Jens-Wolfart Schicke im bekannten Multitaskingbetrieb

Der alte und neue Vor­sit­zende Jens-​Wolfart Schi­cke im bekann­ten Multitaskingbetrieb

Nach­dem dann end­lich alle Per­so­nen­wah­len abge­schlos­sen waren, kam es zur Bekannt­gabe der Ergeb­nisse der Abstim­mun­gen zu den Sat­zungs­än­de­run­gen. Bemer­kens­wert finde ich dabei, dass bei kei­nem der Anträge wei­te­rer Dis­kus­si­ons­be­darf ange­mel­det wor­den war, sodass sämt­li­che der schrift­li­chen Abstim­mungs­er­geb­nisse zunächst gül­tig waren.

Die jungen Piraten stellen sich vor

Die jun­gen Pira­ten stel­len sich vor

Nicht ver­ges­sen möchte ich die „Jun­gen Pira­ten”, von denen zwei die nie­der­säch­si­sche Sek­tion vor­stell­ten und zum Mit­ma­chen und zu Unter­stüt­zung auf­rie­fen. Die „Jun­gen Pira­ten” sind mei­nes Erach­tens ein wich­ti­ges Mit­tel der Nach­wuchs­för­de­rung: Hier orga­ni­sie­ren sich Jugend­li­che, Schü­ler und Stu­den­ten zu poli­ti­scher Arbeit. Es kann der Par­tei nur gut tun, wenn sie spä­ter sol­che Mit­glie­der bekommt, die bereits erfah­ren sind im Umgang mit poli­ti­schen Pro­zes­sen. Es liegt im urei­ge­nen Inter­esse der Pira­ten­par­tei, wenn sie die „Jupis” ent­spre­chend unter­stützt, för­dert und ihnen zur Seite steht.

Auch einen „Fotoevent” hat es gege­ben: Neben etli­chen Fotos vom neuen Vor­stand, wich­tig für die Pres­se­mappe, haben wir auch ein Grup­pen­foto aller Anwe­sen­den pro­du­ziert. Mir kam die Ehre zu, die­ses Foto zu schie­ßen und ich hoffe, es ist ein gutes dabei her­aus­ge­kom­men, obwohl ich nicht mit mei­ner eige­nen Kamera gear­bei­tet habe (enga­gier­ter Pirat sucht Spon­sor für neue Kamera zur pri­va­ten, beruf­li­chen und poli­ti­schen Ver­wen­dung… ;-) ). Hier mal ein Foto, dass mich „bei der Arbeit” zeigt.

Making-Of des Gruppenfotos - Der Blogautor in Aktion

Making-​Of des Grup­pen­fo­tos — Der Blog­au­tor in Aktion

Die anschlie­ßende Dis­kus­sion um §2.2 der Sat­zung war ebenso enga­giert wie nötig und endete mit einem Ergeb­nis, das Anwe­sende und Kom­men­ta­to­ren zwi­schen „über­ra­schend” und „his­to­risch” ein­ord­ne­ten. Dazu muss ich mich noch­mal geson­dert äußern.

Danach jeden­falls ging der Par­tei­tag mit einer wei­te­ren Dis­kus­sion und Abstim­mung um Ände­rungs­an­träge rund um §8.7, der ähnlich wie §2.2 Aus­kunfts­er­su­chen an Kan­di­da­ten und Mit­ar­bei­ter stellt, aller­dings nicht auf poli­ti­scher, son­dern auf finan­zi­el­ler Ebene. Auch mit die­sen Regeln sind viele Pira­ten unzu­frie­den, zu einer Ände­rung der Bestim­mun­gen fand sich aber an kei­ner Stelle eine Zwei­drit­tel­mehr­heit. So bleibt hier erst­mal alles beim Alten und das Thema dürfte beim nächs­ten Par­tei­tag wie­der auf die Tages­ord­nung kommen.

Die beiden jüngsten Teilnehmer beim Landesparteitag

Die bei­den jüngs­ten Teil­neh­mer beim Landesparteitag

Durch diese Dis­kus­sion am Ende ist dann lei­der der Tages­ord­nungs­punkt „Les­sons Lear­ned” nicht mehr behan­delt wor­den. Wir hat­ten auf die­sem Par­tei­tag ja gleich meh­rere orga­ni­sa­to­ri­sche Pre­mie­ren und es ist durch­aus sinn­voll, diese mal zu reka­pi­tu­lie­ren. Neben dem oben bereits behan­del­ten Abstim­mungs­ver­fah­ren war das vor allem die schift­li­che Abstim­mung der Sat­zungs­än­de­rungs­an­träge. Ich halte dies für einen gro­ßen Gewinn, da die Dis­kus­sion viel dis­zi­pli­nier­ter lief als bei den letz­ten Par­tei­ta­gen und das ganze zeit­lich viel bes­ser steu­er­bar war. Wir soll­ten die­ses Ver­fah­ren unbe­dingt bei­be­hal­ten. Berück­sich­tigt wer­den muss dabei aller­dings, dass es zum einen eine Sat­zungs­kom­mis­sion (oder „AG Sat­zung”) geben muss, die die gesam­mel­ten Anträge auf­be­rei­tet und das Doku­ment erstellt und zum ande­ren, dass eine der­art umfang­rei­che Abstim­mung wie die dies­ma­lige auch für die Wahl­hel­fer eine erheb­li­che Belas­tungs­probe bedeutet.

Diskussionen überall. Aber: Geraucht werden durfte nur draußen

Dis­kus­sio­nen über­all. Aber: Geraucht wer­den durfte nur draußen

Ansons­ten sind Par­tei­tage, ins­be­son­dere so har­mo­ni­sche wie die­ser hier, immer eine her­vor­ra­gende Mög­lich­keit, mal wie­der andere Pira­ten zu tref­fen, sich zu unter­hal­ten, her­um­zu­phi­lo­so­phie­ren und ein­fach eine tolle Zeit zu haben. Die Orga­ni­sa­tion der Osna­brü­cker Pira­ten kann eigent­lich gar nicht hoch genug gelobt wer­den: Nicht nur der Ver­an­stal­tungs­ort und die auf die Beine gestellte Ver­pfle­gung waren erst­klas­sig, auch die Party am Sams­tag abend im „Cup & Cups” war toll. Ent­spannt und fröh­lich fei­er­ten wir mit extra für uns kre­ier­ten Cock­tails bis ins Mor­gen­grauen — und dass gegen halb zwei der Rum leer­ge­trun­ken war, hat der her­vor­ra­gen­den Stim­mung kei­nen Abbruch getan.

Der nächste Par­tei­tag in Nie­der­sach­sen fin­det im Spät­som­mer in Wol­fen­büt­tel statt. Dann wird es vor allem um das Pro­gramm gehen. Ich kann schon jetzt jedem inter­es­sier­ten Pira­ten nur emp­feh­len, eine Teil­nahme zu pla­nen. Kein vir­tu­el­les Medium der Welt kann ein rea­les Tref­fen ersetzen!

Transkript des Interviews von Georg Jähnig mit Lena Simon zur „Genderdebatte” in der Piratenpartei

Seit etwas mehr als einer Woche tobt eine laut­starke Dis­kus­sion in der Pira­ten­par­tei. Es geht all­ge­mein um die Situa­tion von Frauen in der Par­tei, ins­be­son­dere aber um eine „Piratinnen”-Initiative von Lena Simon, die mit Pres­se­mit­tei­lung und Frauen-​only-​Mailingliste gestar­tet wurde.

Lena hat am Frei­tag ein halb­stün­di­ges Inter­view mit Georg Jäh­nig gemacht, das Georg als Audi­o­da­tei in sei­nem Blog ver­öf­fent­licht hat. Als Bei­trag zur Debatte ver­öf­fent­li­che ich hier jetzt zunächst mal ein kom­plet­tes Tran­skript die­ses Inter­views. Ich finde es immer wich­tig, sich mit den Urhe­bern einer Idee zu beschäf­ti­gen, bevor man in wil­des Debat­tie­ren aus­bricht. Und auf diese Weise wer­den die aktu­el­len Äuße­run­gen von Lena auch für sol­che Leser ver­füg­bar, die — wie ich — lie­ber geschrie­be­nem als gespro­che­nem Text folgen.

Das Tran­skript ist voll­stän­dig und unkom­men­tiert. An eini­gen Stel­len war der Wort­laut nicht exakt zu ver­ste­hen, diese sind gekenn­zeich­net. Ich habe einige Schlen­ker oder gram­ma­ti­ka­li­sche Unge­nau­ig­kei­ten der wört­li­chen Rede im Tran­skript in sin­ner­hal­ten­der Weise geglät­tet. Und ich hoffe, ich habe Georg an allen Stel­len kor­rekt von Jörg Büh­mann unter­schie­den, der bei dem Inter­view eben­falls dabei war.

Da mein Word­Press mit dem WP-​Typography-​Plugin das Zitie­ren teil­weise etwas schwie­rig macht, gibt es das Tran­skript auch als ein­fa­che Text­da­tei zum Down­load. Ansons­ten: Here we go:

‚Tran­skript des Inter­views von Georg Jäh­nig mit Lena Simon zur „Gen­der­de­batte” in der Pira­ten­par­tei’ weiterlesen …

Ein Bahnsteig an der Messe: Erinnerungen an den CeBIT-​Verkehr 1997 (2)

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Diese Geschichte zum CeBIT-​Verkehr 1997 star­tete in Teil 1 mit einem Behelfs­bahn­steig am Messegelände.

Behelfs­bahn­steig an der Mes­se­schleife in Han­no­ver, 9. März 1997

Die­ser ermög­lichte es damals, klas­si­sche Stra­ßen­bahn­wa­gen für einen Teil des CeBIT–Anrei­se­ver­kehrs ein­zu­set­zen. Nötig machte dies die ange­spannte Lage im üstra-​Fuhrpark jener Tage: Die 256 ein­satz­be­rei­ten Stadt­bahn­wa­gen des Typs TW6000 reich­ten für den nor­ma­len Ver­kehr plus Mes­se­ver­kehr kaum aus.

TW500-​U-​Boot in der Mes­se­schleife, März 1997

So fuh­ren im mor­gend­li­chen Mes­se­ver­kehr der CeBIT 1997 bis zu drei TW500-​Triebwagen den Zulauf­ver­kehr zwi­schen Pei­ner Straße und Mes­se­ge­lände, die soge­nann­ten „U-​Boote”. Da sie an den Hoch­bahn­stei­gen nicht hal­ten konn­ten, blieb nur der kurze Behelfs­bahn­steig im Wei­chen­be­reich süd­lich des Messe-​Hausbahnsteigs.

Gelenk­trieb­wa­gen bei der Ein­fahrt am Behelfs­bahn­steig, März 1997

Und wie man auf den Fotos gut sehen kann, waren diese Züge wirk­lich nötig: Der Wagen ist sehr gut gefüllt, und das obwohl er nur vier Sta­tio­nen ange­fah­ren hat.

Ankunft am Mes­se­ge­lände: Fahr­gäste von nur vier Sta­tio­nen auf dem Bahn­steig, März 1997

Ich weiß, dass ich mir das ganze damals mit einem Kom­mi­li­to­nen zusam­men ange­schaut habe und dass wir anschlie­ßend im (dann lee­ren) Stra­ßen­bahn­wa­gen zurück zur Pei­ner Straße gefah­ren sind. Das war vor allem des­halb sehr inter­es­sant, weil diese Trieb­fahr­zeuge noch über eine direkte Motor­steue­rung ver­füg­ten. Ein guter Fah­rer konnte mit die­sen Fahr­zeu­gen wesent­lich rasan­ter beschleu­ni­gen als mit der elek­tro­nisch gere­gel­ten Geschwin­dig­keits­steue­rung der TW6000. Aller­dings dreh­ten auch schnel­ler die Räder durch und wenn man zu stark beschleu­nigte und der Motor zu viel Strom zog, unter­brach mit lau­tem Kra­chen der Siche­rungs­au­to­mat die Strom­ver­sor­gung. Der Griff des Fah­rers ging dann immer direkt über sei­nen Kopf, wo die bei­den Dreh­griffe waren, mit denen die Siche­rung wie­der „rein­ge­dreht” wer­den konnte.

U-​Boot-​Wendemanöver an der Pei­ner Straße, März 1997

An der Pei­ner Straße wen­de­ten die Züge der U-​Bootlinie über das Gleis­drei­eck in der Betriebs­hof­zu­fahrt und fuh­ren von dort wie­der in die Hal­te­stelle Rich­tung Messegelände.

Ins­ge­samt war der Mes­se­zu­lauf­be­trieb jener Tage recht rus­ti­kal: Es bedurfte eines hohen Per­so­nal­auf­wands um den Ver­kehr flüs­sig zu hal­ten. Und gerade in der zwei­ten Hälfte der 1990er Jahre führte der Ver­kehr zur Messe die Tech­nik auch mal über ihre Gren­zen hin­aus: Min­des­tens ein­mal in der Mes­se­wo­che fiel das Stell­werk am Aegi­dien­tor­platz aus und legte damit auch den Ver­kehr im gesam­ten U-​Bahnabschnitt nörd­lich von Döh­re­ner Turm über Stun­den lahm.

Stadt­bahn­stre­cke auf der Hil­des­hei­mer Straße nörd­lich An der Wol­le­bahn: Viel Ver­kehr. März 1997

Auch die Strom­ver­sor­gung zickte rum. Im mor­gend­li­chen Anrei­se­ver­kehr am Eröff­nungs­tag kam es zu einem Kom­plett­aus­fall der Strom­ver­sor­gung auf der Stre­cke süd­lich von Döh­re­ner Turm:

Pünkt­lich um 9.37 Uhr gab es im Unter­werk Döh­ren einen Dau­er­kurz­schluß. Nach 3 auto­ma­ti­schen ver­geb­li­chen Ver­su­chen den Strom wie­der ein­zu­schal­ten muß in der Schalt­warte Groß­alarm aus­ge­löst wor­den sein.

Über Funk kam als ers­tes die Auf­for­de­rung an alle auf der B-​Süd [interne Bezeich­nung der Stre­cke], die Fahr­zeuge auf redu­zierte Netz­last zu schal­ten. Als das nichts gebracht hatte, wurde die ver­schärfte Maß­nahme ein­ge­lei­tet: Bügel run­ter für alle! Auch das half nicht. Also wur­den alle Fah­rer auf­ge­for­dert, die vor ihnen lie­gende Stre­cke auf Ober­lei­tungs­schä­den zu über­prü­fen; eben­falls erfolglos.

Als nächs­tes wur­den die Schal­ter für die Ein­spei­sung aus dem Unter­werk Döh­ren abge­schal­tet. Der Kurz­schluß war immer noch vor­han­den, mußte also im Bereich zwi­schen Unter­werk und Stre­cken­ein­spei­sung zu suchen sein. Wenigs­tens konnte man so einen Ver­bin­dungs­schal­ter schlie­ßen, so daß das Unter­werk Enge­sohde (Alten­be­ke­ner Damm) die Ver­sor­gung des Abschnitts mit über­ne­he­men konnte. Nach ca. 15 Minu­ten konn­ten die Bah­nen die Bügel wie­der anle­gen und die Fahrt fortsetzen.

TW6000-​Dreiwagenzug im Mes­se­ver­kehr an der Pei­ner Straße mit abge­senk­ten Strom­ab­neh­mern, März 1997

Ver­kehrs­ge­schicht­lich stellt das Jahr 1997 gleich in meh­rer­lei Hin­sicht eine Zäsur für den Stadt­bahn­ver­kehr in Han­no­ver dar: Letzt­ma­lig wur­den in die­sem Jahr — und das auch nur im hier beschrie­be­nen CeBIT-​Morgenverkehr — die klas­si­schen TW500-​Gelenktriebwagen-​Straßenbahnzüge im Regel­ver­kehr ein­ge­setzt. Und letzt­ma­lig waren bei die­ser CeBIT ansons­ten nur Fahr­zeuge des Typs TW6000 ver­füg­bar. Schon bei der Indus­trie­messe einen guten Monat spä­ter wurde das erste Exem­plar des neuen Stadt­bahn­fahr­zeugs TW2000 der Öffent­lich­keit vorgestellt.

TW2001 bei der ers­ten öffent­li­chen Prä­sen­ta­tion auf der Han­no­ver Messe, April 1997

Im Laufe des Som­mers 1997 kamen die ers­ten TW2000 auf das han­no­ver­sche Netz und zur CeBIT 1998 waren bereits aus­rei­chend Fahr­zeuge ver­füg­bar, sodass es dies­be­züg­lich keine Pro­bleme mehr gab. Pro­bleme mach­ten nur die TW2000 selbst, die wegen unzu­rei­chen­der Tests im Vor­feld in der Ein­füh­rungs­phase zahl­rei­che Kin­der­krank­hei­ten aus­ku­rie­ren muss­ten. Des­halb wur­den sie im Mes­se­ver­kehr 1998 vor allem auf ande­ren Linien ein­ge­setzt und nur spo­ra­disch auf den Messelinien.

Heute erin­nert nur noch wenig an die Ver­hält­nisse Ende der 1990er Jahre: TW2000 und TW6000 sind längst gleich­be­rech­tigt im han­no­ver­schen Netz unter­wegs. Durch den brei­te­ren Wagen­kas­ten und die Mög­lich­keit, bis zu 100 Meter lange Vier­wa­gen­züge zu bil­den, erhöht der TW2000 zudem die Kapa­zi­tät eines ein­zel­nen Zuges erheb­lich. Und schließ­lich ist das Mes­se­ge­lände heute gleich von drei Sei­ten vom Schie­nen­ver­kehr erschlossen.

Stadt­bahn– und S-​Bahnlinien zum Mes­se­ge­lände im Jahr 2010

Neben der Anbin­dung über Döh­ren und Mit­tel­feld gibt es seit der Expo 2000 noch eine wei­tere Stadt­bahn­stre­cke über Bemerode und den Krons­berg, die in der Nähe der ent­ge­gen­ge­setz­ten Ecke des Mes­se­ge­län­des endet. Die bei­den Sta­tio­nen hei­ßen des­halb heute „Messe/​Nord” und „Messe/​Ost”. Und dazu kommt noch das leis­tungs­fä­hige S-​Bahnnetz, das Haupt­bahn­hof und Flug­ha­fen direkt mit dem Mes­se­ge­lände ver­bin­det und einen Groß­teil des Ver­kehrs aus der Region auf­nimmt. Im eben­falls zur Expo neu gebau­ten Fern­bahn­hof „Han­no­ver Messe/​Laatzen” hal­ten zudem die Fern– und Regio­nal­züge der Nord-​Süd-​Fernstrecken. Trotz­dem stellt der Mes­se­ver­kehr auch heute noch eine Belas­tungs­spitze des han­no­ver­schen Stadt­bahn­net­zes und ins­be­son­dere der Linien 8 und 18 dar.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Unter­schied zwi­schen 1997 und 2010 ist, dass mitt­ler­weile sämt­li­che Bahn­steige zwi­schen der Tun­nelaus­fahrt und dem Mes­se­ge­lände hoch­flu­rig sind. Das war auf die­ser Stre­cke beson­ders auf­wän­dig, weil hier alle Bahn­steige für 100-​Meter-​Züge aus­ge­legt wur­den — und nicht für die sonst übli­chen 75 Meter eines drei­wa­gi­gen TW2000-​Zuges. Dadurch sind aber die Hal­te­stel­len­stops kür­zer gewor­den, weil zum einen die Zeit zum Ein­fah­ren der Klappt­ritt­stu­fen nicht mehr nötig ist und zum ande­ren die Fahr­gäste schnel­ler ein– und aussteigen.

Platz des 1997er-​Behelfsbahnsteiges 13 Jahre spä­ter: Nichts mehr zu sehen. Februar 2010

Und der Behelfs­bahn­steig an der Messe? Nun, auch der ist lange Geschichte. Heute fin­det sich hier ein Ober­lei­tungs­mast und ein Schalt­kas­ten. Außer­dem ist der Hoch­bahn­steig ein paar Meter ver­län­gert wor­den, damit die 100 Meter lan­gen Vier-​Wagen-​TW2000-​Züge dran­pas­sen. Die Stra­ßen­bahn­wa­gen sind ver­kauft oder ver­schrot­tet wor­den, mir ist nicht bekannt, ob über­haupt ein sol­cher Breitraum-​Gelenktriebwagen über­lebt hat. Bei der letz­ten gro­ßen üstra-​Sause, dem Betriebs­hof­fest an der Glock­see 2008, stand jeden­falls kei­ner in der Fahr­zeug­pa­rade auf dem Gleisfeld.

Fahr­zeug­pa­rade auf dem üstra-​Betriebshoffest ohne TW400/​500, August 2008

So schließt diese Rück­blende mit einem letz­ten Foto aus dem Jahr 1997, das noch­mal das Wagen­ma­te­rial jener Zeit gemein­schaft­lich zeigt.

TW6000 und TW500 auf der Hil­des­hei­mer Straße Höhe An der Wol­le­bahn, März 1997

Nach­trag: Das Inter­net ist schon toll. In einer Dis­kus­sion auf Dreh­scheibe Online sind mitt­ler­weile einige kleine Kor­rek­tu­ren zu mei­nen Aus­füh­run­gen auf­ge­taucht. Teil­weise fin­den sich sich auch in den Kom­men­ta­ren unten. So waren anno 1997 nicht drei, son­dern fünf TW500 im „U-​Booteinsatz”. Zudem hat es auch nach 1997 noch U-​Booteinsätze mit den alten Stra­ßen­bahn­wa­gen gege­ben, und zwar bis zum Jahr 2002. Ich denke aber, dass man 1997 trotz­dem als das Jahr der eigent­li­chen Zäsur in die­ser Sache sehen kann: Spä­ter waren die alten Wagen nur noch sehr spo­ra­disch und eher unter „Lieb­ha­be­r­as­pek­ten” im Mes­se­ver­kehr unter­wegs. Im Jahr 1997 hin­ge­gen war der Ein­satz durch­gän­gig die gesamte Messe über und maß­geb­lich der Wagen­knapp­heit geschul­det. Besag­ten Drehscheibe-​Artikel emp­fehle ich übri­gens auch des­halb zur Lek­türe, weil sich dort einige sehr schöne Fotos aus jenen Tagen fin­den. TW400, TW6000 und TW2000 in einer nicht gestell­ten Betriebs­hof­si­tua­tion neben­ein­an­der fin­det man wahr­lich nicht alle Tage…

Polizei zur Vorratsdatenspeicherung: Versuchte Volksverdummung

Nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung einen Rie­gel vor­ge­scho­ben hat, kom­men jetzt wie­der die beson­ders däm­li­chen Argu­mente. Eine schöne Samm­lung davon fin­det sich heute bei Welt Online. Da wäre zunächst der Bund Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter, BDK, des­sen Vor­sit­zen­der fol­gen­des artikuliert:

Der Vor­sit­zende des Bun­des Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter, Klaus Jan­sen […] mahnte eine schnelle Neu­re­ge­lung an. […] In zwei von drei Fäl­len sei die Poli­zei bei ihren Ermitt­lun­gen inzwi­schen auf Vor­rats­da­ten ange­wie­sen. sagte Klaus Jan­sen. In der „Pas­sauer Neuen Presse“ ergänzte er: Es müsse nun schnell ein Gesetz auf den Weg gebracht wer­den, „das uns als Kri­mi­na­lis­ten wie­der hand­lungs­fä­hig macht“.

Herr Jan­sen hat offen­sicht­lich nicht den Fun­ken einer Ahnung, über was er da her­um­schwa­dro­niert. Ich fände es jeden­falls ver­wun­der­lich bis besorg­nis­er­re­gend, wenn die Poli­zei bei zwei Drit­tel aller Ermitt­lun­gen auf Daten zugreift, die laut Ver­fü­gung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nur „mit Geneh­mi­gung eines Ermitt­lungs­rich­ters und im Zusam­men­hang mit schwe­ren Straf­ta­ten” ver­wen­det wer­den dür­fen — zumal auch dann nur, wenn „ein durch Tat­sa­chen begrün­de­ter Ver­dacht vor­liegt, und andere Ermitt­lungs­mög­lich­kei­ten wesent­lich erschwert oder aus­sichts­los sind.” (Zitate: Wiki­pe­diaar­ti­kel „Vor­rats­da­ten­spei­che­rung”)

Über­trof­fen wird diese Ein­las­sung noch durch die Nicht­ar­gu­mente des Vor­sit­zen­den der Gewerk­schaft der Poli­zei:

[Der GdP-​Vorsitzende Kon­rad] Frei­berg ver­wies dar­auf, dass die Tele­fon­ver­bin­dungs­da­ten etwa bei den Ermitt­lun­gen gegen die ter­ro­ris­ti­sche „Sauerland-​Gruppe“ eine wich­tige Rolle gespielt hätten.

Bei Herrn Frei­berg ist offen­sicht­lich das Raum-​Zeit-​Kontinuum in gehö­rige Unord­nung gera­ten. Wie sonst kann er den Zugriff auf die soge­nannte „Sau­er­land­gruppe” am 4. Sep­tem­ber 2007 als Argu­ment für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung brin­gen, die doch erst am 1. Januar 2008 gestar­tet ist. Das ist dumm, dreist und in höchs­tem Maße ver­lo­gen. Tat­säch­lich wäre das näm­lich ein schla­gen­des Argu­ment dafür, dass sich auch Ter­ro­ris­ten auf­de­cken las­sen, ohne dass man zur Gene­ral­über­wa­chung der Bevöl­ke­rung grei­fen muss.

Die Her­ren Poli­zei­funk­tio­näre argu­men­tie­ren arro­gant und fak­ten­be­freit. Man kann dies nicht laut und häu­fig genug sagen. Die in dem Welt-​Artikel eben­falls zitierte Jus­tiz­mi­nis­te­rin hat da schon ganz recht:

Jus­tiz­mi­nis­te­rin Sabine Leutheusser-​Schnarrenberger betonte in den ARD-„Tagesthemen”, auch bis Juni 2008, als es noch keine Vor­rats­da­ten­spei­che­rung gab, seien sehr erfolg­reich Straf­ta­ten ver­folgt wor­den. „Hier muss kei­ner Sorge haben, dass wir jetzt in eine Sicher­heits­lü­cke schliddern.„

Schreibt’s euch hin­ter die Ohren, ihr Lautsprecher!

Verfassungsgerichtsurteil gegen Vorratsdatenspeicherung: Ein guter Tag für Deutschland, Europa — und für die Piraten

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat heute in Sachen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung geur­teilt. Dabei wur­den die dies­be­züg­li­chen Bun­des­ge­setze für unver­ein­bar mit den Grund­rech­ten und für nich­tig erklärt. Gleich­zei­tig wur­den hohe Anfor­de­run­gen an eine even­tu­elle Neu­fas­sung ent­spre­chen­der gesetz­li­cher Rege­lun­gen zur anlass­lo­sen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­da­ten­er­fas­sung gestellt.

Ich halte die­ses Urteil für gut und freue mich darüber:

  • Die Gesetze wur­den klar und deut­lich als „ver­fas­sungs­wid­rig” bezeich­net.
  • Diese Ver­fas­sungs­wid­rig­keit wurde so weit gehend fest­ge­stellt, dass das Gesetz nicht nur aus­ge­setzt oder ein­ge­schränkt, son­dern ins­ge­samt für „nich­tig” erklärt wurde.
  • Das Gericht spricht in sei­ner Begrün­dung klipp und klar davon, dass die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit bei der Aus­ge­stal­tung der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung gröb­lichst miss­ach­tet wurde

Gerade zu letz­tem Punkt sind die Aus­sa­gen deutlich:

  • Es han­delt sich „um einen beson­ders schwe­ren Ein­griff mit einer Streu­breite, wie sie die Rechts­ord­nung bis­her nicht kennt.”
  • Aus­künfte dür­fen nicht „ins Blaue hin­ein” ein­ge­holt werden.
  • „Die anlass­lose Spei­che­rung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­kehrs­da­ten [ist] geeig­net, ein dif­fus bedroh­li­ches Gefühl des Beob­ach­tet­seins her­vor­zu­ru­fen, das eine unbe­fan­gene Wahr­neh­mung der Grund­rechte in vie­len Berei­chen beein­träch­ti­gen kann.”

In den aktu­el­len Kom­men­ta­ren zum Urteil fin­det sich an vie­len Stel­len eine gewisse Unzu­frie­den­heit. Von „Pyr­rhus­sieg” ist die Rede, davon, dass das Gericht sich nicht mit der Euro­päi­schen Union anle­gen wollte oder schlicht davon, dass das Urteil letzt­lich nur eine Anlei­tung für eine „bes­sere” Vor­rats­da­ten­spei­che­rung sei.

Ich kann diese Über­le­gun­gen nach­voll­zie­hen, aber ich stimme ihnen nicht zu. Das Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts ist letzt­lich das, was es ist: Ein Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts. Es ging um ein Gesetz, das Gericht hat die­ses Gesetz beur­teilt und das Gesetz wurde vom Gericht für ver­fas­sungs­wid­rig und für nich­tig befun­den. Das ist das Maxi­mum des­sen, was man erwar­ten konnte.

Die Erwar­tung, das Gericht würde von sich aus anlass­lose Daten­spei­che­run­gen jeg­li­cher Art per se für grund­ge­setz­wid­rig erklä­ren, halte ich für falsch. Zudem wäre die Insti­tu­tion „Ver­fas­sungs­ge­richt” der fal­sche Adres­sat. Schaut man sich — nur mal als Bei­spiel — das Volks­zäh­lungs­ur­teil von 1983 an, so fin­det man im Urteils­text dort eine sehr lange Abwä­gung bezüg­lich des Geset­zes und der damit ein­her­ge­hen­den Grund­rechte. In Absatz 156 fin­det sich dort zum Bei­spiel fol­gen­des, was man ange­sichts der häu­fi­gen Glo­ri­fi­zie­rung die­ser Ent­schei­dung viel­leicht nicht unbe­dingt erwar­ten würde:

Die­ses Recht auf „infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mung” ist nicht schran­ken­los gewähr­leis­tet. Der Ein­zelne hat nicht ein Recht im Sinne einer abso­lu­ten, unein­schränk­ba­ren Herr­schaft über „seine” Daten; er ist viel­mehr eine sich inner­halb der sozia­len Gemein­schaft ent­fal­tende, auf Kom­mu­ni­ka­tion ange­wie­sene Per­sön­lich­keit. Infor­ma­tion, auch soweit sie per­so­nen­be­zo­gen ist, stellt ein Abbild sozia­ler Rea­li­tät dar, das nicht aus­schließ­lich dem Betrof­fe­nen allein zuge­ord­net wer­den kann. […] Grund­sätz­lich muß daher der Ein­zelne Ein­schrän­kun­gen sei­nes Rechts auf infor­ma­tio­nelle Selbst­be­stim­mung im über­wie­gen­den All­ge­mein­in­ter­esse hinnehmen.

In besag­tem, häu­fig zitier­ten Volks­zäh­lungs­ur­teil wer­den Volks­zäh­lun­gen zudem nicht in Bausch und Bogen für unzu­läs­sig erklärt. Und es hat vier Jahre spä­ter eine Volks­zäh­lung gege­ben. Das Ver­fas­sungs­ge­richt ist letzt­lich keine ethi­sche Instanz, son­dern eine juris­ti­sche. Es prüft Gesetze. Vor allem aber ist es kein Ersatz-​Gesetzgeber, son­dern ein Mit­glied der Judi­ka­tive, um mal in den Begriff­lich­kei­ten der Gewal­ten­tei­lung zu sprechen.

Gesetze wer­den in der Legis­la­tive gemacht. Und für die ist das heu­tige Urteil eine Steil­vor­lage: Das Ver­fas­sungs­ge­richt hat umfäng­lichst beschrie­ben, wel­chen Anfor­de­run­gen eine Ver­bin­dungs­da­ten­spei­che­rung genü­gen muss, damit sie vom Gericht noch als mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ange­se­hen wer­den kann. Es liegt nun an den gesetz­ge­be­ri­schen Kräf­ten, diese Aus­füh­run­gen auf­zu­neh­men und anzuwenden.

Hier kommt nun die Pira­ten­par­tei ins Spiel. Es ist unsere Auf­gabe, auf die­sen Gesetz­ge­bungs­pro­zess Ein­fluss zu neh­men. Wir müs­sen dar­auf hin­wir­ken, dass es in Zukunft rechts­staat­li­che Rege­lun­gen gibt. Es liegt an uns, einen Dis­kus­si­ons­pro­zess anzu­sto­ßen, an des­sen Ende die Erkennt­nis ste­hen möge, dass Vor­rats­da­ten­spei­che­run­gen gene­rell eine schlechte Idee sind und man sich statt­des­sen nach etwas ande­rem umse­hen möge — Quick Freeze zum Bei­spiel. Wir sind ein Teil einer gan­zen zivil­ge­sell­schaft­li­chen Bewe­gung — und für die muss es jetzt hei­ßen: Wei­ter arbeiten!

Die ers­ten Ansätze dazu sind längst erkenn­bar: Mit dem deut­schen Gerichts­ur­teil steht das Thema auch wie­der auf der euro­päi­schen Agenda — umso mehr, als dass Schwe­den letz­tens erst eine Umset­zung der euro­päi­schen Richt­li­nie rund­her­aus abge­lehnt hat. Mei­nes Erach­tens sind die Kräfte mitt­ler­weile deut­lich anders ver­teilt als im Zeit­raum 2004 bis 2006, als die Richt­li­nie beschlos­sen und umge­setzt wurde:

  • Die Pro­ble­ma­tik ist mitt­ler­weile viel wei­ter in der Bevöl­ke­rung ange­kom­men, auch und gerade durch andere Gesetze und Vor­ha­ben wie die elek­tro­ni­sche Gesund­heits­karte, ELENA oder die unsäg­li­chen Zensursulagesetze.
  • Die poli­ti­schen Füh­run­gen sind auch anders zusam­men­ge­setzt als damals, so regiert in Deutsch­land heute schwarz-​gelb anstatt der gro­ßen Koalition.
  • Auch die poli­ti­schen Struk­tu­ren sind andere, der mitt­ler­weile in Kraft getre­tene EU-​Vertrag von Lis­sa­bon gibt dem Euro­päi­schen Par­la­ment neue Kom­pe­ten­zen und Bestimmungsmöglichkeiten.
  • Und schließ­lich dürfte auch die Bewe­gung der Pira­ten­par­teien nicht ganz unschul­dig an den geän­der­ten Ver­hält­nis­sen sein: Im EU-​Parlament sit­zen bereits zwei Ver­tre­ter und — zum Bei­spiel — in Deutsch­land sehe ich auch ein wei­ter wach­sen­des Inter­esse und Zustim­mung zu uns als poli­ti­scher Kraft.

Vor die­sem Hin­ter­grund steht jetzt eine neue gesell­schaft­li­che Dis­kus­si­ons­runde an: Brau­chen wir eine Vor­rats­da­ten­spei­che­rung? Wol­len wir eine Vor­rats­da­ten­spei­che­rung? Kön­nen wir uns die Vor­rats­spei­che­rung gesell­schaft­li­chen leis­ten? Hier bedarf es kla­rer Argu­mente und einer deut­lich ver­nehm­ba­ren Stimme. Mit dem heu­ti­gen Urteil des Ver­fas­sungs­ge­richts im Rücken war es mei­nes Erach­tens noch nie so ein­fach, die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung in Gänze vom Tisch zu fegen. Wir dür­fen nur nicht den Feh­ler machen, uns schmol­lend ins stille Käm­mer­lein zurück­zie­hen — oder uns in absei­ti­gen Gra­ben­kämp­fen zu verzetteln.

Ein Bahnsteig an der Messe: Erinnerungen an den CeBIT-​Verkehr 1997 (1)

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Heute gibt es den zwei­ten Bei­trag mei­ner klei­nen Blog­se­rie „Inter­es­sante Ver­kehrs­bau­werke”. Das heu­tige Bau­werk ist wesent­lich unspek­ta­ku­lä­rer als die Brü­cke vom letz­ten Mal. Und es exis­tiert heute auch nicht mehr. Die Geschichte dazu erzählt aber von einem span­nen­den han­no­ver­schen Verkehrskapitel.

Anläss­lich des anste­hen­den CeBIT-​Beginns blen­den wir zurück in das Jahr 1997. Da habe ich kurz vor Beginn der CeBIT einen Bahn­steig fotografiert.

Behelfs­bahn­steig an der Mes­se­schleife in Han­no­ver, 9. März 1997

Schon auf die­sem Foto lässt sich erah­nen, dass es sich hier um ein höchst pro­vi­so­ri­sches Bau­werk han­delt: Er ist ledig­lich von Holz­plan­ken umgrenzt, passt „gerade noch so” zwi­schen das Kur­ven­ende im Vor­der­grund und den Hoch­bahn­steig im Hin­ter­grund und liegt auch noch mit­ten in einem Wei­chen­be­reich. Der ein­zige Zugang schließ­lich ist der Not­zu­gang zu besag­tem Hoch­bahn­steig im Hin­ter­grund rechts.

Wahr­lich eine inter­es­sante Kon­struk­tion. Und eine — wie ich finde — inter­es­sante Geschichte dahin­ter. Die­ser Bahn­steig befand sich an der „Mes­se­schleife” des Stadt­bahn­net­zes. Dies ist die süd­li­che End­sta­tion der Linie 8 und war bis zum Jahr 2000 die ein­zige Stadt­bahn­sta­tion, die das Mes­se­ge­lände erschloss. Die Sta­tion dürfte die leis­tungs­fä­higste des gesam­ten Net­zes sein, sowohl was Durch­satz als auch was die Mög­lich­kei­ten zum kurz­fris­ti­gen Ein– und Aus­set­zen sowie Abstel­len von Zügen betrifft. Schauen wir uns den — auch heute noch so vor­han­de­nen — Gleis­plan an:

Gleis­plan der Sta­tion Mes­se­ge­lände (heute Messe/​Nord) in Hannover

An der End­sta­tion gibt es drei Bahn­steige. Der wich­tigste ist Bahn­steig B, weil er direkt gegen­über dem Ein­gang „Nord 1″ des Mes­se­ge­län­des liegt. Zu Mes­se­zei­ten wird er ent­we­der zur Ankunft oder zur Abfahrt benutzt. So ergibt sich eine von der Haupt­lastrich­tung der Besu­cher­ströme abhän­gige Nut­zung der Gesamtanlage:

  • Im mor­gend­li­chen Anrei­se­ver­kehr fah­ren die Züge an Bahn­steig A durch und hal­ten zum Aus­stei­gen erst an Bahn­steig B. Ein­ge­stie­gen wird dann an Bahn­steig C.
  • Abends im Haupt­ab­rei­se­ver­kehr ändert sich die Abfer­ti­gung: Jetzt ist Aus­stieg am Bahn­steig A und ein­ge­stie­gen wird an Bahn­steig B. Bahn­steig C bleibt ungenutzt.

Haupt­zweck des getrenn­ten Ein– und Aus­stei­gens ist neben der Ent­zer­rung der Fahr­gast­ströme vor allem, dass ange­kom­mene Bah­nen über die dop­pel­ten Gleis­ver­bin­dun­gen vor und hin­ter Bahn­steig B ein­fach auf die Innen­schleife und in den Abstell­be­reich gezo­gen wer­den bzw. von dort ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Mit einem gewis­sen Puf­fer an Zügen in den Ab– und Auf­stell­be­reich in der Schleife lässt sich so sehr fle­xi­bel auf Besu­cher­spit­zen rea­gie­ren, Wagen kön­nen ange­kup­pelt oder ent­fernt, Züge direkt ins Depot geschickt oder von ein­ge­setzt werden.

Außer­halb der Mes­se­zei­ten wird eben­falls an Bahn­steig B ange­kom­men und dann an C abge­fah­ren, wobei die Züge direkt durchfahren.

Das erklärt aber noch kein Stück, was es mit dem Zusatz­bahn­steig auf sich hat. Dazu müs­sen wir uns die Gesamt­ver­kehrs­si­tua­tion zu Mes­se­zei­ten anschauen: Bis in die 1990er Jahre war die Stadt­bahn­stre­cke zur Messe der ein­zige leis­tungs­fä­hige ÖPNV-​Anschluss des Mes­se­ge­län­des. Ent­spre­chend nahm sie einen Groß­teil des Ver­kehrs auf. Betrach­ten wir hierzu eine Streckengrafik.

üstra-​Linien zum CeBIT-​Verkehr 1997

Grund­lage des Mes­se­ver­kehrs ist die Stadt­bahn­li­nie 8, die als Durch­mes­ser­li­nie aus dem Nor­den Han­no­vers kommt und am Mes­se­ge­lände endet. Ab Haupt­bahn­hof wird sie durch Ver­stär­kungs­züge ergänzt, die die Lini­en­be­zeich­nun­gen „18” oder „E” tra­gen. Mit die­sen drei Linien wurde der Haupt­teil des Ver­kehrs aus der Innen­stadt bewältigt.

Da sei­ner­zeit der Fern­bahn­hof Han­no­ver Messe/​Laatzen noch nicht exis­tierte und es auch noch keine S-​Bahn gab, kam auch ein Groß­teil der Zug­rei­sen­den zur Messe am Haupt­bahn­hof an und musste dort in die Stadt­bahn umstei­gen. Infol­ge­des­sen waren die Züge gerade in der mor­gend­li­chen Haupt­stoß­zeit schon bei der Abfahrt am Haupt­bahn­hof so voll, dass am Kröp­cke, spä­tes­tens aber am Aegi­dien­tor­platz, nicht mehr alle War­ten­den zustei­gen konn­ten. Des­halb gab es eine zweite Ver­stär­kungs­li­nie, die eben­falls mit „E” bezeich­net wurde und die am Königs­wort­her Platz ein­setzte. Diese Bah­nen hiel­ten am Kröp­cke und am Aegi auf ande­ren Glei­sen als die Bah­nen aus Rich­tung Haupt­bahn­hof und konn­ten so den Ver­kehr entzerren.

Trotz­dem blieb die Lage beim mor­gend­li­chen Anrei­se­ver­kehr ange­spannt: Neben dem Mes­se­ver­kehr gibt es auch die Stadt­bahn­li­nien 1 und 2 auf der Stre­cke zwi­schen Haupt­bahn­hof und Both­mer­straße. Zudem wol­len nicht alle Fahr­gäste zur Messe: Die Stre­cke führt durch die dicht besie­delte Süd­stadt und hat eine wich­tige Rolle im Schü­ler­ver­kehr für eine ganze Reihe von Schu­len rund um die Sta­tion Alten­be­ke­ner Damm. Schließ­lich setzt das recht unfle­xi­ble han­no­ver­sche Signal­sys­tem enge Gren­zen für die Stre­cken­ka­pa­zi­tät nörd­lich des Döh­re­ner Turms.

Das führte zu einer gan­zen Reihe durch­aus ein­falls­rei­cher Betriebs­kon­zepte für die Stre­cke. So hiel­ten die „E”-Züge in eini­gen Jah­ren an kei­ner der Sta­tio­nen zwi­schen Aegi­dien­tor­platz und Both­mer­straße, teil­weise sogar bis Mes­se­ge­lände. Ein ande­res Kon­zept war das „alter­nie­rende Hal­ten”, das es so sonst wohl nur auf einige hoch­be­las­te­ten Abschnit­ten der New Yor­ker U-​Bahn gibt: Zwi­schen Aegi­dien­tor­platz und Both­mer­straße hiel­ten alle Züge zum Mes­se­ge­lände alter­nie­rend nur an jeder zwei­ten Station.

All dies änderte aber nichts daran, dass sämt­li­che Züge zur Messe mor­gens spä­tes­tens am Pei­ner Straße so prop­pen­voll waren, dass süd­lich davon das Zustei­gen zum puren Glücks­spiel wurde. Was ein Pro­blem war, denn zum einen nah­men viele Aus­stel­ler und Besu­cher gern in Döh­ren oder Mit­tel­feld und damit mes­se­nah Quar­tier und zum ande­ren war (und ist) Both­mer­straße ein wich­ti­ger Umstei­ge­punkt aus Rich­tung Laat­zen und Rethen.

Drei­wa­gen­zug TW6000 im CeBIT-​Verkehr 1997 zwi­schen Seel­horst und Bothmerstraße

Des­halb gab es noch eine fünfte Linie zum Mes­se­ge­lände. Diese wurde vom Betriebs­hof Döh­ren an der Pei­ner Straße aus ein­ge­setzt und fuhr dann ledig­lich die rela­tiv kurze Rest­stre­cke bis zum Mes­se­ge­lände. Damit wurde genau der kri­tischste süd­li­che Abschnitt abge­deckt. Beschil­dert war auch diese Linie als „8” oder „E”, üstra-​intern sprach man bei die­sen Bah­nen gern von den „U-​Booten”: Die Linie erreichte nicht den Tun­nel in der Innen­stadt, es gab auch kei­nen ech­ten „Fahr­plan”, statt­des­sen wur­den die Züge sozu­sa­gen auf Zuruf zwi­schen den übri­gen Kur­sen ein­ge­setzt — wie U-​Boote halt.

Jetzt müs­sen wir auf ein ande­res Detail der Situa­tion der üstra im Jahr 1997 schauen: Den Fuhr­park. Sei­ner­zeit wur­den alle Stadt­bahn­li­nien aus­schließ­lich mit den grü­nen Bah­nen der Bau­reihe TW6000 betrie­ben. 260 Fahr­zeuge gab es, die letzte Serie von 10 Wagen war erst 1993 aus­ge­lie­fert wor­den. Trotz­dem war es knapp: Der CeBIT-​Verkehr benö­tigte so viele Fahr­zeuge, dass eigent­lich alle 260 Trieb­wa­gen gebraucht wur­den. Lei­der stan­den diese nicht zur Ver­fü­gung: Durch meh­rere Unfälle Ende 1996 und Anfang 1997 waren ins­ge­samt vier Fahr­zeuge schad­haft abge­stellt. Und damit wurde es eng: Ich erin­nere mich, dass ich am ers­ten Mes­se­tag am Bahn­steig mei­ner Haus­sta­tion „Sed­an­straße” stand und mit­ten im mor­gend­li­chen Berufs­ver­kehr mein Zug der Linie 3 als (völ­lig über­füll­ter) Ein­zel­wa­gen fuhr. Die­ses Schick­sal teil­ten auch andere Linien — nicht wirk­lich zur Freude der Fahr­gäste. Bei die­sem knap­pen Fuhr­park war die Devise klar: Es muss­ten so viele TW6000 wie mög­lich ein­ge­spart werden.

Und da boten genau die beschrie­be­nen U-​Bootverkehre eine Mög­lich­keit: Im Sep­tem­ber 1996 war die letzte „echte” Stra­ßen­bahn­li­nie in Han­no­ver ein­ge­stellt wor­den: Die 16 fuhr vom Kla­ges­markt über Stein­tor, Ernst-​August-​Platz, König­straße und Zoo zum Nacken­berg. Seit Inbe­trieb­nahme der U-​Bahn unter dem Engel­bos­te­ler Damm 1993 wurde diese Linie wie­der durch­gän­gig mit den letz­ten „alten” Stra­ßen­bahn­wa­gen der Bau­reihe TW500, den soge­nann­ten „Gelenk­trieb­wa­gen” befah­ren. Nach der Ein­stel­lung der Linie wur­den drei Wagen zunächst betriebs­fä­hig gehal­ten, um näm­lich genau mit die­sen besag­ten U-​Bootverkehr wäh­rend der CeBIT durchzuführen.

TW503 auf der Linie 16 in der ehe­ma­li­gen Kehr­schleife Nacken­berg, 25. Sep­tem­ber 1996

Anders als die Stadt­bahn­wa­gen, die mit ihren Klappt­ritt­stu­fen sowohl an Hoch– als auch an Nied­rig­bahn­stei­gen hal­ten kön­nen, sind die alten Stra­ßen­bahn­wa­gen mit ihren fest ein­ge­bau­ten Tritt­stu­fen auf nied­rige Bahn­steige ange­wie­sen. Diese gab es 1997 noch an allen für den U-​Bootverkehr rele­van­ten Hal­te­stel­len — mit einer Aus­nahme: Mes­se­ge­lände. Dort war als letz­ter der Bahn­steig A im Som­mer 1996 als Hoch­bahn­steig umge­baut worden.

Und damit fügt die Geschichte sich end­lich zusam­men: Um mit den wegen des TW6000-​Mangels als U-​Boote ein­ge­setz­ten alten TW500-​Straßenbahnwagen am Mes­se­ge­lände hal­ten zu kön­nen, bedurfte es dort eines pro­vi­so­ri­schen nied­ri­gen Bahn­steigs. Und genau den baute man kurz vor der CeBIT direkt süd­lich des Bahn­steigs B.

Damit endet Teil 1 die­ser Geschichte rund um den CeBIT-​Verkehr ver­gan­ge­ner Tage. Teil 2 folgt.