Monatliches Archiv für Juli, 2009

Unerträgliche Leichtigkeit: Matthias Güldner versteht den Rechtsstaat falsch

Ich muss mal wie­der eine Poli­ti­ke­r­äu­ße­rung in die­sem schö­nen Blog auf­grei­fen. Dies­mal vom Vor­sit­zen­den der Frak­tion der Grü­nen in der Bür­ger­schaft in Bre­men, Mat­thias Güld­ner. Herr Güld­ner äußerte sich am gest­ri­gen Sonn­tag in der Welt zum Thema Inter­net­sper­ren. Inter­es­sant ist dabei die Ein­stel­lung, die er zur poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung all­ge­mein an den Tag legt:

Es geht [bei der Aus­ein­an­der­set­zung um die Inter­net­sper­ren] viel­mehr knall hart [sic!] um Defi­ni­ti­ons­macht in Zei­ten der Vir­tua­li­sie­rung der Welt. Ihre Anhän­ger kämp­fen mit hoch effek­ti­ven Mit­teln für die Rechts­frei­heit ihres Raumes.

Eine fal­sche Behaup­tung und eine üble Unter­stel­lung. Bei der gan­zen Netz­sper­ren­dis­kus­sion geht es nicht um „Defi­ni­ti­ons­macht”. Es geht um die Frei­heit des Ein­zel­nen und die ver­fas­sungs­wid­rige Ein­füh­rung staat­li­cher Zen­sur, zumal noch im Gehei­men und unüber­prüf­bar. Dann wäre das Inter­net näm­lich der viel­be­schwo­rene „rechts­freie Raum”, in dem der Staat ohne Rück­sicht auf die demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung Infor­ma­tio­nen belie­big unter­drü­cken und Mei­nungs­kon­trolle betrei­ben kann. Herr Güld­ner hat offen­sicht­lich über­haupt nicht ver­stan­den, wie Kom­mu­ni­ka­tion heute funk­tio­niert und mit welch ein­fa­chen Mit­teln sie sich aus­he­beln lässt.

Wer sich in ihre Schein­welt ein­mi­schen will, wird mit Mas­sen­pe­ti­tio­nen per Maus­klick weggebissen.

Aha. Das hält der Herr Güld­ner also von demo­kra­ti­scher Mei­nungs­äu­ße­rung und Mit­be­stim­mung. Ein erschre­cken­des Welt­bild. Aller­dings passt dazu, dass er hier geheime Sperr­lis­ten befür­wor­tet und auch ansons­ten mehr­mals in sei­nem Text die Grenze zur wüs­ten Pole­mik deut­lich überschreitet.

Wer Ego-​Shooter für Unter­hal­tung, Face­book für rea­les Leben, wer Twit­ter für reale Poli­tik hält, scheint davon aus­zu­ge­hen, dass Gewalt keine Opfer in der Real­welt for­dert. Anders kann die igno­rante Argu­men­ta­tion gegen die Inter­net­sper­ren gar nicht erklärt werden.

Igno­rant ist hier höchs­tens die­ser Ver­such einer Argu­men­ta­tion. Jeder ein­zelne Absatz auf der Web­seite des AK Zen­sur ist fun­dier­ter als ein kom­plet­ter Vor­trag jedes ein­zel­nen Netz­sper­ren­be­für­wor­ters. Neben der Frei­heit der Kom­mu­ni­ka­tion ist ein zen­tra­les Anlie­gen der Netz­sper­ren­geg­ner der Opfer­schutz. Die gera­dezu kin­des­miss­brauch­be­schüt­zen­den Aus­wir­kun­gen des Zen­sur­ge­set­zes sind ja einer der Haupt­kri­tik­punkte der­je­ni­gen, die Ahnung von der Mate­rie haben.

Auch wird behaup­tet, das Gesetz nütze nichts gegen Kin­der­por­no­gra­phie. Jeder weiß, dass es kein All­heil­mit­tel ist. Aber in Skan­di­na­vien wur­den schon posi­tive Erfah­run­gen mit ver­gleich­ba­ren Geset­zen gemacht.

Genau! In Finn­land ist zum Bei­spiel schon 2008 sehr posi­tiv auf­ge­fal­len, dass etwa 99% der Inhalte der Sperr­lis­ten nichts mit Kin­der­por­no­gra­fie zu tun hat­ten (eng­lisch­spra­chige Ori­gi­nal­quelle). Das klingt nach einem her­vor­ra­gen­den Mecha­nis­mus. Anschlie­ßend haben übri­gens 12.000 begeis­terte Fin­nen eine von die­sen bösen Mas­sen­pe­ti­tio­nen unter­schrie­ben, die den Rück­tritt der Minis­te­rin forderten.

Ich habe mich an die­ser Stelle gefragt, warum Mat­thias Güld­ner die­sen und ande­ren — mit Ver­laub — Quatsch schreibt. Die Ant­wort lie­fert der letzte Absatz sei­nes Pamphlets:

Teile der Grü­nen – fas­zi­niert von den Mög­lich­kei­ten der vir­tu­el­len Mobi­li­sie­rung und hin­ge­ris­sen von ihrem eige­nen Get­wit­ter – erken­nen, dass unsere Wäh­ler und Wäh­le­rin­nen eine hohe Affi­ni­tät zu Men­schen­rechts­fra­gen haben, erst recht wenn Kin­der die Opfer sind. Unser Umfeld kommt zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil aus den erzie­hen­den Beru­fen, ist selbst Mut­ter oder Vater. Die Inter­net­sper­ren haben Umfra­gen zu Folge bei ihnen eine hohe Popularität.

Güld­ner rich­tet sich nach innen. Zu sei­nen Mit­grü­nen. Weil so viele Mamis und Papis das zen­sierte Inter­net toll fin­den, müs­sen die Grü­nen auch dafür sein. Bloß denen nicht erklä­ren, warum die Netz­sper­ren kein biss­chen hel­fen und dass ihre — weit­ge­hend irra­tio­nale — Angst um die eige­nen Kin­der hier skru­pel­los selbst miss­braucht wird. Zum Glück dürf­ten auch die meis­ten Anhän­ger der Grü­nen nicht so unin­for­miert sein für wie Herr Güld­ner sie hier hal­ten will.

Der poli­ti­sche Makel, mehr auf den Trend gesetzt zu haben als auf die Bekämp­fung rea­ler Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, würde dage­gen lange haf­ten bleiben.

Wenn der „Trend” hier „will­kür­li­che staat­li­che Zen­sur und ver­fas­sung­wid­rige Gesetze” und die „Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen” das „Recht auf freie Infor­ma­tion und Mei­nungs­äu­ße­rung” sind, dann stimmt der Satz sogar. Er war aber anders gemeint. Und das finde ich erschreckend.

Das sind also die Grü­nen 2009. Oppor­tu­nis­tisch, obrig­keits­staat­lich, ohne Ahnung. Viel­leicht ver­tritt Herr Güld­ner hier nur eine Ein­zel­mei­nung und das beängs­ti­gende Bild wird in den nächs­ten Tagen von der Bun­des­ebene oder ande­ren Grü­nen wie­der gerade gerückt. Viel­leicht ist das aber auch der erste Test­bal­lon, wie weit man die Basis zu CDU-​Positionen tra­gen kann. Ursula, Wolf­gang und Angela wer­den es inter­es­siert zur Kennt­nis nehmen.

Und euch hab’ ich mal gewählt! Was bin ich froh, dass es auf dem Wahl­zet­tel eine Alter­na­tive gibt.

Free Music Contest — Einsendeschluss für Musiker naht

Als Ersatz­ver­an­stal­tung für den „Open Music Con­test” ver­an­stal­tet der frisch gegrün­dete Ver­ein „Musik­pi­ra­ten” die­ses Jahr den „Free! Music! Con­test”. Der Wett­be­werb zeigt, wie viel­fäl­tig freie Musik ist. Außer­dem winkt den teil­neh­men­den Bands ein Platz auf dem geplan­ten CD-​Sampler oder sogar ein Auf­tritt beim Livek­on­zert am 2009-​10-​03 — ja, genau, das ist der Tag der Deut­schen Einheit.

F!M!C Logo

Mit­ma­chen kann jeder Musi­ker, der nicht bei der Gema oder einer ver­gleich­ba­ren Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft — auch im Aus­land — gemel­det ist. Bei Bands muss diese Vor­aus­set­zung für alle Mit­glie­der gel­ten. Der Wett­be­werb rich­tet sich eben gerade an freie Musik, bei der zen­trale Ver­wer­ter keine Rolle spie­len. Es muss aber schnell gehen: Bei­träge kön­nen nur noch bis zum kom­men­den Frei­tag, 2009-​07-​31, ein­ge­reicht wer­den!

Die frisch gegrün­de­ten Musik­pi­ra­ten suchen auch noch Spen­der und Spon­so­ren für den Wett­be­werb, die CD-​Produktion und das Abschluss­kon­zert. Anmel­dun­gen hier­für sind noch den gan­zen August über mög­lich. Freunde freier Musik soll­ten über eine Betei­li­gung nach­den­ken, nur wenn genug Geld zusam­men­kommt, kann der Sam­pler als „echte” CD pro­du­ziert wer­den. Und je mehr Geld für das Event am 3.10. da ist, desto mehr Bands kön­nen live auf­tre­ten. Also: Spendet!

Ich finde, freie Musik ist eine der bes­ten Mög­lich­kei­ten, der Musik­in­dus­trie ihre eigene Über­flüs­sig­keit zu demons­trie­ren. Anders als bei den hane­bü­che­nen Gema-​Verteilungsschlüsseln steht der Künst­ler hier direkt mit dem Zuhö­rer in Kon­takt. Zudem sind bei Kon­zer­ten oder Auf­trit­ten keine Zah­lun­gen an die Gema fäl­lig, von denen der Künst­ler im Zwei­fels­fall nur einen Bruch­teil wie­der­sieht. Freie Musik und der Free! Music! Con­test sind so Vor­rei­ter eines neuen Umgangs mit Musik und ein wich­ti­ger Bei­trag zur Musik­kul­tur insgesamt.

Für freie Musik ist unter ande­ren Jamendo eine reich­hal­tige und pro­fes­sio­nelle Quelle. Als Bei­spiel bringe ich hier mal die deut­sche Band „por­no­pho­ni­que”, die mit Gesang, Gitarre und (Ach­tung!) Game­boy sehr hörens­werte Tracks pro­du­ziert. Die Jungs sol­len vor allem live ein Erleb­nis sein, hier mal als Appe­ti­zer „Game over” aus dem Album „8-​bit lager­feuer”:

  

Die Musik­pi­ra­ten sind per­so­nell und kon­zep­tio­nell eng mit der Pira­ten­par­tei ver­bun­den. Das Por­tal „musik​.klar​ma​chen​-zum​-aen​dern​.de” lief lange Zeit beim hes­si­schen Lan­des­ver­band der Pira­ten­par­tei und ist mitt­ler­weile auf die Musik­pi­ra­ten über­ge­gan­gen. Sol­che Spin-​Offs sind — denke ich — ein siche­res Zei­chen dafür, wie sich die Ideen der Pira­ten­par­tei immer wei­ter verbreiten.

Cool!

Bei der CDU ist Kindesmissbrauch momentan nicht strafbar, oder wie?

Aus einem Flug­blatt zum Regie­rungs­pro­gramm der CDU:

Es darf nichts unver­sucht blei­ben, ins­be­son­dere unsere Kin­der mit allen recht­staat­lich [sic!] zuläs­si­gen Mög­lich­kei­ten zu schüt­zen. Wir wol­len den Kin­des­miss­brauch grund­sätz­lich wie­der als Ver­bre­chen bestrafen.

Man halte ein­fach nur §1631 BGB, §225 StBG oder §177 StGB dage­gen um klar zu erken­nen, dass die impli­zite Aus­sage, Kin­des­miss­brauch würde momen­tan grund­sätz­lich nicht als Ver­bre­chen bestraft, hane­bü­che­ner Blöd­sinn ist. Es blei­ben eigent­lich nur drei Mög­lich­kei­ten, die­sen Aus­zug zu deuten:

  1. Die CDU möchte bei Kin­des­miss­hand­lun­gen den Grund­satz „Hilfe statt Strafe” abschaf­fen, der staat­li­chen Stel­len eini­gen Ermes­sens­spiel­raum bei der Ver­fol­gung von Kin­des­miss­hand­lun­gen, vor allem im fami­liä­ren Bereich, gibt. Das würde zwar zu der obrig­keits­staat­li­chen Atti­tüde unse­rer Fami­li­en­mi­nis­te­rin pas­sen, wäre aber mal wie­der ein Schritt weg von den gesell­schaft­li­chen Errun­gen­schaf­ten der letz­ten 40 Jahre.
  2. Es geht nicht wirk­lich um Kin­der­schutz. Die CDU hat bloß mal wie­der ein paar mar­kige Worte fal­len las­sen wol­len. Und wenn dabei der Rechts­staat in Frage steht, kommt der Ver­weis auf „irgend­was mit Kin­dern” immer beson­ders gut. Das würde auch erklä­ren, warum der krude Satz aus­ge­rech­net in einem Blatt über „Innere Sicher­heit” auftaucht.
  3. Auf dem Papier waren noch zu viel weiße Stel­len und der Prak­ti­kant hat ein­fach fröh­lich drauflosfabuliert.

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass der CDU Chan­cen ein­ge­räumt wer­den, nach der Wahl die größte Frak­tion zu stel­len, weiß ich nicht, wel­che die­ser drei Erklä­run­gen mich am meis­ten beunruhigt…

Zum Glück gibt’s am 27. Sep­tem­ber ja auch Alter­na­ti­ven: Pira­ten­par­tei wäh­len!

Zulassung der Piratenpartei zur Bundestagswahl

Heute läuft die Frist ab, bis zu der bei den Lan­des­wahl­lei­tern die Unter­stüt­zer­un­ter­schrif­ten für die Pira­ten­par­tei abge­ge­ben wer­den kön­nen. Nur in den Bun­des­län­dern, in denen eine aus­rei­chende Anzahl an Unter­schrif­ten (1 Pro­mille der Bevöl­ke­rung, höchs­tens aber 2000 pro Bun­des­land) ein­ge­reicht wird, kann die Lan­des­liste der Par­tei zuge­las­sen wer­den. Eine andere wich­tige Hürde hat die Pira­ten­par­tei aber schon genom­men: Am Frei­tag wurde sie zur Bun­des­tags­wahl zuge­las­sen. Und weil’s so schön ist, hier der ent­schei­dende Aus­schnitt aus der Sit­zung des Bun­des­wahl­aus­schus­ses:

Beson­ders schön finde ich die posi­tive Grund­stim­mung auf allen Sei­ten und die Freund­lich­keit, mit der unser Vor­stand­spi­rat Aaron „wie der ‚König’, nur mit o-​e” Koe­nig die Anzahl von Lan­des­ver­bän­den und Mit­glie­dern kor­ri­giert. ;-)

Jörg Schönenborn über die Wahlchancen der Piratenpartei

Jörg Schö­nen­born dürfte vie­len Mit­le­sern als der „Mann der Zah­len” bei der ARD-​Wahlberichterstattung bekannt sein. Wenn am Wahl­abend die bun­ten Sta­tis­ti­ken über den Schirm lau­fen, erklärt er die Zahlen.

Eben die­ser Jörg Schö­nen­born hat sich heute mor­gen auf dem Tagesschau-​Internetportal über die Wahl­chan­cen der Pira­ten­par­tei geäu­ßert. Kurz­zu­sam­men­fas­sung: Ein Errei­chen der 5%-Hürde hält er für äußerst unwahr­schein­lich. Er sieht, dass die Pira­ten­par­tei in ein Vakuum hin­ein­stößt und poli­ti­sche For­de­run­gen erhebt, die sich bei kei­ner ande­ren Par­tei fin­den. Inso­fern zieht sie eine bestimmte Kli­en­tel an (näm­lich die inter­netaf­fi­nen Män­ner unter 35), hat jedoch Schwie­rig­kei­ten, in andere Gesell­schafts­schich­ten vor­zu­sto­ßen. Außer­halb von Inter­net­fo­ren und Blogs ist die Par­tei bis­her noch kaum wahr­nehm­bar, so Schönenborn.

Inso­fern ent­hält die­ses Inter­view auch viele Hin­weise auf Haus­auf­ga­ben, die die Pira­ten noch zu leis­ten haben, wenn sie Erfolg bei den Wah­len haben wol­len. Packen wir’s an!

10 Jahre Dipl.-Math.

Damit ich es nicht ver­gesse: Vor genau 10 Jah­ren, am 1999-​07-​22, habe ich meine letzte Diplom­prü­fung erfolg­reich abge­legt. Seit zehn Jah­ren bin ich jetzt also schon kein Stu­dent mehr. Als zeit­ge­schicht­li­ches Doku­ment hier meine E-​Mail, die ich damals kurz nach der Prü­fung an Freunde und Bekannte schickte (in der Fami­lie hatte noch nie­mand die­ses „Internet”…):


Hallo aller­seits,
[Adres­sa­ten befin­den sich im BCC-​Feld (=unsicht­bare Kopie), des­halb siehst du nur mich als Emp­fän­ger. Die eMail geht aber an viele Leute gleichzeitig.]

habe soeben meine letzte münd­li­che Diplom­prü­fung erfolg­reich hin­ter mich gebracht. Bin also dem­nächst wirk­lich und wahr­haf­tig mit einem aka­de­mi­schen Titel ver­se­hen. :-)

Ciao, Dirk


Dirk Hill­brecht, Han­no­ver — City of the Expo 2000, Ger­many
dirk@​hillbrecht.​de — http://​www​.hill​brecht​.de
I don’t speak for anyone else but me, mys­elf, and I.
„Win­dows kann abstürzen” — Heise Newsti­cker, 2.3.1999

Ja, das waren noch Zei­ten. Da musste man den Emp­fän­gern noch erklä­ren, was es mit „BCC” auf sich hat. Heute muss man Angst haben, dass eine E-​Mail wegen sowas im Spam­fil­ter lan­det. Man beachte auch die Usenet-​kompatible Signa­tur mit necki­schem Spruch, coo­lem Zitat und dezen­tem Hin­weis auf damals noch in der Zukunft lie­gende Groß­ver­an­stal­tung in Han­no­ver, deren Über­reste seit nun­mehr fast neun Jah­ren im Süd­os­ten des Stadt­ge­biets vor sich hin rot­ten. Der eigent­li­che Inhalt dage­gen ist eher kurz gehal­ten. Ich erin­nere mich, dass ich die Prü­fung, es war „Infor­ma­tik”, mit der Note 1,7 abge­schlos­sen habe und mein Diplom die Gesamt­note „Gut” hat. Inter­es­siert hat sich dafür seit mei­nem Abschluss aber kei­ner. Trotz­dem — war schon sinn­voll, das Stu­dium abzu­schlie­ßen und nicht irgend­wann mit­ten­drin abzu­bre­chen und ohne Abschluss in die Wirt­schaft zu gehen, wie einige Kom­mi­li­to­nen das damals in den wil­den 1990er Jah­ren gemacht haben.

Bild, Tauss und wie die Staatsanwaltschaft Stimmung macht

Es rauscht im Blät­ter­wald. Gegen Jörg Tauss soll Anklage erho­ben wer­den. Sagt der Staats­an­walt. Dabei ist vor allem der Ver­brei­tungs­weg der Nach­richt inter­es­sant: So wie es aus­sieht, hat Ober­staats­an­walt Rüdi­ger Reh­ring dies­be­züg­lich mit der Bild gespro­chen. In deren Online­auf­tritt fin­det sich jeden­falls fol­gen­des:

Ober­staats­an­walt Rüdi­ger Reh­ring zu BILD​.de: „Wir beab­sich­ti­gen, eine Anklage zu erheben.”

Soso. Das ist ja span­nend. Und was heißt das? Jörg Tauss schon so gut wie vor dem Kadi? Nun, nicht ganz. Bild erklärt selbst, was nun noch passiert:

BILD erfuhr: Die Ermitt­lun­gen sind abge­schlos­sen, der Bericht (zwei dicke Ord­ner) liegt bei Tauss‘ Anwalt. Die­ser hat jetzt zusam­men mit Tauss die Mög­lich­keit, Stel­lung zu bezie­hen und gege­be­nen­falls wei­tere Ermitt­lun­gen zu beantragen.

Und vor der Ankla­ge­er­he­bung muss noch etwas passieren:

Zuvor wird der Immu­ni­täts­aus­schuss des Bun­des­ta­ges Ein­sicht in die Akten bekom­men, weil der Bun­des­tag für eine Anklage die Immu­ni­tät von Herrn Tauss auf­he­ben müsste.

Wir fas­sen zusam­men: Die Staats­an­walt­schaft hat also ihre Ermitt­lun­gen abge­schlos­sen. Diese lie­gen jetzt dem Beschul­dig­ten bzw. des­sen Anwalt vor, die dar­auf rea­gie­ren kön­nen. Und dann geht das ganze zum Immu­ni­täts­aus­schuss, der eben diese Immu­ni­tät auf­he­ben muss. Und dann, erst dann, kann die Staats­an­walt­schaft Anklage erheben.

Man kann also kei­nes­falls davon spre­chen, dass die Vor­be­rei­tun­gen der Ankla­ge­er­he­bung abge­schlos­sen sind. Eigent­lich ist es so, dass die Staats­an­walt­schaft jetzt mit ihrer inter­nen Arbeit fer­tig ist und alle ande­ren Betei­lig­ten die Gele­gen­heit haben, in den Fort­gang des Ver­fah­rens aktiv ein­zu­grei­fen. Und in die­ser Situa­tion spricht der Ober­staats­an­walt mit der Bild? Kein Wun­der, dass Jörg Tauss’ Anwalt tobt. Auf der Web­seite sei­nes Man­dan­ten wird er zitiert:

Der Ober­staats­an­walt betreibt wei­ter eine Öffent­lich­keits­ar­beit, bei der es gar nicht mehr dar­auf ankommt, wie der Fall am Ende aus­geht: Jörg Tauss war in Reh­rings Augen offen­sicht­lich schon von der ers­ten Stunde der Ermitt­lun­gen an schul­dig und für sein Urteil bedarf es auch kei­nes Gerichts. Für die soziale Exe­ku­tion reicht ihm die BILD– Zeitung.

Uner­träg­lich, dass eine Staats­an­walt­schaft in unse­rem Rechts­staat so agie­ren kann und sich ihr kein Ver­ant­wort­li­cher in den Weg stellt.

Bei Jörg Tauss geht es um ein Straf­ver­fah­ren. Im Gegen­satz zu Zivil­ver­fah­ren heißt es hier „Staat gegen Bürger” — und das sind zwei Betei­ligte mit extrem unter­schied­li­chen Aus­gangs­vor­aus­set­zun­gen: Der Staat hat letzt­lich immer mehr Macht und mehr Mög­lich­kei­ten als der ein­zelne Bür­ger. Des­halb müs­sen in einem Straf­ver­fah­ren ins­be­son­dere die Rechte des Bür­gers geach­tet wer­den und der Staat muss sich auf die­je­ni­gen Mit­tel zur Durch­set­zung sei­ner Inter­es­sen beschrän­ken, die ihm vom Gesetz her zuge­stan­den sind. Das ist einer der Kern­punkte des Rechts­staa­tes. Ansons­ten kön­nen wir uns näm­lich die­ses ganze Getue mit Anklage, Rechts­an­walt und Gerich­ten spa­ren und den Ver­däch­ti­gen gleich in den Fluss schmeißen.

Nun gibt es in Deutsch­land höchst­wahr­schein­lich kein Gesetz, dass es Ober­staats­an­wäl­ten ver­bie­tet, mit der Bild zu spre­chen. Wenn sie dies aber in Sachen eines lau­fen­den Ver­fah­rens tun und dann auch noch zu einem Zeit­punkt, wo andere Betei­ligte Stel­lung zu ihren Ermitt­lungs­er­geb­nis­sen neh­men kön­nen, dann hat das schon ein „Geschmäck’le”. Was soll uns das Inter­view sagen? Die Staats­an­walt­schaft wird sich mit even­tu­el­len Ein­wän­den von Jörg Tauss oder sei­nem Anwalt gar nicht mehr beschäf­ti­gen, frei nach dem Motto: „Die Par­teiStaats­an­walt­schaft hat immer Recht”? Oder ist das ein wenig dezen­ter Hin­weis an den Immu­ni­täts­aus­schuss, dort sei gefäl­ligst auf Auf­he­bung der Immu­ni­tät zu ent­schei­den? Selbst wenn dem Staats­an­walt nach den Buch­sta­ben des Geset­zes an sei­nem Inter­view nichts vor­zu­wer­fen ist, so hat er hier mei­nes Erach­tens deut­lich die Grenze über­schrit­ten, die eine Ankla­ge­be­hörde in einer rechts­staat­li­chen Ord­nung aus grund­sätz­li­chen Über­le­gun­gen nicht über­schrei­ten sollte.

Die Pira­ten­par­tei setzt sich für einen trans­pa­ren­ten Staat ein. Das bedeu­tet unter ande­rem, dass ein Bür­ger jeder­zeit eine Recht­fer­ti­gung von staat­li­chen Stel­len für ihr Ver­hal­ten ein­for­dern kön­nen soll. Ich fände es inter­es­sant zu erfah­ren, wie Ober­staats­an­walt Reh­ring sein Inter­view mit Bild recht­fer­tigt und wie er den Ver­dacht aus­räumt, es sei ihm vor allem um Stim­mung­ma­che gegen Jörg Tauss gegangen.

Ich habe beim Ein­tritt von Jörg Tauss in die Pira­ten­par­tei gesagt: „Es gilt die Unschulds­ver­mu­tung.” Und dabei bleibe ich!

Nach­trag (14:03 Uhr): Mitt­ler­weile fin­det auch Gene­ral­staats­an­wäl­tin Hügel das Ver­hal­ten ihres Ober­staats­an­walts nicht so toll.

Nach­trag (14:20 Uhr): Udo Vet­ter schreibt im Law­blog aus jusis­ti­scher Sicht über den Staats­an­walt und die Presse.

Trailer für die Freiheit-​statt-​Angst-​Demo am 12. September 2009 in Berlin

Frei­heit statt Angst geht ins dritte Jahr. Am 12. Sep­tem­ber 2009 wird wie­der demons­triert für Grund­rechte, für Pri­vat­sphäre und dafür, dass die Poli­tik in die­sem Land ver­ant­wor­tungs­voll mit sei­nen gesell­schaft­li­chen Grund­la­gen umgeht. Ich werde — zwei Wochen vor der Bun­des­tags­wahl — aller Vor­aus­sicht nach dabei sein.

Und für alle, die noch unent­schlos­sen sind, hier der Trailer:

Ich hoffe, man sieht sich in Berlin!

Der Dreck muss raus aus dem Netz: Brigitte Zypries versteht den Rechtsstaat falsch

Unsere Jus­tiz­mi­nis­te­rin wird heute in ver­schie­de­nen Zei­tun­gen mit dem schö­nen Spruch „Der Dreck muss raus aus dem Netz” zitiert. Zum Bei­spiel bei der Welt.

Hier wird Frau Zypries unter ande­rem zum Zen­sur­ge­setz und zur Pira­ten­par­tei befragt. Und es ist inter­es­sant, wie sie die Geschichte des Zugangs­er­schwer­nis­ge­set­zes umdeutet:

Anders als es die Pira­ten­par­tei glau­ben machen will, haben wir ja nicht mit dem Gesetz gegen die Ver­brei­tung von Kin­der­por­no­gra­fie den Teu­fel aus der Fla­sche gelas­sen. Deren Ver­tre­ter rea­li­sie­ren über­haupt nicht, dass ohne Gesetz die von Frau von der Leyen mit den Pro­vi­dern geschlos­se­nen Ver­träge zur Anwen­dung gekom­men wären — mit viel weni­ger rechts­staat­li­chen Siche­run­gen für die Internet-​User.

Das ist schon eini­ger­ma­ßen dreist. Wir erin­nern uns: Diese „Ver­träge” waren der erste Ver­such, die Inter­net­zen­sur in Deutsch­land ein­zu­füh­ren. Das hat halt bloß nicht so recht geklappt, weil viele Pro­vi­der aus einer Mischung von Angst vor Haf­tungs­ri­si­ken und Res­ten rechts­staat­li­chen Den­kens trotz allen Drän­gens nicht mit­zie­hen woll­ten. Dann erst begann der Eier­tanz um das Sperr­ge­setz. Und das ist dann gegen alle rechts­staat­li­chen Ein­wände in Rekord­zeit durch­ge­peitscht wor­den. Dabei war dann selbst der Weg der Ver­ab­schie­dung noch ver­fas­sungs­wid­rig.

Wenn man Frau Zypries For­mu­lie­rung übri­gens genau liest, dann bezeich­net selbst sie hier das „Gesetz gegen die Ver­brei­tung von Kinderpornografie” — das übri­gens nicht die­sen Namen trägt, son­dern viel schwam­mi­ger „Zugangs­er­schwer­nis­ge­setz” heißt, aber das nur neben­bei, Frau Jus­tiz­mi­nis­te­rin — als „Teu­fel aus der Fla­sche”. Es ist aber auch wirk­lich schwer, ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges und unlo­gi­sches Gesetz auf kon­sis­tente Weise ver­ar­gu­men­tie­ren zu wollen.

Das übli­che Bashing der Zen­sur­geg­ner darf natür­lich auch nicht fehlen:

Viele Anhän­ger der Pira­ten wol­len auch keine Debatte füh­ren, son­dern sagen nur: Das ist übel, was ihr macht, wir reden nicht mehr mit euch. So funk­tio­niert Demo­kra­tie aber nicht.

Eine feine Dia­lek­tik: Erst Gesprä­che ver­wei­gern und Argu­men­ten nicht zuhö­ren und dann den Geg­nern vor­wer­fen, sie wür­den „keine Debatte füh­ren” wol­len.

Die schönste frei­heit­li­che Demo­kra­tie ver­kommt, wenn sich nie­mand an ihre Grund­sätze hält. Bei der deut­schen Regie­rung hat diese Dege­ne­ra­tion mitt­ler­weile ein besorg­nis­er­re­gen­des Niveau erreicht. Je län­ger ich das mit­be­komme, desto mehr denke ich: Wir brau­chen nicht die alten Poli­ti­ker mit mehr Ver­ste­hen. Wir brau­chen neue Poli­ti­ker. Des­halb: Am 27. Sep­tem­ber Pira­ten­par­tei wählen.

Wahlprogramm der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2009 — Reloaded

Man­che Dinge ent­wi­ckeln eine gewisse Eigen­dy­na­mik. Ein Bei­spiel, bei dem ich das nicht unbe­dingt erwar­tet hätte, sind „Wahl­pro­gramme”. Das­je­nige der Pira­ten­par­tei habe ich vor­ges­tern als PDF gestal­tet, hier ver­öf­fent­licht und etwas voll­mun­dig davon erzählt, ich hätte es mal „hübsch” machen wollen.

Dar­auf­hin hat sich bei mir Ger­rit van Aaken gemel­det. Die äußere Form von Wahl­pro­gram­men beschäf­tigt ihn schon län­ger und auf sehr freund­li­che Weise gab er mir zu ver­ste­hen, dass das schon gar nicht so schlecht sei, aber bezüg­lich des „hübsch” sei — nunja — durch­aus noch Luft nach oben. Beson­ders gefreut habe ich mich über diese Kri­tik, weil Ger­rit im sel­ben Atem­zug ange­bo­ten hat, diese Über­ar­bei­tung selbst vor­zu­neh­men, wenn denn das fer­tige Doku­ment auch ver­brei­tet würde.

Das fand ich toll und habe spon­tan zuge­sagt, dass ich das min­des­tens mal in mei­nem Blog ver­öf­fent­li­chen würde. Ger­rit hat los­ge­legt und ich bin dann doch noch­mal durch den Text gegan­gen, um die etwa 20 Recht­schreib– und Kom­ma­set­zungs­feh­ler zu kor­ri­gie­ren, die noch drin waren. Zudem fehlte ein Wort, das nun eben­falls ent­hal­ten ist — ein Satz sollte halt immer auch ein Verb.

Das „Piratenpartei-​Wahlprogramm 2009 Reloa­ded” gibt’s hier:

Wahlprogramm der Piratenpartei zur Bundestagswahl 2009

Wahl­pro­gramm der Pira­ten­par­tei zur Bun­des­tags­wahl 2009

Die kor­ri­gierte Text­ba­sis habe ich an den Piratenpartei-​Vorstand zurück­ge­schickt, ich denke, sie wird auch dort im Wiki ein­ge­pflegt. Sofern von Inter­esse gibt es auch wei­ter­hin noch meine ursprüng­li­che neue Ver­sion als PDF. Und schließ­lich hat Oli­ver Heins auch noch drei Ver­sio­nen des Ori­gi­nal­texts gestal­tet. Da er hier­für den LaTeX-​Export des Piratenpartei-​Wikis genom­men hat, dürfte es sicher­lich auch noch­mal über­ar­bei­tete Ver­sio­nen mit dem kor­ri­gier­ten Roh­text geben, wenn die­ser Online ist.

Es ist doch schön, dass ein sonst so dröge wahr­ge­nom­me­ner Stoff wie ein Wahl­pro­gramm sich in der Pira­ten­par­tei der­ar­ti­ger Auf­merk­sam­keit erfreut. Bei Inter­esse starte ich nächste Woche eine Quiz­se­rie rund um den Text. ;-)