Monatliches Archiv für Dezember, 2009

Wer terrorisiert hier wen? Werner Gruber über Terrorprävention und Physik

Der öster­rei­chi­sche Phy­si­ker Wer­ner Gru­ber hat der Online­zeit­schrift Tele­po­lis ein Inter­view gege­ben. Unter der Über­schrift „Zum Glück ver­ste­hen Ter­ro­ris­ten nichts von Phy­sik” bilan­ziert er die Wirk­sam­keit der aktu­el­len „Anti-​Terror-​Maßnahmen” aus natur­wis­sen­schaft­li­cher Sicht. Fazit: Völ­lig nutz­los. Das Ver­spre­chen völ­li­ger Sicher­heit ist unein­lös­bar und die aktu­el­len „Sicher­heits­maß­nah­men” sind reine Augen­wi­sche­rei. Das ein­zige was uns schützt, so Gru­ber mit ironisch-​bitterem Unter­ton, ist, dass Ter­ro­ris­ten lie­ber beten als sich mit Grund­la­gen der Phy­sik zu beschäftigen.

Werner Gruber, Foto: Manfred Werner, CC-BY-SA 3.0

Wer­ner Gru­ber, Foto: Man­fred Wer­ner, CC-​BY-​SA 3.0

Die große Ter­ror­war­nung und das Ver­spre­chen von Sicher­heit, das ist doch Blöd­sinn. […] Wenn jemand gut ist, bringt er jeder­zeit ein Flug­zeug zum abstür­zen. Ich kann mich gegen Ter­ro­ris­mus, vor allem gegen Selbst­mord­at­ten­tä­ter, nicht schüt­zen. Wenn das jemand sagt, kann ich nur erwi­dern: Keine Chance! Sobald jemand bereit ist, sein Leben zu opfern, kann er ein Atten­tat durchführen.

Der Arti­kel ent­hält eigent­lich nichts wirk­lich Neues, aber es ist hier erfri­schend zusam­men­ge­schrie­ben und es tut ehr­lich gesagt gut, zwi­schen all dem Sicher­heits­ge­wäsch der Poli­tik wenigs­tens hin und wie­der mal jeman­den zu lesen, der sich mit Ver­stand und ohne das Hecheln nach sinn­lo­sem Aktio­nis­mus über das Ter­ro­ris­mus­pro­blem Gedan­ken macht. Zumal Gru­ber sogar eine Lösung beschreibt:

Der ein­zige Aus­weg ist eine poli­tisch sta­bile Lage, in der die Men­schen ihre Lebens­träume ver­wirk­li­chen kön­nen, und ein ruhi­ges und zivi­li­sier­tes Leben haben, ohne Furcht und ohne Angst. Das ist das Ein­zige, was wirk­lich etwas nützt. […] Wenn man das ganze Geld, das in Sicher­heits­tech­nik inves­tiert wird, wenn man diese gewal­ti­gen Sum­men in Schu­len und gute Aus­bil­dun­gen in den ent­spre­chen­den Län­dern inves­tie­ren würde – allein die Kos­ten für die vie­len Scan­ner auf allen Flug­hä­fen welt­weit und deren Betrieb – das wäre viel sinn­vol­ler. Ein­zelne Ver­rückte wird es immer geben, aber wenn man den Men­schen in einer Gesell­schaft ins­ge­samt eine posi­tive Zukunfts­aus­sicht gibt, dann trock­net das die Unter­stüt­zung für den Ter­ror aus.

Klingt blau­äu­gig, ich weiß. Aber alle­mal bes­ser als die schlei­chende Ein­füh­rung eines Prä­ven­ti­ons– und Über­wa­chungs­staa­tes. Erwähnte ich schon­mal, dass die Pira­ten­par­tei hier eine ihrer pro­gram­ma­ti­schen Grund­la­gen hat und in etwa das, was Gru­ber hier sagt, auch bereits seit Jah­ren in die poli­ti­sche Dis­kus­sion einbringt?

*Seufz* Ich glaube, ich muss in nächs­ter Zeit mal wie­der ein biss­chen mehr poli­ti­sche Inhalte hier im Blog brin­gen. Naja, ist ja momen­tan grad’ die Zeit für gute Vorsätze…

Oracle will Sun kaufen — Gefahr für MySQL? Jetzt Einwand an die EU-​Kommission schreiben!

Ora­cle ist gerade dabei, Sun zu kau­fen. Damit käme dann auch MySQL unter ihre Fit­ti­che. Das würde zu der durch­aus deli­ka­ten Situa­tion füh­ren, dass Ora­cle auch Besit­zer des wohl größ­ten Kon­kur­ren­ten ihres eige­nen Haupt­pro­duk­tes — näm­lich der Oracle-​Datenbank — ist.

Michael „Monty” Wide­nius, einer der ursprüng­li­chen MySQL-​Entwickler, betrach­tet die Situa­tion in sei­nem Blog. Einer der ent­schei­den­den Punkte sei, so schreibt er, dass Ora­cle damit ins­be­son­dere das Copy­right für MySQL bekommt. Das gibt Ora­cle einen sehr weit­rei­chen­den Ein­fluss auf das Pro­dukt, sodass trotz der Open-​Source-​Lizenz, unter der MySQL steht, Ora­cle die Ein­stel­lung von MySQL beschlie­ßen oder Teile von MySQL unter einer Closed-​Source-​Lizenz stel­len könnte.

Auch die EU-​Kommission hat gewisse Zwei­fel, ob der Kauf dem Pro­dukt MySQL lang­fris­tig so gut tun würde und des­halb zu einer Anhö­rung gela­den, auf deren Grund­lage sie ent­schei­den will, ob sie die Fir­men­fu­sion geneh­migt oder nicht. In die­sem Zusam­men­hang berich­tet Monty nun von einer Kam­pa­gne, in der grö­ßere Kun­den von Ora­cle zu einem Tele­fo­nat ein­ge­la­den und dann — nunja — zuge­tex­tet wer­den, sodass sie eine Ein­gabe in die­ses Ver­fah­ren machen, in dem sie die EU-​Kommission zur Geneh­mi­gung des Kaufs auf­for­dern. Eine Dar­stel­lung die­ses Vor­gangs hat mich mitt­ler­weile auch von einer wei­te­ren Seite erreicht — mit­samt dem Ein­la­dungs­schrei­ben zu einem sol­chen Telefonat.

Monty ruft nun in sei­nem Blog die Open-​Source-​Gemeinde auf, sich ebenso bei der EU-​Kommission zu Wort zu mel­den. Hier sein Auf­ruf in deut­scher Übersetzung:

„Da wir wol­len, dass die EU-​Kommission ein kor­rek­tes Bild der Situa­tion bekommt, möch­ten wir, dass ihr den obe­ren Teil des fol­gen­den E-​Mailvorschlags aus­füllt und dann den­je­ni­gen der vor­ge­schla­ge­nen Texte aus­wählt, der eurer Sicht am bes­ten ent­spricht. Fühlt euch frei, eige­nen Text oder wei­tere Infor­ma­tio­nen hin­zu­zu­fü­gen, wenn ihr denkt, dass dies der EU-​Kommission zu ver­ste­hen hilft, wie MySQL genutzt wird.

Sen­det dann die E-​Mail an: comp-​merger-​registry@​ec.​europa.​eu

Wenn ihr die Zeit inves­tie­ren könnt, füllt das fol­gende aus, wenn nicht, geht ein­fach zum Haupt­text wei­ter [Anm.: Hm, Monty wider­spricht sich hier irgend­wie selbst. So wie ich’s ver­stehe, sind die Fir­men­an­ga­ben also nicht unbe­dingt nötig.]

Name:
Titel:
Firma:
Fir­men­größe:
Anzahl der MySQL-​Installationen:
Gesamt­menge der in MySQL gespei­cher­ten Daten (in Mega­byte):
Art der Anwen­dun­gen, für die MySQL benutzt wird:
Soll die EU-​Kommission diese E-​Mail ver­trau­lich behan­deln: Ja/​Nein

Nehmt dann einen der fol­gen­den Texte als Grund­lage für eure Antwort:

a)
Ich traue Ora­cle nicht zu, dass sie sich gut um MySQL küm­mern wer­den. MySQL sollte aus dem Kauf aus­ge­glie­dert und an eine andere Firma oder Ver­ei­ni­gung über­tra­gen wer­den, die von der Wei­ter­ent­wick­lung und Ver­brei­tung von MySQL unein­ge­schränkt pro­fi­tiert. Auch in Zukunft sollte es mög­lich sein, MySQL mit Closed-​Source-​Anwendungen zu kom­bi­nie­ren, ent­we­der als Aus­nah­me­re­ge­lung, durch eine frei­zü­gi­gere Lizenz oder über eine Dual­li­zen­zie­rung zu fai­ren Bedingungen.

b)
Ich denke, dass Ora­cle eine gute Umge­bung für MySQL sein kann, aber die EU-​Kommission muss dafür von Ora­cle recht­lich bin­dende Garan­tien ein­for­dern, dass:

  • MySQL ins­ge­samt auch in Zukunft voll­stän­dig Open-​Source-​/​Freie Soft­ware bleibt (keine Closed-​Source-​Module)
  • Die Wei­ter­ent­wick­lung auf Community-​freundliche Weise geschieht
  • Die Anlei­tun­gen unter einer frei­zü­gi­gen Lizenz ver­füg­bar sind, sodass von ihnen auf die­selbe Weise unab­hän­gige Eigen­ent­wick­lun­gen abge­spal­ten wer­den kön­nen wie dies auch für den Daten­bank­ser­ver der Fall ist
  • MySQL selbst unter einer frei­zü­gi­ge­ren Lizenz ver­öf­fent­licht wer­den sollte, sodass sicher­ge­stellt ist, dass unab­hän­gige Ent­wick­lun­gen MySQL als Basis für einen ech­ten Oracle-​Konkurrenten ver­wen­den kön­nen, für den Fall, dass Ora­cle sich doch nicht als eine so gute Hei­mat für MySQL herausstellt.

Alter­na­tiv:

  • Es muss immer mög­lich sein, preis­güns­tige kom­mer­zi­elle MySQL-​Lizenzen zu kaufen.

Es sollte auch einen Mecha­nis­mus geben, der sicher­stellt, dass von MySQL abge­spal­tene Pro­jekte mit Ora­cle kon­kur­rie­ren kön­nen, wenn Ora­cle sich anders als erwar­tet verhält.

c)
Ich ver­traue Ora­cle und schlage vor, dass die EU-​Kommission dem Ver­trag ohne Vor­be­halte zustimmt.”

Die­sem Auf­ruf von Monty schließe ich mich an! Nehmt ent­we­der das eng­lisch­spra­chige Ori­gi­nal oder die deut­sche Über­set­zung von oben und schickt den Brief als E-​Mail bis spä­tes­tens 2009-​12-​19 an die ange­ge­bene E-​Mailadresse. Auch wenn Monty es nicht expli­zit schreibt, so wird aus sei­nem Blog­bei­trag recht deut­lich, dass er die Zukunfts­per­spek­ti­ven für MySQL unter Ora­cles Fit­ti­chen eher kri­tisch sieht. Er fasst zusam­men, wie Ora­cle sich bis­lang so geäu­ßert hat:

Ora­cle hat (soweit ich weiß und jeden­falls defi­ni­tiv nicht recht­lich bin­dend) nicht zuge­sagt, dass:

  • MySQL (kom­plett) unter einer Open-​Source-​Lizenz bleibt
  • sie keine Closed-​Source-​Teile, –Module oder not­wen­dige Werk­zeuge hinzufügen
  • sie die MySQL-​Lizenz– oder –Sup­port­preise nicht erhöhen
  • regel­mä­ßig neue MySQL-​Version ver­öf­fent­licht werden
  • sie die Dop­pel­li­zen­zie­rungs­stra­te­gie fort­set­zen und auch wei­ter­hin preis­lich attrak­tive kom­mer­zi­elle MySQL-​Lizenzen für die­je­ni­gen anbie­ten, die sie benö­ti­gen (Spei­cher– und Anwen­dungs­ent­wick­ler) oder alter­na­tiv MySQL unter eine weni­ger ein­schrän­kende Lizenz stellen
  • MySQL als Open-​Source-​Projekt wei­ter­ent­wi­ckelt wird
  • sie aktiv mit der Com­mu­nity zusammenarbeiten
  • ein­ge­reichte Patches zügig inte­griert werden
  • keine Patches zurück­ge­wie­sen wer­den, die MySQL zu einem stär­ke­ren Kon­kur­ren­ten für Ora­cles andere Pro­dukte machen
  • sie sicher­stel­len, dass MySQL auch in sol­chen For­men wei­ter­ent­wi­ckelt wird, die es zu einem noch bes­se­ren Ersatz für Ora­cles Haupt­pro­dukt machen.

Nun könnte man sagen, dass all diese Punkte bei Sun auch nicht immer opti­mal gelau­fen sind (und wie das noch frü­her bei MySQL A.B. war, ent­zieht sich kom­plett mei­ner Kennt­nis), aber es gibt zwei wich­tige Unterschiede:

  1. Anders als Sun hat Ora­cle ein mit MySQL direkt im Wett­be­werb ste­hen­des Pro­dukt — näm­lich die Oracle-​Datenbank. Und das ist nicht nur irgend­ein Pro­dukt, son­dern der Hauptgeldbringer.
  2. Ora­cle ist bereits im MySQL-​Umfeld aktiv gewor­den, indem sie die Her­stel­ler­firma der „InnoDB”-Storageengine auf­ge­kauft haben.

„InnoDB” ist wohl der wich­tigste Bau­stein, der MySQL von einem schnel­len schlan­ken Web-​Datenbanksystem zu einer all­ge­mein ein­setz­ba­ren leis­tungs­fä­hi­gen Daten­bank in pro­fes­sio­nel­len und Hoch­ver­füg­bar­keits­um­ge­bun­gen gemacht hat. Auch hier fasst Monty zusam­men, wie sich die Situa­tion nach dem Oracle-​Aufkauf darstellt:

Die Art und Weise wie Ora­cle mit dem InnoDB-​Aufkauf umge­gan­gen ist, lässt mich nicht hof­fen, dass Ora­cle irgend­et­was von dem oben Geschrie­be­nen macht, wenn sie nicht dazu ver­pflich­tet werden.

Bei InnoDB sieht es so aus:

  • Es gibt Bug­fi­xes (aber hier gab es auch eine ver­trag­li­che Verpflichtung)
  • Neue Funk­tio­nen, wie zum Bei­spiel die vor dem Auf­kauf ange­kün­digte Kom­pres­sion, haben drei Jahre für die Umset­zung gebraucht
  • Es gibt keine Zeit­pläne und kei­nen Ein­blick in die Entwicklung
  • Die Com­mu­nity konnte nicht an der Ent­wick­lung mitarbeiten
  • Von Benut­zern (z.B. Google) ein­ge­brachte Patches, die die Per­for­mance gestei­gert hät­ten, wur­den erst implementiert/​veröffentlicht, nach­dem Ora­cle den Kauf von Sun bekannt­ge­ge­ben hatte
  • Ora­cle hat die Ent­wick­lung von „InnoDB+” begon­nen, einer ver­bes­ser­ten Closed-​Source-​Version von InnoDB
  • Letzt­lich musste Sun eine eigene InnoDB-​Version abspal­ten, nur um die Geschwin­dig­keit des Codes zu verbessern.

Monty schreibt nicht ganz zu unrecht, dass es jetzt dar­auf ankommt, ein Gegen­ge­wicht zu den von Ora­cle ani­mier­ten Ein­ga­ben an die EU-​Kommission zu schaf­fen. 2003 bis 2005 war ich sehr aktiv in der Bewe­gung gegen die Soft­ware­patent­di­rek­tive der EU. Dort führte der mas­sive Pro­test letzt­lich zum Erfolg. Also: Ver­brei­tet diese Nach­richt wei­ter und wen­det euch auf die oben beschrie­bene Weise an die EU-​Kommission.

Musik — zwo — drei — vier: Diablo Swing Orchestra bei Jamendo und Amazon

Ich weiß, ich bin in letz­ter Zeit ein wenig faul mit Blog­bei­trä­gen. Aber wie heißt es so schön: Alles im Leben hat seine Zeit. Als Pau­sen­fül­ler heute mal ein Ver­weis auf exter­nen Content:

  

Das Dia­blo Swing Orches­tra aus Schwe­den spielt eine reich­lich ein­zig­ar­tige Mischung aus Gothic, Swing, Folk und diver­sen ande­ren Musik­rich­tun­gen, gar­niert mit dem Gesang einer aus­ge­bil­de­ten Sopra­nis­tin. Von den Bands, die ich so kenne, erin­nert das ganze noch am ehes­ten an Wit­hin Temp­ta­tion.

Anders als Wit­hin Temp­ta­tion hat sich das Dia­blo Swing Orches­tra aber für ein ande­res Lizenz­mo­dell für seine Musik ent­schie­den: Das Album „The Butcher’s Ball­room” ist unter Creative-​Commons-​Lizenz in der Aus­prä­gung „BY-​NC-​ND” zum freien, kos­ten­lo­sen und lega­len Down­load bei Jamendo ver­füg­bar. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch andere Ver­triebs­wege gibt: Auf Ama­zon ist das Album „ganz nor­mal” käuf­lich erwerbbar.

Ich bin ja ein gro­ßer Freund die­ser neuen Ver­triebs­mo­delle für kul­tu­relle Werke. Inso­fern wün­sche ich mir, dass noch viel mehr Künst­ler die­sen Weg gehen und ihre Erzeug­nisse sowohl kom­mer­zi­ell als auch nicht-​kommerziell zur Ver­fü­gung stel­len und so die Teil­habe am kul­tu­rel­len Leben noch viel mehr Men­schen als bis­her mög­lich machen. Poli­tisch lau­tet meine For­de­rung dabei vor allem, dass das gesetz­lich unter­stützte Quasi-​Monopol der GEMA und ähnli­cher Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten voll­stän­dig besei­tigt wer­den muss und vor allem eine werk­weise sowie zeit­lich und anlass­be­zo­gen begrenzte Abtre­tung der Ver­wer­tungs­rechte unkom­pli­ziert und schnell mög­lich sein muss.

Aber dazu ein ande­res Mal mehr. Jetzt wün­sche ich viel Spaß beim Hören die­ser — wie ich finde — außer­ge­wöhn­li­chen Musik.