Monatliches Archiv für Januar, 2010

Regionsverband Hannover der Piratenpartei gegründet

Am Frei­tag, 2010-​01-​29, um 20:41 Uhr war es soweit: Ein­stim­mig haben die anwe­sen­den Pira­ten in der Grün­dungs­ver­samm­lung die Grün­dung des Regi­ons­ver­bands Han­no­ver beschlos­sen. Ein paar kleine Ände­run­gen am Sat­zungs­ent­wurf gab es noch, aber genauso wie die gesamte Ver­samm­lung war er im Vor­feld schon so gut vor­be­rei­tet und intern dis­ku­tiert wor­den, dass wir zügig, geord­net und kon­struk­tiv vor­an­ge­kom­men sind. Auch die anschlie­ßende Vor­stands­wahl klappte rei­bungs­los, sodass wir um kurz nach 22:30 Uhr den Vor­stand kom­plett hatten:

Vor­stand des Regi­ons­ver­ban­des Han­no­ver der Pira­ten­par­tei, v.l.n.r.: Ronny Pase­mann, Jür­gen Jung­hä­nel, Patrick Ziemke, Kai Orak, Kai Hal­ler, Mau­rice „Momo” Wes­sel, Foto: Arne Böttger

  • Mit Jür­gen Jung­hä­nel hat der Regi­ons­ver­band Han­no­ver einen Vor­sit­zen­den, der so gar nicht in das „Nerd-​Bild” passt, dass der Par­tei häu­fig von außen nach­ge­sagt wird: 64 Jahre alt, Rent­ner und seit Mitte 2009 äußerst enga­giert im Wahl­kampf, spä­ter in den Dis­kus­sio­nen am Stamm­tisch und auch in den Online­me­dien der Partei.
  • Ganz anders sein Stell­ver­tre­ter: Patrick Ziemke ist gerade mal 21 Jahre alt, noch in der Aus­bil­dung, war aber schon Vor­sit­zen­der des Lan­des­schü­ler­ra­tes Niedersachsen.
  • Rela­tiv spon­tan kan­di­diert hat Ronny Pase­mann als Schatz­meis­ter — und ist dann auch prompt gewählt worden.
  • Auch unsere drei Bei­sit­zer Kai Hal­ler, Mau­rice Wes­sel und Kai Orak sind bereits seit vie­len Mona­ten in der Region Han­no­ver aktiv.

Für mich, der ich am Frei­tag die Ver­samm­lung gelei­tet habe, war es eine außer­or­dent­lich ange­nehme Erfah­rung: „Sieh’ an”, habe ich mir gedacht, „es geht doch!” Keine klein-​nickeligen Dis­kus­sio­nen, kein Rum­ge­zi­cke, kein Dis­pu­tie­ren um des Kai­sers Bart. Wir haben in einer aus­ge­spro­chen grad­li­ni­gen Ver­an­stal­tung den Ver­band gegrün­det — und hat­ten auch noch Spaß dabei!

Ich halte die Grün­dung des Regi­ons­ver­bands Han­no­ver für einen sehr sinn­vol­len und gera­dezu zwin­gen­den Schritt in der Ent­wick­lung der Par­tei: Schon die schie­ren Zah­len zei­gen die atem­be­rau­bende Ent­wick­lung: 180 Mit­glie­der hat die Pira­ten­par­tei mitt­ler­weile in der Region Han­no­ver — das ist etwa drei­mal so viel, wie es in ganz Nie­der­sach­sen zum Zeit­punkt der Lan­des­ver­bands­grün­dung im Som­mer 2007 gege­ben hat. Und es sind aktive Mit­glie­der: 39 waren ges­tern zur Grün­dung anwe­send, das sind mehr als 20%. Etwa genau­so­viele haben sich an einem spon­tan durch­ge­führ­ten Mei­nungs­bild betei­ligt, zu dem nur per E-​Mail und Mai­ling­lis­ten auf­ge­ru­fen wor­den war. Ich halte es für extrem sinn­voll, dass diese Mit­glie­der jetzt eine ver­fasste Ver­tre­tung haben. Ein „offi­zi­el­ler” Regi­ons­ver­band hat viel mehr Mög­lich­kei­ten als die bis­her allein exis­tie­ren­den „Stamm­ti­sche”: Er kann die loka­len Mit­glie­der gezielt anspre­chen, Aktio­nen koor­di­nie­ren, mit ande­ren poli­ti­schen Grup­pen vor Ort in Kon­takt tre­ten. Vor allem aber kann er auch dem Lan­des­vor­stand zuar­bei­ten und ihn ent­las­ten. Bis­lang muss­ten für alle Ver­wal­tungs­auf­ga­ben in der Region immer Lan­des­vor­stände hin­zu­ge­zo­gen wer­den. Jetzt kann zumin­dest ein Teil der Arbeit vor Ort erle­digt wer­den. Damit wirkt ein Regio­nal­ver­band eben auch für die Lan­des­ebene (und mit­tel­bar sogar für den Bund) über­aus posi­tiv. Das wiegt mei­nes Erach­tens auch das Argu­ment auf, ein Regi­ons­ver­band schaffe zusätz­li­che über­flüs­sige Büro­kra­tie. Die haben wir sowieso und je mehr Schul­tern sie tra­gen, desto besser.

Dann und wann ist es schon rela­tiv anstren­gend, sich in der Pira­ten­par­tei zu enga­gie­ren. Gerade letz­tens habe ich mich dies­be­züg­lich eini­ger­ma­ßen frus­triert geäu­ßert und auch anderswo im Inter­net fin­den sich hier und da fra­gende Arti­kel. Sol­che Ver­an­stal­tun­gen wie ges­tern sind da das große Gegen­ge­wicht: Wenn wir so wei­ter­ma­chen, dann wird das hier ste­tig und erfolg­reich voran gehen! Die Pira­ten­par­tei durch­lebt gerade — teil­weise sehr mas­sive — Wachs­tums­schmer­zen. Das ist eigent­lich nicht ver­wun­der­lich: Von gut 900 auf knapp 12.000 Mit­glie­der in nur zwölf Mona­ten, das muss hier und da zu Ver­wer­fun­gen füh­ren. All­ge­mein denke ich, dass die Grün­dung von Struk­tu­ren unter­halb der Lan­des­ver­bände jetzt genau der rich­tige Weg ist, die Par­tei inner­lich zu fes­ti­gen und nach außen schlag­kräf­tig zu machen: Mit Kreis– und Regi­ons­ver­bän­den kommt zum einen eine kom­mu­nal­po­li­ti­sche Kom­po­nente in die Par­tei, die für einen dau­er­haf­ten poli­ti­schen Erfolg unver­zicht­bar ist. Und zum ande­ren schlie­ßen sie eine Lücke zwi­schen den Vor­stän­den und der „Basis”, die allein auf Grund der Mit­glieds­zah­len in den Lan­des­ver­bän­den rie­sen­groß gewor­den ist und in der Ver­gan­gen­heit schon einige Male zu Miss­ver­ständ­nis­sen, Frust und bösem Blut geführt hat. Ein Vor­stand auf regio­na­ler Ebene ist jetzt wie­der so nah an den Mit­glie­dern wie in sei­ner Anfangs­zeit der Lan­des­vor­stand — viel­leicht sogar wegen des loka­len Bezugs noch näher. Ande­rer­seits kann er die Kom­mu­ni­ka­tion zum und vom Lan­des­vor­stand ein wenig koor­di­nie­ren und auf­be­rei­ten. Ich bin mir sehr sicher, dass dies der par­tei­in­ter­nen Stim­mung sehr gut tun wird. Aller­dings war die in Han­no­ver auch nie nach­hal­tig vergiftet.

Dass es jetzt den Regi­ons­ver­band gibt, heißt natür­lich nicht, dass die Stamm­ti­sche auf­hö­ren. Ganz im Gegen­teil wer­den wir uns auch wei­ter­hin jeden Frei­tag in Han­no­ver im Zwi­schen­zeit tref­fen, über Poli­tik reden, Aktio­nen pla­nen und die Pira­ten vor­an­brin­gen. Wie bis­her sind Gäste höchst will­kom­men. Und wer weiß — viel­leicht eta­blie­ren sich ja in abseh­ba­rer Zeit wei­tere Stamm­ti­sche im Umland. Es ist jetzt noch gut ein Jahr bis zu den Kom­mu­nal­wah­len — man kann eigent­lich nicht früh genug mit den Vor­be­rei­tun­gen anfangen.

Nach­trag, Dezem­ber 2010: Mitt­ler­weile fin­den die Stamm­ti­sche in Han­no­ver immer am Don­ners­tag in der „Han­dels­börse” am Kla­ges­markt statt.

Auto Auto! — Christian von Richthofen und Benny Greb zerlegen einen Opel Kadett E

Zum Schluss ist es Tschai­kow­ski. Im Takt des Blu­men­wal­zers schwin­gen Chris­tian von Richt­ho­fen und Benny Greb die Vor­schlag­häm­mer und las­sen sie genüss­lich auf die Karos­se­rie des alten Opel Kadett E kra­chen. Motor­haube, Kof­fer­raum­ab­de­ckung, Dach, Kot­flü­gel — alles hin. In den Lack der Sei­ten­front ist das Wort „LOVE” mit dem Win­kel­schlei­fer geschrie­ben. Denn eigent­lich, so Chris­tian von Richt­ho­fen, ist das ganze Spek­ta­kel eine Lie­bes­er­klä­rung an den Kadett E, die­sen „Stein­way unter den Autos”.

Der Opel Kadett am Ende der Show

Ein­ein­halb Stun­den frü­her steht der noch weit­ge­hend unbe­schä­digt auf der Bühne. Zusam­men mit einem Schlag­zeug. Dem Zuschauer ist eine „Rhythm-​and-​Crash-​Performance” ange­kün­digt und dass es dem Auto im laufe des Abends derbe an den Kra­gen gehen wird, wis­sen wir auch. Trotz­dem beginnt der Abend eher gesit­tet: von Richt­ho­fen und Greb tre­ten im Frack auf die Bühne und geben zunächst mal eine A-​capella-​Version der Bach’schen Toc­cata und Fuge in D-​Moll mit laut­ma­le­ri­schen Ele­men­ten. Danach wird das Auto zunächst klang­lich „erforscht”: In der Tat las­sen sich der Karos­se­rie durch Trom­meln auf Motor­haube, Türen, Dach und Rück­wand ganz unter­schied­li­che Geräu­sche ent­lo­cken. Die ein­ge­setz­ten Holz– und Metall­stö­cke hal­ten die Schä­den dabei in Gren­zen. Von Richt­ho­fen und Greb arbei­ten sich durch etli­che Stile, von Reg­gae bis zum Radetz­ky­marsch ist alles dabei. Immer wie­der las­sen sie auch von dem Auto ab und sin­gen. Mit­tels eines klei­nen Loop–Sequen­cers, den von Richt­ho­fen (fast immer) sou­ve­rän mit dem Fuß bedient, ent­ste­hen dabei beacht­li­che mehr­stim­mige Klang­tep­pi­che. Zusätz­lich schil­dert von Richt­ho­fen über­zeu­gend als Hit­ler die Nöte des Füh­rers beim TÜV („Rrr­rück­spägel!?! Wärr brraucht Rrück­spägel?! Äch wäll einen Waa­gen mät Frront­an­trääb!”) und Greb arbei­tet sich genauso furios durch das auf­ge­stellte Schlag­zeug wie er spä­ter eine Rad­kappe als Per­kus­si­ons­in­stru­ment benutzt.

Pla­kat zur Show: Baby, you can play my car; Pla­kat: M. Lustig

Pla­kat: Marion Lus­tig, Fotos: Bernd Weis­haupt, Jür­gen Schmalfuß

Nach der Pause wird es dann hand­fes­ter. Wäh­rend von Richt­ho­fen bereits vor­her die Front­scheibe mit der blo­ßen Hand ein­ge­schla­gen hat — und ich behaupte wei­ter­hin: Das muss weh tun — kommt jetzt die Flex zum Ein­satz und die Schlag­in­stru­mente wer­den grö­ßer. Zu Mozarts Tür­ki­schem Marsch bear­bei­tet von Richt­ho­fen zudem ein wei­te­res Mal die Motor­haube mit den blo­ßen Hän­den, wobei er Maestro-​like auf der Kla­vier­bank sitzt. Bevor dann das Finale dem Auto den Rest gibt, muss der soeben aus dem Publi­kum ernannte Sicher­heits­be­auf­tragte Achim Helme in den ers­ten Rei­hen ver­tei­len. Und dann geht’s — wie beschrieben — los.

Benny Greb tes­tet den Helm vom Sicher­heits­be­auf­trag­ten Achim

Auto Auto! hat sowohl mich als auch meine Beglei­te­rin in jeder Hin­sicht begeis­tert: Zwei Künst­ler mit sicht­lich Spaß an der Sache sin­gen, tan­zen und trom­meln sich durch den Abend. Beide ver­ste­hen ihr Hand­werk und sel­ten wird man Zeuge einer der­art zele­brier­ten Auto­ver­schrot­tung. Dabei ist der tech­ni­sche Auf­wand sicher­lich nicht uner­heb­lich: Dass der Opel Kadett bei sei­nem fina­len Auf­tritt so gut „klingt”, liegt sicher­lich auch daran, dass in der Karos­se­rie etli­che Mikro­fone ver­baut sein dürf­ten, die die Klänge gut aus­ge­steu­ert auf die Laut­spre­cher brin­gen. Der stets unter­ge­mischte Hall — beim Auto weni­ger, beim Gesang mehr — ver­lei­hen der Akus­tik zusätz­li­chen Nach­druck. Und schließ­lich unter­stützt auch das Büh­nen­licht die Ver­schrot­tungs­or­gie nach Kräften.

Chris­tian von Richt­ho­fen nach der Show

Zum vier­ten Mal war von Richt­ho­fen letz­ten Sonn­tag mit Auto Auto! in Han­no­ver. Für diese inter­na­tio­nale Show dürfte das fast sowas wie ein Heim­spiel sein — von Richt­ho­fen kommt aus Nord­deutsch­land und einer der Haupt­lie­fe­ran­ten für die Opel Kadetts saß vor der Bühne. Das Publi­kum im vol­len gro­ßen Saal des Raschplatz-​Pavillons war aus dem Häus­chen. Im Herbst gas­tie­ren die bei­den wie­der in der Nähe — dann in Lehrte. Mei­ner­seits gibt es nur eine Emp­feh­lung: Hin­ge­hen und Anschauen!

Diskussionskultur in der Piratenpartei: Setzen, sechs!

In Han­no­ver wird sich an die­sem Frei­tag, 2010-​01-​29, der Regi­ons­ver­band Han­no­ver der Pira­ten­par­tei grün­den. Als einer der­je­ni­gen, die hier in Han­no­ver mit der gan­zen Sache 2006 ange­fan­gen haben, freut es mich sehr, dass wir nach nur etwas mehr als drei Jah­ren so weit sind, dass wir die­sen Schritt hier lokal gehen kön­nen. Dem Ver­neh­men nach gibt es in der Region Han­no­ver mitt­ler­weile etwa 180 Par­tei­mit­glie­der; wenn ich mir über­lege, dass wir da im Novem­ber 2006 mal zu fünft im Zwi­schen­zeit saßen — toll.

Nicht ganz so toll finde ich eine Dis­kus­sion, die sich rund um die Grün­dung in den letz­ten Tagen ent­zün­det hat. Von einem — bis dahin in die Grün­dungs­vor­be­rei­tun­gen nicht wei­ter ein­ge­bun­de­nen — Mit­glied des Lan­des­vor­stan­des fand sich auf der nie­der­säch­si­schen(!) Mai­ling­liste am 2010-​01-​20 fol­gende Einlassung:

Ich habe so eben mal geschaut wie weit eure Vor­be­rei­tung zur Grün­dung gedie­hen ist.

Es steht auf eurer Seite: am Frei­tag, den 29.1.2010 wird um 19:00 an die­sem Ort die Pira­ten­par­tei Region Han­no­ver gegründet

Ich habe den Ver­dacht, das hier wenig demo­kra­tisch die Sache vor­be­rei­tet wird.

Der Kern der dann fol­gen­den Vor­würfe drehte sich darum, dass besag­ter Vor­stand­spi­rat der Mei­nung war, die Mit­glie­der seien an den Grün­dungs­vor­be­rei­tun­gen nicht aus­rei­chend betei­ligt wor­den. Das Orga­ni­sa­ti­ons­team erklärte, wie diese Betei­li­gung aus­ge­se­hen hat und dass die Vor­würfe, die Vor­be­rei­tun­gen fän­den „im Gehei­men” statt, nicht zuträ­fen. Die Ant­wort dar­auf war ein wenig — nunja — patzig:

Ihr habt aber den Anspruch eine Sat­zung für über 100 Pira­ten zu schrei­ben. Da darf ich doch wohl mal etwas mehr Demo­kra­tie fordern.

Ich muss geste­hen: Wenn ich so etwas lese, werde ich rich­tig, rich­tig sauer. Die Art und Weise, wie hier kom­mu­ni­ziert wird, ist unter­ir­disch. Da ist ein Pirat, der mit irgend­et­was unzu­frie­den ist. Was sollte jetzt pas­sie­ren? Nach­ha­ken, wie denn die Fak­ten eigent­lich sind? Ob man die Situa­tion rich­tig sieht? Ob das ver­mu­tete Pro­blem wirk­lich exis­tiert? Kurz: Macht der poten­ti­elle Kri­ti­ker sich erst­mal über die Dinge kom­pe­tent, die er da zu kri­ti­sie­ren gedenkt?

Nein! Es wird — ohne auch nur ein­mal zu hin­ter­fra­gen — los­ge­pol­tert. Nicht im klei­nen, nein, gleich mal auf der Mai­ling­liste, damit es auch alle mit­krie­gen. Es wer­den nicht Fak­ten genannt, son­dern sofort Vor­würfe erho­ben, gepaart mit unter­schwel­li­gen Anschul­di­gun­gen: „Ihr seid unde­mo­kra­tisch!” Und wenn dann die Erläu­te­run­gen kom­men, dass da viel­leicht das eine oder andere Miss­ver­ständ­nis vor­lie­gen könnte, gibt’s als Ant­wort: „Ey, bei dem Stuss, den ihr macht, is’ doch klar, dass ich da mit For­de­run­gen ankomme!”

Ich über­trag das mal in eine andere Situa­tion: Was macht ihr, wenn ihr im Lokal eine schale Cola vor­ge­setzt bekommt? Ruft ihr dann (a) noch­mal nach der Bedie­nung und bit­tet: „Könnte ich bitte eine neue Cola haben? Die hier ist schal.” — oder steigt ihr (b) auf den Tisch und brüllt ins Lokal: „Ey, die haben mir hier ‚ne eklige schale Cola ser­viert. Die kön­nen hier nix. Passt bloß auf, bestimmt ist euer Bier ver­gif­tet! Die­ses ganze unfä­hige Gesocks gehört raus­ge­schmis­sen. Sofort! Und die The­ken­schlampe als erste!” Viel­leicht bin ich ja alt­mo­disch, aber ich würde immer Weg (a) beschreiten.

Diskussionskultur in der Piratenpartei: Verbesserungsfähig

Dis­kus­si­ons­kul­tur in der Pira­ten­par­tei: Ver­bes­se­rungs­fä­hig, Gra­fik: Wiki­me­dia Com­mons, CC-​BY-​SA 3.0

Wenn ich mich in den Foren der Pira­ten­par­tei oder auch anderswo, wo Pira­ten dis­ku­tie­ren, umsehe, dann treffe ich lei­der all­zu­oft auf Kom­mu­ni­ka­ti­ons­typ (b). Auf ver­meint­li­che oder tat­säch­li­che Pro­bleme wird sofort scharf aus allen Roh­ren geschos­sen. Es wird belei­digt. Es wer­den per­sön­li­che Angriffe gefah­ren. Es wird unsach­lich her­um­ge­pö­belt. Argu­mente wer­den im Munde her­um­ge­dreht, absicht­lich falsch ver­stan­den, bei rich­ti­gem Ver­ste­hen igno­riert und ins­ge­samt in kei­ner­lei kon­struk­ti­ver Weise aus­ge­tauscht. Vor allem: Es wird nicht „gebe­ten” oder „ange­regt” oder „vorgeschlagen” — nein, es wird „gefor­dert”. Jetzt! Sofort! Ulti­ma­tiv! Ich hab’ manch­mal den Ein­druck, das sind gar keine Mit­glie­der der Pira­ten, son­dern so eine Art Fünfte Kolonne einer ande­ren Par­tei, die mög­lichst jeden kon­struk­ti­ven Mei­nungs­aus­tausch unter­bin­den will, indem sie ihn in einer Kako­pho­nie von Nich­tig­kei­ten und Belei­di­gun­gen begräbt. Und wo das nicht klappt, wer­den den par­tei­ei­ge­nen Schieds­ge­rich­ten Ver­fah­ren auf­ge­drückt, deren Inhalt jedem reni­ten­ten Klein­gärt­ner zu lächer­lich wäre.

Bei­spiele fin­den sich zu Hauf:

  • Aaron Koe­nig kann sich mitt­ler­weile eigent­lich zu gar nichts mehr äußern, ohne dass nicht min­des­tens ein Dut­zend „Pira­ten” ein „Ver­piss dich, Nazi­sau” dazwischenrülpst.
  • Der Bun­des­vor­stand wurde übelst und mit fal­schen Behaup­tun­gen ange­gan­gen, als eine Ent­schei­dung über den Ort des nächs­ten Bun­des­par­tei­tags zu tref­fen war.
  • Die aktu­elle Dis­kus­sion um eine Teil­nahme bei den Demons­tra­tio­nen am 13. Februar in Dres­den fin­den haupt­säch­lich auf einer Meta­ebene statt, in der das Haupt­ar­gu­ment ist, die Mei­nungs­frei­heit even­tu­el­ler rechts­ra­di­ka­ler Grup­pen dürfe kei­nes­falls ein­ge­schränkt wer­den. Mit die­ser Argu­men­ta­tion wird dann von eini­gen Dis­kus­si­ons­teil­neh­mern veh­ment eine Nicht­teil­nahme an Gegen­ver­an­stal­tun­gen zur rech­ten „Gedenk­kund­ge­bung” eingefordert.

Die Wir­kung sol­cher Pseu­do­dis­kus­sio­nen nach innen und nach außen ist kata­stro­phal: Amts­in­ha­ber der Par­tei wer­den ohne Not so stark in ihrem Anse­hen beschä­digt, dass sie statt mit kon­struk­ti­vem Nach-​Vorne-​Gehen stän­dig mit Schat­ten­kämp­fen beschäf­tigt sind. Glei­ches gilt für die Par­tei­struk­tu­ren. Im Falle des Par­tei­tags­or­tes sieht man dann auch deut­lich, dass das unge­nierte Her­um­pö­beln so einen Druck erzeugt, dass letzt­lich ein noch grö­ße­res Geeiere dabei rauskommt.

So ein rich­ti­ger Griff ins Klo wird das ganze dann, wenn ein sol­cher Streit das Außen­bild der Par­tei in einer Frage domi­niert. Jeder, der das „Dis­kus­si­on­klima” in der Pira­ten­par­tei nicht gut kennt, wird sich fra­gend am Kopf krat­zen, wenn er das Hin und Her um die Dresden-​Demo und ins­be­son­dere die Argu­men­ta­tion mit­be­kommt. Für poli­ti­sche Geg­ner ist sowas ein Fest, die Pira­ten­par­tei bringt es kei­nen ein­zi­gen Mil­li­me­ter voran oder nützt ihr.

Wenn ich zwei Wün­sche an die Pira­ten­par­tei hätte, dann wären das diese:

  1. Mit­glie­der äußern Kri­tik in ange­mes­se­ner Weise, ver­su­chen erst­mal, even­tu­elle Pro­bleme im Gespräch zu klä­ren. Kri­tik ist kein Selbst­zweck, son­dern stets nur Mit­tel, einen Miss­stand zu behe­ben. Per­sön­li­che Angriffe unter­blei­ben. Idea­ler­weise kennt jeder Kants „Kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv” — und hält sich dran.
  2. Par­tei­gre­mien und andere struk­tu­relle Glie­de­run­gen agie­ren sou­ve­rän. Sie sind sich zum einen ihrer Rolle als aktiv orga­ni­sie­ren­des Ele­ment der Par­tei bewusst und nut­zen diese Kom­pe­tenz auch. Und zum ande­ren haben sie genug „Arsch in der Hose”, im Zwei­fels­fall ihr Ding auch mal gegen ver­meint­li­che „Wider­stände” durch­zu­zie­hen. Egal was man macht, irgend­wer wird sich immer dran rei­ben. Gebt der­je­ni­gen „Kri­tik”, die sich nur als laut­star­kes Gepö­bel äußert, nicht auch noch eine Bühne.

Gerade letz­te­res ist — ich spre­che da aus Erfah­rung — manch­mal sehr schwer. Man kommt zwangs­läu­fig ins Zwei­feln, wenn man über­all nur Geg­ner­schaft sieht. Selbst wenn diese Geg­ner nur eine Min­der­heit sind, die ver­steht, beson­ders laut­stark und vehe­ment auf­zu­tre­ten. Meine Bitte an die schwei­gende Mehr­heit: Äußert euch! Selbst eine kurze direkte E-​Mail „Ich find das gut, was ihr da macht” kann eine große mora­li­sche Stütze sein.

Im Falle der Regio­nal­ver­bands­grün­dung sind die Unklar­hei­ten wohl mitt­ler­weile weit­ge­hend geklärt. Atmo­sphä­risch lief das ganze jedoch aus­ge­spro­chen sub­op­ti­mal. Und das ist schade, weil wir als Par­tei Gefahr lau­fen, durch genau sol­che Aktio­nen sinn­los fähige und kom­pe­tente Leute zu ver­schlei­ßen oder gleich von einer Mit­ar­beit abzuschrecken.

Und das kön­nen wir uns nicht leisten!

Rene Marik und der Maulwurf in „KasperPop”: Autschn reloaded?

Ges­tern war Rene Marik wie­der in Han­no­ver. Und zwar mit sei­nem neuen Pro­gramm „Kas­per­Pop”. Letz­tes Jahr war ich ja schon in „Autschn” und war rest­los begeis­tert. Nun also das neue Pro­gramm — ich und mit mir nicht weni­ger als fünf Freunde waren gespannt. Statt des größ­ten Saa­les im Rasch­platz­pa­vil­lon war die Vor­stel­lung dies­mal im Thea­ter am Aegi, des­sen Saal dop­pelt so groß ist und das eben­falls aus­ver­kauft war.

Rene Marik mit Maul­wurf und Fal­ken­horst, Foto: Ben Wolf (Pressefoto)

Marik ist ja von der Aus­bil­dung her Pup­pen­spie­ler und inso­fern sind die Pup­pen wie­der zen­tra­ler Bestand­teil der Show. Jede Menge alte Bekannte fin­den sich im Laufe des Abends auf der Bühne ein: Frosch Fal­ken­horst, der ber­li­nernde Eis­bär Kalle, die Wasch­lap­pen Domi­nik und Jaque­line, „de Babe” und sogar das Teletubbie-​Telefon sind wie­der mit von der Par­tie — genauso natür­lich wie Sym­pa­thie­trä­ger und Mar­ken­zei­chen Maul­wurf, der immer noch kei­nen Namen hat, aber im Laufe des Abends dies­mal auf eine Maul­wur­fin tref­fen darf. Ich will mal nicht ver­ra­ten, ob die bei­den sich krie­gen, aber so rich­tig leicht hat es der Maul­wurf ja noch nie gehabt.

Zwei Neu­zu­gänge sind zu ver­zeich­nen: Neben einem klei­nen E.T. ist das vor allem der „Kas­per”, der dem Pro­gramm sei­nen Namen gibt und es als „Hass­kas­per” auch gleich mal mit einer ful­mi­nan­ten Publi­kums­be­schimp­fung eröff­net. Ansons­ten über­nimmt er den dia­bo­li­schen Part des Abends: Wenn er, beglei­tet von Sir­ren aus den Laut­spre­chern, auf­taucht, wird’s unge­müt­lich. Mal ent­führt er Bar­bie, mal erscheint er dem Maul­wurf in einem Mushroom-​Alptraum und Fal­ken­horst wird schließ­lich von ihm um einen Frosch­schen­kel erleich­tert. Außer­dem ist er zen­tra­les Ele­ment von zwei Ein­spiel­fil­men: In der „Hass­kas­per­box” kön­nen Pas­san­ten die Puppe über die Hand zie­hen und ihrem Frust mal so rich­tig freien Lauf las­sen. Die Zusam­men­schnitte sind mal wit­zig, wenn etwa ein Fran­zose derb über Prä­si­dent Sakorzy schimpft und dabei die lang­ge­zo­ge­nen fran­zö­si­schen „äh„s pho­ne­tisch kor­rekt als „eee ööööööööööö” unter­ti­telt wer­den. Mal sind sie strange, wenn jemand mit deut­li­chem tür­ki­schen Akzent sich über Aus­län­der beschwert. Und häu­fig kommt Ber­li­ner Lokal­ko­lo­rit durch, was aber auch kein Wun­der ist, weil die Box für viele die­ser Ein­spie­ler wohl am Alex­an­der­platz in Ber­lin stand. Da sind dann halt viele Leute, die sich über die Woh­nungs­not in Fried­richs­hain beschwe­ren oder sanierte Häu­ser im Prenz­lauer Berg, die sie an Schö­ne­berg erinnern.

Die Hass­box steht auch an den jewei­li­gen Spiel­or­ten und Marik for­dert das Publi­kum auf, nach der Vor­stel­lung von ihr Gebrauch zu machen. Die in der Vor­stel­lung gezeig­ten Filme sol­len von Zeit zu Zeit über­ar­bei­tet und auch ins Inter­net gestellt wer­den. In Han­no­ver waren dann wohl auch so etwa zehn Leute anschlie­ßend in der Box.

Eintrittskarte zur Vorstellung in Hannover mit Autogramm

Ein­tritts­karte zur Vor­stel­lung in Han­no­ver mit Autogramm

Zwei Stun­den über Kopf mit Hand­pup­pen zu spie­len ist nicht mög­lich, wes­halb das KasperPop-​Programm, wie schon Autschn, auch aus Nicht-​Puppen-​Teilen besteht. Hier­für hat Marik sich Ver­stär­kung in Form des „Tas­ta­teurs Pro­fes­sor Inge” auf die Bühne geholt, der ihn zu sei­ner E-​Gitarre beglei­tet. Lei­der hat sich auch der Cha­rak­ter der musi­ka­li­schen Parts grund­le­gend geän­dert: Statt der mini­ma­lis­ti­schen Inter­pre­ta­tion melan­cho­li­scher Lie­bes­schul­zen gibt es jetzt ziem­lich laute und schnelle „Pop”-Musik, die bei uns in der Gruppe nie­man­den so recht über­zeugte. Es ist eine nicht wirk­lich inspi­rierte Mischung aus den Ärzten, Sil­ber­mond und Blum­feld, die da aufs Publi­kum her­ab­pras­selt. Abge­se­hen davon, dass ich Blum­feld und Distel­mey­ers verschwurbselt-​pseudointellektuellen Gesang nie lei­den konnte, waren die Stü­cke von Marik nicht immer ver­ständ­lich und pass­ten nicht so recht zu den ande­ren Tei­len des Pro­gramms. Mit die­ser Ein­schät­zung war ich wohl nicht allein: Als Marik im Rah­men der Zugabe erneut zur Gitarre griff, gab es den ver­nehm­li­chen Zwi­schen­ruf „Nicht sin­gen!” aus dem Publikum.

Rene Marik nach der Vorstellung bei Autogrammstunde und Fotos

Rene Marik nach der Vor­stel­lung bei Auto­gramm­stunde und Fotos

Über­haupt, der große Bogen. „Ein Pro­gramm über Pop und Kata­stro­phen” hat Marik ange­kün­digt. Auf die Frage nach der Schnitt­menge wusste das Publi­kum keine rechte Ant­wort (und ich habe mich in dem Moment nicht getraut, laut „Die­ter Boh­len” zu rufen) und so macht sich denn manch­mal eine recht destruk­tive Grund­stim­mung breit. Der Maul­wurf fährt im Urlaub nach Afgha­nis­tan und endet als Rambo, der mit der Kalasch­ni­kow alles nie­der­mäht. Die Wasch­lap­pen tref­fen „in New York” auf­ein­an­der und als end­lich das Eis gebro­chen scheint sagt Jaque­line: „Schau mal, ein Flugzeug” — und weist nach unten. Marik ver­sucht es ver­ein­zelt mit poli­ti­schen The­men, aber das — finde ich — bekommt dem Pro­gramm nicht beson­ders gut. Wo Autschn mit poe­ti­scher Leich­tig­keit glänzte und mit dem vom Lie­bespech ver­folg­ten Maul­wurf einen ganz ein­fa­chen aber zutiefst lie­bens­wer­ten Hel­den hatte, kommt Kas­per­Pop manch­mal reich­lich bra­chial daher. Und der Kas­per, des­sen Bezeich­nung mehr­fach zwi­schen „Hass­kas­per” und „Glat­zen­kas­per” wech­selt, ist nicht wirk­lich eine posi­tive Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur. Zumal sich des­sen Destruk­ti­vi­tät durch das ganze Pro­gramm zieht.

Das heißt jetzt aber nicht, dass es nicht auch viel zu Lachen gäbe. Beson­ders stark ist Marik immer, wenn er wie schon in den gro­ßen Momen­ten von „Autschn” mit einem Mini­mum an Requi­si­ten eine Szene aus dem Ärmel schüt­telt, die man als Zuschauer sofort erfasst und ver­in­ner­licht. Es mag Zufall sein, häu­fig pas­siert das genau dann, wenn er das aus Autschn Bekannte zitiert, vari­iert oder erwei­tert. Schon ganz am Anfang kün­digt Fal­ken­horst den Maul­wurf an, nur um ihn dann selbst als Hand­puppe zu spie­len und den unter ihm ste­hen­den Marik mit den Wor­ten: „Sieh zu und lerne!” abzu­kan­zeln. Eben die­ser Maul­wurf arbei­tet sich spä­ter an Bar­bie ab, die er immer noch schmach­tend „de Babe!” nennt. Wenn er sie dann musi­ka­lisch zu erobern ver­sucht und dabei mit Sprach­feh­ler und Stevie-​Wonder-​Brille auf dem Spiel­zeug­key­board „I just cal­led to say I love you” zum Bes­ten gibt, ist das schlicht genial. Genauso genial der Ver­such vom Maul­wurf und Fal­ken­horst, Win­ne­tou und „Old Shat­ter­hage” nachzuspielen:

So fällt mein Fazit denn auch über­wie­gend posi­tiv aus: Ein kurz­wei­li­ger Abend, der am bes­ten ist, wenn Marik das macht, was er am bes­ten kann: Pup­pen­spie­len. Die Musik fällt dage­gen deut­lich ab und ein iro­ni­sie­ren­des Ele­ment wie die Gedicht­le­sun­gen aus „Autschn” gibt es gar nicht. Dafür spie­len die alt­be­kann­ten Pup­pen in neuen Kon­stel­la­tio­nen und wir erfah­ren end­lich, wie Maul­wurf und Eis­bär mit­ein­an­der kön­nen — näm­lich gar nicht. Bei allem sollte man auch nicht ver­ges­sen, dass das hier in Han­no­ver erst die dritte Vor­stel­lung der KasperPop-​Tournee war — es würde mich nicht wun­dern, wenn da in den nächs­ten Wochen nicht noch der eine oder andere Fein­schliff käme. Gegen Maul­wurf– und Falkenhorst-​Entzugserscheinungen hilft am Bes­ten — ein Besuch bei Rene Marik!