Monatliches Archiv für Februar, 2010

Vorratsdaten, Zensurgesetze und Nacktnasenwombats

Am Diens­tag wird das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sein Urteil in Sachen Vor­rats­da­ten­spei­che­rung spre­chen und der Prä­si­dent hat — rau­nend wie ein „Lost”-Trailer — schon ein „Urteil mit Bedeu­tung für ganz Europa” ange­kün­digt. Die CDU-​FDP-​Koalition hin­ge­gen wagt einen aben­teu­er­li­chen Spa­gat zwi­schen der Inkraft­set­zung eines par­la­men­ta­risch beschlos­se­nen Geset­zes und einer Anwei­sung an die betrof­fene Behörde, die­ses nicht umzu­set­zen und lieb­äu­gelt dabei damit, irgend­wann heim­lich, still und leise die Nichtum­set­zung fal­len zu las­sen. Und mit einem Regu­lie­rungs­kon­zept auf Län­der­ebene, des­sen Wur­zeln aus der Vor-​Internet-​Ära stam­men, wird mal wie­der Hand an die freie Mei­nungs­äu­ße­rung gelegt.

Seufz

Ich kup­fere statt­des­sen mal ganz dreist beim Nig­ge­meier ab. Der hat sei­ner­seits Kiwis­pot­ting ver­linkt und dort ins­be­son­dere das herz­al­ler­liebste Video über die Nackt­na­sen­wom­bats. Ich wün­sche 4:45 Minu­ten ent­spannte Unter­hal­tung. Is’ doch Weih­nach­tenSonn­tag. ;-)

Aaron, die Piraten, der Iran und das Atom (2) — An die Piratenpartei

Liebe Pira­ten­par­tei,

seit ges­tern nach­mit­tag fühle ich mich bei uns mal wie­der an einen Kin­der­gar­ten erinnert.

Da schreibt Aaron König, Mit­glied des Bun­des­vor­stan­des, in sei­nem Blog über die poli­ti­sche Lage im Iran und die Mög­lich­keit der ato­ma­ren Bewaff­nung. Aaron kommt zum Schluss, dass ein prä­ven­ti­ver Mili­tär­schlag gegen die ira­ni­sche Atom­tech­nik ange­zeigt wäre:

Auch wenn ich nor­ma­ler­weise Krieg für kein geeig­ne­tes Mit­tel der Poli­tik halte: dies ist einer der sel­te­nen Fälle, in denen der gezielte Ein­satz mili­tä­ri­scher Mit­tel, näm­lich die Zer­stö­rung der ira­ni­schen Nukle­ar­an­la­gen, einen weit grö­ße­ren Scha­den ver­mei­den könnte. […] Durch gezielte Schläge gegen die ira­ni­schen Atom­an­la­gen muss der Wes­ten jetzt den Macht­ha­bern in Tehe­ran zei­gen, dass wir uns von ihnen nicht län­ger auf der Nase her­um­tan­zen lassen.

Ich halte diese Mei­nung für falsch und habe das in einem eige­nen Blo­g­ar­ti­kel auch schon begrün­det. Auch viele von euch haben so ihre Pro­bleme mit die­sen Äuße­run­gen. Das ist auch gut und rich­tig. Aber wie sich diese Kri­tik in den Mai­ling­lis­ten, auf Twit­ter oder in ein­zel­nen Blogs ent­lädt, das ist abso­lut unfass­bar. Da wird mit der Flamme der Empö­rung auf einem abso­lut unter­ir­di­schen Niveau gear­bei­tet und jed­we­des ratio­nale Argu­men­tie­ren unmög­lich gemacht.

Ich möchte hier mal auf die­je­ni­gen The­sen und Argu­mente ein­ge­hen, die ich für den größ­ten Quatsch halte:

  • Aaron for­dert einen Angriffs­krieg. Genau das macht er nicht. Aaron schreibt von „geziel­ten Mili­tär­schlä­gen” gegen klar umris­sene und benannte Ziele. Das muss man nicht unter­stüt­zen, das muss man nicht gut fin­den (finde ich auch nicht…), aber hier geht es nicht um einen Angriffs­krieg. Diese Voka­bel wird in der Dis­kus­sion viel zu leicht­fer­tig ver­wen­det, weil auf diese Weise letzt­lich der Unter­schied zwi­schen bei­dem ver­wischt und ein­ge­eb­net wird. Und die Tat­sa­che, dass einige Prot­ago­nis­ten genau das wol­len („Jede Mili­tär­ak­tion die­ser Art ist ein Angriffs­krieg”) macht’s nicht besser.
  • Aaron darf in sei­nem Blog keine Pri­vat­mei­nung äußern, weil er Vor­stand ist. Das ist nach mei­nem Dafür­hal­ten wohl der größte Blöd­sinn, mit dem Aaron ange­gan­gen wird. Das muss man sich mal auf der Zunge zer­ge­hen las­sen: Genau die Pira­ten­par­tei, die für Mei­nungs­frei­heit und eine offene bürgerlich-​demokratische Grund­ord­nung ein­tritt, ver­bie­tet ihren Reprä­sen­tan­ten den Mund, auf dass sie nur noch die „offi­zi­elle Par­tei­mei­nung” kund­tun sol­len. Hallo?!? Geht’s noch? Abge­se­hen davon, dass mir nicht klar ist, wie eine sol­che „Par­tei­mei­nung” sich wohl ermit­teln ließe, halte ich die dahin­ter­ste­hende Atti­tüde gera­dezu für eine Unver­schämt­heit: Natür­lich soll sich auch ein Vor­stand eigen­stän­dig zu poli­ti­schen Fra­gen äußern. Ich erwarte das gera­dezu, weil ich wis­sen will, wie die Leute ticken, denen ich meine Stimme gege­ben habe — oder auch nicht. Wie kurz­sich­tig muss man eigent­lich sein um ernst­haft zu argu­men­tie­ren: „Ich hab’ den gewählt, der darf jetzt nur noch sagen was ich denke.” Sorry, aber das geht gar nicht.
  • Aaron scha­det der Pira­ten­par­tei. Indem er pri­vat eine Mei­nung äußert, die dann von Kom­men­ta­to­ren nicht geteilt wird? Bei allem Respekt, aber hier wird doch wohl der Bock zum Gärt­ner gemacht. Grund­la­gen und Ziele der Pira­ten­par­tei defi­nie­ren allein Doku­mente wie die Sat­zung oder das Par­tei­pro­gramm. Wenn jemand Aarons per­sön­li­che Äuße­run­gen mit die­sen ver­mischt, gehört er auf die­sen Feh­ler hin­ge­wie­sen aber nicht seine Ver­dre­hung der Tat­sa­chen als Fakt in die inner­par­tei­li­che Dis­kus­sion über­nom­men. Wir dür­fen nicht den Feh­ler machen, uns von irgend­wel­chen Fefes oder Pan­tof­fel­punks übers Feld trei­ben zu lassen.
  • Aaron muss zurück­tre­ten oder vom Vor­stand aus­ge­schlos­sen wer­den. Das wäre so ziem­lich das Schlech­teste was pas­sie­ren könnte. Das Signal wäre ein­deu­tig: Wenn du in der Pira­ten­par­tei deine Mei­nung zu laut sagst oder klei­nen aber laut­star­ken Grup­pen in der Par­tei nicht passt, dann wirst du abge­sägt. Sowas würde genau jenes Duck­mäu­ser­tum und Nach-​dem-​Mund-​reden för­dern, das mich an ande­ren Par­teien so abge­sto­ßen und zu den Pira­ten gebracht hat. Es würde die Grund­lage die­ser Par­tei ins Wan­ken brin­gen — dass wir näm­lich für einen neuen Poli­tik­stil antre­ten. Etwas ganz ande­res wäre es, wenn Aaron beim nächs­ten Par­tei­tag anträte und nicht wie­der gewählt würde. Das wäre dann ein kla­res Zei­chen, dass seine Ansich­ten nicht kon­sens­fä­hig sind und die Mehr­heit der Pira­ten sich nicht von ihm ver­tre­ten las­sen will. Aber hier und jetzt nach Straf­ak­tio­nen und Par­tei­aus­schluss zu rufen — nein danke!

Der ganze Streit zeigt mei­nes Erach­tens ein ande­res Pro­blem: Zumin­dest in Tei­len der Pira­ten­par­tei sind innere Struk­tu­ren höchst ver­pönt. Alle sol­len glei­che Rechte und Pflich­ten haben, alle sol­len gleich­ar­tig mit­re­den, nie­mand soll mehr Gehör fin­den als „alle ande­ren”. Das geht aber nur, wenn stets alle das glei­che wol­len und das glei­che den­ken. Und genau das funk­tio­niert nicht.

Eine poli­ti­sche Par­tei braucht „Expo­nen­ten”. Sie braucht Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten, die Mei­nun­gen und Ansich­ten arti­ku­lie­ren und in die Par­tei tra­gen. Auch dann, wenn sich daran eine kon­tro­verse Dis­kus­sion ent­zün­det. Nur sol­che Kon­tro­ver­sen brin­gen uns wei­ter. Beden­ken wir: Wenn wir nicht kon­tro­vers zu vie­len von den „eta­blier­ten” Par­teien getra­ge­nen poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen wären, dann gäbe es nicht die Pira­ten­par­tei. Und auch die Pira­ten­par­tei wird sich nur wei­ter ent­wi­ckeln, wenn sie sich stets selbst hin­ter­fragt. Das, was sich momen­tan auf den Par­tei­me­dien abspielt, ist aller­dings kein Hin­ter­fra­gen, son­dern wüten­des Pole­mi­sie­ren gegen jeden Gedan­ken, der nicht ins eigene Welt­bild passt. So gese­hen sind einige Pira­ten kon­ser­va­ti­ver als ein ober­bay­ri­scher CSU-​Dorfverband.

Die künst­li­chen Auf­ge­regt­hei­ten um Aarons Blog hel­fen nicht. Sie för­dern höchs­tens bei den Reprä­sen­tan­ten der Par­tei einen Hang zu mög­lichst gro­ßer inhalt­li­cher Belie­big­keit, um nur ja nir­gends anzu­ecken. Das aber machte die Pira­ten­par­tei lang­fris­tig noch flüs­si­ger als die Kon­senz­soße, in der sie lang­sam unter­ginge: Sie würde überflüssig.

Viele Grüße,
Dirk
(der froh ist, kei­ner­lei Amt innezuhaben)

Aaron, die Piraten, der Iran und das Atom (1) — Eine Antwort an Aaron

Lie­ber Aaron,

in dei­nem Blog­post „Zum Jah­res­tag der ira­ni­schen Dik­ta­tur” beschäf­tigst du dich mit dem Iran und sei­nen aktu­el­len Plä­nen zur Uran­an­rei­che­rung. Du beschreibst die Gefahr, dass damit in letz­ter Kon­se­quenz der Iran in die Pro­duk­tion und den Besitz ato­ma­rer Waf­fen ein­stei­gen könnte. Dies hältst du zu ver­hin­dern für nötig, und zwar auch sehr massiv:

Auch wenn ich nor­ma­ler­weise Krieg für kein geeig­ne­tes Mit­tel der Poli­tik halte: dies ist einer der sel­te­nen Fälle, in denen der gezielte Ein­satz mili­tä­ri­scher Mit­tel, näm­lich die Zer­stö­rung der ira­ni­schen Nukle­ar­an­la­gen, einen weit grö­ße­ren Scha­den ver­mei­den könnte.

Ich kann dein Räso­nie­ren nach­voll­zie­hen. Du zählst selbst einige Gründe auf, warum man gegen­über der ira­ni­schen Regie­rung und ihrem Han­deln sehr miss­trau­isch sein muss:

Die ira­ni­schen Macht­ha­ber lachen nur über die „Appeasement”-Politiker des Wes­tens und arbei­ten wei­ter in aller See­len­ruhe an ihrer Atom­bombe. […] Prä­si­dent Ahme­di­ned­schad hat erklärt, man wolle das „Regime, das Jeru­sa­lem besetzt hält” […] aus „den Geschichts­bü­cher til­gen”. Die ira­ni­sche Regie­rung för­dert Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen wie die Hamas und die His­bol­lah. Sie kennt keine Skru­pel bei der Durch­set­zung ihrer Inter­es­sen — kein Wun­der, fühlt sie sich doch von einer „höhe­ren Macht” dazu legitimiert.

Den­noch wäre ich sehr vor­sich­tig, einer mili­tä­ri­schen Inter­ven­tion das Wort zu reden. Der Ein­satz von Mili­tär ist mei­nes Erach­tens immer die abso­lut aller­letzte Maß­nahme, die „Ultima Ratio”, die zur Ver­mei­dung eines noch grö­ße­ren Übels erfol­gen darf. Davon sind wir im Fall des ira­ni­schen Atom­pro­gramms, so es die­ses wirk­lich gibt, aber noch weit, weit ent­fernt — wenn wir von den all­ge­mein ver­füg­ba­ren Infor­ma­tio­nen aus­ge­hen, auf die du deine Über­le­gun­gen ja aber auch gründest.

Es stellt sich zudem die Frage, was denn genau „ange­grif­fen” wer­den sollte. Wel­che Nukle­ar­an­la­gen sol­len zer­stört wer­den — und vor allem wie? 1981 hat die israe­li­sche Luft­waffe einen sol­chen Schlag schon ein­mal gegen das weit gehend fer­tig gestellte Atom­kraft­werk Osirak/​Tammus im Irak geflo­gen — übri­gens aus ähnli­chen Über­le­gun­gen. Die­ser Schlag war so nur mög­lich, weil das Kraft­werk noch nicht in Betrieb gegan­gen und noch nicht Uran befüllt war — andern­falls hätte die Gefahr eines radio­ak­ti­ven Fall­outs mit unab­seh­ba­ren Kon­se­quen­zen bestan­den. Bei bereits betrie­be­nen Anla­gen wird sich die­ses Pro­blem nicht auf diese Weise lösen lassen.

Osi­rak zeigt zudem, dass auch die Hoff­nung, eine sol­che Aktion würde die inner­i­ra­ni­sche Oppo­si­tion stär­ken, nicht zwin­gend ist. Das ira­ki­sche Regime jener Zeit hat noch 22 Jahre und zwei Kriege wei­ter geherrscht, bis der dritte Krieg es schließ­lich nie­der­rang. Und das auch nur um den Preis anhal­ten­der poli­ti­scher Insta­bi­li­tät des Landes.

Ich kann ja ver­ste­hen, dass von unse­rem Stand­punkt einer auf­ge­klär­ten, säku­la­ren und bürgerlich-​demokratischen Grund­wer­ten ver­pflich­te­ten Gesell­schafts­from das Trei­ben der ira­ni­schen Regie­rung gera­dezu uner­träg­lich wirkt. Nichts­des­to­trotz gel­ten auch hier die Maß­stäbe ange­mes­se­nen Han­delns. Und da halte ich „ein­fach mal so drauf­hal­ten” für die fal­sche Tak­tik. Zumal wenn man sich dabei auch zu dem einen oder ande­ren unsach­li­chen Argu­ment hin­rei­ßen lässt:

Durch gezielte Schläge gegen die ira­ni­schen Atom­an­la­gen muss der Wes­ten jetzt den Macht­ha­bern in Tehe­ran zei­gen, dass wir uns von ihnen nicht län­ger auf der Nase her­um­tan­zen lassen.

Mit Ver­laub, Aaron, aber das ist Stamm­tisch­ly­rik nach der vier­ten Runde Bier. Statt sol­cher — nunja — emo­tio­na­len Aus­brü­cke ist es mei­nes Erach­tens viel­mehr nötig, genau hin­zu­schauen und Iran beim Wort zu neh­men: Keine Atom­waf­fen. Sollte sich eines Tages her­aus­stel­len, dass die­ser — vom Iran selbst pos­tu­lierte — Grund­satz auf­ge­ge­ben wird, dann muss man die mili­tä­ri­sche Option neu bewer­ten und gege­be­nen­falls auch zügig umsetzen.

Aber so weit ist es momen­tan noch nicht. Israel sieht das übri­gens auch so. Die reden näm­lich mit dem Iran, wenn auch eher spo­ra­disch. Und das täten sie — siehe Osi­rak — sicher nicht, wenn sie eine ernst­hafte Gefahr für ihr Land in den Akti­vi­tä­ten Irans sähen.

Ich halte deine Über­le­gun­gen für falsch. Ich halte sie aber nicht für ein Pro­blem für die Pira­ten­par­tei. Ganz im Gegen­teil: Nur unkon­ven­tio­nel­les Den­ken und auch mal neue Ansich­ten kön­nen uns als poli­ti­sche Bewe­gung vor­an­brin­gen. Inso­fern: Mach weiter!

Viele Grüße,
Dirk

Laatzens merkwürdigste Brücke — Alte Autobahnplanungen für die A30 und was von ihnen bleibt

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Laat­zens merk­wür­digste Brü­cke — Alte Auto­bahn­pla­nun­gen für die A30 und was von ihnen bleibt sowie alle im Arti­kel ent­hal­te­nen Gra­fi­ken und Fotos von Dirk Hill­brecht ste­hen unter einer Crea­tive Com­mons Namensnennung-​Weitergabe unter glei­chen Bedin­gun­gen 3.0 Deutsch­land Lizenz.
Über diese Lizenz hin­aus­ge­hende Erlaub­nisse kön­nen Sie unter http://​blog​.hill​brecht​.de/​l​i​z​e​n​z​h​i​n​w​e​i​se/ erhalten.

Ich möchte heute mal eine neue Arti­kel­se­rie hier im Blog anfan­gen: Span­nende Ver­kehrs­bau­werke. Manch­mal trifft man auf ein Bau­werk, des­sen Sinn man sich nicht recht erklä­ren kann. Häu­fig sind dies Brü­cken, es kön­nen aber auch beson­ders breite Stra­ßen, im Nichts endende Abzwei­gun­gen oder irgend­wel­che ande­ren Ver­kehrs­bau­werke sein. Wenn ich so etwas sehe, ist immer meine Neu­gierde geweckt, denn häu­fig erzählt die Geschichte um so ein Bau­werk herum von frü­he­ren Zei­ten und von Pla­nun­gen und Ideen, die es einst gab und die dann aus irgend­wel­chen Grün­den nicht wei­ter ver­folgt wurden.

So auch hier.

Eine Brü­cke in Laatzen

Wenn man in Laat­zen süd­lich von Han­no­ver vom Park der Sinne in Rich­tung Hil­des­hei­mer Straße geht, befin­det man sich auf dem „Expo-​Weg”. Er kreuzt zunächst die Erich-​Panitz-​Straße auf einer geschwun­ge­nen Brü­cke, führt dann am Laat­zener Fest­platz vor­bei und schließ­lich auf den Bahn­damm der Eisen­bahn­stre­cken zwi­schen Laat­zen und Rethen zu. Unter die­sem wird er in einer Brü­cke hindurchgeführt.

Aber was für eine Brücke.

Blick auf die Brü­cke unter der Bahn­stre­cke von Osten.

Das Bau­werk ist offen­sicht­lich völ­lig über­di­men­sio­niert für die­sen klei­nen Fuß­gän­ger­weg. Im süd­li­chen Brü­cken­feld (im obi­gen Bild links) kann man zudem sehen, dass die Gelän­de­höhe des Ein­schnitts viel zu nied­rig für eine „nor­male” Straße ist. Im tie­fer aus­ge­ho­be­nen nörd­li­chen Brü­cken­feld ist der Weg von brei­ten Böschun­gen gesäumt, die die Durch­fahrts­breite stark ein­schrän­ken. Der Mit­tel­pfei­ler wie­derum scheint nur bis auf Höhe die­ser Böschun­gen voll­stän­dig aus­ge­führt, es ist aber anzu­neh­men, dass er tie­fer gegrün­det ist.

Pfei­ler in der Brückenmitte

Wieso steht hier mit­ten in Laat­zen eine sol­che Brü­cke in der Landschaft?

Die Eisen­bahn­stre­cke

Dre­hen wir die Zeit zurück in das Jahr 1973. In die­sem Jahr began­nen die Bau­ar­bei­ten an der Eisenbahn-​Schnellfahrstrecke Hannover-​Würzburg. Aller­dings war damals die Stre­cken­füh­rung süd­lich von Rethen noch nicht klar. Des­halb umfasste der erste Bau­ab­schnitt nur den Bereich Hannover-​Bismarckstraße bis Bahn­hof Rethen. Hier war der Aus­bau jedoch sehr umfang­reich: Bis­her befand sich hier eine ein­fa­che zwei­glei­sige Eisen­bahn­stre­cke, die nun auf vier Gleise ver­brei­tert wurde. Alte und neue Stre­cke wur­den dabei auf einem gemein­sa­men Ver­kehrs­weg inte­griert, sodass das ganze eigent­lich ein kom­plet­ter Neu­bau der gesam­ten Trasse war. Fer­tig gestellt wurde die­ser Abschnitt der Stre­cke Hannover-​Würzburg übri­gens bereits 1979, zwölf Jahre vor der Gesamtinbetriebnahme.

Das erklärt, wann diese Brü­cke ent­stan­den ist, aber noch nicht, warum.

Die Auto­bahn A30

Hier kommt nun eine andere Pla­nung jener Tage ins Spiel: Anfang der 1970er Jahre gab es auch sehr umfang­rei­che Pläne, das Auto­bahn­netz zu erwei­tern. Einer die­ser Pläne betraf die Auto­bahn A30: Sie führt heute von der nie­der­län­di­schen Grenze bis nach Bad Oeyn­hau­sen. Den Pla­nun­gen jener Tage zu Folge wäre sie von dort aus nach Osten wei­ter­ge­führt wor­den, und zwar etwa dem Ver­lauf der B65 fol­gend über Min­den, Stadt­ha­gen und Bad Nenn­dorf in den Süden Han­no­vers und von dort wei­ter nach Braun­schweig. Im Stadt­ge­biet von Han­no­ver hätte sich etwa fol­gende Tras­sie­rung ergeben:

A30-​Planung im Raum Hannover

  • Die Auto­bahn wäre im Wes­ten in einer Par­al­lel­lage zur B65 gebaut wor­den, hätte sich nord­west­lich von Ron­nen­berg von die­ser getrennt und wäre zwi­schen Ron­nen­berg und Empelde verlaufen.
  • An der Kreu­zung mit der B217 hätte es die Anschluss­stelle Wett­ber­gen gegeben
  • Die Auto­bahn­trasse hätte süd­lich an Devese vor­bei­ge­führt und die Trasse der heu­ti­gen B3 zwi­schen Hem­min­gen und Arnum gekreuzt. Dort oder an der Kreu­zung mit der eben­falls geplan­ten B3-​Ortsumgehung um Hem­min­gen und Arnum herum hätte es auch eine Anschluss­stelle gegeben.
  • Die Auto­bahn wäre dann bei Wil­ken­burg wei­ter durch das Leine-​Überflutungsgebiet geführt wor­den, hätte Laat­zen durch­quert und wäre ein Stück süd­lich der Krons­berg­kreu­zung (der heu­ti­gen B6-​Abfahrt „Messe-​Süd”) auf die Trasse der B6 getrof­fen, wo es das Auto­bahn­drei­eck Messe mit einer nur zu Mes­se­zei­ten geöff­ne­ten Anschluss­stelle Messe gege­ben hätte.

Bis hier­hin hatte man den Tras­sen­ver­lauf grob fest­ge­legt. In einem spä­te­ren Schritt sollte die Auto­bahn dann bis Braun­schweig füh­ren, wobei der heu­tige süd­li­che Teil der A37, der soge­nannte „Mes­se­stut­zen”, Teil der A30 gewor­den wäre (und die A37 im Zuge der heu­ti­gen B6 nach Hil­des­heim wei­ter­ge­führt hätte, aber das ist eine andere Geschichte…). Östlich davon sind die Pla­nun­gen aber nie so weit gedie­hen, dass auch nur der Stre­cken­ver­lauf genauer geklärt gewe­sen wäre.

Und das ist dann des Rät­sels Lösung, warum mit­ten in Laat­zen eine stra­ßen­lose Brü­cke unter der Eisen­bahn hin­durch­führt: Genau hier wäre nach die­sen Pla­nun­gen die Auto­bahn A30 ver­lau­fen! Direkt östlich der Unter­füh­rung wäre die Anschluss­stelle Laat­zen gewe­sen. Die „Ohren” der Abfahr­ten hät­ten dabei auf der Erich-​Panitz-​Straße geen­det, und zwar im Nor­den gegen­über der Ein­mün­dung Karls­ru­her Straße und im Süden in Höhe des Sankt-​Florian-​Wegs, der pas­sen­der­weise zur Feu­er­wehr führt, die hier in den 1990er Jah­ren gebaut wurde.

A30-​Planung in Laatzen

Die A30 hätte die Erich-​Panitz-​Straße genau in Höhe der heu­ti­gen Fuß­gän­ger­brü­cke zum Park der Sinne gekreuzt und die­ser Pla­nung wegen ist die Straße höchst­wahr­schein­lich an die­ser Stelle auch so tief gelegt: Die Auto­bahn hätte auf dem kur­zen Stück zwi­schen Eisen­bahn und Straße sonst nicht genü­gend Höhe für eine Brü­cke gewin­nen können.

Die Brü­cke und andere Vorleistungen

Die A30-​Planungen müs­sen Anfang/​Mitte der 1970er Jahre so aktu­ell gewe­sen sein, dass man an die­ser Stelle umfang­rei­che Vor­leis­tun­gen erbracht hat: Nicht nur die Brü­cke unter der Eisen­bahn, auch die Ein­mün­dung der Karls­ru­her Straße in die Erich-​Panitz-​Straße ist sehr groß­zü­gig tras­siert. Und als Kind habe ich mich immer sehr über die bereits voll­stän­dig vor­be­rei­tete Ein­mün­dung der süd­li­chen Auf­fahrt in die damals noch Haupt­straße genannte Magis­trale in die Laat­zener Neu­bau­ge­biete gewun­dert — sie endete nach weni­gen Metern im Wall west­lich der Straße. Beim Bau des Sankt-​Florian-​Wegs wurde die­ser Bereich voll­stän­dig umge­stal­tet und ist heute so nicht mehr erhalten.

Blick über die Auto­bahn­trasse östlich der Bahn­brü­cke. Im Hin­ter­grund die Fuß­gän­ger­brü­cke über die Erich-​Panitz-​Straße. Dort wäre auch die Auto­bahn ent­lang gelaufen

Auch andere Teile der Pla­nung erschei­nen aus heu­ti­ger Sicht wun­der­sam: Die Brü­cke ist kaum breit genug für eine vier­strei­fige Auto­bahn mit Beschleu­ni­gungs– und Brems­strei­fen für die Auf­fahrt und zusätz­li­cher Stand­spur, wie das heute üblich ist. Ange­sichts des knap­pen Plat­zes für die Auf­fahrt hätte diese aber auf jeden Fall unter der Eisen­bahn hin­weg­rei­chen müssen.

Blick von der Gras­dor­fer Seite auf die Brü­cke. Das Haus links wäre wohl nicht ste­hen geblieben.

Die Orts­durch­fahrt Gras­dorf im Zuge der Hil­des­hei­mer Straße wäre zudem rigo­ros durch­schnit­ten wor­den und eine ganze Reihe von Häu­sern hätte abge­ris­sen wer­den müs­sen. Zwar ist an die­ser Stelle in der Tat der Bebau­ungs­strei­fen in ganz Laat­zen am schmals­ten, die Schnell­straße hätte aber direkt neben dem Laat­zener Bad einer­seits und dem Agnes-​Karll-​Krankenhaus ande­rer­seits gelegen.

Blick von der Brü­cke Rich­tung Wes­ten. Die Hil­des­hei­mer Straße hätte gequert, die Bebau­ung ent­fernt wer­den müs­sen. Aller­dings beginnt unmit­tel­bar hin­ter den Häu­sern an der Hil­des­hei­mer Straße freies Feld.

Die A30-​Planungen sind östlich von Bad Oeyn­hau­sen mitt­ler­weile voll­stän­dig auf­ge­ge­ben, die Auto­bahn wird also nie kom­men. Aus heu­ti­ger Sicht wäre das auch des­halb völ­lig sinn­los, weil mit der A2 bereits eine her­vor­ra­gend aus­ge­baute Auto­bahn zwi­schen Bad Oeyn­hau­sen und Braun­schweig exis­tiert und die A30 sich nie wei­ter als 20 km von die­ser ent­fernt hätte. Bevor man nun aber den dama­li­gen Pla­nern Unfä­hig­keit unter­stellt, sollte man sich vor Augen füh­ren, dass in den 1960er Jah­ren die A2 noch auf dem Aus­bau­stand von 1939 war. Da machte es durch­aus Sinn, eine sol­che Ent­las­tungs­stre­cke zu pro­jek­tie­ren. Ich ver­mute ja, dass die Grund­satz­ent­schei­dung zum sechs­strei­fi­gen A2-​Ausbau gleich­zei­tig das Aus für die A30 bedeutete.

Es war also nur ein rela­tiv kur­zes Zeit­fens­ter, in dem die Pla­nun­gen so kon­kret waren, dass bereits Vor­leis­tun­gen erbracht wur­den. Genau in die­sen Zeit­raum sind die Neu– und Umbau­ten im nörd­li­chen Laat­zen gefal­len, sodass wir hier so eine Art „Phantom-​Autobahnabfahrt” einer Phan­tom­au­to­bahn haben.

Die Brü­cke von Wes­ten. Hät­ten hier drei Fahr­spu­ren pro Rich­tung plus Stand­strei­fen durchgepasst?

Even­tu­ell — aber das ist jetzt end­gül­tig pure Spe­ku­la­tion — hätte die Abfahrt Laat­zen sich letzt­lich als nicht rea­li­sier­bar her­aus­stel­len kön­nen — sei es wegen der Brü­cken­breite, sei es wegen der Nähe zum Kno­ten mit der B6/​A37. Die A30-​Planungen sind wohl nie über das Sta­dium einer grund­sätz­li­chen Idee wie die Trasse lau­fen könnte hin­aus­ge­kom­men. Eine tat­säch­li­che Raum­ord­nung oder gar eine Vor­be­rei­tung der Plan­fest­stel­lung haben nie statt­ge­fun­den. Es würde mich sehr inter­es­sie­ren, wie genau die Trasse im Bereich Laat­zen wirk­lich geplant wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein „vor­be­rei­te­tes” Bau­vor­ha­ben letzt­lich an irgend­wel­chen Feh­lern schei­tert und die durch­ge­führ­ten Bau­vor­leis­tun­gen sich selbst bei einer Umset­zung der ursprüng­li­chen Idee als nicht nutz­bar her­aus­stel­len. Der ein­zige Vor­teil war dann, dass wenigs­tens beim Bau zusätz­li­che Geld­töpfe ange­zapft wer­den konnten.

Blick von Osten auf die Brü­cke. Hier wäre die Auto­bahn ent­lang gelaufen.

Fazit

Die Brü­cke jeden­falls wird blei­ben. Sie kürzt den Fuß­weg aus Gras­dorf zum Laat­zener Fest­platz erheb­lich ab. Ihre 35 Jahre sieht man ihr — äußer­lich jeden­falls — nicht an. Irgend­wann, wenn der Zahn der Zeit allzu stark an ihr genagt hat, wird man sie sicher­lich zurück­bauen oder gar ganz schlie­ßen. Bis dahin ist sie aber ein ste­ter Hin­weis auf eine Auto­bahn, die nie gebaut wurde.